Tafel . » Wenn Du Dich genau nach diesen Nummern richtest , kannst Du nie fehlen , welche Kreuz- und Querwege Du auch wider Willen einschlagen magst . « Ein abermaliges Kopfnicken gab dem Leiter des Schlittens die Zustimmung seines Dieners zu erkennen , und in raschem Galopp jagte das feurige polnische Gespann , dessen brillantes Geschirr mit purpurnen Troddeln und Fransen reich aufgeschmückt und mit silbernen melodisch gestimmten Schellen behangen war , in die windige Haide hinein . Der geneigte Leser hat in diesen einsamen Reisenden bereits den Grafen Adrian mit seinem stummen Kammerdiener erkannt . Aber was sucht der kaum genesene reiche Mann in dieser frostigen Wildniß , die kaum im Sommer von wandernden Köhlerbuben betreten wird ? Was sollen die Winke bedeuten , die er seinem stummen Vertrauten kalt und ernst gibt ? Um auf diese Fragen Antwort geben zu können , verlassen wir den im rauschenden Tannicht verschwindenden Schlitten und wenden uns einer schon früher betretenen Gegend jetzt wieder zu . In hohen Schneewehen mehr als zur Hälfte begraben , ragen vier schwarze rissige starke Mauern mit zerborstenen Fenstern hinter breitem Erdwall in die Luft . Die schräg liegenden Balken eines niedrigen Wetterdaches geben dem wüsten Gemäuer einigermaßen ein gastliches Ansehen und eine Breterhütte auf der Südseite , von ziemlich hoher Planke umgeben und mit über einander geschichteten Aesten und jungen Stämmen , wie die Windbrüche des Herbstes sie niederwerfen in dichten Wäldern , geschützt , zeigen an , daß dieser entlegene Ort trotz seiner schauerlichen Einsamkeit doch bewohnt ist . Ein breiter und tiefer Fluß , jetzt mit dickem Eis und Schnee bedeckt , krümmt sich in weitem Halbkreis um Hütte und Mauertrümmer . Auf dem hohen Uferrande desselben am Anfang der Waldwiese , die sich gegen Norden ausbreitete , sieht man abermals eine der erwähnten Stangen mit beschriebener Tafel . Wir befinden uns in der Nähe des » Raubhauses , « jener verfallenen alten Burg , welche ehedem dem » Fürsten der Haide , « Herta ' s Vater , zum Schlupfwinkel diente . Die größere Cultur der Forste und die vermehrten Kohlenbrennereien und Theerhütten , die neuerdings unter Adrians Herrschaft entstanden waren , hatten auch diesen versteckten und geflohenen Winkel der Haide bekannter und besuchter gemacht , und im Schutz der Mauertrümmer ein Schenkhaus für Köhler , Kien- , Span- und Rußhändler entstehen lassen , dessen genügsamer Wirth sich leidlich nährte . Seit Jahresfrist gehörte Raubhaus und damit verbundene Köhlerkneipe zu den Besitzungen Adrians . Der Wirth dieser traurigen Waldschenke hatte in den früheren Jahren als Reitknecht in Adrians Diensten gestanden , durch einen unglücklichen Sturz mit dem Pferde aber beide Hände gebrochen und war dadurch unbrauchbar zu jedem Geschäft geworden . Der Graf ließ ihn heilen , gab ihm ein geringes Jahrgeld und setzte ihn als Schenkhalter endlich in diese Haidekneipe . Für diese gräfliche Huld war der nunmehr Versorgte seinem großmüthigen Gebieter sehr dankbar . Adrian konnte ihm blindlings vertrauen und Jussuff - so hatte ihn der Graf seines gewaltigen Bartes wegen , den er nach türkischem Schnitt zu tragen pflegte , getauft - Jussuff freute sich , dem gnädigen Herrn gefällig sein zu können . Vor drei Tagen hatte Jussuff in einem mehrere Stunden entfernt gelegenen Kretscham , wie Adrian ihm brieflich gemeldet , einen fremden Mann gefunden , dessen Signalement ihn nicht täuschen konnte . Nur sein widerlicher Begleiter machte ihn anfangs stutzig ; da ihn jedoch