leicht . Seine Phantasie war nicht lebhaft , indeß innerhalb des nicht weiten Kreises , den er überschaute , sah er klar genug , und seine Schüchternheit im Verkehr mit Anderen machte ihn vorsichtig , wie sein Mißtrauen gegen seine eigene Einsicht ihn gewissenhaft gegen sich selber sein ließ . Es war nicht das erste Mal , daß der junge Baron die Ansichten , welche der Graf an den Tag legte , von einem Preußen aussprechen hörte . Man konnte sie von allen denjenigen vernehmen , die , auf den Pfaden des Grafen gehend , ihrer zur Selbstentschuldigung bedurften . Sie verfehlten an sich also , einen Eindruck auf den Jüngling zu machen , aber es ergriff ihn , daß sein Onkel sie theilte , und mit jener Schwermuth , die einen Hauptzug seines Charakters ausmachte , rief er : Lieber untergehen , als untreu werden ! Was sollte mir eine Zukunft auf den Trümmern meines Vaterlandes ? Wie könnte ich an ein Glück denken in der Fremde unter Fremden , während .... Er brach ab , schien seine warme Aufwallung zu bereuen und sagte : Gewiß , mein Onkel , Sie sprachen nicht im Ernste zu mir , Sie wollten mich prüfen ; seien Sie unbesorgt ! Kein Vortheil der Welt soll mich verlocken , von meinem Könige abzufallen oder meinen Eid zu brechen ! Ich bin ein Preuße , ich bin ein Edelmann , unserem Könige unterthan und sein Soldat ; so will ich leben und , muß es sein , auch sterben ! Der Graf nickte beifällig , als habe er den Vorwurf in seines Neffen Worten nicht gemerkt , und wiederholte seine frühere Aeußerung , daß dies Alles sehr gut , sehr schön sei , nur praktisch sei es nicht . Bedenke , sprach er , was Du Deinem Vater schuldig bist ! Er machte danach eine kleine Pause und setzte in ruhig erklärender Weise hinzu : Du siehst die ungeheuren Rüstungen , welche der Kaiser durch ganz Europa anstellen läßt . Niemand kann zweifelhaft darüber sein , gegen wen sie gerichtet sind . Wir stehen einem großen , einem gewaltigen Feldzuge näher , als Du glaubst , und Du bist der einzige Erbe Deines Vaters , der Letzte Deines Hauses ! Und mein Bruder ? wendete Renatus ein . Der Graf lächelte . Vittoria ' s Sohn wird , wenn er einst erwächst , voraussichtlich auf Dich und Deine Großmuth angewiesen sein , denn Dein Vater ist bejahrt und sein Besitz hat sich , wie Du weißt , um ein Bedeutendes verringert . Wir haben allerdings unter dem Kriege schwer gelitten , entschuldigte Renatus , den jede Miene und jedes Wort des Grafen kränkte . Nicht mehr , als Andere , meinte dieser ; aber Dein Vater und meine gute romantische Schwester hatten kostspielige Liebhabereien , bauten Kirchen , hielten Sängerchöre , ließen die Amtleute und Pächter gewähren . Das war ideologisch , war falscher Idealismus ! Das ist unpraktisch ! Er sah nach der Uhr , erhob sich , ging an den Spiegel , zu dessen beiden Seiten Armleuchter an den Wänden brannten , besah sich in dem Glase , kämmte die große Locke auf der Stirn über die untergehaltene Hand zurecht und sagte , ohne den beleidigten Renatus , der hinter ihm sitzen geblieben war , anzusehen : Glaube mir , mein Lieber , früher oder später wirst Du genöthigt sein , Dein eigenes Schicksal zu spielen und das Loos und das Vermögen Deines Hauses neu zu begründen . Nur deshalb und nur dazu wollte ich Dir die Mittel und die Wege zeigen und eröffnen , die ich Dir heute vorschlug . Er klingelte , sein Kammerdiener trat ein . - Warum erinnern Sie mich nicht , daß es