ach ! und ihr , der Unglücklichen - - er schwieg und die magere Hand bedeckte von Neuem seine Augen . Wenn ich auch , sagte Evremont , nachdem er sich von seiner Bestürzung erholt hatte , Gefühle der Rache hätte nähren können , so würden sie doch hier aus meinem Busen schwinden , wo sich unsere Herzen wenigstens noch in einer Empfindung begegnen . Er wollte sich zurückziehen ; doch der Knieende erhob sich nun und sagte , indem das glühende Auge auf Evremont ruhte : Und wäre es möglich , könntest Du vergeben , hier , wo das Blut des Helden floß , den wir beide verehrten ? Ich habe schon längst ein Verbrechen verziehen , dessen Ursache ich nie habe enträthseln können , sagte Evremont . O Gott ! rief der verstümmelte Lamberti in Thränen , womit habe ich elender Sünder Deine Gnade verdient ? Du nimmst die Last seines Fluches von meiner Seele , nicht ohne Sakrament und Beichte werde ich sterben , denn ich beichte die gräßliche Missethat täglich , und mich , mich Unwürdigen allein , rettet die ewige Gnade von dem Pfuhl der Verdammniß , in die meine unglücklichen Brüder beide gesunken sind , beide ohne Beichte dahin gegangen , beide ewig verloren . In Evremonts Seele hatten verschiedene Empfindungen mit einander gekämpft . Er hatte das Wort früherer brüderlicher Vertraulichkeit , womit Lamberti ihn anredete , nicht erwiedern mögen und scheute sich doch auch , ihn durch das entschiedene Zurückweisen dieser Vertraulichkeit zu kränken . Jetzt aber übte der Anblick des so völlig zerknirschten Sünders volle Gewalt über sein Herz ; und nur großmüthigen Empfindungen Raum gebend , sagte er mit milder Stimme : Du quälst Dich ohne Grund , Francesco , Dein Bruder Antonio ist nicht ohne Beichte gestorben . Ich selbst habe den Priester auf dem Schlachtfelde von Borodino , wo er verstümmelt lag , zu ihm geführt , und meine Verzeihung und die Vergebung seiner Sünden haben seinen Tod erleichtert , den er kämpfend wie ein Held fand . Und Du , rief Lamberti , und Du hast diese Großmuth an Deinem Mörder geübt ? O ! so kröne Dein Werk , nimm die gräßliche Last von der Seele einer verzagenden Mutter , die alle ihre Kinder für die Verdammniß geboren zu haben glaubt . Sie würde mir nicht glauben , fuhr er flehend fort , sie würde meinen , daß ich mir dieß alles , unser Zusammentreffen hier , in Fieberträumen eingebildet habe , die freilich oft meine Seele verwirren . O komm ! rief er , als er sah , daß Evremont noch zögerte . O komm ! Du hast einem Deiner Mörder in der Stunde des Todes den Priester zugeführt und seine Seele gerettet , Du hast dem andern verziehen , o komm nun auch , ein Bote des Himmels , und tröste die schuldlose Mutter . Wohl , sagte Evremont , ich will auch dieß thun , um Deiner Seele den Frieden zurück zu geben , der Dir nur zu sehr mangelt , zeige den Weg , ich folge Dir . Ein Blick staunender Dankbarkeit belohnte ihn für den großmüthigen Entschluß . Beide verließen den Garten und ein mißtrauischer Gedanke flog durch Evremonts Seele , als sein Führer ihn in eine entfernte Vorstadt führte , und sie ihren Weg durch enge , krumme und schmutzige Straßen nahmen . Könnte er , der mich schon ein Mal ermorden wollte , dachte er , nicht auch jetzt einen verruchten Plan entwerfen und mich in irgend einem abgelegenen Winkel vielleicht den Händen seiner Genossen überliefern , und ich verschwände von der Erde , ohne daß eins der mir theuern Wesen die Ursache dieses Verschwindens ahnen könnte , denn diese Unvernunft wird mir Niemand zutrauen , daß ich meinem Mörder freiwillig in seine Höhle