Mensch nicht die Erziehung eines früheren Offiziers . Beide ignorirten sich natürlich seitdem , wobei Schnapphahnitzkoy selbstverständlich von dem stolzen Bewußtsein strahlte , einen großartigen moralischen Triumph über diesen eingebildeten Dichterheros erzielt zu haben . Es giebt eine Heuchelei der Ehre , wie eine Heuchelei der Moral , und man möchte mit Falstaff fragen : Was ist Ehre ! Jedenfalls hatte der Größenwahn der falschen Kavalier-Ehre wieder mal sein Opfer verlangt und zog sich mürrisch zurück , da sein planmäßiger Mordversuch an der gesunden Vernunft und Vorurtheil-Verachtung des Umgarnten machtlos abprallte . Uebrigens rächte sich der Ritter von Schnapphahnitzkoy später auf eine höchst gentlemanlike Weise für den abgeblitzten Einschüchterungsversuch ( eigentlich » Nöthigung « zum Zweck der Körperverletzung ) , indem er seine Feinde Schmoller und Leonhart nach deren Verfeindung wegen einer Injurien-Klatscherei öffentlich durch eine gänzlich erlogene Thatbestand-Entstellung gegeneinander hetzte , welche Leonhart jeder Zeit durch compromittirenden Abdruck der eigenen Briefe Schnapphahnitzkoy ' s an ihn hätte aufdecken können . Freilich entsprach es auch der Verlogenheit Schmoller ' s , daß er , obschon Leonhart gegenüber schriftlich wiederholt das Gegentheil bekundend , seinerseits nun die Darstellung Schnapphahnitzkoy ' s mit Bezug auf Leonhart ' s angeblichen » Verrath « an seinem früheren Freunde als richtig auffaßte , während lediglich er selbst seine Ansicht über Schnapphahnitzkoy aller Welt förmlich aufgedrungen hatte . Verlogenheit hier , Verlogenheit dort - in der Mitte die Unvorsichtigkeit einer schwachen Stunde vertrauensseliger Dupirung durch Schnapphahnitzkoy ' s falsche Freundlichkeit und Wehklage über Leonhart ' s kühle Ablehnung , welche offenbar durch Schmoller ' s Verläumdungen inspirirt sei ! Wegen solcher elenden Skandalaffaire hatte Leonhart schlaflose Nächte gehabt , weil er jeden Zweifel an seiner Loyalität als schweren Schimpf empfand , indeß Schmoller wie ein Wahnsinniger umhertobte und der Adelszwerg sich schadenfroh ins Fäustchen lachte , zwei Riesen hinterrücks in die Ferse gestochen zu haben . Gegen solche Meister des äußeren Scheins nutzt nichts die grobe Keule der sittlichen Entrüstung , sondern nur das Stilet ironischen Hohnes .... Schnapphahnitzkoy referirte hier für die hochvornehme » Kreuz- und Schwertzeitung « und beschloß ritterlich , wie seine Auftraggeber , das Werk eines gräflichen Standesgenossen bis über den grünen Klee herauszustreichen . Lautet doch der allgemeine gang und gäbe Grundsatz der Berliner Kritik : So ' n bischen Französisch und so ' n bischen Adlig is doch gar zu schön ! Sein herumschlenkernder Kneifer küßte grade zärtlich den edeln Kneifer , welchen der große Heinrich Edelmann neben ihm schielend unter dem Parketsitz putzte . Haubitz hingegen kneiferte kühn die Logen an und strich sein schwarzes Knebelbärtchen , während er stockschnupfend einige weltbewegende Messiasaxiome umherstotterte . Sie referirten ja ebenfalls für ein christlich-teutonisches Blatt und hatten sich feierlich zugeschworen , ihren gräflichen Freund derartig zu preisen , daß er sich einer Anzapfung mindestens um 200 Mark nicht mehr entwinden könne . Das Loos sollte entscheiden , wer von Beiden diesmal » für einen darbenden Freund « die Kritik-Gebühren eintreiben solle . Schnapphahnitzkoy gab sich mit so was nicht ab , sein Streben ging vielmehr nach einer guten Parthie , wie es bei diesen schlechten Zeiten nun mal nöthig scheint . Doch würdigte er vollkommen die Haltung der beiden verwandten Seelen , welche er sofort als » vornehme Naturen « , wie die technische Phrase lautet , erkannt hatte . Auch Wurmb schloß sich mehrmals begeistert an , wenn sie alle zusammen beim Schoppen die sittliche Größe des