, » ich bin ja noch ganz unwissend und habe nichts , als meinen guten Willen . Vergeben Sie mir also meine Frage : Was ist die Kirche ? « » Die Kirche , « entgegnete Pasqualina , » ist die Gemeinde aller Christen auf Erden , die durch das Bekenntnis desselben Glaubens und durch die Teilnahme an denselben Sakramenten vereinigt sind unter einem gemeinsamen Oberhaupt , dem Papst , als dem Nachfolger des heil . Petrus und den ihm untergeordneten Bischöfen , den Nachfolgern der übrigen Apostel . « » Und wer hat diese Kirche gestiftet und ihr diese Einrichtung gegeben ? « fragte Judith weiter . » Der Sohn Gottes , unser Erlöser , Jesus Christus , der alle Menschen bis zum Ende der Welt selig machen wollte , und deshalb diese Heilsanstalt gründete , welcher er seine Lehre , seine Gnadenmittel und seine Gewalt anvertraut , und ihr den Beistand des heiligen Geistes verliehen hat , um sie in den Stand zu setzen , den Auftrag auszuführen . « » Was würden Sie sagen , Signora , wenn ich mich einer der Sekten zuwendete , welche nicht den Papst als ihr Oberhaupt anerkennen ? « » Täten Sie das , bevor Sie mit der heiligen Kirche bekannt geworden wären : so würde ich traurig sagen , es habe Ihnen unfreiwilliger Weise die Erkenntnis der göttlichen Wahrheit gefehlt . Täten Sie es aber mit voller Erkenntnis , so hätten Sie sich freiwillig ausgeschlossen von Gottes Gnade in der Zeit und Gottes Glorie in der Ewigkeit und wären abgefallen zum Geist der Lüge . Aber ein so furchtbares Unglück widerfährt denen nicht , die , wie Sie von sich sagen , einen guten Willen haben . Wer Augen hat zu sehen und Ohren zu hören - und wer in reiner Absicht , nicht um irdischer Vorteile willen , die Offenbarung der göttlichen Wahrheit sucht , der findet sie auch . Das hat der göttliche Erlöser uns versprochen , indem er sagte : Suchet , und ihr werdet finden . Die heilige Kirche ist nicht etwas Unsichtbares , woran man vorübergehen könnte . Sie steht da , klar und einheitlich , immer dieselbe in der ganzen Welt . Welche Lehren der Liebe , welche Taten der Liebe hat sie aufzuweisen ! Sie ist ein übernatürliches Spital für alle Leiden der Seele ; der liebe Heiland ist der Arzt ; die Sakramente , die er aus seinem Blut bereitet - sind die Arzneien ; die Lehre , die von seinen gebenedeiten Lippen fließt - ist der Labetrunk ; seine Diener und Helfer , die Priester , sind die Krankenwärter ; die Kranken - das sind wir alle ! Einige lebensgefährlich , andere in der Agonie , andere genesend , frischer und kräftiger denn zuvor . Einige sind gesund : das sind die Heiligen ! die haben des heiligsten Blutes Wunderkraft in sich wirken lassen . Ein Genesender ist mein Lelio . Sie aber , Signora , wenn Sie das Sakrament der Taufe empfangen , dann werden Sie in Christo geheiligt , zum ewigen Leben wiedergeboren und durch die heiligmachende Gnade und die göttlichen Tugenden geistiger Weise umgeschaffen , ein Kind der Kirche , eine Tochter Gottes , ein Erbe des Himmelreiches ; das ist das Höchste , was der Mensch werden kann , und Dem entsagt keine gute , vernünftige Seele , um sich einer unvollkommenen Sekte anzuschließen . « » Es ist eine schwindelnde Höhe , « sagte Judith und schloß unwillkürlich ihre Augen . » Kann man sich dort halten ? « » Die Heiligen konnten es ! Durch