Zeit ist , mich anzukleiden ? fragte er . Der Diener entgegnete , daß Alles bereit liege , und ward mit dem Bemerken fortgeschickt , daß der Graf gleich kommen werde , und daß der Diener das Eisen heiß machen könne , ihm Haar und Bart auf ' s Neue zu kräuseln . Wir haben heute eine Soirée bei dem französischen Gesandten . Das ist ein Haus , in das Du Dich einführen lassen solltest , und ich bin bereit , Dich vorzustellen , sagte er . Es ist die Rede davon , einige junge Deutsche von Familie als Cavaliere , als Kammerherren an den Hof des Königs von Westfalen zu ziehen , junge Männer , die des Französischen mächtig sind . Ich hatte dabei an Dich gedacht . König Jerome ist jung , ist geistreich , ist äußerst liebenswürdig und freigebig geneigt , für die Personen , die ihm wohlgefallen , viel zu thun . Indeß Du willst es nicht ! Nun , Du wirst wissen , was Dir frommt , ich hatte es gut mit Dir im Sinne ! Er sprach das Alles , während er aus einer reichverzierten Büchse seine goldene Dose mit frischem Taback füllte . Renatus hatte sich erhoben . Er sagte , daß er seinen Oheim nicht stören , nicht länger aufhalten wolle . Der Graf erkundigte sich , wo er seinen Abend zubringen werde , und als er hörte , daß Renatus die Gräfin Rhoden zu besuchen denke , meinte er , es sei schade , daß sie fromm geworden sei , und daß sie ihre Töchter in gleicher Ueberspannung auferzogen habe ; sie sei früher eine angenehme Frau gewesen , die gewußt habe , was sie sich schuldig sei . Man hatte sie bei uns , fuhr er fort , da sie eine Verwandte von uns ist , Deinem Vater eigentlich zur zweiten Frau bestimmt , und sie hat sich , eben weil sie kein Vermögen besaß , wohl selber doppelt mit dem Gedanken getragen . Ich bin sicher , sie zog nur deshalb in Eure Gegend , und ihre Freundschaft für Dich wird wohl aus derselben Quelle entsprungen sein . Aber der Bekehrungseifer Eures Caplans hatte sie uns entfremdet , noch ehe die Heirath Deines Vaters mit der Giustiniani im Werke war , und hätte sie diese Heirath vorhersehen können , so würde der Caplan vielleicht weniger Erfolg bei ihr gehabt haben . Jetzt indessen , glaube ich , ist sie ja selbst mit Bekehrungen beschäftigt . Sie hat es wahrscheinlich auf die Tochter des alten Flies abgesehen , denn das allein kann mir die Freundschaft der Gräfin für die Flies erklären . Renatus , dem jede Aeußerung des Grafen empfindlich und zuwider war , erinnerte daran , daß Seba auch eine Freundin seiner Mutter gewesen sei , daß er selbst von seinem Vater an den alten Geschäftsfreund ihres Hauses empfohlen worden , und fragte , ob der Graf die Familie , und namentlich , ob er Seba kenne . Er bejahte es . Ich war vor dem Feldzuge nach der Champagne bei ihnen im Quartier , sagte er gleichgültig . Seba war damals eine Schönheit , aber sie war schon damals eine sentimentale Schwärmerin ! Nimm Dich mit ihr in Acht ! Die Gräfin Rhoden und Seba und all die schönen Geister und die Professoren und Gelehrten , mit denen sie zusammenhangen , sind thörichte Ideologen , Phantasten , die gegen den Lauf der Welt ankämpfen , vergangene Zeiten lebendig machen möchten ! Man hat ein Auge auf dieses Treiben , obschon man es gewähren läßt . Vernünftige Aussichten werden sich Dir dort nicht öffnen , darauf verlaß Dich , und sich unnöthig verdächtig zu machen , sich einer unnöthigen Beaufsichtigung auszusetzen , ist nicht anständig für Unsereinen ! Er