so hatte ich Zeit genug , und weil ich gesund und stark war , reichte auch meine Kraft aus . In hohem Maße befriedigten mich einige schöne Gebäude , besonders Kirchen , dann Bildsäulen und Gemälde . Ich brachte manchen Tag damit zu , mich in die Betrachtung der kleinsten Teile dieser Dinge zu vertiefen . Auch hatte ich manche Familien kennen gelernt , wurde bei ihnen aufgenommen , und bildete nach und nach meinen Umgang mit Menschen etwas mehr heraus . Da ich in dem zweiten Jahre meiner Lernzeit war , vermählte sich meine Schwester . Ich hatte ihren jetzigen Gatten schon früher gekannt . Er war ein sehr guter Mann , hatte keine Leidenschaften , keine übeln Gewohnheiten , war häuslich sogar auch tätig , hatte eine angenehme Körpererscheinung , war aber sonst nichts mehr . Diese Vermählung hatte mir keine Freude und kein Leid gemacht . Da ich meine Schwester so liebte , so war mir stets , daß sie nie einen andern Mann als den allerherrlichsten bekommen solle . Dies war nun wohl nicht der Fall . Die Mutter schrieb mir , daß mein Schwager seine Gattin sehr verehre , daß er lange und treu um sie geworben und endlich ihr Herz gewonnen habe . Sie wohnen in unserem Hause , und von da aus treibe er still und emsig sein kleines Handelsgeschäft , das sie nähre . Ich schrieb einen Brief entgegen , worin ich den Vermählten Glück und Segen wünschte und den Schwager bat , seine Gattin sehr zu lieben , zu schonen und zu ehren ; denn ich glaube , daß sie es verdiene . Die Antworten versprachen alles , so wie die folgenden Briefe immer den Stempel eines stillen häuslichen Friedens trugen . In diesen Verhältnissen kam die Zeit heran , da ich mit den letzten Prüfungen meine Vorbereitungsjahre beendigt hatte . Ich richtete eben mein Reisegepäcke zusammen , um der Verabredung gemäß nach langer Trennung die Meinigen wieder zu sehen , als ein Brief von der Hand der Schwester kam , dessen Inneres häufige Tränenspuren zeigte , und der mir sagte , daß unsere Mutter gestorben sei . Sie war vor einiger Zeit krank geworden , man hielt das Übel nicht für gefährlich , und da man mich in der Vorbereitung zu meinen letzten Prüfungen wußte , so wollte man mir , um mich nicht zu stören , keine Meldung von der Krankheit zukommen lassen . So zog es sich durch zehn Tage hin , von wo es sich rasch verschlimmerte und , ehe man es sich versah , mit dem Tode endigte . Man konnte mir nur mehr diesen melden . Ich raffte sofort alles zusammen , was zu einer Reise nötig schien , schrieb zwei Zeilen an einen Freund , worin ich ihn bat , die Sache meinen Bekannten , die ich ihm bezeichnete , zu melden und mich zu entschuldigen , daß ich ohne Abschied abreise . Hierauf ging ich auf die Post und ließ mich einschreiben . Zwei Stunden darnach saß ich schon in dem Wagen , und obwohl wir in der Nacht wie am Tage fuhren , obwohl ich von der letzten Post aus , an der der Weg nach meiner Heimat ablenkte , eigene Pferde nahm und mittelst Wechsels derselben unaufhörlich fortfuhr , so kam ich doch zu spät , um die irdische Hülle meiner Mutter noch einmal sehen zu können . Sie ruhte bereits im Grabe . Nur in ihren Kleidern , in Geräten , im Arbeitszeuge , das auf ihrem Tischchen lag , sah ich die Spuren ihres Daseins . Ich warf mich in eine Lehnbank und wollte in Tränen vergehen . Es war der erste große Verlust , den ich erlitten hatte . Zur Zeit des Todes des Vaters war