in ihren duftigen Versteck gleiten , als in diesem Augenblicke Wilhelm Kluckhuhn mit einem großen Präsentirbrett erschien , von welchem er mir einen der niedrigen vor dem Divan stehenden Tischchen mit einer vortrefflichen Collation besetzte . » Nun , wann wünscht mich der Herr Commerzienrath zu sprechen , « fragte ich , als Wilhelm , die Serviette unter dem Arm , in der respectvollen Entfernung von sechs Schritten vor mir stehen blieb . » Der Herr Commerzienrath wird es sich zur Ehre schätzen , den Herrn Ingenieur beim Thee zu empfangen , « erwiederte er . Ich schaute auf , mir den Mann genauer anzusehen ; seine Ausdruckweise , ja selbst der Ton seiner Stimme waren so ganz verändert . Und wie war ich denn so plötzlich zum Ingenieur avancirt ? Es mußte ihm irgend etwas passirt sein , was seinen Gedanken über den neuen Gast eine andere Richtung gegeben hatte . Ich sann darüber nach , was es wohl gewesen sein mochte , aber es war eine unnöthige Mühe : Wilhelm Kluckhuhn gehörte nicht zu den Leuten , die ein Geheimniß in verschwiegener Seele verborgen halten können . » Das gnädige Fräulein wird nicht beim Thee erscheinen , « sagte er , und begleitete diese Worte mit einem tiefen , bedeutungsvollen Räuspern . » So , « warf ich im gleichgültigen Tone hin , den das lebhafte Pochen meines Herzens Lügen strafte . » Ja , « fuhr der Mittheilsame fort . » Ich war eben unten im Salon , um den Herrn Commerzienrath zu befragen , wann er den Herrn Ingenieur - Wilhelm Kluckhuhn legte einen scharfen Accent auf das letzte Wort - zu sprechen wünsche . Beim Thee natürlich , sagte der Herr Commerzienrath . Ich möchte ihn ganz familiär empfangen . - Willst Du nicht heute Abend erst einmal mit ihm allein sprechen ? sagte das gnädige Fräulein . - Das gnädige Fräulein war nämlich ganz plötzlich von dem Clavier , an welchem sie noch eben gespielt und gesungen , aufgestanden und nach der Thür gegangen , wo ich stand . - I , Gott bewahre , sagte der Herr Commerzienrath . Wo willst Du denn hin ? - Ich will auf mein Zimmer , sagte das gnädige Fräulein ; ich habe schon den ganzen Tag Kopfschmerzen gehabt . - Da kommst Du am Ende gar nicht wieder , sagte der Herr Commerzienrath . Das gnädige Fräulein sagte gar nichts , denn sie war schon an mir vorbei zur Thür hinaus , und ich sage Ihnen , Herr Ingenieur : ein paar Backen hat sie gehabt , wie meine Aufschläge hier ; « und Wilhelm Kluckhuhn deutete mit dem Zeigefinger der Rechten auf den ponceaurothen Aufschlag seines linken Aermels . » Dies Alles ist höchst merkwürdig , « sagte ich . » Ja wohl ! « sagte Wilhelm , indem er die Augenbrauen hoch auf seine flache Stirn hinaufzog , und die Winkel seines nicht eben kleinen Mundes hufeisenförmig nach unten bog , » sehr merkwürdig . Und die Andern fanden es auch , denn sie sahen sich Alle an , so ! « und Wilhelm Kluckhuhn riß seine kleinen Augen so weit als möglich auf und starrte mich in einer Weise an , daß ich einen Augenblick glaubte , er habe den Verstand verloren . » Wer sind die Andern ? « fragte ich . » Na , der Herr selbst , und Mamsell - wollte sagen Fräulein Duff , und der Herr Steuerrath und die Frau Steuerräthin - « » Die sind auch hier ? « fragte ich nicht gerade angenehm überrascht . » Ja wohl , schon drei Wochen , « erwiederte Wilhelm , » aber noch soll der erste Tag kommen , wo einer von uns gesehen hätte , wie ihnen das läßt ; « und er machte mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand eine eigenthümliche