das heilige Bußsakrament reinigten sie fort und fort ihr Gewissen von jedem Stäubchen und wurden mehr und mehr darüber erleuchtet , wie notwendig diese unausgesetzte Reinigung sei . Und durch das Sakrament des Altars empfingen sie in ihrer gereinigten Seele wahrhaft und wesenhaft den Leib des Herrn mit seiner Gottheit und verklärten Menschheit-und der brachte ihnen dann alle Gnaden , alle Kräfte welche sie nötig hatten , um in ihren Kämvfen zu siegen . Denn kämpfen mußten sie mit den heiligen Waffen der Abtötung und des Gebetes , tüchtig kämpfen , da es in heiliger Schrift heißt : Nur die Gewaltigen reißen das Himmelreich an sich . Unsereiner steht ja nun freilich ganz niedrig neben der Höhe der lieben Heiligen ; allein uns stehen ganz dieselben Gnadenmittel zu Gebot , um uns nach unserem Maßstab zu heiligen . Ist unsere Seele befleckt durch Sünde , so wascht der barmherzige göttliche Samaritan sie im Bußsakramente wieder rein ; und wird sie schwach und hinfällig in den tausend Prüfungen und Versuchungen , so speist er sie im Altarssakrament durch sein Fleisch und Blut ; und daß wir alle , die Heiligen wie die armen Sünder , an diesem heiligen Gastmahle Teil nehmen , wo unser Gott sich zur Speise unserer Seelen macht : das , Signora , stiftet eine so wundersame Liebesgemeinschaft zwischen ihm und seiner Kirche , daß man für ihn , den König und den Bräutigam , mit Freuden lebt und stirbt und Opfer bringt . « » Lelio hatte wohl Recht zu sagen , seine Mutter sei eine fromme , vortreffliche und kluge Frau . « sagte Judith . » Ob ich gut und fromm bin , weiß Gott allein ! « erwiderte Pasqualina . » Bin ich ' s - so wolle Gottes Gnade mich so erhalten bis zu meinem seligen Sterbestündlein . Klug aber bin ich gar nicht , Signora ! meine Klugheit steckt im Katechismus und in der Betrachtung des bitteren Leidens und Sterbens des Herrn . Im Katechismus stärke und erleuchte ich meinen Glauben und in der Betrachtung kräftige und erwärme ich meine Liebe . Das kann jeder haben ! « » Der danach verlangt ! « setzte Judith hinzu . » Aber nun noch eine Frage teure Signora ! Wenn ich katholisch bin - darf ich dann einen Akatholiken heiraten ? « » Bei uns zu Lande kommt , Gott Dank ! so etwas nicht vor ! Es muß ja etwas Entsetzliches sein , eine Ehe zu schließen , in welcher der eine Teil außerhalb der Glaubens- und Liebesgemeinschaft der Kirche stände . Es scheint mir unmöglich , daß eine solche Ehe anders , als aus frevelhaftem Leichtsinn geschlossen werden könnte ! Welche Gefahr für ihre Nachkommenschaft , in Gleichgültigkeit gegen den Glauben zu geraten , die Sakramente zu mißachten , oder wohl gar - o seligste Jungfrau ! der Gnadenmittel beraubt zu werden ! Welch ' katholisches Herz wäre im Stande , eine Ehe zu schließen , die arme unschuldige Kinder um die Seligkeit brächte , den Leib des Herrn zu empfangen , der unser Trost , unser Glück , unser Heil , unsere Liebe , unser ein und alles ist . O teuere Signora ! der Leib des Herrn in unseren Tabernakeln , auf unseren Altären - ist nicht bloß der Mittelpunkt unserer Glaubensgeheimnisse ; er ist der Grund unserer Liebe zu unserem Glauben und zu Dem , der vom Himmel kam , um ihn uns zu offenbaren . Wer an das hochheilige Geheimnis der Eucharistie glaubt , fühlt ein solches Erbarmen