reichte ihm dabei freundlich die Hand zum Abschiede und sagte , als sein Neffe sich ihm empfahl : Ehe ich es vergesse , mein Lieber ! Seit ich mir hier selbst eine Wohnung eingerichtet und die Kriegsräthin zu mir genommen habe , speise ich in der Regel zu Hause . Sie ist eine Köchin , um die man mich beneidet . Für eine oder zwei Personen ist immer das Couvert bereit . Willst Du es auf gut Glück mit mir versuchen , so weißt Du , daß Du willkommen bist , und wir tauschen dann unsere Meinungen und Neuigkeiten mit einander aus . Beiläufig , laß Dich von den Rhodens nicht einfangen ! Das sind keine Partieen , die sich für Dich schicken ! Er gab ihm nochmals die Hand , rieth ihm , sich die Kasseler Angelegenheit ruhig und reiflich zu überlegen , und entließ ihn danach , um sich ankleiden zu gehen . Fünftes Capitel Später , als er es sonst pflegte , langte Renatus an dem Abende bei der Gräfin Rhoden an , und fast bereute er es , daß er gekommen war , denn die friedliche Stille , in welcher er die Frauen antraf , ließ ihn seine Aufregung erst recht deutlich empfinden . Es war ihm zu Muthe , als habe er in der letzten Stunde eine Gegend und die Menschen in ihr durch ein verzerrendes Glas betrachtet . Alle Bilder , die er in der Seele trug , dünkten ihm verändert und entstellt , und doch kam ihm unwillkürlich immer wieder die Frage : Wie aber , wenn Du Dich wirklich bisher getäuscht hättest ? Wie aber , wenn der Oheim Recht hätte mit den Urtheilen , die er über die Personen und Zustände , deren er erwähnte , gegen Dich ausgesprochen hat ? Er erinnerte sich genau , wie kurze Zeit nach dem Tode seiner Mutter die Rhoden ' s zu ihren Verwandten nach Lichtenforst gezogen und wie sie das erste Mal nach Richten zum Besuche gekommen waren . Die Gräfin war , wie sein Vater , in Trauerkleidern gewesen , obgleich sie ihren Gatten schon zwei Jahre vorher verloren , und der Freiherr hatte sie und ihre Töchter sehr willkommen geheißen . Als er dann nach Italien gegangen war , hatte er die Gräfin gebeten , sich seines Knaben anzunehmen , und sie hatte Renatus darauf an sich gedrückt , hatte gesagt , der Himmel habe ihr leider einen Sohn versagt , sie wolle also Renatus lieben als wäre er ihr eigen Kind , und ihre Töchter Hildegard und Cäcilie sollten ihm , dem Schwesterlosen , Schwestern sein . Renatus hatte sich auch in ihrer und ihrer Töchter Nähe stets wie in einer Heimath , wie in seiner Familie gefühlt , obschon die Verwandtschaft zwischen den Berka ' s und den Rhoden ' s sehr entfernt war ; er konnte es sich als sehr wahrscheinlich denken , daß seine Großeltern ihm die Gräfin einst zur Stiefmutter zu geben gewünscht hatten , ehe der Caplan die Bekehrung der Gräfin unternommen . Es war aber ein schöner Tag und ein erhebender Anblick gewesen , als die Gräfin mit den beiden kleinen Töchtern in der Kirche von Rothenfeld zum Katholicismus übergetreten war . Der heimliche Anschluß der Familie von Wedderau an die katholische Kirche war bald danach gefolgt , und die kleine Gemeinde hatte unter des Caplans Leitung sehr zusammengehalten . Alljährlich hatte man danach den Todestag der Baronin Angelika , in welcher man die eigentliche Urheberin des Kirchenbaues verehrte , mit einer besonderen Feier begangen , und wenn die Gräfin wirklich beabsichtigt hatte , einmal die Stelle der Verstorbenen einzunehmen , so war es schön von ihr gewesen , daß sie ihre getäuschte Erwartung