mehr , wie Sie ahnen , den Schmerz , Sie beleidigt zu haben ! Nein , nein , ich lasse Sie nicht eher los , bis Sie mir verzeihen ! « » Alles , Alles , « rief Margot - » nur lassen Sie mich los , ich sterbe sonst auf der Stelle ! « Und noch einmal versuchte sie , ihre kleinen Hände zu befreien , und entschlüpfte Leonce , der sie los ließ , und verbarg sich hinter Lucile , die vergeblich zur Ordnung gerufen hatte . » Ich bin ganz Deiner Meinung , Margot , « rief Lucile lachend , daß die Thränen ihr in den Augen standen - » Leonce ist ganz unerträglich - und ich wünschte , wir wüßten seine pendantische Rede über das Maaß noch auswendig , um sie ihm jetzt vor halten zu können ; denn ich merke , die Nutzanwendung hört bei seinem eigenen Verfahren auf - wie das bei allen Buß-Predigern der Fall sein soll . « » Sein Sie jetzt nicht zu streng , Lucile ! « erwiederte Leonce » ich habe Etwas in den schönen Augen meiner kleinen Muhme gesehen , was allen Uebermuth in mir ausgelöscht hat . Ich bin für heute bestraft genug und will Ihnen jetzt ganz einfach referiren ; ja , ich bin so eingeschüchtert , daß ich , um nicht mehr von meinen Gefühlen verführt werden zu können , die Veranlassung weder nennen , noch bezeichnen will , Ihrem Scharfblicke das Weitere überlassend . - Der junge Graf von Bussy , der so eben seine Vermählung mit Mademoiselle de Guiche in Versailles gefeiert hat , ist auf dem Wege nach seinem schönen Schlosse Rabutin und kommt so nahe an Ste . Roche vorüber , daß er , von unserer Anwesenheit unterrichtet , mir gestern einen Boten sendete , mit der Bitte , seinen Besuch bei meinen liebenswürdigen Verwandten zu vermitteln . « » O , « rief Lucile , freudig ihre Hände zusammen schlagend - » das ist eine allerliebste Nachricht - nun sollen Ihnen alle Ihre Unarten vergeben werden ! « » Auch , wenn ich bereits zugesagt habe ? « fragte Leonce . » Der Bote traf mich auf dem Wege nach dem Kloster Tabor , dessen Bibliothek ich einen Besuch machen wollte ; da gedachte ich des Beifalles , den Sie , liebe Lucile , der jungen Gräfin Guiche stets gezollt , und ich hatte entschieden , ehe ich die Schwierigkeiten überlegt , Ihnen diesen Vortrag zu machen . « » Nun , ich bin versöhnt , « rief Lucile ; - » denn ich finde diesen Besuch allerliebst ! Und ich argwöhne , Leonce - mein Armand war mit Ihnen im Komplotte bei dieser Uberraschung ! « » Zufällig war Armand mit mir , als uns der Bote erreichte . « lachte Leonce . » Doch er ist so schüchtern , wie ich , seiner holden Tyrannin gegenüber ; wenigstens hat er mir die ganze Verantwortlichkeit zugeschoben . « » Nun , « erwiederte Lucile - » was meinst Du , Margot , sollen wir ihm vergeben ? « » Thue Du , was Du willst , « sagte diese von weit ber ; denn sie war leise hinter Lucile fort bis an das niedere Geländer der Terrassen-Brüstung geschlichen und schaute , Allen den Rücken zukehrend , in die Gegend . » Ich werde mich darauf noch ein Weilchen besinnen und namentlich auf seine fernere Aufführung Acht haben , ehe ich Frieden schließe . « » Dann habe ich Ihre Versöhnung sicher , « antwortete Leonce , - » besonders , wenn Sie mir erlauben , Sie jetzt anzusehen . « » Nein , nein ! Armand , leiden Sie es nicht ! « rief Margot ; - » ich springe hier hinunter , wenn er mir nahe kömmt ! « » Sein Sie ruhig , « antwortete