wahren charakterfesten Idealismus betonten , im Gegensatz zu der unwahren Weltschmerzfexerei und proteusartigen Unfestigkeit eines Leonhart , auf dessen kindlichen Größenwahn doch nun mal all ihre litterarischen Biergespräche unfehlbar wie die Nadel zum Magnet hinzielten . Schnapphahnitzkoy erwähnte mit tadelndem Bedauern , daß man doch einen Kavalier wie Krastinik von seiner schier unbegreiflichen Vorliebe für jenes bête noire loseisen müsse . Die Waffenbrüder lächelten verschmitzt . Sie kannten die oft erprobte menschliche Natur . Spielte man nur den Freund gegen den Freund aus , so würde die geschmeichelte Eitelkeit des Einen und die verletzte Eitelkeit des Andern den Bruch schon von selber herbeiführen . Haubitz empfand eine diabolische Wollust des Vorgefühls . Wie wollte er Krastinik anpreisen und ihn den Stümpereien eines Leonhart gegenüberstellen ! - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - - Die Klingel ertönte zum zweiten Mal . Das Bienenkorbgesummne eines Premierenpublikums vor Beginn der Vorstellung verstummte . Die wogenden Linien sanken in sich zusammen . Statt des Rauschens und Knisterns der Damentoiletten hörte man nur noch den üblichen Lärm der sich hebenden oder niederschlagenden Klappstühle , wenn die zu spät Kommenden sich in die Reihen durchdrängen . Der Vorhang ging auf . Schon nach den ersten Worten verbreitete sich eine angenehme Verwunderung . Das war nicht die geschwollene blühende Jambensprache , an welche man bei historischen Dramen gewöhnt , das war nervige realistische Prosa . Das waren keine theatralischen Pappfiguren , das war wirkliches angeschautes Leben . Der Dichter vermittelte den Geist des alten Venedig so unmittelbar , daß man sich wie zu Hause fühlte . Die Handlung drehte sich um die Vermählung Katharina Kornaro ' s mit dem Kronprätendenten von Cypern und die Erwerbung dieses Inselreichs durch die meisterliche Diplomatie Venedigs , welche schonungslos jedes Einzelglück ihren Zwecken opferte . Hier sah man die Emsigkeit , mit welcher sich die Meereskönigin zum Trotz des umbrandenden Meeres auf ihren eingerammten Pfählen lagerte und unablässig mit der andrängenden Fluth um ihr glanzvolles Leben rang , indem sie staunenswürdige Ingenieur-und Baumeisterwerke entgegendämmte . Die unermüdliche Entwickelung der Seekunde , der kühne Erwerbs-und Forschertrieb , der diese Kaufleute in fernste Zonen führte , so daß selbst die verlorenen Söhne Venedigs den Orient überall als Minister , Admirale und Handelsherrn beherrschten - alles das trat hier in die Erscheinung . Vor allem aber entfaltete sich das politische System dieses Insel-Roms , dessen Staatsgebilde die Kraft des menschlichen Willens im geduldigen Verfolgen eines großen Ziels offenbarte . Der Dichter lehrte durch anschauliche Darlegung , warum Machiavell im » Buch vom Fürsten « die geheime Schreckensherrschaft Venedigs als Muster hinstellte - diesen » Schrecken « , der sich auch später im Wohlfahrtsausschuß des französischen Convents als förderliche Waffe erwies . Man begriff , warum Taine den Bonaparte als einen Enkel der italienischen Condottieri gleichsam atavistisch erklären will , als eine posthume Neubelebung des Renaissance-Systems , wie dieses sich am klarsten in Venedig verkörperte . In dem Admiral Moncenigo hatte der Dichter eine Gestalt geschaffen , aus einem Guße und doch von feinster Detaildurchführung . Man sah gleichsam die geflügelten Marmorlöwen San Markos ihre Schwingen beutegierig über Land und Meer breiten und ihre Krallen einschlagen . Warum die vier Erzrosse aus Byzanz , welche an der Mittelfront des Doms so ernst herniederstarren auf die tändelnden Tauben der Piazza , an die Sonderstellung Venedigs als halborientalische Weltmacht erinnerten , begriff man an diesem umfassenden Gemälde verschollener Herrlichkeit . Selbst