. Und sie glaubte , ein leises Seufzen zu vernehmen . » Halt , « rief die Frau , » wer jammert da ? « » Still , still , « flüsterte eine seltsame Stimme , » die Erde hat darüber - vor Abscheu - sich geschüttelt , gebebt . Die Erde bebt - die Toten stehen auf . - Es kommt der jüngste Tag , - der deckt alles auf . - Bald wird er ' s wissen . - Oh . - « Und ein tiefgezogener Klagelaut - und ein Rauschen von Gewändern - und Stille . » Wo bist du ? bist du wund ? « rief die Frau tastend . Da zuckte ein heller Blitz , - der erste seit dem Erdstoß - und zeigte vor ihren Füßen liegend , eine verhüllte Gestalt . Weiße und dunkelblaue Frauenkleider . - Das Weib langte nach dem Arm der Liegenden . Aber rasch sprang diese bei der Berührung auf und war mit einem Schrei im Dunkel verschwunden . Das Ganze war so rasch und ungeheuerlich wie ein Traumgesicht : nur eine breite goldene Armspange , mit einer grünen Schlange von Smaragden , die in ihrer Hand zurückgeblieben , war ein Pfand der Wirklichkeit dieser unheimlichen Erscheinung . * * * Und wieder tönten die ehernen Schritte der gotischen Wachen . » Hildebad , Hildebad , zu Hilfe ! « rief Wisand . » Hier bin ich : - was ist ? wohin soll ich ? « fragte dieser mit seiner Schar entgegenkommend . » An das Tor des Honorius ! Dort ist die Mauer eingestürzt und der dicke Turm des Aëtius liegt in Trümmern . - Zu Hilfe , in die Lücke ! « » Ich komme : - - armer Fridugern ! « * * * In dem gleichen Augenblick stürmte draußen im Lager der Byzantiner Cethegus der Präfekt in das Feldherrnzelt Belisars . Er war in voller Rüstung , der purpurdunkle Roßschweif flatterte um seinen Helm . Seine Gestalt war hoch aufgerichtet . Feuer leuchtete in seinen Augen . » Auf ! was säumst du , Feldherr Justinians ? Die Mauern deiner Feinde stürzen von selber ein . Offen liegt vor dir des letzten Gotenkönigs letzte Burg . - Und du ? was tust du in deinem Zelt ? - - « » Ich verehre die Größe des Allmächtigen ! « sagte Belisar mit edler Ruhe . Antonina stand neben ihm , den Arm um seinen Nacken geschlungen . - Ein Betschemel und ein hohes Kreuz zeigte , in welchem Tun die wilde Glut des Präfekten das Paar gestört . » Das tu ' morgen . - Nach dem Sieg . Jetzt aber : stürme ! « » Jetzt stürmen ! « sprach Antonina , » welcher Frevel ! « » Die Erde bebt in ihren Grundfesten , erschüttert und erschreckt . Denn Gott der Herr spricht in diesen Wettern ! « » Laß ihn sprechen ! Wir wollen handeln . Belisar , der Turm des Aëtius und ein gutes Stück Mauer ist eingestürzt . Ich frage dich , willst du stürmen ? « » Er hat nicht unrecht , « meinte Belisar , in dem die Kampflust erwachte . - » Aber es ist finstre Nacht . - - « » Im Finstern find ' ich den Weg zum Sieg und in das Herz von Ravenna . Auch leuchten die Blitze . « » Du bist ja plötzlich sehr kampfeseifrig , « zögerte Belisar . » Ja , denn jetzt hat ' s Vernunft zu kämpfen . Die Barbaren sind verblüfft . Sie fürchten Gott und vergessen darüber ihrer Feinde . « Im gleichen Augenblick eilten Prokop und Marcus Licinius in das Zelt . » Belisar , « meldete der erste , » der Erdstoß hat deine Zelte am Nordgraben umgestürzt und eine halbe Kohorte Illyrier darunter begraben ! « - » Hilfe , Hilfe ! meine armen Leute ! « rief Belisar und eilte aus dem Zelte . » Cethegus , « berichtete Marcus , » auch eine Kohorte deiner Isaurier liegt unter ihren Zelten verschüttet . « Aber ungeduldig , den Helm schüttelnd , frug der Präfekt : » was ist mit dem Wasser in dem gotischen Graben vor dem Aëtiusturm ? hat der Erdspalt es nicht verringert ? « - » Ja , das