nicht stehen lassen ! “ rief sie nach einer Weile . „ Der Mann will die Predigten drucken lassen , er muß mir dankbar sein , wenn ich die gröbsten Fehler ausmerze . “ „ Ernestine , nimm Dich in Acht , er könnte es Dir übel nehmen ! “ warnte Gretchen . „ O nein , die paar Worte darf ich schon ändern . Was durch meine Hände geht , soll auch so viel als möglich gereinigt daraus hervorgehen . “ Gretchen schüttelte den Kopf . Ernestine vollendete die Abschrift . Nach einer halben Stunde war sie fertig und schickte sich an , sie zu dem Geistlichen zu bringen . Die Tage begannen länger zu werden . Obgleich es schon vier Uhr sein mußte , schien doch die Wintersonne freundlich herein und von dem Dachvorsprung unter den Mansardenfenstern rieselten Bäche geschmolzenen Schnees herab . „ Kommst Du bald wieder ? “ rief Gretchen Ernestinen nach , als sie ging . „ Sogleich ! “ erwiderte diese und schritt mit ihrem Paket Schriften unter dem Arm zur Tür hinaus . Gretchen blieb allein zurück . Nach Verlauf einer halben Stunde schallte ein fester Schritt die Treppe herauf . Gretchen horchte hoch auf , ihr Herz schlug in froher Erwartung — wer kam so plötzlich in ihr einsames Versteck ? Es blieb ihr nicht lange Zeit zum Nachdenken , denn schon pochte es kräftig an die Tür — „ Herein ! “ rief Gretchen und „ Jesus — er ist ’ s ! “ im selben Augenblick . Möllners imposante Gestalt stand unter der niederen Tür . „ Ich hab ’ s gewußt , daß Sie kommen , ich hätte Sie schon eher nach meinem Briefe an Hilsborn erwartet . Gott grüße Sie ! “ rief das Mädchen und zog ihn ins Zimmer . Johannes schüttelte ihre beiden kleinen Hände . War es vom Treppensteigen oder von innerer Bewegung ? Er war unfähig , ein Wort zu sprechen . Gretchen nahm ihm Hut und Mantel ab , er ließ es geschehen , er sah sich nur stumm in dem ärmlichen Gemach um und ein tief mitleidiges „ Lieber Gott “ — entrang sich seinen Lippen . Gretchen verstand ihn . Sie ließ ihm Zeit , Atem zu schöpfen . Endlich fragte er : „ Wo ist sie ? “ „ Sie ist zum Pfarrer gegangen , Abschriften hin ­ zutragen . Er gibt ihr aus Erbarmen seine Predigten zum kopieren . Doch sie muß bald zurückkommen . Erschrecken Sie aber nicht , denn sie sieht elender aus als je . Wir haben in der letzten Zeit gar zu schlecht gelebt . “ Johannes faßte Gretchens Hand : „ Gretchen , können Sie mich nicht verbergen , ich fühl ’ s , ich habe die Ruhe noch nicht , ihr entgegenzutreten . Ich muß mich erst sammeln . “ „ Ja , kommen Sie nur in die Küche . Es ist auch für Ernestinen gut , wenn ich sie erst vorbe ­ reite , sie ist gar schwach und man muß vorsichtig mit ihr sein . “ Gretchen führte Johannes in das kalte , dumpfe Gelaß , welches sie Küche nannte . „ Sehen Sie , da hat das arme Geschöpf seit fünf Monaten unser dürftiges Mittagsbrot gekocht , und geweint , wenn es was verdarb . O — hätten Sie diese stolze Ernestine sich quälen , mühen und darben sehen wie ich , Sie hätten es nicht so lange ausgehalten , Sie hätten dem Jammer früher ein Ende gemacht . “ „ Wohl mir , daß ich es nicht sah — ich wäre schwach gewesen und hätte vielleicht Alles durch eine Übereilung verdorben . “ „ Ach verzeihen Sie mir , aber ich meine doch — Sie sind ein recht harter Mann . Mein Hilsborn hätte mich nicht