- die Beichte spricht ... Lasset euch beide das , was ihr heute erlebtet , eine Uebung sein , die Gefahren - des Geistes kennen zu lernen ! Helfen Sie sich einander redlich beim Straucheln ! Bestärken Sie sich in der Geringschätzung des Gedankenaustausches ! Da liegt der Thomas a Kempis ; das goldene Buch der bewußten , ja mit Stolz bekannten Geisteseinfalt ! Oder lesen wir eine Stelle des heiligen Gregor ... Der Kirchenfürst nahm ein Gebetbuch und las mit lauter Stimme : » Wenn ich mir die Büßerin Magdalena vergegenwärtige , so möcht ' ich eher weinen , als reden und bekennen ! ... Denn sind nicht die Thränen dieser Sünderin mächtig genug , auch ein steinern Herz zur Buße zu erweichen ? Sie bedachte ihren vergangenen Lebenswandel und konnte sich in ihrem reuevollen Thränenbekenntniß kein Maß vorschreiben . In das Gastzimmer trat sie zur Zeit des Mahls , sie kam ungerufen , und während des Mahls brachte sie ein Thränenopfer . Lernet , von welchem Schmerz sie gefoltert ward , daß sie auch während der Zeit des fröhlichen Mahls der Thränen sich nicht schämte ! Siehe ! Weil dies Weib ihre Befleckungen und Laster erkannte , eilte sie in glühender Sehnsucht nach Reinigung zum Urquell der Barmherzigkeit und scheute nicht die Gegenwart der Gäste . Da sie vor ihrer eigenen Häßlichkeit erröthete , konnte die Scham von außen , sie nicht entmuthigen . Was , meine Brüder , sollen wir nun mehr bewundern , die im Gastzimmer erscheinende Magdalena oder den Herrn , der sie gnädig aufnahm ? Soll ich sagen : aufnahm ? - nicht vielmehr : durch seine Gnade an sich zog ? Ich will am liebsten beides sagen . Es ist derselbe , der sie innerlich anzog durch seine Barmherzigkeit und derselbe , der sie äußerlich mit aller Sanftmuth aufnahm . « Jetzt legte der Kirchenfürst das Buch zur Seite , neben sein inzwischen erkaltetes Tabacksrohr , neben den noch unerbrochenen Brief seines Königs , dann entließ er beide mit einer Handbewegung , die ausdrückte , daß er ihnen den Segen ertheilte und den Gewinn zweier Seelen für sein Gottesreich höher hielt , als alles Reden und Handeln und Drohen der Mächtigsten der Erde . Im Vorzimmer war es still geworden ... Der Kaplan begleitete den Mönch und den Pfarrer bis an die Ausgangsthür . In seinem demüthigen Gruße lagen die Worte : Was auch zwischen euch dreien soeben drinnen geschehen ist - Alles - zur größern Ehre Gottes ! ... . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wohl hätte Heinrich Klingsohr draußen in freier Luft aufschreien mögen wie mit wiedererwachtem Titanentrotz . Seine Brust hob sich , seine Augen standen starr aus den Höhlen , er hatte auf der Zunge Worte nicht der Verwünschung seines Geschickes , nicht der Anklage seines Berufes , nicht der Anklage des Kirchenfürsten , - nur dem Jammer seines Innern hätte er Worte leihen mögen , sich vergleichen mit dem gefangenen , an seinen Flügeln niedergehaltenen , auf dem Rücken liegenden Vogel vom gestrigen Morgen , sich rechtfertigen gegen den falschen Schein , der sich um ihn breitete in Gegenwart eines Mannes , den er zu schätzen anfing , er , der niemanden anerkannte außer dem , der ihm durch etwas imponirte , etwa - die Kunst , eine Nachtigall nachzuahmen ! Aber nicht einmal zu der Auseinandersetzung war ihm Gelegenheit gegeben , zu sagen : Warum bleiben Sie nicht sogleich in dieser Stadt ? Warum haben Sie nicht schon jetzt die Erlaubniß des Beichtstuhls ! Alles , alles möcht ' ich Ihnen bekennen ! ... Fiebernd lief es durch seine Seele : Ich möchte