ward ruhig , ich ward sehr ruhig . Sie mögen mich eine Frau schelten , die um ihren Mann sich erst kümmerte , als der Anstand forderte , auf seinem Todtenbett das Haar vor Schmerz zu raufen . Ich will ihnen auch den Gefallen nicht thun ; ich will ihnen auch den Schein lassen , mich kalt , gefühl- und herzlos zu schelten . Meine Trauer will ich in mich verschließen und eine stumme Bildsäule an seinem Sarge stehen , damit sie ein Räthsel mehr zu lösen finden . Jeder mag es nach seiner Art. Sie , Herr van Asten , kennen mich nun , in einer unbewachten Stunde schloß ich mein ganzes zerrüttetes Sein vor Ihnen auf . - Nun suchen Sie sich Kompagnie , die Ihnen gefällt , unter Hohen und Niederen , über mich herzufallen , mich zu zergliedern , zu verurtheilen . Ich bin auf Alles gefasst . « » Ich aber nicht darauf , daß Frau Geheimräthin Lupinus mich dazu fähig hält . « » Fähig , das weiß ich nicht , ich kenne Sie nicht genug . Aber aus Klugheit dürfen Sie vielleicht nicht Kompagnieschaft halten . Die gemeinen Seelen müssen , es ist ihre Natur , Krieg führen gegen alles , was sich über ihr Niveau erhebt . Und Sie sind in diesem Kriege . Bleiben Sie in der Defensive , so sind Sie verloren . - Ich weiß es nicht , « setzte sie nach einer Weile hinzu , » ich kümmere mich nicht darum , ob Sie den Muth haben , Ihren Feinden ins Lager zu dringen . « Unwillkürlich war Walters Blick auf seinen Arm in der Binde gefallen . » Sie haben den Chevaleresken gespielt , Ihren Gegner am Leben gelassen . Verspielt , Herr van Asten ! Wer seinen Gegner nicht vernichtet , hat ihn gestärkt . Hätten Sie Rache genommen , wie die Beleidigung es heischte , ja dann - aber glauben Sie nicht , daß man Sie darum für einen Kavalier hält , weil Sie nach der Mondschrift in dem schwarzen Buch der Kavalierehre gehandelt . Obsolete Dinge ! Man zuckt die Achseln , ein Gelächter rieselt , wenn die Junkeroffiziere von der Affaire erzählen . Der Andere wird jetzt beklagt , Sie - Sie Walter , werden nicht gefürchtet . Und Sie könnten gefürchtet werden , es war in Ihre Hand gegeben . Es war die einzige Waffe für den Bürgerlichen , glauben Sie mir , ich kenne sie ja , sich Respekt zu verschaffen . Die warfen Sie aus der Hand . Was wollen Sie nun thun ? Alles , was Ihre feine , scharfe Feder schreibt , kitzelt da Keinem die Haut . Sie antichambriren umsonst . Ihre Ideen bleiben Mondscheinsgedanken , denn die Welt bleibt dieselbe , Herr van Asten . Nach jedem Erdbeben , wo etwa die Lohe des Geistes , aus der verschlossenen Tiefe berstend , über die Thäler und Berge wirbelte und die Wolken erleuchtete , wo die Geknebelten Freiheit schrien und Recht , nach jedem solchen Rausch kommen sie wieder zur Besinnung , es zieht sich wieder die Rhinoceroshaut der Gewohnheit um das Pseudotitanengeschlecht , das den Himmel stürmen wollte , und die Menschheitsbeglücker hat man noch immer nachher gekreuzigt und verbrannt , wenn man es nicht für bequemer hielt , sie nur einzusperren und auf dem Stroh verfaulen zu lassen . Die Welt wird nicht anders . « » Noch würde ich sie geändert haben , wenn ich den Kornet in die jenseitige geschickt . Die Rache baut nicht Häuser , sie zerstört nur . Wehe , wo es gilt , unser zerrüttetes Gemeinwesen wieder heben , wenn die bisher Gedrückten nur daran denken , sich