tüchtig zu hungern , erinnerte er sich plötzlich der weisen Tischreden seiner Mutter , wenn er als kleiner Junge das Essen getadelt hatte und sie ihm dann vorhielt , wie er einst vielleicht froh sein würde , nur solches Essen zu haben . Das erste Gefühl , was er hiebei empfand , war ein Gefühl der Achtung vor der ordentlichen Regelmäßigkeit und Folgerichtigkeit der Dinge , wie alles so schön eintreffe ; und in der Tat ist nichts so geeignet , den notwendigen und gründlichen Weltlauf recht einzuprägen , als wenn der Mensch hungert , weil er nichts gegessen hat , und nichts zu essen hat , weil er nichts besitzt , nichts besitzt , weil er sich nichts erworben hat . An diesen einfachen und unscheinbaren Gedankengang reihen sich dann von selbst alle weiteren Folgerungen und Untersuchungen , und Heinrich , indem er nun in seiner Einsamkeit vollständige Muße hatte und von keiner irdischen Nahrung beschwert war , überdachte sein Leben und seine Sünden , welche jedoch , da der Hunger ihn unmittelbar zum Mitleid mit sich selbst stimmte , mehr als die Sättigung , welche manche übermütige und geistreiche Askese hervorbringt , noch ziemlich glimpflich ausfielen . Im ganzen befand er sich nicht sehr trübselig ; die Einsamkeit tat ihm eher wohl , und das Hungern verwunderte ihn immer aufs neue , während er in des Königs Gärten auf abgelegenen sonnigen Pfaden spazierte oder durch die belebte Stadt nach Hause ging ; auch wunderte es ihn , daß ihm das niemand ansah und ihn niemand befragte , ob er gegessen habe ? worauf er sich sogleich antwortete , daß dies sehr gesetzmäßig der Fall sei , da es niemanden was anginge und er sich auch nichts ansehen lasse , woran sich denn wieder weitere Gedanken knüpften . Am dritten Tage , als er begann , sich wirklich schwächer zu fahlen , und eine bedenkliche Mattigkeit in den Füßen sich kundgab , kam ihm dies erst lächerlich vor ; dann aber begann er ängstlich zu werden , und als er sich zum dritten Mal ungegessen ins Bett legen mußte , ward es ihm höchst weinerlich und ärgerlich zu Mute , und er gedachte , durch den in seiner Schwäche rumorenden Leib gemahnt , sehnlich und bitterlich seiner Mutter , nicht besser als ein sechsjähriges Mädchen , das sich verlaufen hat . Wie er aber an die Geberin seines Lebens dachte , fiel ihm auch der höchste Schutzpatron und Oberviktualienmeister seiner Mutter , der liebe Gott , ein , und da Not beten lehrt , so betete er ohne weiteres Zögern , und zwar zum ersten Mal sozusagen in seinem Leben um das tägliche Brot . Denn bisher hatte er nur um Aushilfe in moralischen Dingen oder um Gerechtigkeit und gute Weltordnung gebeten in allerhand Angelegenheiten für andere Leute ; in den letzten Jahren zum Beispiel , daß der liebe Gott den Polen helfen und den Kaiser von Rußland unschädlich machen möge oder daß er den Amerikanern über die Kalamität der Sklavenfrage auf eine gute Weise hinweghelfen möchte , damit die Republik und Hoffnung der Welt nicht in Gefahr käme , und dergleichen Dinge mehr . Jetzt aber widersetzte er sich nicht mehr , um seine Lebensnahrung zu beten ; doch benahm er sich noch höchst manierlich und anständig dabei , indem er trotz seines bedenklichen Zustandes erst bei der Bitte für die Mutter anfing , dann einige andere edlere Punkte vorbrachte und dann erst mit der Eßfrage hervorrückte ; jedoch nicht sowohl , um den lieben Gott hinter das Licht zu führen , als um zwangsweise den allgemeinen Anstand zu wahren , auch vor sich selbst . Jedoch betete er nicht etwa laut , sondern es war mehr ein stilles Zusammenfassen seiner Gedanken , und er dachte