ich zu jung gewesen , um ihn recht empfinden zu können . Obwohl der erste Schmerz unsäglich heiß gewesen war und ich geglaubt hatte , ihn nicht überleben zu können , so verminderte er sich wider meinen Willen von Tag zu Tag immer mehr , bis er zu einem Schatten wurde und ich mir nach Verlauf von einigen Jahren keine Vorstellung mehr von dem Vater machen konnte . Jetzt war es anders . Ich hatte mich daran gewöhnt , die Mutter als das Bild der größten häuslichen Reinheit zu betrachten , als das Bild des Duldens , der Sanftmut , des Ordnens und des Bestehens . So war sie ein Mittelpunkt für unser Denken geworden , und mir kam fast nicht zu Sinne , daß das je einmal anders werden könne . Jetzt wußte ich erst , wie sehr wir sie liebten . Sie , die nie gefordert hatte , die nie auf sich irgend eine Beziehung gemacht hatte , die geräuschlos immer gegeben hatte , die jedes Schicksal als eine Fügung des Himmels empfangen hatte , und die in ruhigem Glauben ihre Kinder der Zukunft anvertraut hatte , war nicht mehr . Unter der Decke der Schollen schlummerte ihr Herz , das dort vielleicht so ergebungsvoll schlummerte , wie es sonst in der Kammer unter der Hülle seiner weißen Decke geschlummert hatte . Die Schwester war wie ein Schatten , sie wollte mich trösten , und ich wußte nicht , ob sie des Trostes nicht noch bedürftiger wäre als ich . Der Gatte meiner Schwester war in einer gewissen Ergebung , er war stille , und ging an die Beschäftigungen seines Berufes . Ich ließ mir nach einer Zeit das frische Grab der Mutter zeigen , weinte dort meine Seele aus , und betete für sie zu dem Herrn des Himmels . Da ich in das Haus zurückgekehrt war , besuchte ich alle Räume , in denen sie zuletzt geweilt hatte , besonders ihr eigenes Stübchen , in welchem man alles gelassen hatte , wie es bei ihrer Erkrankung gewesen war . Der Schwager und die Schwester boten mir an und baten mich , eine Zeit bei ihnen zu verweilen . Ich nahm es an . In dem hinteren Teile des Hauses , den ich immer am meisten geliebt hatte , war schon vor der Erkrankung der Mutter ein Zimmer für mich größtenteils durch ihre Hände hergerichtet worden . Dieses Zimmer bezog ich , und packte darin meinen Koffer aus . Seine zwei Fenster gingen in den Garten , die weißen Fenstervorhänge hatte noch die Mutter geordnet , und das Linnen des Bettes war durch ihre vorsorglichen Finger gleichgestrichen worden . Ich getraute mir kaum etwas zu berühren , um es nicht zu zerstören . Ich blieb sehr lange unbeweglich in dem Zimmer sitzen . Dann ging ich wieder durch das ganze Haus . Es schien mir gar nicht , als ob es das wäre , in welchem ich die Tage meiner Kindheit verlebt hatte . Es erschien mir so groß und fremd . Die Wohnung , welche sich meine Schwester und ihr Gatte darin eingerichtet hatten , war früher nicht da gewesen , dafür war das Gemach für Vater und Mutter , das immer auch nach seinem Tode noch bestanden war , verschwunden , ebenso fand ich das Zimmer für uns Kinder nicht mehr , welches ich in allen Ferien , die ich zu Hause zugebracht hatte , noch in dem Zustande aus unserer früheren Zeit her gesehen hatte . Es war eben eine neue Haushaltung in dem Gebäude eingerichtet worden . Unter dem Dache angekommen , sah ich , daß man schadhafte Stellen des Daches ausgebessert hatte , daß man neue Ziegel genommen hatte , und daß an den Kanten , wo sich früher die Rundziegel