an ihren Unterdrückern zu rächen , wenn nicht alles Persönliche als wesenlos bei Seite bleibt , wenn die Retter nicht mit ernstem , heiligem Willen an die That gehen . « Man hätte ein chamäleonisches Mienenspiel auf dem Gesicht der Geheimräthin bemerken können , das sich endlich in ein feines ironisches Lächeln um ihre Lippen auflöste : » Sie haben die Prüfung gut bestanden , Herr van Asten , ganz wie ich sie erwartete . Hoffen wir Alle auf dem Wege der Geduld und Entsagung zu unserm Recht zu kommen . Ich habe Geduld . Nicht wahr ? Und ich habe entsagt - sogar dem Glück , verstanden zu werden . Kann man mehr ? Leben Sie wohl - « Sie war gegangen , um an der Thür wieder stehen zu bleiben : » Sahen Sie Adelheid seit Ihrem Ehrenhandel ? « - » Sie hatte einen Rückfall , als ich nach meiner Genesung ansprach . « - » Sie werden auch in dieser Entsagung sich einen Lorbeer erringen können . « - » Wenn ich um den Sinn der Worte bitten darf ? « - » Daß Adelheids Sinn , seit sie bei der Fürstin ist , sich geändert hat , brauche ich Ihnen doch nicht erst zu sagen . « - » Die Fürstin hat so wenig Macht , als irgend eine Frau auf Erden , Adelheids Sinn zu beugen . « - » Freilich , da ein Anderer ihn schon gebeugt hatte . « - » Ich werde mich selbst zu beugen wissen vor dem Unabänderlichen , wenn es entschieden ist . « - » Eine seltsame Bezeichnung für den jungen Bovillard . « - » Bovillard ! « - » Liebt , das heißt , er rast für sie . Nun , das weiß jedes Kind . - Sie gewiß auch . « - » Bovillard ! « - » Er ist ja auch wohl Ihr Freund ? Was thut das ! Daß die Fürstin Adelheid deshalb zu sich genommen , daß es eine große Komödie in der Komödie war , ist Stadtgespräch . Daß Adelheid seine Neigung erwidert , und nur krank ist , weil sie es zu gestehen sich scheut , sind öffentliche Geheimnisse . « Walter hatte an seinen wunden Arm gefasst , nur um mit der Hand irgend etwas zu fassen . Der furchtbare Schmerz erpresste ihm einen unterdrückten Schrei , er lehnte sich erblassend an ein Möbel . » Nun , Sie werden heroisch sein . Wer wird Rache nehmen , wenn er beleidigt ist ! Und an einem Freunde ! Uebrigens glaube ich wirklich nicht , daß die Fürstin Gargazin an Herrn von Bovillard ernstlich denkt . Sie hat wohl andere Pläne . - Haben Sie nicht gehört , wann Kaiser Alexander Berlin wieder besucht ? « Walter hatte nur die Hälfte gehört . Er hatte , respektvoll vor ihr sich neigend , für die gütigen Mittheilungen gedankt ; der Kaiser , wie er gehört , werde ein Bad in Asien besuchen . Es sei bei der geschwächten Gesundheit des erhabenen Monarchen wohl recht zu wünschen . Unten an der Treppe fasste er wieder seinen Arm : » Dies Weib ! Dies Weib ! Gießt sie Gift oder Feuer in meine Adern ! « Die Lupinus lachte , als sie allein war , hässlich auf : » Der Wurm sticht doch , wenn er getreten wird , und der verwundete Elephant und Löwe erhebt ein Gebrüll , wovon der Wald erzittert , nur der Mensch prätendirt edel zu sein , wenn er mit einem stummen Seufzer sich zertreten lässt . « Neunundfünfzigstes Kapitel . Nur keine Lüge mehr ! Es war ein glänzender Gesellschaftsabend im Palais der Fürstin . Aber der Abendstern , der heute glänzen sollte , erschien wie erlöschendes Licht , wie eine schöne Statue in Mondscheinbeleuchtung . Es war etwas vorangegangen . » Ein