, der sie mit Befremden erkannte , zu verweilen . » Ein Abgesandter Belisars habe geheime Audienz : er sei schon lange im Gemach und werde es bald verlassen . « Da öffnete sich die Türe : - und Prokop stand zögernd auf der Schwelle . » König der Goten , « sprach er , sich nochmals wendend , » ist das dein letztes Wort ? « - » Mein letztes , wie ' s mein erstes war , « sprach der König voller Würde . - » Ich gönne dir noch Zeit : - ich bleibe noch bis morgen in Ravenna . « - - » Von jetzt an bist du mir als Gast willkommen , nicht mehr als Gesandter . « - » Ich wiederhole : fällt die Stadt mit Sturm , so werden alle Goten , die höher als Belisars Schwert , getötet - er hat ' s geschworen ! Weiber und Kinder als Sklaven verkauft - du begreifst : Belisar kann keine Barbaren brauchen in seinem Italien - dich mag der Tod des Helden locken : aber bedenke die Hilflosen - ihr Blut wird vor Gottes Thron - « - » Gesandter Belisars , ihr steht in Gottes Hand wie wir , leb wohl . « Und so mächtig wurden diese Worte gesprochen , daß der Byzantiner gehen mußte , so ungern er es tat . Die schlichte Würde dieses Mannes wirkte stark auf ihn . Aber auch auf die Lauscherin . Als Prokop die Türe schloß , sah er Mataswintha vor sich stehn und trat bewundernd einen Schritt zurück , geblendet von so viel Schönheit . Ehrerbietig begrüßte er sie . » Du bist die Königin der Goten ! « sagte er , sich fassend , » du mußt es sein . « » Ich bin ' s ! « sagte Mataswintha , » hätt ' ich das nie vergessen . « Und stolz rauschte sie an ihm vorüber . » Augen haben diese Germanen , Männer und Weiber , « sagte Prokop im Hinausgehen , » wie ich sie nie gesehen . « Zwanzigstes Kapitel . Mataswintha war inzwischen ungemeldet bei ihrem Gatten eingetreten . Witichis hatte alle Gemächer , welche die Amalungen , Theoderich , Athalarich , Amalaswintha bewohnt ( sie lagen im Mittelbau des weitläufigen Palastes ) unberührt gelassen und einige auch früher schon von ihm , wenn er die Wache am Hofe hatte , bewohnte Räume im rechten Flügel bezogen . Er hatte die Gold-und Purpurabzeichen der Amaler nie angelegt und aus seinen Zimmern allen königlichen Pomp entfernt . Ein Feldbett auf niedern Eisenfüßen , auf welchem sein Helm , sein Schwert und mehrere Urkunden lagen , ein langer Eichentisch und wenig Holzgerät standen in dem einfachen Gelaß . Er hatte sich nach des Gesandten Entfernung , erschöpft , mit dem Rücken gegen die Tür in einen Stuhl geworfen und stützte das müde Haupt in beiden Händen auf den Tisch . So hatte er den leicht schwebenden Schritt der Eintretenden nicht bemerkt . Mataswintha blieb , wie gebannt , an der Schwelle stehen . Sie hatte ihn noch niemals aufgesucht . Ihr Herz pochte mächtig . Sie konnte ihn nicht ansprechen : sie konnte nicht nähertreten . Endlich stand Witichis mit Seufzen auf . Da sah er die regungslose Gestalt an der Türe stehen . » Du hier , Königin ? « sprach er staunend und trat ihr einen Schritt entgegen . » Was kann dich zu mir führen ? « » Die Pflicht - das Mitleid « - sagte Mataswintha rasch . » Sonst hätte ich nicht - - ich habe eine Bitte an dich . « » Es ist die erste , « sagte Witichis . - » Sie betrifft nicht mich « fiel sie schnell ein - » Ich bitte dich um Brot für Arme , Kranke , welche - « Da reichte ihr der König schweigend die Rechte hin . - Es war das erstemal : sie wagte nicht , sie zu fassen : und hätte es doch , o wie gerne , getan . So faßte er selbst ihre Hand und drückte sie leicht . » Ich danke dir , Mataswintha , und bitte dir ein Unrecht ab . Du hast dennoch ein Herz für dein Volk und seine Leiden . Ich hätte das nie geglaubt : ich habe hart von dir gedacht . « » Hättest du