befunden hatten , die neue Art der Verklebung durch Mörtel angewendet worden war . Dies alles tat mir wehe , obwohl es natürlich war , und obwohl ich es zu einer andern Zeit kaum beachtet haben würde . Jetzt aber war mein Gemüt durch den Schmerz erregt , und jetzt schien es mir , als ob man alles Alte , auch die Mutter aus dem Hause hinaus gedrängt hätte . Ich lebte von jetzt an still in dem Zimmer , las , schrieb , ging täglich auf das Grab der Mutter , besuchte die Felder und manches Wäldchen , hielt mich aber von den Menschen ferne , weil sie immer von meinem Verluste redeten und mit den Worten in ihm stets wühlten . Das Haus war auch sehr stille . Die Vermählten hatten noch keine Kinder , mein Schwager , dessen Wesen friedlich und einfach war , befand sich größtenteils außer Hause , die Schwester besorgte mit der einzigen Magd , die sie hatte , die häuslichen Geschäfte , und wenn die Abenddämmerung kam , wurde die Tür , die gegen die Straße ging , mit den eisernen Stangen von innen verriegelt , und nur die in den Garten führende blieb offen , bis die Stunde zum Schlafen kam , wo sie dann auch die Schwester mit eigenen Händen schloß . Das häusliche Glück der zwei Ehegatten schien fest gegründet zu sein , das war eine Linderung für meine Wunde , und ich verzieh dem Schwager , daß er nicht ein Mann war , der durch hohe Begabung und den Schwung seiner Seele die Schwester zu einem himmlischen Glücke emporgeführt hatte . So vergingen mehrere Wochen . Vor meiner Abreise ging ich noch in unser Gerichtsamt , verzichtete dort für meine Schwester auf jeden Erbanspruch des von unsern Eltern hinterlassenen Besitztumes , und ließ meine Rechte auf die Schwester überschreiben . So war den beiden Gatten das Dasein , so lange es ihnen der Himmel verlieh , gesichert ; ich hatte als Erbteil den Unterricht bekommen , und hoffte durch das , was er mir an Kenntnissen eingebracht hatte , und was ich mir noch erwerben wollte , den Unterhalt meines Lebens schon zu decken . Hierauf reiste ich , von dem Danke und von den wärmsten Wünschen für mein Wohl von der Schwester und dem Schwager begleitet , wieder in die Stadt ab . In derselben begann ich jetzt ein sehr zurückgezogenes Leben zu führen . Ich hatte mir so viel erspart , daß ich nur einen kleinen Teil meiner Zeit zum Unterricht geben verwenden mußte . Die übrige wendete ich für mich an , und verlegte mich auf Naturwissenschaften , auf Geschichte und Staatswissenschaften . Meinen eigentlichen Beruf ließ ich etwas außer Acht . Die Wissenschaften und die Kunst , deren Vergnügen ich nie entsagte , füllten mein Herz aus . Ich suchte jetzt weniger als je die Gesellschaft von Menschen auf . Die Notwendigkeit , die Zeit der Vorbereitung zu meinem Berufe recht zu benutzen und mir außerdem noch meinen Lebensunterhalt zu erwerben , hatte mich schon in früheren Jahren fast nur auf mich allein zurückgewiesen , und ich setzte jetzt dies Leben fort . Allein es dauerte nicht lange in dieser Art. Schon nach einem halben Jahre , als ich das Grab der Mutter verlassen hatte , kam mir von meinem Schwager die Nachricht zu , daß zu den zwei Gräbern des Vaters und der Mutter auf unserer Familienbegräbnisstätte ein drittes Grab gekommen sei , das meiner Schwester . Sie hatte sich seit dem Tode der Mutter nicht recht erholt , und eine unversehene Verkühlung raffte sie dahin . Der Schwager schrieb mir , und