mit denen , welche nicht daran glauben , daß er ihnen diesen Glauben mit seinem Blut erkaufen möchte ; aber seinen Freund , aber seinen Gatten wählt er nicht unter ihnen sich aus , denn er weiß ja , daß sie die ewige Wahrheit , die uns zu unserem Heile und unserer Heiligung durch die Zeit in die Ewigkeit leitet , nicht besitzen . Und wer sie nicht besitzt - was hat der ? was weiß der ? was vermag der ? was liebt der ? « » Nichts ! « sagte Judith . » Er hat sein Ich , er weiß von seinem Ich , er liebt sein Ich - und das ist Nichts , wenn Gott selbst ihn nicht belehrt , was damit anzufangen sei ! Und diese Lehrerin der Menschheit ist die Kirche ; deren Mund ist der Priesterstand ; er verkündet die ewige Wahrheit ! O mein Gott ! ich werde auch in der ewigen Wahrheit leben und gerettet werden aus meiner Existenz des Scheines , der Verblendung und des Irrtums . « » Dann werden Sie aber auch den Gedanken fahren lassen , einen Akatholiken zur Ehe zu nehmen , nicht wahr , teure Signora ? « rief Pasqualina und ergriff innig Judith ' s Hand . » Das müssen Sie mir versprechen ! Nein , nicht mir ! der heiligen Mutter Gottes von den sieben Schmerzen müssen Sie es versprechen ! O , welche Gnade , Signora ! Sie sind eine Tochter des Volkes , aus dem Maria , die Gebenedeite unter den Weibern , als eine Lilie zwischen Dornen entsproß ! des Volkes , dem die Magdalena angehörte , die als eine große Sünderin dem Heiland zu Füßen fiel und als eine große Heilige wieder aufstand , gerechtfertigt durch ihre büßende Liebe . O , wie werden diese beiden Wunder der Gnade jetzt am Throne Gottes bitten für Sie , die Tochter Israels , die zu ihnen auf den Kalvarienberg sich flüchtet ! Aber auf den Kalvarienberg zu Jesus und Maria , zu Johannes und Magdalena kommt man nur durch das Kreuz - und das Kreuz ist Sinnbild jedes Opfers , welches aus heiliger Liebe gebracht wird . Also bringen Sie nur getrost Ihr kleines Opfer dem Gott , der ein so großes für Sie am Kreuz bringt ; und in dem Augenblick , wo Er Ihre Seele in seinem Blut rettet , betrüben Sie ihn nicht so sehr , um diese gerettete Seele eine Verbindung eingehen zu lassen , in welcher dies göttliche Blut verachtet und die Ehe nicht als ein Sakrament betrachtet wird . Das können Sie nicht tun ! das dürfen und werden Sie nicht tun ! Ach , versprechen Sie es der Mutter Gottes . Tut ' s Ihnen weh ? Ach , es hat auch der seligsten Jungfrau wehe getan , unter dem Kreuz zu stehen und ihren liebsten Sohn der Gerechtigkeit Gottes zum Opfer zu bringen . Gibt es Ihnen einen Stich durch ' s Herz ? Ach ! ihr Schmerz war so groß , als ob ihr sieben Schwerter auf einmal das Herz durchbohrten . Das sollte so sein , damit sie Mitleid habe mit dem Jammer der ganzen Welt . Die Königin der Schmerzen mußte sie sein , um die Trösterin der Betrübten werden zu können . O , fürchten Sie nicht das Herzeleid eines Opfers ! Maria steht Ihnen bei ! Maria hält Sie und lehnt Sie sanft an das Kreuz ihres lieben Sohnes .... und das rosenfarbene Blut aus den heiligsten fünf Wunden überrieselt Sie und heilt wie Balsam alle Wunden Ihres Herzens zu . « Immer inniger und zärtlicher , und endlich unter strömenden Tränen hatte Pasqualina gesprochen und so mütterlich schaute sie mit ihrem seelenvollen Auge Judith an , daß diese ganz