der Dom San Marko ( an dessen byzantinischem , mit romanischem und Ansätzen des gothischen vermähltem Stil alle Epochen der Venetianischen Größe mitgebaut - von der strengen Würde des Donatello-Stils bis zum üppig blendenden Schwung der Hochrenaissance , welche sogar ein Farbengemengsel von Blau , Braun , Gelb , Weiß und grellbunten Fresken zur Schmückung der äußeren Façade verwendete ) redete hier in der Theaterdekoration seine wahre Sprache . Man gewann zwanglos tiefere Beziehung zu all diesen Zeugen der Weltgeschichtsentwickelung . In der spitzschnabeligen schwarzen Gondel - ein Sarg unter steinernen Leichen - glitt man gleichsam mit dem Dichter dahin und verstand die Schatten , die um die Kirchhofstille der Paläste griesgrämig dahinschlichen . Unter der hellerleuchteten Rialtobrücke fort , tauchte man unter in dunkle Kanalgassen und trieb langsam hinaus durch Canale Grande zum blauen Lido , während auf abgelegenen Winkelplätzchen allenthalben Kirchen von überwältigendem Reiz reifer Formschönheit emporsteigen . Man athmete gleichsam den Salzgeruch , der die Mauern umwittert und sie mit einer köstlichen bräunlich-grünen Lasur bekrustet . So verwuchs die Handlung des Dramas gleichsam mit den äußeren Ornamenten der Scenerie . Das ganze Patrizierleben dieser Märchenstadt des Herzens schüttete seine Fülle verschwenderisch aus - Marmor , Gold , Brokat und Atlas , Mosaik und sammetweiches Farbenglühen der Gemälde - und wurde zugleich in seinen innersten Saugfäden offenbar . Es war , als ob die Pfähle , auf denen die Inselstadt erbaut , bloßgelegt würden . Aus allen Thaten und Worten dieses Lebensbildes tönte aber die Mahnung des Dichters : So macht man Weltgeschichte ! Das hat den deutschen Tröpfen stets gefehlt . Nur rücksichtslose weltkluge Niedertracht führt zum Ziele . So , durch tausend Verwickelungen unentwegt sein geheimes Ziel vor Augen , pflanzte Venedig auf der Leiche seines vorgeschobenen Schützlings , des Königs von Cypern , sein Banner auf und benutzte die Schönheit der Venetianerin Katharina Kornaro zu einem politischen Schachzug . Ein seltsamer Epilog krönte das sonst so schonungslos realistische Stück , ein Epiolog , dessen innere Nothwendigkeit gleichwohl sofort ins Auge sprang . Nachdem nämlich der 5. Akt an der Riva gegenüber der Seufzerbrücke im goldigsten Sonnenglanze farbigen Glückes geendet , zog sich plötzlich ein nebeliger Flor über die Scene . Man hörte eintönige Donner rollen und eintönig den Regen niederplätschern . Die meisterhafte Inscenirung gab genau jene Stimmung einer Regennacht in Venedig wieder , wo man gleichsam in purem Wasser zu schwimmen glaubt , von oben durchweicht und unten auf allen Seiten die grünlichen Lagunen . Da glitt eine schwarze Gondel heran , an deren Stern ein Man in schwarzem Pilgermantel stand , eine Lyra im linken Arme gebettet , während seine Rechte mit mondessilbernem Zauberstab die Wogen zu beschwören schien . Und die Wogen murmelten ein Lied von Ihm , dem Gast des zerfallenen See-Gomorrha , das ihn mit Gift berauschte aus venetianischen Kelchen . Wohl ein Gedanke , würdig eines so großen Dichters wie dessen , der dies gewaltige Drama geschaffen : Dem Weltdichter des Weltwehs , dem Bräutigam der Schönheit , Lord Byron , das letzte Wort zu lassen , die Klage um aller Menschengröße Vergänglichkeit . Und die Gestalt , halb als Vision gedacht , nebelumflort , sprach also : Noch klebt Schaum und Tang des Meeres , Dem entstieg dies Wasserwunder , An dem bröckelnden Gewande . Marmorsäulen , Palastgiebel Rings verächtlich niederschauen , Wie herabgekommene Prinzen , Vornehm ruhig auf das Lärmen Dieser neuen Pöbelwelt . Ueber allem webt sich farbig Ein geheimnißvoller Schleier . Den Rialto neubeleben Bunte Maskenkarnevale Schauender Erinnerung . Schnitzerei des Buccentoro - Die gehörnte