folge . Seine Schritte wurden durch diese Gedanken unwillkührlich zögernd und langsam , und Lamberti blickte mit dem Ausdrucke des tiefsten Schmerzes auf seinen Begleiter und sagte : Ich sehe es , Dich gereut Dein großmüthiger Entschluß , ich fühle nur zu wohl , daß ich Dein Mißtrauen und nicht Deine Güte verdiene . Ich hege kein Mißtrauen , sagte Evremont , in dem ein Blick auf die Jammergestalt Beschämung über seine Besorgniß hervorrief , aber ich fühle mich seltsam ermüdet ; ist Deine Wohnung noch weit ? Wir sind zur Stelle , antwortete Lamberti , indem er vor einem schmalen , hohen Hause stehen blieb und die Klingel zog , um Einlaß zu begehren . Nachdem sie eine Zeit lang gewartet hatten , öffnete ein altes , schmutziges Weib die Thüre , und Evremont folgte seinem Führer endlose Stufen vieler Treppen hinauf , und er bereitete sein Herz auf den Anblick des tiefsten , von Unordnung , Unsauberkeit und dem ganzen scheußlichen Gefolge der Armuth begleiteten Elends vor . Er wurde also um so angenehmer überrascht , als , nachdem sie endlich die Höhe erstiegen hatten , die Thüre der Wohnung seines Begleiters sich öffnete und sie in ein kleines , aber äußerst reinliches Zimmer traten , dessen schlechte Möbel in gefälliger Weise geordnet waren und aus dem ein angenehmer Wohlgeruch den Eintretenden entgegen strömte , der durch einige blühende Pflanzen , die auf dem einzigen schmalen Fenster im Gemache standen , verbreitet wurde . In der Nähe des Fensters saß ein Mädchen , welches über die Jugend hinaus , und vielleicht durch Kummer noch mehr verblüht war , als durch die Macht der Jahre ; vor ihr auf dem Tische stand ein Carton mit künstlichen Blumen , und sie war eben damit beschäftigt , noch andere zu vollenden , die unter ihren geschickten Händen eine treue Nachahmung der Natur wurden . Nachdem sie Lamberti mit Theilnahme und Evremont mit Anstand gegrüßt hatte , fuhr sie mit ihrer Beschäftigung fort , und Lamberti ging , nachdem er seinen Begleiter gebeten hatte hier zu verweilen , in ein anderes noch kleineres Gemach , näherte sich einem Bette , dessen Vorhänge man in dem vorderen Zimmer bemerken konnte , und fragte mit leiser Stimme : Schläfst Du , meine gute Mutter ? Wie könnte ich schlafen , antwortete eine matte , kranke Stimme , wenn ich bemerke , daß Du die Nächte ohne alle Ruhe hinbringst , wenn die Qualen Deiner Seele Dich vor Tage aus dem Hause treiben und ich weiß , daß Du Dich in schrecklichen Bußen abmarterst und doch nicht retten kannst , was ewig verloren ist , ja ich noch fürchten muß , daß Du im Wahnsinne der Verzweiflung Dein Leben selber endest und dann alle meine Kinder auf ewig verloren sind ? Mutter , sagte Lamberti , mir ist heute ein Bote des Himmels erschienen , er hat meiner Seele Frieden gebracht und wird auch die Deinige beruhigen . Der , den ich ermorden wollte , hat mir vergeben , und er ist hier , Dir zu bezeugen , daß auch Antonio wie ein Christ mit seinem Gotte versöhnt gestorben ist . Ja , er selbst hat ihm vergeben und auch selbst den Priester zu ihm geführt , der die Last der Sünde von seiner Seele genommen hat . Redest Du im Fieber ? rief die Mutter . Großer Gott ! ist schon eingetreten , was ich so lange befürchtete , hat sich der Wahnsinn Deines Geistes bemächtigt ? Nein , gute Mutter , sagte Lamberti , der seine Thränen nicht mehr zurück halten konnte , er ist hier , er wird an Dein Lager treten und meine Worte bekräftigen . Wo ? rief die Mutter , wo ? Hilf mir , daß ich mich erhebe , daß ich zu seinen Füßen um Vergebung für meine sündigen