zwei Tagen auf der Reise und fühle mich sehr ermattet . Gute Nacht ! « » Noch ein einziges Wort , Jane ! Waren nur Damen in dem Hause , wo du lebtest ? « Ich lachte laut auf und entwand mich ihm . Und als ich die Treppe hinauslief , lachte ich noch . » Eine köstliche Idee ! « dachte ich voll Freude , » Ich sehe , daß ich das Mittel in Händen habe , ihn so zu quälen , daß seine Melancholie für kurze Zeit wenigstens keine Gewalt mehr über ihn haben wird . « Sehr früh am nächsten Morgen hörte ich ihn schon rastlos von einem Zimmer ins andere wandern . Sobald Mary nach unten kam , vernahm ich die Frage : » Ist Miß Eyre hier ? « und dann : » Welches Zimmer habt Ihr für sie in Ordnung gebracht ? War es auch trocken ? Ist sie schon aufgestanden ? Geh und frag , ob sie irgend etwas braucht , und wann sie herunter zu kommen gedenkt . « Ich kam hinunter sobald ich glaubte , daß irgend eine Aussicht auf Frühstück vorhanden sei . Ich trat sehr leise ins Zimmer und so gewann ich ein Bild von ihm , ehe er meine Anwesenheit bemerkte . Es war traurig in der That zu gewahren , wie körperliche Gebrechlichkeit jenen mächtigen Geist unterjocht hatte . Er saß in seinem Stuhl – still , aber nicht ruhig , augenscheinlich voll Erwartung ; die Linien gewohnheitsmäßiger Traurigkeit hatten sich scharf in seine kräftigen Züge gegraben . Sein Gesicht erinnerte mich an eine gewaltsam ausgelöschte Lampe , welche darauf wartet , wieder angezündet zu werden – und ach ! es war nicht mehr er selbst , der den Glanz eines belebten Gesichtsausdruckes anfachen konnte , er war jetzt für die Ausübung dieses Amtes auf andere angewiesen ! Ich hatte die Absicht gehabt , fröhlich und sorglos zu sein , aber die Hilflosigkeit dieses kräftigen Mannes ergriff mich auf das Tiefste ! Doch redete ich ihn noch mit der ganzen Fröhlichkeit , welche mir in diesem Augenblicke zu Gebote stehen konnte , an : » Es ist ein heller , sonniger Morgen , Sir , « sagte ich . » Der Regen hat aufgehört , und die Sonne scheint so milde herab . Wir müssen bald einen Spaziergang miteinander machen . « Ich hatte jenen Glanz , von welchem ich oben sprach , entfacht ; seine Züge belebten sich . » O , bist du wirklich da , meine süße Lerche ! Komm zu mir . Du bist nicht wieder fortgeflogen ? nicht verschwunden ? Vor einer Stunde hörte ich eine von deiner Art , sie sang hoch über dem Walde . Aber ihr Gesang hatte keine Melodie für mich , ebensowenig wie die aufgehende Sonne Strahlen hatte . Für mein Ohr konzentriert sich die Melodie der ganzen Erde in der Stimme meiner Jane ( und wie froh bin ich , daß sie nicht schweigsam ! ) und Sonnenschein empfinde ich nur in ihrer Nähe . « Die Thränen traten mir in die Augen bei dem Geständnis seiner Abhängigkeit . Es war gerade so , als wenn ein königlicher Adler , der an einen Pflock gefesselt , einen Spatz angefleht hätte , sein Wärter und Hüter zu sein . Aber ich wollte nicht lachrymos sein , ich wischte die Thränentropfen fort und beschäftigte mich damit , ihm das Frühstück zu bereiten . Den größten Teil des Morgens brachten wir im Freien zu . Ich führte ihn aus dem wilden , feuchten Walde hinaus in die sonnigen Felder ; ich beschrieb ihm , wie saftig grün sie seien ; wie erfrischt die Blumen und Hecken nach dem Regen aussähen , wie funkelnd blau der Himmel sei . An einem verborgenen , lieblichen Orte suchte ich ihm ein Plätzchen ; einen trockenen Baumstumpf . Und als er sich gesetzt hatte , wehrte ich ihm nicht , daß er mich auf sein Knie zog . Und weshalb hätte ich das thun sollen ? Waren wir beide doch glücklicher , wenn wir einander nahe waren ! Pilot