und sich seinem Gefühle überlassen . » In dieser greifbaren Finsterniß , « dachte er , » geht mir auf einmal über etwas ein Licht auf ; ich erkläre es mir jetzt vollkommen , zu welchem Zwecke sich neulich der Herzog drüben in dem Laden die kleine elegante Blendlaterne kaufte . So ein Ding könnte ich auch jetzt hier ganz gut gebrauchen . - Das war die zweite Thüre . - Nun kommt die dritte . - Da ist sie ! - Aber nun halt ! - Wahrscheinlich werde ich an der vierten und richtigen ein Zeichen brauchen , um eingelassen zu werden . Das wäre unangenehm , da ich bis hieher so ohne allen Anstand gekommen und weiter nichts weiß . - Vielleicht auch , daß ich meine Anwesenheit durch einen lauten Schritt anzeigen muß . Hier wohnt eigentlich Niemand , wie ich glaube , und wir können schon ein wenig hörbarer auftreten . « So that er auch , und dies Mannöver brachte augenblicklich eine Wirkung hervor . Es erschien nämlich rechts neben ihm , wo die vierte Thüre sein mußte , ein kleiner leuchtender Punkt , wie wenn sich Jemand mit einem Lichte dieser Thüre näherte und der Schein desselben durch das Schlüsselloch fiele . - Mit zwei weiteren Schritten hatte er die Thüre erreicht und nun vernahm er zu seinem großen Vergnügen , daß dieselbe langsam geöffnet werde . Er ergriff mit der Hand die Klinke , drückte sie ganz auf , trat eilig über die Schwelle und befand sich in einem ziemlich kleinen Zimmer , einem jungen Mädchen gegenüber , das bei seinem Anblick so heftig zusammenfuhr , daß ihr die Wachskerze , welche sie in der Hand trug , fast entfallen wäre . Einen lauten Aufschrei , der wahrscheinlicherweise erfolgt wäre , verhinderte der Graf , indem er den Finger erhob und dem Mädchen leise aber eindringlich : » stille ! « zurief . - Darauf verschloß er die Thüre , schob einen Riegel , vor und ließ einen schweren Vorhang darüber fallen , bei dessen Anblick er begriff , weßhalb er früher keine Spur des Lichtstrahles gesehen . Nachdem dies geschehen , machte er ein paar Schritte weiter in das Zimmer hinein gegen das Mädchen hin , die mit einem wahren Ausdruck des Entsetzens gegen das ebenfalls dicht verhängte Fenster zurückwich . » Das ist ein sonderbares Abenteuer , « dachte er . » Sollte es sich hier um ein einfaches Rendezvous handeln ? - - Ich glaube nicht ; und wenn dem so wäre , müßte ich mich eilig zurückziehen , denn das ginge alsdann über Indiskretion . - Doch nein , nein ! die Kleine da hat mir ein ganz anderes Aussehen . - Suchen wir auf eine gescheidte Art zu unserem Berichte zu kommen . « Das Mädchen hatte den Leuchter auf den Tisch gestellt , ohne ihn aus der Hand zu lassen , die noch immer heftig zitterte . Sie hatte eine schlanke , schmächtige Figur , ein schmales , bleiches Gesicht und blondes Haar , welches in zwei dicken , sehr zierlichen Flechten um ihren Kopf gewickelt lag . Ihr einfacher und sauberer Anzug war , wie ihn die Kammerjungfer einer anständigen Dame zu tragen pflegt . - Sie vermochte es nicht , ein Wort hervor zu bringen und starrte den Eingetretenen mit ihren großen blauen Augen an , wobei sich ihre feinen Lippen krampfhaft bewegten . » Beruhigen Sie sich doch , mein Kind ! « sagte der Graf so sanft als möglich , » ich werde Ihnen gewiß nichts zu Leide thun . Gewiß nicht ! - auf mein Wort ! Lassen Sie Ihren Leuchter ruhig auf dem Tische stehen und setzen Sie sich meinetwegen in jene Ecke , während ich hier sehr entfernt von Ihnen , auf dem Tabouret Platz nehmen will . - So thun Sie es doch ! - Ich komme , bei Gott ! in keiner schlechten Absicht . « Nach