den Jüngling in die Arme und küßt ' ihn nicht . An einem blauen frischen Morgen stand Albano , noch eh ' die Sonne am Himmel auferstanden war , auf der hohen umblühten Terrassen-Pyramide , wo er einmal im Erwachen den teuern Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehen - und blickte bewegt in den leeren weiten See hinab - und an die Gipfel der Eisberge umher , welche schon im Widerscheine der hoch herabziehenden Aurora blühten - und niemand war bei ihm als die Vergangenheit . Er blickte auf sich und in seine Brust und dachte : welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust gezogen ! Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden ! Und das Herz schlägt noch frisch und fest darin ! - Auf einmal sah er im lichten Morgen-Rauche des Sees ein Fahrzeug rudern . Langsam , träge watet ' es , denn er sah es aus großer Ferne . Endlich glitt es , flog es , das Segel blühte auf im Morgenbrande , und die grünen Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Ischia um Lindas Schiff . - Linda war es und die Schwester . Sie sahen hinauf und grüßten winkend . Er rief in eiliger Wonne : » Dian , Dian ! « und lief die vielfachen Treppen hinab , ganz verwundert und entzückt über den ausgebreiteten Glanz , weil er unter der frohen Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen , welche vor der Geliebten die schönen Flammen , die Morgenblumen gleichsam in den Weg des Wassers unterstreuete . » Seid ihrs wieder , ihr Göttlichen ? O sprecht , weint vor Freude , daß ich selig werde und euch habe ! Kommt ihr denn mit alter , rechter Liebe wieder ? « so sprach er fort in beredter Trunkenheit , aus dem langen träumenden Warten geschöpft . Linda sah mit heimlicher Engels-Lust , mit lieblichem Widerschein in die hoch spielenden Flammen seiner Liebe ; und die Schwester genoß in süßer Regung die schöne Milde auf beider Angesicht , welche an der Kraft so bezaubert wie Mondlicht an einem Gebürg . Reisebeschreibungen wurden von beiden Seiten angefangen , aber keine geendigt ; Tags- und Insel-Ordnungen vorgelegt , aber keine gewählt . Julienne hielt ihm sein Wort und ihre Bedingung , daß er abends weiterziehen müsse , ans Herz als eine kleine Kühlung gegen das Freudenfeuer darin ; traurig sah ' er zur freundlichen hellen Morgensonne auf , als steige sie nicht höher , sondern schon tiefer . Sie gingen nun in schönem Irren durch die Insel , überall blühte neben der Gegenwart eine stille Vergangenheit , unter der Rose ein Vergißmeinnicht . Hier in dieser Grotte vor den aufhüpfenden Wellen hatt ' er einst mit seiner Schwester Severina gespielt , und auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkündigt . » Aber Julie , du bist meine Severina und mehr « , sagt ' er ; - » ich denke , « ( sagte sie sanft ) » ebensoviel . « - Nicht weit von der Arkade hatt ' er zum erstenmal in das Angesicht seines Vaters geschauet : » O wenn findest du aber deinen endlich ? Sprich darüber , gute Linda ! « sagt ' er . Sie errötete und sagte : » Ich werd ' ihn finden , wenn das Schicksal es zulässet . « - » Wenn aber ist das ? « - » Ich weiß nichts « , sagte sie zögernd sanft . Da rührte ihn Julienne winkend an und sagte in so vielem französischen Latein , als sie zusammentreiben konnte , aber in einem gleichgültigen Ton , als spreche sie vor sich selber hin : » Non eam interroga amplius , nam pater veniet ( ut dicitur ) die nuptiarum194 . « Er blickte sie verwundert an , sie nickte sehr oft » Julie ist « ( sagte Linda lächelnd ) » wie die Weiber , so listig im Handeln als offen im Sprechen . Ich hätte mich keinem Bruder so lange verstecken können . « - » Dafür « ( versetzte sie ) » bekamen die Geschwister einander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten und können sich leicht liebhaben , wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des heranwachsenden Bruders