Gestalt geschritten , im Werkeltagsgewande , aber nicht allein ; ein schlanker junger Mensch begleitete sie , dem Anscheine nach ein Studierender oder Künstler , der eindringlich zu ihr redete . In der Nähe der Haustüre ging sie etwas langsamer , und ich vernahm , da sie jetzt zu sprechen anfing , die mir bekannte liebliche und offenherzige Stimme , die nur etwas trauriger oder weicher klang als an jenem Abend . » Die Lieb ist eine ernstliche Sache « , sagte sie , » selbst im Scherze ! Aber es gibt wenig Treu und Ehrlichkeit in der Welt . Nun , wir wollen die Bekanntschaft probieren , wenn Sie mich morgen auf den Tanz führen mögen ; es wundert mein Herz , wie es ist , wenn es mit einem Herrn geht ! « Der neue Sponsierer antwortete mit leiser Flüsterstimme etwas , was ich nicht verstand ; ich hörte einen leisen Kuß , ein » Gute Nacht ! « worauf das Mädchen hinter der Haustüre verschwand und dieselbe zuschlug , der junge Mann aber raschen Schrittes seiner Wege ging . Das ist auch eine Freisprechung ! dachte ich und erhob mich mit erleichtertem Gewissen , jedoch mit einer sehr krausen Empfindung . Ohne mich indessen weiter umzusehen oder eine Minute länger in der Stadt aufzuhalten , eilte ich dem Tore zu und wanderte wenige Zeit später auf der nächtlichen Heerstraße in der Richtung meines Heimatlandes fort . Zufrieden mit der klaren und fertigen Form , welche mein Geschick nun angenommen hatte , setzte ich ohne Hast und ohne Aufenthalt Fuß für Fuß , als einziges Ziel im Auge , unter das Dach der Mutter zu treten , gleichviel ob arm oder reich . Stundenlang ging es so weiter ; ich beachtete nicht , daß ich auf einem Kreuzungspunkte war und von der Hauptstraße auf eine unmerklich schmälere Seitenstraße geriet , daß sich eine solche Abzweigung nochmals wiederholte , bis ich mich auf einem ländlichen Fahrwege befand . Da ich aber nach dem Stande der Gestirne ungefähr nach der richtigen Himmelsgegend zog , so kam es mir nicht so sehr darauf an , ich rechnete eine etwelche Abirrung zu den nötigen Erlebnissen eines Landfahrers . Ich ging durch Gehölze , über Feld- und Wiesenfluren , an Dörfern vorbei , deren schwache Umrisse oder verlorene Lichter weit vom Wege lagen . Die tiefste Einsamkeit waltete auf Erden , als es Mitternacht wurde und ich über weite Feldgemarkungen ging ; um so belebter waren die mit den langsam rückenden Sternbildern durchwirkten Lüfte , denn die unsichtbaren Schwärme der Zugvögel rauschten und lärmten in der Höhe . Noch nie hatte ich diesen herbstlichen Nachtverkehr des Himmels so deutlich wahrgenommen . Ich kam in einen großen Forst , und die Dunkelheit wurde vollkommen . Still huschte der Kauz an meinem Gesichte vorüber , und aus der Tiefe schrie der Uhu . Als ich aber durchfröstelt und ermüdet war , stieß ich in einer Waldlichtung auf einen rauchenden Kohlenmeiler , dessen Hüter in seiner Erdhütte lag und schlief . Ich setzte mich still an den heißen Meiler , wärmte mich und schlief ein , bis ein Flug hellschreiender Wanderfalken , deren silberblaue Flügel und weiße Brüste im ersten Frührot blitzten , über den Wald flog und mich weckte . Wie ich mich ermunterte , begann der Köhler aus der Hütte zu kriechen , die Füße voran ; vor ihm stehend wie ein eben angekommener Wandersmann , wünschte ich ihm einen guten Morgen und fragte nach der Gegend und der rechten Straße . Er wußte nicht viel zu sagen , als daß ich mehr westwärts zu gehen habe . Der Wald nahm ein Ende , und ich trat in eine weite deutsche Herbstmorgenlandschaft