lag neben uns . Ringsumher Ruhe , Frieden ! Plötzlich schloß er mich in seine Arme und rief : » Grausame , grausame Ausreißerin ! O Jane , was empfand ich , als ich entdeckte , daß du von Thornfield geflohen warst , und ich dich nirgend wiederfinden konnte ; als ich dein Zimmer durchsuchte und fand , daß du kein Geld noch irgend etwas , das dir an Geldesstatt hätte dienen können , mitgenommen hattest ! Ein Perlhalsband , das ich dir geschenkt , lag unberührt in seinem kleinen Etui ; deine Koffer waren verschlossen und geschnürt , wie sie für unsere Hochzeitsreise vorbereitet gewesen . Was konnte mein Liebling denn beginnen , fragte ich mich ohne Unterlaß , verlassen , ohne Geld , von allen Mitteln entblößt ? Und was begann er ? Laß mich das jetzt hören . « Auf sein Bitten begann ich endlich meine Erlebnisse des letzten Jahres zu erzählen . Als ich zu jenen drei Tagen des Umherwanderns , des Bettelns und Hungerns kam , milderte ich meinen Bericht sehr , denn es hätte ihm nur unnötigen Kummer bereitet , wenn er alles erfahren hätte ; das Wenige , was ich erzählte , verwundete sein treues Herz schon tiefer , als ich wünschte . Er sagte , ich hätte ihn nicht verlassen sollen so ganz ohne alle Mittel , mir einen Weg zu bahnen ; ich hätte ihm meine Absicht kundthun müssen . Ich hätte mich ihm anvertrauen sollen , denn er würde mich niemals gezwungen haben , seine Geliebte zu werden . Heftig wie er in seiner Verzweiflung geschienen , liebe er mich in Wahrheit doch zu tief und zu zärtlich , um sich jemals zu meinem Tyrannen zu machen . Er würde mir sein halbes Vermögen gegeben haben , ohne auch nur einen Kuß als Belohnung zu begehren ; aber ich hätte niemals ohne Schutz , ohne Freund in die weite Welt hinauswandern sollen . Er sei gewiß , daß ich viel mehr gelitten , als ich ihm jetzt gebeichtet habe . » Nun , welcher Art meine Leiden und Entbehrungen auch gewesen sein mögen , so waren sie doch nur von kurzer Dauer , « erwiderte ich und dann fuhr ich fort , ihm zu berichten , wie man mich in Moor-House aufgenommen hatte , wie ich die Stelle einer Schulleiterin erhalten u. s. w. In der richtigen Reihenfolge kam dann , wie ich zu meinem Reichtum gelangt , und die Auffindung meiner Verwandten . Natürlich kam der Name St. John Rivers im Verlauf meiner Erzählung häufig vor . Als ich zu Ende war , knüpfte er sofort an diesen Namen an . » Dieser St. John ist also dein Vetter ? « » Ja . « » Du hast viel von ihm gesprochen . Hattest du ihn lieb ? « » Er war ein sehr guter Mann , Sir ; ich konnte nicht umhin , ihn lieb zu haben . « » Ein guter Mann ? Bedeutet das ein achtbarer , ruhiger Mann von fünfzig Jahren ? Oder was soll das heißen ? « » St. John war erst neunundzwanzig Jahre alt , Sir . « » Jeune encore , « wie die Franzosen sagen . Ist er ein Mensch von kleiner Figur , phlegmatisch und häßlich ? Ein Mensch , dessen Güte eigentlich mehr darin besteht , daß er keinem Laster fröhnt , als daß er irgend eine Tugend übt ? « » Er ist unermüdlich thätig . Er lebt nur , um große und erhabene Thaten zu vollbringen . « » Aber sein Verstand ? Der wird wohl nur gering sein ! Er hat die besten Absichten , aber man zuckt die Achseln , wenn man ihn reden hört ? « » Er spricht wenig , Sir ; was er aber sagt , trifft stets ins Schwarze . Er hat einen außerordentlichen Verstand , – das ist meine Ansicht – nicht sehr empfänglich , aber mächtig . « » Er ist also ein gescheiter Mann ? « » Sehr gescheit . « » Ein durch und durch gebildeter Mann ? « » St. John Rivers ist ein hervorragender und gründlich gebildeter Gelehrter . « » Aber mich dünkt , du sagtest , daß seine Manieren nicht ganz nach deinem Geschmack seien ? – pfäffisch und langweilig ? « » Ich sprach durchaus nicht von seinen Manieren ; aber ich müßte einen sehr schlechten Geschmack haben , wenn sie mir nicht gefielen . Er ist höflich , ruhig und beherrscht sich stets . « » Sein Äußeres , – ich habe ganz vergessen , welche Beschreibung du von seinem Äußeren machtest ; eine Art von ungehobeltem Landprediger , der in seiner weißen Krawatte halb erstickt und auf seinen dicksohligen Stiefeln wie auf Stelzen geht , was ? « » St. John kleidet sich sehr gut . Er ist ein schöner Mann , schlank , blaß , mit blauen Augen und griechischem Profil . « ( Beiseite : ) » Hol ihn der Teufel ! « – ( Zu mir gewendet : ) » Und hattest du ihn lieb , Jane ? « » Ja , Mr. Rochester , ich hatte ihn lieb ; aber Sie haben mich ja schon einmal danach gefragt . « Ich bemerkte natürlich schon lange , was der Fragesteller beabsichtigte . Die Eifersucht hatte sich seiner bemächtigt , sie quälte und reizte ihn , aber dieser Reiz war gesund , er riß ihn aus der qualvollen Melancholie , welcher er anheimgefallen . Deshalb wollte ich das grünäugige Ungeheuer auch nicht sofort bändigen . » Vielleicht wird es Ihnen unbequem , Miß Eyre , noch länger auf meinem Knie zu sitzen ? « war seine nächste ziemlich unerwartete Bemerkung . » Weshalb , Mr. Rochester ? « » Das Bild , welches Sie mir soeben entworfen haben , muß Ihnen den überwältigenden Kontrast noch deutlicher vor Augen führen . Ihre Worte haben einen herrlichen Apoll auf das anmutigste gezeichnet ; er steht Ihnen sehr lebhaft vor Augen – schlank , bleich , blaue Augen , griechisches Profil ! Und jetzt ruhen Ihre Augen auf einem Vulkanus – ein wahrer Grobschmied , braun , breitschultrig und obendrein noch lahm und blind . « » Daran habe ich bis jetzt noch nicht gedacht ; aber Sie sind dem Vulkanus allerdings ähnlich , Sir . « » Gut , schöne Dame , Sie können mich jetzt verlassen ; aber bevor Sie gehen , « ( und hier hielt er mich fester denn zuvor ) » werden Sie die Gewogenheit haben , mir noch eine oder zwei Fragen zu beantworten . « Er hielt inne . » Welche Fragen , Mr. Rochester ? « Dann kam folgendes Kreuzverhör : » St. John verschaffte dir den Platz der Lehrerin in Morton , bevor er noch wußte , daß du seine Cousine seiest ? « » Ja . « » Pflegtest du oft mit ihm zusammen zu sein ? Besuchte er die Schule häufig ? « » Täglich . « » Und er billigte deinen Lehrplan , Jane ? Ich bin überzeugt , daß dieser gut war , denn du bist ein talentvolles Geschöpf . « » Er billigte ihn , ja . « » Er hat wohl manche gute Seiten an dir entdeckt , auf die er nicht vorbereitet war ? Einige deiner Talente sind ganz ungewöhnlicher Art. « » Das weiß ich wirklich nicht . « » Du sagst , du habest ein kleines Häuschen in der Nähe der Schule gehabt ? Kam er oft dorthin , um dich zu besuchen ? « » Dann und wann . « » Am Abend ? « » Ein- oder zweimal . « Pause . » Und wie lange wohntest du noch mit ihm und seinen Schwestern zusammen , nachdem die Verwandtschaft entdeckt war ? « » Fünf Monate . « » Verbrachte St. John Rivers einen großen Teil seiner Zeit mit den Damen seiner Familie ? « » Ja . Das rückwärtsgelegene Wohnzimmer war sowohl sein Studirzimmer wie das unsere . Er saß am Fenster , und wir am Tische . « » Studierte er viel ? « » Sehr viel . « » Was ? « » Hindostanisch . « » Und was thatest du inzwischen ? « » Anfangs lernte ich Deutsch . « » Lehrte er es dich ? « » Er war des Deutschen nicht mächtig . « » Lehrte er dich gar nichts ? « » Ein wenig Hindostanisch . « » Rivers lehrte dich Hindostanisch ? « » Ja , Sir . « » Und seine Schwestern ebenfalls ? « » Nein . « » Nur dich ? « » Nur mich . « » Batest du ihn , es dich zu lehren ? « » Nein . « » So wünschte er , dich zu unterrichten ? » Ja . « Zweite Pause . » Weshalb wünschte er es ? Welchen Nutzen sollte dir Hindostansch bringen ? « » Er wollte , daß ich mit ihm hinaus nach Indien gehe . « » Ah ! jetzt komme ich endlich an die Wurzel des Ganzen . Er wollte , daß du seine Frau werdest ? « » Er bat mich , ihn zu heiraten . « » Das ist eine Lüge – eine freche Erfindung , um mich zu ärgern . « » Ich bitte um Verzeihung , es ist wörtlich die Wahrheit ; er hat mir mehr als einen Heiratsantrag gemacht , und beharrte ebenso hartnäckig bei seinem Willen , wie Sie es gethan haben würden . « » Miß Eyre , ich wiederhole es noch einmal , Sie können mich verlassen . Wie oft soll ich denn noch eine und dieselbe Sache wiederholen ? Weshalb bleiben Sie so eigensinnig auf meinem Schoße sitzen , wenn ich Ihnen sage , daß Sie gehen sollen ? « » Weil ich mich hier sehr wohl fühle . « » Nein , Jane , du fühlst dich hier nicht wohl , denn dein Herz weilt nicht bei mir ; es weilt bei deinem Vetter , St. John Rivers ! O , bis zu diesem Augenblick glaubte ich , daß meine kleine Jane nur mir allein gehöre ! Selbst nachdem sie von mir geflohen , glaubte ich noch , daß sie mich liebe , – das war das einzige Atom von Süßigkeit in meinem bitteren Leidenskelch . Wie lange wir auch getrennt gewesen – wieviel heiße Thränen ich auch über unsere Trennung geweint – niemals glaubte ich doch , daß sie einen anderen liebe , während ich sie so innig betrauerte ! Aber was nützt mein Jammer ! Jane , verlaß mich ! Geh hin und vermähle dich mit Rivers . « » Dann stoßen Sie mich fort , Sir – stoßen Sie mich fort ! Aus eigenem Antriebe verlasse ich Sie nicht . « » O , Jane , wie liebe ich den Laut deiner Stimme noch ! Er erweckt immer wieder Hoffnung in mir , er klingt so ehrlich und treu . Wenn ich ihn höre , trägt er mich ein ganzes Jahr in die Vergangenheit zurück . Ich vergesse , daß du neue Bande geknüpft hast ! – Aber ich bin kein Thor – geh – « » Wohin soll ich gehen , Sir ? « » Geh deinen eigenen Weg mit dem Gatten , den du dir erwählt hast . « » Und wer ist das ? « » Du weißt es , – St. John Rivers . « » Er ist mein Gatte nicht und wird es niemals werden . Er liebt mich nicht – ich liebe ihn nicht . Er liebt ( so wie er lieben kann , und das ist nicht , wie Sie lieben können ) ein schönes , junges Mädchen , Rosamond Olliver . Mich wollte er nur heiraten , weil er glaubte , daß ich mich sehr zur Gattin eines Missionärs eignen würde – und das erwartete er von ihr nicht . Er ist gut und groß , aber strenge , und mir gegenüber kalt wie ein Eisberg . Er ist nicht wie Sie , Sir ; ich bin nicht glücklich an seiner Seite , noch in seiner Nähe , noch in seiner Gesellschaft . Er hat keine Nachsicht mit mir – keine Zärtlichkeit für mich . Er sieht nichts Anziehendes in mir , nicht einmal meine Jugend – nur einige nützliche , geistige Eigenschaften . – Und nun soll ich Sie verlassen , Sir , um zu ihm zu gehen ? « Unwillkürlich überlief mich ein Schauer , und ich klammerte mich instinktiv fester an meinen geliebten , blinden Gebieter . Er lächelte milde . » Was , Jane ! Ist dies wahr ? Stehen die Dinge wirklich so zwischen dir und St. John Rivers ? « » Ganz so , Sir , O , Sie haben keine Ursache , eifersüchtig zu sein ! Ich wollte Sie nur ein wenig wecken , um Sie Ihrer Traurigkeit zu entreißen . Ich glaubte , Ärger sei besser für Sie als Kummer . Wenn Sie aber wollen , daß ich Sie liebe ! ! Ach ! könnten Sie nur sehen , wieviel