Dogenmütze Auf dem weißen Martyrhaupte Foscari ' s und Falieri ' s Und des blinden Dandolo - Scharlachseidene Talare Der geheimen Tribunale - Alle Perlen der Kornaro In dem Goldhaar schöner Damen , Wie sie Tizian conterfeit - Alles wirbelt hier zusammen In ein Bachanal der Sinne , Feiert eine Dogenhochzeit Mit dem Meer der Phantasie . O Venedig , stolze Greisin , Greisin in zersetztem Purpur , Steige her zu meiner Gondel Nieder von den Marmostufen , Die der Flügellen bewacht ! Wie die letzten Senatoren Grollend einst hinabgeschritten Aus dem Saal der letzten Sitzung Bei dem Fall der Republik ! Also fahre mit mir , fahre Weit hinweg mit Deinem Freunde , Weit hinweg aus dieser neuen Jämmerlichen Welt der Prosa ! Horch , die alten Glocken klagen Droben von dem Kampanile : Für Venedig und die Dichter Hat die Erde nicht mehr Raum ! Langanhaltender Beifall , wiederholtes donnerndes Bravo bestätigte , als der Vorhang fiel , den tiefen und nachhaltigen Eindruck der Dichtung . Das war einmal etwas ganz Neues , etwas , was noch nicht von den alten Tragikern vorweggenommen . Das war das politische Drama , die Historie großen Stils , das realistische Hohelied der Weltgeschichte . » Krastinik ! Graf Krastinik ! « schrie es aus allen Logen , von allen Gallerieen . Der tobende Beifall nach den ersten Akten hatte das Erscheinen des vielbegehrten Dichters vor der Rampe nicht erzwingen können . Jetzt aber nach Ende der Vorstellung mußte er doch dem brausenden Hervorruf folgen . Der Director stürzte aus seiner Loge , um selbst hinter Coulissen den Beglückten herauszuholen . Allein nach längerer Pause meldete er persönlich mit verlegenem Gesicht dem ungeduldigen Publikum , daß der Dichter sich bereits entfernt habe . Er danke also im Namen des genialen Verfassers für die herzliche Aufnahme . So war denn ein neuer großer Dichter aus der Taufe gehoben . Sämmtliche Theaterkritiker stürzten in wildem Pêle-Mêle zu ihren Droschken , um sofort auf der Nacht-Redaction die denkwürdige Thatsache für den Morgentisch Berlins zu serviren . Allen voran als der Findigste rasselte der Referent des » Börsencourier « in seiner vorher bestellten Droschke I. Güte , der einzige Gutmüthige nebenbei , der mit wirklichem Wohlwollen auf etwas Gelungenes hinwies . II. Ja , wo war Krastinik ? Auch er hatte sich in einen Wagen geworfen und saß nun einsam brütend vor seiner Lampe . Von Leonhard hatte er nichts gehört , da verabredetermaßen , um keinen Verdacht zu erregen , dieser sich ihm fernhielt . Gewiß war er mit im Theater gewesen . Der Glückliche ! - Wahrhaftig , der Graf hatte eine Ritterthat auf sich genommen , schwerer und bitterer als manches Martyrium . Sein Stolz litt unbeschreiblich . Hundertmal hätte er hinausstürzen mögen vor die Lampen , um dies vielköpfige Gemengsel von Seide , Patchouli und Pomade anzubrüllen : » Ihr Elenden , ihr Narren ! Daß Keiner von Euch ahnt , nur Einer könne das geschrieben haben , der unbekannte Gott , den Ihr nicht kennt ! Nicht der Graf , den Ihr so innig bejubelt , ist euer Idol , sondern der verlästerte niedergetretene Anti-Streber , den ihr beschimpft , ohne ihn zu kennen ! « Aber auch der alte Sauerteig der menschlichen Selbstsucht gährte mächtig auf - das eigene Dichterthum des tapferen Mannes , der sich hochherzig dazu überwunden , dem Größeren als Fußschemel zu dienen , fühlte tiefer und tiefer den Stachel verwundeter Eitelkeit . Man mochte ja seine selbstlose Absicht anerkennen , - - aber etwas vom Raben , dem man die Pfauenfedern nimmt , blieb gewiß an ihm haften . Ein Beigeschmack von Neid , den er mühsam unterdrückte , mischte sich der Anwandlung unwilliger Scham und Scheu vor dem Gespötte der Welt ..... Auch am andern Tage erwartete er Leonhart vergeblich . Er ließ sich verleugnen , als natürlich pflichtschuldige Satelliten des