der Fremde für seinen alten treuen Knecht ausgab , ließ er ihn unbedenklich den mitgebrachten Bauerschlitten besteigen und brachte beide nichts weniger als freundlich aussehende Männer in seine abgelegene betretene Behausung . Als dies geschehen war , that er Adrian vorschriftsmäßig Meldung und ließ es den Fremden an nichts fehlen . » Nun , was hab ' ich gesagt , alte Hyäne ! « rief Klütken-Hannes seinem scheußlichen Gefährten zu , als Jussuff auf sein Geheiß vier Kannen glühenden mit Zucker und Gewürz stark vermischten Branntwein den Unersättlichen ohne Widerrede in ihre wohl verwahrte Bretterkammer trug . » Heißt das nicht leben , wie im Feenmährchen ? Immer Tischlein deck Dich , Krüglein füll ' Dich und nichts zu thun ! Das ist prächtig ! Aber weißt Du was , Blutrüssel , ich glaube doch , es ist der Teufel , der uns so kannibalisch füttert ! Wie ? « » Er wird Dich mästen wollen zum sechstausendsten Geburtstage seiner Großmutter , um Dich ihr als sündengespicktes Spanferkel zum Frühstück vorzusetzen , « grinste der ehemalige Räuber . » Aber was thut das ! Friß nur immer zu und sauf ' , so lange der Magen vor Brandlöchern nicht in Stücke zerfällt . Der Teufel soll leben ! « » Und wer ' s mit ihm hält hier und dort ! « Beide thaten einen tüchtigen Zug aus den dampfenden Krügen und schnalzten vor Wohlbehagen mit den Zungen . » Bin doch neugierig , wie lange das Satansfest dauern wird , « sagte Klütken-Hannes . » Verflucht wär ' s , wo wir hier in dieser Bude , in Schnee und Eis vergraben , sitzen bleiben müßten und Niemand als unser lahmer Wirth sich um uns kümmerte . « » Du hast ja noch Geld . « » Noch dreihundert Mark . « » Dann scher ' ich mich um Niemand . Ich bin hier bekannt , Hannes , denn ich sitze hier auf meiner hohen Schule , und läßt man uns im Stiche , so krieche ich in die alten Gewölbe hier unter uns , suche eine alte Laterne und ein paar Dolche zusammen und schlage mich mit Dir durch Dick und Dünn bis an einen Ort , wo ' s uns gefällt . « » Morgen früh hat mir Jussuff vornehmen Besuch angekündigt , « sagte Klütken-Hannes etwas nachdenklich . » Was würdest Du thun , wenn ' s nun wirklich so ein Stück vom Teufel wäre ? « » Fluchen und lästern . « » Warum ? « » Das machte ihn guter Laune , denn ' s ist ja sein Geschäft . « » Schade , daß es kein Mädel hier gibt ! « » Ha Dein Töchterchen ! « rief Blutrüssel zähnefletschend . » Ich sage Dir , Hundesohn , es war dumm von Dir , das blanke Ding mit dem jungen Laffen fortziehen zu lassen ! Das wäre hier eine Taube für ein Teufelsgericht . Wir selbst rupften ihr die Federn aus , was ? « » Mir Alles gleich ! « hohnlachte der verwilderte Klütken-Hannes . » Mädel ist Mädel , und wenn mir der Teufel immer genug Geld , satt Branntwein und fette Bissen zuwirft , so viel ich verlange , thu ' ich ihm einen Gefallen , beim brennenden Höllenpfuhl ! Es kann doch weiter nichts kosten , als die Seele ! Die Seele aber ist Luft , blauer Dunst , siehst Du , alte Hyäne , und das hat kein Gefühl , das ! Also mag es schmoren , meinetwegen zehn tausend Millionen Jahre ! « » Auf ' s Wohlergehen Deines Schmorbratens ! « wieherte Blutrüssel , stieß an mit Klütken-Hannes und beide tranken den Höllensoff , bis ihnen die stieren Augen übergingen . » Noch eine Kanne , Jussuff ! « brüllte der Mörder Johannes ' , sein Herr und Meister fiel ihm aber ins Wort und sagte : » Halt , Nimmersatt ! Das Befehlen ist gegen die Abrede , weißt Du ! Ich bin Gebieter , Du bist Knecht , und wenn ich will , legst Du Dich vor die Thür und bellst oder heulst