grenzenlose Liebe zu Ihnen auf dem Grunde meines Herzens ruht , so würden Sie stolz und zufrieden zugleich sein . Mein ganzes Herz , meine ganze Seele gehören Ihnen , Sir . Und bei Ihnen würden sie bleiben , wenn das Schicksal so grausam wäre , mein übriges Ich für immer aus Ihrer Nähe zu verbannen ! « Er küßte mich . Aber wiederum zogen trübe Wolken über seine Stirn . » Mein verlorenes Augenlicht ! Meine gelähmte Kraft ! « murmelte er traurig vor sich hin . Ich liebkoste ihn , um ihn zu beruhigen . Ich wußte , an was er dachte ; gern hätte ich für ihn gesprochen , aber ich hatte nicht den Mut dazu . Als er den Kopf einen Augenblick zur Seite wandte , sah ich eine Thräne unter seinen geschlossenen Lidern hervorquellen und über seine gebräunte Wange rollen . Mein Herz klopfte laut und heftig . » Jetzt bin ich nichts besseres als der alte vom Blitzstrahl getroffene Nußbaum im Obstpark von Thornfield-Hall , « bemerkte er nach längerem Schweigen , » Und welches Recht hätte jener Baumstumpf , von einer blühenden Waldwinde zu verlangen , daß sie seinen Verfall mit frischem Grün bedecke ? « » Sie sind kein toter Baumstumpf , keine Ruine , Sir – kein vom Blitz zerschmetterter Baum ; Sie sind noch grün und kräftig . An Ihren Wurzeln werden Pflanzen emporschießen , ob Sie sie nun fragen oder nicht , denn sie empfinden Wohlbehagen in Ihrem wohlthätigen Schatten . Und wie sie wachsen , werden sie sich an Sie lehnen und sich um Sie schlingen , weil Ihre Kraft den zarten Schößlingen einen so sicheren Halt gewährt . « Wiederum lächelte er . Ich spendete ihm Trost . » Du sprichst von Freunden , Jane ? « fragte er . » Ja , von Freunden , « entgegnete ich ein wenig zögernd , denn ich war mir wohl bewußt , mehr als Freunde im Sinne zu haben . Aber ich fand das rechte Wort nicht so schnell . Er half mir jedoch . » Ach , Jane ! ich sehne mich ja nach einer Gattin . « » Wirklich , Sir ? « » Ja ! überrascht dich das ? « » Natürlich ! Bis jetzt ließen Sie nichts davon verlauten . « » Ist es eine unwillkommene Nachricht für dich ? « » Das hängt von Umständen ab , Sir – oder eigentlich von Ihrer Wahl . « » Die sollst du für mich treffen , Jane . Von deinem Entschluß will ich alles abhängig machen . « » So wählen Sie die , – welche Sie am meisten liebt , Sir . « » Wenigstens will ich diejenige wählen , – welche ich am meisten liebe . Jane , willst du mich heiraten ? « » Ja , Sir . « » Einen armen , blinden Mann , den du an der Hand führen mußt , Janet ? « » Ja , Sir . « » Einen Krüppel , der zwanzig Jahre älter ist als du , den du warten und pflegen mußt ! « » Ja , Sir . « » Wirklich , Jane ? « » Wirklich und wahrhaftig , Sir , « » O mein Liebling ! mein Liebling ! der allmächtige Gott segne dich und belohne dich ! « » Mr. Rochester , wenn ich je in meinem Leben eine gute That vollbracht habe – wenn ich einen edlen Gedanken gedacht habe – wenn ich ein reines und aufrichtiges Gebet gebetet habe – wenn ich einen gerechten Wunsch gehegt habe – so bin ich jetzt belohnt . Ihre Gattin werden bedeutet für mich , so glücklich zu sein , wie ich es auf dieser Erde überhaupt werden kann . « » Weil du glücklich bist , wenn du Opfer bringen kannst . « » Opfer ! Was opfere ich denn ? Ich gebe die Hungersnot für Nahrung hin , Erwartung für Zufriedenheit . Daß es mir vergönnt ist , mit meinen Armen zu umschlingen , was ich wert halte – meine Lippen auf das zu drücken , was ich liebe – bei dem auszuruhen , welchem ich vertraue : heißt das ein Opfer bringen ? Und wenn dem so ist , dann bin ich allerdings glücklich , Opfer bringen zu können . « » Und meine Gebrechlichkeit