wie ich sah , in aufrichtigem Kummer , daß er nun ganz verlassen sei , daß er keine Freude mehr habe , daß er einsam sein Leben zubringen wolle , daß er wohl von der Verewigten zum Erben eingesetzt worden sei , daß er aber gerne mit mir teilen wolle , er habe kein Kind , seine einzige Freude liege im Grabe , er achte nicht mehr viel auf Besitzungen , sein Stückchen Brod , welches für sein einfaches Leben recht klein sein dürfe , werde er für die Zeit schon finden , die er noch zubringen müsse , ehe er zu Kornelien gehen könne . Da der Mann meine Schwester sehr geliebt hatte , da ihre Briefe an mich immer von ihrem Glücke erzählten , gönnte ich ihm das kleine Besitztum , und schrieb ihm zurück , daß ich keine Ansprüche erhebe , und daß er das Hinterlassene ungeteilt genießen möge . Er dankte mir , ich sah aber aus seinem Briefe , daß er über das Geschenk eben keine sonderliche Freude habe . Ich zog mich nun noch mehr zurück , und mein Leben war sehr trübe . Ich zeichnete viel , ich bildete zuweilen auch etwas in Ton , und suchte sogar manches in Farben darzustellen . Nach einiger Zeit kam mir von befreundeter Hand der Antrag , daß ich bei einer gebildeten und wohlhabenden Familie wohnen möchte , daß ich einen Teil des Unterrichtes eines Knaben , der in der Familie sei , gegen vorteilhafte Bedingungen übernehmen möchte worunter auch die war , daß ich nicht gebunden sei , daß ich öfter abwesend sein und zum Teile sogar kleine Reisen machen könne . In der Verödung , in der ich mich befand , hatte die Aussicht auf ein Familienleben eine Art Anziehung für mich , und ich nahm den Antrag unter der Bedingung an , daß ich die Freiheit haben müsse , in jedem Augenblicke das Verhältnis wieder auflösen zu können . Die Bedingung wurde zugestanden , ich packte meine Sachen , und nach drei Tagen fuhr ich in der Richtung nach dem Landsitze der Familie ab . Dieser Sitz war ein angenehmes Haus in der Nähe großer Meiereien , die einem Grafen gehörten . Das Haus war beinahe zwei Tagereisen von der Stadt entfernt . Es war sehr geräumig , hatte eine sonnige Lage , liebliche Rasenplätze um sich , und hing mit einem großen Garten zusammen , in dem teils Gemüse , teils Obst , teils Blumen gezogen wurden . Der Besitzer des Hauses war ein Mann , der von reichlichen Renten lebte , sonst aber kein Amt noch irgend eine andere Beschäftigung zum Gelderwerb hatte . So war er mir geschildert worden , mit dem Beifügen , daß er ein sehr guter Mann sei , mit dem sich jedermann vertrage , daß er eine treffliche , sorgsame Frau habe , und daß außer dem Knaben nur noch ein halberwachsenes Mädchen da sei . Diese Dinge waren es auch vorzüglich , welche mich zur Annahme bestimmt hatten . Mein Name sei der Familie in einem Hause genannt worden , mit dem sie in sehr inniger Beziehung stand , und ich sei sehr empfohlen worden . Man hatte mir auf die letzte Post einen Wagen entgegen gesandt . Es war ein schöner Nachmittag , als ich in Heinbach , das war der Name des Hauses , einfuhr . Wir hielten unter einem hohen Torwege , zwei Diener kamen die Treppe herab , um meine Sachen in Empfang zu nehmen und mir mein Zimmer zu zeigen . Als ich noch im Wagen mit Herausnehmen von ein paar Büchern und andern Kleinigkeiten beschäftigt war , kam auch der Herr des Hauses herunter , begrüßte mich artig , und führte mich selber in meine Wohnung , die aus zwei freundlichen