Kinder flehe , daß ich ihm Dank für eine Großmuth sage , die sich nicht oft auf Erden findet . Das im vorderen Zimmer sitzende Mädchen hatte bei dem Anfange der Unterredung zwischen Mutter und Sohn still fort gearbeitet , und ihre Thränen auf ihren Busen niederfließen lassen . Beim Fortgange derselben erhob sie den feuchten Blick zu Evremont ; auf den ersten Laut der Mutter aber , der Beistand forderte , flog sie in das kleine Nebenzimmer , und bald erschien , auf ihren und Lambertis Arm gestützt , eine reinlich gekleidete Alte , die sichtlich an der Gicht litt und sich ohne Stütze nicht wohl bewegen konnte . Laßt mich , sagte sie zu den sie Führenden , laßt mich jetzt , daß ich die Kniee dieses großmüthigen Mannes umschlinge und ihn anflehe , mir zu wiederholen , was Du , mein unglücklicher Sohn , mir verkündetest , damit ich mich von der Wahrheit Deiner Worte überzeuge . Sie wollte sich zu Evremonts Füßen werfen ; er gab es jedoch nicht zu , sondern stützte sie mit seinen Armen , führte sie zu dem einzigen im Zimmer befindlichen Lehnsessel und wiederholte ihr alles , was sie beruhigen konnte . Können Sie bei der Mutter Gottes und ihrem gekreuzigten Sohne schwören , fragte die Alte , daß Sie derselbe sind , gegen den meine Söhne ein so schreckliches Verbrechen ausüben wollten , daß alle Ihre Worte wahr sind , und daß Sie aufrichtig und von Herzen vergeben ? Halb unwillig über dieß Mißtrauen legte Evremont die Finger auf ein Krucifix , auf welches die Alte deutete und das auf einem kleinen Betaltare unter einem mit künstlichen Blumen umkränzten Muttergottesbilde lag , und sagte : Ich schwöre es auf dieß uns allen heilige Zeichen des Kreuzes , daß meine Worte wahr sind und meine Vergebung aufrichtig ist . So verzeihen Sie auch meine letzte Forderung noch , sagte die Alte mit hervorbrechenden Thränen . Eine Großmuth , wie Sie sie zeigen , ist so selten in unserer sündigen Welt , in den rachgierigen Herzen der Menschen , daß mich nur eine feierliche Versicherung ganz beruhigen konnte . Ach ! Sie wissen nicht , fuhr sie fort , indem sie den thränenden Blick und die zitternden , gefalteten Hände zum Himmel erhob , welche Folterqualen Sie von unser aller Herzen nehmen . Da ich weiß , daß mein Sohn Antonio wie ein Christ gestorben ist , so darf ich ja hoffen , daß auch Camillo vielleicht noch diese Gnade Gottes vor seinem Ende gefunden hat , und Francescos Seele wird nun ruhiger werden , und wir werden alle die Trübsale des Lebens geduldiger tragen , und allen diesen Segen bringen Sie in die Hütte der Armen . Es kann für diese Handlung eines wahren , Gott ergebenen Christen die reinste Vergeltung nicht ausbleiben . Wenn Du glaubst , sagte Evremont , sich an Lamberti wendend , daß ich irgend eine Vergeltung verdiene , so kläre mich darüber auf , was Dich und Deine Brüder so feindlich gegen mich stimmen konnte zu einer Zeit , wo ich mich Euch mit Liebe und jugendlichem Vertrauen ohne Rückhalt hingab , und Ihr mir diese Empfindungen zu erwiedern schient . Ich will es , rief Lamberti mit einem tiefen Seufzer , ich will Dir die ganze furchtbare Tiefe der menschlichen Seele zeigen , die Liebe und Verbrechen zugleich hegen , und im Gefühle der Freundschaft auf Mord sinnen kann . Nein , ich will es , sagte die Mutter , ich will Dein Verbrechen nicht beschönigen , aber Du sollst Dich nicht härter anklagen , als es diese That allein schon thut . Damit Sie den ganzen Zusammenhang dieser Begebenheit einsehen , fuhr sie zu Evremont gewendet fort , muß ich auf mein eigenes Leben zurückgehen . Meine Eltern waren arme rechtliche Leute , und wir lebten in einer Vorstadt von Florenz , wo wir dadurch reichlichen Unterhalt fanden , daß ein Jeder bemüht war , so viel seine Kräfte erlaubten zu erwerben . Mein Vater trieb einen kleinen Handel , meine Mutter verstand das Flechten der feinen , so beliebten Strohhüte , und ich selbst war dafür bekannt , die schönsten Blumen auf ' s Künstlichste nachzubilden . So floß unser Leben ruhig dahin , unsere mäßigen Wünsche vermochten wir zu befriedigen und beneideten Niemanden . Ich war ungefähr siebzehn Jahr alt geworden , als ein Herr Lamberti in Florenz erschien und nicht weit von unserer Behausung seine Wohnung nahm . Die Nachbaren , die mit ihm in Berührung kamen , konnten seine Freigebigkeit nicht genug rühmen ; seine Heiterkeit und gute Laune bezauberte Jedermann , und die Mädchen waren entzückt von seiner schönen Stimme und seiner Kunstfertigkeit auf der Guitarre . Das Gerücht verbreitete von ihm , er sei aus dem Römischen und habe sich von dort zurückgezogen , weil , einiger freien Aeußerungen über Religion wegen , er Verfolgungen von der geistlichen Regierung zu erdulden gehabt habe , die ihn so ernstlich bedroht hätten , daß er es vorgezogen , sein Vaterland zu verlassen . Es währte nicht lange , so suchte er mit meinem Vater in Verbindung zu kommen , der sich in der Gesellschaft des heitern , vielerfahrnen Mannes wohlgefiel , und bald war Herr Lamberti der Freund unseres Hauses , den Jeder schmerzlich vermißte , wenn er einmal eine Stunde über die gewohnte Zeit seines Erscheinens ausblieb . Mir konnte nicht entgehen , daß ich der Magnet war , der ihn herbei zog . Meine Eltern bemerkten es eben so wohl , und da der erfahrne Mann die Neigung wohl erkannte , die er mir einzuflößen gewußt hatte , und von meinen Eltern keine Hindernisse zu besorgen waren , so hielt er um meine Hand an , die ihm mit Freuden bewilligt wurde . In unserer Nachbarschaft wurde mein glänzendes Glück , wie man diese Heirath nannte , mit Neid gepriesen . Ich fühlte mich in der That selbst glücklich und hatte nichts dagegen , als mir mein Gatte ankündigte , er habe einen Grundbesitz in einem kleinen Orte in den Appeninen erworben . Ich würde ihm mit Freuden dahin gefolgt sein , wenn nicht der Kummer darüber , daß ich mich von meinen Eltern trennen mußte , diese Freude getrübt hätte . In der That sah ich sie auch nach dieser Trennung nicht mehr wieder , denn ein bösartiges Nervenfieber raffte im folgenden Jahre Beide hinweg . In unserem neuen Wohnorte hatte mein Gatte unser Haus für die dasige Gegend kostbar eingerichtet , so daß es den Neid mancher Einwohner erregte , während andere sich uns mit einer Art von Ehrerbietung näherten , und es schmeichelte mir , daß diese sämmtlich meinem Gatten bei allen Gelegenheiten unbedingt zu gehorchen schienen . Zuweilen besuchten uns hier auch Fremde , von denen mir Lamberti sagte , daß es seine Bekannten aus früheren Zeiten wären , und die er mir bald als reisende Kaufleute , bald als Officiere nannte . Ich bemerkte wohl , daß sie viele geheime Gespräche mit einander führten , aber ich glaubte , es sei die Pflicht einer Frau , da nicht eindringen zu wollen , wo ihr Gatte ihre Theilnahme nicht wünschte . Oft auch entfernte sich Lamberti nach einem solchen Besuche eine Zeitlang aus der Gegend , und immer kehrte mit ihm neuer Ueberfluß in unsere Wohnung zurück . Bald sagte er mir , er habe einen glücklichen Handel gemacht , bald , er habe einen Proceß oder im Lotto gewonnen , und ich bewunderte sein außerordentliches