von jeher anders von mir gedacht : - es wäre vielleicht manches besser . « » Schwerlich ! Das Unglück heftet sich an meine Fersen . Eben jetzt - du hast ein Recht , es zu wissen - brach meine letzte Hoffnung : Die Franken , auf deren Hilfe ich hoffte , haben uns verraten . Entsatz ist unmöglich : die Übermacht der Feinde durch den Abfall der Italier allzugroß . Es bleibt nur noch ein letztes : ein freier Tod . « » Laß mich ihn mit dir teilen , « rief Mataswintha , und ihre Augen leuchteten . - » Du ? nein ; die Tochter Theoderichs wird ehrenvolle Aufnahme finden am Hofe von Byzanz . Man weiß , daß du gegen deinen Willen meine Königin geworden ... - Du kannst dich laut darauf berufen . « » Nimmermehr ! « sprach Mataswintha begeistert . Witichis fuhr , ohne ihrer zu achten , in seinen Gedanken fort : » Aber die andern ! Die Tausende ! die Hunderttausende von Weibern , von Kindern ! Belisar hält , was er geschworen ! Es ist nur Eine Hoffnung noch für sie : - eine einzige ! Denn - alle Mächte der Natur verschwören sich gegen mich . Der Padus ist plötzlich so seicht geworden , daß zweihundert Getreideschiffe , die ich erwartete , nicht rasch genug den Fluß herabgebracht werden konnten : die Byzantiner haben sie aufgefangen ! Ich habe nun um Hilfe an den Westgotenkönig geschrieben : er soll seine Flotte senden . Die unsre ist ja in Feindes Hand ! Dringt sie in den Hafen , so kann darauf entfliehen , was nicht fechten kann und nicht sterben soll . Auch du kannst dann , wenn du es vorziehst , nach Spanien entfliehen . « » Ich will mit dir - , mit euch sterben . « » In wenig Wochen können die westgotischen Segel vor der Stadt erscheinen . Bis dahin reichen meine Speicher - der letzte Trost . Doch , das mahnt mich an deinen Wunsch : - Hier ist der Schlüssel zu dem Haupttor der Speicher . Ich trag ' ihn Tag und Nacht auf meiner Brust . Bewahre ihn wohl : - er verwahrt meine letzte Hoffnung . Er schließt das Leben von vielen Tausenden ein . Es war meine einzige Mühewaltung , die nicht fruchtlos blieb . Mich wundert , « fügte er schmerzlich hinzu , » daß nicht die Erde sich aufgetan hat oder Feuer vom Himmel gefallen ist , diese meine Bauten zu verschlingen . « Und er nahm den schweren Schlüssel aus dem Brustlatz seines Wamses . » Hüt ' ihn wohl , es ist mein letzter Schatz , Mataswintha . « » Ich danke dir , Witichis - König Witichis - « , sagte sie , verbessernd , und griff nach dem Schlüssel , aber ihre Hand zitterte . Er fiel . » Was ist dir , « fragte der König , den Schlüssel ihr in die Rechte drückend , - sie steckte ihn in den Gürtel ihres weißseidnen Unterkleides - » du zitterst ? Bist du krank ? « setzte er besorgt hinzu . » Nein - es ist nichts . - Aber sieh mich nicht an so - so wie jetzt und wie heute morgen ... - « » Vergib mir , Königin , « sagte Witichis , sich abwendend . » Meine Blicke sollten dich nicht kränken . Ich hatte viel , recht viel Gram in diesen Tagen . Und wenn ich nachsann , mit welcher Schuld ich all dies Unglück verdient haben könnte ... « - seine Stimme wurde weich . » Dann ? o rede ? « bat Mataswintha hingerissen . Denn sie zweifelte nicht mehr an dem Sinn seines unausgesprochenen Gedankens . » Dann hab ' ich , unter all ' den ringenden Zweifeln , oft auch gedacht , ob es nicht Strafe sei für eine harte , harte Tat , die ich an einem herrlichen Geschöpf begangen . An einem Weibe , das ich meinem Volk geopfert - . « Und unwillkürlich sah er im Eifer seiner Rede auf die Hörerin . Mataswinthens Wangen erglühten : sie faßte , sich aufrecht zu halten , nach der Lehne des Stuhles neben ihr . » Endlich - endlich erweicht sein Herz und ich - was habe ich ihm getan ! « dachte sie , » und Er bereut - « » Ein Weib , « fuhr er fort , » das unsäglich um mich gelitten , mehr als Worte sagen können . « - » Halt ein ! « flüsterte sie so leise , daß er es nicht vernahm . » Und wenn ich dich in diesen Tagen um mich walten sah , weicher , milder , weiblicher als je zuvor - dann rührtest du mein Herz mit Macht : und Tränen drangen in meine Augen . « - » O Witichis ! « hauchte Mataswintha . » Jeder Ton deiner Stimme sogar drang tief in meine Seele . Denn du mahnst mich dann so ganz , so herzerschütternd an - « » An wen ? « fragte Mataswintha und wurde leichenblaß . » Ach an sie , die ich geopfert ! Die alles um mich gelitten , an mein Weib Rauthgundis , die Seele meiner Seele . « Wie lange hatte er den geliebten Namen nicht mehr laut gesprochen ! Jetzt überwältigte ihn bei diesem Klang die Macht des Schmerzes und der Sehnsucht : und in den Stuhl sinkend bedeckte er sein Gesicht mit beiden Händen . Es war gut . Denn so bemerkte er nicht , wie es blitzähnlich durch die Gestalt der Königin zuckte , ihr schönes Antlitz sich medusenhaft verzerrte . Doch hörte er einen dumpfen Schlag und wandte sich . Mataswintha war zu Boden gesunken . Ihre linke Hand klammerte sich in die durchbrochene Rücklehne des Stuhls , an dem sie niedergeglitten war , während die Rechte sich fest auf den Mosaikboden stemmte . Ihr bleiches Haupt war vorgebeugt , das prachtvoll rote Haar flutete , losgerissen aus dem Scheitelband , über ihre Schultern : ihre scharf geschnittenen Nüstern flogen . » Königin ! « rief er hinzueilend , sie aufzuheben , » was hat dich befallen ? « Aber ehe er sie berühren konnte , schnellte sie wie eine Schlange empor und richtete sich hoch auf : » Es war eine Schwäche , « sagte sie , » die jetzt vorbei : - leb wohl ! « Wankend erreichte sie die Tür und fiel draußen bewußtlos in Aspas Arme . * * * Unterdessen hatte sich das unheimliche , drohende Ansehen der ganzen Natur noch gesteigert . Die kleine , rundgeballte Wolke , die Cethegus am Tage zuvor bemerkt , war der Vorbote einer ungeheuren schwarzen Wolkenwand gewesen , welche die Nacht über aus dem Osten aufgestiegen war , jedoch seit dem Morgen unbeweglich , wie Verderben brütend , über dem Meere stand und die Hälfte des Horizonts bedeckte . Aber im Süden brannte die Sonne mit unerträglich stechenden Strahlen aus dem unbewölkten Himmel . Die gotischen Wachen hatten Helm und Harnisch abgelegt : sie setzten sich lieber den Pfeilen der Feinde als dieser unleidlichen Hitze aus . Kein Lüftchen regte sich mehr . Der Ostwind , der jene Wolkenschicht heraufgeführt , war plötzlich gefallen . Unbeweglich , bleigrau lag das Meer : die Zitterpappeln im Schloßgarten standen regungslos . Allein in die tags zuvor ebenfalls verstummte Tierwelt war Angst und Unruhe geraten . An dem heißen Sand der Küste hin flatterten Schwalben , Möven und Sumpfvögel unsicher , ziellos , hin und her , ganz nieder an der Erde hinstreichend und manchmal schrille Rufe gellend . In der Stadt aber liefen die Hunde winselnd aus den Häusern : die Pferde rissen sich in den Ställen los und schlugen , ungeduldig schnaubend , dröhnenden Hufes um sich ; kläglich schrieen Katzen , Esel und Maultiere und von den Dromedaren Belisars rasten und schäumten sich drei zu Tode , in wütenden Anstrengungen , zu entkommen . - Es neigte jetzt gegen Abend . Die Sonne drohte alsbald unter den Horizont zu sinken . Auf dem Forum des Herkules saß ein Bürger von Ravenna auf der Marmorstufe vor seinem Hause . Er war ein Winzer und schenkte , wie der verdorrte Rebenzweig über seiner Tür zeigte , in seinem Hause selbst von seinem Gewächs . Er blickte nach dem drohenden Wettergewölk . » Ich wollte , es käme Regen , « seufzte er . » Kömmt nicht Regen , so kömmt Hagel und zerschlägt vollends , was an Wachstum draußen die Rosse der Feinde noch nicht zerstampft haben . « » Nennst du die Truppen unsres Kaisers Feinde ? « flüsterte sein Sohn , ein römischer Patriot . Aber leise . Denn eben bog um die Ecke eine gotische Runde . » Ich wollte , der Orkus verschlänge sie alle miteinander , Griechen und Barbaren ! Die Goten haben wenigstens immer Durst . Siehst du , da kömmt der lange Hildebadus , der ist der Durstigsten einer . Sollte mich wundern , wenn er heute nicht trinken wollte da die Steine bersten möchten vor Trockenheit . « Hildebad hatte die nächste Wache abgelöst und schlenderte nun langsam heran , den Helm im linken Arm , die lange Lanze lässig über der Schulter . Er schritt an der Weinschenke vorbei , zu großem Befremden ihres Herrn , bog in die nächste Seitengasse und stand bald vor einem hohen und dicken Rundturm - er hieß der Turm des Aetius - , in dessen Schatten oben auf dem Walle ein schöner junger Gote auf und nieder schritt . Lange , hellblonde Locken rieselten auf seine Schultern : und das zarte Weiß und Rot seines Gesichts , wie die milden blauen Augen gaben ihm ein fast mädchenhaftes Ansehn . » He , Fridugern , « rief ihm Hildebad hinauf , » huiweh ! Blitzjunge , hältst du ' s noch immer aus auf diesem Bratrost da oben ? Und mit Schild und Panzer - uf ! « » Ich habe die Wache , Hildebad ! « sagte der Jüngling sanft . » Ach , was Wache ! Glaubst du , bei dieser Schmelzofenhitze wird Belisar stürmen ? Ich sage dir , der ist froh , wenn er Luft hat und verlangt heute kein Blut . Komm mit : ich kam dich zu holen - der dicke Ravennate auf dem Herkulesplatz hat alten Wein und junge Töchter : - laß uns beide zu Munde führen . « Der junge Gote schüttelte die langen Locken und seine Stirn faltete sich . » Ich habe Dienst und keinen Sinn für Mädchen . Durst habe ich freilich : - schicke mir einen Becher Wein herauf . « » Ach , richtig , bei Freia , Venus und Maria ! du hast ja eine Braut über den Bergen am Danubius ! Und du glaubst , die merkt es gleich und die Treue sei gebrochen , wenn du hier einer Römerdirne in die Kohlenaugen guckst . O lieber Freund , bist du noch jung ! Nun , nun , nichts für ungut . Mir kann ' s ja recht sein . Bist sonst ein guter Gesell und wirst schon noch älter werden . Ich schicke dir vom roten Massiker heraus : - da kannst du dann allein Allgunthens Minne trinken . « Und er wandte sich und war rasch in der Schenke verschwunden . Bald brachte ein Sklave dem jungen Goten einen Becher Wein ; dieser flüsterte : » All ' Heil , Allgunthis ! « und leerte ihn auf einen Zug . Dann nahm er die Lanze wieder auf die Schulter und ging auf der Mauer auf und nieder , langsamen Schrittes . » Von ihr sinnen und träumen darf ich wenigstens , « sagte er , » das wehrt kein Dienst . Wann werd ' ich sie wohl wiedersehn ? « Und er schritt weiter : und blieb dann gedankenvoll im Schatten des mächtigen Turmes stehn , der schwarz und drohend auf ihn niedersah . - Bald nach Hildebad zog eine andre Schar Goten vorbei . Sie führten in der Mitte einen Mann mit verbundenen Augen und ließen ihn zur Porta Honorii hinaus . Es war Prokop , der vergeblich noch die festgestellten drei Stunden gewartet hatte . Es war umsonst : keine Botschaft vom König kam : und mißmutig verließ der Gesandte die Stadt . Des Präfekten feiner Plan war , so schien es , an der schlichten Würde des Gotenkönigs gescheitert . - Und noch eine Stunde verging . Es war dunkler , aber nicht kühler geworden . Da erhob sich vom Meere plötzlich ein starker Windstoß aus Süden : er schob die schwarzen