weder Vittoria noch Renatus hatte entgelten lassen . Sie zuerst hatte sich der fremden jungen Frau mütterlich freundlich genähert , als man des Verwunderns über die unerwartete und auffallende Heirath des Freiherrn kein Ende finden konnte . Sie war der Fremden stets mit Rath und Ermunterung zur Hand gewesen ; Tage und Nächte hatte sie an dem Bette Vittoria ' s zugebracht , als diese vor drei Jahren im Nervenfieber mit dem Tode so schwer gerungen , daß man hatte fürchten müssen , mit ihr auch das Leben ihres zu erwartenden Kindes zu verlieren . Renatus konnte ihr das nie vergessen . Er liebte die Gräfin dafür wie eine Mutter und er hing auch mit so naturwüchsiger Neigung an ihren beiden Töchtern , als wenn sie nicht nur seine Spielgenossen , sondern als wenn sie wirklich seine Schwestern wären . Neben der ausgesuchten Behaglichkeit in Seba ' s Gartensaal , neben der auffallend modischen und glänzenden Einrichtung seines Oheims erschien dem jungen Manne die Wohnung der Gräfin heute zum ersten Male ärmlich . Er sah , was ihn bisher nicht angefochten hatte , daß ihre Zimmer nur schlicht getüncht , daß ihre Möbel alt und abgenutzt waren , daß nur zwei Kerzen den Raum erhellten . Sie leuchteten jedoch genugsam , das schöne , über dem Sopha hängende Bild der jung verstorbenen , allgeliebten Königin Louise zu erkennen , das diese selbst der Gräfin einst geschenkt hatte ; sie reichten hin , die Büste des bei Saalfeld gebliebenen geistreichen Prinzen Louis Ferdinand betrachten zu lassen , der ein Freund des Grafen und Cäciliens Pathe gewesen war , und der ihr zur Erinnerung an die Schutzheilige der Musik , der Kunst , die er mit Meisterschaft beherrschte , eben den Namen Cäcilie gegeben hatte ; und sie hatten Licht genug , das edle in weiße Schleier gehüllte Antlitz der Mutter und das schöne , blonde Haar der beiden Töchter mild zu umspielen . Innerlich verwirrt war Renatus vor dem Hause angelangt ; aber er wurde ruhiger in dem trauten Kreise , in dem gewohnten lieben Raume . Die halbe Dämmerung , die weißen Fenstervorhänge , durch die der Mond hinein schien , daß sein Schimmer den ganzen Fußboden streifenweise erhellte , der Duft des Reseda von den wohlgepflegten Stöcken am Fenster thaten ihm wohl . Ach , bei Ihnen ist ' s gut ! sagte er , unwillkürlich aus tiefer Brust aufathmend , als er der Gräfin die Hand geküßt und zwischen den beiden Schwestern seinen gewohnten Platz am Tische eingenommen hatte . Man lachte über diesen Ausruf ; er sollte sagen , wie er darauf gekommen sei , ihn eben in dieser fast feierlichen Weise zu thun , und er ward dabei inne , daß ihm heute ganz anders als sonst in der Gegenwart dieser Frauen zu Muthe sei . Es kam ihm vor , als sei er , wer weiß wie lange von diesem Raume und von diesen lieben Menschen entfernt gewesen , als habe er sie nie so gut gekannt , als eben jetzt , und doch wieder , als habe er ihnen ein Unrecht abzubitten . Die würdige Erscheinung der Gräfin , ihre keusche , matronenhafte Tracht - Renatus hatte sie , seit er sie kannte , nie anders als in weißer oder schwarzer Kleidung gesehen - dünkten ihm so schön , da er eben erst neben der geschminkten Haushälterin seines Oheims gesessen hatte . Die Bilder der königlichen Familie sprachen ihn wie Schutzgötter des Hauses an und es freute ihn , daß er sein Auge frei zu ihnen erheben durfte , daß keiner seiner Gedanken sich durch die verführerischen