so lange in der Not gelassen , wenn er ’ s ändern gekonnt ! “ „ Das mag wohl sein , Gretchen . Aber glauben Sie mir — Ernestine muß anders behandelt werden als Sie . Ein so gewaltiger Charakter wie Ernestine brauchte den Kampf mit dem Leben , um sich naturgemäß zu entwickeln . Es wäre eine törichte Schwäche gewesen , ihn ihr zu ersparen , und wer weiß , ob sie selbst es mir noch jetzt nicht unmöglich macht , ihn abzukürzen . “ „ O nein , wenn Sie Ernestinen sehen , so werden Sie fühlen , daß es die höchste Zeit war , sie aufzurichten , denn seit dem letzten Fehlschlagen all ihrer Versuche , eine Stelle zu erhalten , ist sie gebrochen . — Wenn es noch länger dauerte , würde ihr Gemüt verbittert und ihre Gesundheit hält auch nicht mehr viel aus ! “ Johannes warf sich auf den hölzernen Stuhl am Fenster , wo Ernestine inmitten aller Prosa ihren poetischen Träumen nachgehangen hatte : „ Hier ist ein Brief an Sie , Gretchen , Hilsborn hofft sicher , Sie nun bald in seinen Armen zu halten , er hätte mich gerne begleitet , aber er kann mitten im Semester nicht fort . “ „ Der engelsgute Mann , “ sagte Gretchen und drückte den Brief an die Lippen . „ Er weiß es nicht , wie ich mich nach ihm sehne — und doch darf ich Ernestine nicht verlassen , bevor sie geborgen ist ! “ „ Sie sind ein edles Kind , Gretchen ! Und wenn Ernestine ahnte , was Sie ihr opfern , sie würde es nimmer dulden , daß — “ er hielt inne , heiße Röte überzog sein Gesicht , er begann merklich zu zittern , selbst seine bärtigen Lippen bebten , als er flüsterte : „ Das ist sie , — sie kommt die Treppe herauf ! Um Gottes willen , Gretchen , gönnen Sie mir Zeit , mich zu fassen . “ „ Ich will ihr entgegen gehen , damit sie nicht hereintritt , “ sagte Gretchen . Johannes zog ein Buch hervor : „ Hier , da legen Sie ihr dies auf den Tisch . Es ist mir endlich gelungen , noch ein Exemplar von der vergriffenen Ausgabe der Märchen Andersens zu bekommen , die ich ihr einst geschenkt und die sie verbrannte . Es wird sie in freundlicher Weise auf meinen Anblick vorbereiten . “ „ Gut , gut ! “ Gretchen eilte mit dem Buche hinaus und legte es in Ernestinens Arbeitskorb . Doch sie erschrak , als sie die Erwartete eintreten sah . Die schöne Gestalt bebte , die großen Augen flammten und dunkle Schatten lagen auf dem bleichen Gesicht . „ Was ist Dir , Ernestine ? “ fragte Gretchen . Ernestine warf Hut und Mantel ab , rang die Hände und schritt im Zimmer auf und nieder . „ Auch das hin , auch das ! “ „ Was denn , Ernestine , was ? “ „ Der Pfarrer hat mir die Abschrift seiner Predigten entzogen , — weil ich mir seine Fehler zu korrigieren erlaubt . “ „ Ach , ist es nur das ? “ rief Gretchen sehr erleichtert . „ Nur das ? “ sagte Ernestine bitter . „ So fragst Du , gutes Geschöpf , weil Du kein Unglück darin siehst , mich von nun an wieder ganz allein ernähren zu müssen mit Deinem unermüdlichen Fleiße . Du kannst wohl sagen : „ Nur das ? Ernestine bildete sich ein , die Erste und der Stolz ihres Geschlechtes sein zu können — jetzt ist sie nur eine Bettlerin , nur der Gnade guter Menschen anheimgegeben , nur brauchbar , die Dienste einer Magd zu tun , und diese nur sehr schlecht ! Was kommt denn darauf an , wenn ein Mensch nur den Glauben an sich , nur