warf er sich in einen alten , neben dem Kamin stehenden Lehnstuhl , in dem Jeetze die Nacht zugebracht hatte . Berndt war nicht auf den Schulzenhof zugeschritten ; er hatte nur allein sein wollen und folgte jetzt den Voraufgegangenen in kurzer Entfernung . Ihm schlug das Herz , und langsam , als ob er eine zu schwere Last trüge , schwankte er erst an der Pfarre und dann an Bauer Püschels großem Gehöft vorüber . Da drinnen war auch Trauer : der einzige Sohn gefallen . Das nächste Gehöft war das von Kallies . Zwischen beiden lief ein Ligusterzaun , und einige der dürren Zweige streiften ihm das Gesicht , als er daran vorüberging . Er blieb stehen und sann und horchte und griff dann in die Zweige hinein , um sich zu halten , denn er fühlte , daß er dem Umfallen nahe sei . » Alles gescheitert « , sagte er . » Und ich hab es so gewollt . Gescheitert , ganz und gar . Soll es mir ein Zeichen sein ? Ja . Aber ein Zeichen , daß wir unser Liebstes an ein Höchstes setzen müssen . Nichts anderes . Dies ist keine Welt der Glattheiten . Alles hat seinen Preis , und wir müssen ihn freudig zahlen , wenn er für die rechte Sache gefordert wird . « So sprach er zu sich selbst . Aber inmitten dieses Zuspruchs , an dem er sich aufzurichten gedachte , ergriff es ihn mit neuer und immer tieferer Herzensangst , und sich vor die Stirn schlagend , rief er jetzt : » Berndt , täusche dich nicht , belüge dich nicht selbst . Was war es ? War es Vaterland und heilige Rache , oder war es Ehrgeiz und Eitelkeit ? Lag bei dir die Entscheidung ? Oder wolltest du glänzen ? Wolltest du der erste sein ? Stehe mir Rede , ich will es wissen ; ich will die Wahrheit wissen . « Er schwieg eine Weile ; dann ließ er den Zweig los , an dem er sich gehalten hatte , und sagte : » Ich weiß es nicht . Bah , es wird gewesen sein , wie es immer war und immer ist , ein bißchen gut , ein bißchen böse . Arme kleine Menschennatur ! Und ich dachte mich doch größer und besser . Ja , sich besser dünken , da liegt es ; Hochmut kommt vor dem Fall . Und nun welch ein Fall ! Aber ich bin gestraft , und diese Stunde bereitet mir meinen Lohn . « So war er bis auf den Hof seines Hauses gekommen . In der Halle fand er Tubal , der , erschöpft von der Anstrengung , in Jeetzes Lehnstuhl eingeschlafen war . Neben ihm lag Hektor . Als dieser seines Herrn ansichtig wurde , sprang er auf und drängte sich an ihn , aber ohne sonst ein Zeichen der Freude zu geben . Berndt streichelte das kluge Tier , warf einen Blick voll stillen Neides auf den schlafenden Tubal und schritt dann auf die Tür zu , die nach dem Eckzimmer führte . Er legte die Hand auf den Griff und zögerte noch einmal . Aber es mußte sein . Nur die beiden Mädchen waren da . Renate flog ihm entgegen . » Mein einzig lieber Papa « , rief sie und hing an seinem Halse . Dann ließ sie von ihm ab und fragte wie sein Gewissen : » Wo ist Lewin ? « Der alte Vitzewitz rang , ein Wort zu finden . Endlich , in einem Tone , in dem sich der ganze Jammer seines eigenen Herzens aussprach , sagte er : » Ich weiß es nicht . « » Also gefangen , tot ? « » Nein , nicht tot , noch nicht . « Angst und Zittern ergriffen Renaten , aber in demselben Momente sah sie , daß Marie schwankte und wie leblos zu Boden stürzte . Berndt war von dem Anblick wie mitgetroffen . Ihm schwindelte unter dem Andrang alles dessen , was auf ihn einstürmte ; endlich riß er sich aus seiner Betäubung und zog die Klingel . Jeetze kam , gleich darauf auch die Schorlemmer ; alles lief und rannte ; er selber aber war geschäftig , Marie wieder aufzurichten . Als ihm dies geglückt , sah er , daß sie aus einer Stirnwunde dicht neben der linken Schläfe