Armand - » jetzt nehme ich Sie in meinen Schutz . Doch sagen Sie , darf ich Ihnen nahe kommen ? Und wollen Sie uns beistehen , im Schlosse die Zimmer auszuwählen , die wir für unsere zahlreichen Gäste bereit halten müssen ? « » Sogleich komme ich , « sagte Margot ; - » doch hier in der Ferne entdecke ich etwas - ich muß es erst heraus haben , was es ist . « » Ich will Ihnen helfen , Margot « - rief Leonce aufstehend ; - » ich weiß vollkommen in der Gegend Bescheid . « » Nein , nein , « sagte sie , rasch herunter springend - » ich weiß jetzt , was es ist ; « - und mit einem Satze war sie zwischen Armand und Lucile und mußte nun ihr glühendes Gesicht den lachenden Augen ihrer jungen Freunde preisgeben . » Kommen Sie , Margot , « rief Armand und gab ihr mitleidig den Arm - » wir verständigen , alten Leute gehen voran - diese jungen Spötter mögen uns folgen . « So durchzog man erst den anmuthigen , kleinen Burggarten , der unter den Fenstern der von ihnen bewohnten Zimmer lag und von einer hohen Brüstung untermauert war , an deren Fuße sich die schönen , grünen Waldwege anschlossen , die wenig von der Kultur erfahren hatten und mit kurzem , saftigem Waldmoose bedeckt waren . Dieser Platz , den sie heute zuerst besucht hatten , ward für würdig erkannt , auch den Gästen zur Frühstücksstunde zu dienen , da er Schatten und Kühlung versprach . Dann wandelte man durch die bewohnten Gemächer , um die Haupttreppe zu erreichen , die in die oberen Zimmer führte , welche über denselben lagen . Hier , auf dem alten , mit Marmor-Statuen geschmückten Treppenflure blieben Alle , überrascht von ihren Erinnerungen an d ' Anvilles Erzählung , stehen ; und die Nacht , in der die beiden unglücklichen Brüder zu einer so fürchterlichen Katastrophe ihres Lebens diese Treppen erstiegen , stand Allen so lebhaft vor Augen , daß sie ihren frohen Lebenshauch aufhielt . » Nein , « rief d ' Anville - » mein Herz wird nicht eher ruhig schlagen , bis diesem armen , edeln Reginald Recht geschehen ist ! « » Und , « setzte Lucile mit dem lieblichen Ernste ihrer plötzlich erblaßten Wangen hinzu - » meiner heiligen , herrlichen Tante Fennimor ! O , Armand , ich buhle mit ihrem Schatten , der diese Räume heiligt , um die Gunst ihrer Liebe ; - ich will , sie soll mich gern als ihre Verwandte anerkennen ! « » Vielleicht segnet sie unsere Absichten , « sagte Armand ; und unwillkürlich hing Lucile ' s Arm in dem ihres Gemahls ; - und Margot war so erschüttert , daß sie sich ohne Weigerung von Leonce auf der Treppe unterstützen ließ , weil sie ihren ganzen Streit mit ihm vergessen hatte . » Die Zimmer über den unsrigen sollen von den verschiedenen Besitzern stets im wohnlichen Stande gehalten sein , « erzählte Armand - » in ihnen müssen wir unsere Einrichtungen treffen . « » Und berühren wir damit den Bankettsaal ? « fragte Lucile . - » Nein , dieser Theil des Schlosses bleibt uns links , wir wenden uns auf dem oberen Treppensaale rechts . « Sie fanden hier eine alterthümliche , aber reiche Ausstellung von vielen , wohl an einander hängenden Gemächern , und Leonce , der beständig die Chronik und den alten Plan des Schlosses studirte , sagte ihnen , dies seien die Gesandten-Zimmer . Katharina von Medicis habe sie noch mit ihren kostbaren , vergoldeten Ledertapeten , zum Empfange der