Wolkenballen mit rasender Eile nach Norden . Sie lagerten jetzt dicht und schwer über der Stadt . Aber auch das Meer , der Südosten , ward dadurch nicht frei . Denn eine zweite , gleiche Wolkenmauer war dort emporgestiegen und hatte sich unmittelbar an die erste geschlossen . Der ganze Himmel über Meer und Land war jetzt ein schwarzes Gewölbe . Hildebad ging , weinmüde , nach seinem Nachtposten an der Porta Honorii : » Noch immer auf Wache , Fridugern ? « rief er dem jungen Goten hinauf . » Und noch immer kein Regen ! Die arme Erde ! Wie sie dürsten muß ! sie dauert mich ! Gute Wache ! « In den Häusern war es unleidlich schwül : denn der Wind kam aus den heißen Sandwüsten Afrikas . Die Leute drängten sich , geängstigt von dem drohenden Aussehen des Himmels , hinaus ins Freie , zogen in dichten Haufen durch die Straßen oder lagerten sich in Gruppen in den Vorhallen und Säulengängen der Basiliken . Auf den Stufen von Sankt Apollinaris drängte sich viel Volk zusammen . Und es ward , obwohl erst Sonnenuntergangszeit , doch völlig dunkle Nacht . * * * Auf dem Ruhebett in ihrem Schlafgemach lag Mataswintha , die Königin , mit todesbleichen Wangen , in schwerer Betäubung . Aber ohne Schlaf . Die weitgeöffneten Augen starrten in die Dunkelheit . Nicht eine Silbe hatte sie auf Aspas ängstliche Fragen gesprochen und zuletzt die Weinende mit einer Handbewegung entlassen . Unwillkürlich kehrten in ihrem eintönigen Denken die Worte wieder : Witichis - Rauthgundis - Mataswintha ! Mataswintha - Rauthgundis - Witichis ! Lange , lange lag sie so und nichts schien den unaufhörlichen Kreislauf dieser Worte unterbrechen zu können . Da plötzlich fuhr ein roter Strahl grell und blendend durch das Gemach , und im selben Augenblick schmetterte ein furchtbarer Donnerschlag , ein Donner , wie sie ihn nie vernommen , grollend , knatternd , prasselnd , krachend über die bebende Stadt . Der Angstschrei ihrer Frauen schlug an ihr Ohr : sie fuhr empor . Sie setzte sich aufrecht auf dem Ruhebett . Aspa hatte ihr das Obergewand abgenommen . Sie trug nur noch das weißseidne Unterkleid : sie warf die wallenden Wogen ihres Haares über die Schultern und lauschte . Es war eine bange Stille . Und noch ein Blitz und noch ein Donnerschlag . Ein Windstoß riß heulend das Fenster von Milchglas auf , das nach dem Hofe führte . Mataswintha starrte in die Finsternis hinaus , die jetzt jeden Augenblick von grellen Blitzen unterbrochen wurde . Unaufhörlich rollte der Donner , selbst das furchtbare Geheul des Sturmes überdröhnend . Der Kampf der Elemente tat ihr wohl . Sie lauschte begierig , auf die Linke gestützt und mit der Rechten langsam über die Stirne streichend . Da eilte Aspa herein mit Licht . Es war eine Fackel , deren Flamme in einer geschlossenen Glaskugel brannte . » Königin , du ... - Aber , bei allen Göttern , wie siehst du aus ! Wie eine Lemure . Wie die Rachegöttin ! « » Ich wollte , ich wäre es , « sagte Mataswintha - es war das erste Wort seit langen Stunden , - ohne den Blick vom Fenster zu wenden . Und Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag . Aspa schloß das Fenster . » O Königin , die Frommen unter deinen Mägden sagen : das sei das Ende der Welt , das da komme , und der Sohn Gottes steige nieder auf feurigen Wolken , zu richten die Lebendigen und die Toten . Huh , welch ' ein Blitz ! Und noch kein Tropfen Regen . Nie hab ' ich solch ein Unwetter gesehen . Die Götter zürnen schwer . « » Wehe , wem sie zürnen . O , ich beneide sie , die Götter . Sie können hassen und lieben , wie ' s ihnen gefällt . Und zermalmen den , der sie nicht wieder liebt . « » Ach , Herrin , ich war auf der Straße : ich