längerem Zögern that das Mädchen endlich , wie er ihr geheißen . Sie ließ die Hand von dem Tische herabgleiten , ging rückwärts zu dem bezeichneten Stuhl , blieb aber dort aufrecht stehen und schien sich an der Lehne festzuhalten . » Sie haben mich nicht hier erwartet ? « sagte der Graf , nachdem er sie eine Zeit lang betrachtet . » Nein , nein , nein ! gewiß nicht ! « brachte das Mädchen mühsam hervor . » Aber Jemand anders sollte kommen ? Schütteln Sie nicht den Kopf : ich weiß Alles . - Jemand anders wurde von Ihnen hier um elf Uhr erwartet . Da hilft ja kein Leugnen . - Sie hatten ihm etwas mitzutheilen . Sehen Sie , Sie schlagen die Augen nieder . - Nun also , ich komme an seiner Stelle ; lassen Sie mich hören , was Sie zu sagen haben . « Das Mädchen schüttelte mit dem Kopfe , schlug die Hände zusammen und drückte sie alsdann heftig an ihre Augen . » Sie trauen mir nicht , « fuhr der junge Mann nach einer Pause fort . » Nun , ich finde das begreiflich . - Sie erwarten Jemand , den Sie schon länger kennen , nun erscheint plötzlich ein Unbekannter , - das muß Sie natürlicherweise überraschen . Wenn ich Ihnen aber sage , « - diese letzten Worte sprach er in bestimmtem Tone und sehr langsam - » daß Seine Durchlaucht der Herzog Alfred hieher kommen sollte , daß er aber augenblicklich nicht im Schlosse ist und daß ich statt seiner hier bin , ist das alles nicht wahr ? « Das Mädchen ließ ihre Hände herab sinken , schaute ihn mit einem festen Blicke an und entgegnete alsdann : » Was hilft mein Leugnen , Sie haben mich ja in Ihrer Gewalt . « » Ach was Gewalt ! « entgegnete er unmuthig . » Davon kann gar keine Rede sein . Schenken Sie mir Ihr Vertrauen ; Sie haben es mit keinem Undankbaren zu thun . « Ein schmerzliches Lächeln flog bei diesen Worten über ihre Züge , dann seufzte sie tief auf und flüsterte : » Es ist etwas Schönes um die Dankbarkeit ; o , wenn auch ich dankbar sein dürfte ! « » Also Sie erwarteten den Herrn Herzog ? « » Ja , « sprach das Mädchen nach einer Pause mit festerer Stimme . » Schön . - Nun bin ich aber da . - Sprechen Sie ohne Rückhalt . Was haben Sie mir zu sagen ? « » Ich brauche nicht zu sprechen , « erwiderte das Mädchen mit sanfter Stimme , » ich brauche nur auf Fragen , die an mich gestellt werden , zu antworten . Also fragen Sie in Gottes Namen . « Auf diese Worte hustete der Graf gelinde und sah sein Gegenüber erstaunt an . » Das ist ein schönes Labyrinth , « dachte er . » Finde mir da Jemand einen Ausweg ! Ich komme da her , um einen Bericht zu hören , und jetzt soll ich diesen Bericht mit Fragen heraus locken . - Was soll ich fragen , ohne mir eine Blöße zu geben ? Denn ich weiß nicht einmal , wer das Mädchen ist , und also auch nicht , worüber sie mir Auskunft zu geben vermag . - Helfen wir uns , so gut wir können . Sie muß doch bei irgend einer Herrschaft sein , nach der wollen wir uns ein wenig erkundigen ; vielleicht gibt sich das Andere von selbst . « - » Also , « begann der Graf nach einem längeren Stillschweigen und nachdem er sich mit der Hand über das Gesicht gefahren , auch seinen Schnurrbart gedreht und den Mantel etwas von der Schulter herab genommen , » also Sie erwarten meine Fragen ? « » Ja , « erwiderte das Mädchen . » Nun denn ! - Teufel ! « dachte er , » wer ihre Herrschaft ist , darf ich nicht fragen , - aber wo sie sich im Augenblicke aufhält . Das geht ! « - » Nun denn , ist Ihre Herrschaft zu Hause ? « » Das gnädige Fräulein kamen vor einer halben Stunde . « » Ah ! ein Fräulein ! - Das ist schon etwas ! « sprach er für