sagen , wie mich gestern die unwiderstehlichste Sehnsucht ergriff , nach dem Leben und den Schicksalen eines Mädchens zu fragen , das einst mir das Leben und dann den Tod gegeben ! Ich wechselte mein Kleid , ich wurde ermuntert dazu von einer Jüdin , die mir unser ganzes Dasein als einen einzigen großen Mummenschanz darstellte , wurde ermuntert dazu durch einen Schwur » bei dem Gotte Spinoza ' s « und durch die Versicherung , ich dürfte auf die Verschwiegenheit dieses Mädchens bauen ... Wer war der Verräther ! ... Wer war es , der des Nachts , so ruhelos wie ich , dahin irren konnte ? ... Ja , ich war auf der obersten Galerie des Theaters ! Dort , in eine Ecke gedrückt sah ich jene Frau spielen , die einen edeln Menschen auf ihrer Seele hat - sah die Kinder springen , die ich oft auf dem Schoose gehalten und für welche Lucinde arbeitete , sich mühte und entbehrte , wie eine zum Magddienst sich verurtheilende Königin ... Das Haus war menschenleer ... aber nicht so öde war es , als das Gefühl meines Daseins ... ich irrte in den Straßen , sah nicht die Spione , die mich verfolgten , vergaß die Ordnung des Hauses , das ich mit vielen andern bewohne , bestieg die Stufen des Gasthauses zum Lamm , kehre schaudernd um , aber um mich her sah ich nichts als Lucinden , sah sie mit phantastischen Blumen bekränzt , sah sie im langen Kleide hoch zu Roß - mir winken - Himmel und Erde ! Ich wage Ehre und Freiheit und mein ganzes Leben , um nur fragen zu können : Wo ist Sie ? Was wurde aus Ihr ? ... Zitternd steig ' ich zu der Frau empor , an deren Herz zu glauben ich nicht die mindeste Berechtigung hatte , aber ich zwinge mich dazu ... Aber auch sie verrieth mich nicht ! Sie schwur ' s mir bei dem Andenken Serlo ' s , obgleich der , wie sie sonst und jetzt sagte , schuld gewesen wäre an ihrem ganzen verfehlten Dasein ... Ich finde diese Menschen , klein wie immer , geringfühlend wie immer , voll Zorn über die Leere des Theaters , voll Hohn über das Ausbleiben des Beifalls ... aber vor ihnen steht dennoch ein köstliches Mahl , liegt eine Rolle Geld ... eine Sendung war es von Lucinden ... Sie ist hier ! Hier in dieser selben Stadt .... Und da sollt ' ich nun auf und davon ? Sollte nicht verweilen , lauschen , horchen - aus meiner begrabenen Welt ! ... Sollte nicht vertrauen , daß Menschen , die durch die Schule des Geschicks so tief gedemüthigt waren , daß sie sogar Konstanzen Huber , wie sich Lucinde genannt , das Wort gaben , sie nirgends zu kennen und sofort diese Stadt zu verlassen und auf die Woge des Lebens zurückzukehren ( was sie hätte und erwürbe und theilen könnte , hatte sie geschrieben , sollte ihnen , wenn sie wollten und wo sie wollten , gehören ) ... sollte nicht vertrauen , daß durch Geld und Mitleid gewonnen , diese Menschen mich nicht verriethen ... Ich wäre geblieben bis zum Hahnenschrei ! Ich hätte geredet und geträumt , wenn mich nicht die Erzählung von unserm Abschied einst in Lüneburg zur Besinnung gebracht und an das Portefeuille erinnert hätte , das ich plötzlich mich erinnere , in meinem Ordenskleide gelassen zu haben ... Nun , wie zerschmettert schon von einer Strafe des Himmels , wank ' ich davon ... Rings die stille Nacht - bis ich zurückkäme versprach mir die jüdische Sibylle zu wachen ... ich finde sie ... lesend - im Spinoza , einem Geschenk eines Priesters Namens Leo Perl ... wir suchen und suchen das Portefeuille - es findet sich nicht ... Mitternacht ist vorüber ... die Jüdin gibt mir Geld , um den Wächter