das Gebet nur , und trotzdem war es ihm ganz seltsam zu Mute , sich wieder einmal persönlich an Gott zu wenden , welchen er zwar nicht vergessen oder aufgegeben , aber etwas auf sich beruhen gelassen und unter ihm einstweilen alle ewige Weltordnung und Vorsehung gedacht hatte . Am Morgen stand er in aller Frühe auf und pfiff , so gut es mit seiner immer ängstlicher schnappenden Lunge gehen mochte , munter ein Liedchen ; es war ihm , als ob jetzt eine gute Mahlzeit alsogleich vor der Tür sein müsse , denn weiter als an eine solche dachte er nicht mehr . Zugleich ergriff er unwillkürlich ein stattliches und höchst inhaltreiches Buch , das da zunächst bestaubt auf einer Tischecke lag , ging damit zu einem Büchertrödler , dem er schon manches Buch abgekauft hatte , und trug einige Augenblicke darauf mehrere nagelneue blanke Guldenstücke davon , welche der gute Jude freundlich aus seinem ledernen Beutelchen geklaubt . Heinrich hatte die lieblichen Münzen nur beim Übergang aus des Juden Tasche in die seinige flüchtig blinken gesehen ; aber dies Blinken machte auf ihn in seiner Leibesschwäche vollkommen den Eindruck wie der Sonnenaufblitz eines unmittelbaren allernächsten Wunders . Er gewann auch unmittelbar durch diesen bloßen Eindruck einige Lebensgeister , so daß er , obgleich es nun schon der vierte Fasttag war , sich vornahm , doch nicht vor Mittag zu Tische zu gehen , sondern seinen wunderlichen Zustand noch recht erbaulich auszugenießen . Er begab sich also wieder in den Schatten eines lieblichen Wäldchens , setzte sich auf eine Bank und zog unverweilt die schönen Gulden hervor , sie nunmehr in aller Behaglichkeit betrachtend . Es war ihm , als ob er niemals Geld besessen hätte , als ob es eine Ewigkeit her wäre , seit er in der Gesellschaft von Menschen gewesen und sich gleich ihnen genährt , und so ein hinfälliges Ding ist der Mensch , daß Heinrich eine kindliche Freude über den Besitz dieser paar elenden Münzen empfand und sie mit gierigen Blicken verschlang . Es schien ihm das reinste und höchste Glück zu sein , was er da in der Hand hielt ; denn es war die unzweifelhafteste Lebensfristung , Rettung und Erquickung , und darüber hinaus dachte der Frohe gar nicht . Er dankte dem lieben Gott sehr zufrieden für die Erhörung seines Gebetes , wie in den Tagen seiner Kindheit ; sonst dachte er nicht viel , denn die Gedanken waren allbereits sehr kurz und dünn gesäet ; er genoß nur mit stillem Wohlgefühl den durch das Grün flimmernden Sonnenschein und den Glanz der klingenden Silberstücke . Hier wird sich nun der dogmatische Leser in zwei Heersäulen spalten die eine wird behaupten , daß es allerdings die Kraft des Gebetes und die Hilfe der Vorsehung gewesen sei , welche die magischen Guldenstücke auf Heinrichs Hand legten , und sie wird diesen Moment , da wir bereits mitten im letzten Bande stehen , als den Wendepunkt betrachten und sich eines erbaulichen Endes versehen ; die andere Partei wird sprechen » Unsinn ! Heinrich würde sich sowieso endlich dadurch haben helfen müssen , daß er das Buch oder irgendeinen andern Gegenstand verkaufte , und das Wunderbare an diesem Helden ist nur , daß er dies nicht schon am ersten Tage tat ! Es sollte uns übrigens nicht wundern , wenn der dünne Feldweg dieser Geschichte doch noch in eine frömmliche Kapelle hineinführt ! « Wir aber als die verfassenden Geister dieses Buches können hier nichts tun , als das Geschehene berichten , und enthalten uns diesmal aller Reflexion mit Ausnahme des Zurufes » Richtet nicht , damit ihr nicht gerichtet werdet ! « Selbst wenn wir nun gleich erzählen , welches Verhalten Heinrich annahm , nachdem er sich durch einige gute Nahrung gestärkt , so werden wir durchaus nicht unsere Meinung hinzufügen , ob der nüchterne oder der gesättigte grüne Heinrich recht habe . Er begab sich also nun mit kurzen Schritten nach dem gewohnten Speisehaus , welches ihm als der allerseligste Aufenthalt vorkam , und der Geruch der Speisen dünkte ihn köstlicher denn der Duft von tausend Rosengärten . Die aufwartenden Mädchen , welche sonst schon hübsch und munter waren , erschienen ihm wie huldreiche Engel , in deren Obhut es gut wohnen sei , und gerührt darüber , daß es in der Welt doch so wohlmeinend zugehe , setzte sich der gänzlich Ausgehungerte und mürbe Gewordene zu Tisch , in der festen Absicht , sich für das Fasten gründlich zu entschädigen . Hatte aber der bloße Anblick ; des vielvermögenden Geldes ihn aufgemuntert , so stärkte ihn jetzt das Essen zusehends , daß er ordentlich zu Gedanken kam , und schon während er die kräftige Fleischbrühe einschlürfte , besann er sich und nahm sich vor , nicht mehr zu essen als gewöhnlich und sich überhaupt anständig zu verhalten . Als er jedoch ein saftiges Stück Ochsenfleisch und einen guten Teller Blumenkohl verzehrt , dazu einen Krug schäumenden Bieres vor sich stehen hatte , strich und kräuselte er sich wieder ganz selbstbewußt den jungen Bart , und indem er das ganze Abenteuer gemächlich überdachte , schämte er sich jetzt plötzlich seines Wunderglaubens und daß er so ganz haltlos in die Falle gegangen , in seiner Schwäche den trivialsten Vorgang von der Welt als eine unmittelbare Einwirkung einer höheren Vorsehung zu nehmen . Er bat den lieben Gott sogar um Verzeihung für die Zumutung , sich mit seiner Ernährung unmittelbar zu behelligen , den natürlichen Lauf der Dinge unterbrechend , während er selbst die Hände in den Schoß gelegt . Sechstes Kapitel Als er solchergestalt diese Dinge betrachtete , nicht eben denkend , daß sie damit noch lange nicht zu Ende seien , und einen kräftigen Zug aus seinem Kruge tat , kamen einige seiner Bekannten heran und überhäuften ihn mit Fragen , warum er sich so lange nicht sehen lassen und wo er gewesen sei . Heinrich tat , als ob nichts geschehen wäre , und froh , wieder unter frohen Menschen zu sein , zechte und scherzte er mit ihnen , während in seinem Gemüte dieser erste kräftige Stoß des stillen , aber unerbittlichen Lebens langsam verschmerzte . Denn er fühlte erst jetzt , als mitten in Scherz und Gelächter die Brust sich noch heftig bewegte und er eine nur allmählich sich legende Aufregung empfand , wie so vielsagend und schonungslos dieser Stoß gewesen , daß er sich wie geschändet fühlte und ihn unwillkürlich verschwieg . Er ging dessenungeachtet mit dem wenigen Gelde um , als ob er ohne alle Sorgen wäre , und das betrachten wir eher als eine Tugend denn als einen Fehler . Die einen Menschen verhalten sich unablässig im Kleinen höchst zweckmäßig , ausdauernd und ängstlich , ohne je einen festen Grund unter den Füßen und ein klares Ziel vor Augen zu haben , indessen anderen es unmöglich ist , ohne diesen Grund und dieses Ziel sich zweckmäßig und absichtlich zu verhalten , aus dem einfachen Grunde , weil sie gerade aus Zweckmäßigkeit nicht aus nichts etwas machen können und wollen . Diese halten es dann für die größte Zweckmäßigkeit , sich nicht am Nichtssagenden aufzureiben , sondern Wind und Wellen mit der tieferen , der wahren menschlichen Geduld über sich ergehen zu lassen , aber jeden Augenblick bereit , das rettende Tau zu ergreifen , wenn sie nur erst sehen , daß es irgendwo befestigt