sich . - » Und - hm ! - sie - sie blieb zu Hause ? « » Sie begab sich zu Bette . « » Natürlich ! - es ist schon spät . - Und wo war denn das gnädige Fräulein , wenn ich fragen darf ? « » Sie fragen nur für den Abend ? - Oder meinen Sie den ganzen Tag ? « » Vorderhand ist es mir nur um den Abend zu thun , « erwiderte Graf Fohrbach , der wohl fühlte , daß er bald mit seinen Fragen am Ende sei . » Dann aber wünsche ich auch Einiges über den Tag zu erfahren . « » Das gnädige Fräulein waren von Sechs bis halb Acht bei der Tafel und fuhren darauf in Gesellschaft . « » Wohin ? « » Zu dem Herrn Major von S. « » Was ? « rief der Graf im höchsten Erstaunen , indem er heftig zusammenfuhr und dicht vor das Mädchen hintrat , » zu Major von S. ? - Träume ich denn ? - Zu Major von S. ? « » Um Gotteswillen ! - ja . Ich sage gewiß die Wahrheit , « versetzte sie erschrocken . » So ist Ihr Fräulein - Eugenie von S. ? « » Allerdings ! « rief das Mädchen , nun ihres Theils überrascht . » Das wußten Sie nicht ? « » Nein , beim Teufel ! ich wußte es nicht . - Ah ! das ist ein bischen zu stark ! « » So hat Sie auch der Herzog nicht geschickt ? « fuhr ängstlich das Mädchen fort . » Nein , nein , er hat mich gewiß nicht geschickt ; aber ich danke Gott , daß ich gekommen bin . - Sie also betrifft dieser Bericht ? - Eugenie ? - O das ist über alle Beschreibung ! Sprich , Mädchen , « fuhr er ernster fort , indem er ihr Handgelenk faßte ; » jetzt werde ich wirklich Fragen stellen , bitte aber um richtige und pünktliche Antworten . - Sie haben also den Herrn Herzog hier erwartet ? « » Ja , ich sagte es schon . « » Und er kam schon öfter hierher in dieses Zimmer ? « » Zuweilen hier , zuweilen anderswo , wie es mir befohlen war . « » Wie es Ihnen befohlen war ? - doch davon nachher ! - Also Sie trafen hier oder anderswo mit dem Herrn Herzog zusammen , um ihm - Bericht über Ihre Herrin zu geben , über ihr Leben und Treiben , was sie thut und spricht , zu wem sie geht , wer zu ihr kommt ? - Ah ! Verrath ohne Gleichen ! - Schändlichkeiten , wie noch keine da gewesen ! Und das fühlen Sie nicht ? Ein solches Verbrechen liegt nicht schwer auf Ihrer Seele ? - Pfui der Schande ! « Anfänglich hatte das Mädchen den jungen Mann mit weit aufgerissenen Augen angestarrt , dann schlug sie die Hände vor das Gesicht und ein tiefer , schmerzlicher Seufzer wand sich aus ihrer Brust ; zuletzt aber , als sein Auge flammte und er mit Entrüstung des schändlichen Verraths gegen ihre Herrin erwähnte , ließ sie langsam die Hände von ihrem Gesicht herab sinken , athmete tief auf und blickte in die Höhe , aber nicht mehr ängstlich oder niedergedrückt , sondern als wollte sie sagen : Gott sei gedankt ! Eine Thräne , die in ihrem Auge zitterte , bekräftigte diesen Gedanken . » So sind Sie der Herr Graf Fohrbach ? « brachte sie darauf mühsam hervor . » Der bin ich . - Woher kennen Sie meinen Namen ? « » O , er wird oft bei uns genannt , « entgegnete schüchtern das Mädchen . Zu jeder andern Zeit hätte ihn dies Wort glücklich und vergnügt gemacht , aber in diesem Augenblicke , wo er einer so ausgedachten Verrätherei auf die Spur gekommen war , einer Verrätherei gegen sie , gegen das Mädchen , das er so innig liebte , brachte es keine große Wirkung auf ihn hervor . - Und es war ja nicht nur eine Verrätherei gegen Eugenie ; wer weiß , welchen Zweck man hatte , ihre Handlungen und Worte zu belauschen , ihre Schritte mit Schlingen und Fallen zu umgeben ! - Wohl durchzuckte es ihn seltsam , als das Mädchen sagte , sein Name werde oft