zu heißer Tag ! « sagten die Herren . Die Fürstin lächelte sanft . Man wusste in den flüsternden Gruppen , weshalb die Fürstin die schöne Adelheid in ihrem Hause aufgenommen . Sie sollte es dekoriren , wie die schönen Bilder , Statuen und Raritäten an den Wänden es dekorirten . Gerade wie die Lupinus vorhin ein solches Möbel für ihr Haus gebraucht . Dies hatten die scharfen Zungen schon längst ausgesprochen . Auch mag ein Möbel , eine Ornamentur , die in einem Hause längst ein abgenutzter , alltäglicher Gegenstand geworden , in einem andern durch geschickte Verwendung wieder zu einem der Bewunderung werden . Aber die Fürstin arrangirte nichts , sie ließ Alles gehen , wie es wollte . Das junge Mädchen war nicht wie eine Untergebene , nicht wie eine Tochter , man möchte sagen auch nicht wie eine Freundin , sondern wie eine Herrin aufgenommen , der ein Recht auf dies Haus und Alles darin zustand . Sie hatte ihre besonderen Zimmer , Diener , sie konnte Besuche empfangen , ausfahren , wie sie Lust hatte . Sie erschien , oder blieb aus , wenn Gesellschaft sich versammelte ; die Fürstin betrachtete es als eine Freundlichkeit , wenn sie Theil nahm , und dankte ihr , jedoch mit der Bitte , es nie als ein Opfer zu betrachten , vielmehr ganz ihrem Penchant zu leben . Die Königin Louise hatte wieder gelegentlich den Wunsch geäußert , die schöne Adelheid zu sehen . Der Wunsch einer Königin ist sonst Befehl . Aber als Adelheid die Augen niedergeschlagen und geantwortet hatte : » Was soll ich vor der hohen Frau ! « war die Fürstin ihr mit der liebenswürdigsten Art um den Hals gefallen : » Sie haben Recht , was sollen Sie da ! Warum sich einen Zwang anthuen . Solche hohe Personen werfen in der einen Stunde einen Wunsch hin , um ihn in der nächsten zu vergessen . « Es war etwas vorangegangen vor dem Abend , von dem wir sprechen wollten . Die Fürstin war von ihrem Prinzip gewichen , sie hatte Adelheid genöthigt , mit der Baronin Eitelbach eine Spazierfahrt zu machen . Sie wollte die schöne Seele los sein . Adelheid hatte sie als Blitzableiter gebraucht , ohne zu bedenken , ob die elektrischen Zuckungen des Entsagungsfiebers nicht in den Blitzableiter selbst übergehen und ihn verderben könnten . Die Welt wäre vollkommen , wenn es keinen Egoismus gäbe , sagen weise Leute . Andere meinen , es wäre darin nicht auszuhalten , wenn nicht bisweilen die Selbstsucht zerstörend durch die Linien und Netze führe , mit denen uns die berechnende Weisheit zu Zahlen in einem großen Exempel machen will . Es war ein schwüler Sommertag , aber es ruhte sich so weich in den Polstern des offenen von englischen Federn geschaukelten Wagens , und der russische Kutscher lenkte seine Pferde pfeilschnell durch die schattenreichsten Gänge des Thiergartens . Eine Fahrt , recht geeignet , um seinen Träumen nachzuhängen ; die Gedanken konnten spielen , wie die Schatten der Blätter auf den hellen Kleidern der schönen Damen , die , sie wussten selbst nicht recht warum , hier kopulirt waren . Die Baronin war eine herzensgute Seele ; dessen war sie sich jetzt selbst bewusst , seit die Liebe ihr ein Bewusstsein gegeben . Sie hatte nie hinter dem Berge gehalten , als sie noch nichts mitzutheilen hatte , nämlich aus ihrem innern Leben ; seit hier ein Gedanke wogte , und andere erzeugte , die sie für ihr unbestreitbares Eigenthum hielt , erschien es ihr sogar als Pflicht , von diesen Gefühlen und Gedanken auszuschütten . Je schwerer uns eine Errungenschaft ward , um so mehr halten wir uns berechtigt , daß Andere Belehrung von uns empfangen müssen . Es ist nun einmal so aller Autodidakten Art. Adelheid war eine Kranke . Das war eine angenommene Sache , nur war man darüber uneinig , ob ihre Krankheit eine physische oder psychische sei . Die Roheren oder die Gleichgültigen sagten : sie sei so schlecht von der Geheimräthin behandelt worden , oder sie habe sich doch so wenig mit ihr vertragen können , daß sie fortlaufen musste , und man habe es dann nachher so abgekartet , als hätte die Fürstin sie nur wegen des Nervenanfalls ins Haus genommen . Von dieser erschrecklichen Behandlung oder dem inneren Zwiespalt sei das arme Mädchen krank , und schweige nur darüber aus Großmuth und Schonung gegen ihre frühere Wohlthäterin . Vermittelnde meinten , daß die Geheimräthin ihr Verhältniß zu Walter van Asten begünstigt , daß sie ungehalten geworden , weil Adelheid kalt gegen ihn geworden ; das habe Beide auseinander gerissen . Aber krank konnte sie doch darum nicht sein ; nicht aus Verdruß , daß sie die Liebe einer Frau eingebüßt , welche sie nie geliebt , noch Wohlthaten , welche ihr stets drückend gewesen . Genoß sie doch jetzt die volle Liebe und Wohlthaten der liebenswürdigen Fürstin in ganz anderm Maße . Also musste eine andere Liebe ihrem kranken , unbeschreiblichen Wesen zu Grunde liegen . Und hier war das Feld der Vermuthungen für die Feineren . Sie hätte Dem ihre Neigung zugewandt , der sie als Lehrer rasch und glücklich in ein höheres geistiges Leben geführt . Es war eine reine uneingeschränkte Neigung geblieben , welche sie , von Bewunderung und Dankbarkeit erwärmt oder getäuscht , für Liebe gehalten , bis - ein Anderer erschien , für den ihr Herz anders schlug . Sie war krank geworden , wirklich körperlich leidend , unter Gefühlen , die sie vergebens zu unterdrücken versucht . Da war - es musste eine Krisis eingetreten sein , die mit einer äußeren Begebenheit in Verbindung stand . Sie war in Folge derselben in ein anderes gastliches Haus übergesiedelt . So weit war den Eingeweihten alles klar . Sie kannten auch den Namen des Zauberers , ihn selbst . Hier aber schoß ein neues Räthsel auf , eine neue Sphinx lagerte sich vor dem Portikus , der in die Salons der Fürstin führte . Louis Bovillard hatte Zutritt . Die Fürstin , die um Alles wissen musste , nahm ihn , wenn nicht mit Auszeichnung , doch mit zuvorkommender Theilnahme und Güte auf . Er , bis da ein wüstes Genie , das man verloren gab , vermieden , wenn nicht gar ausgestoßen aus der Gesellschaft , ward von ihr nicht nur zu den kleinen Cirkeln und Partien gezogen , sie schien die Fahne über ihn schwenken zu wollen , wenn sie die höchsten und ehrenwerthesten Personen in ihr Haus geladen hatte . Und er ging aufrecht und stolz umher , unbekümmert um Die , welche ihn scheuten und hassten ; Denen mit ironischem Mitleid sich nähernd , welche vor seiner Berührung erschraken . Bis auf eine feinere Toilette , eine gentilere Haltung schien er hier derselbe Louis Bovillard , auf den man einst auf der Straße mit Fingern zeigte ; dieselche Nonchalance , derselbe kaustische