Erfolges ihm nacheinander ihre Aufwartung machten . Die eingebogenen Zeugen der Theilnahme häuften sich auf seiner Visitenkarten-Schale . Krastinik lächelte bitter . Noch bitterer , als er die Zeitungen las , welche ausnahmslos einen » Riesenerfolg « constatirten und den gräflichen Dichter in kühnem Schwunge mit Lord Byron verglichen . Warum kam nur Leonhart nicht ? Gegen Abend ließ es Krastinik keine Ruhe mehr . Er griff zu Hut und Stock und machte eine Abendpromenade . Da begegnete ihm der Oberst von Dondershausen , dem er umsonst zu entwischen suchte . Mit Elan stürzte der patriotische Sänger auf ihn zu und drückte ihn an die ordengeschmückte Heldenbrust . Er war nicht im Frack , trug aber gleichwohl seinen neusten Orden mit Eichenlaub spazieren . Er gehe nämlich zu einer zwanglosen Soirée bei Commerzienrath Wolffert . » Sie wissen , der große Waffenfabrikant . « » Und Fortschrittsredner . « » Ah , das ist so seine Marotte . Sonst ein hochpatriotischer Mann , wird bei Hofe eingeladen , Sie verstehn . Eine durch und durch vornehme Natur ! Kommen Sie mit , Verehrtester ! Wolffert wird sich unendlich freuen und die Ehre zu schätzen wissen . « » Ah , ich bedaure ... « » Nichts da , liebster Graf ! Glauben Sie mir , Der kann Ihnen nützlich werden . Man muß nie die Gelegenheit vorübergehen lassen .. « » Selbst wenn ich wollte , ich bin nicht in Toilette .. « » Braucht ' s nicht . Im Überrock ist befohlen . Ist nur eine ganz zwanglose Abendunterhaltung , nicht in Wolffert ' s Stadtwohnung in der Viktoriastraße , sondern in seiner Schöneberger Villa . Unter uns , hat seine eigene Bewandtniß . Heut führt sich zum ersten Mal die junge Frau Wolffert in die Gesellschaft ein . Eugen Wolffert junior , einziger Sohn und Erbe .. hm , hm , haben Sie nicht gehört ? « » Keine Spur . Mir eine terra incognita . « » Na also , der junge Mann leistete sich den Luxus einer etwas excentrischen Heirath . Die Geschichte ist erst vor kurzem ruchbar geworden . Hat sich ohne Wissen des Vaters in Hamburg mit einem Mädchen trauen lassen , das - das - hm , hm , Sie verstehn . « » Was , ein Akt aus Dumas ' Kameliendame ? « » Gott behüte , nein ! Ein sehr anständiges Mädchen , sehr , und wie man sagt , eine blendende Schönheit . « » Ein armes , tugendliches Bürgermädchen ? Ei , ei , wer hätte das von einem Wolffert gedacht ! « » Ja , ja , arm und tugendhaft . Nur .. nur .. ihre Vergangenheit ist ja sonst fleckenlos .. nur soll sie mal einen Monat lang bei einigen Malern in Berlin Kopf-Modell gestanden haben .. « » Modell gestanden ? « Krastinik horchte hochauf . » Das ist ja sehr interessant . « » Ja , wie gesagt , in allen Ehren . Die Herrn Maler , welche sie kannten , stellen ihr einstimmig das beste Zeugniß aus , auch mein hochverehrter Freund Adolf von Werther , den ich soeben besuchte . Ach , ist das ein Mann ! Diese schlichte , bescheidene , vornehme Erscheinung ! Sie kennen ihn doch ? « Krastinik nickte kurz , ohne zu antworten . Jener freche geschmeidige Streber mit der Handwerksburschen-Visage und der wallenden Rafaelsmähne ekelte ihn an . » Also in Hamburg hat Herr Wolffert junior sein Ideal gefunden ? « » Ja , ob dort gefunden , daraus wird man nicht klug . Jedenfalls hat er sie dort geheirathet und seinem Alten dann einfach die ergebenste Mittheilung gemacht . Der soll wie von Sinnen geworden sein , hat sofort Enterbung verfügen wollen und was weiß ich ! Am Ende aber hat ihn Wolffert doch herumgekriegt oder vielmehr , wie man sagt , die schöne Schwiegertochter . Denn unser schneidiger Fortschrittsredner weiß in Allem genau zu rechnen und hat wohl eingesehn - hehe - , da ja doch nichts mehr daran zu ändern war , daß eine schöne Schwiegertochter ihm grade für seinen Salon paßt , wo er alle Kreise zu vereinigen strebt . So machte er denn gute Miene zum bösen