genannt , doch machte er eine ablehnende Handbewegung gegen sie . » So oft genannt , « fuhr sie eifriger fort , » daß er mir leicht im Gedächtnisse blieb und daß ich immer auf die Stunde hoffte , wo es mir vielleicht vergönnt sein würde , Sie zu sprechen , zu Ihren Füßen zu fallen , Ihren Schutz anzuflehen . « Bei diesen Worten that das Mädchen , wie es sagte : es sank neben dem Stuhle nieder , und als der Graf erstaunt einen Schritt zurücktreten wollte , faßte es nach seinem Mantel . » Das ist eine sonderbare Kommödie , « sagte er . » Was Teufel brauche ich Sie zu schützen ? - Sie scheinen mir selbstständig genug zu sein , stehen ja auch unter weit mächtigerem Schutze , als der meinige ist . Uebrigens bitte ich recht sehr , stehen Sie auf ; ich mag Sie nicht da liegen sehen , selbst wenn dies am Ende eine Stellung ist , die Sie wohl verdienen nach dem , was Sie einer gewiß so guten und sanften Herrin gethan . « » O mein Gott ! ja , sie ist so gut und sanft , « versetzte jammernd das Mädchen . Dabei ließ sie den Mantel los , stützte sich mit der einen Hand auf den Boden und schien mit der anderen ihre herabstürzenden Thränen zurückhalten zu wollen . » Die Ihnen gewiß nie Veranlassung zu diesem Schritte gab , « fuhr er entrüstet fort . » Nie , « sagte das Mädchen . - » Nie ! nie ! Man fühlt bei Fräulein Eugenie nicht , daß man Dienerin ist ; man arbeitet zu seinem Vergnügen , indem man ihre freundlichen Bitten erfüllt ; man wird belohnt durch Gutmüthigkeit und Vertrauen . - Nie kommt ein hartes Wort über ihre Lippen , nie hat man bei ihr eine Laune zu ertragen . « » Und doch , « rief der junge Mann , mehr und mehr überrascht , während er einen Blick des Abscheu ' s auf die Knieende warf , » und doch die Verrätherei ? - So also belohnen Sie die Liebe und Güte Ihrer Herrin ? « » Ich muß ja wohl ! « klagte das Mädchen und rang wie verzweifelnd die Hände . » Bei Gott dem Allmächtigen ! ich muß , man zwingt mich dazu ! « » Wer kann Sie zwingen ? - Sind Sie nicht die Herrin Ihrer Handlungen , sind Sie nicht in dem Punkte vollkommen frei ? « » O nein ! o nein ! ich bin nicht frei ; ich mußte diesen Befehlen Folge leisten . « » Den Befehlen Ihrer Herrin ? « Sie schüttelte mit dem Kopfe . » Hat denn sonst irgend Jemand eine Macht über Sie ? « » Ja . « » Eine Macht , die Sie zwingen kann , gegen Ihre Herrin zu handeln wie Sie gethan ? « » Ja . « » Also ein Wesen , « sprach er , mehr und mehr erstaunt , » das Sie zwingt , Ihre Herrin zu verrathen ? « » Ja , ja ! « » Das Ihnen befiehlt , Eugeniens Thun und Lassen genau zu beobachten und darüber Bericht zu machen ? « » O mein Gott , ja ! « » Berichte an den Herzog ? « » Ja , Herr Graf - Berichte an den Herzog , oder an wen man mir befiehlt . « Nach diesen Worten faltete sie , immer noch auf den Knieen liegend , die Hände und ließ den Kopf tief auf die Brust herab sinken . » Und wer ist dieses Wesen , das eine solche Macht über Sie ausübt ? « » Ich weiß es nicht , « sagte sie nach einer Pause , indem sie ihren Kopf erhob und dem jungen Manne mit einem Blick voll Offenheit , ja mit einem Ausdruck vollkommener Ehrlichkeit in die Augen schaute . - » Ich weiß nicht , wer es ist , ich kenne seinen Namen nicht , ich erinnere mich nur noch jenes schrecklichen Orts , wo ich ihn sah , ihn , der mir den Befehl ertheilte , also zu thun wie ich gethan . « » Und wo ist dieser Ort ? « » Er ist , « sprach das Mädchen - doch hielt sie plötzlich inne , öffnete starr die Augen und lauschte nach dem Gange hin , wobei sie wie beschwörend ihre Hände aufhob . Auch der Graf wandte leicht den Kopf herum und vernahm , obgleich sehr gedämpft , feste männliche Schritte , die sich von der blauen Gallerie her zu nähern schienen . » Der Herzog ! « flüsterte das Mädchen mit fast lautloser Stimme . » Ja , er wird es sein , « sagte der Graf ruhig , aber gleichfalls sehr leise . » Verhalten Sie sich ganz stille ; nur stellen Sie das Licht zur doppelten Vorsicht noch in die Fensternische ; durch die Vorhänge wird sein Schein nicht durchdringen . « Sie erhob sich vorsichtig von ihren Knieen und that wie ihr geheißen ; dann blickte sie angstvoll auf den Grafen , dem ein leichtes Lächeln um den Mund spielte . Die Schritte kamen näher - ganz nahe ; jetzt hielt Jemand vor der Thüre . Zuerst hustete es draußen leise , dann wurde sachte an die Thüre geklopft , und da auf alle diese Zeichen keine Antwort erfolgte , so vernahm man deutlich , daß eine Hand die Klinke ergriff und die Thüre zu öffnen versuchte , was ihr aber natürlicherweise nicht gelang . Dasselbe Manöver wurde von draußen mehrere Male probirt , und als es immer gleich erfolglos blieb , vernahm man einige leicht gemurmelte Worte , worauf sich die Person wieder langsam entfernte . Einmal schien dieselbe umkehren zu wollen ; man vernahm ein Anhalten , dann eine halbe Wendung auf dem Steinboden des Ganges , doch besann sie sich eines Bessern : gleich darauf klangen die Schritte wieder regelmäßig und fest und verloren sich in der tiefen Stille , die über dem ganzen Schlosse lag . » Der gute Herzog sucht , obgleich spät , doch noch zu seinem Rendezvous zu kommen , « dachte der Graf . - Und dann wandte er sich wieder an das Mädchen , das , ein Bild der Angst , bleich und zitternd an dem Fenstervorhange stand . » Beruhigen Sie sich , « sagte er , » diese Gefahr ist gänzlich vorüber , denn wie ich den Herzog kenne , wird er heute Nacht nicht mehr zurückkehren . - Sie können ihm dann vielleicht morgen Ihren Bericht machen . « Diese letzten Worte sprach er in einem schneidenden Tone . Das Mädchen seufzte tief auf und entgegnete : » Wie Gott will ! « » O nein , « erwiderte er heftig , » nicht wie Gott will , vielleicht wie der Teufel will ! Denn nur der hat eine Macht über Menschen , wie die sind , von welchen Sie soeben gesprochen . « » O , Sie glauben mir nicht , Herr Graf ! « sagte sie tief bekümmert . - » Und es wäre doch für Alles gut , wenn Sie mir glauben wollten . « » So bringen Sie was Glaubwürdiges vor und ich will mir Mühe geben , Ihren Worten zu vertrauen . « Sie blickte sich scheu um , als fürchte sie , belauscht zu werden , namentlich nach dem Fenstervorhang hin , als sei es möglich , daß plötzlich Jemand vortrete . - » Ich mußte einen fürchterlichen Schwur nachsprechen , « sagte sie zitternd . » Einen Schwur , nichts von dem Orte zu verrathen , von dem Sie vorhin sprachen , und von dem , was man Ihnen dort gesagt ? « » Warten Sie einen Augenblick , « entgegnete sie nach einer Pause nachdenkend , indem sie die Hand an ihre Stirne legte . - » Nein , nein , das ließ er mich gerade nicht schwören , denn , daß das je geschehen könnte , mochte er sich wohl nicht denken , da er mir Gutes erzeigt . - Aber ich mußte schwören , meine neue Herrin zu beobachten , um , so oft es von mir verlangt würde , einen Bericht zu machen , wenn sie ausgeht , wohin sie geht , wer zu ihr kommt , was sie zu Hause macht , an wen sie schreibt , - ja , das mußte ich schwören bei dem allmächtigen Gott , der mich strafen sollte , wenn ich je meinen Schwur bräche . « - Nachdem sie das gesagt , schauerte sie