blutete ; sie war auf den scharf vorspringenden Kaminfuß gefallen . Endlich von ihrer Ohnmacht sich wieder erholend , verlangte sie nach dem Schulzenhofe gebracht zu werden , wozu sich Maline weniger aus Mitleid als Neugier sofort bereit erklärte . Durfte sie doch hoffen , unten im Dorfe mehr zu hören als im Herrenhause , wo jeder sich einschloß und schwieg . Selbst auf Bamme , trotzdem seine Klausur aufgehört hatte , war nicht viel zu rechnen . Als Berndt und Renate wieder allein waren , sagte jener : » Was war es mit Marie ? Ich hätte sie für fester gehalten . « Renate schwieg . » Er ist dein Bruder « , fuhr Berndt fort . » Und doch , du trugst es . « Eine Pause folgte , während welcher Renate den Blick zu Boden senkte . Endlich antwortete sie : » Sie liebt ihn . « Der alte Vitzewitz , nach allem , was er eben mit Augen gesehen hatte , schien eine Antwort wie diese erwartet zu haben und sagte deshalb ruhig : » Und er - weiß er davon ? « » Nein . « » Bist du dessen gewiß ? « » Ja , ganz gewiß . Nie verriet sie sich , weder mit Wort noch Blick . Und hätte sie ' s , Lewin hätte kein Auge dafür gehabt ; er war blind in seiner Liebe zu Kathinka . « Berndt schritt im Zimmer auf und ab , und die widerstreitendsten Empfindungen bekämpften sich in seiner Brust . Einen Augenblick zuckte es spöttisch um seinen Mund , daß des » starken Mannes « Kind in das alte Haus der Vitzewitze kommen solle , aber dann schwand aller Spott wieder , und die nächstliegende Not gewann allein Gewalt in seinem Herzen , die Not um den einzigen Sohn . » Wie rette ich ihn ? « Und es war , als ob er vor sich selber ein Gelübde täte : » Gott , ich lege jeden Stolz zu deinen Füßen ; demütige mich , ich will stillhalten ; alles , alles ; nur erhalte mir ihn . « Renate , während Berndt auf und ab geschritten war , war ihm mit den Augen gefolgt . Sie wußte genau , was in seiner Seele vorging , und sagte jetzt : » Bitte , Papa , sage mir alles . Was ist es mit ihm ? Verschweige mir nichts ! « Er nahm ihre Hand . » Ich habe dir nichts verschwiegen , Kind . Dunkel und Ungewißheit ist alles . Ich weiß nicht mehr als du . Aber eines weiß ich nur zu gut : wir müssen alles fürchten , alles , auch wenn in diesem Augenblicke Gottes Sonne noch über ihm scheint . Mit den Waffen in der Hand gefangen ! Sie werden ihn vors Kriegsgericht bringen , und ... « » Wie kam es ? « unterbrach ihn Renate . » Sprich , ich möchte von ihm hören , mich an etwas aufrichten , und wenn es an nichts anderem wäre als an dem eitlen Troste getaner Pflicht oder bewiesenen Mutes . « » Und diesen Trost kann ich dir gewähren . Es war ein Handgemenge ; sie hatten Othegraven umzingelt , und wir wollten ihn frei machen . So ging es hinein in den Knäuel . Als wir wieder heraus waren , fehlte Lewin . Anfangs hofften wir noch , denn es fehlten viele , die sich nach und nach wieder zu uns fanden ; aber Lewin blieb aus . Kein Zweifel , er ist gefangen . « » Und was tun wir ? « » Was uns allein noch bleibt : Gottes Barmherzigkeit anrufen . Mögen ihm alle guten Engel zur Seite stehen ! Wir können nichts mehr . « Und damit verließ er das Zimmer und ging in sein Cabinet hinüber . Hier war es kalt und unwirsch . Jeetze hatte zu heizen vergessen ; dazu lag Staub auf Tisch und Stühlen . Aber Berndt sah es nicht oder glitt gleichgiltig mit dem Auge darüber hin , während er doch in dem Widerstreit , der in solchen Momenten unsere Seele zu füllen pflegt , seinen Sinn auf andere , fast noch gleichgiltigere Dinge richtete . Er sah , daß an dem Schlüsselbrett die Schlüssel falsch hingen , und begann nun alles nach Nummer und Reihe zu ordnen . Dann schritt er auf das Fenster zu und