Bewegung über die Fläche der linken hin . » Na , und die schnitten Alle Gesichter ! und der Herr Commerzienrath sahen sehr grimmig drein , nahmen sich aber zusammen , was sonst gar nicht seine Gewohnheit ist , und sagte : das ist ja schade , aber das hilft nun nicht , ich werde den Herrn Ingenieur doch zum Thee bitten müssen . Ahpropoh ! - ich bitte um Verzeihung ! aber wir sagen so immer in Berlin : - - warum haben der Herr Ingenieur mir nicht gleich gesagt , daß Sie der Herr Ingenieur sind ? « » Es ist gut , lieber Wilhelm , « sagte ich , » und Sie können abräumen , und wenn es Zeit ist , kommen Sie und rufen mich . « Als der redselige Wilhelm mich mit den Eßsachen verlassen , sprang ich von dem Divan auf und schritt in einer Erregung , die ich vor dem Manne sorgfältig verheimlicht hatte , in dem Teppichgemache auf und nieder . Die kleine Geschichte , welche ich eben gehört , gab mir mehr Stoff zum Denken , als ich für den Augenblick bewältigen konnte . Es mußte eine eigenthümliche Scene gewesen sein , sonst hätte sie nicht auf das keineswegs weiche Gemüth Wilhelm Kluckhuhn ' s einen solchen Eindruck machen können . Und weshalb waren die Kopfschmerzen Herminens gerade in diesem Augenblicke so arg geworden ? Und weshalb hatten sich meine alten Freunde - der Herr Steuerrath und die geborene Kippenreiter - so bedenklich angesehen ? Das Alles hatte nur eine Auslegung , denn eine zweite , die etwa noch möglich gewesen wäre , verwarf meine Bescheidenheit sofort . Das schöne Mädchen zürnte mir noch immer seit dem Zusammentreffen auf dem Dampfschiff . Aber , wenn das der Fall war , was hatte ihre Anfrage bei Paula nach mir zu bedeuten gehabt ? woher das Interesse , welches sie doch offenbar an meinem Schicksal nahm ? Ich sah sie wieder vor mir , wie ich sie auf dem Dampfschiffe gesehen : die rothen Lippen fest aufeinander gepreßt , und aus den blauen Augen feurige Zornesblitze auf mich schießend . Sie hatte mir gesagt , ich müsse mir von ihrem Vater helfen lassen , denn ihr Vater sei reich ; und ich hatte ihr geantwortet , gerade deshalb werde ich mir nicht von ihm helfen lassen . Lag denn die Sache jetzt nicht gerade so ? Wollte ich denn etwas von ihm ? War ich nicht vielmehr gekommen , dem reichen Manne einen Rath zu geben , an welchem es ihm selbst zu gebrechen schien ? einen Rath , der , wenn er ihn befolgte , ihn reicher machen mußte , als er je gewesen war ? Nein , ich kam nicht als Bittender in dieses Haus ! Ich konnte mein Haupt stolz erheben , wie es dem freien Manne zukommt ; und wenn es eine Ironie auf meine niedrige Stellung sein sollte , daß man mich hier in dies Prunkgemach gewiesen , so brauchte ich ja nur vornehm im Herzen zu fühlen und die kleine Differenz war vollständig ausgeglichen ! » Wenn es Ihnen jetzt gefällig wäre ; « sagte Wilhelm Kluckhuhn , in der Thür erscheinend . Ich hatte die Absicht gehabt , meinen besten Anzug , welcher nebst der nöthigen Wäsche und einigen Manuscripten und Zeichnungen den ganzen Inhalt des Koffers bildete , anzulegen , um mich der Gesellschaft unten würdig zu präsentiren ; die radicale Stimmung aber , in welche ich mich glücklich hineingeredet , ertrug dergleichen kleinliche Rücksichten nicht , und ich erfüllte nur ein Herzensbedürfniß , indem ich so , wie ich ging und stand , meinem Führer die breite , wohlerleuchtete Treppe hinab auf den unteren Flur bis vor eine Thür folgte , welche er mir dienstwillig öffnete , und durch welche ich ohne eine Spur von