Glück und dankte Gott mit kindlicher Einfalt für den reichen Segen . Ich hatte meinem Gatten nach und nach drei Söhne geboren . Die Knaben wuchsen heran und vor allen war Camillo der Liebling des Vaters , denn er behauptete in dessen wilder und rauher Gemüthsart , die mir Thränen des bittersten Kummers auspreßte , die künftige Stütze des Hauses zu erblicken . Ich wurde , nachdem ich drei Söhne geboren hatte , nicht wieder Mutter , und da sich mein Herz nach einer Tochter sehnte , nahm ich mit Lambertis Bewilligung meine gute Lucretia als elternlose Waise zu mir und erzog sie mit mütterlicher Liebe . Bald ließ es sich bemerken , daß sie und Francesko die zärtlichste Neigung verband . Um die Zeit kurz vor der französischen Revolution suchte uns in unserer entlegenen Ortschaft ein Herr St. Julien auf , der in Handelsgeschäften eine Reise nach Italien gemacht hatte , und da ihm in Frankreich keine Verwandten lebten , suchte er diese weitläuftigen Vettern auf , die mit ihm durch seine Mutter , eine Italienerin und geborne Lamberti , im entfernten Grade verwandt waren . Er freute sich der kräftigen Jugend meiner Söhne und wollte ihren Vater bestimmen , ihm einen zu überlassen , der die Handlung bei ihm lernen und nach seinem Tode seine Geschäfte fortsetzen könne . Mit seltsamem Lächeln antwortete Lamberti auf diesen gütigen Vorschlag , daß er ihm selbst einen Sohn nach Paris bringen werde , und daß er hoffe , er werde sich noch vorher von dessen Brauchbarkeit überzeugen . Der gute Herr St. Julien machte uns allen vor seiner Abreise bedeutende Geschenke , denn er hatte große Summen und viele Juwelen bei sich . Es war nichts Auffallendes darin , als Lamberti eine Stunde nach der Abreise des Herrn St. Julien ebenfalls aufbrach und dieß Mal seinen Lieblingssohn Camillo mit sich nahm , denn er hatte verschiedene Male gegen mich geäußert , daß ein Geschäft , welches ihm großen Gewinn verspräche , dringend seine Abwesenheit fordere , und daß er seine Abreise nur verschiebe , um einen geehrten Verwandten nicht früher zu verlassen , als bis dieser gesonnen sei seine Reise fortzusetzen . Nach einer Abwesenheit von drei Tagen kam Lamberti ungemein heiter und mein Sohn Camillo in ausgelassener Fröhlichkeit zurück . Mein Gatte sagte mir , da seine Geschäfte sich weit über seine Erwartung zu seinem Vortheile gewendet , so habe er mir ein bedeutendes Geschenk mitbringen wollen , und überreichte mir bei diesen Worten einen kostbaren Ring , den ich im ersten Augenblicke mit Freuden , im zweiten mit Entsetzen betrachtete . Gott ! rief ich aus , wie kommst Du zu diesem Ringe ? Er gehörte ja dem guten Herrn St. Julien . Wie kann dieß sein ? fragte Lamberti verwirrt , indem er die Farbe veränderte , was indeß damals noch keinen Argwohn in mir erregte ; woran willst Du dieß erkennen ? Es ist kein Zweifel , erwiederte ich . Der gute Mann zeigte mir einige Juwelen und mir gefiel die Fassung dieses Ringes ungemein . Ich würde ihn Ihnen zum Andenken schenken , sagte der treffliche Mann , wenn ihn nicht meine Mutter getragen hätte , zu deren Andenken ich ihn bewahre und deren Haar er enthält . Er drückte auf diesen kleinen Punkt hier , und siehst Du , fuhr ich fort , wie jetzt hob sich der mittlere Stein , und siehst Du , hier ist das wenige graue Haar eingeschlossen . Nimmermehr hätte er diesen Ring freiwillig weggegeben ; er ist gewiß in die Hände schändlicher Räuber gefallen und vielleicht gar von ihnen unbarmherzig erschlagen worden . Warum nicht gar , sagte Lamberti unwillig und setzte gleich