Witz , mit bittern Sottisen , mit einem beißenden und vernichtenden Urtheil , derselbe Uebermuth und dieselbe Rücksichtslosigkeit gegen Die , um welche die Gesellschaft sich ehrerbietig gruppirte . Nur wenn Eine erschien , war er ein Anderer . Sein Uebermuth war gebrochen , sein Witz stockte , seine glühenden Augen hafteten auf ihr . Er konnte dem flüchtigen Beobachter , wenn er sie dann wieder zu Boden sinken ließ , wie ein verlegener , junger Mensch bedünken , der zum ersten Mal in eine Gesellschaft tritt . Und doch war Louis Bovillard kein Räthsel . Aber sie , die Eine , welche diese Wirkung auf den tolldreisten Wüstling geübt ! Liebte sie ihn , sie , die so ruhig und kalt ihm entgegentrat , wie jedem andern gleichgültigen Gast , seine Verbeugung mit leichter Grazie erwidernd , um nach einigen gewechselten Worten über Wärme und Kälte , Wetter und Wind , Anderen entgegen zu eilen ? Wie war sie da erfreut , schüttelte die Hände , embrassirte die unbedeutendsten und unangenehmen Damen wie nur theure Jugendfreundinnen . Nur daß sie , plötzlich in Gedanken versunken , auf ihre Ansprache zerstreut antwortete . Sie musste nicht recht zugehört haben , sie verwechselte die Personen . » Eine verzogene kleine Glücksprinzessin , « hatte da wohl eine vornehme Dame geäußert , die auf specielle Aufmerksamkeit Anspruch machte . - » Sie ist wohl destinirt , immer die Interessante zu spielen , « entgegnete eine Andere . - » Sie ist krank , und kränker , als wir denken , « sagte ein Arzt , der berühmte Doktor Marcus Herz , welcher sie seit einiger Zeit aufmerksam zu beobachten schien . Auf die Frage , was ihr fehle ? entgegnete er : » Was unserm Staate fehlt , eine heftige Krisis , damit die Krankheit herauskommt . « - » Welche Krankheit ? « - » Die schwerste , die , welche man vor sich selbst verbirgt . « Auch die Baronin Eitelbach betrachtete Adelheid als eine Kranke ; Adelheid litt an der Krankheit , in deren Ueberwindungsstadium sie sich selbst befand . » Liebe Seele , « hatte sie gesagt , » ich kenne ja das . Sie sind verliebt und wollen sich ' s nicht eingestehen . « Adelheid war aufgefahren : Sei es denn Zeit , um zu lieben , wo man nur hassen müsse ? Sie hatte von der Ehre und Noth des Vaterlandes gesprochen , warm , wie es aus dem Herzen kam , in solchen Augenblicken dürfe der Mensch nicht an sich denken . Aber sie erschrak über ihre eigenen Worte . Es war eine Rede , geborgt aus einer anderen Stimmung , denn sie hatte ja eben nicht an das Vaterland , sie hatte nur an sich gedacht : wie sie dort im kurzen Röckchen unter den Platanen gespielt , unter den Brombeersträuchern Hütten gebaut , der kleine grüne Fleck hinter den verkümmerten Tannen war eine Wüste gewesen , die für sie kein Ende hatte . Das Wort Waldeinsamkeit war noch nicht ein Gemeingut , aber sie hatte die Ahnung und den Begriff . Und dann - durch dieselbe Allee war sie später gefahren , und wenn sie an die forschenden Blicke der Neugierigen dachte , die sie jetzt erst verstand , schoß das Blut ihr zu Kopf ! Aber auch die Obristin Malchen und ihre Nichten verschwanden wieder wie neckende Spukgeister hinter den Gesträuchen , in denen die Sonne ihr funkelndes Gold aussprenkelte . Wie oft war sie an der Seite der Geheimräthin hier vorübergerollt ! Warum war diese Erinnerung ihr