des Profeßhauses bestechen zu können ... einen neuen , noch willfährigen Knecht ... Wie sie das Geld klingen läßt und sagt : Pater , Ihr wißt nicht , welche Freude ich habe , der Kirche einen Heiligen zu stehlen und Gott einen Menschen zu schenken ! da wank ' ich dahin , komme in meine Wohnung , glaube unbemerkt geblieben zu sein , werde in der Frühe zum Kirchenfürsten gerufen , ahne die Kunde von meinem Vergehen und kam , bereit zu sagen : Tödtet mich , wenn ihr wollt ! Ich konnte nicht anders ! Wie beide Leviten so dahinschritten , näherten sie sich der Kathedrale . Sie traten in den majestätischen Bau , unter Menschen , die nichts von ihrem Seelenleid ahnten , nichts von der Gebundenheit ihres Willens und ihrer Sinne ... Da entdeckte Bonaventura in einiger Entfernung , in einer Nische , die vom hellsten Sonnenlicht , das durch die bunten Fenster brach , beschienen war , in einer Gruppe , die sich laut und wie es schien in fremder Sprache unterhielt , eine Gestalt , die ihn jetzt im erhöhten Grade erschrecken mußte ... Nur ihren Rücken sah er . Sie stand in schwarzseidenem Kleide , dunkelm Hute , sprach mit den Fremden , die dem Volk anzugehören schienen ; es war ihm , als könnte es nur Lucinde sein ... Der Mönch las mechanisch die Inschriften der Leichensteine ... Bonaventura hätte ihn aus dem Wege zu jener Fensternische fortziehen mögen ... Der Mönch schritt in sich versunken und lesend an den Leichensteinen weiter und zu jener Gegend hin , ohne auf ihn zu hören ... Schon waren sie der Nische so nahe , daß die drinnen geführte Unterhaltung gehört werden konnte ... Sie wurde in italienischer Sprache geführt ... Zwei Männer , der eine in kurzer Jacke , der andere wohlangethan , mit einigen jungen Leuten , einem Mädchen darunter , sprachen bald zu den Bildern des Fensters gewandt , bald zu jener Dame in dem schwarzen Kleide ... Es war Lucinde ... Bonaventura hörte es an ihrer Stimme ... er hatte auch neulich von den Italienern , von dem Gipsfigurenhändler und seinen Kindern gehört ... Der Mönch schreitet näher , hält einen Augenblick inne , horcht den italienischen Lauten und saugt sie voll Begierde ein , wie Duft aus dem Lande der Palmen ... Jetzt wendet sich Lucinde und wird auch seiner ansichtig ... Wir wissen , daß sie zum Tod erschrecken kann ohne das mindeste Zucken der Augenwimpern ... Blaß und marmorkalt mustert sie die beiden Daherkommenden : den Mönch , den sie schon um der Seltsamkeit seiner Tracht willen erkennen mußte ; Bonaventura , vor dem sie in diesem Augenblick durch die Enthüllung ihrer Beziehung zu seinem Begleiter glauben durfte , alles zu verlieren ... Der Mönch hört seinen Anruf nicht und liest nur die Inschriften der Leichensteine ... Auf den jetzt ihn treffenden Blick und den sich verneigenden Gruß Lucindens hatte sich Bonaventura sammeln können . Sonderbar , auch die Tochter des Italieners schien ihn zu kennen , die ihm doch fremd war ... Mit einer hastigen Geberde deutete sie auf ihn und flüsterte mit dem Vater und mit den Brüdern ... Bei alledem hatte Lucinde den Pfarrer gegrüßt , ganz ehrerbietig zu ihm aufblickend . Vor dem Mönche aber schlug sie die Wimpern nieder ... Eine Italienerin vermuthet dieser ... ohnehin mühsam dahinschreitend , hält er einen Augenblick inne ... und jetzt wie festgewurzelt steht er und sicher hätte er durch einen lauten Ruf sein Erschrecken kund gegeben , wenn nicht Bonaventura , die Wirkung dieser Wiederbegegnung vorahnend , seinen Arm ergriffen und ihn von dannen geführt