hinaus . Waldige und dunkle Gebirgszüge streckten sich am Horizont ; durch das Land wand sich ein rötlicher Fluß , weil der halbe Himmel im Morgenrot flammte und die purpurn angeglühten Wolkenschichten über Feldern , Höhen , Dörfern und einer betürmten Stadt hingen . Die Nebel rauchten an den Waldhängen und zu Füßen der schwarzblauen Berge . Schlösser , Stadttore und Kirchtürme glänzten rot ; dazu entrollte sich ein hallender Jagdlärm in den Wäldern , Hörner tönten , Hunde musizierten fern und nah , und ein schöner Hirsch sprang an mir vorüber , als ich eben den Forst verließ . Das Morgenrot verkündete freilich ein nasses Abendbrot und gab mir keine gute Aussicht . Wenn ich meinen Wanderplan innehalten wollte , so durfte ich nicht daran denken , ein Nachtlager zu suchen , weil das mich für einen Tag der Nahrung berauben konnte . Ich dachte daher mit einigem Schrecken an die kommenden Fluten und daß ich durchnäßt die zweite Nacht hindurch wandern müsse . Die Nässe und der Schmutz besiegeln jeglichen schlechten Humor des Schicksals und nehmen dem Verlassenen noch den letzten Trost , sich etwa auf die mütterliche Erde zu werfen , wo es niemand sieht . Überall kältet ihm die unerbittliche Feuchte entgegen , und er ist genötigt , aufrecht zu bleiben . In wenigen Stunden verhüllte auch ein graues Nebeltuch alles Licht , und das Tuch begann sich langsam in nasse Fäden zu entfasern , bis ein gleichmäßiger starker Regen weit und breit herniederfuhr , der den ganzen Tag anhielt . Nur manchmal wechselte das naßkalte Einerlei mit noch kräftigeren Regengüssen , die , vom Winde gepeitscht , einen bewegtern Rhythmus in das Wasserleben brachten ; das Land und Wege überschwemmte . Ich schritt unverdrossen durch die Fluten , froh , daß ich meinen neuen Anzug von tüchtigem Stoffe gewählt , der etwas aushielt . Erst zur Mittagszeit , dann aber pünktlich , kehrte ich in einem Dorfe ein und aß eine warme Suppe mit etwas Fleisch und Gemüse nebst einem großen Stück Brot . Auch ruhte ich eine Stunde und ging darauf wieder in den Regen hinaus . Denn wenn ich in acht Tagen , welche ich mindestens brauchte , nach Hause gelangen wollte , so mußte ich mich genau in jeder Hinsicht an die vorgesteckte Ordnung halten und durfte dabei nicht einmal erschöpft oder gar krank werden . Nur so blieb ich bis zuletzt Meister meiner selbst und hatte niemanden zu fürchten . Nach einigen Stunden ging ich abermals auf einem Waldwege , immer bestrebt , die große Hauptstraße zu erreichen , mit deren Längsachse meine Richtung allmählich wieder zusammenfallen mußte . Als ich abseits vom Wege eine große Buche sah , deren gelbes Laub noch genügend dicht saß , ging ich hin und fand auf einer ihrer aus dem Boden ragenden Wurzeln eine ziemlich geschützte Ruhestelle und ließ mich nieder . Da kam ein altes Mütterchen dahergetrippelt , welches mit der einen Hand ein elendes Bündelchen kurzen Reisigs auf dem grauen Kopfe trug , dessen Haare so rauh und zerzaust waren wie das Gestrüppe darauf ; mit der anderen Hand schleppte sie mühselig ein abgebrochenes kleines Birkenbäumchen hinter sich her . Mit zitternden Schrittchen zerrte sie emsig und keuchend , viele ängstliche Seufzer ausstoßend , den widerspenstigen Busch über alle Hindernisse weg , gleich der Ameise , die einen zu schweren Halm nach dem Bau schafft . Ich sah dem armen Weibe voll Mitleid zu und mußte mir gestehen , daß es dieser Kreatur wohl noch schlimmer ging als mir und sie doch nicht rastete , sich zu wehren . Und doch war ich wiederum