starrte minutenlang auf die russischen Karten und Pläne , die hier immer noch an den breiten Klappläden angeklebt waren . » Minsk , Smolensk , Bialystok . « Und er wiederholte die Namen , auf und ab schreitend , immer wieder und wieder . Endlich blieb er vor dem Bilde stehen , das über seinem Arbeitstische hing , und seine Augen füllten sich mit Tränen . » Geliebte « , sprach er vor sich hin , » wie preis ich Gott , daß dir diese Stunde nach seinem gnädigen Ratschluß erspart geblieben ist . Ach , daß ich wäre , wo du bist . Frieden allein ist bei den Toten . « Er ließ sich auf das Sofa nieder und begann ein Frösteln zu fühlen . Da lag sein Mantel , den Jeetze , statt ihn anzuhängen , einfach über die Lehne geworfen hatte . Das traf sich gut . Er zog ihn an sich und wickelte sich ein . » Minsk , Smolensk ... « , aber nun schwand ihm das Bewußtsein , und er schlief . Er schlief fest und lange . Mittag war vorüber , als ihn ein Klopfen an der Tür weckte . Es war schon das dritte Mal . » Herein ! « Jeetze meldete , daß der alte Rysselmann gekommen sei . » Laß ihn vor . Gleich . « Der alte Rysselmann trat ein , steif und geradlinig wie immer , das Haar nach hinten gekämmt , seinen Rohrstock unterm Arm und das Gerichtsdienerblechschild auf dem langen blauen Stehkragenrock . Er blieb an der Tür stehen und grüßte militärisch ; neben ihm Jeetze , der das Zimmer zu verlassen zögerte . » Bleib nur « , sagte Berndt , der das Zögern des Alten wohl verstand , » du willst auch wissen , wie es steht . Du liebst ihn auch ... Ach , wer nicht ? « Und dabei strich er sich leis und verstohlen über Stirn und Augen . Dann erst trat er auf den alten Gerichtsdiener zu und sagte : » Nun , Rysselmann , was bringt Ihr ? « » ' n Brief vom Herrn Justizrat . « » Gutes drin ? « Der Alte schwieg . Er konnte nicht ja sagen , und das Nein wollte ihm nicht über die Lippen . Berndt wog den Brief hin und her , den er sich zu öffnen scheute , denn jetzt mußt es sich entscheiden . Er musterte den Alten einmal , zweimal und fand zuletzt , daß er alles in allem nicht aussah wie einer , der eine Todesnachricht bringe . » Ich will den Brief lesen - aber allein ... Und dann noch eins , Rysselmann ; wißt Ihr ... « » Ja , gnädiger Herr , eins weiß ich . « » Und ? « » Der junge Herr lebt . « Des alten Vitzewitz Händen entfiel der Brief , und seine Lippen flogen . Er konnte nicht sprechen . Als er sich wieder gefaßt hatte , trat er auf Jeetze zu , legte seine Hand auf des alten Dieners Schulter und sagte , während er ihn in freudiger Erregung schüttelte : » Hast du ' s gehört , Alter ? Er lebt ! Und nun sorge mir für Rysselmann . Er hat uns Gutes gebracht , bring ihm wieder Gutes . Nein , bring ihm das Beste . Hier hast du den Schlüssel ; unten links , wo der spanische liegt . Hol ihm eine Flasche , mein alter Jeetze . Und du sollst mittrinken . Hast du ' s gehört ? Er lebt ! « Jeetze küßte seinem Herrn die Hand und zitterte und zimperte hin und her . Dann ging er , während Rysselmann ihm folgte . Berndt , als er allein war , öffnete den Brief und überflog ihn . Es war , wie der alte Gerichtsdiener gesagt hatte . Er verließ nun selber das Cabinet , um sich in das Eckzimmer zu den Frauen hinüberzubegeben . Er traf nur Renate , die bang und fragend auf ihn zueilte . » Noch ist Hoffnung , Kind . Und nun rufe die Schorlemmer . « Erst als diese gekommen war , setzten sie sich um den runden Tisch , und Berndt las : » Hochgeehrter Herr und Freund ! Ich habe die traurige Pflicht , Ihnen anzuzeigen , daß der Kampf dem Feinde zwei Gefangene in die Hände fallen ließ : Ihren Sohn und den Konrektor Othegraven . Ihr Sohn wird im Laufe des Vormittags