Herzklopfen in einen sehr großen , reich möblirten , durch Lampen , die auf verschiedenen Tischen standen , wohl erhellten Salon trat . An einem dieser Tische , ganz im Hintergrunde des Zimmers , saß die Gesellschaft , welche aus dem Commerzienrath , seinem Schwager , dem Steuerrath , dessen Gemahlin und dem Fräulein Duff bestand . Der Commerzienrath kam mir mit weit ausgestreckter Hand entgegen , schon von ferne mit seiner lauten Stimme rufend , daß er sich unendlich freue , seinen lieben jungen Freund bei sich zu sehen . » Ich habe Sie freilich schon lange bei mir gehabt , « fuhr er fort , nachdem er meine Hand ergriffen hatte ; » ein halbes Jahr schon , und ohne es zu wissen ; es ist schändlich ! aber diese Mädchen nehmen ja keine Vernunft an ! Da machen sie um nichts und wieder nichts ein Geheimniß aus Dingen , die zu erfahren man es sich unter Brüdern seine tausend Thaler kosten lassen würde . « Diese Versicherungen wurden mit so viel Eifer gegeben , daß , wenn ich je daran gezweifelt , ob der Commerzienrath von meiner Anwesenheit in seiner Fabrik unterrichtet gewesen sei , diese Zweifel jetzt vollständig beseitigt waren . Er hatte es gewußt , aber er hatte kein Interesse daran gehabt , es zu wissen , als bis ich ihm von wirklichem erheblichen Nutzen sein konnte . Vielleicht war es diese Beobachtung , welche mich die Freundschaftsversicherungen des reichen Mannes so kaltblütig entgegennehmen ließ ; aber ich mußte lächeln und das Herz ging mir auf , und meine beiden Hände streckten sich unwillkürlich aus , als jetzt das gute Fräulein Duff den Theekessel , an welchem sie beschäftigt gewesen war , stehen ließ , und mit einem schüchternen Lächeln auf den schmalen Lippen und mit einem wehmüthig schmachtenden Aufschlage der blassen Augen auf mich zuschwebte . Sie hatte ihre rechte Hand erhoben , so , daß die Fingerspitzen nach unten fielen , ungefähr in der Weise , wie eine Königin auf der Bühne andeutet , daß sie einen Handkuß des betreffenden Vasallen wünsche oder erwarte . Aber die gute Dame dachte gewiß an dergleichen nicht , es war nur ihre Art , Jemandem die Hand zu reichen , und so nahm ich denn diese dünne , blasse Hand und drückte sie herzlich , wenn auch vorsichtig . Die sensitive Natur des guten Fräuleins hatte sofort herausgefühlt , wie ehrlich ich es mit diesem Händedruck meinte . Sie erwiederte denselben mit nervöser Heftigkeit ; ihre blassen Augen füllten sich mit Thränen , und sie flüsterte zu mir empor : » Grämen Sie sich nicht ! und zürnen Sie ihr nicht ! es ist nicht Haß , es ist jungfräuliche Schüchternheit - verzweifeln Sie nicht - harren Sie aus - suche treu - « Fräulein Duff hatte nicht Zeit , ihre Lieblingsphrase zu beenden , denn der Commerzienrath wandte sich wieder zu mir und zog mich nach dem Tisch , an welchem der Steuerrath und seine Gattin , seitdem ich das Zimmer betreten , kerzengerade , ohne sich von der Stelle zu rühren , gestanden hatten , wie ein paar Gestalten in einem Wachsfigurencabinet . » Sie glauben nicht , wie sich mein Schwager und meine Schwägerin freuen , Sie wieder zu sehen , « rief der Commerzienrath , dem die Schadenfreude aus den kleinen glitzernden Augen sah . » Unendlich erfreut , « sagte der Steuerrath , mir zwei Finger seiner langen weißen Hand entgegenstreckend , die ich nicht nahm . » Unsäglich erfreut , « sagte die Steuerräthin , mit einem starren Blick auf die Lampe vor ihr . Ich freute mich weder unendlich noch unsäglich und sagte daher weder