Zimmern bestand . Er sagte , ich möge mich hier zurecht richten , möge hiebei nur meine Bequemlichkeit vor Augen haben , ein Diener sei angewiesen , meine Befehle zu vollziehen , und wenn ich fertig sei und etwa heute noch wünsche , mit seiner Gattin zu sprechen , so möge ich klingeln , der Diener werde mich zu ihr führen . Hierauf verließ er mich unter höflichem Abschiede . Der Mann gefiel mir sehr wohl . Ich entledigte mich meiner staubigen Kleider , reinigte mich , legte nur das Notwendigste in meinem Zimmer in Ordnung , kleidete mich dann besuchsgemäß an , und ließ die Frau des Hauses fragen , ob ich bei ihr erscheinen dürfe . Sie sendete eine bejahende Antwort . Ich wurde über einen Gang geführt , in welchem allerlei Bilder hingen , wir traten in einen Vorsaal und von dem in das Zimmer der Frau . Es war ein großes Zimmer mit drei Fenstern , an welches ein niedliches Gemach stieß . In diesem Zimmer waren heitere Geräte , einige Bilder , und die Nachmittagssonne war durch sanfte Vorhänge gedämpft . Die Frau saß an einem großen Tische , zu ihren Füßen spielte ein Knabe , und seitwärts an einem kleinen Tischchen saß ein Mädchen und hatte ein Buch vor sich . Es schien , es habe vorgelesen . Die Frau stand auf und ging mir entgegen . Sie war sehr schön , noch ziemlich jung , und was mir am meisten auffiel , war , daß sie sehr schöne braune Haare , aber tief dunkle , große schwarze Augen hatte . Ich erschrak ein wenig , wußte aber nicht warum . Mit einer Freundlichkeit , die mein Zutrauen gewann , hieß sie mich einen Platz nehmen , und als ich dies getan hatte , nannte sie meinen Vor- und Familiennamen , hieß mich beinahe herzlich willkommen , und sagte , daß sie sich schon sehr gesehnt habe , mich unter ihrem Dache zu sehen . Alfred , rief sie , komm und küsse diesem Herrn die Hand . Der Knabe , welcher bisher neben ihr gespielt hatte , stand auf , trat vor mich , küßte mir die Hand und sagte : Sei willkommen ! Sei auch du willkommen , erwiderte ich und drückte ein wenig das Händchen des Knaben . Er hatte ein sehr rosiges Angesicht , ebenfalls braune Haare wie die Mutter , aber dunkelblaue Augen , wie ich sie an dem Vater gesehen zu haben glaubte . Das ist das Kind , dessentwillen ich Euch so sehr in unser Haus gewünscht habe , sagte sie . Ihr sollt dasselbe weniger unterrichten , dazu sind Lehrer da , welche das Haus besuchen , sondern wir bitten Euch , daß Ihr bei uns lebet , daß Ihr dem Knaben öfter Eure Gesellschaft gönnt , daß er außer dem Umgange mit seinem Vater auch den eines jungen Mannes hat , was auf ihn Einfluß nehmen möge . Erziehung ist wohl nichts als Umgang , ein Knabe , selbst wenn er so klein ist , muß nicht immer mit seiner Mutter oder wieder nur mit Knaben umgehen . Der Unterricht ist viel leichter als die Erziehung . Zu ihm darf man nur etwas wissen und es mitteilen können , zur Erziehung muß man etwas sein . Wenn aber einmal jemand etwas ist , dann , glaube ich , erzieht er auch leicht . Meine Freundin Adele , die Gattin des Kaufherrn , dessen Warengewölbe dem großen Tore des Erzdomes gegenüber ist , hat mir von Euch erzählt . Wenn Ihr es für gut findet , den Knaben auch in irgend etwas zu unterrichten , so ist es Eurem Ermessen überlassen , wie und wie weit Ihr es tut . Ich konnte auf diese Worte nichts antworten ; ich war sehr errötet . Mathilde , sagte die Frau , begrüße auch diesen