leicht zusammen . In allem dem , was das Mädchen sprach , war trotz des Räthselhaften so viel Glaubwürdiges , auch trugen ihre Worte so den Stempel des Wahren und Aufrichtigen , daß sie der junge Mann mehr und mehr mit Interesse betrachtete und sein Zorn vor ihrem sanften und klaren Blick zu verschwinden begann . » Das ist äußerst seltsam , « sagte er , » und ich will Ihren Worten trauen . Wenn Sie aber wollen , daß ich Ihnen vollkommen glauben , mich Ihrer vielleicht annehmen soll , so lösen Sie mir die Räthsel , die in dieser Geschichte liegen , und erzählen mir die Wahrheit , meinetwegen , so weit es Ihnen der geleistete Schwur erlaubt . « » Ja , das will ich ! « versetzte sie eifrig . » Ihnen will ich alles das sagen , Herr Graf , - denn ich weiß ja , « fuhr sie mit niedergeschlagenen Augen fort , » wie sehr Sie meiner Herrin zugethan sind , und wie Sie gewiß Alles , was ich Ihnen anvertraue , nur zu deren Besten anwenden werden . Ah ! und ich wünsche ja meiner Herrin alles Gute , alles Glück und alles Heil . « » Und das wären Sie vom Herrn Herzog nicht gerade überzeugt ? « fragte er forschend . » Nein , nein ! « entgegnete sie eifrig ; » er meint es schlimm und unredlich . O glauben Sie mir , Herr Graf , ich habe ihm gewiß nur Sachen berichtet , die meiner Herrin nicht schaden können ; ich habe seinen sonderbaren Zumuthungen nie Gehör gegeben , ich war gewiß keine so schlimme Verrätherin , wie ich wohl scheine . « » Ei , ei ! er machte Ihnen Zumuthungen ? « sagte aufmerksam Graf Fohrbach . - » In Betreff Ihrer Herrin ? « » Sehr häufig . « » Und worin bestanden diese Zumuthungen ? « » Bald sollte ich ihm dies oder das von ihr verschaffen - ein Band , eine Haarlocke oder ein Blatt ihres Albums , in welches sie zuweilen kleine Gedichte schreibt . Auch verlangte er , ich sollte ihn Abends einmal , wenn Fräulein Eugenie ausgegangen , in deren Zimmer führen . « » Was der Teufel ! - Und Sie ? « » Bei Gott ! ich wies alles das zurück . - Auch wünschte er , ich solle zuweilen beim Ankleiden auf eine unverfängliche Art die Rede auf ihn bringen , um zu hören , was das gnädige Fräulein sagen würde . - Aber gewiß , ich that es nie . « » Sehr gut ! « » Was mir befohlen war und wozu mich mein Schwur zwang , habe ich gethan , aber gewiß nur auf die schonendste Art für Fräulein Eugenie . - Wenn Sie , Herr Graf , « fuhr sie nach einer kleinen Pause stockend fort , - » geneigt wären , den Worten eines armen Mädchens Glauben zu schenken , so würde ich Ihnen bei Allem , was mir heilig ist , die Versicherung geben , daß der Herzog von meiner Dame nie ein anderes Wort erfuhr , als was die ganze Welt wissen kann . « » Und mir würden Sie auch nicht mehr sagen ? « fragte er lächelnd . » Gewiß nicht , Herr Graf , « entgegnete sie mit einem festen , offenen Blick . » Sie würden das auch nicht verlangen , denn - « Hier schwieg sie plötzlich . » Sprechen Sie weiter ! « sagte er ; » denn - « » Denn , « fuhr sie mit einem kaum bemerkbaren Lächeln fort , » denn meine Herrin würde Ihnen vielleicht selbst mehr sagen , als ich dem Herzog zu berichten im Stande bin . « » Ah ! Sie glauben ? « rief er erfreut . » Nun , da wir Beide hier einmal auf so eigenthümliche Art zum Austausche von Geheimnissen kommen , so kann ich Sie versichern , ein jedes Wort von Fräulein Eugenie zu mir gesprochen , ist mir unaussprechlich kostbar . - Doch wir kommen ganz von unserer Sache ab , « unterbrach er mit einem viel ernsteren Tone sich selbst und seine freundliche Rede von vorhin . - » Wollen Sie mir Ihr Vertrauen