der Erneuerung bedurfte , schien gleichfalls niedergeschlagen , Mamsell Marianne aber blieb in einer beständigen , still unterdrückten Wuth . Die Bilder meiner Mutter und meiner verstorbenen Tante Amanda wurden aus dem Wohnzimmer in den Ahnensaal gebracht , und während die Uebrigen alle der Ankunft meines Vaters mit sehr ungünstigen Erwartungen entgegen sahen , unterhielten mich schon die bloßen Vorkehrungen für seine Rückkehr so angenehm , daß ich mich des Allerbesten von derselben versah . Der bloße Gedanke , daß noch andere Personen , als der Caplan und Mamsell Marianne , daß mein Vater und eine junge Frau im Schlosse leben würden , entzückte mich . Wenige Wochen nach meiner Confirmation , recht mitten in der Rosenzeit , traf dann mein Vater bei uns ein . Der Caplan hatte angeordnet , daß ich den Freiherrn im Schlosse erwarten sollte , da dieser sich den Empfang , wie er meiner Mutter an unserer Grenze zu Theil geworden und wie er sich für die Gutsherrschaft gebührte , verbeten hatte . Die Ungeduld litt mich aber nicht im Schlosse . Ich wußte damals noch nicht , sagte er - und wieder ging Angelika ' s schwermüthiges Lächeln über seine Züge - , was ich später wohl ahnte und was sich mir in diesem Briefe meines Vaters an den Caplan leider bestätigte , daß sein Verlangen nach mir nicht eben lebhaft war ; und den ersten großen Ungehorsam gegen den Befehl meines Mentors begehend , ließ ich mir heimlich mein Pferd satteln , um den sehnlich Erwarteten so bald als möglich zu begrüßen . Mein Vater erkannte mich im ersten Augenblicke nicht , als ich in den Bereich des Wagens kam . Er hatte mich als ein Kind verlassen , mich nur als Kind gedacht , und Vittoria hatte nach meines Vaters Aeußerungen auch nicht darauf gerechnet , einen fast erwachsenen jungen Menschen in mir zu finden . Sie rief mir in ihrer Muttersprache etwas zu , was ich nicht verstand ; da sie dies merkte , grüßte sie mich mit einer jener Handbewegungen , welche keine Nordländerin nachzuahmen vermag , und ich war bei ihrem Anblicke wie geblendet von ihrer Erscheinung . Sie können sich kaum vorstellen , rief er , sich unterbrechend , wie schön Vittoria damals war ; aber noch auffallender , als ihre Schönheit , war auch mir ihre große Jugend . Als sie vor dem Schlosse ausstieg , als mein Vater mich ihr , wie sich ' s gebührte , feierlich als ihren Stiefsohn vorstellte und sie mich umarmte , war ich vollends verwundert , sie kleiner als mich , sie überhaupt so klein zu finden , denn meine Mutter war sehr groß gewesen , und ich mußte mich schon damals bücken , meinen Mund dem Munde Vittoria ' s nahe zu bringen , sagte er erröthend . Sprach Ihre Stiefmutter nur das Italienische ? fragte Seba . O nein , ich sagte es Ihnen ja bereits , sie war auch des Französischen mächtig , und mit dem fremdartigen venetianischen Accente , der mir sehr lieblich in ihrem Munde klang , französisch zu mir sprechend , sagte sie : » Da ich zu jung bin , Deine Mutter zu sein und eine große Verehrung von Dir zu fordern , so entschließe Dich , mein Freund , mich zu lieben . Ich will das Gleiche thun , sei deß ganz gewiß ! « Und hat die Baronin das gehalten , lieber Arten ? Ich habe keinen besseren Freund , als sie ! betheuerte der Jüngling . Dann hielt er inne und ließ seiner Wirthin damit zu der Frage Zeit , ob Vittoria ' s Eltern noch am Leben wären und wo und wie sein Vater sie kennen gelernt habe . Vittoria war eine Waise , berichtete Renatus . Sie selbst hat mir , als ich erwachsen war , ihre Jugendgeschichte erzählt . Das Geschlecht der Giustiniani , dem sie angehört , ist sehr alt und weit verzweigt ; aber der Zweig , von