das eine , noch das andere ; dafür betrachtete ich mir desto genauer das liebenswürdige Paar , an welchem die Zeit keineswegs spurlos vorüber gegangen war . Die immer etwas hohe Stirn des Steuerraths war bis zum Scheitel hinauf kahl geworden ; in sein langes , glattes , aristokratisches Gesicht hatten sich tiefe Furchen gegraben . Die Augen erschienen mir kleiner und ausdrucksloser , und der Mund größer . Noch schlimmer hatten die ungalanten Jahre der geborenen Kippenreiter mitgespielt . Ihr Haar war allerdings dichter und glänzender als früher ; aber der schnöde Verdacht , daß sie diesen erfreulichen Zuwachs der segensreichen Kunst eines Perrüquiers verdanke , wurde bei einem zweiten Blick zur Gewißheit . Und auch sonst entbehrte ihr Gesicht einer künstlichen Nachhülfe nicht . Die bereits stark eingefallenen Wangen waren von einem Roth überhaucht , das zu zart war , um ganz natürlich zu sein , und die dünnen , blassen Lippen spielten jetzt über einem paar Zahnreihen von tadelloser Weiße . Die Geborene hatte sich mit einem Worte um das Doppelte der Jahre , die ich sie nicht gesehen , verjüngt , nur der Ausdruck ihrer schmalen , stechenden Augen war , da er nicht schlimmer werden konnte , derselbe geblieben , und das breite , rothe Band ihrer Haube , welches sie , vermuthlich um die eingefallenen Wangen zu verbergen , unmittelbar unter dem Kinn in einer kühnen Schleife zusammenzuknüpfen pflegte , nickte noch in der alten , häßlichen Weise bei jedem Worte , das sie sagte , hin und her . Man hatte wieder um den Theetisch Platz genommen . Der Commerzienrath führte die Unterhaltung , bei der es weniger auf die Ergötzung seines Schwagers , als auf sein eigenes Amüsement und nebenbei auf meine Belehrung abgesehen schien . So lernte ich gleich innerhalb der ersten fünf Minuten , daß der junge Fürst von Prora noch immer auf Rossow residire und daß Arthur ihm in seiner Verbannung Gesellschaft leiste . » Denn es ist eine Verbannung , « schrie der Commerzienrath seinen Schwager an , » Sie mögen sagen , was Sie wollen ; ich weiß es vom Justizrath Heckepfennig , den der alte Fürst als seinen Justiziarius zu dem Familienrath zuziehen mußte , in welchem ein Langes und Breites darüber verhandelt ist , ob er den Herrn Sohn für einen Verschwender erklären lassen solle oder nicht . Der alte Herr hat sich zuletzt bestimmen lassen , dem Herrn Sohn noch eine Frist von einem halben Jahr zu gewähren , die er auf dem Lande zubringen soll , während man unterdessen mit seinen Gläubigern abrechnen wird . Auch eine schöne Situation für einen Fürsten , nicht ? « » Gekrönte Häupter sind selten glücklich ; « sagte mit einem tiefem Seufzer Fräulein Duff , welche sich eben mit einer Handarbeit zu uns gesetzt hatte . » Ich dachte , die Fürsten hatten nur Hüte , « sagte der Commerzienrath mit einem höhnischen Grinsen ; » indessen ich armer Plebejer bin in solchen Dingen incompetent ; Sie müssen das besser wissen , Herr Schwager ! « » Ohne Frage ; « erwiederte der Angeredete zerstreut . » Sie denken gewiß an ihren liebenswürdigen Sohn , Herr Schwager , « fuhr der Commerzienrath fort , » und ob es wohl eine passendere Gesellschaft für einen Menschen seinesgleichen giebt , als einen jungen Fürsten , der auf dem besten Wege ist , sich zu ruiniren . Ich finde es sehr begreiflich , daß Sie bei dem Gedanken ein Gesicht machen , wie ein Lohgerber , dem die Felle weggeschwommen sind . « » Verzeihen Sie , Herr Schwager , aber ich dachte in diesem