polnischen Magnaten einrichten lassen , die sie dort in der Stille für ihre Sache zu gewinnen suchte . » Wir werden doch wohl mit diesen Zimmern ausreichen ? « fragte Armand Leonce . » Nun , wie viel Gäste erwartest Du denn ? « sagte Lucile . - » Ich höre , es werden sich einige Freunde des jungen Ehepaares in seinem Gefolge befinden , und ich habe Alle hierher eingeladen ; denn ich hoffe , wir fesseln sie so eine Zeit lang an unser altes Geisterschloß . « » Und wie ich hoffe , Leonce , « sagte Lucile - » befindet sich unter ihnen auch Ihr junger , feuriger Freund , der Sie so überaus empfindsam stimmt , und den Sie uns jetzt doch nennen werden ? « » Nein , nein , liebe Lucile , das soll Ihrem Scharfsinne überlassen bleiben ; ich verrathe ihn nicht und will Acht geben , wer von Ihnen beiden , ob Sie - oder meine kleine Muhme Margot ihn zuerst errathen wird . « - » Sein Sie sicher , daß ich Ihre Freunde nicht zum Gegenstande meines Nachdenkens machen werde - am wenigsten aber begierig bin , diesen empfindsamen Jüngling kennen zu lernen ! « Mit diesen lebhaften Worten rannte Margot schnell aus der Nähe ihrer Freunde , welche sie erst vor einer Portrait-Statue auf dem Treppensaale wiederfanden . Sie schauderte zusammen , als man sie anredete , und wies mit unverholener Bangigkeit auf die kühne , drohende Gestalt , vor der sie stand . » Es ist Spinola , « sagte sie , kaum hörbar . Alle theilten ihre Ansicht ; und hingerissen von den Erinnerungen , die hier überall ihren Schauplatz fanden , trat bei Jedem der Wunsch hervor , dennoch die verhängnißvollen Gemächer zu betreten , wo ihrer so viel Grauen Erregendes wartete , und Lucile bestätigte ihren früheren Ausspruch : Sie habe nichts dagegen , sich ein wenig zu grauen , wenn sie dabei recht gesichert wäre - und so schien Margot auch zu denken . Doch nahm sie abermals und , wie es dies Mal schien , ohne alle Zerstreuung den Arm ihres bösen Vetters Leonce an . Es war gewiß ein erschütternder Eindruck , diesen alten verfallenen Saal zu betreten , der seit der letzten gerichtlichen Untersuchung verschlossen gewesen war . Keine Hand hatte Willen oder Berechtigung gefühlt , hier die Spuren des Vorgefallenen , die früher sogar erhalten werden mußten , zu vertilgen ; - und der Marquis und Leonce bereueten fast , von eigener Neugier verführt , den Damen so viel zugemuthet zu haben . Da standen gegen den Kamin die beiden Lehnstühle , der eine mit Kissen bedeckt , deren heller Atlas jetzt mit dunkeln Flecken fast verdeckt ward - und daneben das schrillende Tischchen von getriebenem Kupfer , mit der wunderlich eingelegten Platte . - Beide Damen standen mit unterbrochenem Athem davor ; selbst die Männer blickten mit Ernst und Grauen auf diese verhängnißvollen Plätze ; doch Leonce , der zugleich wünschte , die erblaßten Damen wegzuführen , eilte nach dem Ende des düsteren Saales , und leicht gelang es ihm , die Thüre nach der Gallerie zu öffnen , die er hier , gut vertraut mit dem Plane des Schlosses , vorzufinden sicher war . Er fand die Thüre nur angelehnt , und als er sie aufstieß , glaubte er eine weibliche Gestalt am Ende der Gallerie verschwinden zu sehen ; doch war diese so mit kleinen , selbst gesäeten Gebüschen bewachsen , daß ihm kein freier Durchblick gestattet war , und er fast beschämt seine forschenden