hätte . Mühsam folgt Klingsohr . Das lange weite Gewand schleift an der Erde nach . Die Knie brechen dem Gefolterten . Glücklicherweise sind beide einer Kapelle nahe , in der eben Messe gelesen wird . Beide knieen und mögen schwerlich beten können ... falls nicht das Gebet ein Zwiegespräch der Seele mit sich selber ist . Als sie sich erhoben und Bonaventura draußen im Freien fragt : Sie kannten jene Dame ? darf der Mönch nur erwidern : Nein oder ja ! Er erwidert : Ja ! - Es war ein Wort wie ein Menschenleben . Auf seinem Zimmer fand dann Bonaventura , als er nach dem seltsamsten Selbander von der Welt gegen Mittag nach Hause gekommen , gleich beim Eintreten auf seinem Schreibtisch einen Brief , den ihm Renate aus St.-Wolfgang nachgesandt . Er hatte ihr wol das Ansehen einer großen Wichtigkeit gehabt , denn er war mit Poststempeln über und über bedeckt . Bonaventura erbrach und las : Sub sigillo confessionis . Quando quis tibi occurrit sidei romanae sacerdos ... Wir kennen die räthselhafte Einladung , die auch an den Dechanten ergangen war . Wer weiß , ob dieser jetzt , wie er über die Berufung des geliebten Neffen durch die Römlinge zitterte , nicht ebenso von Bangen wäre ergriffen gewesen , hätte er das leuchtende Auge gesehen , mit dem Bonaventura diese Zeilen las und wieder las und sich nicht trennen konnte von den Worten : » Der nicht den Tod eines Huß , Savonarola , Arnold von Brescia scheuen würde , um die Kirche von ihren Fehlern zu reinigen ! « Freiheit ! Freiheit ! riefen tausend Stimmen in seiner Brust . Alle Creatur schien ihm zu schmachten nach Erlösung . Die gefesselte Zunge der ganzen Menschheit schien ihm nach Sprache zu ringen ... Er bewunderte den Kirchenfürsten ; aber seine Ideale wankten . Er verzweifelte an der Kraft , in den großen Vorstellungen von seinem Beruf , die ihn sonst wie mit Cherubsflügeln emporgehalten , ein ganzes Leben lang noch mit seinem innersten Menschen aufzugehen . 9. Düster brannte die Lampe in einem kleinen , engen , doch behaglich eingerichteten Zimmer . Die weißen Vorhänge zweier Fenster waren niedergelassen ... Tiefe Ruhe ... nur zuweilen das Schnobern von Rossen wurde hörbar in dem Hofe , auf den sie hinausgingen . Elf Uhr schon ... Im Nachtgewande sitzt Lucinde auf einem weiß überzogenen kleinen Kanapee ... vor ihr steht ein blinkender Mahagonitisch mit Zeitungen und Büchern bedeckt ... in einem Winkel des Zimmers , hinter einem Schirm , steht ein Bett ... Im kleinen weißen Ofen prasselt eine behagliche Flamme . Endlich war sie frei von ihrem Tagewerk der Verstellung , hatte sich entkleidet , konnte noch nicht zur Ruhe gehen und wollte wachen . Die dunkeln Haare hängen , halb schon aufgelöst , über Nacken und Stirn herab ... diese Stirn , die seit einigen Jahren erst sich so mächtig über die Augen vorgedrängt ... sie stützt sie mit der durch das Emporhalten fast blutlos gewordenen , schneeweißen Hand ... Auch das lange bauschige Kleid , das sie umhüllt , ist weiß ... wie mußte die Schwärze ihrer Locken , das Feuer ihrer Augen dagegen abstechen ! .. Die Unruhe ihres Geistes zeigte sich in den Lippen , an denen die weißen Zähne zuweilen sichtbar werden ; sie drückt und schneidet in sie fast mit ihnen ein . Schon oft hatte sie begonnen , die Haare zur Nachtruhe zu flechten und zusammenzulegen ... immer war sie von der Arbeit abgekommen , hatte die Hände sinken und dann den Kopf in so schräger Lage beharren lassen , als wenn sie noch flocht , noch ordnete ... Wurde er ihr zu schwer , so stützte sie ihn ... Darüber hatte sich der kleine Messinglampendocht verzehrt , aber lange währte es , bis sie die Düsterkeit merkte ; dann griff sie zu und schraubte ihn höher und das weiße Licht verbreitete sich heller auf die weißen Vorhänge , die Gestalt im weißen Nachtgewande ... Lucinde gedachte des Gestern und Heute ... Der leuchtendste Punkt war die Begegnung am Morgen . Porzia Biancchi hatte in dem daherkommenden Geistlichen eine Aehnlichkeit entdeckt , die sie dem Vater und den Brüdern mittheilte , diese dann wieder dem Onkel Marco , der ein Maler war und die Kunst übte , alte Bilder zu restauriren und der dafür in diese an alten Bildern so reiche Stadt berufen war ... Wohl schlug das Wort an Lucindens Ohr , daß der daherkommende Geistliche dem Eremiten Federigo von Castellungo wie aus den Augen geschnitten ähnlich sähe ; wohl nannte sie des von ihr , trotzdem , daß sie Klingsohrn sah , so ehrerbietig Begrüßten Namen , den freilich nur Porzia ' s Vater kannte von dem Dechanten , seiner buona pratica her ... aber sie hörte nur das verhallende Knistern auf dem steinernen Estrich von Bonaventura ' s Schritten , staunte nur dem leisen Gange eines mit Sandalen und nackten Füßen dahinschreitenden Mönches , hörte dessen Lieder und dithyrambischen Sprüche , die ihr aus dem einzigen starren Schreck seines sie erkennenden Blicks wie tausend Raketen aufschossen ... sie sah nur noch dann , wie sie beide niederknieten und zu beten schienen ... Aus dem Dome schritt sie , heute die Segnung mit dem Weihwasser vergessend . Sie war im Kattendyk ' schen Hause wieder , nahm die Abschiedszeilen der Serlo-Leonhardi ( die schon den Wortbruch enthielten , doch von des Mönches nächtlichem Besuch zu erzählen - glücklicherweise war sie mit ihren Kindern wirklich abgereist - ) und sammelte sich erst nach den Anstrengungen des Zusammenlebens mit einer sanguinisch erregten , das Wichtigste leicht , das Leichteste wichtig nehmenden Familie , Abends spät , in diesem Zimmer , das in den Hof gehend ihr als das ihrige war angewiesen worden . Serlo ' s Kinder ! Auch bei ihnen verweilte sie ... Klingsohr ' s Verrath an seinem Gelübde ... um ihretwillen ! ... Sie lächelte befriedigt , doch sprach sie zu sich : Mäßige dich nur ! Sei nur still ! Nur still ! Lächle nicht , weder vor Freude , noch vor Schmerz ! Laß alles über dich ergehen ! Laß den Wolkenwagen des Geschicks dahinrollen wie im Gewitter ! Zuck ' im Weltbrand nicht mit der Wimper ! Ertrage , was auch komme , selbst das Seligste , mit Gleichmuth ! Gib Gehör jedem Befehl , den die Menschen hier , lieblos genug und ewig von Liebe sprechend und eigentlich liebevoll nur gegen zwei Bologneserhündchen , dir ertheilen ! Sprich schon nichts ! In deinem Ton liegt etwas , was der Ohrnerv der Eitelkeit nicht ertragen kann ! Du willst ganz so sein , wie sie ' s wollen ! Todt ! Du willst beten wie sie , denken wie sie , ihre Reden bewundern , ihre Einfälle überraschend finden ! Tuschelt dir die Frömmigkeit der Commerzienräthin eines Tages ins Ohr : Liebste , ich habe einen Sack gekauft , kommen Sie , wir bestreuen das Haupt mit Asche und beten in den Sack hinein ! ... auch das thu ' ich ! Will Johanna , daß ich an dem kleinen Professor extraordinarius die kleinen Nägel seiner Finger bewundere , ich thu ' es ! Ich will leben wie die Wanderer in den Schneealpen sich zu unterreden aufhören , wenn sie hoch oben hinaufkommen und fürchten müssen , durch ein zu scharf ausgesprochenes Wort die tödliche Lavine