dem sie stammt , war mittellos , und man hatte Vittoria , da ihre Eltern früh gestorben waren , zur Erziehung in ein Kloster gethan , in welchem man sie später den Schleier nehmen lassen wollte . Ich weiß nicht , ob ich sagen soll , zu ihrem Glücke , brachen die Blattern in dem Kloster aus , als sie auf dem Punkte stand , ihr Noviciat antreten zu müssen , und man sendete also zeitweilig alle Pensionäre zu deren Familien zurück . So kam Vittoria in das Haus der Marchesa Moncenigo , ihrer Tante , die damals , während des Sommers , eine Villa am Ufer der Brenta bewohnte ; aber man zog sie nicht in die Gesellschaft , die sich dort zur Villeggiatur versammelt hatte und zu der auch mein Vater gehörte . Man brachte das junge , weltfremde Mädchen mit einer Dienerin in einem verlassenen Casino im entlegensten Theile der Besitzung unter , da man nicht geneigt war , die mittellose Waise die Reize der Gesellschaft kosten zu lassen , in die einzutreten sie nicht bestimmt war . Ihre Rückkehr in die Mauern des Klosters stand ihr nahe bevor , als mein Vater bei einem einsamen Morgenspaziergange Vittoria an dem Fenster ihres Casino sah und sie , unbemerkt von ihr , eine jener alten Kirchen-Cantaten singen hörte , die Niemand , glaube ich , schöner als sie zu singen versteht . Mein Vater war von ihrer Schönheit wie von ihrer Stimme hingerissen . Er kehrte öfter wieder ; die Dienerin , welche man Vittoria zugesellt , hatte es bald herausgebracht , wer der Fremde sei und daß er ihrer jungen Herrin eine glänzende Zukunft zu bieten habe . Vittoria war ein Kind , sie sehnte sich , aus dem Kloster fortzukommen , wünschte in das Leben einzutreten , und wie hätte auf sie , der noch kein Mann genaht war , eine so einnehmende Persönlichkeit wie die meines Vaters ihren Eindruck verfehlen können ? Die Bewunderung , die sie ihm bezeigte , steigerte natürlich seine Leidenschaft für sie ; ihre Verlassenheit rührte ihn , seine Großmuth sprach für sie in seinem Herzen , und als er dann von seinen Gastfreunden Vittoria ' s Hand begehrte , war man natürlich eben so überrascht über die unerwartete Aussicht , welche sich der armen verabsäumten Verwandten darbot , als bereit , sie eine solche Verbindung schließen zu lassen . Vittoria Giustiniani wurde also mit Freuden Baronin von Arten , wurde meines Vaters Frau , und doch , fügte er seufzend hinzu , kann ich wie der Prinz in Schiller ' s » Don Carlos « von mir sagen : » Ich habe kein Glück mit meinen Müttern ! « Er erhob sich bei den Worten , sah nach der Uhr und entschuldigte sich , daß er Seba ' s Zeit so lange und so selbstsüchtig für sich in Anspruch genommen habe . Als diese ihn aufforderte , bis zur Rückkehr ihres Vaters und ihrer Nichte bei ihr zu bleiben , um dann mit ihnen zusammen zu Nacht zu essen , lehnte er es ab , weil er in jeder Woche an dem gleichen Abende bei der Gräfin Rhoden sei , der er außerdem heute noch einen Auftrag der Signorina zu überbringen habe . Meinen Sie mit dieser Bezeichnung Ihre Stiefmutter ? erkundigte sich Seba . Renatus wurde verlegen und roth . Ja , sagte er ; entschuldigen Sie die üble Angewohnheit , denn eine solche ist es in der That , und ich habe sie zu meiner Schande noch obendrein von Mamsell Marianne angenommen , die sich immer nicht entschließen kann , die junge Frau mit dem Titel meiner verstorbenen Mutter anzureden . Sie nannte sie deßhalb , wie die mitgebrachte Dienerin es that , beständig die Signora . - Mir aber klang das fremde Wort so schön ! Und weil Vittoria in ihrer Weise für mich ein Unvergleichliches war , freute es mich , für sie auch eine Bezeichnung zu haben , die keiner anderen Frau