ist . Sind sie am Lande , so wissen sie , daß sie alsdann wieder die Meister sind , während jene noch auf ihren kleinen Balken und Brettchen herumschwimmen , die über eine Spanne weit immer zu Ende sind . Wer immer emsig zappelt und zweckmißt , dessen Ausdauer ist alles andere , nur keine Geduld , welche wirklich etwas erdulden und über sich ergehen lassen will . Heinrich entledigte sich nun , da die Sachen blieben , wie sie waren , nach und nach aller Gegenstände , für welche man ihm irgend etwas geben wollte , und indem er je nach diesen Einkünften sich gütlich tat oder sich dürftig behelfen mußte , wurde er erst jetzt , als sein fahrendes wunderliches Eigentum verschwand , arm wie eine Kirchenmaus . Das letzte , was er besaß , waren seine Mappen . Er hatte schon wiederholt versucht , eine bessere Studie oder Zeichnung , da dergleichen oft zum Verkaufe geeignet und gesucht ist , bei den Kunsthändlern anzubringen ; allein er war zu seiner Beschämung immer kurz abgewiesen worden als einer , der etwas anbietet , und zwar , wie es zu sehen war , aus Not . Jetzt nahm er abermals einige Blätter und ging damit in eine abgelegene Seitengasse zu einem alten seltsamen Männchen , welches einen erbärmlichen Kram von allerlei Schnickschnack führte und in seinem dunklen Laden saß und allerhand laborierte . Am Fenster hatte dieser Mann immer einige vergilbte Zeichnungen oder Druckblätter hangen ohne Wert , wie sie der Zufall zusammengeweht , und ebenso wertlos war eine kleine Bildersammlung im Innern des armseligen Magazins , das Ganze eine jener Zufluchtsstätten und Vermittlungsanstalten für jene gottverlassene Klasse von Kunstbeflissenen , die gänzlich von jeder Weihe , jedem Bewußtsein und jeder Bildung entfernt ihr Wesen treibt in seltsamer Industrie und Armut , ohne Handwerker zu sein . Hier holten sich die Bierwirte der untersten Ordnung oder die Kunstfreunde mit fünfhundert Gulden Einkommen ihren Bedarf , um das für wenige Münzen erstandene Meisterwerk , sobald es in ihrem Besitze war , mit rührender Bewunderung zu preisen . Heinrich hatte bei dem Männchen in seinen guten Tagen zuweilen eine verlorene gute Radierung und dergleichen gekauft , welche der Seltsame , der sich mit eben der Befugnis , welche seine Käufer zu Kunstkennern schuf , zum Kunstmäkler aufgeworfen hatte , mit großem Mißtrauen und Widerstreben zu geringen Preisen abließ , indem er den Wert nicht beweisen konnte und , wenn ein gebildeter Käufer sich bei ihm einfand , stets um einen ungeheuren verborgenen Schatz gebracht zu werden fürchtete . Auf den Tisch dieses Mannes , der außerdem noch mit einer Kaffeekanne , einer auseinandergenommenen Schwarzwälderuhr , einem Kleistertopfe und verschiedenen Firnisgläsern beladen war , legte Heinrich jetzt seine guten Blätter , welche fleißig und treulich gezeichnete Waldstellen aus seiner Heimat enthielten , und mit dem gleichen Mißtrauen , mit dem das greise Männchen sonst ihm etwas verkauft hatte , betrachtete es jetzo die unschuldigen Studien und den jungen Mann . Seine erste Frage war , ob er sie selbst gemacht habe , und Heinrich zögerte mit der Antwort ; denn noch war er zu hochmütig gegenüber dem übrigens freundlichen Trödelmännchen , zu gestehen , daß die Not ihn mit seiner eigenen Arbeit in dessen düstere Spelunke treibe . Der graue Krämersmann jedoch , wenn er ein sehr schlecht beratener Kunstkenner war , verstand sich um so besser auf die Menschen und schmeichelte dem Widerstrebenden ohne weiteres die Wahrheit ab , deren er sich , wie er aufmunternd sagte , nicht zu schämen brauche , vielmehr zu rühmen