Augen zurückzog , überzeugt , es sei ein Spiel seiner eben so lebhaft erregten Phantasie . - Es drang indessen ein Strom von Luft und Sonnenlicht durch die geöffnete Thüre , daß sich Alle der erfreulichen Richtung zuwendeten . Aber indem sie ihr entgegen eilten , mußten sie an der großen , eichenen und noch immer behangenen Tafel vorüber , auf der Ludwig sein Leben ausgehaucht ; und das scharfe Licht , was jetzt durch die Thüre strömte , erhellte sie und den dunkeln Fußboden davor . » Was ist das ? « rief Lucile , überrascht stehen bleibend - » dies ist ein Grab , mit Blumen überdeckt ! « Man nahete sich . Die Vegetation der so schmerzlich gedüngten Stelle war nicht zu läugnen ; der feuchte Saal hatte die traurige Aussaat begünstigt ; aber ein frischer Kranz von Epheu und Cypressen konnte diesem Stillleben der Natur nicht zugerechnet werden ; und Alle blieben schweigend vor dem nicht erklärbaren Ereignisse stehen . » Nun , « sagte Leonce - » wir wissen ja , daß wir nicht die alleinigen Bewohner dieses Schlosses sind . So muß denn Emmy Gray diesen Kranz hierher gelegt haben , und dieser Theil des Schlosses muß mit ihren Gemächern im Zusammenhange stehen . « » Das ist wenigstens so prosaisch , als möglich , erklärt ! « rief Margot - » ich schwöre aber darauf , die Alte war es nicht . Denn mit achtzig Jahren , wie sie bald sein kann , ist man nicht mehr so sentimental ; und da sie schon seit einigen zwanzig Jahren diesen traurigen Ort über sich wußte , so ist es unwahrscheinlich , daß sie erst jetzt ihren Kranz fertig bekommen haben sollte ; - denn es ist der einzige hier und ein völlig frischer ! « » Ach , « sagte Lucile - » denkt doch an die Erscheinung , die wir in den ersten Tagen unseres Hierseins hatten , wie wir unter der alten Terrasse hinritten , die vor Emmy ' s Zimmer liegt , und am Fensterkreuze die reizende Gestalt im weißen Gewande schweben sahen , die sich lange genug zeigte , um von uns Allen gesehen zu werden , und dann plötzlich , wie ein Geist , verschwand ! O , ich bitte Euch , laßt mich von hier fort auf die sonnenhelle Gallerie treten - wenn ich Luft habe , will ich beichten . Ihr werdet hier meine Neugier nicht verspotten , und ich kann nicht länger schweigen - selbst , wenn Ihr mich Alle auslachen solltet . Ach , Armand , « sagte sie , sich an ihn lehnend - » man ist nicht umsonst in diesem Geisterschlosse - ich erwarte überall Fennimor zu finden , ich wünsche es so brennend , daß mein Geist sich dabei verwirrt , und ich es für möglich halte . Deshalb , « fuhr sie fort , während der Marquis die holde , überspannt blickende Frau nach der Gallerie führte , » wüßte Emmy Gray , wie ich ihre Fennimor liebe , wie ich mich nach den Ueberresten ihres heiligen Engellebens sehne - sie nähme mich bei sich auf , sie würde mich anerkennen als Fennimors Verwandte ! « » Wir haben ja dazu noch Hoffnung , meine Liebe , « sagte der Marquis beschwichtigend . » Auch ich denke , unser Entschluß , endlich hierher zu kommen , soll uns noch gute Resultate bringen ; ich könnte hier nicht eher fort , bis etwas Versöhnendes geschehen ist ; obgleich ich gestehen muß , daß ich noch nicht weiß , wie es zu machen sein wird . Fast geht es mir , wie Dir ; auch ich sehe umher , als erwartete ich etwas , wenn auch nicht Fennimor , den sanften Engel , dem ich seine höhere , nähere Vereinigung mit jener Welt , ohne einen egoistischen Wunsch für unsere Herzen , gönne . « » So ist es , meine theure Lucile , « sagte Leonce , freundlich seiner bewegten Schwägerin nahend - » diesen Standpunkt müssen Sie festhalten - denken , wie diese hier schon verklärte Fennimor die höchste Seligkeit genießen muß , dann werden Sie Ihr schönes Gleichgewicht wieder erhalten , und wir werden uns Alle dem Leben um so theilnehmender zuwenden , da es uns so heilige Pflichten auferlegt gegen ihren berechtigten Erben . « » Ja , « sagte Lucile , ihm ihre schöne Hand reichend - » ich wußte wohl , daß Leonce eben so wenig an diesem Erbe Freude haben könnte , als wir selbst ; doch ist es großmüthiger von Ihnen , wie von uns , da wir außerdem so viel reicher sind , wie Sie . « - » Theure Lucile ! Wenn wir die Rollen eben tauschen könnten , würden Ihre Gesinnungen gewiß nicht damit wechseln ! Habe ich doch , wie Armand , was mir von diesem Vermögen zufiel , bisher nicht zu meinen Revenüen zugezählt - und ich hoffe , « setzte er lächelnd hinzu - » Sie haben mich stets elegant und vortrefflich eingerichtet gefunden . « - Sinnend drückte Lucile dem geliebten Verwandten die Hand . » Aber wer war es denn , « fuhr sie plötzlich empor - » wenn es Fennimor nicht sein kann ? « Leonce sah unwillkürlich die Gallerie hinauf - aber Lucile fuhr fort : » Unser Streit an dem Abende , nachdem wir Alle jene Erscheinung in Emmy ' s , nur als von ihr bewohnt bezeichnetem Zimmer gehabt hatten , trieb mich am anderen Morgen früh aus meinem Bette , und ich wandelte hinaus - ich glaube fast , schon in der Absicht , in Emmy ' s Wohnung einzudringen . Durch Gebüsche mich durchdrängend , stehe ich vor dem kleinen Eingangsthurme - und diese mir als verschlossen und verrammelt geschilderte Wohnung liegt plötzlich mit geöffneten Thüren vor meinen Augen . « » Sagt , war es nicht verzeihlich , daß ich eintrat ? Ach , ich habe nur einen allgemeinen Eindruck erfahren ; Einzelheiten kann ich Euch nicht anführen ; mein Herz , meine Sinne waren in der Erwartung gespannt , Emmy jeden Augenblick begegnen zu können . Nur so viel weiß ich , ich durchwandelte fürstlich eingerichtete Räume - alle im frischesten Glanze - das Ganze , wie zum Feste , mit blühenden Blumen geschmückt - ein Paradies - oder vielmehr ein würdiger Raum , sich Fennimor gegenwärtig zu denken . Da sah ich endlich Emmy Gray . « - » Wie , « riefen Alle , » Du sahst sie ? « - » Ja , aber sie mich nicht ! In tiefem Schlafe ruhete sie in einem Lehnstuhle vor einem großen prachtvollen Bette . Diese in Alter und finsterem Gram erstarrten Züge konnten nur Emmy Gray gehören ! Aber wen bewachte sie in diesem Bette ? Gott , « fuhr sie fort , indem sich ihre Augen füllten - » Armand , Du hast uns Fennimor so genau beschrieben , Du sahest ihr schönes Bild so oft bei Deinem armen Oheim , ich hatte Deine Worte so lebhaft aufgefaßt , daß ich kaum den lauten Schrei bezwang , wie ich in dem grünen Damastzelte des Bettes Fennimors schlafendes Engelsbild erblickte . « - » Lebend ? Einen lebenden Gegenstand ? « riefen Alle . - » Ja , lebend ! - Wenn die reinste Farbe , die der gesunde Schlaf auf unsere Wangen malt - wenn das Lächeln des halb geschlossenen Mundes - wenn der leichte Kinderathem , der jugendlich ihren