auf mein Commando ! Verstanden , Zähnefletscher ? - « Blutrüssel rollte seine vorstehenden Augen wie Feuerräder , ballte die Faust gegen seinen Herrn , schwieg aber doch . » Ich will mir nicht den Verstand versaufen , « fuhr Klütken-Hannes fort , » damit ich frisch bin , wenn mein großmüthiger Freund und Gönner mich besucht . Ein vernünftiger Herr aber kann kein unvernünftiges Vieh zum Diener brauchen , siehst Du ! Also couche und verschnarche den Höllenbräu , den Du angegeben hast . Mich brennen die Eingeweide , als hätt ' ich glühendes Blei hinuntergeschüttet , Gott verdamm mich ! « So fluchend warf sich Elwirens unwürdiger Vater auf die Streu , zog die Kotze von Pferdehaaren über sich und fiel bald in dumpfen Schlaf . Blutrüssel blieb noch geraume Zeit am Zechtisch sitzen und stierte bald in den sprützelnden Docht der Thranlampe , bald warf er gehässige , wilde Blicke auf den schlafenden Hannes . Endlich schob er den Schemel zurück und stand auf . Scheußlich rollten die großen weißgelben Augäpfel unter seiner niedrigen Stirn , die spitzen Wolfszähne klappten ein paar Mal heftig auf einander , als seien sie begierig nach Fraß . Dann fuhr er jäh in die Seitentasche seiner Jacke , ein langer spitzer Stahl funkelte in der hochgeschwungenen Rechten und mit lautlosem Sprunge am Lager des dumpf und fest schlafenden Klütken-Hannes niederkauernd , streifte die scharfe Klinge schon den starken geschwollenen , von dicken blauen Adern durchzogenen Hals des Sorglosen . Doch eben so schnell zog er die Mordwaffe wieder zurück und ließ die Hand sinken . » Noch nicht ! « murmelte er finster und seine abschreckenden Züge überschauerte ein herzloses Hohnlächeln . » Ich will warten bis morgen und horchen , was man verlangt , was man bietet . Erst Geld , dann Blut ! - So hielt ich ' s mit seinem Vater , dem fanatischen Tugendhelden , als er geizig und hochmüthig ward ; so will ich ' s auch mit dem verlorenen Söhnchen halten , das in meiner Schule ein allerliebstes Mutterfrüchtchen geworden ist ! - Ha , ha , ha , ha , « lachte der Mörder leise durch die Zähne , » welche Freude würde die Alte haben , die in ihren guten Tagen , weiß Gott , ein wahres Grafenessen war , träte ihr das wohlgerathene Söhnlein im schönsten Aufputz der triumphirenden Hölle unter die Augen ! ' s wär ' mir ein Labsal , bei allen Todsünden , und wüßt ' ich ' s dahin zu bringen , so spielt ' ich noch Trumpf aus mit Satan um das nächste Schaltjahr ! « Während der Verworfene dieses Selbstgespräch hielt , hatte er den Stahl wieder sorgfältig verborgen und sich in kaum fußbreiter Entfernung von dem sorglos schlafenden Klütken-Hannes ebenfalls auf die Streu niedergestreckt . Der heiße Branntweindunst und die Gewohnheit , sich an den verruchtesten Phantasiebildern zu laben , wiegten auch diesen Sohn der Hölle in festen , traumlosen Schlummer . - Die Betäubten schliefen noch , als Adrians Schlitten am andern Tage ziemlich zeitig an der Köhlerschenke hielt . » Alles in Ordnung ? « fragte er Jussuff , nur die geröthete Nasenspitze aus seinem Pelz hervorsteckend . » Zu Ew . Gnaden Befehl ! Aber - « » Aber ? « » Ich hab ' ihrer zwei gefunden , Ew . Gnaden ! « » Sind sie munter ? « » Wie ein paar Teufel ! Von früh bis in die Nacht nichts wie Lärmen , Fluchen , Saufen mit Ew . Gnaden Erlaubniß ! « » Schon gut ! Du hast es ihnen doch an nichts fehlen lassen ? « » Im Gegentheil ! Sie empfingen Speis ' und Trank im Ueberfluß . Sechs Menschen könnten bequem vier Tage von dem leben , was diese beiden Haifische in einem Tage vertilgen . Sie sehen aus , verzeih ' mir ' s Gott , wie entsprungene Galeerensclaven ! « » Desto besser ! Wo hast Du sie untergebracht ? « » Sie schlafen noch , gnädigster Herr . Der Branntweinpunsch von gestern Abend wird ihnen zu Kopfe gestiegen sein . « » Wecke sie , ich werde warten . Und ist derjenige , welcher sich Klütken-Hannes nennt , nicht vollkommen nüchtern , so begieße ihn so lange mit frischem Wasser , bis er seinen Verstand vollkommen beisammen hat . Wer ist sein Begleiter ? « » Ein grauhaariger Schelm , Ew . Gnaden , mit blutrother langer Nase und Krokodilsaugen ! Ew . Gnaden Empfohlener heißt ihn seinen Diener , sie dutzen sich aber , wenn sie allein sind , wie Holzhauer . « Adrian gab Jussuff durch einen Wink zu erkennen , daß er genug wisse , und befahl nochmals , den fremden wüsten Gast zu wecken . Nach einiger Zeit vernahm er ein heiseres Husten und rauhes Flüstern . Jussuff kam zurück und zeigte seinem Gebieter an , daß der Fremde ganz fest auf den Beinen stehe und sehr begierig auf den Besuch des Herrn sei . » Den angeblichen Bedienten hab ich abtreten lassen , « fügte er hinzu . » Ich lobe Dich , mein Getreuer , « sagte Adrian , und folgte dem Wirthe in die abgelegne Kammer . Klütken-Hannes saß , sein aufgedunsenes Gesicht in die linke Hand gestützt , am Tische , dessen Platte noch klebrig war von dem verschütten Getränk der vergangenen Nacht . Da er auf sein Aeußeres nicht eitel war , hingen ihm Strohhalmen in dem borstigen , ungekämmten Haar , und Gesicht und Hände waren mit widerlichen Schmutzflecken bedeckt . Bei Adrians Eintritt , der sich durchaus als vornehmer und gebietender Herr zeigte , stand der Trödler auf und versuchte seine beste Verbeugung . » Habe ich das besondere Vergnügen , mit Herrn Johannes Klütken aus Hamburg zu sprechen ? « fragte Adrian mit großer Freundlichkeit . » Sie haben dies Vergnügen , mein sehr werther Herr , « erwiederte Klütken-Hannes , seinerseits ebenfalls eine herablassende Miene annehmend , denn er sah wohl , daß er es mit einem hochgestellten mächtigen Herrn zu thun hatte . » Kommen Sie in Folge eines mit a - n. unterzeichneten Briefes , dem tausend Mark in Anweisungen beigefügt waren , an diesen Ort ? « » Tausend Mark , ganz recht ! - meine Schulden habe ich bezahlt auf Schilling und Grote - bin gereist , habe mir nichts abgehen lassen , und da sitze ich nun mit noch gut gespicktem Sacke ! « » Dürfte ich um jenen Brief ersuchen ? « » Herr , « sagte Klütken-Hannes , sein Gesicht zu einem bedenklichen Lächeln verziehend , » ganz werde ich das Schreiben nicht mehr zusammen bringen . Es hat sich zerrieben in der Tasche . « Er suchte indeß und brachte nach einiger Zeit einen zerknitterten Fetzen von Adrians Briefe hervor . Der Graf warf nur einen flüchtigen Blick darauf , um sich von der Identität desselben mit seinen Schriftzügen zu überzeugen . Als er diese erkannt hatte , sagte er : » Ich danke Ihnen , mein sehr lieber Herr ! Reichen Sie mir jetzt die Hand und lassen Sie uns im Vertrauen ein ernstes Wort sprechen ! « Klütken-Hannes streckte tölpisch seine ekelhafte Rechte dem Grafen entgegen , welche dieser mit einiger Scheu leis drückte . Dann setzte er sich dem Trödler gegenüber auf demselben Schemel , den Abends vorher der Räuber und Mörder eingenommen hatte . » Können Sie schweigen , Herr Klütken , wenn man Sie gut dafür bezahlt ? « » Wie das Grab ! « » Auch wenn Sie - durch den Genuß geistiger Getränke in heitere Laune versetzt werden ? « » Dann knüpfe ich mir einen Knoten ins Gedächtniß und über den kommt