überwältigt von einer so neuen , so ungeahnten Liebe , ihre Arme um Pasqualinas Nacken schlang und ihre Stirn auf deren Schulter lehnte und leise sagte : » Ach , wie ist mir bei Ihnen so wohl ! « » Ich habe heute auch den Leib des Herrn empfangen , « entgegnete Pasqualina freudig gerührt und demütig . » Diese Liebe zu den Seelen , diese Teilnahme für Seelen , dies Verlangen , Seelen für Gott zu retten , öffnet mir den Einblick in eine ganz fremde Welt , « sagte Judith und richtete sich nachdenkend auf . » In die Welt der Erlösung , « setzte Pasqualina hinzu , » in der man an allen Seelen das Ebenbild Gottes und das Blut Jesu gewahr wird - oder werden möchte . « » Nun muß ich fort ! « sagte Judith tief erseufzend ; » aber ich habe noch einige Bitten . Geben Sie mir das Buch , das Sie so himmlisch klug macht . « » Den Katechismus ? gern ! « erwiderte Pasqualina und holte ein kleines Buch aus dem Auszug des Tisches , auf dem ihre Näharbeit lag . » Dies kleine Buch enthält die geoffenbarten Wahrheiten unserer heiligen Religion , wie die Kirche Christi , die vom heiligen Geist regiert und erleuchtet wird , sie lehrt . « Judith schlug das Büchlein auf und las auf der ersten Seite die Frage : » Wozu bist du auf Erden ? « - Und darunter die Antwort » Um Gott zu erkennen , ihn zu lieben , ihm zu dienen und dadurch in den Himmel zu kommen . « Judith machte das Buch zu und rief : » Damit ist alles gesagt ! dadurch erfährt man , was Wahrheit - was Liebe - was Glück ist . Und wahrlich , Signora ! das spricht der heilige Geist ! denn so lange die Welt steht , hat der Menschengeist so nicht gesprochen . « Sie steckte das Buch zu sich , nahm ihre Börse und sagte : » Signora , ich bin hier fremd ! Sie werden gewiß einige Notleidende kennen , denen man mit Gold helfen kann . Wollen Sie das tun ? « » Ich werde die Börse unserem Herrn Pfarrer bringen , « entgegnete Pasqualina ; » der versteht sich auf ' s Almosengeben und wird Sie in ein frommes Gebet einschließen . Ich werde ihn bitten , Maria della pace für Sie anzurufen , damit der unzerstörbare Friede des Glaubens Ihre Seele erfülle . « » Endlich , bitten Sie Ihren Sohn , daß er mir seinen Freund zusende , den jungen Geistlichen . « » Meinen Sie den Abbate , Don Cinthio ? « » Ich weiß seinen Namen nicht ! es ist ein hoher schlanker , blonder junger Mann « » Ganz recht ! mit einem engelhaften Ausdruck und einem fremden Accent - Don Cinthio ! « » Ich lasse also Don Cinthio zu mir bitten . « » Aber zu wem , Signora ? « » Zur Judith ! das Übrige weiß Ihr Sohn ! Und beten Sie für mich ! « Sie umarmte Pasqualina und eilte fort - fort zur Kirche Maria della pace ; doch nicht um Raphaels Sibyllen zu bewundern , sondern um zu überlegen , was sie gehört , und was sie zu tun habe . Was sie gehört ? o wie war das schön , lieblich , klar ! wie quoll das in ihre durstige Seele , als ein warmer Mairegen in sprödes Erdreich , als weiche Frühlingsluft um den starren Baum ! Welch ein Reichtum des Daseins , welche Fülle des Lebens tat sich vor ihr auf in dieser Liebe die von der Liebe Gottes entzündet - in dieser Wahrheit , die von dem Geist Gottes durchleuchtet - in diesem Glück das in der Vereinigung mit Gott gefunden wird . Das ist ' s ! das ist ' s ! das ist ' s ! frohlockte ihr Herz in einem Jubel , der nicht enden wollte . Und was sie zu tun habe ? .... o das war zuerst auch ganz einfach und leicht : die Taufe empfangen im Blut Jesu ! Aber dann ? Sie schauderte . Nicht weil sie ein Opfer zu bringen hatte ; denn es schien ihr kaum ein Opfer zu sein , einen Menschen aufzugeben , um Gott zu gewinnen . Aber weil sie nicht wußte , wie sie sich von Orest losmachen sollte . Sie hatte ihn so weit gebracht , daß er gleichsam einen Todessprung machen wollte , um zu ihrem Besitz zu gelangen - und nun sollte sie ihm Halt ! zurufen und sagen : Es ist aus und vorbei zwischen uns . Wie wird er das aufnehmen - jetzt , wo alles für ihn auf dem Spiele steht und wo er in einer Spannung und Aufgeregtheit sich befindet , wie der Spieler , über dessen ganzes Vermögen der nächste Würfelfall entscheidet . Und wenn es mich das Leben kostete , sagte Judith schaudernd zu sich selbst , ich kann nicht Gräfin Windeck werden - und ich muß mich von Orests Seite auf alles gefaßt machen . O nur erst die Taufe ! die Taufe , daß mich die heiligmachende Gnade zu einem Kinde der Kirche , einer Tochter Gottes und Erbin des Himmelreiches mache : dann ist meine Seele gerettet ! und bringt Orest mich um ' s Leben , wie ich das verdient habe , so weiß ich doch , daß ich im Blut Jesu von meinen Sünden gereinigt und eine erlöste und für die Ewigkeit gerettete Seele bin . Wie hat jene große Büßerin Thais gebetet ? O du , der du mich erschaffen hast , erbarme dich meiner ! Ihr Herz brach in Tränen und mehrmals wiederholte sie : Erbarme dich meiner ! Ihr ganzes Leben zog an ihrem inneren Auge vorüber . Was sah sie ? kalte Selbstsucht ! kalten Hochmut ! Nie habe ich etwas anderes geliebt , als mich selbst - oder anderes .... meinetwegen ! wimmerte sie leise ; nie ein Opfer gebracht , nie fremdes Glück höher angeschlagen als das meine ! Vor dem Altar des heiligsten Sakramentes war sie auf die Knie gesunken . Da lag sie auf dem Marmorboden und hob weinend ihre Hände empor und streckte die Arme aus zum Tabernakel und seufzte : Wohnst du da , du Gott der ewigen Wahrheit und der ewigen Liebe , so erbarme dich meiner und laß mich dich finden denn ich verschmachte nach Liebe und Wahrheit , und weiß nicht , wo auf Erden ich sie suchen könnte , als bei dir . Niemand störte die Beterin ; niemand sah hin zu ihr . Der warmherzige Südländer begreift , daß die Andacht ebenso gut wie jede andere lebhafte Empfindung - ihre Sprache ihren Ausdruck , ihre Geberden habe . Ein junger Geistlicher , der häufig vor diesem Altar sein Brevier betete , zog sich leise zurück . Er glaubte Judiths Gestalt trotz ihres einfachen Anzuges zu erkennen . Ihr Gesicht war verschleiert . Vor dem Mutter-Gottesaltar kniete er nieder und flüsterte in seliger Hoffnungsfreude : » Wenn sie es ist , so ist sie gerettet .... denn sie betet .... und betet in Tränen . Heilige Maria , Königin des Friedens bitte um Frieden für diese arme ruhelose Seele . « Nach einer dreistündigen Abwesenheit kam Judith gefaßt zu Hause ; aber ihre Kammerfrau stürzte ihr entgegen und rief » Gott Dank , da sind Sie ! Hat der Herr Graf Sie gefunden ? er streift in der Stadt umher , um Sie zu suchen . Die Villa Borghese hat er schon durchjagt und kam verzweiflungsvoll vorgefahren , um zu fragen , ob Sie inzwischen vielleicht angelangt