die Würde vor sich selbst verliert ? O nur das ! “ Gretchen streichelte ihr die Wangen . Es lächelte — wie konnte es lächeln in diesem Augenblick ? „ Ach , Ernestine , warum mußtest Du den guten Möllner abweisen , als er das erste Mal um Dich warb ! Ich begreife es nicht , wie man solch einen Mann nicht auf den ersten Blick lieben kann . Wenn Du nur nicht einmal zu spät erkennst , was Du verscherzt . “ „ Gretchen , “ sagte Ernestine und sah sie mit einem großen Blick an : „ Was ich verscherzte , ich weiß es längst ! Der Hochmut hat sich längst gerächt , mit dem ich ihn von mir wies , weil ich ihm nicht mein männlich ’ Streben opfern wollte . — Sieh , Gretchen , wir träumen oft — wir flögen , eine innere Schwungkraft trüge uns so hoch , daß uns schwindelt und unsägliche Angst uns befällt , wir würden der Erde entrückt und gingen verloren im Leeren . Aber jene geheimnisvolle Kraft ist stärker als wir und reißt uns höher und höher . Immer schweigender dehnt sich um uns der unendliche Raum , immer mehr ver ­ wirrt uns der Schwindel . Da endlich verlieren wir das Gleichgewicht , wir stürzen jählings hinab und erwachen . — Gretchen , ein solcher Traum war das Symbol meines Lebens . So hatte mich mein Ehrgeiz auf eine Höhe geführt , aus der ich mich nicht zurückfand , in der ich mich nicht erhalten konnte — und so stürzte ich herab , als ich das Gleichgewicht verlor . Aber statt des Abgrundes empfingen mich weiche Arme , und sicher geborgen erwachte ich zu einer trauten Wirklichkeit . Doch in der ersten Verwirrung hielt ich die Arme , die mich tragen wollten , für Fesseln , ich stieß sie von mir und nun lieg ’ ich gebrochen , verzweifelnd am Boden ! “ Sie warf den Kopf mit verhülltem Gesicht auf den Tisch . Gretchen holte leise das Buch aus dem Korb , in den sie es gelegt . Es fand ein Zeichen darin und begriff sogleich , daß Johannes etwas damit bezweckt haben mußte . Es schlug die bezeichnete Seite auf und legte es schweigend vor Ernestine hin . Diese hob endlich den Kopf , ihre Augen fielen zerstreut darauf , sie schaute und schaute , als könne sie nicht fassen , was sie sah . Sie griff sich nach der Stirn , träumte sie denn ? Das war ja ihr altes ge ­ liebtes Buch — das war der Schwan , den sie verbrannt . „ Allmächtiger Gott , “ schrie sie zwischen Lachen und Weinen : „ Stehen denn die Toten wieder auf ? Mein Schwan ! — Wer brachte mir das ? O — ihr Träume meiner Kindheit — wer bringt euch mir wieder ? “ Sie sank auf die Knie nieder und legte das tränenfeuchte Antlitz auf das Buch . — Es ward Nacht um sie her . Vor ihr auf dem Tische brannte die Lampe und unweit lag ihr Vater im Bette und schlummerte röchelnd . Sie las das Märchen vom häßlichen Entlein und über ihrem Haupte rauschten leise die Schwanessittige , in ihren Locken zitterten noch die Blättchen der Eiche , von der sie der Jüngling herabgeholt aus Todesgefahr , der schöne , der wonnige Jüngling ! Und dann erwachte der Vater und schickte sie zum Oheim hinauf . Das Fernglas war eingestellt , und sie blickte hindurch , schmachtend nach einem Frie ­ den , dessen Seligkeit sie ahnte , ohne ihn gewinnen zu können , von einer Sehnsucht voll , die sie hinauftragen wollte zu den fernen Welten , die da oben so still durch die Unendlichkeit