zu wecken ! Dann bei der zweiten Toilette der Commerzienräthin und Johannens , bei dem nur Putz und Vergnügen erörternden Besuche der Frau Procurator Nück , bei dem Geflüster über die immer enger und enger sich schließende gefahrvolle Einheit des Ehepaars im zweiten Stock , bei dem gerühmten Behagen an der Ruhe im Hause , seit Piter nicht anwesend , bei den Mittheilungen über die Hauptmännin von Buschbeck , ihren Tod , ihre Frömmigkeit , ihr Testament an den Bruder Hubertus im Kloster Himmelpfort und die fehlenden Werthpapiere , diese Kapitalien , die sie als Kind so angestaunt hatte , weil sie ihr wirklich » rings auf den Feldern zu liegen « schienen - zu allem schwieg sie , ergänzte nichts , berichtigte nichts ; sie wollte alles in sich verschließen und nur - ihre Zeit abwarten . Gegen Abend war auch Treudchen auf einen Sprung gekommen und erzählte vom Kloster , wohin sie wirklich gegangen war ihren Geschwistern zu Lieb . Wie hatte man sie gefeiert ! Selbst mit ihren Geschwistern hatte man sie überrascht , die aus dem Waisenhause waren abgeholt worden ! Alle hatten Geschenke bekommen ! Von Cajetan Rother , dem ehrwürdigen Beichtvater der Schwestern , für den das Sprachgitter nicht vorhanden war , hatte sie selbst ein zierliches Büchlein mit goldenem Schnitt empfangen , das Leben einiger besonders vorzüglicher Heiligen und Heiliginnen darstellend ... Die Kinder trugen eine Last Confect mit sich heim , wie dergleichen auch nur in Klöstern gebacken wird ... Sie zeigte ein von Schwester Beate erhaltenes Nadelkissen in Form eines Ostereis , ganz von Seide , vergoldet und in jenem Geschmack , der so eigenthümlich der frommen Kunstfertigkeit hinter Klostermauern angehört ... Schwester Therese hatte dann vorgelesen , Marienlieder , deren einige man im Chore gesungen im Refectorium , vor und nach - dem Kaffee - und dieser Kaffee wäre so gewesen , wie nur je einer in der Dechanei zu Kocher am Fall , wenn etwa der Geburtstag des die » lieben Freundinnen « bereisenden Fräuleins von Minnerich oder der Frau Majorin Schulzendorf gefeiert wurde oder eine jener Kindergesellschaften , zu denen der gute Dechant ( früher , ehe der Geist der Kirche so streng wurde ) alle kleinen Kinder in Kocher am Fall ordentlich durch Visitenkärtchen einzuladen pflegte . Die frohen Mittheilungen kamen dann auch hier , auf Veranlassung der Dechanei , bei dem Morde der Frau Hauptmännin wieder an , bis dann Treudchen zu Madame Delring , ihrer nachsichtigen Herrin , wieder hinaufsprang ... Am Abend war auch die zweite , wie es schien quecksilberne Tochter der Commerzienräthin , Frau Procurator Nück , wieder erschienen , eine kinderlose , nur dem Putz und ihrer Eitelkeit lebende Frau . Lucinde hatte sich sogleich ihr Herz gewonnen durch einige Bemerkungen über ein neues Kleid , das sie trug . Sie war gestern im Theater gewesen und häufte das Allernachtheiligste auf die Darstellerin der Frau von Waldhüll und die kleinen » Fratzen « , die Lucinde so gern wiedergesehen hätte , wenn sie nicht das System gehabt , auch bei Genüssen des Gemüths , sie sich versagend , zu sprechen : » Wozu ? « Das war das kalte Wort , das ihr eigen geworden , mehr Worte eines herben Behagens am Entbehren und der Selbstqual als der Herzlosigkeit . Im Geiste Serlo ' s hätte sie der Frau Procurator sagen mögen : » Liebste Frau , wäre das Haus voll gewesen , so hätte Ihnen alles gefallen ! Da es aber leer war , übertrug sich Ihre Verstimmung über die geringe Bewunderung Ihrer Toilette auf die Leistungen der Mutter , der Töchter , auf alles ... « Sie behielt das , wie jedes dergleichen , zurück , horchte nur dem Gespräch , bei welchem auch Benno genannt wurde , » meines Mannes bester Arbeiter « , der » von ihm nach dem Hüneneck geschickt worden ist « ... und auch den Reiz , Benno ' s Weise gegen den Schein eines Sich-so-nurschicken-lassens zu befreien , unterdrückte sie ... Sie sagte nur immer ihren Leibspruch , ein Wort des heiligen Augustinus : Trahimur ! Trahimur ! 