wären . « » Der Herr Graf ist allzu gütig ! « unterbrach Judith den Strom der Mitteilung . » Ist sonst nichts vorgefallen ? « Die Kammerfrau gab ihr einen Brief und setzte hinzu , das kleine Mädchen , das denselben gebracht habe , werde im Laufe des Nachmittags die Antwort holen . Judith ging mit dem Brief in ihr Zimmer und erbrach ihn ziemlich gleichgültig . Er war in französischer Sprache , Handschrift und Papier höchst elegant - und ohne Unterschrift . Sie las mit wachsender Spannung : » Signora ! Da Sie dem höchsten Glück entgegen gehen , welches einem Menschen zu Teil werden kann , indem Sie das Sakrament der Taufe empfangen : so glaube ich , daß Sie umsomehr von fremdem Leid gerührt sein werden . Meine Verhältnisse sind der Art , daß ich Sie nicht aufsuchen kann und doch das heißeste Verlangen habe , Sie zu sprechen . Das Ungewöhnliche meiner Bitte sagt Ihnen deutlicher als tausend Worte , wie wichtig mir ein Gespräch mit Ihnen wäre . Ich bitte also , Signora , daß Sie die Güte haben möchten , mir Tag und Stunde zu bestimmen , wo ich Sie im Kloster der Damen vom Sacre Coeur zu Trinità dei Monti auf dem Pincio erwarten dürfte . Ihr Name , an der Pforte genannt , wird Ihnen Einlaß geben . Je näher der Tag und je früher die Stunde , desto lieber wär ' es mir . Ich bitte nur um zwei Worte mit Ihrer Bestimmung , Signora ; aber ich bitte um des Blutes Jesu willen , das Ihrer Seele , zur Freude aller Kinder der heiligen Kirche , die Fülle der Gnaden bringen wird . « Judith las den Brief dreimal von Anfang bis zu Ende durch ; da ihr aber nicht die leiseste Ahnung kommen wollte , wer die Schreiberin sein könne , die von ihrem Vorhaben wisse und sich eben so sehr darüber freue , wie Signora Pasqualina , so setzte sie sich rasch hin , schrieb die Worte : » Morgen früh um sieben Uhr wird I. M. an der Pforte des bezeichneten Klosters sein ; « siegelte das Blatt ein und gab es ihrer Kammerfrau für die kleine Botin . Kaum war sie damit fertig , so hörte sie im Salon Orests hastigen Schritt . Sie eilte ihm entgegen , gab ihm die Hand und sagte freundlich : » Ich danke Ihnen gar nicht für Ihre Sorge , denn Sie werden ja ganz dadurch verstört . « Er sah in der Tat so leichenblaß und verstört aus , daß sie Mühe hatte , ihre heimliche Angst zu unterdrücken . » Woher kommen Sie denn eigentlich ? und was dachten Sie überhaupt ? « fragte sie beklommen , da er gar nichts sagte , sondern nur ihre Hände hielt und küßte und an seine Stirn und auf seine Augen legte , wie um sich zu überzeugen , daß sie wieder da sei ! daß sie es sei . » Werd ' ich nicht erfahren was Sie in diesen Zustand von Aufregung versetzt hat ? « fragte sie abermals . » Judith verschwindet - und ich soll nicht aus der Fassung kommen ! « rief Orest . » Verschwindet ! .... ich hatte armen Leuten Geld zu geben und war in einer Kirche ; nennen Sie das - verschwinden ! « entgegnete Judith . » Der Morgen verging - und Sie kamen nicht wieder ! da suchte ich Sie in der Villa Borghese und als ich Sie nicht fand - in der Villa Pamfili , weil ich ja weiß , daß Sie dort gern unter den Pinien wandeln . Aber Sie waren auch da nicht - und nun kam mir der gräßliche Gedanke in den Sinn .... Sie wären entführt , wären mir entrissen . « .. » Welche Torheit , teurer Orest ! « unterbrach