gleiten . Jetzt wußte sie , was sie so heiß im All suchte , — es war die Liebe ! Aber da oben war sie nicht , wo war sie ? Da stand sie plötzlich auf dem Hügel in ihrem Garten , und die treue Seejungfrau schwebte in Gestalt einer Abendwolke an ihr vorüber , und eine tiefe weiche Stimme sagte : „ Armer Schwan ! “ Da , ja , da war es , was sie suchte ! „ Armer Schwan ! “ tönte es ihr aber nun wirklich in die Ohren und sie stieß einen Schrei aus und floh in unbeschreiblichem Schreien , sie lief fort — weit , immer weiter , das Zimmer dehnte sich zu einem unermeßlichen Raum , den sie durcheilen sollte , und doch kam sie nicht von der Stelle , wie sie auch lief und hastete , immer war und blieb sie auf demselben Fleck , bis sie sich stürzen fühlte , aber nicht tief — zwei Arme fingen sie auf — und jetzt kam Ruhe über sie — wunderbare Ruhe . „ Soll ich Wasser holen ? “ fragte Gretchen . „ O nein , gönnen Sie mir den einzigen Augenblick , “ sagte Johannes und schmiegte die leblose Gestalt fest an sich : „ Wer weiß , ob sie sich beim Erwachen nicht aus meinen Armen reißt . “ „ Sie hätten sie auch nicht so plötzlich anreden sollen , “ meinte Gretchen . Da schlug Ernestine die Augen auf . Ein langes , staunendes Anschauen und Besinnen , ein tiefes Atemschöpfen . Noch eine Sekunde und sie machte sich aus der Umarmung los , in der sie so selig geruht . „ Nun — habe ich sie gekannt ? “ flüsterte Johannes Gretchen zu . , ,Du hast mich so überrascht , Johannes , ich war schwach — ich muß mich vor dir schämen , “ sagte sie , mühsam nach Fassung ringend . „ Schämen müßtest Du Dich , wenn Du in diesem Augenblick das sein könntest , was Du stark nennst ! “ erwiderte Johannes . Er winkte Gretchen , es verstand ihn und ging hinaus . Johannes sah Ernestinen lange und innig in die Augen : „ Laß mich noch ein ernstes — letztes Wort mit dir sprechen , liebe Seele ! — Ich weiß , es ist eine andere Ernestine , die ich soeben in den Armen hielt , als die , welche mich vor fast einem halben Jahre verließ — das habe ich gefühlt an dem Pochen deines Herzens . Aber fürchte nichts — ich komme nicht , um Deine Hilflosigkeit zu meinem Vorteil auszubeuten , nicht um Dich zu einem Entschlusse zu bewegen , der , wie es jetzt um Dich steht , das entwertende Gepräge der Notwendigkeit trüge . Ich begreife Dich ganz . Du bist eine jener großen , wunderbar organisierten Naturen , die keinen Zwang von außen dulden , deren Handeln sich frei aus ihnen selbst entwickeln muß . Solche Wesen durch Gewalt zu beeinflussen , wäre ein so nutzloses Beginnen , wie wenn wir eine Rose dadurch zum Blühen bringen wollten , daß wir ihre Knospe aufbrächen ; wir würden sie nur zerpflücken , nicht entfalten . — Deshalb war ich bestrebt , Dir wiederzugeben , was Dir so notwendig ist , wie Luft und Licht : die Unabhängigkeit ! Du warfst mir einst Eigenmächtigkeit und Selbstsucht vor , Du sollst Dich überzeugen , daß Du mir hierin wenigstens Unrecht getan ! Es ist mir gelungen “ — er zog ein Papier aus der Brusttasche — „ Dir durch meinen Freund und Kollegen Brenter in Petersburg eine Stelle zu verschaffen und zwar als Lehrerin der Naturwissenschaften an der dortigen berühmten Bildungsanstalt für Erzieherinnen . Die Stelle ist in jeder Hinsicht eine