darauf ruhig hinzu : Wenn dem aber so ist , wie Du sagst , so muß der Ring zu seinem Eigenthümer zurück , an den ich sogleich deßhalb schreiben werde . Gebe Gott , daß er lebt , sagte ich weinend , indem mein Gatte das Kleinod aus meinen Händen zurücknahm . Du bist eine Thörin , sagte dieser mit Härte zu mir , nicht jeder wird erschlagen , dem die Last des Reichthums etwas erleichtert wird . Er verließ mich hierauf und winkte seinen Sohn Camillo mit sich hinweg , dessen spöttisches Lächeln mir in diesem Augenblicke durch ' s Herz schnitt . Seit der Zeit stürmte ich oft mit Fragen auf Lamberti ein , ob er keine Nachricht von Herrn St. Julien habe , bis er mir endlich mürrisch antwortete : Höre auf mich um des alten Spießbürgers Willen zu quälen ; er lebt gesund und wohl in Frankreich , und ist dort so reich , daß er den kleinen Verlust hier in Italien leicht verschmerzen kann . Also ward er doch wirklich von Räubern angefallen ? rief ich bestürzt . Das hat ja meine kluge Mutter gleich beim Anblick des schönen Ringes errathen , sagte Camillo lachend , und zu meinem Erstaunen stimmte der Vater in das Gelächter ein . Es war überhaupt seit dieser Zeit eine Veränderung in unserem Hause eingetreten . Der Vater gab den Söhnen mit Verschwendung alles , was sie begehrten , um jede thörichte Leidenschaft der Jugend zu befriedigen , und meine beiden älteren Söhne überließen sich allen Ausschweifungen , wozu die Jugend nur zu geneigt ist , und vielleicht wurde von ähnlichen Vergehen Francesko nur durch die Liebe zu meiner sanften Lucretia zurückgehalten . Dabei brachte der Vater seinen Lieblingssohn Camillo in eine solche Stellung gegen seine Brüder , daß er völlig ihr Herr wurde , und er wußte diese Herrschaft durch Klugheit und durch seinen kühnen Geist fortwährend zu behaupten . Auf allen Reisen des Vaters begleitete ihn nur Camillo , und ich bemerkte bald , daß diejenigen Nachbarn , die den Vater zu verehren schienen , dem Sohne beinah die gleiche Achtung bewiesen . Der Strom der französischen Revolution breitete sich auch über andere Länder aus , und meine Söhne sowohl als ihr Vater wurden von dem allgemeinen Schwindel ergriffen . Mit Entzücken sah der nun alternde Vater , wie alle seine Söhne die Waffen ergriffen , und rief : Recht , meine Kinder , sucht Euer Glück , wo es jetzt Viele finden , ich bin noch rüstig genug , hier unserm Geschäft allein vorzustehen . Ehe sich meine Söhne mit den republikanischen Truppen vereinigten , zu denen sie nun gehörten , hatte sich Lamberti mit meinem Sohne Camillo lange eingeschlossen , und sie hatten , wie es schien , ernste und wichtige Unterredungen mit einander . Francesko benutzte diese Zeit mir seine Empfindung mitzutheilen , und er und Lucretia legten in meine Hand das Gelübde ab , für das ganze Leben einander anzugehören . O ! welche Hoffnungen , unterbrach sich die Mutter der Lambertis weinend , täuschten damals meine liebende Seele ! Ich sah meine Söhne , durch ihren Muth emporgehoben , im Geiste in hohen kriegerischen Ehren ; ich sah meinen Francesko , den Liebling meines Herzens , in bedeutendem Range sich mit der schönen Lucretia verbinden , und sah mich als die glückliche Ahnfrau künftiger Geschlechter . Ja sie war eine Schönheit , fuhr die Alte fort , als sie bemerkte , daß Evremonts Blick zu dem still arbeitenden Mädchen hinüberstreifte , der Kummer hat diese Blüte schnell gebrochen , aber sie war damals eine blühende Schönheit . Evremont bemerkte jetzt erst das griechische Profil und die edeln Formen des Kopfes , wodurch so