ihn Judith ; » Entführungen sind nicht römische Sitte ! man muß doch immer bei Besinnung bleiben . « » Nicht bei dem Gedanken , daß ich Dich verlieren könnte ! « brach Orest stürmisch aus . » Was wäre die Liebe , wenn das Herz dabei kalt bliebe ! ... wenn es sich nicht sträubte , wie gegen den Tod , gegen einen solchen Verlust . O Judith ! Geliebte ! die ganze Welt hat sich wider unser Glück verschworen ! ich kann hier freilich protestantisch werden ; allein meine Ehescheidung muß ich in meiner Heimat betreiben . Das gibt unabsehbare Verzögerungen . O laß uns fliehen ! laß uns auf irgend einer paradiesischen Stätte des Orients die Welt vergessen . « » Gott will es nicht ! « unterbrach sie ihn . Aber sie , die doch sonst so mutig war , hatte nicht den Mut , ihm zu sagen , welchen Umfang sie diesem Ausruf gab . Sie fürchtete sich vor Orest . Sie , die Stolze , die ihren Triumph darin gefunden hatte , seine Leidenschaft so zu steigern , daß er nicht mehr deren Herr war ; die gewähnt hatte , sie sei jetzt die Königin und Beherrscherin seines Glückes und seines Schicksals , weil sie sein Idol war : ach , sie mußte jetzt erfahren , daß sie gerade dadurch abhängig von ihm und die beängstigte Sklavin seiner entfesselten Leidenschaft geworden sei . » Kaltes Herz ! « rief Orest vorwurfsvoll . » Man liebt wie man kann ! « sagte sie kühl . » Sei es ! liebe mich wie Du kannst ... aber liebe mich , Judith ! « rief Orest zu ihren Füßen sinkend . » O , ich fange wirklich an , Sie zu lieben ! « sagte sie mit einem so eigentümlichen Ausdruck , daß Orest sich über deren innerste Bedeutung täuschte und jubelnd rief : » Dann werde ich selig sein . « » Ich habe vor einiger Zeit mit einem Geistlichen hinsichtlich meiner Taufe gesprochen ; « nahm Judith das Wort , um alle Liebesbeteuerungen abzuschneiden , die auf Orest ' s Lippen schwebten . » Jetzt , da meine Verpflichtungen an hiesiger Oper zu Ende sind , will ich mich etwas gründlicher mit der Lehre beschäftigen , der ich mich zuwende . « » Nur nicht zu viel ! « rief Orest . » Die Hauptlehre in allen Religionen ist die : Gott ist die Liebe . Das muß man festhalten und alles , was dem widerspricht - wegwerfen . « » Ja , « sagte Judith ernst , » so habe auch ich den Kern des Christentums verstanden . « » Und bleib ' dabei , Geliebte ! laß Dich nicht ein auf dogmatische Auseinandersetzungen , auf scholastische Erklärungen , welche dieser einfachen , verständlichen , unserem Begriff vom höchsten Wesen entsprechenden Lehre , eine teils übertriebene , teils verkehrte Anwendung geben möchten , um die Gewissen in ängstlicher Abhängigkeit zu halten ! Gott ist die Liebe : damit kommt man durch die Welt . « » Aber wohin ? « fragte Judith gedankenvoll und ihr Sinn flog weit hinweg über die Staubeswelt . » Wohin ? « rief Orest , sie mißverstehend . » Nun , zum Ziel ! zum Glück .... zum Glück der Liebe . « » Das ist ein großes Wort ! « sagte sie : » Glück der Liebe - unser Ziel ! « So sprach jeder von seinem Standpunkt aus und keiner verstand den anderen . Es war eine Kluft zwischen ihnen aufgetan . Am Abend fand sich bei Judith mit einigen anderen Personen auch der Marquis d ' Avallon ein , der sie in der Villa Diodati besucht hatte . » Das ist ja die verkehrte Welt , nach dem Karneval in Rom