glänzende und war bisher immer nur von Männern besetzt . Über Deine Zeit hast Du mit Ausnahme der wenigen Unterrichtsstunden vollständig zu verfügen , Deine Studien kannst Du im größten Umfang fortsetzen , meine Empfehlungen werden Dich in die wissenschaftlichen Kreise Petersburgs einführen . Dein Leben wird all den Anfordernden einsprechen , die Dein Ehrgeiz früher stellte . Du hast eine würdige Gelegenheit , Dein Brot selbst zu verdienen und Dir sogar früher oder später das zu erringen , was Dir als das höchste Ziel erschien : die Doktorwürde , denn die russischen Universitäten sind in dieser Hinsicht nicht so streng , wie die deutschen . Hier der Brief Brenters . Du siehst , ich habe Dich unabhängig von jeder , auch von meiner Hilfe gemacht . Ich habe Dir aber auch dadurch die Möglichkeit gegeben , mir ein Opfer zu bringen , und zwar ein großes ! Du läufst nun nicht mehr Gefahr , durch Annahme meiner Hand in den Verdacht zu kommen , es sei Dein Entschluß kein freier und Deine Liebe nur Furcht vor dem Elend . Wenn Du mich jetzt erwählst , so gibst Du eine glänzende Aussicht für mich hin . Ich werde Dich zu nichts überreden . Jetzt bist Du frei zu wählen : Willst Du von mir gehen , so sind Dir die Tore einer großen Zukunft erschlossen und die Pforten meines Herzens und meines bescheidenen Hauses stehen Dir offen , wenn Du die Meine werden willst , ich kann nichts weiter sagen als : wähle ! “ „ Das , das hast Du für mich getan ! “ sprach Enestine , an allen Gliedern zitternd . „ So hast Du mich verstanden und meinen Stolz geehrt ! — So zart und doch so entschlossen handeltest Du für mich ? O welches Wort , welche Tat wäre groß genug , Dir zu danken ? “ „ Wie Du mir danken sollst ? Ernestine , frage Dein eigenes Herz ! “ „ Ich will nicht nur auf mein Herz hören , ich will tun , was mich einer solchen Liebe am würdigsten macht . O , wozu soll , wozu darf ich mich denn nun entschließen ? “ „ Ich will es Dir sagen , wenn Du ’ s nicht weißt , zum letzten Male will ich es Dir sagen : Der wahre Stolz ist es , wenn Du einsiehst , daß Du mir nichts Kostbareres geben kannst , als Dich selbst , daß äußerer Reichtum und äußere Ehren nicht Deinen Wert zu erhöhen vermöchten . Die wahre Demut ist es , wenn Du aus der Hand des Mannes , der Dir sein Leben hingibt , auch das Geschick des Deinen fraglos empfangen wolltest . Groß magst Du handeln , wenn Du von mir gehst , aber nicht weiblich , und was ist eine solche Größe , auf Kosten des Herzens geübt ? Eine vereinzelte Tat , die Dich im gewaltigen Anlauf mit hinausreißt über die schützenden Grenzen Deines Geschlechts in eine Sphäre , in der Du Dich nicht behaupten kannst . Gib ihn auf , den falschen Stolz , der das Ruhmvolle immer in dem sucht , was wider die weibliche Natur ist , und erkenne , daß Du nichts Größeres tun kannst , als einen Menschen so zu beglücken , wie Du mich beglücken würdest , wärst Du , wie Gott Dich gewollt , ein liebendes , ein echtes Weib ! “ Er brach ab . „ Doch wiederhol ’ ich es , Du hast die Wahl ! “ „ Die Wahl , — bleibt mir da noch eine Wahl ? “ rief Ernestine mit strahlendem Blicke . „ Soll ich noch jetzt heucheln und ein Gefühl verbergen , dessen ich längst kaum mehr Meister ward ? Was ist Gelehrsamkeit und Ruhm , was der Glanz