gegeben ward . Meine Jugendgespielinnen , die Töchter der Gräfin Rhoden , die gleich mir schnell eine große Neigung für Vittoria faßten , nannten sie bald auch nur die Signorina . Sie haben das vielleicht selbst schon von ihnen gehört ; und von den Bekannten unseres Hauses heißt jetzt kaum Jemand sie anders , wenn er von Vittoria spricht . Der junge Offizier hatte während dieser letzten Worte seinen Säbel umgehakt und seinen Hut genommen . Seba fragte , ob er sonst Neuigkeiten aus der Heimath habe , ob er wisse , wie es den Marienfelder Steinert ' s ergehe . - Er hatte aber nichts Näheres von ihnen gehört , da Adam Steinert in gar keinem Zusammenhange mit seinem früheren Herrn stand , und nur gelegentlich hatte er erfahren , daß es Steinert ' s unermüdlicher Ausdauer gelungen sei , sich durch die Noth der Kriegsjahre verhältnißmäßig gut durchzubringen . Das ist einer von den Ungebeugten , meinte Seba , denen die Kraft , zu hoffen und in dieser Hoffnung zu schaffen , in den trübsten Stunden aus dem Herzen quillt . Hoffnung muß nur einen Anhalt haben , wendete Renatus ein ; und woran kann sie sich knüpfen in einer Zeit , in welcher , wie eben jetzt , nach kaum überstandenem furchtbarem Kriege und unheilvollem Frieden , rund umher neue Rüstungen befohlen werden , deren Zweck nicht zweifelhaft ist ? Worauf soll der einzelne ohnmächtige Mensch seine Hoffnung richten , sein Bestreben lenken , da einem gewaltigen , dämonischen Willen nach Gottes unerforschlichem Rathschlusse wie einer Geißel des Gerichtes über die Erde Macht gegeben ist ? Seba hatte sich auch von ihrem Sitze erhoben und war mit ihrem jungen Gaste bis an die Thüre des Gartensaales gegangen . Als sie dieselbe öffnete , hatten sie in aller seiner strahlenden Herrlichkeit den prächtigen Kometen vor ihren Augen , der in diesem ganzen Sommer am Horizonte gestanden und die Herzen der ohnehin gewaltig aufgeregten Menschen mit banger Sorge und unheimlichen Befürchtungen erfüllt hatte . Wie blendend er ist , rief Renatus aus , und wie gewaltig in seiner fast den ganzen Horizont durchmessenden Größe ! Da faßte Seba des Jünglings Hand und sagte leise und eindringlich : Aber auch er wird vorübergehen , und seine Zeit ist nahe ! Sehen Sie hin , sein Licht ist im Erlöschen , er neigt sich dem Untergange zu ! Noch eine kurze Frist , und an dem befreiten Himmel werden die alten , schönen Sternbilder in aller ihrer Klarheit leuchten , und man wird vergebens nach dem Phänomen suchen , dessen wilde Großheit jetzt die schwachen Seelen entmuthigt und geknechtet hat ! Nur eine kurze Geduld , nur Muth und Hoffnung ! Der junge Mann sah sie betroffen an . Ihre Augen leuchteten in schöner Erhebung , es lag in ihren Worten etwas Geheimnißvolles , das ihn unwillkürlich ergriff ; indeß er konnte sich nicht entschließen , sie um die Deutung zu bitten , und ohne eine weitere Erklärung ließ sie ihn mit dem Auftrage , die Gräfin Rhoden von ihr zu grüßen , von sich gehen . Arme Angelika , seufzte sie , als er sich entfernt hatte , arme Angelika , warum mußtest du so früh von uns scheiden ! Dein Sohn würde mich verstanden haben , hättest du ihn auferzogen ! Viertes Capitel Als Renatus die Linden hinabging , um sich nach dem entlegenen Theile der Wilhelmsstraße zu begeben , in welchem die Gräfin Rhoden sich , seit sie Berlin bewohnte , niedergelassen hatte , sah er aus dem Eckfenster eines an der Friedrichsstraße gelegenen Hauses ein helles Licht erglänzen , und da die Uhr an dem Akademie-Gebäude ihn belehrt hatte , daß es noch ein wenig zu früh sei , zu der Gräfin zu gehen , wendete er sich jenem Hause zu , stieg die Treppe bis zum ersten