zu ertragen , Jane , meine Mängel zu übersehen ? « » Für mich ist es keine Gebrechlichkeit , kein Mangel , Sir . Jetzt , wo ich Ihnen wirklich von Nutzen sein kann , liebe ich Sie inniger als zur Zeit Ihrer stolzen Unabhängigkeit , wo Sie jede andere Rolle als die des Gebers und Beschützers verschmähten . « » Bis jetzt haßte ich es , wenn man mir half , wenn man mich führte . Aber von nun an – das fühle ich – wird es mir nicht mehr verhaßt sein . Es war mir fürchterlich , meine Hand in die eines Mietlings zu legen , aber es ist wohlthuend , sie von Janes zarten Fingern umfassen zu lassen . Ich zog absolute Einsamkeit der beständigen Gegenwart meiner Dienstboten vor ; aber Janes sanfte , geduldige Leitung wird eine immerwährende Freude für mich sein . Jane ist mir angenehm . Bin ich es ihr auch ? « » Sympathisch bis in die zarteste Fiber meines Ichs , Sir . « » Nun , wenn dies der Fall ist , so haben wir auf nichts in der Welt mehr zu warten ; wir müssen uns sofort verheiraten . « Er sah erregt aus und sprach lebhaft ; sein alter Ungestüm erwachte wieder . » Ohne Aufschub müssen wir eins werden , Jane . Wir brauchen nur noch die obrigkeitliche Erlaubnis – dann heiraten wir . « » Mr. Rochester , soeben entdecke ich , daß die Sonne bereits tief unter dem Meridian steht , und Pilot ist wirklich schon zum Mittagessen nach Hause gegangen . Lassen Sie mich Ihre Uhr sehen . « » Befestige sie an deinem Gürtel , Janet , und behalte sie in Zukunft . Ich kann sie ja doch nicht mehr brauchen . « » Es ist beinahe vier Uhr nachmittags , Sir . Sind Sie gar nicht hungrig ? « » In drei Tagen muß unser Hochzeitstag sein , Jane . Laß es gut sein mit schönen Kleidern und Juwelen und dergleichen Dingen : alles das ist doch keinen Pfifferling wert . « » Die Sonne hat jeden Regentropfen aufgesogen , Sir , Der Wind hat sich gelegt – es ist heiß geworden . « » Weißt du , Jane , daß ich in diesem Augenblick dein kleines Perlhalsband an meinem bronzefarbenen Halse unter meiner Krawatte trage ? Ich trug es seit dem Tage , da ich meinen einzigen Schatz verlor , als ein Andenken an sie . « » Wir wollen durch den Wald nach Hause gehen , dort finden wir einen schattigen Weg . « Ohne meiner Worte zu achten , verfolgte er seinen eigenen Gedankengang . » Jane ! ich bin überzeugt , daß du mich für einen ungläubigen Heiden hältst , aber in diesem Augenblick schwillt mein Herz voll Dankbarkeit gegen den allbarmherzigen Gott dieser Erde . Er sieht nicht wie Menschen sehen , er sieht klarer . Er urteilt nicht wie Menschen urteilen , sondern viel weiser . Ich that unrecht . Ich wollte meine unschuldige Blume beschmutzen – ich wollte ihre Reinheit mit Schuld besudeln – und der Allmächtige entriß sie mir . Ich , in meiner starren Empörung verfluchte diese Gottesfügung ; anstatt mich dem Ratschluß zu beugen , trotzte ich ihm . Doch die göttliche Gerechtigkeit nahm ihren Lauf ; das Unglück drückte mich fast zu Boden ; ich wurde gezwungen durch das Thal der Schatten des Todes zu wandern . Seine Züchtigungen sind mächtig , und eine traf mich , die mich für immer gedemütigt hat . Du weißt , ich war stolz auf meine Kraft . Und was ist sie jetzt ? Ich muß mich fremder Führung überlassen wie ein schwaches , unmündiges Kind . Erst seit kurzem , Jane – seit kurzem begann ich Gottes Hand in meiner Strafe zu erkennen . Ich begann Gewissensqualen , Reue zu empfinden , den Wunsch , mich mit meinem Schöpfer zu versöhnen . Zuweilen begann ich zu beten ; es waren nur kurze Gebete , aber sie waren aufrichtig . « » Vor einigen Tagen – nein , ich kann sie zählen – es sind ihrer vier her ; es war am Abend des letzten Montags , da bemächtigte sich meiner eine eigentümliche Stimmung ; an Stelle der Wut und des Wahnsinns trat Kummer , an Stelle des Trotzes Schmerz . Lange schon war die Überzeugung in mir wach geworden , daß du tot sein müssest , da ich dich nirgend finden konnte . Spät an jenem Abend – es mochte vielleicht zwischen elf und zwölf Uhr sein , ehe ich mich auf mein trostloses Lager zur Ruhe legte , bat ich Gott , daß er mich bald , wenn es ihm so gefiele , aus diesem Leben nehmen und mich in jenes andere eingehen lassen möge , wo ich die Hoffnung hatte , meine Jane wieder zu finden . » Ich war in meinem eigenen Zimmer und saß am geöffneten Fenster ; die balsamische Nachtluft wirkte beruhigend auf mich . Ich konnte die Sterne nicht sehen , und nur ein vager , heller Nebel verriet mir , daß der Mond aufgegangen . O , Janet , und ich sehnte mich nach dir . Ich sehnte mich nach dir mit Leib und Seele . Ich fragte Gott – in Angst und in Demut , ob ich nun nicht lange genug einsam , heimgesucht und gequält gewesen sei ; ob ich denn niemals wieder Glück und Frieden finden solle . Ich bekannte ihm , daß ich alles verdient , was ich leiden müsse – daß ich aber kaum noch mehr ertragen könne . Und dann brach das Alpha und Omega all meiner Herzenssehnsucht unwillkürlich von meinen Lippen in den Worten : » Jane ! Jane ! Jane ! « » Und sprachen Sie diese Worte laut ? « » Das that ich , Jane . Wenn irgend ein Lauscher mich gehört hätte , so würde er mich für wahnsinnig gehalten haben , denn ich sprach sie mit tobender Energie aus . « » Und es war am letzten Montag Abend ? Ungefähr um die Mitternachtsstunde ? « » Ja ; aber die Zeit hat ja nichts zu bedeuten ; was dann folgte , ist das seltsame an der Sache . Du wirst mich für abergläubisch halten – denn ich habe etwas Aberglauben im Blute , hatte ihn stets – aber es ist dennoch wahr – wahr wenigstens ist , daß ich hörte , was ich jetzt erzähle . » Als ich rief : Jane ! Jane ! Jane ! erwiderte eine Stimme – ich kann nicht sagen , woher sie kam , aber ich weiß , wessen Stimme es war – » Ich komme , warte auf mich « , und gleich darauf trug der Wind mir noch die geflüsterten Worte zu : » Wo bist du ? « » Wenn ich kann , will ich dir den Gedanken , das Bild beschreiben , welches jene Worte vor meinem Gemüte entrollten ; doch ist es schwer auszudrücken , was ich ausdrücken möchte . Wie du siehst , liegt Ferndean in einem dichten Walde begraben , wo jeder Schall dumpf ist und ohne Widerhall erstirbt , » Wo bist du « schien zwischen Bergen gesprochen , denn ich hörte , daß ein Bergecho die Worte wiederholte . Kühler und frischer schien der Wind in diesem Augenblick meine heiße Stirn zu umfächeln ; ich hätte mir beinahe einbilden können , daß Jane und ich uns an einem wilden , einsamen Orte wiederfanden . Unsere Seelen , glaube ich , müssen sich gefunden haben . Du , Janet , lagst zu jener Stunde ohne Zweifel in tiefem , unbewußtem Schlummer , vielleicht entwand sich deine Seele ihrer Hülle und kam , um die meine zu trösten ; denn es war deine Stimme – so wahr ich lebe – es war deine Stimme ! « Mein Leser ! es war am Montag Abend – gegen Mitternacht – als auch ich den geheimnisvollen Ruf vernahm ; es waren jene Worte , mit denen ich ihn beantwortet hatte . Ich horchte auf Mr. Rochesters Erzählung , aber ich machte ihm meinerseits keine Enthüllung . Das Zusammentreffen schien mir zu unerklärlich und schreckensvoll , um darüber zu sprechen . Wenn ich irgend etwas erzählte , so wäre meine Erzählung notwendigerweise derart gewesen , daß sie einen tiefen Eindruck auf das Gemüt