Auseinandersetzungen seines Oheims von ihnen und ihrem Dienste hatte abwendig machen lassen . Nur an der Gräfin und an diesen Mädchen hatte er sich versündigt . Sie hatte er so eben noch selbstsüchtiger Absichten , berechneter Plane fähig gehalten ; denn die von seinem Oheim in ihm erweckte Vorstellung , daß die Mutter oder Hildegard selber darauf ausgegangen sein könnten , ihn unmerklich zu einer Heirath mit der Letzteren zu bewegen , hatte ihn widerwärtig berührt und ihm einen Schatten auf das reine , herzliche Verhältniß geworfen , in welchem er , seit er sich zurückerinnern konnte , zu diesen ihm so theuren Freunden gestanden hatte . Jetzt schämte er sich seines Zweifels an ihnen , und daneben dachte er zum ersten Male daran , wie im Grunde gar nichts natürlicher sei , ja , wie es sich eigentlich von selbst verstehe , daß er die Gefährtin seiner Kindheit , daß er Hildegard einst zu seiner Gattin wähle . Sie hatten oft genug als Kinder Mann und Frau gespielt , sich immer auf das beste vertragen , sie waren nur um anderthalb Jahre , die Hildegard vor ihm voraus hatte , im Alter von einander getrennt . Ihr Name , ihre Familienverbindungen waren den seinigen ebenbürtig , sie war katholisch , wie er , Vittoria hatte die Rhoden ' s gern , ein künftiges Zusammenleben der beiden Familien bot also gar keine Schwierigkeiten , und - darin hatte sein Onkel Recht - das einst so blühende Arten ' sche Geschlecht war jetzt wirklich nur auf ihn und seinen kleinen Bruder gestellt . Es war nothwendig , es war unerläßlich , daß Renatus sich früh verheirathete . Je mehr er darüber nachdachte , um so wahrscheinlicher dünkte es ihn , daß auch seinem Vater eine Verbindung zwischen ihm und Hildegard willkommen sein würde , denn sowohl der Freiherr als der Caplan hatten ihn beständig zu dem Umgange mit den Rhoden ' s angehalten ; und nun er sich im Geiste die Sache überlegt , fand er , daß ihm selbst , wenn er sich seine Zukunft und seine einstige Ehe vorgestellt , immer mehr oder weniger deutlich Hildegardens Bild vor der Seele geschwebt hatte . Die Mißstimmung , in welcher er bei den Freunden angelangt war , schwand vor diesen Gedanken völlig hin , eine außerordentlich sanfte Empfindung trat an ihre Stelle . Er fühlte kein leidenschaftliches Verlangen , er hegte keinen neuen , lebhaften Wunsch , er sehnte die Zukunft und eine Aenderung der jetzigen Verhältnisse nicht einmal herbei . Er war zufrieden wie Einer , der einen wohl begründeten , gesicherten Besitz in ruhigem Lichte vor sich ausgebreitet sieht , aber er rückte unwillkürlich seinen Stuhl näher an Hildegard heran , als er es sonst gethan hatte , und seinen Arm auf die Lehne ihres Sessels gelegt , beugte er sich zu ihr hinüber , ihren fleißigen Händen zuzusehen , wie sie mit sicherem Finger die Blumen in den weißen Musselin einstickte , welcher zum Gesellschaftskleide der Mutter dienen sollte . Er hatte ihr selbst das Muster dazu aufgezeichnet . Hildegard , von seinem Athem warm berührt , wendete sich nach ihm hin , und wie sie die Augen zu ihm erhob , wie ihre Blicke sich so nahe begegneten und trafen , fuhr ihm ein elektrischer Strahl durch den ganzen Körper . Das Blut wallte , wie nie zuvor im Leben , heiß in ihm auf , stieg ihm in schnellem Fluge in die Wangen , und er wußte zuversichtlich , daß es Hildegard gerade so empfinden müsse , daß sie , obschon sie ihr Haupt gleich wieder auf ihre Arbeit