einzutreffen ! « sagte Judith ihn begrüßend . » Dann hab ' ich ja ganz absichtslos etwas sehr Passendes getan , « entgegnete er ; » Verkehrtes schickt sich in unsere verkehrte Welt ! Geschieht einmal etwas Vernünftiges , so findet es keinen Platz , keinen Anklang , keine Heimat , keine Sympathie . « » Ah , Sie haben gewiß etwas enorm Vernünftiges getan , seit wir uns am Genfersee sahen , Herr Marquis ! « rief Judith lächelnd . » Dies Glück .... oder Unglück hatte ich nicht , Signora ; aber ich hab ' inzwischen jemand gesehen , der es hatte und der mir allerdings interessanter war , als die höchst interessanten Ruinen römischer Baukunst im südlichen Frankreich , die ich so eben studiert habe , um sie mit den Ruinen Roms zu vergleichen . « » Abermals eine Verkehrtheit ! « warf Judith ein . » Rousseau vergaß die Huldin seines Herzens über dem Pont du Gard : Marquis d ' Avallon vergißt den Pont du Gard über ? .... « » Über einen unbeschuhten Karmeliten , Signora . « Ein herzliches Gelächter antwortete von allen Seiten dem Marquis . » Dies ist beispiellos in der Geschichte der Menschheit ! « sagte Madame Miranes . » Wenn es eine Karmelitesse wäre ! « rief Orest . » So wäre das freilich keine Verkehrtheit , « sagte der Marquis . » Aber es ist nun einmal ein Karmelit ! und sollten Sie , Signora , nie etwas von diesem Pater Augustin vom heiligen Sakrament gehört haben ? « » Keine Silbe ! und weshalb denn ich ? « sagte sie erstaunt . » Als auf der Sonnenhöhe der Berühmtheit Liszt in Europa seine Kunstreisen machte , begleitete ihn zuweilen ein junger Mensch von brillantem musikalischen Talent , der Herrmann hieß . « » Ich erinnere mich seiner aus Paris ! « rief Madame Miranes . » Ja , ja ! Herrmann ! ein junges , ziemlich insolentes Bürschlein , aber ein Lieblingsschüler Liszt ' s , wegen seines eminenten Talents ! « » Mit seinem vollen Namen hieß er Herrmann Cohen und war der Sohn eines jüdischen Kaufmanns aus Hamburg , « sagte der Marquis . » Er - und der unbeschuhte Karmelit , Pater Augustin vom heiligen Sakrament , sind eine und dieselbe Person ; und ich hörte ihn in Bordeaux predigen . Er machte einen merkwürdigen Eindruck auf all ' seine Zuhörer . Er stellte in seiner Predigt , die er am Tage der Bekehrung des Apostels Paulus hielt , viel lebendiger noch durch sich selbst , als durch seine feurigen und beredten Worte die Bekehrung des Saulus zum Paulus dar . Zum Zeichen seiner Macht über die widerstrebendsten Geister unter den Kindern Israels stellt Gott solche Menschen wie Denksteine in der Welt auf . Welch eine übermenschliche Seelenstärke und Liebe zur Tugend gehört dazu , um einen Menschen aus dem ungebundenen Rausch eines glänzenden , vielfach bewegten Lebens in den Habit und die Zelle des Karmeliten zu führen . « » Was muß Gott sein .... für die , die ihn lieben ! « sagte Judith . » Das ist ' s ! « rief der Marquis überrascht . » Signora , Sie verstehen alles .... wie eine gewiegte Katholikin ! « » Es gibt nun einmal solche Menschen , die ihre Freuden da finden , wo wir verzweifeln müßten , « sagte Orest . » Ich habe ja ein solches Beispiel an meiner Cousine erlebt . Ein bildschönes , liebenswürdiges Mädchen begräbt sich bei zweiundzwanzig Jahren im Kloster der Karmelitessen . Man faßt , man begreift so etwas gar nicht .