da am zahlreichsten in der eleganten Abtheilung aufgestellt waren . Sie hatten es nöthig in der Sonnenhitze .. Der Diener vernachlässigte sie .. Sie würden verwelkt gewesen sein , wenn ein barmherziger Samariter da des Weges nicht gezogen wäre und sich der Sterbenden angenommen hätte . Das aufregende , bittere Gedicht , die Blumen und Melanie verschmolzen sich in Siegbert ' s bewegter Brust . Wie oft hatte nicht die liebliche Gestalt auf diesen bunten Teppichen gesessen und nur mit halbem Ohre den Lehren gelauscht , die ihr der würdige Professor gab ! Die Vorhänge waren herabgelassen gewesen ... Sie hatte im Grunde kaum eine andere Beziehung zu den andern Malern gehabt , als daß sie an ihren vorüberschwebte und mit holdseligem Lächeln die ihr dargebrachten Grüße erwiderte ! Aber auch welches Schweben ! Welches holdselige Lächeln ! Blieb dann einmal gar durch einen künstlich vorbereiteten oder natürlichen Zufall der große schwere Vorhang beim Lehrer eine kurze Zeit offen ... welche Verwirrung entstand unter den Malern und wie zitterte Siegbert , der nur die Schönheit in Melanie sahe und , daß sie sich deren bewußt war , wie das Erlaubteste entschuldigte .. Und war es denn nur bloße Einbildung , wenn Siegbert annahm , daß er diesem liebenswürdigen Mädchen nicht völlig gleichgültig geblieben war ? Für Leidenfrost ' s kurze , gedrungene , ja häßliche Figur , seine dunkeln , tiefliegenden , strengen Augen , sein sarkastisches Lächeln und vor allen Dingen für seinen grauleinenen Kittel und plumpen grauen Schlapp-Hut konnte sie keine Sympathie haben . Reichmeyer war ihr ein zweiter Lasally . Heinrichson ihr sicher zu elegant , zu sehr Gentleman und alle Welt wußte , daß er von alten Damen sehr verwöhnt war und den Petitmaitre der Salons abgab und noch öfter abgeben mußte ... was den schönsten Mann allmälig doch untergräbt und lächerlich macht ... In Siegbert Wildungen aber war , was Melanie oft gefunden hatte , Haltung und Poesie zugleich ; er galt für interessant , seine feuchten verklärten Augen zogen an , er trug sich als Künstler , ohne ins Barocke zu verfallen ... Konnte Siegbert nicht erhöhteren Muth fassen , wenn Melanie fast absichtlich mit ihm Gespräche anknüpfte , ihn in die Gesellschaften ihrer Familie einführte , ja einige male sogar plötzlich im Atelier erschienen war , wenn sie wissen mußte , daß Alle fort waren und vielleicht nur noch Siegbert arbeitete ? Sie hatte dann gewöhnlich etwas vergessen oder verloren , rannte an ihre Staffelei , beachtete den Überraschten gar nicht , bis sie ihn wie zufällig entdeckte und sich vielleicht nur an seiner Verlegenheit weidete und den Triumph genoß , einen Mann bewegt zu sehen , einen Mann in der Rede stocken zu hören ! Die Abscheuliche ! Und doch hatte sie ihn vielleicht gern und zürnte nicht , als Siegbert einmal in einem solchen Augenblicke der Überraschung ihre Hand ergriff und sie mit Küssen so lange bedeckte , bis sie ihn mit dem - zufällig ! - ausgezogenen Handschuh schlug und vor seiner stürmischer werdenden Bewerbung lachend davonflog ! An diesen seligen Augenblick kurz vor Melanie ' s Reise dachte Siegbert und fast dieselbe Glut , wie damals , durchströmte seine Adern . So wirkte nur die Vorstellung jener Scene schon ! Wie ? Wenn sie sich noch einmal wiederholte ? Wäre Dies , dachte er sich , so läg ' ich zu