Busen hob ; - wenn dies anders Lebenszeichen sind ! - Dabei der braune Lockenschmuck - die schmale , weiße Hand , die Du gerühmt ; - ach , Armand , « rief Lucile , in seinen Armen sich verbergend - » es war Fennimor ! Denn wen - wen würde Emmy Gray sonst bewachen , wie Wärterinnen an der Wiege des geliebten Kindes wachen ? « » Sonderbar - unbegreiflich ! « riefen Lucile ' s Anverwandte . Sie hatte von Niemandem Spott zu fürchten - Alle theilten ihre Bewegung . » Aber weiter - weiter ! « rief Armand , nun die tiefe ungewöhnliche Bewegung , die er in der letzten Zeit an ihr bemerkt , erklärt findend . » Sag ' , geliebte Lucile , geschah Dir auch nichts ? « - Sie an seinem Herzen haltend , konnte er sich kaum überzeugen , daß sie ohne Schaden davon gekommen sei . » Ich weiß nicht , « fuhr Lucile fort , das bewegte Gesicht erhebend - » wie lange ich , in dem schönen Anblicke verloren , so vor der Schlummernden stand . Da hob Emmy den im Schlafe niedergesunkenen Kopf in die Höhe , und obwol sie nicht erwachte , ergriff ich doch die Flucht und kam unbemerkt zurück . - Vergebt mir , daß ich es Euch verschwiegen , « setzte sie , fast flehend zu Armand emporblickend , hinzu . » Oft habe ich es versucht ; aber ich war beschämt über mich selbst , ich wollte Eure gute Meinung nicht verlieren , ich wollte besonders mich nicht Euren Neckereien aussetzen . « » Da nehmen Sie den Vorwurf hin ! « sagte Margot zu Leonce . » Ihre Neckereien sind es , die meine liebe Lucile zu dieser Heimlichkeit verführt haben ; ich hoffe , Sie bereuen ! « » Mehr , wie Sie denken ! « erwiederte Leonce , ernster , als der Vorwurf es verdiente . » Glauben Sie mir , theure Lucile , ich unterliege , wie Sie , dem Einflusse dieses Schlosses und dem Nachklingen seiner Begebenheiten , die Armand uns so lebhaft vorgetragen . Es ist mit dem Gedanken an Fennimor in meiner Brust ein unaussprechliches Gefühl von Sehnsucht und Schmerz erweckt . In solcher Stimmung übertreibt man leicht , wenn man nicht einzugestehen wagt , daß man ernster ist , als die günstigsten Umstände es rechtfertigen ; darum verzeiht mir Alle ! « » Nun , « lachte Margot - » hier ist ein förmliches Beichtesitzen - eine Demuth - ein Abbitten ; - nur mein Bekenntniß fehlt noch , daß ich eben so oft weinte , wie lachte und Euch das Erstere auch nicht sehen ließ . « » Es scheint mir , wir haben Alle Ursache , unsere Gäste willkommen zu heißen ; « hob jetzt Armand freundlich an ; - » ich habe mit meiner Erzählung Euch Allen den frohen Lebensmuth getrübt ! Unter unbefangenen Freunden , denen wir als Wirthe unsere Aufmerksamkeit schenken müssen , werden wir alle unsere eigne Natur wiederfinden . « » Nun hat Armand auch eine Sünde gegen uns gebeichtet , « rief Margot . - » Wir sind also Alle schuldig , und ich fange hiermit an und vergebe Allen ! « Freundlich blickte Jeder auf das reizende , feurige Mädchen , die , um sich den Blicken zu entziehen , durch die wilde Vegetation hindurch drang , die , über den Rand der Gallerie sich schleichend , nachgerade den ganzen Raum usurpirt hatte . Mechanisch folgten ihr die Andern , und plötzlich die Lage erkennend , rief Leonce : » Wissen Sie , meine Damen , daß wir vor dem Eudoxien-Thurm stehen ? « » Das habe ich gedacht , « entgegnete Lucile . - » Laßt uns denn näher gehen - sein Anblick