Herrn , er wird jetzt bei uns wohnen . Das Mädchen , welches immer bei seinem aufgeschlagenen Buche sitzen geblieben war , stand jetzt auf und näherte sich mir . Ich erstaunte , daß das Mädchen schon so groß sei , ich hatte es mir kleiner gedacht . Es war auf einem etwas niederen Stuhle gesessen . Da es in meine Nähe gekommen war , stand ich auf , wir verneigten uns gegen einander , Mathilde ging wieder zu ihrem Sitze , und ich nahm auch den meinigen wieder ein . Die Frau hatte wohl diese Begrüßung eingeleitet , um mein Erröten vorüber gehen zu machen . Es war auch zum großen Teile vorüber gegangen . Sie hatte eine Antwort auf ihre an mich gerichtete Rede auch wahrscheinlich nicht erwartet . Sie fragte mich jetzt um mehrere gleichgültige Dinge , die ich beantwortete . In meine näheren Verhältnisse oder etwa gar in die in meiner Familie ging sie nicht ein . Nachdem die Unterredung eine Weile gedauert hatte , verabschiedete sie mich , sagte , ich möchte von der Reise etwas ausruhen , bei dem Abendessen würden wir uns wieder sehen . Der Knabe hatte während der ganzen Zeit meine Hand gehalten , war neben mir stehen geblieben , und hatte öfter zu meinem Angesichte heraufgeschaut . Ich löste jetzt meine Hand aus der seinen , grüßte ihn noch , verneigte mich vor der Mutter , und verließ das Zimmer . Als ich in meiner Wohnung angekommen war , setzte ich mich auf einen der schönen Stühle nieder . Jetzt wußte ich , weshalb man mir so gute Bedingungen gestellt hatte , und wie schwer meine Aufgabe war . Ich zagte . Das Benehmen der Frau hatte mir sehr gefallen , darum zagte ich noch mehr . Als ich eine Zeit auf meinem Stuhle gesessen war , erhob ich mich wieder , und es fiel mir ein , daß ich ja dem Herrn des Hauses auch einen Besuch zu machen habe . Ich klingelte , und verlangte von dem eintretenden Diener , daß er mich zu dem Herrn führe . Der Diener antwortete , der Herr sei in den Wald gegangen und werde erst abends zurückkehren . Er hatte den Befehl hinterlassen , daß man mir sage , ich möge nur meine Reisesachen auspacken , möge ausruhen , und möge mir seinethalben keine Pflichten auflegen , morgen könne das Weitere besprochen werden . Ich legte daher die Kleider , welche ich zu dem Besuche bei der Frau genommen hatte , wieder ab , zog mich anders an , und brachte meine Sachen nun in meiner Wohnung in Ordnung . Bei dieser Beschäftigung ging mir nach und nach der ganze Rest des noch übrigen Tages dahin . Als ich fertig war , dämmerte es bereits . Nachdem ich mich gereinigt und zum Abendessen angekleidet hatte , sagte mir mein Diener , daß sich der Herr , der schon nach Hause zurückgekehrt sei , zum Besuche bei mir melde . Ich sagte zu , der Herr kam und fragte , ob man in meiner Wohnung alles nach Gebühr vorbereitet habe , und ob ich nichts vermisse . Ich antwortete , daß alles meine Erwartung übertreffe und daher ein weiteres Begehren die größte Unbescheidenheit wäre . Er sagte , daß er nun wünsche , daß mein Eintritt in sein Haus gesegnet sei , daß mein Aufenthalt darin erfreulich sein möge , und daß ich es einst nicht mit Reue und Schmerz verlasse . Hierauf lud er mich zum Abendessen ein . Wir gingen in ein sehr heiteres Speisezimmer , in welchem ein einfaches Abendmahl unter einfachen Gesprächen eingenommen wurde . Bei demselben war der Herr , die Frau , die zwei Kinder und ich gegenwärtig . Am nächsten Vormittage