hätte ; denn die Sachen schienen ihm in der Tat gar nicht übel , und er wolle es wagen und etwas Erkleckliches daranwenden . Er gab ihm auch so viel dafür , daß Heinrich einen oder zwei Tage davon leben konnte , und diesem schien das ein Gewinn , dessen er froh war , obschon er seinerzeit lust- und fleißerfüllte Wochen über diesen Sachen zugebracht hatte . Jetzt aber wog er das erhaltene winzige Sümmchen nicht gegen den Wert seiner Arbeiten ab , sondern gegen die Not des Augenblickes , und da erschien ihm denn der ärmliche Handelsmann mit seiner kleinen Kasse noch als ein freundlicher Wohltäter ; denn er hätte ihn ja auch abweisen können , und das wenige , was er mit gutem Willen und gutmütigen Gebärden gab , war so viel , als wenn jene reichen Bilderhändler erkleckliche Summen für eine Laune oder Spekulation ihres ebenso unsicheren Geschmackes hingaben . Aber noch in Heinrichs Anwesenheit befestigte der alte Kauz die unglücklichen Blätter an seinem Fenster , und Heinrich machte errötend , daß er fortkam . Auf der Straße warf er einen flüchtigen Blick auf das Fenster und sah die liebsten Erinnerungen an Heimat und Jugendarbeit de- und wehmütig an diesem Pranger der Armut und Verkommenheit hangen . Aber nichtsdestominder schlich er in zwei Tagen abermals mit einem Blatte zu dem Mann , welcher ihn ganz aufgeweckt und freundschaftlich empfing ; denn er hatte die ersten Sachen schon verkauft , während er sonst gewohnt war , seine Erwerbungen jahrelang in seiner Obhut zu hegen und an seinen Türpfosten hängen zu sehen . Sie wurden bald des Handels einig ; Heinrich machte eine vergebliche kurze Anstrengung , einen barmherzigern Preis zu erhalten ; ungewohnt zu feilschen und fürchtend , den Handel abgebrochen zu sehen , da er nach der bestimmten Äußerung , mehr haben zu wollen , ja nicht mehr hätte nachgeben dürfen oder gar zum zweiten Male wieder kommen , war er bald froh , daß der Alte nur noch kauflustig blieb , und dieser munterte ihn auf , nur zu bringen , wenn er etwas fertig hätte ( denn er bildete sich ein , der arme junge Künstler mache diese Sachen vorweg ) , sich ferner zu bescheiden und hübsch fleißig und sparsam zu sein , und die Zeit würde gewiß kommen , wo aus diesem kleinen Anfang etwas Tüchtiges würde ; dabei klopfte er ihm vertraulich auf die Achsel und forderte ihn auf , nicht so traurig und einsilbig zu sein . Heinrichs ganzes künstlerisches Besitztum wanderte nun nach und nach in den dunklen Winkel des immer kauflustigen Hökers ; wenn es auch manchmal Monate dauerte , bis dieser wieder etwas verkaufte davon , so blieb er sich doch gleich , und hierin war es nun nicht zu verkennen , daß der Alte , so knapp er Heinrich hielt , denselben doch nicht wollte im Stiche lassen und auch bei der Befürchtung , die ganze Bescherung auf dem Halse zu behalten , denselben nicht abweisen wollte . Das war die Treue , die Gemütsehre der Armut und Einfalt . Mit diesem Wesen schmeichelte er förmlich den armen Heinrich in eine große Demut und Vertraulichkeit hinein ; denn nicht nur erzwang er von ihm eine gute Miene zum bösen Spiel , sondern , wenn diese endlich erfolgte und Heinrich sich plaudernd und lachend ein Stündchen bei ihm aufhielt , dann aber weggehen wollte , forderte er ihn auf , nicht ins Wirtshaus zu laufen und sein Geldchen zu vertun , sondern mit ihm etwas Geschmortes oder Gebratenes zu essen . Der allein lebende katholische alte Gesell hatte nämlich bei aller Knauserei stets ein gutes Gericht in dem Ofen seines dunklen Gewölbes stehen und war ein vortrefflicher Koch . Bald war es eine Gans , bald ein Hase , welche er sich auf den Feiertag zubereitete , bald kochte er meisterhaft ein gutes Gemüse , welches er durch die Verbindung mit kräftigem Rind- oder Schweinsfleisch , je nach seinem Charakter , zum trefflichsten Gerichte zu machen wußte . Besonders verstand er sich auf die Fastenspeisen , welche er mehr aus Schleckerei als aus Frömmigkeit nie umging , und jeden Freitag gab es bei ihm entweder köstliche Fische , das heißt ziemlich bescheidene und wohlfeile Wassertiere , die er aber durch seine vielseitige Kunst zum höchsten Rang erhob , oder es duftete eine Makkaronipastete in seinem Laden , zwischen welche er kleine Bratwürstchen und Schinken hackte , welche unerlaubte Fragmente er spaßhaft Sünder nannte und , indem er seinem Gast vorlegte , eifrig aussuchte und zuschob . Hiebei blieb er aber nicht stehen , sondern eines Tages , als er den armen jungen Heiden besonders kirre gemacht , wickelte er eine fette Ganskeule nebst einem Stück Brot in ein Papier und suchte es ihm schmunzelnd in die Tasche zu stecken . Heinrich wehrte sich , ganz rot werdend , heftig dagegen ; wie aber der Alte den Finger aufhob und leise sagte » Na , was ist denn das ? Es braucht ' s ja kein Mensch zu wissen ! « da ergab er sich demütig in den Willen des seltsamen Mannes , der ein unerklärliches Vergnügen zu empfinden schien , den ihm fremden Menschen auf diese Weise gemütlich zu tyrannisieren . Das seltsamste war , daß er sich nicht um dessen Herkunft und Schicksal bekümmerte , nicht einmal fragte , wo er wohne , und am wenigsten den Gründen seiner jetzigen Armut nachforschte . Das schien sich alles von selbst zu verstehen . Heinrich trug dazumal die Ganskeule wirklich nach Hause . Auf der Schwelle sah er ein Bettelweib sitzen , welches ihn in so erbärmlichen Tönen um Barmherzigkeit anflehte , als ob es am Spieße stäke , und Heinrich fuhr mit der Hand in die Tasche , um hier auf die beste Weise das Nahrungsmittel anzubringen und zugleich dem Alten einen Streich zu spielen . Wie er aber die elende und hinfällige alte Frau näher ansah , da verging ihm endlich der letzte Stolz , und statt des Fleisches gab er ihr eines der Geldstücke , die er eben von seinem Gönner erhalten , ging auf seine Stube und aß die Ganskeule aus der einen Hand , aus der anderen das Brot , nicht um sich gütlich zu tun , sondern zu Ehren und zu Liebe der Menschlichkeit und der Armut , welche die Mutter der Menschlichkeit ist , und diese einsame Mahlzeit war gewissermaßen seine nachgeholte und verbesserte Abendmahlsfeier . So erhielt er sich ein gutes halbes Jahr , und so wenig der Alte ihm für seine mannigfaltigen Studienblätter , Skizzen und Zeichnungen gab , so waren dieselben doch so zahlreich , daß sie kein Ende zu nehmen schienen . Nie sagte ihm der Wunderliche , wer eigentlich die Sachen kaufe und was er daran gewinne , und Heinrich fragte nicht mehr darnach . Er war im Gegenteil froh , wie er nun gestimmt war , alles hinzugeben und das kärgliche Brot , welches die Welt ihm gewährte , verschwenderisch zu bezahlen , was nun freilich wieder nicht sehr demütig war ; aber der Mensch lebt vom Widerspruch ! Indessen war das wenige , was er erhielt , das erste , was er seinen eigenen Händen verdankte , und desnahen lernte er davon , sich einzurichten und sich mit wenigem zu begnügen . Unter seinen vielen Zechgesellen und Studiengenossen war es längst bemerkt worden , daß er gänzlich verarmt sei ; niemand fragte ihn aber darum , und da er das tonangebende Wesen wieder verloren hatte oder , wenn es unerwartet sich geltend machte , in Heftigkeit und Leidenschaft ausbrach , so lösten sich alle diese munteren Verhältnisse , und Heinrich zog sich zurück und fand sich bald ganz allein , oder wenn ihm dies unerträglich wurde , trieb er sich mit allerlei zufälligen Gesellen , wie sie die Ähnlichkeit des Schicksales vorübergehend herbeiführte , herum . Gleichzeitig nahm aber sein ernährender Jugendvorrat ein Ende , nachdem er schon sorgfältig die letzten Fetzen und Fragmente zusammengesucht und für den Alten zugestutzt hatte . Endlich bot er ihm seine großen Bilder und Kartons an , und der Alte sagte , er solle sie nur einmal herbringen . Heinrich erwiderte , das ginge nicht wohl an , und bat ihn um so viel Geld , daß er sie könne hertragen lassen . » Warum nicht gar , hertragen lassen ! Sie Sapperloter ! Gleich gehen Sie hin und holen ein Stück her ! Fürchten Sie denn , man werde Ihnen den Kopf abbeißen ? « Und er schmeichelte und schalt so lange , bis Heinrich sich entschloß und nach Hause ging und das Bild holte , welches er einst so unglücklich ausgestellt hatte . Es war sehr schwer , und der weite Weg ermüdete seine Arme auf ungewohnte Weise . Der Alte aber lächelte und schmunzelte und rief » Ei , ei ! sieh , sieh ! das ist ja ein ganzes Gemälde ! Verstehe nicht den Teufel davon ! Aber hochtragisch sieht ' s aus ( er wollte sagen hochtragend oder hochstelzig ) , habe in meinem Leben nichts so im Laden gehabt ! Wissen Sie was , Freundchen , jetzt holen Sie hübsch noch die anderen Sachen , damit wir alles beisammen haben . Nachher wollen wir schauen , ob sich ein Handel machen läßt . Gehen Sie , gehen Sie , Bewegung ist immer gesund ! « Heinrich ging abermals nach seiner Wohnung und ergriff den größten Karton , einen mit Papier bespannten Blendrahmen von acht Fuß Breite und entsprechender Höhe . Dies Ungetüm war leicht von Gewicht , aber ungefüg zu tragen wegen seiner Größe , und als der unmutige Träger damit auf die Straße gelangte , blies sofort ein lustiger Ostwind darein , daß es Heinrich kaum zu halten vermochte . Überdies mußte er , da die große Fahne nur auf der Rückseite an der Kreuzleiste zu halten war , die bemalte Seite nach außen kehren , und so begann er , sich dahinter bestmöglich verbergend , mit seiner Oriflamme durch die belebten Straßen zu ziehen . Alsobald zog eine Schar Knaben und Mädchen vor der wandelnden Landschaft her , und jeder Erwachsene ging ebenfalls ein Dutzend Schritte daneben hin und stolperte , während er die offenbaren und preisgegebenen Erfindungen Heinrichs zu enträtseln suchte , über die Steine . Zwei wohlhabende und angesehene Künstler gingen vorüber und betrachteten vornehm und verwundert den beschämten Träger , der ihnen bekannt vorkam ; er fuhr mit seiner spanischen Wand gegen einen Wagen , den er nicht sehen konnte , so daß die Pferde scheu wurden , der Fuhrmann fluchte , und zugleich brachten starke Windstöße das ganze Wesen ins Schwanken , und dieses stieß Heinrichs Hut herunter , so daß er nun nicht wußte , sollte er den im Kote dahinrollenden oder sein behextes Werk fahrenlassen . Diese Flucht seines Hutes war einer jener kleinen lächerlichen Unfälle , welche einen tiefen Verdruß oder grämliches Leiden auf den Gipfel bringen , und so stand Heinrich ganz elend und ratlos da und unterdrückte einen bitterlichen Zorn im Herzen . Er war in der Verwirrung mitten auf den Gemüsemarkt geraten und konnte sich vollends nicht mehr rühren . Fluchend tat er einen Ruck und schwang seinen Karton über seinen Kopf , um ihn dort in die andere Hand und in eine bequemere Lage zu bringen ; als das unselige Werk aber in der Luft schwebte , fand er nicht mehr