Spiel und spielt jetzt sehr geschickt auf der Fortschrittssaite - hehe . Ohne Vorurtheile , verstehn Sie .. Tochter des Volkes , durch ihre Bravheit geadelt .. die Wolffert ' s brauchen nicht auf Geld zu sehn . hehe .. verachten alles Materielle , verstehn Sie .. der große Freiheitsheld steigt durch seinen Sohn zum Volke herab .. na , seine Popularität soll durch diese volksmäßige Heirath des Jungen enorm gestiegen sein .. utile cum dulci , hahaha ! « Dondershausen lachte laut und schmetternd . Krastinik gingen seltsame Gedanken durch den Kopf . Er dachte natürlich an Rother und seine ähnliche Absicht . Wie wunderbar das Leben die Kontraste combinirt ! - Warum sollte er sich übrigens diese Posse nicht mal mit ansehn ? Seine nervöse Unruhe und Verstimmung verschlimmerte sich nur durch Einsamkeit . Er mußte Gesellschaft suchen , sich zerstreuen . - Nach einigem Zögern sagte er Dondershausen zu , ihn begleiten zu wollen , und beide rollten im Droschken-Tempo die Potsdamerstraße entlang nach der Richtung des Botanischen Gartens . III. Der Jour Fixe des Commerzienraths Wolffert hatte wie gewöhnlich viele Freunde des Hauses angelockt . Auch Neugier , die junge Frau kennen zu lernen , zog an . Kaum angekommen , verloren sich Dondershausen und Krastinik im Gedränge und es gelang nicht , den Wirth aufzustöbern . Endlich zeigte der Oberst dem Grafen den Sohn des Hauses und Letzteren frappirte sichtlich die blasirte Miene des jungen Ehemanns . - Eugen hatte seinen Willen durchgesetzt , einen » elementaren Persönlichkeitsbeweis « abgelegt , wie der philosophische Oberst dies bezeichnete . Aber nun langweilte sich bereits der junge Weltbummler . Das eigentliche Fieber der Leidenschaft , das ihm einst die Eingeweihte verzehrt und die Seele verbrannt hatte , verkohlte . Eine gleichgültig gemütliche Zärtlichkeit trat an seine Stelle . Ihn reizte hauptsächlich noch der Gedanke , daß die vielbegehrte Schönheit von ihm schwanger sei . Dies Behagen an ihrer Schwangerschaft hatte etwas schmutzig Egoistisches . Eigentliche Liebe oder Leidenschaft fühlte er keineswegs mehr für das schöne Geschöpf , sondern vielmehr eine eitle Besitzfreude . » Ich habe sie , « das war der Grundgedanke seiner Neigung . Weit mehr , um dies Besitzrecht zu zeigen , als aus Begierde fröhnte er den Freuden der Liebe mit andauernder Regelmäßigkeit . Ganz vereinbar damit war es , daß er innerlich jeden Morgen murrte , weil er leidenschaftlos , einfach aus Gewohnheit und Eitelkeit , seine Säfte verschwendet hatte . So trägt jede erotische Leidenschaft ohne wahre Liebe ihre Geißel in sich selbst . Eine gewisse beiderseitige Kälte sänftigte wohlthuend die Gefühle - ihre Liebesaversion und seine erotischen Flammen . Sein Gehirn fing an , seine Sinnlichkeit zu absorbiren , und eine gewisse Nervenschwäche , die sich latent bemerkbar machte , trat hinzu . Eigentlich fühlte er sich wohl dabei , dem Druck des geschlechtlichen Alleingefühls entronnen zu sein . So löst sich die Empfindung in ewigem Kreislauf ab . Grämliche Verdrießlichkeit folgt meist der sinnlichen Anreizung , beseitigt aber dafür auch das Fieber des Verlangens und kühlt zu gelassener Arbeitsruhe ab . So kann unter Umständen auch das Laster mehr kalte Seelenruhe verleihen als die Tugend , die von Sehnsucht kaum trennbar . Andrerseits erhöht wieder die Keuschheit , sobald sie sich in ritterlicher und hochherziger Leidenschaft für ein bestimmtes Wesen ausdrückt , die Kräfte des Einzelindividuums über sich selbst hinaus . Ein platonisch Liebender , der als Endziel seiner Mühen ein Weib ersehnt , ist von unwiderstehlicher Stärke und wagt den Kampf mit dem Schicksal , indem er die persönliche sinnliche Selbstsucht gleichsam aus verfeinerter Selbstsucht niederzwingt . Hingegen werden Keuschheit und Gesundheit an Leib und Seele um so