der Stellung , die Du mir geboten , gegen das Glück , das mich jetzt durchströmt ? Ich werfe sie hin mit all dem falschen Stolz — und wähle Dich , Johannes ! “ Sie sank an seine Brust . Er umschlang sie wie träumend , ihr keuscher Mund war ihm zugewandt . Er drückte seine Lippen auf die ihren , fester und fester , ohne Atem zu schöpfen , als wolle er mit einem einzigen Kuß auf sie überströmen alle Inbrunst , alles seit Monaten zurückgedämmte Verlangen seines Herzens . Sie zitterte wie die kaum erschlossene Blume im ersten Gewitterregen und dennoch war ihr so wohl wie damals , wo sie sich als ein mutiges Kind mit dem verwandten titanischen Geiste maß , der aus dem bewegten Elemente sie überdrang . Sie erkannte jetzt plötzlich , daß die Liebe keine Schwäche , sondern eine Kraft — und daß es göttlich sei , diese Kraft zu betätigen . Endlich hob sie den Kopf und sah ihm mit feuchtem Blick in die Augen : „ Johannes , Du großer , Du bester Mann , vergib , vergib all mein Irren und Fehlen ! Ach ; ich habe es ja längst bereut ! “ Johannes betrachtete sie in tiefer Rührung . „ Meine Ernestine , hast Du sie endlich erkannt die dritte Macht , von der ich Dir einst sprach ? “ „ Ja , ja , ich erkenne sie und ich beuge mich ihr ! “ Sie faltete verklärten Angesichts die Hände . „ O Geist der Liebe , zieh ein in mein Herz und lehre mich , dieses Mannes würdig zu sein . “ * * * Das war eine Doppelhochzeit , wie die Stadt N * * noch keine sah ! Möllner und Ernestine , Hilsborn und Gretchen wurden an einem Tage getraut . Die ganze Stadt hatte sich vor dem stillen Professorenhause versammelt , um die endlose Zahl der Gäste aussteigen zu sehen , welche die Brautpaare in die Kirche geleiten sollten . „ Das ist eine von den Brautjungfern , aber eine alte ! “ flüsterten die Leute , als Elsa mit ihrem Bruder ausstieg . „ Und das ist wieder eine , aber eine ganz kleine , “ hieß es . Ein hübscher junger Mann hob ein reizendes braunäugiges Kind aus dem Wagen . Es war gar schön weiß und rosa angetan und trug einen großen Strauß in der Hand . „ Ach , aber es hat nur einen Arm ! “ wisperte man wieder , als es mit seinem freundlichen Kavalier durch die Reihen der Neugierigen trippelte . Die beiden ungleichen Brautjungfern stiegen hintereinander die Treppen zwischen Blumengewinden und hohen Topfgewächsen hinan . Die Türen des großen Saales waren geöffnet und eine dichte Schar drängte sich darin hin und her . Die Vertreter sämtlicher Fakultäten , viele Patienten Hilsborns , eine Menge von angesehenen Familien der Stadt N * * waren schon im höchsten Staate versammelt . Man hatte sich zwar anfangs gar nicht von seinem Staunen erholen können , daß Möllner nun doch die Hartwich heirate , aber endlich mußte man sich wohl beruhigen , denn Möllner war am Ende immer ein Mann , der wußte , was er tat . Und wer noch gar zur Hochzeit geladen ward , der erklärte sich schon deshalb mit der Partie einverstanden ! Selbst Elsa war dadurch einigermaßen versöhnt , daß Möllner sie zur Brautjungfer auserkoren hatte . „ Es ist auch schön , Brautjungfer zu sein , “ hatte sie noch am Morgen zu ihrer Schwägerin gesagt . „ Es wird mir das Herz brechen , aber ich grolle nicht ! Ich werde dahin welken , wie die Blüte , die Zephyre vom Baume