viele Florintinerinnen ausgezeichnet sind , und die Beschämung , die sie bei Erwähnung ihrer vergangenen Schönheit empfand , zauberte diese auf einen Augenblick zurück , denn die funkelnden , halb niedergeschlagenen Augen , die glühenden Wangen zeigten flüchtig dem Beobachter , was sie in der Blüte der Jugend gewesen sein mußte . Meine Söhne hatten uns verlassen , fuhr die Alte fort , und ich und Lucretia lebten sehr einsam , denn Lamberti war oft abwesend und kehrte nicht immer so heiter zurück wie früher , ja es entfuhren ihm zuweilen Klagen über die Nichtswürdigkeit feiger Schurken , die ihre Zunge bei dem Anblicke des Todes nicht fesseln könnten und ihre Freunde , denen sie Treue gelobt , dadurch in Gefahr brächten . Zugleich bemerkte ich , daß viele von unsern Nachbarn ihren Wohnort verließen , indem sie behaupteten , sie könnten anderswo auf eine vortheilhaftere Art sich ansiedeln . Auch Lamberti äußerte oft , es würde ihm in den Gebirgen zu einsam , er wolle nach Florenz oder nach Mailand ziehen , um so mehr , da er vom Kirchenstaate ausgehende Verfolgungen auch hier zu befürchten habe . Um die Zeit hatte er erfahren , daß Herr St. Julien geheirathet und einen Sohn seiner Gemahlin aus erster Ehe adoptirt habe , dem er sein ganzes Vermögen zuwenden wolle . Diese Nachricht versetzte ihn in unglaubliche Wuth und er fluchte dem Verwandten , der seine rechtmäßigen Erben auszuschließen dächte . Ich machte ihn vergeblich darauf aufmerksam , daß unsere Verwandschaft mit Herrn St. Julien so entfernt sei , daß sie kaum diesen Namen verdiene , und wenn wir auch ganz nahe Verwandte wären , so bleibe er ja doch immer Herr seines Vermögens und könne es zuwenden , Wem er wolle . Ich hoffe , erwiederte Lamberti , Camillo wird Mittel für alles dieß finden . Um ihn zu besänftigen sagte ich , der gute alte Mann bewies uns und besonders den Kindern so viel Wohlwollen , daß er sie gewiß nicht übergehen wird , wenn er auch sein Hauptvermögen seinem adoptirten Sohne zuwendet . O ! diese reichen Bürger , antwortete mir Lamberti hierauf mit Bitterkeit , entziehen dem alles Wohlwollen , der ein wenig dreist von ihrem Ueberfluß fordert . Aber wir sind Herrn St. Julien ja nie zur Last gefallen , bemerkte ich . Sprich nicht über Dinge , die Du nicht beurtheilen kannst , sagte Lamberti rauh und verließ mich , um an Camillo zu schreiben , der schon Officier geworden war und gemeldet hatte , daß auch seine Brüder dieselbe Auszeichnung in Kurzem zu erwarten hätten . Als Lamberti seinen Brief abgesendet hatte , verließ er mich , um wieder eine seiner gewöhnlichen Reisen anzutreten , die mich , ich konnte mir nicht erklären weßhalb , zu beunruhigen anfingen , und ich blieb mit Lucretia ganz allein . Nach einigen Tagen in der Dämmerung des Abends hielt ein unbekannter Gebirgsbewohner mit einem kleinen mit Maulthieren bespannten Wagen vor unserer Thür , und als wir heraustraten , sahen wir mit Entsetzen das todtenbleiche Antlitz Lambertis . Er hemmte durch einen Wink den Schrei , der unsern Lippen entfliehen wollte . Macht keinen unnützen Lärm , sagte er leise , helft mir in ' s Haus . Der Fuhrmann stand uns bei , den Schwerverwundeten hineinzutragen , und als wir ihn auf ' s Bett in eine bequeme Lage gebracht hatten , eilte , ohne ein Wort weiter zu sprechen , der Fuhrmann mit seinem Wagen davon . Der Anblick der dringenden Gefahr hemmte meine Klagen und Thränen , und ich wollte einen Wundarzt rufen . Laß das , sagte Lamberti , es ist überflüßig , ich fühle , ich sterbe , laß mir , Lucretia , unsern