tiefere Schmerzen bereiten , wenn ihnen die Schwäche und Sinnenknechtschaft der meisten Andern nahegerückt wird . Wie kann ein sinnlich Denkender je die volle Pein einer unglücklichen Liebe empfinden ! Jedenfalls scheint Alles , Glück wie Unglück , Tugend wie Untugend , vollkommen gleichwertig für die Entwickelung des Individuums . Schlaffe und müde Genußentfähigung ist ein verdrießlicher Zustand , aber nicht minder die Sehnsucht nach irgend einem Genusse , der leichter oder schwerer errungen werden kann und dessen Erwartung nun die beschauliche Geistesstimmung des Normalzustandes stört . ... Krastinik warf einen prüfenden Kennerblick auf die Gesellschaft und bat den liebenswürdigen Ordensjäger , der nach allen Seiten , bücklingte , um aufklärende Bezeichnungen . » Wer ist dieser Herr dort , der so krampfhaft gestikulirt ? « Er wies auf einen Bonvivant mit geröthetem Faungesicht bei stark ergrautem Backenbart , welcher in heulenden Fisteltönen einer ewigen Extase Luft zu machen schien . » Wie ? Den kennen Sie nicht ? Daß ist ja der berühmte Kritiker Ludolf Lutsch . « » Ach Herrje ! Das jenügt ! « schnarrte Krastinik ironisch . » Freut mich den Mann zu sehn , der selig machen und verdammen kann ! « Natürlich schien die Finanzwelt stark vertreten . Auch jener hervorragende Makler war erschienen , welcher einst Kathi in einem so überschwänglichen Brief die Ehre der Maitressenschaft angeboten hatte . Mit einem gewissen Hochgefühl strich er seinen wallenden schwarzen Bart , indem er Kathi aus der Ferne gierig mit seinen Blicken verschlang . Sonst war sein Verhältniß zur Kunst kein intimes zu nennen gewesen und beschränkte sich auf Unterstützung des Ballets . Nun fiel ihm die Binde von den Augen und er erkannte sich als » Idealist « . Bisher schlummerte dieser Trieb im Verborgenen . Aber seit der Prozeß Graef ihn über das wahre Wesen des » Ideals « aufgeklärt , schwang er sich durch fleißige Betrachtung und Behandlung zur Höhe der Kunst , zum Nackten , nunmehr mit vollem Bewußtsein empor . Jetzt brachte er seinen Idealen eine ihm neue künstlerische Begeisterung entgegen , welche auf dem vertieften Studium der sogenannten Natur beruht . Bisher handelte er eben mit dem Instinkt des Unbewußten , wenn er seine nicht ungewichtige Verehrung » diesen Damen « zu Füßen legte . Jetzt aber wußte er , daß ein geheimer künstlerischer Drang ihn zur Betrachtung des Akt-Stehens trieb . O hätte er doch , wie dieser Schwerenöther Eugen , das herrliche Naturmodell käuflich erworben ! Er hatte es ja dazu . Denn die Kunst geht nach Brot und das Studium des Nackten ist theuer . Schade ! Er hätte es sich gern was kosten lassen . Nochmals Schade ! Mit dem erkorenen Spezial-Modell war es nun nichts mehr . Doch wer weiß ! Es ist noch nicht aller Tage Abend . Frau Kathi Wolffert würde vielleicht nicht immer unnahbar bleiben . Jedenfalls halten wir fest am Idealismus und am großen Stil des Nackten . Commerzienrath Wolffert , ein dürrer Mann mit einer ungeheuren Birnennase , Fistelstimme und katzenhaft schleichendem Tritt , huschte liebenswürdig durch die Reihen der Gäste . Krastinik hörte einige Umstehende nähere Familiendetails erörtern . Wolffert junior habe seine jugendlichen Thorheiten überwunden , die befürchten ließen , daß er sich dem Müßigang widmen werde . Mann befürchtete einst sogar , daß er als litterarischer Schöngeist sich dem Staate entziehen wolle . Jetzt aber , da er ein Mann war , that er ab , was kindisch war , und trat ins Geschäft des Vaters ein . Die Firma werde demnächst lauten : Wolffert und Sohn . Um diesen Preis verzeihe ihm die Gesellschaft den unglaublichen Mißgriff seiner Liebesheirath , obschon natürlich die Damen sich fürs erste noch reservirt fernhielten . Man sehe doch den sittlichenden Einfluß der Ehe . Uebrigens könne man von der