Stockwerke in die Höhe und fragte , als eine den höheren Ständen angehörige Frau ihm dort die Thüre öffnete , ob sein Onkel zu Hause und zu sprechen sei . Zu Hause ist der Herr Graf , entgegnete die Frau , welche ihn eingelassen hatte , aber er hat einen Besuch , und der Kammerdiener ist fortgeschickt . Wenn Sie es wünschen , will ich Sie melden ; indeß ich hörte immer schon mit den Stühlen rücken und umhergehen - wenn Sie vielleicht verziehen wollten .... Er sagte , daß er nicht lange bleiben könne , daß er jedoch versuchen wolle , ob sein Onkel bis dahin für ihn frei sein werde , und nahm den Sessel an , den die Frau ihm an der Seite ihres Sopha ' s darbot . Renatus war schon oftmals durch dieses Zimmer gegangen , aber mit der Achtlosigkeit des im Reichthume geborenen und im eigenen Hause erwachsenen Mannes hatte er es nie eines Blickes gewürdigt , denn die verschwenderische Ausstattung desselben hatte für ihn keinen Reiz . Eben so wenig hatte er die Frau betrachtet , der er auch früher schon in diesem Gemache begegnet war , oder sie gefragt , welche Stelle sie in dem Haushalte seines Onkels ausfüllen möge . Heute , da er sich genöthigt fand , in ihrer Nähe zu verweilen , bemerkte er , daß sie offenbar den Fünfzigen nahe war , und sie mißfiel ihm , obwohl sie einmal eine hübsche Frau gewesen sein konnte . Sie trug jene großen goldenen Ringe in den Ohren , die ihrer Zeit durch die nachmalige Kaiserin Josephine in Aufnahme gebracht und nach ihr Creolen genannt worden waren . Ihre Taille war noch kürzer gegürtet , ihr Busen noch höher hinaufgeschnürt , als die Mode es mit sich brachte , und aus dem mädchenhaften Fanchontuche , das sie über den à la Titus frisirten Kopf geknüpft hatte , sahen die geschminkten Wangen und das runde Doppelkinn voll und coquet hervor . Dazu hatte sie die Finger reichlich mit Ringen besteckt , und sie mußte entweder auf diese Ringe oder auf ihre allerdings noch hübschen Hände großen Werth legen , denn sie war sehr bemüht , des Jünglings Aufmerksamkeit auf dieselben zu ziehen , indem sie die Hände leise gegen einander rieb und sich beklagte , daß es nach dem heißen Sommer und bei den warmen Tagen Abends doch schon so kalt sei und daß ihre Hände die rauhe Luft gar nicht vertragen könnten . Renatus ließ diese Bemerkung schweigend an sich vorübergehen ; damit war aber die Entschlossenheit der Redseligen , ihn in eine Unterhaltung zu verwickeln , nicht zurückgeschlagen , und beide Arme auf den Tisch legend , während sie sich weithin über dieselben nach vorn bog , so daß sie sich dem jungen Manne dadurch beträchtlich näher brachte , sagte sie mit leisem Kopfschütteln : Ich sehe recht , wie die Zeit vergeht ! Sie kennen mich gar nicht mehr , Herr Baron ! Sie haben ganz vergessen , daß Sie mich früher schon gesehen haben ! Sie wurde mit dieser Zudringlichkeit dem Jünglinge , dessen reiner Sinn vor allem Niedrigen zurückschreckte , nur noch widerwärtiger , und kurz abweisend sagte er , daß er sich wohl erinnere , wie sie auch sonst schon die Güte gehabt hätte , ihn einzulassen . In dem Augenblicke ward die Thüre des Nebenzimmers geöffnet , Graf Gerhard Berka trat mit einem Fremden , einem Franzosen , in das Vorzimmer hinaus ; sie schüttelten einander die Hände , nahmen eine Verabredung für den nächsten Tag , der Graf rief seinem Neffen , da er ihn gewahrte , einen freundlichen Guten Abend zu , machte scherzend die Bemerkung , daß man vom Wolfe nur zu sprechen brauche , damit er erscheine , was jedoch in diesem Falle ohne allen anzüglichen Vergleich gemeint sein solle , und stellte darauf dem Fremden , den er Baron und seinen lieben Castigni