jetzt weit schreckhafter ? Warum rückte sie in die Ecke des Wagens , als scheue sie vor der Berührung eines Gespenstes ? Verdankte sie ihr nicht viel , sehr viel , ihr ganzes geistiges Dasein dem Umgang der klugen Frau , ihren Belehrungen ? Ja , vielleicht war es das , was wie ein Frostfieber ihre Adern durchrieselte . Sie war die chemische Säure gewesen , die aus der jungen Brust die Begeisterung , aus dem Blut die Elasticität gesogen , den Glauben , die Hoffnung und die Liebe . Sie wäre untergegangen , das fühlte sie , in dieser kalten , zersetzenden Nähe , und etwas davon war in ihr geblieben , es beschwerte ihr Blut , es trübte ihren Blick , der Egoismus des Verstandes ! Und als diese wechselnden Schicksale wie die Stäubchen im Sonnenstrahl vor ihrem inneren Auge wirbelten , hatte sie sich gefragt : warum das Schicksal so wunderbar mit ihr gespielt ? sie schleudere aus einem Arm in den andern , Menschen und Gewohnheiten tauschend , wie die Bilder aus einer Laterna Magica ? Ob sie eine besondere Bestimmung habe , indem sie die Menschen in ihrer Schlechtigkeit kennen lernen sollte ? Eine entsetzliche Frage hatte in dem jungen Herzen angepocht : hat die Natur den Menschen auf die Welt gesetzt zur Lüge , oder um nach der Wahrheit zu ringen ? Die der Lüge lebten , einen andern Schein um ihr Sein woben , - hatte sie nicht beobachtet , daß gerade diese vom Glück angestrahlt waren , gesucht , geschätzt , anerkannt , selbst von Denen , welche sie durch und durch erkannten ! Die dagegen kein Aushängeschild über ihr Wesen trugen , ihre Gedanken rein aussprachen , gerade auf ihr Ziel losgingen , wo hatten sie es erreicht , wie wurden doch ihre Gedanken mißverstanden , anders ausgelegt , höchstens belohnt durch eine laue Anerkennung ihres redlichen Strebens . Aber hinzugesetzt ward : schade , damit wird er nie durchdringen . Es hilft der Welt nichts , was er thut . - Was hatte Walter errungen ? - Der arme Walter ! Und sie ! - Sie hatte ihn getäuscht , sie täuschte ihn noch immer fort , sie täuschte sich - sie war in ein Labyrinth der Lüge gerathen . Und wo der Ausweg ! Als wolle sie ihn suchen , hatte sie in die Wipfel geblickt , deren Blätter im Abendwinde durcheinander wogten , ohne daß sie nur eins mit den Augen verfolgen können . Da hatte die Baronin jene Worte an sie gerichtet . Und wieder betraf sie sich auf einer Lüge . Sie musste das Auge vor dem Blick der Eitelbach niederschlagen . So hell und klar sah diese sie aus ihren großen blauen Augen an . Das ausdruckslose Gesicht gewann durch das Gepräge der Wahrheit einen Ausdruck , der für sie in dem Moment überwältigend war . » Liebe Alltag , warum zieren Sie sich denn vor mir , « sprach die Eitelbach mit dem gutmüthigsten Tone von der Welt . » Der Bonaparte mag ein noch so böser , und unser König ein noch so guter Mensch sein , jeder Mensch denkt doch an sich zuerst . « » Jeder ! « sagte Adelheid , um nur durch ein Wort ihrer gepressten Brust Luft zu machen . » So ist es schon . Ich lass ' mich auch gar nicht mehr irre machen . Krieg mag schon nöthig sein auf der Welt , meinethalben ; ich kenne sie aber , die Herren Offiziere , alle , und da ist keiner , der nicht an sein Avancement denkt , wenn er sich in den Kragen wirft und grunzt , daß man glaubt , die Seele sollte ihm ausgehen , von