schenken ? Wohlan ! ich will Sie anhören , ich will Ihnen rathen , wo ich kann . « » Das ist aber eine ziemlich lange und traurige Geschichte , « entgegnete das Mädchen , » und ich fürchte Sie damit zu ermüden , will mich aber so kurz zu fassen suchen , wie nur möglich . « Darauf nun erzählte sie dem Grafen ganz ehrlich und aufrichtig die Geschichte , welche der geneigte Leser bereits weiß , genau so , wie sie solche im Fuchsbau dem Harfenmädchen anvertraut , wie man sie eines Diebstahls beschuldigt und fortgejagt , wie sie darauf mit der Harfenspielerin in jenes Wirthshaus gekommen und wie sie zu Bette gegangen seien . - » Dann wurden wir in der Nacht geweckt , « sprach sie weiter : » eine alte Frau hieß mich aufstehen , meinen Anzug zurecht machen und brachte mich hinunter in ein Zimmer , wo ich eine Zeit lang warten mußte , - dann führten sie mich vor ihn . « » Vor ihn ? - Wer war denn das ? « » Das weiß ich in der That nicht ; das schien auch Niemand im Hause zu wissen , es hieß nur immer : er ist gekommen , er ist da . Aber Jeder , der dies sagte , selbst die rohesten und verwegensten Leute , wie mir schien , sprachen von ihm mit großer Ehrfurcht , ja mit Angst und Zittern . Die Harfenspielerin sagte zu mir , als man mich aus dem Schlafzimmer abholte : ja , wenn er dich holen läßt , da hilft kein Widerstreben . « » Das ist sehr seltsam , « erwiderte der Graf . - » Also Alle schienen ihm zu gehorchen ? « » Unbedingt . « » Sie wurden also vor ihn gebracht . Thun Sie mir jetzt den Gefallen und nehmen Sie Ihr ganzes Gedächtniß zusammen . Wie sah er aus ? Wie ein wilder , verwegener Kerl ? « » Nein , nein ! « entgegnete sie eifrig , » so sah er nicht aus ; im Gegentheil . Es war ein noch junger Mann von , ich möchte sagen , angenehmem Aeußeren , in Ihrer Größe , Herr Graf , schlank , von leichten Bewegungen ; sein Gesicht hatte eine ziemlich dunkle Farbe , sein Haar war schwarz , seine Augen aber blau , und sein gleichfalls schwarzer Bart hing an beiden Seiten des Mundes herab . - Ich erinnere mich , bei uns Zigeuner gesehen zu haben , « fuhr sie nach einem kleinen Nachdenken fort , » gerade so sah er aus , nur daß seine Kleidung nicht zerlumpt war , sondern einfach , aber sehr anständig . « » Und womit war er ungefähr bekleidet ? « fragte der Graf mit großer Aufmerksamkeit . » Das kann ich nicht sagen , « entgegnete das Mädchen ; » ich war so bestürzt und überrascht , und in so großer Angst , daß ich nur auf das Gesicht blickte . « » Ja , das haben Sie behalten , wie mir scheint , « versetzte lächelnd der Graf . » Sie haben mir es wenigstens zum Malen beschrieben . Dunkle Gesichtsfarbe , schwarzes Haar und Bart und dazu blaue Augen - das Bild eines schönen Zigeuners . « » Eines noch fällt mir ein , « sagte das Mädchen . » Ich war an dem Tage von Kummer , Elend und Müdigkeit so erschöpft , daß ich vor ihm ohnmächtig wurde . Er fing mich in seinen Armen auf , vorher aber glitt ich auf den Boden nieder , und da berührten meine Wangen etwas Kaltes und Glänzendes an ihm . « » Vielleicht ein Säbel ? « » Nein , nein ! Ich bemerkte nachher , daß es hohe Stiefel waren , die ihm bis an die Kniee reichten . « » Hatte er überhaupt keine Waffen ? « fragte der Graf . » Sahen Sie keine an ihm ? « » O doch ; ich erinnere mich , etwas wie eine Art Dolch gesehen zu haben , mit weißem Griff , das er an seinem Gürtel trug ; er hatte es mit der linken Hand erfaßt . « » Das klingt ja ganz romantisch , « meinte Graf Fohrbach , nachdem er einen Augenblick sinnend vor sich niedergeschaut . »