ihren Füßen ! Ich ließe sie nicht , bis ich sie entweder zu mir nieder- oder sie mich zu sich emporgezogen hätte ! Wie Siegbert noch in diesen Erinnerungen schwelgte , sich ankleidete , mit dem Bleistift an der Übersetzung arbeitete , dann wieder einmal die Blumen emporrichtete oder sich auf eins der Canapés in Professor Berg ' s Arbeitsraum warf , geschah ihm das Wunderbare , daß er einen Wagen vorfahren hörte , die Thür aufreißen und Melanie hereintreten sah . Sie war es .. Melanie Schlurck ! Erst glaubte er sie in der weiten Entfernung vom Canapé aus nicht zu erkennen . Sie schien eine Andere , als sie eben in seinen Träumen gaukelte . Sie schien höher , stolzer , strenger , und doch .. es war Melanie ! Sie selbst im rauschenden Gewande , sie selbst in dem zierlich leichten Strohhut , eine rothe Echarpe über den hellen Kleidern .. Melanie wieder mit ihm allein ! Und er in einer Stimmung , die für ihn eine entscheidende werden konnte ! Aber wie erstaunte er , als Melanie entschlossen auf ihn zuschritt und ihn kurz mit den Worten begrüßte : Guten Tag , Wildungen ! Da bin ich von der Reise zurück ! Wie geht ' s Ihnen ? Sind Sie allein , Wildungen ? Fräulein .. sagte Siegbert , übergossen von dem edelsten Purpurroth , dem der männlichen Verlegenheit . Fräulein .. welche Überraschung ! Sie haben einen Bruder , fuhr Melanie kurz und entschieden und ohne allen Umschweif fort . Er heißt Dankmar . Nicht so ? Dankmar , Fräulein - Dankmar Wildungen ist mein Bruder . Er war in Hohenberg ? Er war in Hohenberg ! Mit dem Fürsten Egon ? Er ist ein Freund des Fürsten Egon ? Darauf kann ich keine bestimmte Antwort geben ; doch hör ' ich , daß er dessen Bekanntschaft in Hohenberg machte . In Hohenberg ? Er sagte mir , seine Reise wäre abenteuerlich gewesen . Doch wie und wodurch , hoff ' ich heute erst näher von ihm zu erfahren . Melanie hielt sich an eine der Staffeleien , die jedoch zu schwankend war um Stand zu halten ... Sie mußte ihre ganze Kraft aufbieten , nicht zusammenzusinken . Siegbert begriff ihre Aufregung nicht . Mit einer Entschiedenheit , die in dieser Form nur dem Weibe eigen ist , es aber auch dann nicht mehr schön erscheinen läßt , sagte jetzt Melanie : Nun denn , so lassen Sie sich über diese Reise von Ihrem Bruder erzählen , was Sie wollen , bedeuten Sie ihm aber im Namen eines Mädchens , das nicht ohne Charakter ist , daß ich ihm verbiete , über Das , was zwischen ihm und mir vorgefallen , auch nur eine Sylbe zu sprechen ! Siegbert stand erstarrt .. Bedeuten Sie ihm ferner , fuhr Melanie fort , daß ich ihm untersage , dem Fürsten ein Wort zu erzählen von der Art , wie er zu dem Bilde gekommen ist , von dem Bilde , von dem Sie werden gehört haben - ich sprach soeben den Amerikaner , dem ich im Heidekrug durch Zufall es überlassen mußte ; er versicherte mich , daß es in die Hände Dessen gekommen ist , dem ich es zugedacht hatte . Siegbert erinnerte sich des Bildes , er erinnerte sich der Reden , die vom Prinzen Egon ihm eben Armand erzählt hatte . Fast sprachlos aber über Melanie ' s Kälte und ihren Zorn gegen den Bruder , verwirrt durch das ihm völlig dunkle Chaos dieser Eindrücke , bestätigte er einfach , daß er von einem Bilde wisse .. ja ! Sagen Sie Ihrem Bruder , unterbrach ihn Melanie im glühenden Zorn , daß ich von einem Manne , den ich Ursache hätte zu