Augenblick nicht an Arthur , « erwiederte der Steuerrath ; » vielmehr daran , ob die Unterhandlungen über den Verkauf von Zehrendorf , die Sie mit Seiner Durchlaucht neuerdings wieder angeknüpft haben , und die nebenbei zu beweisen scheinen , daß Sie Seiner Durchlaucht doch mehr Einsicht und Geschäftskenntniß zutrauen müssen , von Erfolg sein werden . « » Was hat denn das mit seiner Weisheit oder Narrheit zu thun , « rief der Commerzienrath , » oder ja doch ! denn ein je größerer Narr er ist , desto theurer werde ich es an ihn verkaufen können . Uebrigens weiß ich gar nicht , ob ich die Erlaubniß dazu von meiner Tochter erhalten werde . Sie will ja durchaus nicht , daß es in andere Hände kommt . Freilich , sie hat adeliges Blut in ihren Adern ! Nicht wahr , Frau Schwägerin ? Und da muß sie die Sache natürlich anders ansehen , als ich armer Roturier . Ich hätte es schon längst verkaufen können ; unter Andern an Herrn von Granow , der mir ein sehr schönes Gebot gemacht hat , und als einer unserer nächsten Nachbarn es auch am besten brauchen kann . Indessen Hermine behauptet , Frau von Granow sei eine zu gewöhnliche Person - vermuthlich , weil sie keine Geborene ist , wie Sie , verehrteste Frau Schwägerin , denn die Geborenen können nicht gewöhnlich sein , Frau Schwägerin ? - aber was ich sagen wollte , Hermine behauptet , ich dürfe ihr nicht eine solche Nachfolgerin geben . Ja , du lieber Gott ! sie wird Niemanden finden , den sie für würdig hält , höchstens Herrn von Trantow . « » Wie geht es dem ? « rief ich . » Nun , sehr gut , « erwiederte der Commerzienrath ; » er ißt und trinkt und schläft , weshalb sollte es ihm also nicht gut gehen ? Ja , das ist ein großer Liebling von meiner Hermine ; ich glaube , sie wäre im Stande , ihn zu heirathen , wenn sie ihn nur einmal nüchtern sehen könnte . « Fräulein Duff mußte über so entsetzliche Worte die Hände zusammenschlagen , und einen Blick auf mich richten , in welchem ich , wenn ich scharfsichtig gewesen wäre , unzweifelhaft irgend eine ewige Wahrheit gelesen haben würde , während der Steuerrath und seine Gattin ein paar blitzschnelle , verständnißvolle Blicke unter einander wechselten . Ich bemerkte ein leises , ermuthigendes Winken in den Wimpern des Steuerraths , auf welches ein leichter Hustenanfall der Geborenen und dann die Bemerkung folgte : » es giebt ein altes Sprüchwort , lieber Herr Schwager , an welches ich immer erinnert werde , sobald ich scherzhafte Aeußerungen der Art vernehme , wie wir soeben aus Ihrem Munde gehört haben . « » Sie meinen , man soll den Teufel nicht an die Wand malen , « schrie der Commerzienrath , » aber beruhigen Sie sich ! Wenn der Teufel auch nicht kommt , Ihr Athur kommt darum noch lange nicht ; nein , noch lange nicht ! « und der Commerzienrath brach in ein schallendes Gelächter aus , um sich für seinen Witz zu belohnen . » Ich weiß mich frei von ehrgeizigen Plänen der Art , verehrtester Herr Schwager , « erwiederte die Geborene , deren Wangen in diesem Augenblicke des Carmins vollständig entbehren konnten . » So ! « schrie der Commerzienrath , » nun , das ist schön ! Wissen Sie sich vielleicht auch frei , Herr Schwager ? Wenn es dann Ihrem Herrn Sohn ebenso geht , so wissen Sie sich alle drei frei , und mehr kann Keiner von Euch verlangen . Uebrigens , Frau Schwägerin , sind die Trantows eine so alte Familie , daß Sie schon aus diesem Grunde Scheu tragen sollten , den letzten Abkömmling derselben mit dem Gottseibeiuns