Vergangenheit der jungen Frau , die als Buffetdame in einem Hamburger Café fungirt haben solle , sonst nichts Uebles reden . - Doch schien über Manches ein Dunkel zu herrschen . So fragte ein junger Sportsman plötzlich mit offenbarer Neugier den soeben sich nähernden Eugen , wohin er doch gleich seine Hochzeitsreise gemacht habe . Er , der Frager , habe davon gehört , es jedoch vergessen . Nach augenscheinlich verlegenem Zögern gab Jener kurz zur Antwort : » Nach Norwegen . « Krastinik horchte wieder hoch auf . Ein Zufall wollte , daß der neugierige Jüngling im vorigen Jahr mit Stangen die skandinavische Route gemacht hatte . » Wir kamen aber nur bis Hönevoß . Kennen Sie Hönevoß ? « » O und ob ! Einer der schönsten Tage meines Lebens ! « Eugens Auge blitzte auf . » Es war ein herrlicher Juniabend . Ich glaube , der 17. Juni . « Krastinik zuckte leicht zusammen . Wie , trug Rothers Brief aus Hönevoß nicht dasselbe Datum ? » Schneidiger Smoking-room , auf Ehre ! « Ein Theil der Gäste drängte in ein kleines elegant ausgestattetes Rauchzimmer . Dondershausen wollte die Gelegenheit benutzen , um der Wirthe habhaft zu werden und den Grafen vorzustellen . Aber dieser bat ihn hastig noch zu warten und hielt sich beobachtend retiré im Hintergrund . » Stilvoll , intim , anheimelnd ! « rief Lutsch begeistert . Er beroch seine Cigarre : » Upmann Regalia ? ! Jeglichem Lobe zu groß ! - Ach , Herr Wolffert , Ihre junge Frau - superb ! Etwas blaß . Das giebt ihrem Teint einen intimen Timbre - gradezu stilvoll ! Ach , was für ambrosische Weiber dies hochzeitliche Fest wiederum vereinte ! Alle Schönheiten Berlins zogen ihr hochzeitlich Kleid an - manche möglichst wenig davon und das sind die einzig wahren ! « Dabei hauchte er , mit halb zerkniffenen Augen , das kritische Urtheil : » Diese pastos aufgetragenen , lichtwarmen Rosatöne schmelzend ambrosischen Fleisches ! « » Oller Fleischbeschauer ! « murmelte man in der Runde . Lutsch aber fuhr unverdrossen fort , indem er auf Commerzienrath Wolffert lossteuerte , der eben hereingeschlichen kam : » Ihr Ball ist von einer wunderba - aren Schönheit ! Selbst auf dem Subskriptionsball sahen meine sündigen sterblichen Augen nicht solche göttlichen Weiber ! « Wolffert senior fühlte sich , wie es schien , peinlich berührt durch diesen ungezügelten Gefühlssturm ; denn er fistelte pikirt : » Weiber ? ! Ich muß doch bitten , Damen . « » Damen , Madame , Signora , Miß , Milady - was Sie wollen ! « heulte Lutsch unbekümmert fort , indem er seinen Chapeauclaque schwenkte . » Für mich bleibt jede Göttin doch einfach ein göttliches Weib ! Wir , die wir athmen und weben in der freien vornehmen Lebensanschauung der Kunst - wir jubeln und seufzen halt mit dem Altmeister : Das ewig Leibliche zieht uns hinan ! Ach und das Unbeschreibliche hier ists gethan : Sehn Sie doch nur diese Toilette ! « Dabei deutete er auf eine im Nebenzimmer vorüberrauschende Dame . » Muß mir doch gleich notiren . « Er zog sein vielbeliebtes Notizbüchlein , in Saffian gebunden , aus der Fracktasche , in welches er ab und zu eifrig zu kritzeln pflegte , und schrieb die druckreifen Worte : » Das tiefviolette Kleid mit Devant aus heliotropfarbigem Atlas , augenscheinlich aus dem Magazin der berühmten Firma Gebrüder Witzleben hervorgegangen , wurde noch mehr gehoben durch ein Brillantfeuerwerk . Die ganze Erscheinung möchten wir mit dem einen treffenden Worte kennzeichnen : Brillant ! « » Ach und dort , ich bitte Sie ! « Er schrieb wieder etwas Lebendiges aus dem Hintergrund ab : » Auch unsre Primadonna Donna Lucrezia Calcante - sie , welche gleich Lucrezia Borgia ein süßes tödtliches Gift für liebeglühende Männerherzen besitzt - zierte das Fest des größten Waffenfabrikanten der Welt . « » Nana , erlauben Sie ! « fiel der Vorfechter der Freiheit verlegen ein