niedersenkte , erglühe und erbebe , wie er selbst . Er hatte Mühe , ihre röthlichen Locken , die ihr über den schlanken Rücken bis zum Gürtel niederflossen und die er , ohne daß sie es bemerkte , mit vorsichtiger Hand berühren konnte , nicht an seine Lippen zu drücken ; er hielt sich jedoch zurück . Es war ihm so glücklich und so still ums Herz , wie in einem der Träume , in denen wir Wunder erleben , ohne uns über sie zu wundern , in denen wir unser märchenhaftes Glück ganz natürlich finden und in denen eine dunkle Ahnung uns doch von jedem selbstständigen Wollen und Thun zurückhält , weil wir durch jedes Regen oder Handeln den wohlthätigen Zauber , der uns umfängt , zu zerstören befürchten . Er hörte es , wie die Gräfin der jüngeren Tochter die Weisung gab , ihr das Buch von ihrem Arbeitstische zu holen , er sah , wie das vierzehnjährige rosige Mädchen sich erhob , und er kannte das Buch in seinem Einbande von blaßblauem Moirée . Es waren Novalis ' Gedichte , seine Hymnen an die Nacht . Des früh verstorbenen Dichters Mutter , eine nahe Anverwandte der Gräfin , hatte sie ihr verehrt , sie gehörten zu den Lieblingspoesien des Hauses . Man war von jeher gewohnt gewesen , etwas zu lesen , wenn Renatus kam . Eine Reihe von erhabenen Dichtwerken , von schönen Gedanken war auf diese Weise ihm und Hildegard gemeinsam zu eigen geworden , und jetzt , da man das Bekannte abermals mit einander durchging , um es der jüngeren Schwester zugänglich zu machen , genoß man es auf ' s Neue mit steigender Erkenntniß . Aber heute hatte Cäcilie schon eine geraume Zeit gelesen , ohne daß Renatus mehr als den sanften Schall ihrer Stimme vernommen hätte . Endlich trafen auch die Worte sein Ohr : » Du Nachtbegeistrung , Schlummer des Himmels kamst über mich ! « so las sie . » Die Gegend hob sich sacht empor , über der Gegend schwebte mein entbundener , neugeborener Geist . Zur Staubwolke wurde der Hügel , durch die Wolke sah ich die verklärten Züge der Geliebten . In ihren Augen ruhte die Ewigkeit ; ich faßte ihre Hände , und die Thränen wurden ein funkelndes , unzerreißliches Band . Jahrtausende zogen abwärts in die Ferne , wie Ungewitter . An ihrem Halse weint ' ich dem neuen Leben entzückende Thränen . Es war der erste , einzige Traum , und erst seitdem fühl ' ich ewigen unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht , die Geliebte ! « Renatus konnte die Fülle seiner Empfindung nicht bemeistern . Er stand auf und trat an das Fenster . » Unwandelbaren Glauben an den Himmel der Nacht und sein Licht , die Geliebte ! « wiederhallte es in seiner Seele . Der Mond schwamm wie ein goldener Kahn durch das helle Gewölk , der Jüngling meinte noch keine solche Nacht erlebt zu haben . Auch Hildegard hatte sich erhoben und sich zu ihm gesellt . Sie fragte ihn , wonach er ausschaue . Aber statt der Antwort legte er seine Hand auf die ihrige , die auf dem Fensterkissen ruhte . So blieben sie stehen in stillem Glücke , bis Cäcilie ihnen zurief , ob sie denn nicht wiederkommen würden , und die Gräfin ihnen den Vorschlag machte , etwas zu singen , wenn sie nicht mehr lesen möchten . Sie waren dazu bereit , denn ihre Stimmen paßten wohl zusammen und waren mit einander eingeübt . Hildegard öffnete das Clavier , Renatus suchte das Notenheft aus und wählte ein Matthisson ' sches Lied . Die Gräfin übernahm die Begleitung des zweistimmigen Gesanges . Hildegard hub an : Auf ewig