Wasser ist verschwunden - der Graben ist ganz trocken . Horch , das Wehegeschrei ! Deine Isaurier sind ' s : sie stöhnen und wimmern unter der Verschüttung und schreien um Hilfe . « » Laß sie schreien ! « sprach Cethegus . - » Der Graben ist wirklich trocken ? So laß zum Sturm blasen . Folge mir mit allen Söldnern , die noch leben . « Und unter Blitz und Donner , die jetzt wieder unaufhörlich rasten , eilte der Präfekt zu seinen Schanzen , wo seine römischen Legionare und der Rest der Isaurier unter Waffen standen . Rasch übersah er sie : es waren viel zu wenige , um mit ihnen allein die Stadt zu nehmen . Aber er wußte , daß ein günstiger Erfolg alsbald Belisar mit fortreißen würde . » Lichter , Fackeln her ! « rief er und trat mit einer Pechfackel in der Linken vor die Fronte seiner römischen Legionare . » Vorwärts , « befahl er , » die Schwerter heraus ! « Aber kein Arm rührte sich . Sprachlos vor Staunen und mit Grauen blickten alle , auch die Führer , auch die Licinier , auf den dämonischen Mann , der im Aufruhr der ganzen Natur nur an sein Ziel dachte und die Elemente , die Schrecken Gottes , nur als Mittel ansah zu seinem Zweck . » Nun , habt ihr auf mich zu hören , oder auf den Donner ? « rief er . » Feldherr , « mahnte ein Centurio vortretend , » sie beten . Denn die Erde bebt . « » Glaubt ihr , Italia wird ihre Kinder verschlingen ? Nein , ihr Römer , seht : der Boden selbst von Italien erhebt sich gegen die Barbaren . Er bäumt sich , sprengt ihr Joch und ihre Mauern fallen . Roma ! Roma aeterna ! « Das zündete . Es war eines jener cäsarischen Worte , welche die Männer und die Waffen fortreißen . » Roma ! Roma aeterna ! « riefen zuerst die Licinier , dann die Tausende der römischen Jünglinge : und durch Nacht und durch Grauen , durch Blitz und Donner und Sturm , folgten sie dem Präfekten , dessen dämonischer Schwung sie mit fortriß . Die Begeisterung lieh ihnen Flügel . Rasch waren sie über den breiten Graben hinweg , dem sie sonst kaum zu nahen gewagt . - Cethegus der erste am jenseitigen Rand . - Die Fackeln hatte der Sturm gelöscht . Im Finstern fand er den Weg . » Hierher , Licinius , « rief er , » mir nach ! hier muß die Lücke sein . « Und er sprang vorwärts , rannte aber gegen einen harten Körper und taumelte zurück . » Was ist das ? « fragte Lucius Licinius hinter ihm , » eine zweite Mauer ? « - » Nein , « sprach eine ruhige Stimme von drüben , » aber gotische Schilde . « - » Das ist der König Witichis , « sagte der Präfekt grimmig und maß mit bitterem Haß die dunkeln Gestalten . Er hatte auf Überraschung gezählt . Seine Hoffnung war getäuscht . » Hätt ' ich ihn , « sprach er grimmig in sich hinein , » er sollte nicht mehr schaden . « Da wurden von rückwärts viele Fackeln sichtbar , und die Trompeten schmetterten . Belisar führte sein Heer zum Sturm gegen den Mauersturz . Prokop erreichte den Präfekten : » Nun , was stockt ihr ? Halten euch neue Wälle auf ? « » Ja , lebendige Wälle . Da stehen sie , « und der Präfekt deutete mit dem Schwert . » Unter den noch fallenden Trümmern , diese Goten ! « - » Nun wahrlich ! « rief Prokop : » si fractus illabatur orbis , impavidos ferient ruinae ! Das sind mutige Männer . « Aber jetzt war Belisar mit seinen dichten , zum Angriff bereiten Scharen heran . Einen Augenblick , - nur die Führer eilten noch , Befehle erteilend hin und wieder , - einen Augenblick noch , und ein furchtbares Morden mußte beginnen . Da erglühte plötzlich der ganze Horizont über der Stadt . Eine Flammensäule schoß hoch empor , und zahllose Funken stoben nieder . Es