verachten , noch soviel billige Rücksicht erwarte , daß er dem Prinzen das Bild einhändigt , ihm aber und jedem Andern zu erzählen unterläßt , wie er dazu gekommen .. Als sie sich wandte , um zu gehen , bestürmte sie Siegbert mit seinen Fragen um Aufklärung . Er versicherte , daß ihm und dem Bruder jeder ihrer Befehle eine heilige Verpflichtung sein würde . Sie werden ihn sehen , sagte er , ich schicke ihn sogleich ! Wann darf er zu Ihnen kommen , Fräulein ? .. Nie ! rief Melanie und wandte sich . Melanie , nie ? wiederholte Siegbert und wie von einer räthselhaften Ermuthigung ergriffen , hielt er sie mit männlicher Entschlossenheit fest ... Ich lasse Sie nicht ! sagte er . Was haben Sie mit meinem Bruder ! Er liebt Sie ? Gewiß , er liebt Sie ! ... Die Lippen bebten ihm , als er diesen ihm blitzschnell wie das Lachen eines Dämons durch den Sinn fahrenden Gedanken aussprach ... Er liebt Sie ? wiederholte er . Wie konnte er Ihnen so nahe sein , ohne Sie anzubeten ? Allmächtiger Gott ! Was red ' ich ? Was muß ich reden ? Er muß Sie lieben ; denn ich , sein Bruder kam ihm ja zuvor und mein armes Herz ist ja nur bestimmt , zu entsagen und mich Denen zu opfern , die mir mein Leben sind ! Als dem jungen Manne dieses furchtbar schmerzliche Geständniß , diese qualvolle Ahnung in convulsivisch hervorgestoßenen Worten von den Lippen gekommen war und er fast ohnmächtig in einen Sessel sank , blieb Melanie eine Weile stehen und sah nicht ganz ohne Mitleid zu Siegbert , dessen leidenschaftlichem Festhalten sie sich entrissen hatte , nieder . Siegbert Wildungen ! sagte sie dann mit ruhiger Kälte . Lassen Sie diese Thorheiten ! Ich liebe Sie nicht . Und will auch Ihren Bruder nie mehr sehen ... Melanie ! rief Siegbert und faßte nach dem Herzen , das ein krampfhafter Schmerz durchzuckte .. Die kalte , in ihrem Innersten geknickte und verwundete Melanie fuhr fort : Sie haben Beide sich ohne Zweifel im Leben Ziele gesetzt , die über eine flüchtige Mädchenliebe hinausgehen werden ! Halten Sie mich nicht für so leichtsinnig , als ich Ihnen scheine ! Auch ich habe mir ein Ziel gesetzt . Es liegt nicht da , wohin Sie und Ihr Bruder steuern ! Wiederholen Sie Diesem meine Bitte , unterstützen Sie sie , wenn Sie noch etwas Neigung für mich haben . Im Übrigen denken Sie nicht mehr an mich ! .. Sie müssen ein Weib lieben , Wildungen , das wirklich eine Madonna ist , nicht Ihrer Phantasie und Ihrer Weltunkenntniß als eine solche erscheint . Ich bin keine Madonna . Und Ihr Bruder - den kenn ' ich nicht und mag ihn nicht kennen lernen ... nie mehr sehen ... Du widersprichst dir , Grausame ! sagte Siegbert mit bitterstem Schmerz . Ach , mein Bruder sucht keine Madonnen .. Reden Sie nichts für ihn ! Nein ! Nichts ! Er trifft mich nie , heute nicht , morgen nicht , nie ! Leben Sie wohl , Wildungen ! Glühen Sie für Ihre Kunst , nicht für Mädchenherzen ! Wenigstens nicht für solche , wie das meine ist ! Das sag ' ich aus Stolz , nicht für mich , sondern .. für Sie ! Damit ergriff sie die Thür . Sie hatte das Letzte schon im Gehen gesprochen .. Sie verschwand . Der Wagen rollte dahin ! Siegbert sank auf einen Sessel , neben den Blumen , die er eben erfrischen wollte . Er war sterbender als diese ... So lag er über eine halbe Stunde fast bewußtlos ... Das furchtbare Wort : Ich liebe Sie nicht ! ... wühlte