des Königs Rock und Friedrichs Ehre , und wenn er dann auf den Hacken Kehrt macht und eine Miene sich geben will - Na , habe Dich nur nicht , denke ich . - Gerade wie mein Mann . Wenn der spuckt und über den Frieden lamentirt und sagt : Daran gehen wir zu Grunde ! dann weiß ich auch , was die Glocke geschlagen hat . Wenn er die Mantellieferung gekriegt , dann wären wir nicht zu Grunde gegangen und es könnte Friede werden in alle Ewigkeit . So sind die Männer . Sie denken nur an sich . « » Nicht alle . « » Nein , Einer nicht . Aber sonst ! Ja , wenn das Andre draußen mit ihren Wünschen zusammenpasst , dann sind sie lichterloh . Das weiß dann zu parliren und encouragirt sich , bis sie ' s am Ende selbst glauben , daß es darum ist . Es amüsirt mich , wenn ich sie so höre sich warm reden ; aber mich täuschen sie nicht mehr , auch die Klügsten nicht . Ich denke : sprecht Ihr nur , ich weiß doch , was dahinter steckt . « » Täuschen die Männer nur ? Belügen wir uns niemals ? « Die Baronin schien nachzusinnen : » Nein , liebe Seele , Engel sind wir auch nicht immer . Wenn mein Mann Feuer schlägt , mancher Schwamm will gar nicht zünden , aber der andre fängt im Augenblick , der ist weicher , sagt er . So sind wir Frauen , habe ich da gedacht . Wenn ein Funken vom Himmel fiele , bei den Männern hat es gute Weile , aber wir - « » Lodern rascher auf . Ist das aber gut ? « » Was vom Himmel kommt , ist doch gut . Die Leute sagen nun , Sie könnten den Louis Bovillard nicht ausstehen , weil er den Napoleon einen großen Mann nennt und Gott weiß was . Die Leute sind nicht gescheit . Er thut es nur , um sie zu necken und Sie auch . Und wissen Sie , warum Sie ihm immer den Rücken kehren ? Damit er sich nicht einbilden soll , daß Sie ihm gut wären . Und warum Sie immer so in Extase sprechen , wie Sie die Franzosen hassen ? Nur damit die Andern nichts merken sollen , wie Sie verliebt sind . « » Frau Baronin ! « » Mir machen Sie nichts weiß . Sie sind ' s bis über die Ohren , und wenn er selbst ein leibhaftiger Franzose wäre , schadet nichts . Und wenn er dem Bonaparte sein General , oder gar sein Spion wäre , da würde Ihr Franzosenhaß so klein , ach , mit dem Theelöffel könnten Sie ihn runter schlucken . « Adelheids erstaunter Blick sagte : » Wie kamst Du dazu ? « Auch diese stumme Sprache verstand die Erleuchtete : » Und ich weiß auch wohl nicht , was Sie jetzt denken ? Daß die blinde Henne auch mal ein Korn gefunden hat . - Denken Sie ' s immer zu , ich nehm ' s Ihnen gar nicht übel . Als ob ich nicht wüsste , daß die Andern auch so denken ! Das genirt mich aber gar nicht . Haben Sie doch gedacht , Sie könnten mir Männchen vormachen und mit mir Blindekuh spielen in Ewigkeit . Eine Weile geht ' s , aber dann fällt die Binde doch runter . Jetzt sollen Sie ' s aber nicht mehr , da gebe ich Ihnen mein Wort . Allzuscharf macht schartig , und hinterm Berge wohnen auch Leute , sagte meine Mutter . Aber warum wickeln Sie sich so in Ihren Shawl ? Zu schämen brauchen Sie sich doch nicht , und vor mir am wenigsten , denn ich sage es Jedem grad heraus : Ich liebe und bin glücklich . « » Und Sie haben doch entsagt ! « Das Verhältniß der Baronin war zum öffentlichen Geheimniß geworden . » Und nun bin ich gerade erst glücklich . Ich weiß , er liebt mich , und er