schien Feuer vom Himmel zu regnen . Im roten Licht glänzte ganz Ravenna . Es war ein furchtbar herrlicher Anblick . Die beiden Heere , im Begriff handgemein zu werden , hielten inne . » Feuer ! Feuer ! Witichis ! König Witichis , « schrie jetzt ein Reiter , der von der Stadt herjagte , » es brennt . « » Das sehen wir . Laß brennen , Markja ! Erst fechten , dann löschen . « » Nein , nein , Herr ! alle deine Speicher brennen ! Dein Getreide fliegt in Myriaden Funken durch die Luft . « » Die Speicher brennen ! « schrien Goten und Byzantiner . Witichis versagte die Stimme , zu fragen . » Der Blitz muß schon lange im Innern gezündet haben . Es hat von innen heraus alles zusammengebrannt . Da sieh ' , sieh ' hin . - « Ein stärkerer Stoß des Sturmwinds fuhr in die Lohe und entfachte sie riesengroß . Die Flammen flogen auf die nächsten Dächer . Zugleich schien der hölzerne Dachfirst des hohen Gebäudes jetzt hinabzustürzen . Denn nach einem schweren Schlag schossen abermals viele , viele Tausende von Funken empor . Es war ein Flammenmeer . Witichis wollte das Schwert erheben zum Befehl : - matt sank sein Arm herunter . Cethegus sah ' s : » Jetzt , « rief er , » jetzt zum Sturm ! « » Nein , haltet ein ! « rief mit Löwenstimme Belisarius . » Der ist ein Feind des Kaisers , der ist des Todes , der das Schwert erhebt . Zurück ins Lager alle : jetzt ist Ravenna mein - und morgen fällt ' s von selbst . « Und seine Tausende folgten ihm und zogen zurück . Cethegus knirschte . Er allein war zu schwach . Er mußte nachgeben . Sein Plan war gescheitert . Er hatte die Stadt mit Sturm nehmen wollen , um wie in Rom , sich in ihren Hauptwerken festzusetzen . Und er sah voraus , daß sie nun ganz in Belisars Hand werde geliefert werden . Grollend führte er die Seinen zurück . Aber es sollte anders kommen , als Belisar und als Cethegus dachten . Zweiundzwanzigstes Kapitel . Der König hatte den Schutz der Mauerlücke am Turm des Aëtius Hildebad übertragen und war sofort auf die Brandstätte geeilt . Als er dort eintraf , fand er das Feuer im Erlöschen : - aber nur aus Mangel an Nahrung . Der ganze Inhalt , der Speicher , samt deren Brettergerüsten , und dem Dach , alles was durch Feuer zerstörbar , war bis auf den letzten Splitter und das letzte Korn verbrannt . Nur die nackten , ruß- und rauchgeschwärzten Steinmauern des ursprünglichen Marmorbaus , des Zirkus des Theodosius , starrten noch gen Himmel . Ein Mal des Blitzstrahls war an ihnen nicht wahrzunehmen . Das Feuer mußte sehr lange Zeit von innen heraus , wo der Blitz den Holzbau entzündet haben mochte , unvermerkt fortgeglimmt sein und sich über alle Innenräume des Holzbaus schleichend verbreitet haben . Als Flammen und Rauch aber zu den Dachlücken herausschlugen , war alle Hilfe zu spät . Krachend war bald darauf der Rest des Holzbaues zusammengestürzt : die Einwohner hatten vollauf zu tun , die nächsten , teilweise schon vom Feuer ergriffenen Häuser zu retten . Dies gelang mit Hilfe des Regens , der kurz vor Tagesanbruch endlich einfiel und dem Sturm , sowie dem Blitz und Donner ein Ende machte . Aber statt der Speicher beleuchtete die aufgehende Sonne , als sie das Gewölk zerstreute , nur einen trostlosen Haufen Schutt und Asche in der Mitte des Marmorrundbaues . Schweigend , mit tief gesenktem Haupt , lehnte der König lange Zeit diesen Ruinen gegenüber an einer Säule der Basilika . Ohne Regung , nur manchmal den Mantel auf der mächtig arbeitenden Brust zusammendrückend . Im Anblick dieser Trümmer war ein schwerer Entschluß in ihm gereift . Jetzt ward es grabesstill