elend genug daran , da ich ihr nicht einmal irgend etwas helfen oder geben konnte . Wie ich über diese Ohnmacht beschämt hinstarrte , kam soeben ein Waldhüter des Weges , wohl so alt wie das Weib , aber mit rotem Gesicht , großem Schnurrbart , kleinen Ringen in den Ohren und töricht rollenden Augen . Der machte sich sogleich über die Frau her , welche den Busch erschrocken fahrenließ , und schrie : » Hast wieder Holz gestohlen , du Strolchin ? « Bei allen Heiligen beteuerte die Alte , daß sie das Birkenbäumchen also geknickt auf dem Wege gefunden habe . Er rief aber : » Lügen tust du auch noch ? Wart , ich will dir ' s austreiben ! « Und der alte Mann nahm die alte Graue beim vertrockneten Ohr , das unter einem verschobenen Kattunkäppchen hervorguckte , zerrte sie daran und wollte sie dergestalt mit sich fortschleppen , daß es unnatürlich anzusehen war . Durch einen plötzlichen Einfall erleuchtet , holte ich meinen Totenkopf aus der Reisetasche , stülpte ihn auf den Stock und streckte ihn durch das Laubwerk des Unterholzes , hinter welchem ich selbst verborgen war . Zugleich rief ich mit zorniger Stimme : » Laß das Weib gehen , du schlechter Kerl ! « und schüttelte den Schädel ein wenig , daß die Zähne zusammenklappten und das Laub raschelte , aus welchem er hinausguckte . Es mußte für die Leutchen draußen aussehen , wie wenn der Tod in dem Busch wäre . Der Waldhüter blickte nach dem Orte hin , woher die Stimme erscholl , erstarrte förmlich , wurde fahl wie schlecht gebackenes Brot und ließ das Ohr des Mütterchens fahren . Ich zog das Gespenst sachte zurück ; der Waldhüter starrte bewegungslos her ; als ich es aber weiter oben aus dem Gebüsche tauchen ließ , irrten seine rundlichen Augen ihm dorthin nach , worauf er , so schnell ihn die schlotternden Beine tragen wollten , sich davonmachte , ohne einen Laut von sich zu geben . Erst in bedeutender Entfernung , wo der Weg sich abbog , blieb er einen Augenblick stehen und schaute behutsam zurück . Da ließ ich den Schädel etwas wackeln , und sogleich verschwand der Flüchtling um die Ecke und war nicht mehr zu sehen . Er hatte freilich durchaus keinen Grund anzunehmen , daß bei diesem Wetter und zugunsten des armen Weibchens ein bloßer Hokuspokus im tiefen Walde aufgeführt werde , und überdies zeigten die Ohrringe genugsam an , daß er ein abergläubischer Mensch war . Das alte Mütterchen , das in seinem Schrecken nichts als die Flucht des Peinigers gesehen , wußte nicht , wie ihm geschah , ließ alles liegen und machte sich ebenfalls aus dem Staube ; mit den zitternden Händen ruderte sie eifrig in der Luft und redete vor sich hin . Meinesteils packte ich das alte gelbliche Kopfgeräte wieder ein , das so gute Dienste geleistet . Ich war von dem Scherze ordentlich erwärmt worden und ruhte noch ein Weilchen aus , wie ein Sieger auf dem Kampfplatz , mit dem erquicklichen Gefühle , daß selten einer so übel daran sei , der nicht durch irgendeine kleine Wendung über die Dinge gestellt werden könne . Ich betrachtete in Gedanken den aus dem Felde geschlagenen Unhold und bemühte mich , die Grundlage seines bestialischen Wesens aufzufinden . Ich sah die rund glänzenden Augen , die hochroten Gesichtspolster , den grauen , trefflich gepflegten Schnurrbart , die blanken Knöpfe seines Dienstrockes und glaubte zu fühlen , daß das Fundament all des anmaßlich brutalen Gebausches eine grenzenlose Eitelkeit sei , die sich , als einem dumm rohen Menschen innewohnend , nicht anders als in solcher Weise zu äußern wußte . Dieser Kerl , dachte ich , welcher vielleicht der sorglichste Vater und Gatte ist und ein guter Gesell unter seinesgleichen , insofern er nur nicht im Prahlen und Ausbreiten seiner Art behindert wird , dieser Kerl gefiel sich ausnehmend wohl und hielt sich nach Maßgabe seiner Dummheit für einen Helden , als er das schwache Weib am Ohr zerrte . Nicht daß er etwa in der Kirche oder im Beichtstuhle nicht zuweilen einsähe , daß er fehlbar sei ; der Rausch der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit ist es , der ihn alle Augenblicke fortreißt und seinem Götzen frönen läßt . Um so genauer sieht er das Laster an seinem Vorgesetzten , dieser an dem seinigen , und so stufenweise fort , indem einer es am andern gar wohl bemerkt , aber nie unterläßt , der eigenen Unart voll Wut den Zügel schießen zu lassen , um nicht zu kurz zu kommen und sich herrlich darzustellen . Alle die tausend voneinander Abhängigen , die sich gegenseitig so erziehen , streichen ihre grauen Schnurrbärte und lassen die Augen rollen , nicht aus Bosheit , sondern aus kindischer Eitelkeit . Sie sind eitel im Befehlen und im Gehorchen , eitel im Stolz und in der Demut ; sie lügen aus Eitelkeit und sagen die Wahrheit nicht um ihrer selbst willen , sondern weil sie ihnen für diesmal gut ansteht . Neid , Habsucht , Hartherzigkeit , Verleumdungssucht , Trägheit , alle diese Laster lassen sich bändigen oder einschläfern ; nur die Eitelkeit ist immer wach und verstrickt den Menschen unaufhörlich in tausend lügenhafte oder wenigstens unnötige Dinge , Brutalitäten und kleinere oder größere Gefahren , die alle zuletzt ein ganz anderes Wesen aus ihm machen , als er eigentlich zu sein wünscht . Das ist dann die Folge , eine krankhafte Abirrung von seinem Selbst statt der angestrebten Befestigung desselben . Das ist aber nur die gröbere Hälfte , die Schar der Armen im Geiste . Die feinere Hälfte , die Schar der Begabten und Gebildeten , irrt nicht von sich ab , die hat einen Zaubersegen , der heißt : Wir wissen es und wollen es sein , nämlich eitel ! » Die unschuldige Eitelkeit , sie ist die gutartige Verzierung des Daseins ! Das goldene Hausmittelchen der Menschlichkeit und das Gegengift für die grobe , bösartige Eitelkeit ! Die schöne Eitelkeit , als die zierliche Vervollkommnung und Ausrundung des eigenen Wesens , bringt alle Keimlein zum Blühen , die uns brauchbar und annehmlich machen für die Welt ; sie ist zugleich der feinste Richter und Regulator ihrer selbst und treibt uns an , das Gute und Wahre , das sonst verborgen bliebe , in edler Gestalt an den Tag zu bringen . Selbst Christus war ein bißchen eitel , denn er hielt Haar und Bart gelockt und ließ sich die Füße salben ! « So klingt dieses schöne Lied , und diese Eitelkeit ist erst der wahre Moloch , dessen gelindes Feuer Menschen und Kieselsteine frißt . Er bleibt stets er selbst , der Moloch , und fürchtet sich nicht und lächelt sein ehernes Lächeln , während sein heißhungriger Bauch glüht . An ihm versengen sich Freundschaft , Liebe , Freiheit und Vaterland und alle guten Dinge , und wenn er nichts mehr zu fressen hat , wird er ein kalter Ofen voll Asche . Während dieser eifrigen Predigt , die ich mir selber hielt , war ich weitergewandert , und da mir das Gedankenspinnen die kühle Zeit vertrieb , so setzte ich es fort . Ich prüfte nun mich selber und meine Manieren und untersuchte für den Fall , daß ich von dem Laster mäßig frei sein sollte oder je würde , die Stellung , in welcher man sich der eiteln Welt gegenüber