zu vergleichen . « » Wenn es nur auf das Alter der Familie ankommt , « sagte der Steuerrath , » so wissen Sie , verehrtester Herr Schwager , daß die Trantows freilich ihren Stammbaum bis in das vierzehnte Jahrhundert zurückführen , die Zehrens aber - « » Weiß es ! weiß es ! habe es schon hunderttausendmillionenmal gehört , « rief der Commerzienrath , indem er hastig vom Stuhl aufsprang . » Ihr seid eine schauderhaft alte Familie , ja Frau Schwägerin , schauderhaft alt ! aber beruhigen Sie sich , alt , wie Sie sind , Sie können immer noch ein paar Jahre älter werden . Und nun folgen Sie mir , mein junger Freund , damit wir in meiner Stube endlich einmal zu einem vernünftigen Worte kommen . « Er ging mir voran , durch ein ebenfalls hellerleuchtetes Zimmer in ein zweites kleineres Gemach , welches nach den bequemen , roßhaarüberzogenen Möbeln und Aktenrepositorien zu schließen , sein eigenes Zimmer war , das er denn auch nach seinem allereigensten Geschmacke ausgestattet hatte . Ein paar herzlich schlechte Copien nach alten berühmten Meistern , dazwischen noch schlechtere Originale neuesten Datums : Thierstücke , Landschaften , bedeckten die Wände und correspondirten hinsichtlich des künstlerischen Werthes mit einigen Büsten des regierenden Königspaares und anderer fürstlichen Personen , welche an schicklichen oder auch unschicklichen Stellen , wie es eben kam , angebracht waren . Von der Decke hing eine Lampe über einem runden Tisch , auf welchem unter verschiedenen Papieren neben einem brennenden Licht ein offenes Kistchen mit Cigarren stand . » So , mein lieber , junger Freund , « rief der Commerzienrath , indem er sich in den Stuhl warf , und die im Laufe der Jahre noch dünner gewordenen Beinchen mit einer Miene , welche Behaglichkeit ausdrücken sollte , von sich streckte . » Greifen Sie zu ! etwas Excellentes ! direct aus der Havannah ! mir von einem meiner Kapitäne vor acht Tagen mitgebracht ! unverzollt , wie ich sie habe , unter Brüdern einhundertzwanzig Thaler ! So ! Nun , was sagen Sie zu dem alten , lächerlichen Kerl von Steuerrath und seiner widerwärtigen Frau Gemahlin ? Drei Wochen liegen sie mir nun schon auf dem Halse , aber ich gebe ihnen auch keinen Pardon ; haben Sie sich nicht köstlich amüsirt ? « » Nicht , daß ich sagen könnte , Herr Commerzienrath ? « » Nicht ? Nicht ? warum nicht ? Sie müssen schwer zu amüsiren sein ! « » Im Gegentheil , Herr Commerzienrath , Niemand liebt eine harmlose Unterhaltung mehr als ich , aber ich kann es nicht harmlos finden , wenn der Wirth seine Gäste , sie seien , wer sie auch seien , zum - verzeihen Sie mir , Herr Commerzienrath - zum Narren hat . « » So ! so ! das ist mir ja ganz etwas Neues , « rief mein Wirth und sah mich mit einem bösen Blicke an . » Und doch ist es eine recht alte Sache , Herr Commerzienrath , die schon in den Urzeiten von den Menschen gekannt und ausgeübt wurde , und , wie ich höre , auch heut zu Tage selbst von den rohesten Völkerschaften heilig gehalten ist , sie müßten denn zufällig Menschenfresser sein . « » Menschenfresser ist gut ! Menschenfresser ist sehr gut , « rief der Commerzienrath , sich in seinen Fauteuil zurückwerfend und überlaut lachend , als hätte er keineswegs vor einer halben Minute auf dem Punkte gestanden , sich ernstlich mit mir zu erzürnen . » Ganz ausgezeichnet gut ! Wie finden Sie die Cigarren ? Aber Ihre aufrichtige Meinung , bitte ich ! « » Nicht eben so ausgezeichnet gut , wenn Sie meine