in seinem Innern . Jedoch um ihn her auf dem Platze wogte das Elend der verzweifelnden Armen von Ravenna betend , fluchend , weinend , scheltend . » O , was wird jetzt aus uns ! « - » O , wie war das Brot so weiß , so gut , so duftend , das ich noch gestern hier erhielt . « - » O , was werden wir jetzt essen ? « » Bah , der König muß aushelfen . « - » Ja , der König muß Rat schaffen . « - » Der König ? « » Ach , der arme Mann , woher soll er ' s nehmen ? « - » Hat er doch selbst nichts mehr . « - » Das ist seine Sache . « - » Er allein hat uns in all die Not gebracht . « - » Er ist an allem schuld . « - » Was hat er die Stadt nicht lang dem Kaiser übergeben . « - » Jawohl , ihrem rechtmäßigen Herrn ! « - » Fluch den Barbaren ! « - » Sie sind an allem schuld . « - » Nicht alle , nein , der König allein . Seht ihr ' s denn nicht ? Es ist die Strafe Gottes ! « - » Strafe ? wofür ? Was hat er verbrochen ? Er gab dem Volke von Ravenna Brot ! « - » So wißt ihr ' s nicht ? Wie kann der Eheschänder die Gnade Gottes haben ? Der sündige Mann hat ja zwei Weiber zugleich ! Der schönen Mataswintha hat ihn gelüstet . Und er ruhte nicht , bis sie sein eigen war . - Sein ehlich Weib hat er verstoßen . « Da schritt Witichis unwillig die Stufen herab . Ihn ekelte des Volkes . Aber sie erkannten seinen Schritt . » Da ist der König ! Wie finster er blickt , « riefen sie durcheinander und wichen zur Seite . » O , ich fürchte ihn nicht . Ich fürchte den Hunger mehr als seinen Zorn . Schaff ' uns Brot , König Witichis . Hörst du ' s , wir hungern ! « sprach ein zerlumpter Alter und faßte ihn am Mantel . » Brot , König ! « - » Guter König , Brot ! « - » Wir verzweifeln ! « - » Hilf uns ! « Und wild drängte sich die Menge um ihn . Ruhig , aber kräftig machte sich Witichis frei . » Geduldet euch , « sprach er ernst . » Bis die Sonne sinkt , ist euch geholfen . « Und er eilte nach seinem Gemach . Dort warteten auf ihn mehrere Diener Mataswinthens und ein römischer Arzt . » Herr , « sprach dieser mit besorgter Miene , » die Königin , deine Gemahlin ist sehr krank . Die Schrecken dieser Nacht haben ihren Geist verwirrt . Sie spricht wirre Fieberreden . Willst du sie nicht sehen ? « » Nicht jetzt , sorgt für sie . « » Sie reichte mir , « fuhr der Arzt fort , » mit größter Angst und Sorge diesen Schlüssel . Er schien sie in ihren Wahnreden am meisten zu beschäftigen . Sie holte ihn unter ihrem Kopfkissen hervor . Und sie ließ mich schwören , ihn nur in deine Hand zu geben , er sei von höchster Wichtigkeit . « Mit einem bittern Lächeln nahm der König den Schlüssel und warf ihn zur Seite . » Er ist es nicht mehr . - Geht , verlaßt mich und sendet meinen Schreiber . « * * * Eine Stunde später ließ Prokop den Präfekten in das Zelt des Feldherrn eintreten . Als er eintrat , rief ihm Belisar , der mit hastigen Schritten auf und nieder ging , entgegen : » Das kommt von deinen Plänen , Präfekt ! Von deinen Künsten ! von deinen Lügen ! Ich hab ' es immer gesagt : vom Lügen kommt Verderben : und ich verstehe mich nicht darauf ! O , warum bin ich dir gefolgt ! Jetzt steck ' ich in Not und Schande ! « » Was bedeuten diese Tugendreden ? « fragte Cethegus seinen Freund . Dieser reichte ihm einen Brief . » Lies . Diese Barbaren sind unergründlich in ihrer großartigen Einfalt . Sie schlagen den Teufel durch Kindessinn ; lies . « Und Cethegus las mit Staunen : » Du hast mir gestern drei Dinge zu wissen getan : Daß die Franken mich verraten haben . Daß Du im Bund mit den Franken das Westreich deinem undankbaren Kaiser entreißen willst . Daß