kein Geheimniß und wär ' s ein Vatermord ! « » Sie sind gegenwärtig ohne Beschäftigung , Ihr eigener Herr ? « » Mein Geschäft ist gut essen und trinken , nichts weiter ! « » Sie würden also gern und mit Eifer ein Geschäft für mich ausführen , immer vorausgesetzt , daß man Sie reich dafür bezahlt ? « » Bin nicht heikel , mein sehr verehrter Herr . Was es auch sei , für Geld thu ' ich Alles . « » Demnach würden Sie auch Verrath üben für Geld ? « » Verrath ? Vielleicht , wenn man mich königlich belohnte . « Bei dieser Wendung des seltsamen Gesprächs zeigten sich die Augen Blutrüssels , den Jussuff in einen Verschlag neben der Kammer geführt hatte , an einem zersprungenen Kieferbrett . Stier und blutgierig funkelnd hafteten sie auf der vornehmen Gestalt des Grafen . » Sie haben dies nicht zu befürchten , Herr Klütken , « erwiederte Adrian lächelnd auf diese Bemerkung . » Ich betrachte Sie vorläufig als in meine Dienste getreten , und da ich weder ein König noch ein Fürst bin , sondern blos ein vermögender Mann , der von zahllosen Feinden umringt ist und schmachvoll verfolgt wird , so bin ich im Begriff , Sie mit Ueberwachung derer , die ich Ihnen als meine erbittertsten Feinde bezeichnen werde , zu beauftragen . Dünkt Ihnen dies ein Amt , das Ihre Kräfte übersteigen wird ? « » Ich halte mich dessen im Gegentheil vollkommen gewachsen . « » Zur Bestreitung aller dabei vorkommenden nöthigen Ausgaben , etwaiger Reisen , Traktamente usw. biete ich Ihnen einen monatlichen Gehalt von zwei hundert Thalern an . Glauben Sie damit zu reichen ? « » Zwei hundert Thaler ! « murmelte mit schlecht verborgener Freude , welche dem Grafen nicht entging , der überraschte Trödler . » Ich - ich will es - wenigstens damit versuchen . Geht es nicht - « » So erhalten Sie Zuschuß , das versteht sich ! Wir sind also einig ? « » Vollkommen , vollkommen ! « sagte Klütken-Hannes sehr eilig . » Aber das Geschäft ? « Adrian kehrte sich um und ließ seine scharfen Blicke rund um die Bretterwände laufen . Blutrüssels glotzende Augen verschwanden an dem gespaltenen Brett . Zufrieden mit seiner Musterung wendete sich der Graf wieder zu seinem angeworbenen Helfershelfer und beugte sich über den Tisch . » Dämpfen wir unsere Stimmen etwas , « sagte er bedeutungsvoll lächelnd . » Dünne Wände pflegen Ohren zu haben , und ich möchte nicht gern , daß unser intimes Gespräch zur Kenntniß Vieler käme . - Empfangen Sie vor Allem , « fuhr er flüsternd fort , indem er ein Packet aus seinem Pelze zog , die Vorausbezahlung für den ersten Monat , und nun merken Sie wohl auf ! Von morgen an haben Sie zu Fuß oder zu Schlitten , wie es Ihnen bequem ist , diese Haide zu durchwandern bis an den See von Boberstein . Sie erkennen ihn an der großen Spinnfabrik , die sich inmitten desselben auf einem Felsen erhebt . Um den See zieht sich ein Dorf , in dem es ein einziges Wirthshaus gibt . Dies Wirthshaus besuchen Sie des Abends , um die daselbst einkehrenden Gäste kennen zu lernen . Geben Sie Acht auf die Gespräche derselben und merken Sie sich diejenigen genau , welche dem Besitzer der Fabrik alles nur denkbare Böse wünschen ! Vor Allem suchen Sie mit einem schwarzhaarigen großen und starken Manne bekannt zu werden , der Martell heißt und sich einbildet , der eigentliche Besitzer der genannten Fabrik zu sein ! Er trinkt gern , mithin - » Soll er trinken auf meine Kosten , bis er sich den Verstand versäuft ! « » Sie besitzen einen bewunderungswürdigen Scharfsinn , mein Herr , « fuhr Adrian mit seinem gewinnendsten Lächeln fort . » Indeß ein starker , an Branntwein gewöhnter Mensch verträgt sehr viel , wie Sie wissen - « » Teufelmäßig viel , ich weiß es ! « » Es wird daher zweckmäßig sein , daß man die Wirkung des Getränkes zu verstärken sucht durch Anwendung eines unschädlichen Mittels , das ich Ihren Händen hiermit anvertrauen will ! « Ein zweites wohl versiegeltes Packet fiel neben Klütken-Hannes auf den Tisch . Immer flüsternd fuhr Adrian fort : » Von dem darin enthaltenen Pulver lassen Sie unvermerkt blos einige Körnchen in jedes Viertelmaß gleiten , das Martell und seine guten Freunde leeren . Die Gelegenheit werden Sie wohl abzupassen verstehen , dafür bürgt mir Ihre Gewandtheit und die Liebe zum Leben ! Denn wohl zu merken , schöpfte man Verdacht , so könnte man sich Ihrer bemächtigen , was unangenehme Folgen für Sie haben würde ! Also Vorsicht , mein Herr , Gewandtheit und Ausdauer ! « » Stirbt man von diesem Pulver ? « fragte Klütken-Hannes gelassen , indem er eifrig daran roch . » Man stirbt davon , wenn man viel auf einmal genießt , man welkt aber blos hin , wenn man zur Delicatesse nur davon kostet . Meinen Feinden in geringen Dosen , aber häufig diesen delicaten Genuß zu verschaffen , wird also die Aufgabe Ihres jetzigen Wirkens sein ! Drei bis vier Monate dürften hinreichen , Ihr Werk mit gutem Erfolg zu krönen ! Sie haben mich doch verstanden ? « » Sehr genau , mein werther Herr ! Und Sie haben Ihre Großmuth an keinen Unwürdigen verschwendet ! « » Dessen war ich gewiß ! Aller acht Tage kehren Sie hierher zurück auf eine Nacht . Sie werden dann einen Boten von mir finden , dem Sie über Ihr Wirken und die erlangten Resultate Bericht erstatten . Diese Berichte setzen Sie regelmäßig fort , bis wir uns persönlich wiedersehen . Sie haben nichts zu befürchten für Ihre Sicherheit , so lange Sie klug handeln ! Ist geschehen , was ich beabsichtige , so gehen Sie wieder nach Hamburg oder verlassen doch diese Gegend ! Für Anerkennung Ihrer mir geleisteten Dienste erhalten Sie jährlich eine Pension von tausend Mark , immer vorausgesetzt , daß Sie schweigen können ! Sind Sie damit zufrieden ? « » In meinem Leben macht ' ich kein besseres Geschäft ! « rief Klütken-Hannes aus , sich vor Freude die Hände reibend . » Ich bin Ihr blind ergebener Knecht , und wenn ' s mich an den Galgen bringt ! Hier meine Hand d ' rauf , und der Teufel soll mich lebendig statt Zuckerkant auffressen , wenn ich nicht Wort halte ! « » Gut , « sagte Adrian trocken . » Wie ich höre , haben Sie einen Bedienten ? Können Sie sich auf den Menschen verlassen ? « » Wie auf mich selbst ! « » Ich wünsche ihn zu sehen . « Als Adrian diesen Wunsch äußerte , verschwanden blitzschnell die glühenden Augen Blutrüssels am Spalt des Kieferbrettes , Klütken-Hannes rief nach dem Wirthe und befahl seinen Bedienten eintreten zu lassen . Zögernd erschien die abschreckende Gestalt des Mörders an der Thür . Er blickte dem Grafen tückisch und hohnlächelnd in das bleiche , vom Pelz fast ganz wieder verdeckte Gesicht . Adrian richtete kein Wort an den Abscheulichen . Er begnügte sich , einen kalten Blick über ihn gleiten zu lassen , worauf er Klütken-Hannes höflich grüßte und eilig Kammer und Bretterhütte verließ . Ein paar Minuten später lauteten wieder die silbernen Schellen und verklangen im Walde . Auf dem Heimwege begegnete Adrian einem seine Bahn kreuzenden Schlitten . Er erkannte Sloboda und den Maulwurffänger , die in raschem Trabe an ihm vorüberflogen . Der Wind jagte ihm von dem Schlitten der Begegnenden einen gedruckten Bogen zu , der