befindet . Gewiß ist , dachte ich , daß die Eiteln die Sklaven der Freien sind , um deren Beifall sie buhlen ; aber Sklaven empören sich und werden grausam wie die Neger von St. Domingo . In beiden Fällen gilt es , durch sie hindurchzugehen und mit ihnen auszukommen , ohne Schaden an der Seele oder am Leibe zu nehmen . Aber warum soll man sich denn von ihnen unterscheiden , sich über sie erheben ? Um auf dieses Erhobensein selbst wieder eitel zu werden ? Hier befand ich mich in einer Sackgasse , und indem ich den Ausgang suchte , wurde die Grübelei von einem Windstoße unterbrochen , der einen Baum so gewaltig schüttelte , daß dieser seine aufgesammelten Wasser mir jählings auf Schultern und Rücken warf . Ich schüttelte mich ebenfalls und sah mich nach einer Zuflucht um , die aber nicht vorhanden und mir auch nicht gestattet war . Dennoch verlangte mich nach irgendeiner Erleichterung ; zuletzt fand ich dieselbe in dem Zwiehansschädel , der mehr seiner unbequemlichen Form als seines Gewichtes wegen mich zu drücken begann . Allein im Begriff , ihm seitwärts in einem Dickicht sachte niederzulegen , überkam mich plötzlich der Wunsch und das Bedürfnis , in meiner Zwangslage etwas Freiwilliges zu tun und mich dadurch , wenn auch nur eines Daumens hoch , über dieselbe emporzuheben . Also packte ich den asketischen Gegenstand wieder auf und setzte die mühselige Wanderschaft fort , die mich zum Überfluß noch auf allerlei verlorene und schwierige Pfade brachte . Neuntes Kapitel Das Grafenschloß So ging es bis zur Abenddämmerung , wo die Ermüdung , Frost und jegliche Schwäche so überhandnahmen , daß ein moralischer Zusammenbruch nur durch die ärgerliche Betrachtung verhindert wurde es könne ja keine Rede davon sein , etwa umzukommen oder unterzugehen , und das schlechte Abenteuer wäre also als bloße Vexation durchaus entbehrlich . Ich raffte mich nochmals zusammen und bekam wieder die Oberhand . Endlich trat ich aus den Forsten heraus und sah ein breites Tal vor mir , in welchem ein großes Herrengut zu liegen schien ; denn schöne Parkbäume zeigten sich anstatt des Waldes und umgaben eine Dächergruppe , und weiterhin lag zwischen Feldern und Weidegründen eine weitläufige Dorfschaft zerstreut . Zunächst vor mir sah ich eine kleine Kirche stehen , deren Türen geöffnet waren . Ich ging hinein , wo es schon ziemlich dunkel war und das Ewige Licht wie ein trübrötlicher Stern vor dem Altare schwebte . Die Kirche war offenbar sehr alt , die Fenster zum Teil noch aus gemalten Scheiben bestehend und Wand und Boden mit Grabsteinen und Mälern bedeckt . » Hier will ich die Nacht zubringen « , sagte ich zu mir selbst , » und mich im Schatten dieses Tempels ausruhen ! « Ich setzte mich in einen schrankartigen Beichtstuhl , in welchem ein dickes Kissen lag , und wollte eben das Vorhängelchen zuziehen , um augenblicklich einzuschlafen , als eine Hand das grüne Seidenfähnchen festhielt und der Küster , der mir in weichen Hausschuhen nachgegangen , vor mir stand und sagte : » Wollt Ihr etwa hier übernachten , guter Freund ? Ihr könnt nicht dableiben ! « » Warum nicht ? « sagte ich . » Weil ich sogleich die Kirche schließen werde ! Geht nur hinaus ! « erwiderte der Küster . » Ich kann nicht gehen « , sagte ich , » laßt mich hier sitzen , nur einige Stunden , die Mutter Gottes wird es Euch nicht übelnehmen ! « » Geht jetzt sogleich ! « rief er , » Ihr könnet durchaus nicht hierbleiben ! « Ich schlich also trübselig aus der Kirche , und der wachsame Seilzieher machte sich