Du uns Goten freien Abzug über die Alpen ohne Waffen anbietest . Darauf habe ich Dir gestern geantwortet , die Goten geben nie ihre Waffen ab und räumen nicht Italien , die Eroberung und Erbschaft ihres großen Königs : eher fall ' ich hier mit meinem ganzen Heer . So habe ich gestern gesprochen . So spreche ich heute noch , obwohl sich Feuer , Wasser , Luft und Erde gegen uns empörten . Aber was ich immer dunkel gefühlt , hab ' ich heut ' nacht unter den Flammen meiner Vorräte klar erkannt : es liegt ein Fluch auf mir . Um meinetwillen erliegen die Goten . Ich bin das Unglück meines Volkes . Das soll nicht länger also sein . Nur meine Krone versperrte einen ehrenvollen Ausweg : sie soll ' s nicht mehr . Du erhebst Dich mit Recht gegen Justinian , den treulosen und undankbaren Mann . Er ist unser Feind wie Deiner . Wohlan : stütze Dich , statt auf ein Heer der falschen Franken : auf das ganze Volk der Goten , deren Kraft und Treue Dir bekannt . Mit jenen sollst Du Italien teilen : mit uns kannst Du es ganz behalten . Laß mich den Ersten sein , der Dich begrüßt wie als Kaiser des Abendlands so als König der Goten . Alle Rechte bleiben meinem Volk , Du trittst einfach an meine Stelle . Ich selber setze Dir meine Krone auf das Haupt und wahrlich : kein Justinian soll sie Dir entreißen . Verwirfst Du diesen Antrag : so mache Dich gefaßt auf einen Kampf , wie du noch keinen gekämpft . Ich breche dann mit fünfzigtausend Goten in Dein Lager . Wir werden fallen . Aber auch Dein ganzes Heer . Eins oder das andre . Ich hab ' s geschworen . Wähle . Witichis . « Einen Augenblick war der Präfekt aufs furchtbarste erschrocken . Rasch hatte er einen forschenden Blick auf Belisar geworfen . Aber dieser Eine Blick beruhigte ihn wieder ganz . » Er ist ja Belisar , « sagte er sich abermals . » Jedoch gefährlich ist es immer , mit dem Teufel zu spielen . Welche Versuchung ! - « Er gab den Brief zurück und sagte lächelnd : » Welch ein Einfall ! Wozu doch die Verzweiflung führt . « » Der Einfall , « meinte Prokop , » wäre gar so übel nicht , wenn ... - « » Wenn Belisar nicht Belisar wäre , « lächelte Cethegus . » Spart euer Lachen , « schalt dieser . » Ich bewundre den Mann . Und es darf mich nicht mehr beleidigen , daß er mich der Empörung fähig hält . Hab ' ich es ihm doch selber vorgelogen . « Und er stampfte mit dem Fuß . » Ratet jetzt und helft ! Denn ihr habt mich in diese leidige Wahl geführt . Ja sagen kann ich nicht . Und sag ' ich nein : - darf ich des Kaisers Heer als vernichtet ansehen . Und muß obenein bekennen , daß ich die Empörung nur erlogen . « Cethegus sann schweigend nach , das Kinn mit der Linken langsam streichend . Plötzlich durchblitzte ihn ein Gedanke . Ein Strahl der Freude flog verschönend über sein Gesicht : » so kann ich sie beide verderben ! « Er war in diesem Augenblick sehr mit sich zufrieden . Aber erst wollte er Belisar ganz sicher machen . » Du kannst vernünftigerweise nur zwei Dinge tun , « sagte er zaudernd . » Rede : ich sehe weder eins noch das andre . « » Entweder wirklich annehmen - « » Präfekt , « rief Belisar grimmig und fuhr ans Schwert . Prokop hemmte erschrocken seinen Arm . » Keinen solchen Scherz mehr , Cethegus , so lieb dir dein Leben . « » Oder , « fuhr dieser ruhig fort , » zum Schein annehmen . Ohne Schwertstreich einziehn in Ravenna . Und - - die Gotenkrone samt dem Gotenkönig nach Byzanz schicken . « » Das ist glänzend ! « rief Prokop . » Das ist Verrat ! « rief Belisar . » Es ist beides , « sagte Cethegus ruhig . » Ich könnte dem Gotenvolk nicht mehr in die