1 Um sich zu beruhigen , hatte sie einmal wieder in Serlo ' s Papieren zu lesen angefangen und hatte auch wieder aufgehört ... Endlich begann sie aufs neue : » Ist es denn möglich « , schrieb Serlo einst vor Jahren , » was ich gestern erleben mußte ! ... Eine junge Frau war in dem Hause , wo ich wohne , gestorben und sollte heute in der Frühe beerdigt werden ... Eine alte Schauspielerin , die zu unserer Truppe gehört , klopfte , wie ich schon im Bette liege , an meine Thür , nennt ihren Namen und wünscht mich zu sprechen . Ich staune und fürchte - eine Anleihe . Nachdem ich mich angekleidet , öffne ich die Thür und in ihrem besten , elegantesten Anzug erschien die Darstellerin - der Zigeunermütter und Hexen mit einer augenblinzelnden und doch beklommenen Artigkeit . Nie hatt ' ich mit ihr viel Worte gewechselt und erstaunen mußt ' ich über die Wahl ihrer Ausdrücke , die Artigkeit ihres Benehmens , die Feinheit ihres ganzen , mit ihrem Rollenfache im vollkommenen Widerspruch stehenden Wesens . Verzeihen Sie ! sagte sie nach einer Weile , wo ich das gefürchtete Anliegen erwartete , verzeihen Sie , in diesem Hause ist eine Leiche ? ... Ja , sagte ich , eine junge Frau , die an einem Herzfehler starb ! ... Sind die Leute wohlhabend ? ... Sehr arm ! war meine Antwort ... Würde der Mann gestatten , wenn ich ihm zwei Thaler schenkte - ... Sie stockte ... Gestatten ? Was ? fragt ' ich erstaunt ... Mutter Viarda lächelte seltsam ... Sie werden mich für eine Närrin erklären , begann sie aufs neue , aber ich muß Ihnen gestehen , daß ich eine - Liebhaberei habe , die keine andere ist als die , - Todte zu schmücken ! ... Wie ? sagte ich und zog mich erschrocken zurück ; ich glaubte mit einer Verrückten zu reden ... Sie sind erstaunt , fuhr mein Besuch fort , Sie zweifeln an meinem Verstande , und doch bitt ' ich Sie wirklich , führen Sie mich zu dem Manne und erlauben Sie mir , seine Frau so zu schmücken , wie ich ein ganz unwiderstehliches Verlangen trage , wenn ich irgendwo eine Leiche sehe ... So traurig die Veranlassung dieser Bitte war , ich mußte doch über sie lächeln ... Da Sie zu Ihrem Liebeswerk noch zwei Thaler dazugeben wollen , sagte ich , so will ich mit dem Manne reden ... Ich ging in der Dunkelheit die Stiege hinunter und fand , den armen Handwerker mit seinen Kindern um die schon im Sarge befindliche , nur mit einem einfachen weißen Hemde bekleidete Leiche seiner Frau , der Mutter seiner trauernden Kinder ... Mein Anerbieten konnte als ein Werk der Barmherzigkeit gelten und die Annahme fand keinen Anstand ... Ich kehrte zu meiner Auftraggeberin zurück und begleitete sie hinunter ... Mit allen Zeichen der Theilnahme trat sie an den Sarg , fuhr mit der Hand über die kalte Stirn und sagte dann : Hier , lieber Mann , da sind zwei Thaler , aber lassen Sie mich mit der Leiche allein ! .. Der Mann ging arglos , wenn auch überrascht , mit den Kindern auf den Vorplatz ... ich wollte bleiben ... Auch Sie , Herr Neumeister ! sagte sie ( ich führte damals noch