dein ! Wenn Berg und Meere trennen , Wenn Stürme dräu ' n , Wenn Weste säuseln oder Wüsten brennen : Auf ewig dein ! fiel die schöne , kräftige Stimme des Jünglings ein . - Beim Kerzenglanz im stolzen Marmorsaale , Beim Silberschein Des Abendmonds im stillen Hirtenthale : Auf ewig dein ! Senkt einst mein Genius die Fackel nieder , Mich zu befrei ' n , Dann hallt ' s noch im gebrochnen Herzen wieder : Auf ewig dein ! Sie hatten das Lied schon oft gesungen , und doch erschien es beiden heute so neu , als hätte der Augenblick es eben erst in ihnen selbst erzeugt ; auch die Gräfin rührte es mehr als sonst , und sie belobte die Beiden . Inzwischen war es spät geworden , und Renatus sagte , daß er gehen müsse . Cäcilie wollte ihn zu bleiben bewegen , aber er ließ sich nicht zum längeren Verweilen bestimmen , und Hildegard nöthigte ihn auch nicht dazu . Ihre Herzen waren voll zum Ueberfließen . Als sie ihm das Geleite gab , küßte er ihr die Hand . Er hatte sie sonst oftmals umarmt , und sie hatte es ihm nie verwehrt . Heute hätte er das nicht vermocht ; denn heute hatte er es empfunden : er liebte Hildegard ! Sechstes Capitel Die Jahreszeit des Gartensaales war lange vorüber , und selbst der Besuch des Denkmals hatte seit Monaten aufgehört . Der Nordwind schüttelte die großen Tannen , die das Monument umstanden , daß der Schnee von ihren breiten Aesten in schweren , verstiebenden Flocken herniederfiel , und es war noch nicht lange nach vier Uhr , als Seba von dem Fenster ihres Wohnzimmers schon den Sonnenuntergang über ihren Lieblingsbäumen am Parke des andern Ufers betrachten konnte , deren kahle Kronen sich scharf und klar gegen das helle Gelbroth des kalten Winterhimmels abzeichneten . Aber sie hatte heute keine rechte Ruhe . Sie stand von Zeit zu Zeit von ihrem Sessel auf , sah zu , ob das Feuer in dem Ofen des Nebenzimmers brenne , dann wieder trat sie , von dem fernen Rollen eines Wagens gelockt , in der vorderen Stube an das Fenster , bis ihr Auge auf den Zeiger der Uhr fiel und sie belehrte , daß ihre ungeduldige Erwartung eine vorzeitige und ihr Wünschen nicht im Stande sei , den Lauf der Stunden zu beflügeln . Davide saß schreibend an dem Tische , an welchem sich endlich auch Seba mit einem Buche niederließ ; indeß sie merkte bald , daß ihre Gedanken sich nicht sammeln lassen wollten . Sie legte das Buch also wieder zur Seite und nahm eine Näharbeit zur Hand . Aber selbst diese Beschäftigung erwies sich heute zu ihrer Beruhigung nicht wirksam , und die klaren , klugen Augen auf sie gerichtet , blickte Davide die Tante , wie sie ihre Cousine bei dem zwischen ihnen obwaltenden Altersunterschiede zu nennen gewohnt war , eine Weile mit sinnendem Lächeln an . Als Seba das gewahrte , fragte sie , was Davide denke . Das junge Mädchen antwortete nicht gleich , sondern zeichnete spielend allerlei Figuren auf ein Blatt Papier , das vor ihr lag , und erst als Seba ihre Frage wiederholte , erwiederte sie zögernd und verlegen : Ich möchte nur wissen , liebe Tante , ob Du auch so ungeduldig sein würdest , wenn Du meine Ankunft zu erwarten hättest ? Zweifelst Du daran ? Davide legte die Feder nieder , stützte den hübschen Kopf mit beiden Händen und sagte darauf : Ja , das thue ich ! So muß ich Dir wiederholen , was ich Dir neulich schon bemerkte , daß Du Anlage zur Eifersucht hast und daß Eifersucht die Schwester des Neides und eine häßliche Gewohnheit