Raum , es wieder herunterzunehmen , und hielt es so über den wogenden Köpfen der Menschenmenge . Erst jetzt gab es einen rechten Auflauf auf dem Markte , denn das Luftphänomen zog alle Leute herbei , die Fenster in den umliegenden Häusern taten sich auf , alles lachte , schimpfte und rief » Wer wird denn mit solchem Ofenschirm über den Markt gehen um diese Zeit ? « Da drängte sich Heinrichs Gönnermännchen aus dem Dickicht , im grauen Schlafrock und seine weiße Zipfelkappe auf dem Kopfe , über die Schulter ein Netz mit Gemüse und Fleisch geworfen und Heinrichs übel zugerichteten Hut in der Hand . Freundlich winkte die lächerliche Gestalt ihm zu , und Heinrich streckte sehnlich die Hand nach seinem Hute . Aber der Alte rief mit wahrer Dämonenfreude » Nicht doch ! mitnichten , Freundchen ! Ihr kommt so viel besser fort ! will Euch den Hut schon tragen und den Weg bahnen ! « und der Ärmste , er mochte flehen , wie er wollte , mußte mit bloßem Kopfe , den mächtigen Rahmen über demselben schwingend , den übrigen Weg zurücklegen , den schlurfenden Alten mit seinem Netz vor sich her , der sich zu größerer Bequemlichkeit den Hut über die Zipfelkappe gestülpt hatte und schreiend und lärmend voranschritt . Als sie endlich vor dem Häuschen des Alten angekommen und die Unheilsfahne mit vieler Mühe in den engen Laden hineingezwängt hatten , schien das freundliche boshafte Greischen befriedigt . Er öffnete ausnahmsweise sein kleines Pult zur Hälfte , denn bisher hatte er seine winzigen Auszahlungen immer aus der Hosentasche bestritten , und griff behutsam unter den Deckel , wie einer , der eine Maus aus der Falle herausgreifen will , und indem er die Hand zurückzog , drückte er dem ausruhenden Heinrich zehn nagelneue Guldenstücke in die Hand für die beiden Schildereien , ohne ihn zu fragen , ob er damit einverstanden sei . » Für einmal « , sagte er zutraulich leise , » will ich es mit diesen beiden Tausendsassas von Bildern wagen ! Wenn ich sie auch behalten muß , was tut ' s ? Ihr seid mir darum nicht feit , Freundchen , Schweizerchen ! habt Euch heute gut gehalten , wie ? hä hä hä , hi hi hi , was ist das für ein Kreuz mit so hochfahrendem Blute ! « Heinrich sagte kurz und bündig » Das versteht Ihr nicht , alter Herr ! « - » Was versteh ich nicht ? « flüsterte der Alte , und der Junge wollte fortfahren » Es ist nicht das , was Ihr meint , etwa Hochmut oder dergleichen es ist vielmehr der bescheidene Wunsch , nicht aller Welt in die Augen zu fallen und Narrheiten zu treiben auf offener Straße ; denn ein Renommist und ein Narr ist , wer mit einer Kleinigkeit einem armen Teufel dienen könnte und ihn das tun lassen , wozu er geschickt und gewöhnt ist , und statt dessen selber auf Abenteuer ausgeht - « ; der unbelehrbare Alte ließ ihn aber nicht ausreden , sondern zwang ihn , noch einen Fischschwanz aufzuessen , oder vielmehr die Brühe aufzutunken , welches die Hauptsache sei , und er ließ ihn nicht eher los , bis er den Teller , an welchem ein Stück Rand fehlte , ganz leer gegessen . Erst als das geschehen , sah Heinrich , daß der Tyrann vom Fenster eine große Zeichnung weggenommen hatte , so daß der essende Heinrich in der Spelunke recht sichtbar wurde , und er grüßte dabei mit seiner Zipfelmütze grinsend nach allen Seiten , um die Leute aufmerksam zu machen und herbeizuziehen . Über dieses sonderbare Vergnügen des Männchens mußte endlich Heinrich so herzlich lachen , daß er ganz aufgeweckt wurde und in seiner Freude dem Alten die Zipfelmütze abriß und sich selbst aufsetzte . Zugleich trat aber auf dem kahlen Schädel des Alten eine