aufrichtige Meinung haben wollen . « » Nicht ? nicht ausgezeichnet ? Nun , hören Sie , junger Mann , Sie müssen schwer zu befriedigen sein ! Eine solche Cigarre ! nicht ausgezeichnet ! Wo oder wann hätten Sie eine bessere geraucht ? « Und der Commerzienrath blies mit scheinbar innigstem Behagen den Rauch durch die Nase . » Offen gestanden , schon recht oft , Herr Commerzienrath , aber freilich muß ich sagen , daß ich in diesem Punkte etwas verwöhnt bin ; ich habe es während meines früheren Aufenthaltes hier in Zehrendorf gar zu gut gehabt . « » Ei freilich , « rief der Commerzienrath ; » der konnte es , der brauchte die Waare auch nicht zu versteuern , wie unser einer . « » Ich dachte , Herr Commerzienrath , Sie sagten , diese Cigarren seien auch nicht versteuert . « Mein Wirth sah mich wieder an , als würde er im nächsten Augenblicke nach dem Bedienten klingeln , um mich aus dem Hause werfen zu lassen . Er klingelte aber nicht , sondern sagte : » So , wenn Sie denn schon einmal ein solcher Kenner sind , wie theuer schätzen Sie denn das Kraut ? « » Mit zwanzig dürften sie bezahlt sein , Herr Commerzienrath . « » Achtzehn kosten sie ! « schrie der Commerzienrath , indem er mit der Hand auf den Tisch schlug ; » aber soll man seinen Gästen theure Cigarren vorsetzen , bevor man weiß , ob sie es zu würdigen wissen ? Nun will ich Ihnen aber welche geben , die - « » Hundertzwanzig Thaler unter Brüdern werth sind . « » Ja , ja , genau so , Sie ironischer Mensch , « rief der kleine alte Herr , indem er aufsprang und ein Kästchen aus seinem Schrank nahm , welches denn wirklich Cigarren enthielt , von denen ich nur sagen konnte , daß ich sie selbst bei dem wilden Zehren nicht besser geraucht habe . Mein liebenswürdiger Wirth war durch diese kleine Comödie in eine so behagliche Stimmung versetzt , daß er durchaus eine Flasche Steinberger-Cabinet bringen lassen mußte , aus welcher er mir sehr fleißig einschenkte , während er selbst eben nur an dem Glase nippte , obgleich er sich die Miene gab , mit mir bei der ersten und einer zweiten Flasche , die er im Laufe des Abends kommen ließ , gleichen Schritt zu halten . Ich hatte den alten Herrn früher und noch zuletzt bei jenem Besuch im Gefangenhause hinter der Flasche gesehen , und wußte , daß er war , was man einen Dreiflaschenmann nennt . Wenn er sich also heute so vorsichtig hielt , hatte das vielleicht seinen speciellen Grund . Und dieser Grund blieb mir nicht lange verborgen . Der Commerzienrath wollte mich offenbar zum Reden bringen , über eine Menge Dinge meine Meinung hören , meine ganz wahre Meinung , und da sollte denn der feurige , durchaus vortreffliche Wein meiner etwa mangelnden Wahrheitsliebe zu Hülfe kommen . Ich habe später den Mann dieselbe Methode in ähnlichen Fällen zu oft wiederholen sehen , als daß ich den geringsten Zweifel an der Richtigkeit der Beobachtung , die ich diesen Abend machte , haben könnte . Und noch ein anderes Manöver , in welchem der alte Geschäftsmann Meister war , sollte ich heute kennen lernen . Dies Manöver bestand darin , daß er , tief in seinen Stuhl zurückgelehnt , die Augen halb geschlossen , scheinbar zusammenhanglos über dies und jenes sprach , wobei er von dem hundertsten in das tausendste zu gerathen drohte , um plötzlich mit einer blitzschnellen Wendung auf den Punkt zu gehen , dem er , ohne daß sein Zuhörer es merkte , trotz alles Irrlichterirens immer näher gekommen war . Er hüllte sich so zu sagen in eine schwarze