Augen sehen . « » Das ist auch nicht nötig . Du führst den gefangenen König nach Byzanz . Das entwaffnete Volk hört auf , ein Volk zu sein . « » Nein , nein , das tu ' ich nicht . « » Gut . So laß dein ganzes Heer Testamente machen . Leb wohl , Belisar . Ich gehe nach Rom . Ich habe durchaus nicht Lust , fünfzigtausend Goten in Verzweiflung kämpfen zu sehen . Und wie wird Kaiser Justinianus den Verderber seines besten Heeres loben ! « » Es ist eine furchtbare Wahl , « zürnte Belisar . Da trat Cethegus langsam auf den Feldherrn zu . » Belisar , « sprach er mit gemütvoller , tief aus der Brust geschöpfter Stimme : » du hast mich oft für deinen Feind gehalten . Und ich bin zum Teil dein Gegner . Aber wer kann neben Belisar im Feld gestanden sein , ohne den Helden zu bewundern ? « Und seine Weise war so feierlich und salbungsvoll , wie man sie nie an dem sarkastischen Präfekten sah . Belisar war ergriffen und selbst Prokop erstaunte . » Ich bin dein Freund , wo ich es sein kann . Und will dir diese Freundschaft in diesem Augenblick durch meinen Rat bewähren . Glaubst du mir , Belisarius ? « Und er legte die linke Hand auf des Helden Schulter , bot ihm treuherzig die Rechte , und sah ihm tief ins Auge . » Ja , « sagte Belisar , » wer könnte solchem Blick mißtrauen . « » Siehe , Belisar , nie hat ein edler Mann einen mißtrauischern Herrn gehabt als du . - Der letzte Brief des Kaisers ist die schwerste Kränkung deiner Treue . « » Das weiß der Himmel . « » Und nie hat ein Mann , « - hier faßte er ihn an beiden Händen - » herrlichere Gelegenheit gehabt , das schnödeste Mißtrauen zu beschämen , sich aufs glorreichste zu rächen , seine Treue sonnenklar zu zeigen . Du bist verleumdet , du trachtetest nach der Herrschaft des Abendlandes . Wohlan , bei Gott : du hast sie jetzt in Händen . Zieh ' in Ravenna ein , laß dir von Goten und Italiern huldigen und zwei Kronen auf dein Haupt setzen . Ravenna dein , dein blindergebnes Heer , die Goten , die Italier - wahrlich , du bist unantastbar . Justinian muß zittern zu Byzanz und sein stolzer Narses ist ein Strohhalm gegen deine Macht . Du aber , der du all ' dies in Händen hast , - du legst all ' die Macht und all ' die Herrlichkeit deinem Herrn zu Füßen und sprichst : Siehe , Justinianus , Belisar ist lieber dein Knecht als der Herr des Abendlandes . So glorreich , Belisar , ward Treue noch nie auf Erden erprobt . « Cethegus hatte den Kern seines Herzens getroffen . Sein Auge leuchtete . » Recht hast du , Cethegus , komm an meine Brust , hab ' Dank . Das ist groß gedacht . O Justinian , du sollst vor Scham vergehn ! « Cethegus entzog sich der Umarmung und schritt zur Türe . » Armer Witichis , « flüsterte Prokop ihm zu ; » er wird diesem Musterstück von Treue aufgeopfert . - Jetzt ist er verloren . « » Ja , « sagte Cethegus , » er ist verloren , gewiß . « Und draußen vor dem Zelt warf er den Mantel über die linke Schulter und sprach : » Aber gewisser noch du selber , Belisar . « * * * In seinem Quartier trat ihm Lucius Licinius gerüstet entgegen . » Nun , Feldherr , « fragte er , » die Stadt ist noch nicht übergeben . Wann geht ' s zum Kampf ? « » Der Kampf ist aus , mein Lucius . Leg ' deine Waffen ab und gürte dich zu reisen . Du gehst noch heute mit geheimen Briefen von mir ab . « - » An wen ? « - » An den Kaiser und die Kaiserin . « - » Nach Byzanz ? « - » Nein , zum Glück sind sie ganz nah , in den Bädern von Epidaurus . Eile dich . In fünfzehn Tagen mußt du zurück sein , nicht einen halben später . Italiens Schicksal harrt auf deine Wiederkunft . « * * * Sowie