ist ! Seba hatte das scherzend gesprochen , aber Davide nahm es nicht so auf . Sie wurde vielmehr ganz ernsthaft und versicherte mit einer unverkennbaren Selbstüberwindung , daß die Tante ihr Unrecht thue . Es ist nicht , meinte sie , daß ich Andern Deine Liebe nicht gönne , sondern nur , daß ich gleich wie eine Fremde , wie eine Ausgestoßene bin , wenn Ihr beisammen seid . Du hast ja sonst keine Geheimnisse mit andern Leuten ! Du sprichst mit ihnen offen und unumwunden , auch wenn ich dabei bin , fragst sie nach ihren Eltern und Geschwistern , und nur mit ihm wird eine Ausnahme gemacht ! Er ist wie ein Kind vom Hause , der Onkel und Du , Ihr liebt ihn , als gehörte er zu Euch ; Ihr nennt ihn Du , er nennt Dich eben so , und er ist doch kein Verwandter von uns , sondern nur ein Fremder ! Er geht mit mir , gleich seit er zum ersten Male zu uns kam , wie ein älterer Bruder um , er lobt mich und tadelt mich , als hätte er ein Recht dazu - Du findest das auch ganz in der Ordnung , und ich habe gewiß nichts dagegen , denn er ist ja so klug und so gut ! Aber so oft ich , seit ich über dergleichen Dinge nachdenke , ihn oder Dich in den letzten Jahren gefragt habe , wo er denn eigentlich her ist , wer seine Eltern sind , wie wir mit einander zusammen hangen , seid Ihr mir beide ausgewichen ! Keineswegs ! Ich habe Dir vielmehr sehr bestimmt gesagt , erinnerte Seba , daß Du ihn an seine Kindheit nicht erinnern mögest , weil sie nicht glücklich gewesen ist , und daß Du ihn aus demselben Grunde nicht um seine Familienverhältnisse befragen sollst . Er hat seine Mutter früh verloren . So ist es ja auch mir ergangen ! wendete Davide mit jener dreisten Beharrlichkeit ein , welche der Jugend niemals fehlt , wo sie durch Erforschung eines ihr verborgen Gehaltenen ihren Willen durchzusetzen und sich das Recht einer Mitwissenschaft zu erkaufen für nöthig hält . Ich habe meine arme Mutter auch früh verloren , aber ich habe es eben deshalb gern , wenn Du mir von ihr erzählst , oder wenn sonst Jemand , der sie gekannt hat , zu mir von ihr redet ! Mit Baron Renatus ist es eben so ; nur mit diesem Herrn Tremann soll es anders sein , nur mit ihm machst Du eine Ausnahme , und statt daß ich mich freuen sollte , wenn er kommt , denke ich also immer nur daran , daß Ihr mich noch wie ein kleines Kind behandelt und daß ich nicht einmal weiß , woher er stammt , den Du doch von allen Menschen , den Vater ausgenommen , am liebsten hast ! Der gereizte Ton in ihren Worten befremdete Seba . Es war das erste Mal , daß sie ihn an ihrer Pflegetochter zu beobachten hatte , und sie wußte sich die Quelle , aus welcher er entspringen konnte , nicht gleich zu erklären . Bloße Neugier konnte es nicht sein , die würde sich leichter und heiterer geäußert haben ; an die Eifersucht , mit welcher sie Davide so eben geneckt hatte , glaubte Seba eben so wenig ernsthaft ; aber wie man an einem reinen Spiegel keine Trübung dulden mag , lag es ihr daran , in des jungen Mädchens Seele keinen Zweifel und kein Mißtrauen aufkommen zu lassen , und sanft , wie es ihre Weise war , sagte sie : Du bist nicht offen mit mir , Davide ; Du sprichst dich in einen Zorn hinein , den Du vernünftiger Weise gar nicht fühlen kannst , und zeigst mir ein Mißtrauen , das noch weit thörichter ist , als jener Zorn . Du machst mir den Vorwurf , Dir etwas zu hinterhalten , was ich Dir möglicher Weise hinterhalten muß