in seiner Brust , wie ein zweischneidiges Schwert ! Dann zog sich die klaffende Wunde etwas zusammen , als er dem letzten Worte des stolzen , schönen , aber marmorkalt gewordenen Mädchens nachdachte : » Das sag ' ich aus Stolz , nicht für mich , sondern für Sie « . Es sollte dies ein Balsam für seinen Schmerz sein , aber er mochte ihn nicht nehmen , er wies ihn von sich , er wiederholte sich nur : » Ich liebe Sie nicht ! « Als sich der tiefgedemüthigte und im innersten Herzen verwundete junge Mann wie aus einem langen düstern Traume aufgerafft , schlug es drei Uhr ... Er ermannte sich soweit wenigstens , jetzt sich zu erheben , den Hut zu nehmen , die Thür zu verschließen , den Schlüssel abzugeben und wie ohnmächtig durch die Straßen nach jener Promenade zu gehen , wo sich mitten in der Stadt der berühmte Restaurant » Grün « befand ... Er traf den Bruder nicht , wohl aber ... einen Brief , den er in dem dennoch von Dankmar bestellten Zimmer still für sich allein las . Zwölftes Capitel Junges Leben , frisches Hoffen Dankmar ' s Brief an seinen Bruder Siegbert lautete : Gute Seele ! Ach ! Ach ! ... Dies Ach ! bedeutet erstens : Wir werden keinen Champagner trinken , wir werden keine Trüffeln essen ! Laß dir ein Beefsteak geben , Herz , so zubereitet , wie du es liebst und höre dann gestärkt in Ruhe an , weshalb ich mein Wort nicht halten kann ! Es kommt jetzt das zweite : Ach ! Wie du heute in dein Atelier tratest und mir zwischen Thür und Angel das Geständniß deiner Liebe zu Melanie Schlurck machtest , hast du wol nicht geahnt , daß du mich mit zwei , dir genauer von mir zu spezificirenden Donnerschlägen zurückließest . Donnerschlag eins ... du siehst , ich bin noch immer bei gesunder Logik ... betraf mich allein , Donnerschlag zwei muß aber durchaus dich auch noch treffen . Dies Gewitter kann ich dir nicht ersparen . Kein Blitzableiter ! Keine Vertuschung ! Es hängt aber Alles so zusammen : Beim ersten Gange unsres heutigen dinirenden Excesses wollt ' ich dir erzählen , daß ich die Thorheit gehabt habe , in Hohenberg einen Roman anzuspinnen oder richtiger gesagt , mich zu verlieben . Beim zweiten , wollt ' ich dir sagen , in Wen ? oder mit Wem ? Lieber Bruder ! Die Götter haben es gut mit uns im Sinn . Sie wollen , daß wir exemplarische Menschen werden oder wol gar zu jenen Sterblichen gehören , die sie früh sterben lassen , damit sie nicht zu vorzüglich werden . Das liebreizende Wesen , das mich gefesselt hat , ist Melanie . Einen sehr edlen Charakter würde es eigentlich verrathen , wenn ich dir Das nicht sagte . Es müßte die Olympier zu Thränen rühren , sähen sie einen Menschen , einen Bruder , einen Referendarius , der entsagt , eines andern Menschen , eines Bruders , eines Malers wegen . Aber glaube mir , die Rolle , so dankbar sie sein mag für die Rührung , für den Beifall aller Gefühlvollen , so empfehlend sie sein mag für den bekannten Monthyon ' schen Tugendpreis in Paris , sie gefällt mir nicht ! Warum nicht ? Weil sie mir nicht stehen würde ! Natürlich muß der Mensch sein , sagte Eva , als Adam neben ihr , von den peinigendsten Gewissensbissen gefoltert , nicht schlafen konnte . Natürlich bin auch ich ! Ich zerstöre die Ironie des Schicksals und sage dir offen , daß ich auch beim dritten Gange noch von Melanie gesprochen hätte . Ich liebte sie ! Ist Das