unter Eskorte nach Küstrin geschafft werden , Konrektor Othegraven wurde bei Tagesanbruch am Lohhof erschossen . Mir liegt nach dieser kurzen vorgängigen Mitteilung nur noch ob , Ihnen über den Tod dieses Tapferen zu berichten . Ich schlief seit kaum einer Stunde , als ich durch eine französische Ordonnanz geweckt wurde , die mir anzuzeigen kam , daß einer der Gefangenen , der Konrektor Othegraven , mich zu sprechen wünsche . Ich kleidete mich rasch an , und der junge Soldat führte mich nach der alten Nikolaikirche hinüber , an deren Ausgängen französische Doppelposten standen . Innen sah es scharf aus ; auf einer Schütte Stroh lagen die Toten ; der erste , den ich sah , war Kandidat Grell . In der Sakristei traf ich Othegraven . Er saß in einem hochlehnigen alten Chorstuhl , und die Tür stand offen , so daß er den Blick auf die Kanzel frei hatte . Er wies darauf hin und sagte : Sehen Sie , Turgany , hier hab ich zum ersten Male gepredigt . Mein Text war : » Selig sind die Friedfertigen « . Und dies ist nun das Ende . Das Kriegsgericht hat gesprochen , und binnen hier und einer Stunde ist es mit mir vorbei . Ich nahm seine Hand , und da von Rettung oder Begnadigung keine Rede sein konnte , so fragte ich nach seinem Letzten Willen , und ob ihm das Scheiden schwer würde . Er verneinte es und setzte hinzu , daß er einmal gelesen habe , wie das Leben einem Gastmahl gleiche . Jeder habe den Wunsch auszudauern ; aber wer in der Mitte des Mahles abgerufen würde , fühle bald nachher , daß er wenig versäumt habe . Und das sei wahr . Er für seinen Teil wünsche nur erst über die Trommelwirbel und das Augenverbinden weg zu sein ; auch mißtraue er den Franzosen und ihrem Schießen . Sie tuen alles unordentlich , und den Hofer haben sie massakriert . Er hing diesem Gedanken eine Weile nach und sagte dann , ehe ich noch eine weitere Frage an ihn gerichtet hatte : Ich habe niemand ; meine kleine Sammlung fällt an Seidentopf , alles andere an das Hospital dieser Kirche . Und nun wollen wir Abschied nehmen , Turgany . Grüßen Sie diese tapfere Stadt , die mir so teuer geworden ist , und sagen Sie jedem , der es hören will , daß ich in der Hoffnung auf Jesum Christum , aber zugleich auch in dem festen Glauben stürbe , mein Leben an eine gute Sache gesetzt zu haben . Ich habe gepredigt : ' Selig sind die Friedfertigen ' , aber es ist auch geboten , uns zu wehren und für unser Leben und Gesetz zu streiten . Und danach schieden wir . Für immer . Eine Stunde später ward ich zu General Girard befohlen . Ein echter Franzos , menschlich und von edler Gesinnung . Ich konnt es nicht ändern , empfing er mich . Ein Aufstand in unserm Rücken und von ihm geleitet ; er mußte sterben . So will es das Gesetz des Krieges und unsere Sicherheit . Nach seinen Mitschuldigen frag ich nicht ; Ihr Volk lehnt sich jetzt wider uns auf , und wir müssen sehen , wie wir durchkommen . Und danach entließ er mich sichtlich bewegt , nachdem er hinzugefügt hatte , daß der Directeur adjoint , wie er ihn nannte , comme un vieux soldat gestorben sei . Wir haben ihn dicht neben der Kirche , wo noch ein eingegittertes Stück von dem alten Kirchhof übrig ist , begraben . Neben ihm Hansen-Grell . Ich schließe mit dem herzlichen Wunsche , daß der Transport Ihres Sohnes nach Küstrin ein erster Schritt zu seiner Begnadigung oder vielleicht auch zu seiner Befreiung sein möge . Turgany « Das erste Gefühl , als Berndt den Brief aus der Hand legte , war das des tiefsten Dankes . Renate umarmte und küßte den Vater , und der Schorlemmer , die nie weinte und stolz darauf war , fielen die Tränen auf die gefalteten welken Hände . Sie hatte kein Wort , und selbst