wird doch von uns allen heimlich ersehnt ! « Schon rief Margot : » Ich bin an der Thür , und sie ist nur angelehnt ! « Armand hielt Lucile einen Augenblick zurück . Sein Herz trieb ihn , ihr im Geheim ein liebevoll tröstendes Wort zu sagen . Leonce eilte daher an ihnen vorüber , und trat hinter Margot in das Eudoxien-Gemach . Doch dauerte die herzliche Zwiesprache zwischen Lucile und Armand nicht lange . Ueberrascht blickten sie auf Leonce , der , aus dem Zimmer zurück auf den Marquis zustürzend , diesen mit Heftigkeit am Arme ergriff . » Armand , « rief er , während Todtenblässe und hohe Röthe sein schönes Gesicht abwechselnd überlief - » Armand , was kann das sein ? Sie - ihr Bild ! « - Er stammelte , er war gänzlich außer Fassung . » Was ist geschehen ? « rief Armand erschrocken - » was kann Dich so überraschen ? « » O kommt doch - kommt doch ! « tönte Margots helle Stimme aus dem Gemache . Schon flog Lucile der Richtung entgegen . Als sie die Thür aufstieß , stand Margot ganz vertieft in den Anblick eines lebensgroßen , weiblichen Bildes , und als Lucile davor hintrat , stieß sie mit einem Schreie der Ueberraschung die Worte aus : » Heiliger Gott , das ist sie ! « » Ja , in Wahrheit , « rief Armand , der schon hinter ihr stand ; - » das ist das Bild Fennimors ! Zwar nicht dasselbe , was mein Oheim bei sich hatte ; aber dennoch ihr treues , unverkennbares Abbild ! « » Und das meiner Schlafenden ! « rief Lucile . - » Ja , ja , ich täusche mich nicht - es gleicht ihr Zug für Zug ; und gewiß sind die Augen mit den langen , schwarzen Wimpern , die ich geschlossen sah , so tief blau , wie diese ! Ja , « wendete sie sich zu Leonce , der , athemlos ihr zuhörend , dennoch Zeit gehabt hatte , sich zu fassen - » ich begreife Ihr Erstaunen ! Auch ich glaubte , die lebende Fennimor käme mir entgegen , als ich hier eintrat . « » Nicht wahr , « sagte Leonce zerstreut - » es kann selbst starke Nerven erschüttern ? Sehen Sie hier - damit wir außer Zweifel sind - diese Unterschrift : Fennimor Lester , vermählte Gräfin Crecy-Chabanne - gemalt im Jahre der Gnade 1670 von Eustace Lesüeur . « » Das ist also das zweite Bild , was er malte , welches wahrscheinlich Emmy Gray für sich zurück behielt . Ihr werdet Euch dessen erinnern , « fuhr Armand fort - » Graf Leonin sagte mir immer , es habe die größte Mühe gekostet , nur Eins von den Bildern zu erhalten , die Lesüeur damals machte ; und erst , als er seinen Wunsch aussprach , einen Grabstein darnach anfertigen zu lassen , willigte Emmy Gray ein , oder ließ sich vielmehr das eine , ihr minder liebe Bild wegnehmen . « Während dieser Worte betrachteten Alle das wundervolle Bild des unsterblichen Lesüeur . Jeder entdeckte neue Vorzüge ; Jeder fühlte , es sei mit Liebe und Begeisterung bis in die kleinsten Einzelnheiten ausgeführt worden . Fennimor war in einem weißen , gewässerten Moorkleide gemalt , welches über Schultern und Brust mit Agraffen von bunten Steinen befestigt war . Sie saß auf der von Eichenholz künstlich geschnittenen Bank , die zu dem dazu passenden Lesepulte gehörte , welches , zur linken Seite geschoben , mit Fennimor in Verbindung stand ; denn ihre eine schlanke , weiße Hand ruhte darauf und auf dem kleinen Andachtsbuche , worauf man Worte las , die es als das neue Testament bezeichneten . Sie