Pater rufen . Lucretia eilte den Geistlichen herbei zu rufen , und wenige Stunden darauf gab Lamberti seinen Geist auf , nachdem er mich vorher dringend ermahnt hatte , alle Papiere , die ich finden würde , zu verbrennen , weil sie mir zu nichts helfen , sondern mich nur in Verlegenheit bringen und auf sein Andenken Schande häufen könnten . Ich versprach dieß , aber im Schmerze über das Verscheiden meines Gatten dachte ich nicht daran , bis mich der Geistliche ernsthaft erinnerte , den letzten Willen des Verstorbenen zu erfüllen . Ich ging also an dieß Geschäft , während der Geistliche und Lucretia alles zur Beerdigung Nöthige besorgten , und als ich die Papiere verbrennen wollte , belehrte mich ein zufälliger Blick darauf , daß diese Briefe sämmtlich in Zeichen geschrieben waren , die ich nicht zu enträthseln verstand . Ein einziger italienisch geschriebener Brief fiel mir in die Hände . Er war von Herrn St. Julien , und das zärtliche Andenken , das ich dem wohlwollenden Manne bewahrt hatte , vermochte mich einen Blick darauf zu werfen . Gleich nach den ersten Worten , die ich las , war meine Aufmerksamkeit schmerzlich gefesselt . Dieser Brief war kurz nach Herrn St. Juliens Besuch bei uns , nach seiner Rückkehr in sein Vaterland , an Lamberti gerichtet . Er schrieb ihm darin , daß er trotz der Dunkelheit der Nacht sehr wohl die Räuber erkannt habe , die ihm im Einverständnisse mit dem Postillon sein Geld und seine Juwelen in der Lamberti unfehlbar bekannten Bergschlucht abgenommen hätten , daß er es wie eine Gnade des Himmels betrachten müsse , daß er in diesem furchtbaren Augenblicke so viel kalte Ueberlegung gehabt hätte , einzusehen , daß er dieß Erkennen nicht verrathen dürfe , weil sonst das blanke Eisen , mit dem der junge Bösewicht ihn fortwährend bedroht habe , sich unfehlbar in sein Herz gesenkt haben würde , um ihm den Verrath unmöglich zu machen . Ich will die Gerichte nicht zur Rache anrufen , schloß der Brief , aber nur noch bemerken , daß diejenigen , die sich auf Gefahr meines Lebens einen Theil meines Eigenthums angemaßt haben , nie mehr das Geringste von mir erwarten dürfen und sich also jede Reise zu mir ersparen können , weil ich keine Schlange in meinem Busen erwärmen und keinen Räuber in mein Haus nehmen werde . Ein schreckliches Licht ging mir in diesem Augenblicke auf , und der Geistliche fand mich in Thränen gebadet , den unglücklichen Brief in der Hand . Er nahm ihn , sah ihn flüchtig durch und warf ihn zu den übrigen in ' s Feuer . Euer Gatte , sagte er mir dann , hat mir gebeichtet und die Vergebung seiner Sünden empfangen ; schadet Euch nun nicht selbst und thut , wie er weislich rieth , denn Ihr müßt in Kurzen eine Haussuchung besorgen , da ihn die Obrigkeit auf die Angabe einiger Genossen vielleicht für das Haupt der Räuber halten wird , die die Gebirge unsicher machen , und deßhalb ist es gut , wenn nichts gefunden wird , was diese Meinung bestätigen könnte . Ich war zu sehr durch schmerzliche Empfindungen betäubt , als daß ich diesen Rath hätte befolgen können . Der Geistliche also verbrannte selbst alles noch Uebrige , ohne noch einen Blick darauf zu werfen , und eilte mit Lambertis Beerdigung , die so feierlich als möglich vollzogen wurde . Wenige Tage danach rückten Soldaten , von Gerichtspersonen begleitet , in den Ort unseres Aufenthalts ein . Die verlassenen Häuser der Lamberti ergebenen Nachbarn wurden durchsucht und auch das unsrige . Da aber gar nichts Verdächtiges gefunden wurde , und meine und Lucretiens Unschuld einleuchtend war