zu verwinden haben . « Jetzt kamen sie auf die Galerie zwischen Limonien-Blüten , wo Gaspard seinem Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hängend hatte sehen lassen ; da sagte Albano mit Unwillen : » Hier mußt ' ich mir viele Rätsel ankündigen lassen - und dort « ( er meinte die Stelle im Meer , wo ihm zuerst Lindas Bild auf den Wellen erschien ) » wurde sogar diese teuere Gestalt nachgeäfft . « » Mein Gott , « ( sagte Linda heftig ) » warum es noch gar aussprechen ? o es war so schlecht , es zu tun ! « - » Eingebüßet aber hat doch niemand viel dabei , « ( sagte scherzend Julienne ) » ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymität ! « - » Könnten wir beide nicht antworten , Albano ? « sagte Linda leise und hob die Augen auf . » Bei Gott ! « sagte er stark , denn ohne jene Vorspiele hätten sie sich früher gesucht und gefunden . Unter diesen Blicken in eine seltsame , mit Zukunft durchwebte Vergangenheit waren sie in den borromäischen Palast , der diesen Tag zum Glück ohne die Besitzer war , getreten ; weil Albano beide , auf Lindas Gesuch , in die Zimmer führen sollte , wo er mit Severina erzogen worden . Der Schloßwärter wollte sie , glaubend , sie suchten nur Aussicht - denn die Kindheitszimmer lagen im fünften Stockwerk - , auf das Dach hinausbringen ; er beteuerte , es wären staubige Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugesperrt . Mühsam drehte der Mann mit einem rostigen Schlüssel ein eingerostetes Schloß auf . Sie traten ins bestäubte helldunkle leere hohe Zimmer , worin eine leere Wiege , ein Blumentopf mit einem gleich seiner Erde vertrockneten sinesischen Rosenstöckchen , eine Kinder-Zinn-Uhr , eine weibliche Spiel-Küche mit altmodischem Geschirr , eine gerollte glänzende Klaviersaite , ein deutscher Kalender von 1772 , viele schwarze Siegel mit bloßen antiken Köpfen , ein ausgetrockneter Lianenzweig und dergleichen verloren umherlag . Der Mensch sieht bewegt in die tiefe Zeit hinunter , wo seine Lebensspindel fast noch nackt ohne Faden umlief ; denn sein Anfang grenzt näher als die Mitte an sein Ende , und die aus- und einschiffende Küste unsers Lebens hängt ins dunkle Meer . Albano wurde wehmütig angeregt von der Umgebung und von dem Blicke auf das Menschenleben und auf seine eignen grünen , noch winterlich-niedrig stehenden Felder hinaus - und von der Stätte , wo er mit einer Mutter und Schwester gelebt , die aus der Erde , ja sogar aus seiner Phantasie entwichen waren . - Er nahm die Zinn-Uhr zu sich und sagte : » Gibt es für das Alter , das keine Zeit , sondern eine Ewigkeit hat , eine bessere Uhr als die mit dem Zeiger ohne Gehwerk ? « Überrascht wurde Linda , als sie von einem Glaskästchen einen Vorhang wegzog und als ein engelschönes Kind von Wachs darin in die hellen Augen Licht bekam . » Es ist die tote Severina « , sagte Albano eilig , mit dem rauhen Beiwort » tot « , was Linda nicht gern litt . Immer mehr wurd ' ihm in der helldunkeln Stube unheimlich - ein Sonnenstreif brannte seltsam durch das hohe Fenster herab - beseelter auferstandner Staub spielte in ihm - die Geister der Schwester und Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzen - und entfernter standen die Gebürge draußen im Leben . Er sah die blühende Linda an , da kam sie ihm auf einmal anders vor , fremd , überirdisch , als erscheine sie unter den Geistern und gehe wieder von hinnen . Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten : » Hier ists unheimlich , gehen wir ! « - » Weib , « sagt ' er mit starker Stimme auf deutsch , einem innerlichen Schrecken antwortend , und faßte ihre Hand , » wir wollen zusammenhalten wie ein lebendiges Herz , wenn man es zerreißen will . « Linda versetzte : » Ich bleibe nicht länger , Julienne ! « Und man ging . Auf der Schwelle kam es dem Grafen ein , in das Nebenzimmer zu schauen ; er macht ' es auf und fuhr zusammen , rief aber : » Geht nur voraus ! « und ging hinein . Er hatte nämlich sich im Spiegel zweimal nachgespielt erblickt . Drinnen fand er sich in einer Nische in französischer Uniform stehen in Wachs , aber schon als Jüngling , und darneben , was die Tür bedeckt hatte , seinen Vater auch als Jüngling , altmodisch bekleidet , aber schön wie ein griechischer Gott ; das warme volle blumige Gesicht war noch nicht im starren Leben überwintert und blühte noch liebend . Er stürzte tief ins Meer der Vergangenheit . Die kolossalischen Statuen draußen und die beglänzten Gebürge hatten sich aus dunkeln Wellen aufgerichtet und standen in tropfendem Schimmer . Man rief draußen . Er blickte wieder in sein Gesicht , aber zornig . » Wozu zweimal « , sagt ' er und zerquetschte sein Gesicht , aber ihm war es wie Selbstmord und Betasten des Ichs . Die väterliche Gestalt gönnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle , aber sie war ihm zu heilig zur kleinsten Berührung . Er ging zurück und schwieg über die Bilder , um nicht an Lindas Phantasie die großen widerspenstigen Flügel aufzumachen . Der grünende , blühende , glänzende Tag verschlang bald die kalten Schatten , die von Höhen und Gräbern der Vergangenheit hereingefallen waren » Aber jetzt , « ( sagte Albano zu Linda ) » da Sie eben aus meiner Kinderstube gekommen sind , führen Sie mich einmal in die Ihrige . « - » Ich will dich nur erst bekränzen , da wir am rechten Orte sind « , sagte sie und brach und band aus dem Lorbeerwald , durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln Wellen sie jetzt gingen , Zweige zum Kranz . Körperliche Geschäftigkeit gab dieser Jungfrau , welche leichter Töne und Farben und Ideen verknüpfte , ein besonders rührendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung . Sie flocht die Krone , aber mühsam , verwechselte einmal den ähnlichen Erdbeerbaum mit dem Lorbeerbaum , tat noch einen blühenden Myrtenzweig hinein und schmückte damit sein lockiges Haar , aber sehr ernst : » Der Kranz geziemt dir ; die hohen Lorbeern oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen « , sagte sie . Er glaubte , sie spiele unter dem Ernst ; allein sie sah den Bekränzten freudig und prüfend an und lächelnd , aber wie eine Mutter , und sagte ; - » So ists recht ! Was willst du noch ? Ich bring ' es . Albano , ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und neue Liebe zu dir , ich möchte für dich viel tun , viel leiden . Mein Herz ist bewegt von überschwenglicher Liebe . Küsse mich nicht . Ich will dir erzählen . « Die schöne Weiblichkeit , die den Geliebten heißer und näher liebt , wenn sie zum ersten Male sein Eigentum , seine Kindheitsörter , seine Wohnungen betreten , erfüllte unerkannt ihr starkes Herz . Er küßte sie nicht - er sah sie an und weinte in Liebes-Wonne - sie neigte sich herüber und sagte , aber heiter : » Ich weine sehr schwer , Lieber ! Ich will dir das von meiner Kindheit erzählen , was du verlangtest . Von meinen ersten Kindheits-Plätzen ist mir wenig geblieben , vielleicht weil wir immer reiseten und weil ich auch mehr nach Menschen als nach Gegenden sehe - außer mein längster Aufenthalt in Valencia . - Vom frühen Reisen hab ' ich wohl meine Reise-Sucht . Am Ende liegt sie doch in mir . Aber ihr glaubt immer , wie die Deutschen , das zu erlernen , was ihr eigentlich ererbt oder erschafft . Von meiner Mutter wurd ich mehr als von jemand gehasset und geliebt . Jetzt bin ich klar über sie . Sie war ganz für die Kunst oder für die Künste geboren , ob ich wohl glaube , daß sie von den Göttern eigentlich für die Bühne ausersehen war . Sie war alles in dieser Minute , nichts in der andern - Flüche und Gebete , Glaube und Unglaube , Haß und Liebe wechselten ab in dieser epischen Natur . - Sie hätte eine Welt verschenken und eine stehlen können . - Sie drückte mich einmal an ihr Herz und sagte : Wärst du nicht meine Tochter , ich würde dich stehlen oder töten aus bloßer Liebe ; - und das war , als ich gesagt hatte : Ich liebe die Medea mehr als Kreusa ! - Indes war sie zu inkonsequent , um ganz geliebt zu werden ; meinen unsichtbaren Vater liebt ' ich weit mehr , ich dacht ' , er sei Gott der Vater . Ich bildete mir einmal ein , er müsse in Porta Celi195 wohnen ; stundenlang ging ich um den Totengarten des Klosters und blickte sehnsüchtig durch die Palmen über die Rosen der Gräber . Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz ; ein sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank , und die Totenmesse , glaubt ' ich , werde für ihn gelesen . Auch an Gott und Geistern hing ich trunken . Im Feuer , das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug , blitzten sie mir vorüber . Ich habe nie gespielt , sondern früh gelesen . Da ich sehr ernst war und meine Gestalt sich zeitig entwickelte , so wurd ' ich früh als eine Erwachsene behandelt , und ich begehrt ' es auch . Niemand war mir ernst genug , außer der Vormund , der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte . Vor Büchern und im Reisewagen da verging mein erstes Leben . Ich beneidete die Männer um ihr Wissen und ihre Freiheit , aber sie gefielen mir nicht , die Weiber noch weniger . Ich galt für stolz - und früher war ichs auch - und für phantastisch ; ich nahm es nicht übel und sagte : Ihr habt euere Weise und ich meine . « - - Durch Dian und Julienne wurde die Erzählung gestört . 118 . Zykel Die erste einsame Minute , die Albano mit seiner Schwester fand , legte er zur Nachfrage über ihre lateinische Nachricht an , daß Lindas Vater gerade an ihrem Hochzeittage erscheinen würde ; aber sie verwies ihn auf seinen eignen , der ihm alles über Lindas ihren sagen könne - und bat ihn , » Linda zu schonen , nicht nur in ihrer Zartheit ' sondern auch in ihrer eignen Ehe-Scheu , die sehr weit gehe . Sie konnte nicht einmal eine Freundin an den Traualtar begleiten , « ( setzte Julienne dazu ) » sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit , den Scheiterhaufen der schönsten freiesten Liebe und sagte , das Heldengedicht der Liebe werde dann höchstens zum Schäfergedicht der Ehe . Freilich weiß sie nicht , wohin solche Grundsätze endlich führen . « - » Ich hoffe auch , daß du ihr vertrauest « , sagte Albano , sich diese Seltsamkeit anders und höher ableitend als seine strenge Schwester . Sie brach schnell ab , um ihm noch den Rat nach Pestitz mitzugeben , die Fürstin zu fliehen , die ins Innerste hinein kalt , falsch , rach- und selbstsüchtig sei . » Sie hat etwas und zwar viel mit dir vor - und ihr Haß gegen die Gräfin kommt jetzt dazu - Linda fasset sie scharf auf , aber doch lässet sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreißen und benutzen , die sie übersieht und voraussieht . « Albano blieb bei seinem alten sanftern Urteil über die Fürstin - um so mehr , da er Juliennens moralische Härte gegen jede genialische schon aus ihrem Mißurteil über Lianen kannte - ; aber er gab ihr das leichte Wort , sie zu fliehen , ohne ihr den Grund , nämlich ihre so hart entzauberte Liebe für ihn , zu sagen . Für sein Zartgefühl gab es keine größere Roheit als dieses öffentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs , als das männliche Auffangen und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein Sprachrohr fürs Volk . Alle kamen wieder zusammen - lagerten sich auf eine Stelle , die den See und die Alpen und die Blüten-Schatten gab - der Tag glühte sich ab und sank von Schönheit zu Schönheit zum Abend hinunter . - » Auf dieser feinen Insel « ( sagte Dian ) » fängt sich schon das nordische Wesen an , und wir stehen bald zu Hause unter einem spitzen Dach . « » Nun ja , « ( sagte Julienne ) » aber endlich hat mans doch auch gern , wenn