selbst schien sich nur eben davon weggewendet zu haben und sah , en face genommen , ganz aus dem Bilde heraus , mit einer so wunderbar anziehenden Stellung des Kopfes , daß Jeder fühlte , das habe der Maler nicht erfunden - die Natur habe es ihm vorgemacht . Ihre tiefen , blauen Augen blickten mit einem ernsten , begeisterten Feuer ; der volle , kindliche Mund , der die schönste Bogenlinie bildete , war so gut und überredend halb geöffnet , daß er erst den Ausdruck der Augen vollständig erklärte ; darüber die feine Nase , die wie von Marmor gemeißelt , und ohne dem lieblich runden Gesichte seinen kindlichen Zuschnitt zu benehmen , dennoch ein reines , griechisches Vorbild war . Aber die braunen Locken ! Man konnte erkennen , daß sie Lesüeur zur Verzweiflung gebracht hatten . Man hätte glauben können , er habe sie endlich mit Gold übermalt und dann bloß die Schatten hinein gesetzt ; sie glänzten wirklich , und die Wellenlinien , die ihre zarte Stirn umgaben , hatten erkennbare , feine goldene Linien . Und dieser Engelskopf ruhte ahnungslos über dem schönsten Körper ! Dieser vorgebogene , schlanke Hals , wie fein war er auf den Schultern angesetzt - wie sorglos hielt die Spange die Falten , die über dem Latze die feinen Formen umhüllten ! Keine üppige Fülle - eine Psyche , die auf den eben entfalteten Flügeln noch den zarten Blüthenstaub trägt , den selbst Zephir sich zu berühren scheut ! Auf einem kleinen Fußschemel stand ihr linker Fuß ziemlich hoch , so daß die Bewegung des Oberleibes wie darüber hinausgebogen erschien , was ihr einen bezaubernden Ausdruck von kindlicher Naivität gab . - In ihrem Schooße lagen Rosen , als habe sie dieselben im Kleide gesammelt , und die rechte Hand mit dem reizenden Arme , der unter dem Robenärmel vorsah , hielt oder stützte sich auf ein fremdartiges Instrument , das man auf alten Bildern in den Händen der Engel wohl als kleine Harfen sieht . Dieses ruhete in den Falten des lang niederfallenden , reichen , seidenen Gewandes ; - und der Hintergrund schien der Purpursammet einer Tapete . » Ach , « rief Margot - » nie sah ich etwas Aehnliches ! Ich wollte , wenn sie lebte , zu ihren Füßen liegen ! Sie muß , wenn sie gesprochen hat , die Geheimnisse des Himmels verrathen haben ! « » Aber , « rief Lucile - » sie lebt ! Ich sah sie ! Ich bitte Dich , Armand - denke Dir , daß die , welche ich in Emmy ' s Bereiche sah , lebt ; daß sie vielleicht eine Verwandte - Gott , daß sie vielleicht Fennimors Verwandte ist ! Ich bitte Dich , laß uns daran denken , der Alten näher zu kommen ; sie muß uns den Eintritt gestatten - sie darf sich uns nicht länger entziehen ! « » Nein , theure Lucile , laß uns in unserem Eifer nicht zu weit gehen ! Ihr könnt mir den Widerstand , den ich , so lange wir hier sind , Eurem Andringen entgegen setzte , nicht als Eigensinn auslegen . Es ist die Heiligkeit des gegebenen Wortes , die mich fest sein läßt ! Die unanrührbare Stellung , die mein Oheim dieser armen , gekränkten Seele auch nach seinem Tode zu sichern suchte , war von dem vielen Unglücke , das er verschuldet hatte , das einzige , was in seiner Macht lag , versöhnend zu gestalten . Es war ihm gleich , was aus allen seinen Besitzthümern ward ; aber Emmy ' s Lage zu sichern , mit allen Launen , mit allen Anforderungen und Thorheiten ,