schüttelten , bevor sie zur Frucht reifen konnte . O nein , ich grolle nicht , ich teile das Los von Millionen meiner Schwestern . Die Blüte ist nicht zu beklagen , die in jungfräulicher Reine den sanften Tod der Unschuld stirbt ; der nur ist zu beklagen , der achtlos über sie hinwegschreitet , ohne die Süßigkeit der Frucht zu ahnen , die sie ihm hätte bringen können . “ Sie dachte nicht , daß der poetische Tod , von dem sie träumte , ihr noch lange nicht beschieden war , und daß sie einst in späten Jahren als stets gern gesehene „ Tante Elsa “ in Möllners Hause aus- und eingehen und einer kleinen aufmerksamen Schar anmutige Geschichten erzählen werde von den Elfen , Nixen und Heublümlein , mit denen sie in ihrer Jugend so sinnig verkehrte . — So hatte sie sich denn mit einem meergrünen Tarlatankleide und einem Kranz von Pfirsichblüten geschmückt . Um den schlanken Leib hatte sie eine endlose schmale Schärpe von weißem Atlas geschlungen . Es mochten wohl Viele reicher angetan sein , meinte sie , aber gewiß Niemand so sinnreich und poetisch . Ihr Bruder war jedoch in einer fürchterlichen Stimmung , als er den schwarzen Frack anzog , in dem er vor bald einem Jahre der Gräfin Worronska so erfolglos gehuldigt . Denn er hatte an diesem Morgen die Nachricht bekommen , daß die schöne Frau bei einem Wettrennen in Petersburg das Leben verloren , und der Schmerz , der ihn um das immer noch geliebte Weib erfaßte , war um so verzehrender , je tiefer er ihn verbergen mußte . — So traten Elsa und Herbert , Walter und Käthchen unter den verschiedensten Empfindungen durch die breite Flügeltür ein und wurden von der Staatsrätin , Möllner und Hilsborn empfangen . Es war trotz der vielen Leute eine feierliche Stille im Saale , denn mau erwartete die beiden Bräute , die jeden Augenblick eintreten mußten . Wer hat nicht den leisen Schauer empfunden , mit dem wir eine Braut aus ihrem jungfräulichen Gemach hervorkommen sehen , um den wichtigsten Schritt des Lebens zu tun , — den vor den Altar ? Niemand wandte mehr ein Auge von der Tür des Seitenzimmers . — Jetzt ward sie geöffnet . Johannes , an der Seite seiner Mutter , und Hilsborn neben Heim stellten sich ihr gegenüber , die Gäste zogen sich ehrerbietig an die Wand zurück , ein großer Raum blieb frei . Langsamen Schrittes , in den wallenden Schleier , wie in eine weiße Wolke , gehüllt , das schöne Haupt gesenkt unter der Myrtenkrone , trat Ernestine ein . Die dunklen Wimpern waren niedergeschlagen und von der hohen Stirn leuchtete der ganze Adel zu vollem Bewußtsein gekommener Weiblichkeit und Liebe . Sie blieb stehen , verwirrt , befangen vom Anblick so vieler Menschen , die sie bewundernd anstarrten und hörbar flüsterten : „ Welch eine schöne Braut ! “ Ganz gegen Brauch und Sitte , nur der Eingebung des überströmenden Herzens folgend , eilte ihr Johannes entgegen und überwältigt sank er vor der hehren Erscheinung auf die Knie . „ Mein Schwan , “ flüsterte er , „ jetzt hast Du Dein Gefieder entfaltet ! “ Ernestine neigte sich über ihn und er fühlte ihre Tränen auf sein Haupt fallen . „ Johannes , “ sagte sie leise , „ ich will Dir ’ s nur bekennen , ich habe Dich geliebt , seit Du mir vor nun bald dreizehn Jahren die Verheißung von dem Schwane brachtest , und