erhört , daß ich das Mädchen liebe , das mein Bruder liebt ? Es ist erhört ! Beim Dessert , wo wir vielleicht eine neueste frischangekommene Orange aus Messina verzehrt hätten , hätt ' ich dir gesagt : Feindlicher Bruder , die Braut von Messina verlangt ein Opfer ! Du oder ich ? Und ich hätte das Messer gehoben ... hätt ' ich Das ? Ja ! Und ich hätte mit dem Messer dich gemordet ? Nein ! Ich hätte die Orange von Messina in zwei Theile zerschnitten ! Vielleicht aber auch nicht ! Und vielleicht doch ! Wer weiß ! ... Und jetzt kommt der zweite Donnerschlag , der dich mit betrifft ! Ich werde moralisch , Bruder ! Frage : Ist dir deine Liebe mit Melanie Schlurck Ernst ? Bist du ein Thor , in einem Wesen eine Madonna zu finden , die aller Welt anders als dir erscheint und mir .. jetzt .. jetzt .. wie eine grüngesprenkelte Eidechse . Eine Eidechse , Bruder , denke dir das gefährliche Thier ! Man hat Fälle , daß Eidechsen zu den grünen Zweigen hinaufblicken nach den freien Vögeln , die sich sorglos oben auf ihnen wiegen . Denke dir den Aufblick einer Eidechse zu einem Vogel , der nichts Schlimmes ahnt und singt und vielleicht zur Erde hüpft , in den Busch , in den Rosenstrauch , auf die blumige Wiese , wo die schöne Lazerte haust , und .. verloren ist er . Soll ich dir ein Stückchen von dieser unsrer Eidechse erzählen ? Deinem besten Freunde und einzigen Bruder Dankmar lag sehr viel an einem gewissen höchst räthselhaften Bilde ... Dies Bild soll einen geheimen Druck und an der Rückwand Papiere besitzen , die irgend einer Person , ich muß sie einen Prinzen nennen , von Interesse sind ... die Eidechse hält mich für den Prinzen ... und will mir das Bild verschaffen ; mir ... , weil ich ein Prinz bin .. zwar arm , aber doch ein Prinz ! Zwar verschuldet , aber doch ein Prinz ! Verstehst du ... Das Bild liegt irgendwo versteckt , unzugänglich . Wo , frägst du ? Ich sage , in einem großen Möbeltransportwagen , der von Hohenberg nach der Residenz von zwei Gendarmen zwei Bedienten und einer Excellenz , dem Geheimrath von Harder , feierlich geleitet wird ... Melanie verspricht mir , was sag ' ich , dem Prinzen , das Bild zu schaffen .. Was thut sie ? . Sie spinnt eine Intrigue mit der Excellenz an .. die Excellenz geht in ' s Netz und ist verliebt , geschmeidig wie ein Aal . Es hat Wolken herabgeregnet .. Alles ist naß und feucht .. Man trifft in einer Herberge , Namens Heidekrug , zusammen .. Die Excellenz verlangt Beweise von Liebe , von Hingebung ... Er schmachtet , sie schmachtet .. Die Eidechse ist liebenswürdig , aber doch zu schlau und zu grausam für Unsereins .. Sie will das Bild und die Excellenz will einen Beweis ihrer Liebe ... Was erfindet sie ? .. Ein Stelldichein ! .. Sie soll ihm damit natürlich nichts Anderes gewähren , als nur ein Zeichen Dessen , was sie ihm zu gewähren .. im Stande wäre ! .. So denkt die Excellenz . Die Eidechse zögert , schlängelt , schwänzelt . Endlich sagt sie : Ja , ich habe dir viel zu sagen , viel Gift in deine kleinen , schönen Ohren zu träufeln ! Ich bin unglücklich ! Die Excellenz wird jung unter ihrem verjüngenden Athem . Sie wagt Alles für einen zarten elastischen Druck der Eidechse . Da sagt diese : Ich komme , aber ich bin bewacht , du bist bewacht , wir Alle sind bewacht .. wo sehen wir uns ? Drinnen ist ' s zu laut , draußen ist ' s zu