man wieder einen reinlichen Menschen , eine Blondine und einen Schatten sieht und ein paar Vögel hört . « 196 - » An Tivoli und Ischia und den Posilippo denk ' ich hier nicht , « ( sagte Albano ) » ich denke an meine Kindheit und an die Alpen . - Drüben am Ufer des Langsees ( Lago maggiore ) mögen sich freilich die beiden Insel-Zuckerhüte nicht zum besten darstellen ; aber dafür stellet sich hier auf dem Zuckerhut das Ufer und der See desto besser dar , und für den , der auf dieser Seealpe steht , ist sie doch gemacht . « - » Mir ist alles gleichgültig , « ( sagte Linda ) » denn ich finde mich hier ganz wohl . Das Rezensieren schöner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen , weil man sie da nur aus Büchern kennen kann ; der Italiener , der sie hat , genießet sie wie die Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewußt ; deswegen ist er nicht einmal ein großer Landschaftsmaler . « » Man sollte « ( sagte Dian ) » das prächtige Welschland noch auf der Grenze besingen , wenn man von dem Kastellan eine Gitarre bekäme . « Er ging und brachte eine . Nun fing er italienisch zu improvisieren an . Er sang : » In Apollo wurde die alte Liebe nach dem vorigen Schäferlande auf der Erde und nach der verlornen verhüllten Daphne wieder wach - er stieg vom Himmel , um beide zu finden - ihm hatte Jupiter den Momus mitgegeben , der ihm das Häßliche zeigen sollte , damit er zurückfliege - als ein schöner lächelnder Jüngling ging er über die Inseln , durch die Ruinen der Tempel , durch ewige Blüten , vor göttlichen Gemälden einer unbekannten hehren Jungfrau mit einem Kinde und vor neuen Tönen vorüber und zog wie über die Zauberkreise einer schönern neuen Erde . - Vergeblich zeigte Momus ihm die Mönche und Seeräuber und seine von der Zeit niedergeworfnen Tempel und ließ ihn spottend Thermensäulen für Tempelsäulen nehmen - der Gott sah hinauf zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dies warme Land , auf diese große goldne Sonne , diese hellblauen Nächte , diese ewigblühenden Düfte , diese Zypressen , diese Myrten-und Lorbeerwälder und sagte : hier ist Elysium , nicht in der Unterwelt , nicht auf dem Olymp - da gab ihm Momus einen Lorbeerzweig von Virgils Grabe197 und sagte : das ist deine Daphne . Jetzt erzürnte sich seine große Schwester Diana , sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung , als komme sie aus den Wäldern der Pyrenäen herüber ; aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr in den Olympus zurück . « - Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentönen fliegen ließ , so standen hoch drüben im Himmel die ewigen Glanz-Gebürge aus Eis , von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den hellen See , und der Abend bewegte sich entzündet und entzückt . Da ergriff der stille Albano die Saiten , senkte das Auge in den Blitz der Gebürge ein und fing errötend an : » Verweile , o Sänger , bei den hohen Geistern , die auf das Schlachtfeld zogen , tötend , sterbend - und die aufbaueten die ewigen Tempel der Menschheit - verweile bei den reinen Demanten , die glänzend und fest unter dem Hammer des Schicksals blieben - verweile bei der alten Zeit , bei dem Meere Roms , das einen Weltteil trug und die andern untergrub - aber fliehe vor der Zeit , die ihren Gipfel in ihren eignen Krater senkte . - Verweile , Sänger , auf der Höhe und schaue in den Garten der Welt herunter , der ein spielendes Menschenleben ist - die Ruine wird Fels , und der Fels Ruine - auf dem hohen Vorgebürge duftet die Blüte , unten liegt das Meer mit offnem Rachen über die Scylla glänzen schöne Häuser und Gassen zwischen dem Lager erschrecklicher Felsen . - Und der Gott fliegt über das Land und sieht das Kind auf der Tempelsäule am Ufer und die Göttertempel voll Mönche , die Sümpfe voll namenloser Ruinen und die Küste voll Blüten und Grotten - und