meinen alten Namen ) ... Als ich zögerte und etwas befürchtete , das nicht in der Ordnung war , sagte sie : Herr Neumeister , wenn Sie schweigen und mich nicht stören wollen , können Sie bleiben ... Ich blieb und sah voll Grauen , was die Darstellerin der Zauberinnen , Hexen und Zigeunermütter begann ... Sie stellte einen Beutel , den sie unter ihrem Mantel verborgen hatte , zur Erde , zog eine Anzahl frischer Blumen hervor , legte sie der Leiche auf die Brust , in die Hände , ums Haupt . Dann ergriff sie ein kleines Döschen , das ich sofort als Schminktopf erkannte , tupfte hinein mit etwas Baumwolle und schminkte die Wangen der Leiche , daß sie wie volles blühendes Leben aussahen ... Jetzt , meines Grauens und meiner Ausrufungen nicht achtend , ergriff sie gierig die kleine zinnerne Lampe und beleuchtete ihr Werk ... es war ein Anblick , das Haar sträuben zu machen ... Sie redete mit der von ihr geschminkten Leiche und wie mit einem ihr bekannten Wesen , redete voll Theilnahme , voll Herzlichkeit ; beklagte die Leiden derselben , tröstete sie , eröffnete ihr ein Reich der seligsten Hoffnungen und ging zuletzt von dannen , wie wenn ihr ganzes Sein sich einmal aufgelöst hätte wieder in Andacht , Poesie und längstentbehrter Liebe ... ich sah sie dahinschreiten wie ein Gespenst ... Als ich allein war , bekämpfte ich mein Grauen , tauchte den Finger in das Oel der Lampe und entfernte die trügerische Lüge des Lebens von den todten Wangen ... Der Gatte und die Kinder kamen zurück ... sie fanden nur die Blumen und stockend erzählte ich , der Alten wäre es ein Bedürfniß , in dieser Art stille Liebesopfer zu vollziehen ... Diese Frau , mit der ich täglich verkehren mußte , konnte ich nie mehr ansehen , schwieg auch von dem Vorgefallenen zu jedermann , bis ich von andern erfuhr , daß diese Manie allgemein an ihr bekannt war und daß sie , um sie zu befriedigen und vor den Folgen ihres dadurch erlangten Rufes , der sie die Leichenschminkerin nannte , sicher zu sein , schon seit Jahren ein traurig irrendes Wanderleben führte . « Oft hatte Lucinde diese Stelle gelesen ... mit Lachen sogar ... heute erschien sie ihr in einem seltsam andern Lichte ... Sie überschlug jedoch einige Betrachtungen über das was man ein Leichenschminken in der Geschichte nennen könnte , und fuhr fort : » Wie mich dann diese Erfahrung auch wieder zurückversetzt hat in meine erste Erziehung zum Priester , in die klösterliche Einsamkeit meines Jugendlebens im Convict ! Ja , wer nennt euch alle , ihr Verirrungen , die unausbleiblich sind , wenn man die Grundnatur des Menschen eine verdorbene nennt und das Leben daran gesetzt wissen will , diese Natur zu bekämpfen , auszurotten und mit einer geläuterten , einem Kleide voll Glanz und Durchsichtigkeit zu vertauschen ! Wenn dich dein Auge ärgert , reiß es aus ! war Jahrtausenden und ist noch jetzt Millionen nicht im Bilde gesprochen ! Wirklich reißen sie sich - und andern den edelsten Theil des schönen menschlichen Baues aus ! In dem protestantischen Wesen findet die Lehre von der Erbsünde doch , wenigstens nur noch im allgemeinen eine Pflege ; aber bei uns , den Treugebliebenen , uns , den in duldender Ergebung das große geschichtliche Vermächtniß Forttragenden , bei uns ist darauf die ganze Heilslehre begründet und der Teufel eine Macht , die man schon von dem Kinde wegbläst und wegkreuzigt , wenn es getauft wird . Jeden ruhig prüfenden Seelenarzt frag ' ich , wie er es nennt , wenn das Mistrauen und der Haß vor der eigenen