habe es doch nicht begriffen , daß nur Du es warst , durch den sie sich erfüllen konnte ! “ „ So liebtest Du mich schon als Kind und hast mich doch so lange hingehalten und gequält ? O , Ernestine , welche Strafen gibt es denn für solch eine Sünde ? “ Ernestine sah ihn mit unbeschreiblicher Liebe an . „ Nur eine , mein Freund , aber sie ist hart genug : die Reue über die verlorene Zeit . “ „ Amen , meine Tochter ! “ sagte die Staatsrätin und küßte Ernestine auf die Stirn . Zögernd und schüchtern war die zweite liebliche Erscheinung Ernestinen gefolgt : Gretchen , mit glühenden Wangen und seligem Lächeln . Hilsborn ging ihr mit seinem Brautvater entgegen , Heim zog sie väterlich warm an seine Brust . Hinter ihr trat Angelika ein und die treue Willmers , welche die Bräute geschmückt hatten . Jetzt war Alles bereit . Johannes und die Staatsrätin holten aus einer Ecke des Zimmers eine gebeugte , rührende Gestalt hervor und führten sie Ernestinen zu . Es war der Brautvater , den sich Ernestine erkoren , der alte Leonhardt . „ Vater , “ sagte Ernestine leise und faßte mit der einen Hand die des Blinden , mit der andern die der Staatsrätin , „ Vater , Mutter im Geist und in der Wahrheit , ich danke Euch ! “ „ Ernestine , “ sagte Leonhardt , „ ich hatte in meinem Leben nur einen Tag , an dem ich so glücklich war wie heute . Es war mein eigener Hochzeitstag . Ich dachte immer , ein zweiter solcher könne gar nicht wiederkehren , nun aber habe ich ihn Dank Dir doch noch einmal erlebt . Gott segne Dich dafür . “ Er hatte auch , um das Maß des Glückes zu häufen , die Ernennung seines Sohnes zum Doktor erfahren . Walter hatte heimlich mit Ernestinens Apparaten und Büchern weiter studiert und ohne Wissen seines Vaters seine Dissertation geschrieben . Gestern nun konnte er ihm ein dickes Pergament in die Hand drücken und als er es fragend betastete , ihm zurufen : „ ’ S ist mein Doktor-Diplom ! “ so daß den alten Herrn vor Freude fast der Schlag getroffen hätte ! „ Nun macht aber endlich , daß es vorwärts geht , “ erscholl auf einmal die energische Stimme Moritz Kerns : „ Was seid Ihr für Liebhaber , daß Ihr Euch nicht besser tummelt ! Zeit zum Überlegen hattet Ihr vollauf , reuen wird ’ s Euch doch nicht mehr ? Also in Gottes Namen zur Kirche ! “ „ In Gottes Namen ! “ wiederholte Ernestine leise und ihre ganze Seele lag in dem Worte . — Ein Jahr später . „ Ja , wer hätte gedacht , daß die Ernestine sich noch so machen würde , “ sagte Schwager Moritz in gedämpftem Ton zu Angelika . Die Beiden schritten in augenscheinlicher Spannung und Erregtheit in Möllners Wohnstube auf und nieder , welche jetzt ganz so eingerichtet war wie Ernestinens ehemaliges Arbeitszimmer . Hinter den blauen Gardinen am Fenster standen Hilsborn und Gretchen . Ihnen war das Herz zu voll , um zu sprechen . Gretchen hatte die Hände gefaltet und schaute ängstlich betend empor , Hilsborn hielt sie in bangem Schweigen umfaßt . Auch Moritz blieb manchmal an der Tür stehen , die in das Nebengemach führte , und horchte , aber er wollte sich durchaus keine Besorgnis anmerken lassen und plauderte lustig weiter : „ Ja , wer hätte das gedacht ! Wie es der Johannes nur angefangen haben muß , den Querkopf zurecht zu setzen ? “ „ Ich sagte Dir ’