Prokop mündlich die Antwort Belisars dem Gotenkönig überbracht , berief dieser in seinen Palast die Führer des Heeres , die vornehmsten Goten und eine Anzahl von vertrauten einfach Freien , teilte ihnen das Geschehene mit und forderte ihre Zustimmung . Wohl waren sie anfangs mächtig überrascht : und ein Schweigen des Staunens folgte auf seine Worte . Endlich sprach Herzog Guntharis , mit Rührung auf den König blickend : » Die letzte deiner Königstaten , Witichis , ist so edel , ja edler als alle deine früheren . Dich bekämpft zu haben werd ' ich ewig bereuen . Ich habe mir lange geschworen , es zu sühnen , indem ich dir blindlings folge . Und wahrlich : in diesem Fall hast du zu entscheiden : denn du opferst das Höchste : eine Krone . Soll aber ein andrer als du König sein , - leichter mögen die Wölsungen einem Fremden , einem Belisar als einem Goten nachstehn . Und so folg ' ich dir und sage : ja , du hast gut und groß gehandelt . « » Und ich sage nein ! und tausendmal nein ! « rief Hildebad . » Bedenkt , was ihr tut ! Ein Fremder an der Spitze der Goten ! « » Was ist das andres , als was andre Germanen vor uns getan , Quaden und Heruler und Markomannen , auch die Franken unter jenem Römer Ägidius ? « sagte Witichis ruhig , » ja was andres , als was unsre glorreichsten Könige und selbst Theoderich getan ? Sie leisteten dem Kaiser Waffendienst und erhielten dafür Land . So lautet der Vertrag , nach dem Theoderich Italien von Kaiser Zeno nahm . Ich erachte Belisar nicht geringer als Zeno und mich wahrlich nicht besser als Theoderich . « » Ja , wenn es Justinian wäre , « fügte Guntharis bei . » Nie unterwarf ' ich mich dem feigen und falschen Tyrannen . Aber Belisarius ist ein Held . - Kannst du das leugnen , Hildebad ? Hast du vergessen , wie er dich vom Gaul gerannt ? « » Schlag mich der Donner , wenn ich ' s ihm vergesse . Es ist das einzige , was mir an ihm gefallen hat . « » Und das Glück ist mit ihm , wie mit mir das Unglück war . Und wir bleiben im reichen Lande hier , bleiben frei wie bisher und schlagen nur seine Schlachten gegen Byzanz . Er wird uns Rache schaffen an dem gemeinsamen Feind . « Und fast alle Versammelten stimmten bei . » Nun , ich kann euch nicht in Worten widerlegen , « rief Hildebad . - » Von je hab ' ich die Zunge ungefüger , als die Axt geführt . - Aber ich fühl ' es deutlich : ihr habt unrecht . - Hätten wir nur den schwarzen Grafen hier : der würde sagen können , was ich nur spüre . Mögt ihr ' s nie bereuen ! Mir aber sei ' s vergönnt , aus diesem ungeheuerlichen Mischreich davonzugehn . Ich will nicht leben unter Belisar . Ich zieh ' auf Abenteuer in die Welt : mit Schild und Speer und groben Hieben kommt man weit . « Witichis hoffte , den treuen Gesellen in vertrautem Gespräch wohl noch umzustimmen . Er fuhr jetzt in der Sache fort , die ihm so sehr am Herzen lag . » Vor allem hat sich Belisar Schweigen ausbedungen , bis er Ravenna besetzt hat . Es steht zu fürchten , daß einige seiner Heerführer mit ihren Truppen von einer Empörung gegen Justinian nichts wissen wollen . Diese , sowie die verdächtigen Quartiere von Ravenna , müssen von den Goten und den verlässigen Anhängern Belisars umstellt sein , ehe die Entscheidung fällt . « » Hütet euch , « warnte Hildebad , » daß ihr nicht selbst in diese Grube fallt ! Wir Goten sollen uns nicht aufs Feinspinnen verlegen , ' s ist , wie wenn der Waldbär auf das Seil steigt - er fällt doch über kurz oder lang . Lebt wohl - mög ' es besser ausfallen als ich ahne . Ich gehe , von meinem Bruder Abschied zu nehmen . Der ,