an einer Branke des Bärenfelles , das Adrians Füße schützte , hängen blieb . Klütken-Hannes und Blutrüssel standen einander lange Zeit sprachlos gegenüber , dann fielen sie fast zugleich in ein krampfhaftes Lachen , von dem sie sich nur erholten , um die am Abend vorher abgebrochene Lebensweise sogleich wieder fortzusetzen . Fünftes Kapitel . Das Wiederfinden . Adrian griff mechanisch nach dem im Winde flatternden Papier und warf gleichgiltige Blicke darauf . Es war eins jener kleinen , von dem Landvolke viel und eifrig gelesenen Wochenblättchen , die neben einer Menge gerichtlicher Vorladungen , obrigkeitlicher Bekanntmachungen und Anzeigen anderer Art die neuesten Zeitereignisse in dürftigstem Auszuge enthalten . Der reiche Mann nahm in der Regel nie ein solches Blatt in die Hand , da er die bedeutendsten und einflußreichsten Zeitungen des In- und Auslandes schon aus Speculation selbst hielt und daher immer sehr wohl unterrichtet war von Allem , was in der Welt vorging . Schon wollte er das Blättchen dem Winde wieder Preis geben , als er gegen das Ende hin mit etwas größerer Schrift und in schief stehenden Lettern , wie sie als etwas Neues damals gerade erst aufgekommen waren , das Wort » Aufruf « las . Dies veranlaßte ihn doch zu genauerer Betrachtung und mit einiger Verwunderung las er : » Diejenige Person , welche den Namen Maja Pisom als Geburtsnamen führt , in dem Haidedorfe E. am 13. Februar 1791 zur Welt gekommen ist und mithin zur Zeit ein Alter von beinahe zwei und vierzig Jahren erreicht hat , sich auch vor Andern durch ein purpurrothes Muttermal an ihrer linken Schläfe in Gestalt eines kleinen Sternes auszeichnet , wird hierdurch dringend aufgefordet , ihren gegenwärtigen Wohnort anzuzeigen oder sich persönlich im Hause des Maulwurffängers Heinrich zu B. so bald als möglich einzufinden , da man ihr eine höchst wichtige Mittheilung zu machen hat . « » Was soll das nun wieder heißen ? « murmelte Adrian vor sich hin , indem er das Wochenblatt zusammenfaltete und zu sich steckte . » Zu welchem Zweck verläßt dieser intriguante alte Mann einen so dringenden Aufruf , und wer mag jene Maja sein ? Maja ? Maja Pisom ? Dieses Namens kann ich mich nicht erinnern . Unter meinen Arbeitern wäre sie demnach wohl kaum zu suchen . - Aber einen Grund muß der Aufruf doch haben ! Und der verschlagene alte Schlaukopf ist sicherlich dabei betheiligt ! - Dahinter muß ich kommen und das bald ! - Wahrhaftig es thäte Noth , daß man sämmtliche Arbeiter wie die Neger oder wie das liebe Vieh mit eigenen Augen besichtigte , um sich die besondern Kennzeichen jedes Einzelnen gewissenhaft zu notiren ! Ich werde mich sogleich erkundigen und , merke ich Unrath , die so Gezeichnete ohne Weiteres entfernen . Der malitiöse Bursche soll nicht allein und nicht immer truimphiren ! « Mit dieser Aufforderung hatte es folgende Bewandniß . Als unsere Freunde das Sterbebett der alten Maja verließen , drangen sie tief in die Haide ein , um den Geburtsort von Haideröschens Tochter aufzusuchen . Es war dieser kein eigentliches Dorf , blos ein paar zerstreut stehende Häuser , wie man sie häufig in jenen endlosen Wäldern findet und mit dem prunkenden Namen eines Dorfes bezeichnet , bildeten es . Auf seinen Wanderungen hatte der Maulwurffänger auch diesen versteckten Ort mehrmals betreten und wollte sich jetzt erinnern , daß ihm vor vielen Jahren ein sehr hübsches Mädchen um ein Almosen gebeten habe , an deren linken Schläfe er das erwähnte Muttermal bemerkt zu haben vorgab . Auch behauptete er zuversichtlich , die hübsche Bettlerin habe sich Maja Pisom genannt . Wie es nun häufig zu gehen pflegt , daß der Suchende wirklich zu finden glaubt , so meinte auch Pink-Heinrich , das Mädchen sei ihm gleich damals durch eine Aehnlichkeit aufgefallen , wozu er das Original lange in seinem Gedächtniß vergeblich gesucht habe , nun aber stehe dasselbe lebhaft vor seiner Seele und er wolle darauf einen körperlichen Eid ablegen , daß jene Maja dem verstorbenen Haideröschen in Haltung und Gesichtsbildung sehr ähnlich gewesen sei . Alle Nachfragen blieben jedoch ohne Erfolg . Die gegenwärtigen Bewohner des Ortes waren zum Theil nicht einheimisch daselbst , sondern vor wenigen Jahren erst aus andern Haideorten hergezogen . Von jener Maja wußte Niemand etwas . Unter diesen Umständen blieb den Suchenden nichts weiter übrig , als ein öffentlicher Aufruf in den gelesensten Blättern . Dies sind für den Bauer und Landmann die Wochenblätter und amtlichen Anzeiger kleiner Städtchen , weshalb der Maulwurffänger nur diese als geeignet für den zu erreichenden Zweck vorschlug . Er selbst sorgte für zahlreiche Verbreitung derselben in allen Haidedörfern , indem er die Colporteure und Herumträger dieser Blättchen anwies , sie in den meisten Häusern unentgeltlich abzugeben . Man hatte den Drucker freigebig bezahlt und eine größere Auflage als gewöhnlich davon abziehen lassen . Wo Pink-Heinrich am ehesten die Gesuchte zu finden oder doch eine Spur von ihr entdecken zu können glaubte , da eilte er in seinem Rennschlitten von Sloboda begleitet überall selbst hin , vertheilte die Blätter und suchte die Aufmerksamkeit und Theilnahme des armen Volks zu erwecken . Von einem dieser Streifzüge zurückkehrend , begegnete er dem Grafen , dessen seltsame Liebhaberei , auf ungebahnten Pfaden so früh am Tage die Haide zu durchstreifen , ihm auch verdächtig vorkam . Kaum war daher Adrians rascher Schlitten hinter den beschneiten Stämmen verschwunden , so ließ der Maulwurffänger halten . » Was runzelst Du die Stirn ? « fragte ihn der Pferdelenkende Sloboda . » Freund Jan , laß uns umkehren ! « versetzte Pink-Heinrich . » Die Spazierfahrt des Herrn am Stein hat was zu bedeuten , ich wette ! Er ist viel zu verweichlicht , als daß er um nichts und wieder nichts seine gesteppten Seidenmatratzen von sich würfe und bei solchem Frost mutterseelen allein in die tiefste Haide führe ! Es hat das einen Grund und zwar einen gewichtigen ! Komm also , Alter , laß uns seiner Fährte folgen und nachspüren , woher er kommt , wo er gewesen ist . « Dies war eine leichte Aufgabe . Der gefrorene Schnee zeigte sehr deutlich die Geleise des Schlittens , so daß unsere beiden wackern Alten ohne Mühe bis vor die Thür der Köhlerschenke im Schutze des Raubhauses gelangten . » Also hier hat der Herr Graf gefrühstückt ? « sagte der Maulwurffänger lächelnd . » Das sieht ja beinahe aus wie ein Wink des Schicksals ! Wie wäre es , Jan , wenn wir die Ueberreste des hochgräflichen Frühstücks kosteten ? Ich verspüre meiner Six Hunger , und der Schornstein der verräucherten Bude dampft gar so einladend . « Sloboda hielt die Pferde an und alsbald saßen die Freunde in Jussuff ' s Schenkstube , tranken gemeinschaftlich ein Glas Branntwein und ließen sich frisches Schwarzbrod mit geräuchertem Speck vortrefflich schmecken . Während dieses Morgenimbisses vernahmen sie manchmal wie aus dem Walde hereinschallend ein heiseres Lachen , dem das Klirren zusammengestoßener Gläser folgte . Pink-Heinrich winkte dem Wenden heimlich und wandte sich an Jussuff . » Bei Euch