ihre Sprüche versagten ihr . Lewin lebte noch , noch also war Hoffnung . Aber eine rechte Freude wollte trotz alledem nicht aufkommen , und wenn alle bis dahin von dem Schrecken beherrscht gewesen waren , ihn vielleicht schon verloren zu haben , so beherrschte sie jetzt die Furcht , ihn jeden Augenblick verlieren zu können . So verging eine halbe Stunde ; Renate hatte das Zimmer verlassen , um auf dem Schulzenhofe nach Marie , die Schorlemmer , um draußen nach der Wirtschaft zu sehen . Denn was auch geschehen möge , das Herdfeuer brennt und mahnt uns an den Anspruch und das Recht des alltäglichen Lebens . Berndt seinerseits war allein geblieben ; er sann und plante und verwarf wieder . Als die Stutzuhr eben zwei schlug , erschien Jeetze und meldete , daß angerichtet sei . Wie gewöhnlich , seitdem Besuch im Hause war , war in der Halle gedeckt worden . Bamme trat auf Vitzewitz zu , um ihm zu der » guten Zeitung « zu gratulieren ; aber es klang frostig . Jeder konnte den Zweifel heraushören , nicht an der Sache selbst , aber an ihrem Wert . Man setzte sich ; Berndt fragte nach Marie , nach Kniehase , nach Rysselmann ; bald aber hob er die Tafel auf , an der , aller Anstrengungen unerachtet , nur wenig gesprochen worden war . Alles erschien ihm wie Versäumnis , ehe man nicht wenigstens einen Plan verabredet hatte . Er zog sich in sein Arbeitscabinet zurück und ließ eine Viertelstunde später die Herren bitten , ihm dahin folgen zu wollen . In dem Zimmerchen war es inzwischen freundlicher geworden ; ein Feuer brannte , und der alte Mantel , der über der Lehne gehangen hatte , hing jetzt am Riegel . Der General und Hirschfeldt erschienen zuerst , nach ihnen Tubal . Alle drei zu placieren würde bei der Enge des Raumes nicht leicht gewesen sein , wenn nicht Bamme , der es warm liebte , dicht an den Ofen gerückt wäre . Hier saß er mit untergeschlagenen Füßen und rauchte , mehr einem Götzenbilde als einem Menschen ähnlich . Jeetze kam und reichte Kaffee , nach dem jeder mehr oder weniger begierig war . Und wirklich , die Tassen waren kaum geleert , als eine bessere Stimmung Platz zu greifen begann . War denn die Lage wirklich so hoffnungslos ? Nein . Berndt nahm das Wort und erklärte , daß er in der Furcht der Franzosen , in ihrer mutmaßlichen Scheu vor einem zweiten zu statuierenden Exempel den besten Teil seiner Hoffnung sehe . » Girard oder Fournier « , so schloß er , » macht keinen Unterschied ; sie wissen , daß ihre Tage hier herum gezählt sind , und werden sich hüten , den schon straffen Bogen noch weiter zu überspannen . « Bamme wollte von diesem Troste nichts wissen ; Hirschfeldt widersprach nicht geradezu , sah aber alles wirkliche Heil nur in einem selbständigen Vorgehen . Solange der Hals in der Schlinge stecke , wiederholte er , sei von Sicherheit keine Rede ; ein Ungefähr , eine Laune , und die Schlinge ziehe sich zu . » Können wir uns auf Turganys Brief verlassen ( und ich glaube , daß wir es können ) , so treten die Küstriner Herren nicht eher als morgen mittag oder nachmittag zusammen . Selbst wenn die Würfel schwarz fallen , woran leider nicht zu zweifeln , so haben wir vor übermorgen früh nichts zu befürchten . Füsilladen sind Früh- und Morgensache . Das ist so alter Brauch . Was also unsererseits zu geschehen hat , muß diese Nacht geschehen oder in der nächstfolgenden . Diese Nacht - unmöglich , vorausgesetzt , daß wir der Mitwirkung unserer Leute dazu bedürfen . Auch die besten halten solche Schlappe nicht aus . Also morgen ; morgen nacht . « Berndt und Bamme waren einverstanden , auch damit , daß man es mit List versuchen wolle . Hoppenmarieken sollte dabei helfen . Diese , wie Berndt sehr wohl wußte , lebte mit der Küstriner Garnison auf dem allerbesten Fuße ; war sie doch jedem einmal mit Kauf oder Kuppelei zu Diensten gewesen . Westfalen oder Franzosen machte dabei keinen Unterschied , ja , die letzteren hatten eine besondere Vorliebe für sie und gestatteten ihr , um ihrer grotesk-komischen Erscheinung oder vielleicht auch um ihrer gemutmaßten Geistesschwäche willen , überallhin Zutritt . Daß Hoppenmarieken selbst , eitel und abenteuersüchtig , wie sie war , gegen Übernahme der ihr zugeteilten Rolle Bedenken erheben würde , daran war gar nicht zu denken ; eine andere Frage blieb freilich , ob ihr auch in allen Stücken zu trauen sei . Man ließ dies indessen fallen , und Berndt schickte nach dem Forstacker , um sie herbeiholen zu lassen . Aber sie war von ihrem gewöhnlichen Tagesmarsche noch nicht zurück . So wurde beschlossen , die Besprechung mit ihr bis auf den andern Morgen zu vertagen . Bamme wollte dabei zugegen sein . Hiernach trennten sich alle und zogen sich auf ihr Zimmer zurück . Was noch zu tun war , waren Dinge , die sich mit Kniehase besser als mit jedem anderen erledigen ließen ; dieser kam denn auch , beschaffte und ordnete alles Nötige und war bei Dunkelwerden wieder auf dem Schulzenhofe . Sein erster Gang , als er wieder daheim war , war zu Marie , bei der er , seiner eignen Wunde wenig achtend , den größten Teil des Tages zugebracht hatte . Er setzte sich auch jetzt wieder an ihr Bett und horchte und fragte ; ihr aber , als sie diese vom herzlichsten Mitgefühl eingegebenen Fragen hörte , kam der stille Vorwurf zurück , in allen voraufgegangenen Stunden immer nur an Lewin und nicht ein einziges Mal an ihn gedacht zu haben , an ihn , der jetzt so liebreich zu ihr sprach und vom ersten Tage an nur Güte und Nachsicht für sie gehabt hatte . Sie klagte sich ihrer Selbstsucht an und vergoß bittere Tränen . Er aber wollte davon nichts wissen und wiederholte nur ein Mal über das andere : » Laß , Kind ; das ist die Jugend . « Und dann beruhigte sie sich und ließ sich wieder erzählen . Ach , wie schlug ihr das Herz höher , als sie von Turganys Brief hörte : Othegraven war tot , aber Lewin lebte . Und das bedeutete alles ! Dieselbe Selbstsucht , deren sie sich eben noch bezichtigt hatte , war wieder da . Und sie wußte es kaum . Ihre Stirn wurde gekühlt ; der Blutverlust aus der Wunde galt für ein gutes Zeichen , und ihr Befinden war nicht schlecht . Sie lächelte vor sich hin , wenn Bammes und Rutzes und ihrer Haltung während des Straßenkampfes Erwähnung geschah . Erst gegen Abend stellte sich Fieber ein , und sie begann nun leise vor sich hin zu sprechen : » Wenn nur Othegraven da wäre ... der würde helfen ... mir zuliebe . « Und dann nannte sie des alten Füllgraf Namen und dann den des alten Küstrinschen Kastellans , der ein Vetter von den Kümmritzens war und den sie nun in ihren Phantasien inständigst bat , den » jungen Herrn « in seinem Schlosse verstecken zu wollen , » mitten im großen Saal , da würd ihn niemand suchen « . So vergingen die Stunden , und die Bilder drehten sich im Kreise . Aber eine Stunde nach Mitternacht ließ das Fieber nach , und sie schlief ein . Einundzwanzigstes Kapitel » Dat möten wi « Es war noch nicht sieben am andern Morgen , als Hoppenmarieken in ihrem gewöhnlichen Aufzuge die Dorfgasse heraufkam . In Front des Herrenhauses bog sie nach rechts hin ein und musterte die lange dunkele Fensterreihe . Nur in den zwei Eckfenstern des ersten Stockes war Licht . » He is all bi Weg « , sagte sie und schritt auf die Glastür des Hauses zu . Und sie hatte recht gesehen . Berndt war schon seit einer Stunde auf und saß oben in