daran , die Türen zu verschließen . Ich stand jetzt auf dem Kirchhofe , welcher einem wohlgepflegten Garten glich ; jedes Grab war für sich oder mit andern zusammen ein Blumenbeet , in freier Anordnung ; besonders die Kindergräblein waren anmutig verteilt , bald als eine kleine Versammlung auf einer Raseninsel , bald einsam in einem lieblichen Schmollwinkel unter einem Baume , bald zwischen Gräbern der Alten , gleich Kindern , die den Müttern an der Schürze hangen . Die Wege waren mit Kies bedeckt und sorgfältig gerechet und führten ohne Scheidemauer unter die dunklen Bäume eines Lustwaldes , Ahorne , Ulmen und Eschen . Der Regen hatte nachgelassen ; doch fielen noch zahlreiche Tropfen , indes im Westen ein Streifen feurigen Abendrotes lag und einen schwachen Schein auf die Leichensteine warf . Ich ließ mich unwillkürlich auf eine Gartenbank nieder , die mitten in den Gräbern stand . Da kam ein schlankes weibliches Wesen aus dem tiefen Schatten der Bäume hervor , mit raschen Schritten , welches reiche dunkle Locken im Winde schüttelte und mit der einen Hand eine Mantille über der Brust zusammenhielt , während die andere einen leichten Regenschirm trug , der aber nicht aufgespannt war . Diese sehr anmutige Gestalt eilte gar wohlgemut zwischen den Gräbern herum und schien dieselben aufmerksam zu besichtigen , ob die Gewächse von Sturm und Regen nicht gelitten hätten . Hie und da kauerte sie nieder , warf den leichten Schirm auf den Kiesweg und band eine flatternde Spätrose frisch auf oder schnitt mit einem glänzenden Scherchen eine Aster oder dergleichen ab , worauf sie weitereilte . Erschöpft wie ich war , sah ich die schöne Erscheinung vor mir hinschweben und dachte nicht viel dabei , als der Küster wieder zum Vorschein kam . » Hier könnt Ihr auch nicht bleiben , guter Freund ! « redete er mich abermals an ; » dieser Gottesacker gehört gewissermaßen zu den herrschaftlichen Gärten , und kein Fremder darf sich da zur Nachtzeit herumtreiben . « Ich antwortete gar nichts , sondern sah ratlos vor mich hin ; denn ich konnte mich beinah nicht entschließen aufzustehen . » Nun , hört Ihr nicht ? Auf ! Steht in Gottes Namen auf ! « rief er etwas lauter und rüttelte mich an der Schulter , wie man einen auf der Wirtsbank Eingeschlafenen aufmuntert . In diesem Augenblicke kam die Dame in die Nähe und hielt ihren sorglosen Gang an , um dem Handel zuzuschauen . Ihre Neugierde war von so kindlich anmutiger Gebärde und die Person so schönäugig , soviel in der Dämmerung zu sehen , von so unverhohlener natürlicher Freundlichkeit , daß ich für den Augenblick neu belebt mich erhob und mit dem Hut in der Hand vor ihr stand . Ich schlug jedoch verlegen die Augen nieder , als sie mich in meinem durchnäßten und beschmutzten Aufzuge aufmerksam betrachtete . Inzwischen sagte sie zu dem Kirchendiener : » Was gibt es hier mit diesem Manne ? « » Ei , gnädiges Fräulein ! « antwortete der Küster , » Gott weiß , was das für ein Mensch mag sein ! Er will durchaus hier einschlafen ; das kann doch nicht geschehen , und wenn er ein armer Vagabund ist , so schläft er gewiß besser im Dorf in irgendeiner Scheuer ! « Die junge Dame sagte freundlich , zu mir gewendet : » Warum wollen Sie denn hier schlafen ? Lieben Sie die Toten so sehr ? « » Ach , mein Fräulein « , erwiderte ich aufblickend , » ich hielt sie für die eigentlichen Inhaber und Gastwirte der Erde , die keinen Müden abweisen ; aber wie ich sehe , sind sie nicht viel vermögend und wird ihre Intention ausgelegt , wie es