naß ! Wo seh ' ich dich ? Wo sag ' ich dir , was ich fühle , was ich empfinde , wenn ich freie Vögel auf den Zweigen sehe und sie nicht mit einem Satz erschnappen kann ? Wo ? Wo ? Die Excellenz ist zu Allem bereit , und da schlägt die Listige vor : Kein Ort ist sichrer als dein großer Wagen ! Das ist ein Tanzsaal ! Das ist ein Gesellschaftszimmer ! Dort flüst ' re ich dir die drei Worte zu , die ich noch Keinem sagte , die drei Worte , inhaltsschwer , sie gehen von Munde zu Munde .. Die Excellenz macht Schwierigkeiten . Die Eidechse weiß Alles zu beseitigen , die Gendarmen , die Bedienten , den eisernen Schlagbaum .. Du öffnest um elf Uhr den Wagen , komm ' ich auch erst um zwölf ! Ich gebe dir den Beweis , den du Einziger , verlangst ! .. Der Excellenz wird es schwindlig . Der Mann denkt an die drei Worte inhaltsschwer , sie gehen von Munde zu Munde .. Was ahnt er nicht ? Was hofft er nicht ? Es schlägt elf . Er hat die Wächter entfernt . Die zechen ! Die trinken auf Königs Wohl ! Der Wagen wird offen .. Er hatte » nur etwas in ihm zu suchen « , legt die Stange an , als schlösse er wieder zu und geht auf sein Zimmer , um sich sogleich heimlich wieder zurück zu begeben und die drei Worte zu vernehmen , inhaltsschwer . Die Eidechse .. husch .. rasch zur Hand .. kaum verschwand die Excellenz , war sie im Wagen und hatte , was der » Prinz « wollte ... das Bild ! Nun entschlüpft sie .. aber hui ! Da erschrickt sie vor Etwas , das sie nicht ahnte .. Es war vielleicht nur eine Katze , ein großer Kater , den sie fürchtete und vor dem sie Entsetzen überlief . Die Katzen lieben ja auch die freien Vögel auf grünen Zweigen und haben Brotneid gegen die Eidechsen . Katze oder Iltis ... genug , die Eidechse erschrickt so heftig , daß ihr das Bild entfällt und sie vor der Thür des Prinzen fast die Felsenspalte nicht wiederfindet , wo sie unterkriecht ... Es gab Lärm , .. wenigstens trat ein Reisender , ein Amerikaner , wenn nicht von Geburt doch von Gesinnung , auf den Corridor . Er erhebt das Bild , nimmt an den im Mondlicht erkennbaren Zügen ein Interesse , das dem » Prinzen « noch jetzt nicht erklärlich ist , und folgt der Weisung der in der Ferne harrenden Eidechse , die ihm rasch noch zunickt : Da ! Dort ! Dem schlummernden Prinzen gehört ' s ! Bitte ! Wollen Sie ? ... Der bringt ' s dem » Prinzen « und legt ' s ihm feierlich unter ' s Kissen , während er schläft oder nicht schläft , gleichviel ... Das Bild ist da .. der » Prinz « hat es daheim in der offnen Kommode seiner » Aula « ... Die Eidechse sagte dem Amerikaner : Brav , mein Herr , ich danke Ihnen ... und verschwand . Und von wem weiß ich das Alles ? Eben jenes Gespenst hat ' s mir erzählt , vor dem die Eidechse so erschrak .. ein somnambüler Kater , der sich auf ' s Mausen versteht und den deshalb auch die schöne , buntgeringelte Eidechse nicht leiden kann . Du kennst den somnambülen Kater .. Er heißt Hackert . Brüderlein ! Die Geschichte ist eigentlich aus ! Denn das lustige Nachspiel , daß die Excellenz zu spät kommt , sich in dem Möbelwagen häuslich niederläßt , auf die Eidechse und die drei Worte , von Munde zu Munde Stunde zu Stunde vergebens wartet , endlich einschläft , eingeschlafen und eingeschlossen fortgefahren wird in die Residenz , Das ist nur ein humoristischer Schnörkel des Wortes : Punktum ! und das