seiner Amts- und Gerichtsstube . Mit ihm Bamme , der , nach einem ersten Versuche , sich wieder in Nähe des stark überheizten und beinahe glühenden Ofens zu placieren , schließlich seinen Rückzug auf das Fenster hin hatte nehmen müssen . Von diesem aus sah er jetzt Hoppenmarieken über den Hof kommen . Er war in einem Kostüm , das , kaum minder auffällig als das der alten Forstackerhexe , selbst Berndt einen Augenblick in Erstaunen gesetzt hatte : enger schwarzer Schlafrock von Sammetmanchester , roter Wollshawl und gelbe Filzschuhe . Dazu die kurze Morgenpfeife . Und nun klopfte es . » Herein ! « Die Alte trat ein , blieb aber - mit ihrer Kiepe sich an die Türpfosten lehnend - in respektvoller Entfernung von ihrem » gnädigen Herrn « stehen , mehr aus Gewohnheit als aus Furcht , da sie wohl gemerkt hatte , daß man ihrer bedürfe . » Dag , gnäd ' ger Herr « , sagte sie mit ihrer tiefen und rauhen Stimme und nickte , als Berndt ihren Gruß erwidert hatte , mit derselben Vertraulichkeit auch nach der Fensterecke hinüber . » Dag , Genral . « » Kennst du mich denn ? « fragte dieser und blies behaglich ein paar Wölkchen aus seinem Meerschaum . » I , wat wihr ick denn uns ' n lütten Genral nich kennen ? Ick wihr jo mit bi de Revü buten un hebb allens siehn : Rutzen un sine Piken un den dicken Protzhagenschen mit sine Füertut . Jott , wie seeg de ut ! Un denn Drosselstein ' n sine rote Voßstut mit de lange Been . Ne , Genralken , dat wöhr nix för Se . « » Da hast du recht , Hoppenmarieken . Ich seh , du hast einen guten Blick , und das nächste Mal werd ich dich fragen . « Sie lachte . » Dat dohn Se man , Genralken . De Dummen , so as wi ick , de sinn ümmer de Klöksten . « Berndt sah , daß er das Gespräch unterbrechen müsse , denn solche Vertraulichkeiten waren gerade das letzte , was er brauchen konnte . » Stell deine Kiepe hin , Marieken , und tritt hier an diesen Tisch . Hierher , daß ich dich besser sehen kann . « Sie verlor einen Augenblick ihre sichere Haltung , brummte allerhand unverständliches Zeug und tat dann , wie ihr geheißen . » Du weißt , Hoppenmarieken - « » lck weet . « » Und du weißt auch , daß sie kurzen Prozeß machen . Der Konrektor ist erschossen auf dem Lohhof , da , wo die große Pappel steht . Ein Wunder , daß sie Lewin noch aufgespart haben . Aber wie lange ? Sie haben ihn nach Küstrin gebracht , und wir müssen ihn freikriegen . « » Dat möten wi , dat möten wi . « » Und du sollst helfen . « » Dat will ick . « » Gut , so steck dies Knäuel ein und spiel es ihm heimlich zu . Er sitzt auf Bastion Brandenburg ; Mencke hat mir ' s gestern abend geschrieben . Übereile nichts , laß dir Zeit , und wenn es auch Mittag wird . Aber sei schlau , so schlau , wie du sein kannst , wenn du willst , und vergiß nicht , es hängt Leben und Sterben dran . « » Ick weet , ick weet . « Der alte Vitzewitz schwieg eine Weile , während welcher Zeit Hoppenmarieken das Knäuel in ihre Kiepe packte ; dann fuhr er fort : » Und nun tritt noch einmal hierher und paß auf und höre , was ich dir zu sagen habe . « Hoppenmarieken gehorchte . » Hier , wo du jetzt stehst , hier hat Lewin für dich gebeten , und weil er für dich bat , und bloß deshalb , hab ich dich laufen lassen . Sonst säßest du jetzt bei Wasser und Brot . Und das schmeckt dir nicht , denn du hast gern was Gutes . « » Jo , dat hebb ick . « » Sprich nicht . Du sollst mich hören . Und so sag ich dir denn : sieh dich vor . Ich habe viel Nachsicht und Geduld mit dir gehabt und die Augen öfter zugemacht , als recht war , aber wenn du wieder doppeltes Spiel spielst , so sei dir Gott gnädig . Kobold , ich trete dich unter die Füße und würge dich mit diesen