ließ ich anfragen , ob ich den Herrn besuchen dürfe . Ich wurde dazu eingeladen , und mein Diener führte mich zu ihm . Ich war in denselben Besuchkleidern wie gestern bei der Frau . Der Herr saß bei Papieren und Schriften , er erhob sich bei meinem Eintritte , ging mir entgegen , grüßte mich auf das ausgezeichnetste und führte mich zu einem Tische . Er war schon völlig und sehr fein angekleidet . Als wir uns niedergelassen hatten , sagte er : Seid mir noch einmal in meinem Hause willkommen . Ihr seid uns so empfohlen worden , daß wir uns glücklich schätzen , daß Ihr zu uns gekommen seid , daß Ihr eine Zeit bei uns wohnen wollt , und daß Ihr erlaubt , daß mein lieber Knabe , dem ich eine glückselige Zukunft wünsche , Eure Gesellschaft genieße . Ich glaube , Ihr werdet vielleicht in einiger Zeit sehen , daß wir Eure Freunde sind , und Ihr werdet uns etwa auch Eure Freundschaft schenken . Richtet Eure Beschäftigungen ein , wie Ihr wollt , verlegt Euch auf das , was Euer künftiger Beruf fordert , und betrachtet Euch in allen Stücken wie in Eurem eigenen Hause . Ihr werdet Euch wohl hier an Einfachheit gewöhnen müssen . Wir haben hier und in der Stadt wenig Besuch , und machen auch wenig . Mathilde wird von der Frau selber erzogen . Mit Erzieherinnen hatten wir kein Glück . Wir gaben es daher auf , für Mathilden eine Gesellschafterin zu suchen . Sie ist bei der Mutter , zuweilen sieht sie Mädchen ihres Alters , und manches Mal wohnt sie Gesprächen und Spaziergängen mit zwei älteren guten und lieben Mädchen bei . Sonst ist sie in ihrer Ausbildung begriffen , und bringt ihre Zeit mit Lernen zu . Wie es mit dem Knaben ist , werdet Ihr wohl sehen . Man hat uns gesagt , daß Ihr in der Stadt sehr zurückgezogen gelebt habt , deshalb glaubten wir , daß Ihr bei uns nicht gar sehr die menschliche Gesellschaft vermissen werdet . Ich beschäftige mich mit einigen wissenschaftlichen Dingen , und wenn Euch ein Gespräch hierin , falls wir in den Gegenständen zusammentreffen , nicht unangenehm ist , so betrachtet mich als Euren älteren Bruder , und zwar nicht bloß hierin , sondern auch in allen anderen Dingen . Ich bin durch Eure Güte sehr beschämt , antwortete ich , und sehe jetzt erst , wie groß die Aufgabe ist , die ich in Eurem Hause habe . Ich weiß nicht , ob ich ihr auch nur in einem geringen Maße werde genügen können . Es wird vielleicht nicht schwer sein , zu genügen , erwiderte er . Wenn es aber doch nicht geschähe ? fragte ich . Dann wären wir so offen und sagten es Euch , damit man darnach handeln könnte , antwortete er . Das erleichtert mir mein Herz sehr , erwiderte ich ; denn auf diese Weise wird nie Mißtrauen aufkommen können . Ich habe bisher nur in zwei Familien gelebt , in der meiner Mutter - denn mein Vater ist in meiner frühen Jugend gestorben - und in der eines würdigen alten Amtmannes , in dessen Hause ich während meiner lateinischen Schulen in Kost und Wohnung war . Die erste Familie ist mir wie jedem Menschen unvergeßlich , und die zweite ist es mir auch . Vielleicht wird es auch die unsere , sagte er , jetzt laßt Euch das Haus und sein Zugehör zeigen , daß Ihr den Schauplatz kennt , auf dem Ihr ein Weilchen leben sollt . Oder wollt Ihr etwas anders tun , so tut es . Zu mir steht Euch der Zutritt stets offen , laßt Euch nicht ansagen , und klopft nicht an meine Tür . Mit diesen Worten war unser Gespräch