Wolke , wie der Tintenfisch es thun soll , wenn er seinen Verfolgern entrinnen will , nur mit dem Unterschiede , daß dieser alte schlaue Hecht in Gestalt eines königlichen Commerzienrathes die Kriegslist anwandte , um aus der Wolke heraus unversehens nach einem ahnungslosen Gründling zu schnappen . Mitternacht war vorüber , als mich Wilhelm Kluckhuhn wieder auf mein Zimmer brachte . Er entzündete die beiden Kerzen auf dem Tisch vor dem Divan , fragte mich , ob er die Hängelampe auslöschen solle , was ich bejahte , und wann ich morgen früh geweckt zu werden wünsche , worauf ich nur antworten konnte , daß ich die Gewohnheit habe , von selbst zur rechten Zeit aufzuwachen , und verließ mich dann mit einer Ehrerbietung , die im lächerlichen Gegensatz zu dem äußerst ungenirten Wesen stand , mit welchem er mich einige Stunden vorher empfangen . Ich dachte noch nicht an Schlafengehen . Mein Kopf schwärmte von den Gedanken , welche das lange Gespräch mit dem Herrn des Hauses in mir aufgeregt hatte ; meine Brust war voll von wogenden Empfindungen , welche die seltsame Situation , in der ich mich befand , wohl erwecken mußte ; und wie das in später Nacht nach ein paar Flaschen feurigen Weines in einer vollkommen neuen Umgebung zu geschehen pflegt , reihten sich die Erlebnisse des Abends zu einem bunten , lustigen , mich bald in lieblichen , bald grotesken Gestalten umgaukelnden Tanz : der Commerzienrath mit den halb geschlossenen Augen und dem scharfen , hechtgleichen Schnappen nach dem Punkt in der Unterhaltung , auf welchen es ihm ankam ; - das gute Fräulein Duff mit dem sentimentalen Zwinkern ihrer blaßgelben Augenlider ; - der Steuerrath mit dem weißen , lauernden Gesicht , und der weißen , schmalen Hand , an welcher der ungeheure Siegelring funkelte ; - die geborene Kippenreiter mit den falschen Zähnen und dem falschen Lächeln , und zuletzt sie , die ich nicht gesehen , und dennoch immerfort in meines Geistes Auge sah ; sie , in deren Zimmer ich mich hier befand , die gewiß in dieser Divanecke oft geruht , in welcher ich jetzt eine Cigarre dampfte : die kleine , elastische Gestalt des schönen , jungen Mädchens mit dem übermüthigen Zucken um den rothen Mund und dem sommerlichen Leuchten in den kornblumenblauen Augen ! Und seltsamer als das Alles : hinter diesem Vordergrund kaleidoskopisch wechselnder und wie in Nebel zerflatternder Scenen und Gestalten baute sich ein Hintergrund der Verhältnisse auf , mit denen ich es für den Moment zu thun hatte , und die ich zu durchschauen glaubte bis in ihre intimsten Beziehungen , als hätte mir ein Zauberer die geheimnißvolle Salbe gegeben , mit welcher man nur der Augen eines zu bestreichen braucht , um die Schätze zu sehen , die schlummernden alle , die in der Erde sind . Schon einmal in meinem Leben war mir ein solcher Moment gekommen : an jenem Tage nach der Ankunft in Zehrendorf , als ich des Nachmittags im Parke wandelte und unter den leise rauschenden Bäumen , Angesichts des alten , ehrwürdigen Schlosses , über welches die Sonnenlichter und die Wolkenschatten zogen , auf einmal wußte , daß der Herr dieses Parkes , dieses Hauses ein verzweifelter Schmuggler sei . Und ebenso , oder doch ähnlich , war es jetzt bei mir eine ausgemachte Sache , daß dieses neue Haus auf einem morschen Boden stehe , welcher jeden Augenblick unter ihm zusammenbrechen und das stolze , vielbeneidete Glück des Mannes unter den Trümmern eines colossalen Bankerotts begraben könne . Und ebenso