weiß , ich liebe ihn , und es geht nun einmal nicht . « » Ist das ein Glück ? « » Muß man denn sich immer ins Auge sehen , die Lippen öffnen und die Hand drücken , um sich zu sagen , daß man sich liebt ! Wenn wir noch so weit getrennt sind , sehen wir nicht Beide da den Abendstern aufgehen ? Brauchen wir uns Briefe zu schreiben , um uns zu sagen , daß wir uns nie vergessen werden ? Ja , ehedem dachte ich wohl , ohne Rosabillets auf duftendem Papiere , und schöne Präsente ginge es nicht . Ach , wie ist das Alles ganz anders ! Diese Blicke aus seinen treuen , guten , schönen Augen werden immer vor mir stehen , wie die Sterne am Himmelsbogen . Und ist das kein Glück , daß ich überzeugt bin , auch er sieht mich , wie ich ihn sehe ! Auch er wird von falschen Zungen umschwirrt , die mich wie ihn verreden . Aber auch er weist sie zurück ! Nein , je weiter Zeit und Ort uns entfernen , um so inniger wird unser Bund , denn er ist unauflöslich . - Und , Adelheidchen , so könnten Sie auch fortlieben und glücklich sein - « » Und lügen - lügen in Ewigkeit ! « brach es aus der gepressten Brust . Es war unwillkürlich ; die Eitelbach wollte sie nicht zur Vertrauten ihrer Gefühle machen . » Entsagen , Liebe , ist das lügen ? Der Besitz tödtet die Freude des Verlangens , hat mir Jemand ins Stammbuch geschrieben . Würde ich ihn lieben , wie jetzt , wenn er vor acht Jahren - nun ja , wäre er mein Mann , dann würden wir uns vielleicht recht gut sein , aber hätten sich unsre Seelen kennen gelernt ! Die gemeinschaftliche Menage , sagt der Legationsrath , das tägliche Beieinander stumpft die feineren , sinnigen Gefühlsfäden ab , nur Verlangen und Entbehrung weckt die edleren Seelenkräfte . Er will ' s mir auch ins Buch schreiben . Er braucht es nicht , ich fühle es , ich weiß es . Ich ward eine Andere , mein Mann sagt , er kennt mich nicht wieder . Nun bin ich erst froh , ich weiß , warum ich lebe . Wir nicken uns durch die Lüfte einen guten Morgen zu . Wenn ich ausfahre , freue ich mich der frischen Luft ; auch ihn kühlt sie ja , wenn er über die Haide sprengt . Abends schüttelt er treuherzig den Kopf und ruft mir Gute Nacht ! zu . « Adelheid fasste krampfhaft den Arm ihrer Begleiterin : » Soll das Ihr Leben dauern ? « » Herr Gott , wie Sie zittern ! - Warum denn nicht . « » Weil - allmächtiger Gott , ich glaube , der Versucher rauscht in den alten Eichen ! Nennen Sie das entsagen ? « » Wie denn sonst ? Der Versucher , das weiß ich wohl , mit dem hat die Fürstin es zu thun , er vergiftet das Blut , sagt sie , und der sündhafte Gedanke zehrt an der Seele , ein kleiner Fehltritt sei nichts gegen eine große Gedankensünde . Ach , die gute Gargazin ist eine Russin , sie kennt die Liebe nicht , die sich Alles versagt , und nur für den Geliebten sorgt . So , liebe Seele , würden Sie lieben . Wenn Sie den Herrn van Asten heirathen müssen , weil er Ihr Wort hat , thun Sie ' s , und er wird gewiß ein guter Ehemann werden , besser als meiner . Aber dann , wenn Sie Ihre Pflicht gethan , wer darf Sie von Ihrem Bovillard trennen , o , dann werden Sie selig , unaussprechlich selig werden . « Adelheid fühlte einen Schwindel , es schwankte und drehte sich und ihr war , als müsse sie aus dem Wagen springen . Es war aber mehr als eine Empfindung der aufgeregten Stimmung .