zu Ende , wir erhoben uns , verabschiedeten uns , er reichte mir freundlich die Hand , und ich verließ das Zimmer . Ich kleidete mich nun in meine gewöhnlichen Kleider , und ließ fragen , ob Alfred Zeit habe , mich zu begleiten und mir etwas von dem Hause und dem Garten zu zeigen . Man antwortete , daß Alfred gleich kommen werde , und daß er hinlänglich Zeit habe . Die Mutter führte den Knaben selbst zu mir , und sie brachte auch einen Diener mit , welcher einen Bund Schlüssel trug , und den Auftrag hatte , mir die Räume des Hauses zu zeigen . Der Diener war ein alter Mann und schien die Aufsicht über die andern Dienstleute zu haben . Die Mutter entfernte sich sogleich wieder . Ich sprach einige freundliche Worte mit dem Knaben , welcher über sieben Jahre alt schien , er erwiderte diese Worte unbefangen und , wie ich glaubte , zutraulich . Dann gingen wir , die Räume des Hauses zu betrachten . Das Haus war nicht alt , es war kein Schloß , und mochte in dem siebenzehnten Jahrhunderte gebaut worden sein . Es bestand aus zwei Flügeln , die einen rechten Winkel bildeten und einen Sandplatz einschlossen . Die Zufahrt war aber von entgegengesetzter Seite , daher der Sandplatz , welcher Blumenbeete hatte , mehr einem Garten und einem Spielplatze für die Kinder als einer Anfahrt glich . Es waren auf demselben , und zwar an den Mauern des Hauses , auch Linnendächer zum Aufspannen gegen die Sonne angebracht . Das Haus hatte ein Erdgeschoß und ein Stockwerk . Durch beide lief der Länge nach ein breiter Gang , von dem aus man in die Zimmer gelangen konnte . Die Mauern des Ganges waren schneeweiß , hatten Stuckarbeit , schön vergitterte Fenster , und zeigten braune , wohlgebohnte Gemächertüren . An vielen Stellen der Gänge hingen Gemälde . Sie waren durchaus nicht vorzüglich , aber auch bei weitem nicht so schlecht , als solche Gang- und Treppengemälde gewöhnlich zu sein pflegen . Die Gegenstände , welche auf ihnen abgebildet waren , drehten sich in einem kleinen Kreise : Landschaften mit Ansichten der Umgegend oder merkwürdiger Gebäude , Tiere - vorzüglich Hunde mit Jagdgerätschaften - , Küchengeschirr , oder Inneres von Zimmern und anderen Gelassen . Der alte Diener schloß manche Gemächer auf , die im Gebrauche waren ; denn das Haus hatte mehr , als die jetzigen Bewohner benützten . Es war ein großer , mit sehr schönen Geräten versehener Saal da , in welchem , wenn es notwendig war , Gesellschaften aufgenommen wurden , dann waren andere Zimmer zu verschiedenem Gebrauche , darunter ein sehr großes Bücherzimmer und die Zimmer für Gäste . Alles war sehr schön eingerichtet und rein und ordentlich gehalten . Als wir das Haus gesehen hatten , sagte Alfred , Raimund , der alte Diener , sei nun nicht mehr vonnöten , den Garten werde er mir schon allein zeigen . Ich war damit einverstanden , verabschiedete den alten Diener , und ging mit Alfred ins Freie . Das Erdgeschoß , worin sich die Küche , die Gesindezimmer und dergleichen befanden , hatten wir nicht besucht . Die Ställe und Wagenbehälter waren abseits des Hauses in eigenen Gebäuden . Als wir in das Freie gekommen waren , zeigte sich ein sehr schöner Rasenplatz , der von mannigfaltigen künstlich angelegten Wegen durchkreuzt war . Auf diesem Rasenplatze standen in ziemlichen Entfernungen sehr große Bäume . Zu jedem führte ein Weg , und fast unter jedem stand ein Bänkchen oder