denen gefällt , die über ihren Köpfen einhergehen ! « » Das sollen Sie nicht sagen « , versetzte lächelnd das Fräulein , » daß wir hierzulande schlimmer gesinnt seien als die Toten ! Wenn Sie sich nur erst ein bißchen ausweisen wollen und sagen , wie es Ihnen geht , so werden Sie uns Lebendige hier schon als leidliche Leute finden ! « » Darf ich Ihnen zum Anfang meine Schriften vorweisen ? « » Die können falsch sein ! Verfahren Sie lieber mündlich ! « » Nun , ich bin guter Leute Kind und eben im Begriff , sosehr ich kann , zu laufen , woher ich gekommen bin ! Leider geht es nicht unaufgehalten , wie es scheint ! « » Und woher kamen Sie denn ? « » Aus der Schweiz . Seit einigen Jahren lebte ich als Künstler in Ihrer Hauptstadt , um zu entdecken , daß ich keiner sei . So bin ich nun ohne bequeme Reisemittel auf dem Heimwege und glaubte , ohne jemandem lästig zu fallen , nur so durchlaufen zu können . Das hat der Regen verhindert ; darum hoffte ich ungesehen die Nacht in dieser Kirche zuzubringen und in aller Frühe still weiterzuziehen . Wenn hier ganz in der Nähe ein Vordach oder ein offener Schuppen ist , denn weiter kann ich nicht mehr , so befehlen Sie großmütig , daß man mich dort ruhen läßt und tut , als ob ich gar nicht da wäre , und am Morgen werde ich dankbar wieder verschwunden sein ! « » Sie sollen ein besseres Quartier haben , kommen Sie jetzt mit mir , ich will es vorläufig über mich nehmen , bis mein Vater erscheint , der bald von seiner Jagdpartie zurückkehren wird . « Obschon ich vor kalter Nässe schlotterte , seit ich dastand , zögerte ich doch , ihr zu folgen . Als das Fräulein mich wartend ansah , bat ich um Entschuldigung , ich sei trotz meiner wunderlichen Lage kein Bettler , und ihr Anerbieten kreuze meinen Plan , ohne fremde Hilfe nach Hause zu gelangen . » Sie sind aber ja ganz durchnäßt und frieren wie ein Pudel , mein stolzer Herr ! Wenn Sie im Freien bleiben , so können Sie bis zum Morgen das schönste Fieber haben und sind dann erst recht verhindert , ohne Hilfe und Pflege weiterzukommen . Sie sollen sich vorderhand auch nur in einem Gartenhause aufhalten , wo ich den Tag zugebracht habe und ein warmes Feuer brennt . So sperren Sie sich denn nicht länger , damit wir Sie nach Ihrem Wunsche am sichersten und aufs bäldeste wieder loswerden ! Und Ihr , Küster , folgt uns als dienstbare Begleitung , zur Strafe dafür , daß Ihr diesen frommen Pilgrim so ungastlich behandelt habt ! « » Und was würde man mir sagen , gnädigstes Fräulein « , brummte der Küster ganz unwirsch , » was würde man mit mir anfangen , wenn ich nachts die Kirche offenließe oder einen Fremden darin einschlösse ? Hat man noch nie von nächtlichem Kirchenraub gehört ? Wurden noch keine Leuchter , Kelche und Patenen gestohlen ? « Hier mußte ich lachen und sagte : » Haltet Ihr mich für einen Shakespeareschen Bardolph , der in Frankreich wegen der gestohlenen Monstranz gehängt wurde ? « » Nachdem er schon in England einen Lautenkasten entwendet , zwölf Stunden weit getragen und für drei Kreuzer verkauft hatte ? « fügte das vortreffliche Frauenzimmer bei , indem sie mit einem hellen Antwortlachen mich anblickte . Da versetzte ich meinerseits : » Wenn Sie im Gebrauche gemeinschädlicher Zitate so schlagfertig sind , darf ich es doch wagen , Ihnen zu folgen ; denn wir gehören ja einem öffentlichen Geheimorden an , der sein Dasein billig durch gegenseitiges Wohltun nützlich machen mag . « » Sehen Sie , so hat alles in der Welt seine gute Seite ! « sagte sie und schritt