komme gerade zurück . Alles Volk strömt in die Kirchen mit Beten und Singen , den Himmel zu versöhnen . Ich bete zu Kairu und Astarte - Herrin , betest du nicht auch ? « » Ich fluche ! Das ist auch gebetet . « » Oh , welch ein Donnerschlag ! « schrie die Sklavin und stürzte zitternd in die Kniee . Der dunkelblaue Mantel , den sie trug , glitt von ihren Schultern . Der Blitz und Donner war so stark gewesen , daß Mataswintha aus den Kissen gesprungen und ans Fenster geeilt war . » Gnade , Gnade , ihr großen Götter ! erbarmt euch der Menschen ! « flehte die Afrikanern . » Nein , keine Gnade ! Fluch und Verderben über die elende Menschheit ! Ha das war schön ! Hörst du , wie sie unten heulen vor Angst auf der Straße ? Noch einer , und noch ein Strahl ! Ha , ihr Götter , wenn ein Himmelsgott oder Himmelsgötter sind - nur um eins beneid ' ich euch - : um die Macht eures Hasses , um euren raschen , geflügelten , tödlichen Blitz ! Ihr schwingt ihn mit der ganzen Wut und Lust eures Herzens und eure Feinde vergehn : und ihr lacht dazu : - der Donner ist euer Gelächter ! Ha , was war das ? « Ein Blitz und ein Donner , der alle frühern übertraf , zuckte und krachte . Aspa fuhr vom Boden auf . » Was ist das für ein großes Haus , Aspa ? die dunkle Masse uns gegenüber ? Der Blitz hat wohl gezündet : - brennt es ? « » Nein , Dank den Göttern ! es brennt nicht ! Der Blitz hat sie nur beleuchtet . Es sind die Kornspeicher des Königs . « » Ha , habt ihr fehlgeblitzt , ihr Götter ? « So schrie die Königin . » Auch die Sterblichen führen den Blitz der Rache . « Und sie sprang vom Fenster hinweg , - und das Gemach war plötzlich dunkel . » Königin - Herrin - wo bist - wohin bist du verschwunden ? « rief Aspa . Und sie tastete an den Wänden . Aber das Gemach war leer : und Aspa rief umsonst nach ihrer Herrin . * * * Unten auf der Straße wogte nach der Basilika von Sankt Apollinaris hin ein frommer Zug . Ravennaten und Goten , Kinder und Greise , sehr viele Frauen : Knaben mit Fackeln schritten voran , hinter ihnen Priester mit Kreuzstangen und Fahnen . Und durch das Brüllen des Donners und durch das Pfeifen des Sturmes scholl die alte , feierlich ergreifende Weise : dulce mihi cruciari , parva vis doloris est : malo mori quam foedari : major vis amoris est . Die Antwort aber des zweiten Halbchors lautete : parce , judex , contristatis , parce pecatoribus , qui descendis perflammatis ultor jam in nubibus . Und der Bittgang verschwand in der Kirche . Auch die nächsten Aufseher der Kornspeicher schlossen sich dem Zuge an . Auf den Stufen der Basilika , gerade der Tür der Speicher gegenüber , saß das Weib im braunen Mantel : still und furchtlos im Aufruhr der Elemente , die Hände nicht gefaltet , aber ruhig im Schoß liegend . Der Mann in der Sturmhaube stand neben ihr . Eine gotische Frau , die in die Kirche eilte , erkannte sie im Schein eines Blitzes . » Du wieder hier , Landsmännin ? Ohne Obdach ? Ich habe dir doch oft genug mein Haus angeboten . Du scheinst fremd hier in Ravenna ? « » Ich bin fremd . Doch hab ' ich Obdach . « - » Komm mit in die Kirche und bete mit uns . « » Ich bete hier . « - » Du betest ? Du singst nicht und sprichst nicht ? « » Gott hört mich doch . « - » Bete doch für die Stadt . Sie fürchten , es komme das Ende der Welt . « » Ich fürchte es nicht , wenn es kommt . « » Und bete für unsern guten König , der uns Brot gibt alle Tage . « - » Ich bete für ihn . « Da tönte der waffenklirrende Schritt von zwei gotischen Runden , die sich an der Basilika kreuzten . » Ei , so donnre , bis du springst , « schalt der Führer der einen Schar , » aber brumme mir nicht in meinen Befehl . Haltet an . Wisand , du bist ' s ? Wo ist der König ? Auch in der Kirche ? « » Nein , Hildebad , auf den Wällen . « » Recht so , da gehört er hin ! Vorwärts , Heil dem König . « Und die Schritte verhallten . Da kam ein römischer Lehrer mit einigen seiner Schüler vorbei . » Aber , Magister , « mahnte der jüngste , » ich dachte , du wolltest in die Kirche ? Warum führst du uns sonst aus dem Hause ins Freie bei diesem Unwetter ? « » Das sagte ich nur , um euch und mich aus dem Hause zu bringen . Was Kirche ! Ich sage dir , je weniger ich Dächer und Mauern um mich weiß , desto wohler ist mir . Ich führ ' euch auf die große , freie Wiese in der Vorstadt . Ich wollte , wir hätten Regen . Wäre der Vesuvius nahe genug , wie in meiner Heimat , ich dächte , Ravenna werde heut ' ein zweites Herculaneum . Ich kenne solche Luft , wie sie heute - ich traue nicht ! « Und sie gingen vorüber . » Willst du nicht mit mir gehn , Frau ? « sprach der Mann in der Sturmhaube zu der Gotin . » Ich muß sehen , Dromon , unsern Gastfreund , jetzt zu treffen : sonst kommen wir diese Nacht wieder nicht unter Obdach . Ich kann dich nicht allein lassen im Dunkeln . Du hast kein Licht bei dir . « » Siehst du nicht , wie mir die Blitze leuchten ? Geh ' nur , ich komme nach . Ich muß noch was zu Ende denken - , zu Ende beten . « Und die Frau blieb allein . Sie preßte beide Hände fest gegen die Brust und sah gegen den schwarzen Himmel : leise nur bewegten sich ihre Lippen . Da war es ihr , als sähe sie in den Hochgängen , Galerien und Oberhallen des gewaltigen Holzbaues der Speicher , die in dunkeln Massen ihr gegenüber lagen , aus dem steinernen Rundbau des Zirkus ragend , ein Licht auftauchen und hin und wieder , auf- und abwärts wandeln . Es mußte wohl eine Täuschung durch die Blitze sein . Denn jedes frei getragene Licht hätte der Wind in den nach außen offenen Galerien verlöscht . Aber nein : es war doch ein Licht . Denn in regelmäßigen Zwischenräumen wechselte sein Aufleuchten und sein Verschwinden , wie wenn es hastigen Schrittes entlang den Gängen mit ihren verdeckenden Pfeilern und Halbmauern getragen würde . Scharf sah die Frau nach dem wechselnden Licht und Schatten ... - - Aber plötzlich - o Entsetzen - fuhr sie empor . Es war ihr : als sei die Marmorstufe , auf der sie gesessen , ein schlafend Tier gewesen , das , jetzt erwachend , sich leise regte , lebendig wurde - und schwankte , - stark , - von der Linken zur Rechten . - Blitz und Donner und Sturm ruhten auf einmal . - Da scholl aus den Speichern ein schriller Schrei . Hell aufflammte das Licht und verschwand plötzlich . - Aber auch die Frau auf der Straße stieß einen leisen Angstruf aus . Denn jetzt konnte sie nicht mehr zweifeln : die Erde bebte unter ihr ! - Ein leises Zucken : und plötzlich zwei , drei starke Stöße : als hebe sich wellenförmig der Boden von der Linken zur Rechten . Aus der Stadt her tönte Angstgeschrei . Aus den Türen der Basilika stürzte in Todesangst die laut kreischende Schar der Beter . - Noch ein Stoß ! - Die Frau hielt sich mit Mühe aufrecht . Und fernher , von der Außenseite der Stadt , scholl ein gewaltiges dumpfes Krachen , wie von massenhaft stürzenden , schweren Lasten . Ein furchtbares Erdbeben hatte Ravenna heimgesucht . Einundzwanzigstes Kapitel . Während die Frau sich in der Richtung jenes dumpfen Schlages wandte , drehte sie einen Augenblick den Speichern den Rücken . Aber rasch wandte sie sich diesen wieder zu . Denn es war ihr , als sei eine schwere Türe zugefallen . Scharf blickte sie hin . Doch in der tiefen Finsternis konnte ihr Auge nichts wahrnehmen . Nur ihr Ohr hörte etwas sacht an der Außenmauer des Gebäudes dahinrascheln