satirische Nachspiel des Dramas bei Mondscheinbeleuchtung . Das Bild ist da , der falsche Prinz ist da , auch die Excellenz soll wieder aufgefunden sein .. aber die Eidechse ! Die Eidechse ! Darf ich nun moralisch werden ? Darf ich sagen , daß eine solche schöne liebenswürdige , aber tollkühne , listige Natter uns Gebrüder Wildungen nicht im Ernst bei den Fittichen fassen darf ? Die drei Worte , inhaltschwer , sie gehen von Munde zu Munde - heißen doch wol nur : Ich liebe dich ! Ich liebe dich ! Himmlischer Weihegruß reiner Seelen ! Glockenaccord der Andacht und Harfenton der reinsten Anbetung ! Laß ihn aus deinem Herzen klingen , wo er würdig widerklingt ; nur da nicht , Bruder , wo man über Melusinen lachen , mit ihnen kosen , mit ihnen im Krystallbache plätschern , aber immer auf den sichern seichten Stellen bleiben muß , wo sie uns nicht hinunter ziehen können in ' s ewige Vergessen und man ihnen nimmermehr außer dem Munde auch das Herz und das Leben geben darf ! Ich bin über diese schöne Eidechse hinaus ! .. Ich will mich fassen und trösten .. Aber du ? Du , Siegbert ? Du , den schon die Bilder wegen ihrer verspotten ? Du , der du Madonnen siehst , wo Andre schönflossige , geringelte Fischweiber ... und nun gar dein eigner Bruder eine Eidechse ? Denn Melanie ist die Eidechse ! Ach Melanie ! Melanie ! Ihr Weiber ! Wie schmilzt uns bei euerm Namen so sanft und so weich das Herz gleich Schneeflocken , die von dem Frühlingsveilchen der erste Märzsonnenstrahl hinwegküßt ! ... Ach ! Wehe ! Wehe ! Aber der Name Schlurck .. Ha , dies Hinterher rüttelt auf , das mahnt gleich zur Besinnung ! Ich dank ' euch , ihr Götter , daß dieser Name Melanie , der so sanft dahingleitet , selbst bei den verliebtesten Menschen , deren Phantasie mit Dampf fährt , doch durch den Namen Schlurck gebremst werden muß ! Nun könnt ' ich wol sagen , Bruder , zum Tändeln für mich , reicht sie immerhin aus . Ich bin kein Mensch , dem sich viel in der Seele vergiften läßt . Ich habe innerlich zu viel Gegengift .. Rattenpulver heilt Schlangenbisse .. Aber du ! Du , mit deinem aetherreinen Auge ! Du Sohn des Azurs ... sollst du ihr Azor werden , belächelter , verspotteter Schooßhund ihrer Laune ? Nein , ich selber verschmähe sie nun sogar zum Tändeln ! Das bin ich dir schuldig , deinem Schmerze , deinem Jammer , deinen Thränen ; denn ich weiß , du bist Thor genug , zu weinen , nicht daß du Melanie verlierst , nein darüber , daß Melanie doch eine Eidechse ist ! Zum Lachen ist das Abenteuer mit der Excellenz kostbar .. Preisaufgabe für ein Seitenstück zum Froschmäusekrieg ! ... Ferner , der Besitz des Bildes kann sehr nützlich sein - aber .. über alles Übrige mach ' einen Strich , so dick , so fest , wie die Eisenstange über dem Transportwagen war . Ich scherze , Bruder ! Und doch bin ich betrübt , wenigstens nicht so heiter , daß ich bei Grüns mit dir speisen kann ! Ich bin unfähig , mich für den ganzen Tag zu sammeln . Erst deine Entdeckung , dann der Rapport des somnambülen Katers , den du heute Abend wiedersehen sollst . Ich erwarte dich nach neun Uhr in der Brandgasse Nr. 9 im zweiten Hofe , drei Treppen hoch . Adresse : Fritz Hackert . Komm ' aber allein , ohne deine neuen Freunde , die erst einen Scheffel Salz mit mir essen müssen , bis sie die meinen werden . Die hundert Thaler kannst du auch