die blühenden Myrten und Reben und die Feuerberge und die Inseln - und Ischia .... « Aber ihm entsank die bestürmte Gitarre und die Stimme , das Auge ging tief in den Himmel und in das Leben des Menschen ein , und er entfernte sich , um das laute Herz zu stillen . In der kühlenden Einsamkeit bemerkte er , wie weit schon die Sonne hinabgeflogen sei wie mit Amorsflügeln durch einen kältern Himmel ; - er kehrte schnell zurück , in der Abendröte schlug seine Scheidestunde aus . Als er wiederkam , war Linda allein - denn Julienne hatte seinen Dian unter dem Vorwande , das Bilderkabinett zu besehen , von den Liebenden weggezogen , denen heute ohnehin nur ein kürzester Tag des Glücks beschieden war - und die Geliebte sah ihn bedeutend an : » Dian sang eigentlich besser « ( sagte sie ) » und epischer , aber Euer lyrisches Wesen hab ' ich doch auch sehr lieb . « Sie blickte ihn wieder an , dann wieder , dann in sein Auge , dann umarmte sie ihn schnell , und kein Laut erklärte den plötzlichen Kuß . » Wir wollen auf die Terrasse « , sagte sie leise . Sie bestiegen die schöne Höhe der zehn Terrassen , welche mit Lorbeer und Zitronenbäumen und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht auf das ferne , von Dörfern und Alpen umzogne Ufer das Auge füllt und wo einst Albano seinen Vater hatt ' entfliehen sehen . » Du gefällst mir immer mehr , Albano , « ( sagte Linda ) » ich glaube fast , du kannst recht lieben ; erzähle mir deine erste Liebe , ich habe dir auch erzählt . « - » O Linda , « ( sagt ' er ) » wie viel begehrst du ! Aber ich bin wahr und sage dir alles ; du wirst Sie lieben , wie Sie dich liebte . - Sieh hier dein Bild , das Sie sterbend machte und mir gab ! « Er reichte ihr die kleine Zeichnung , und ihr Auge wurde naß . Darauf fing er leise und feierlich das Gemälde seiner ersten Liebe an - wie er Sie so früh noch ungesehen und in ersten Morgenstrahlen des Lebens verehrt und gesucht - und wie er Sie fand und wie Sie glücklich machte und es nicht wurde - wie sanft Sie war und er so wild und hart - wie er seinen eignen Ungestüm des Herzens Ihr zumutete - wie grausam er Ihre Entsagung aufnahm und wie Sie durch ihn unterging . Linda weinte mehr als gewöhnlich » O ich habe hart gehandelt , gute Linda ! « sagt ' er . » Nein , « ( sagte sie ) » ich wein ' über euch beide . « - » Ich habe große Mängel « , sagt ' er . » Alle vergeb ' ich dir , « ( sagte sie ) » wenn du nur lieben kannst ; aber das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt und gegen die Liebe . « - Sie hielt innen , dann fragte sie leise : » Albano , ist Sie noch in deinem Herzen ? « - » Ja , Linda « , sagte er . » O du redlicher und treuer Mensch ! « ( rief sie begeistert und legte ihr Haupt an seine Brust und betete : ) » heiliger Gott , gib deinen Unsterblichen alles , nur laß mir ewig dieses Menschen Brust , damit er recht geliebt wird , recht unaussprechlich , und damit ich nicht untergehe ! - Willst du , Lieber , « ( lispelte sie plötzlich und richtete sich auf , ihn anblickend mit unendlicher Liebe und Hingebung ) » daß ich in Lilar wohne , so gebiet es nur . « Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien mächtigen Geistes machte ihn sprachlos - wie ein Adler faßte ihn die Liebesflamme und hob ihn empor - er glühte an ihrem blühenden Angesicht , und die Brautfackel der untergehenden Sonne schlug mit großen Flammen zwischen beide herein . » Linda , « ( fing er endlich mit zitternder feierlicher Stimme an ) » wenn wir es wissen könnten , daß wir uns je verließen oder verlören - O ! Linda , « ( fuhr er mühsam fort unter seinen Tränen und Küssen ) » wenn das möglich wäre , es sei durch meine Schuld , oder durch das kalte Schicksal : wär ' es dann nicht schöner , wenn wir uns in dieser Minute hinunterstürzten in den See und in unserer Liebe stürben ? « - Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein , welche Jünglinge und Jungfrauen zu den Göttern entführt ; und die Lebens-Dämmerung war zu hellem Morgenrot entzündet . » Wenn du das weißt , « ( sagte Linda ) » so stirb jetzt mit mir . « - - Da weckte beide Juliennens ferne Stimme - endlich kam sie selber mit Dian zum Abschied . Sie sahen erwachend , von der Sonne und Liebe geblendet , umher , und alles war verändert - die Sonne war versunken , der weite See mit Nebel-Schatten bezogen und die Welt erkältet , nur die hohen Eisberge loderten noch rosenrot ins Blau , wie Gedächtnissäulen der flammenden Bundes-Stunde . Vor Albanos Seele stand noch das menschentrennende Schicksal , die kalte verhüllte Felsen-Gestalt , deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt . Er wollte nun durchreißen und sogleich ohne feiges Zögern in den Winter hinunter . » O bis der Hesperus untergegangen , verzieh ! « lispelte Linda . Er blieb ; aber beide hatten keine Worte mehr , nur die Augen ; die festgehaltenen Adler , die vorhin den himmlischen Venuswagen durch den Himmel gerissen , flatterten daran wild auf . Der Abendstern ging unter ; der halbe Mond in der Himmelsmitte legte Strahlen als Zauberstäbe an die Erde an und verwandelte sie in eine heilige blasse Welt des Herzens . » Nur noch den großen Stern laß hinab « - sagte sie und sah ihn sehnsüchtig an . Er tats . Die Nachtigallen hüpften tönend zwischen den Silberzweigen ; nur die Menschen hatten Himmel und Liebe ohne Stimme . » Nur noch ein Sternchen ! « bat sie ; er gehorchte , schon vom Worte gerührt ; aber sie entschied sich selber und sagte : » Nein , geh ! « - » Wir wollen , Dian ! « sagt ' er . Dieser ging Liebe-schonend die Terrassen voraus hinab . Heftig und lange lagen die beiden Geschwister einander am Herzen und wünschten sich ein heiteres unbestürmtes Wiederfinden . Linda gab ihm nur die Hand und sagte kein Wort ; wie der stille Himmel der Nacht seine heiße Sonne bedeckt , so war ihr flammendes Herz verborgen ; und da er ging , schloß sie , ohne nachzublicken , seine Schwester an die wallende Brust . Glanz und Nacht und Duft bestreueten die Himmelsleiter der Terrassen , die er herunterging . Leise flog sein Schiff durch den Sternen- und Blüten-Schnee , der auf den Wellen wehte - die Nachtigallen der beiden Inseln klangen zusammen - die Schiffer sangen ihnen frohe Lieder zurück - die Orangendüfte führte der günstige Wind dem Schiffchen nach ; - aber Albano hatte Herz und Angesicht weinend nach der versinkenden Pyramide gewandt . Die Schwester hatte allein auf der Höhe nachgesehen , dann war auch diese verschwunden - die Nachtigallen riefen noch leise nach - endlich war alles verhüllt . - Er kehrte sich um nach den blaß-schimmernden Eisgebürgen , wie nach den Leuchttürmen seiner Fahrt , und vom Himmel dieses Tags war ihm nun nichts geblieben als die leitende Liebe , wie der Schiffer dem Magnete folgt , wenn die heiligen Sterne sich verborgen haben und ihn nicht mehr führen . 119 . Zykel Albano und Dian flogen über die deutschen Gefilde freudig so manchem teuern Herzen entgegen , und nichts wurde getäuscht als ihre - Furcht vor dem Abstande ihrer Reise-Länder . Statt des schwarzen Lavasandes und des verbrannten Bodens hinter ihnen deckte jetzt das helle frische Grün die Ebenen und kühlte das geblendete Auge . Die Wellen grüner Ähren-Fluren schlugen sich so lustig als die Wellen des blaugrünen Meers . In dichtern , längern , höhern Wäldern wehten neue Schatten , gleichsam schöne kleine Abende , die sich vor dem Tag verkrochen . Nach dem schwarzen Grün der welschen Bäume kehrte das helle lachende der deutschen Gärten zurück ; und neue Vögel-Chöre wiegten sich in Wolken und in Wäldern und grüßten das Menschen-Herz und schickten ihm ihre leichte schuldlose Freude herab . Von Frühling zu Frühling zog der glückliche Albano mit seinen Liebesträumen ; wie