vorwärts ; ich ging mit , und der Küster folgte uns verblüfft und mißtrauisch durch den dunklen Park . Bald leuchteten durch die Bäume die erhellten Fenster eines geräumigen Gartenhauses , das in einiger Entfernung vom Wohngebäude stehen mochte . Wir traten in einen kleinen Saal , der nur durch eine Glastüre vom Parke getrennt war ; ein schönes Feuer brannte im Kamin , die Dame rückte einen Lehnstuhl von Rohrgeflecht herbei und forderte mich auf , nunmehr auszuruhen . Ohne Säumen setzte ich mich in den Stuhl , fand mich aber durch meine unförmige Reisetasche einigermaßen belästigt . » So legen Sie doch die Tasche ab ! « sagte die Herrschaftstochter , » oder tragen Sie wirklich einen gestohlenen Lautenkasten darin herum , weil Sie sich nicht davon trennen können ? « » Es ist so was ! « meinte ich dagegen , entledigte mich aber des von dem Schädel geschwollenen Umhängsels , welches der Küster auf einen Wink des Fräuleins mir abnahm und in einen Winkel lehnte . Mit der Fußspitze befühlte er dabei fast unmerklich die rundliche Erhöhung , ob nicht wenigstens eine geraubte Melone dahinterstecke , da er aus dem Lautenkasten nicht klug wurde . Das Fräulein , das inzwischen sich zu schaffen gemacht , kam jetzt wieder , stellte sich vor mich hin und frug mitleidig : » Wie heißen Sie denn ? Oder wollen Sie ganz inkognito reisen ? « » Heinrich Lee « , sagte ich . » Herr Lee , geht es Ihnen durchaus schlecht ? Ich habe keinen rechten Begriff davon . Sie sind doch am Ende nicht so arm , daß Sie auch nichts zu essen haben ? « » Es hat nichts zu bedeuten , aber im Augenblicke ist es allerdings so ; denn wenn ich mehr als einmal im Tag esse , so reicht meine Kriegskasse nicht aus , bis ich nach Hause komme . « » Aber warum tun Sie das ? Wie kann man sich so der Not aussetzen ? « » Nun , mit Absicht habe ich es gerade nicht getan ; da es aber einmal so ist , so nehm ich es sogar dankbar hin , insoweit der Zwang einen Dank verdient . Man lernt an allem etwas . Für Frauen sind dergleichen Übungen nicht notwendig , da sie immer nur tun , was sie nicht lassen können ; für unsereinen sind so recht handgreifliche Exerzitien gut ; denn was wir nicht sehen und fühlen , sind wir selten zu glauben geneigt oder halten es für unvernünftig und nicht der Beachtung wert ! « Sogleich holte sie mit Hilfe des Küsters einen kleinen Tisch herbei , auf welchem ein paar Teller mit einigem Essen standen . » Hier ist zum Glück gerade mein Abendbrot . Nehmen Sie vorläufig etwas zu sich , bis Papa nach Haus kommt und für Sie sorgt . Geht schnell ins Haus hinüber , Küster , und laßt Euch von der Haushälterin eine Flasche Wein geben , hört Ihr ? Trinken Sie lieber weißen oder Rotwein , Herr Lee ? « » Roten ! « sagte ich unhöflich , weil ich jetzt wieder verlegen war , in diesem Zustande zwischen einem hilfsbedürftigen und unbekannten Landfahrer und einem gut behandelten Angehörigen der Gesellschaft das rechte Wort zu treffen . » So soll man Euch von unserm roten Tischwein geben ! « rief sie dem abgehenden Küster nach und zog dann an einer Klingelschnur , worauf ein ländlich gekleidetes Mädchen herbeigelaufen kam , welches , von meinem Anblick überrascht , stehenblieb und mich mit Erstaunen betrachtete . Es war die Tochter eines Gärtners , der unter dem gleichen Dache seine Wohnung hatte ; wie sich mit der Zeit ergab , stellte sie die Dienerin und Vertraute des Fräuleins in einer Person vor und stand mit der Herrentochter auf du und du . » Wo steckst du , Röschen ? « rief die letztere