mitbringen , wenn du willst ! Fritz Hackert , Brandgasse No. 9. Du wirst erstaunen über diese Annäherung und Aussöhnung . Hackert will Bekenntnisse machen , aber nur in deiner Gegenwart , vor dir , von dem er sagte , du hättest den ersten Funken der Liebe in seine Nacht geworfen ! Bis dahin forsche mir nicht nach ! Die beiden Donnerschläge haben mich erschüttert und zu jedem Entschlusse für heute unfähig gemacht .. Ich muß Natur suchen , muß frische Luft athmen . Ich muß im Grase den Namen : Melanie ! ausweinen ... Nein ! keine Thränen ! Nein ! Wir brauchen Kraft für Das , was endlich beginnen soll ! Hinweg aus unsrer Bahn , entnervende Frauengunst ! Weiß denn ein Weib zu würdigen , was ihm ein Jüngling , der sie liebt , zum Opfer bringt ? Ich kehre zurück zu unsrer großen Aufgabe , wie ich sie im Tempelhause von Angerode und im Walde bei Hohenberg unter einer alten dreihundertjährigen Eiche geahnt , ergriffen , mit lebendigem Auge geschaut habe ! Denk ' an die Taube über deinen flammenverzehrten Templern ! Denk ' an das vierblättrige Kleeblatt am Kreuze , das mir ein Symbol geworden ist , einen großen Gedanken zu suchen auf der platten Wiese des Lebens , wie man ein Vierblatt im Klee sucht und freudig ruft : Ich hab ' s ! Am Abend , Bruder , grüße mich stark und entschieden ! Wir sind , denk ' ich , einig über die Eidechse , und fliegen nicht von unsern Bäumen zu ihr hinunter , mag sie auch mit Augen wie Rubinen glänzen und ein Bett von eitel Rosen zeigen , auf dem es schön dünken mag , unsterblich sterblich mit ihr zu ruhen ! Bei dem Geiste unsres Vaters ! Dein ... Bruder ! Nachschrift . Verschließ mir das Bild ! Ich geb ' s Morgen an den Prinzen Egon von Hohenberg ab , dem es gehört . . ... Als Siegbert diesen Brief gelesen hatte , weinte er wirklich . Aber er weinte nicht aus Schwäche um Melanie ' s Verlust , sondern aus Liebe für den Bruder . Dies Wort : Beim Geiste unsres Vaters - öffnete die Schleusen seiner Seele ! Das war ein Zauberwort der Liebe und der kräftigenden Erinnerung ! Was hatte er , wenn nicht die starke Hand des Bruders , den er gelobt hatte , zu erziehen und der ihn erzog ! Von dem Augenblicke an , wo er schon aus Melanie ' s gewitterblitzenden Augen , aus der dunklen Glut ihres Zornes gefühlt hatte , daß sie wol den Bruder oder der Bruder sie liebe , war sein Entschluß fest , nach einer solchen Blüte nicht mehr aufzublicken . Die gab er hin ! Mit Schmerz ; denn er gehörte zu jenen Männern , deren Bestimmung es zu sein scheint , gerade die Frauen zu lieben , die am wenigsten für sie passen . Aber er gab sie schon dahin ! .... Nun aber bot der Bruder auch einen Ersatz , eine Heilung dar , die Verachtung des erträumten Glückes und ein höheres Ziel . Er fühlte das Letztere nicht mit dem Feuer wie Dankmar , er fühlte die Verachtung nicht so tief , wie Dankmar sie durch die Erzählung von einem gewagten , zweideutigen Abenteuer ihm .. er sah Das .. absichtlich und geschärft , förmlich einätzen wollte , ja es entgegnete seinen scharfen Worten in ihm die Gedankenreihe : Wie kannst du , Undankbarer , Das so heftig tadeln , was doch nur die rasendste Leidenschaft und Liebe für dich veranlaßt haben kann ! .. aber der Rest seiner Betrachtungen war der , daß er sich sagte : Die schöne Welt , die du dir aufgerichtet , ist zerstört ! Und wo ich nicht die Blüte