nannte , den jungen Freiherrn als den Neffen vor , dessen er so eben gegen ihn gedacht habe . Nach einer sehr verbindlichen Begrüßung empfahl sich Herr von Castigni dem Grafen wie Renatus , und mit einem Zeichen , daß sie dem Scheidenden das Geleit zu geben habe , sagte der Graf : Leuchten Sie , liebe Kriegsräthin ! Dann nahm er seinen Neffen unter den Arm und kehrte mit ihm in sein Zimmer zurück . Bist Du abergläubisch oder wundergläubig , mein Freund ? fragte er Renatus mit leichtem Tone , nachdem sie sich dort niedergelassen hatten . Renatus entgegnete , daß es darauf ankomme , was man unter abergläubisch und wundergläubig verstehe ; aber Jener ließ ihm zu keiner weiteren Erklärung Zeit , sondern sagte : Nun , Aberglaube oder Unglaube , was thut uns das ? Es ist gut , daß Du überhaupt wieder in Berlin , und sehr gut , daß Du eben jetzt zu mir gekommen bist ! Wir wollen das als eines der guten Zeichen ansehen , an die zu glauben immer Zuversicht und Muth gibt . Es war zwischen dem Baron und mir eben von Dir die Rede , als Du kamst . Von mir ? Und in wie fern , wenn ich dies fragen darf ? sagte der Neffe . Wärst Du geneigt , den preußischen Dienst zu verlassen ? erkundigte sich der Graf . Der junge Offizier verneinte es einfach und bestimmt . Aber es war , soviel ich davon weiß , nicht eben Dein Wille , der Dich bewog , die Uniform zu nehmen ! bedeutete Jener . Renatus wurde roth bis unter die Wurzel seines hellen Haares , und mit einem leichten Zusammenziehen seiner Augenbrauen , welches seine innere Selbstüberwindung kund gab , versetzte er : Ich würde allerdings das Leben eines unabhängigen Edelmannes , wie wir Arten ' s es von je geführt , überhaupt jedem Dienste vorgezogen haben ; da die Umstände mir dies nicht verstatteten , da mein Vater mich in die Armee eintreten lassen , und der König mir das Patent gegeben hat , scheint es mir Ehrensache , auch im Dienste zu bleiben , bis ich dieses mein Patent mit der That verdient und meinen Eid im Kampfe besiegelt habe ! - Sehr gut , sehr schön gesagt , rief der Graf mit einem leichten Anfluge von Spott , während er sich weit in das Sopha zurücklehnte - nur nicht sehr einsichtsvoll , mein lieber Freund ! Das soll mich jedoch durchaus nicht abhalten , es mit Dir besser zu meinen , als Du es verstehst ! Laß uns in ' s Klare kommen ! Von welchem Kampfe sprichst Du ? Renatus hob sein Auge zu seinem Oheim empor und wendete es eben so schnell wieder von ihm ab . Es lag etwas Unheimliches in dem beständigen Lächeln des Grafen und mehr noch in seinem scharfen und lauernden Blicke , der mit jenem Lächeln in grellem Widerspruche stand . Er war noch immer ein auffallend schöner Mann , aber der preußische Officier war in ihm nicht mehr zu erkennen . Sein glänzendes , blondes Haar war in einer großen Locke mitten auf der Stirn zusammengekräuselt , sein tief in die Wangen hineingehender Bart , seine hohe , weiße Halsbinde wie seine ganze Kleidung und Haltung waren nach französischem Vorbilde gemodelt , und wenn er nicht geradezu , wie er dies meistens that , Französisch sprach , so brauchte er selbst im Deutschen so viele Fremdwörter und schob so viele französische Sätze in das Deutsche hinein , daß man dieses Gebahren als ein absichtliches erkennen mußte . Er hatte , als nach dem Friedensschlusse von Tilsit sein Regiment aufgelöst worden war , wie Hunderte von anderen Officieren sich zu seinen Eltern auf das Land begeben , aber das Landleben war niemals nach seinem Geschmacke gewesen . Dazu war - man wußte in der Familie nicht , wodurch - des Grafen Verhältniß zu seiner Mutter seit Jahren schon getrübt . Von beiden Seiten gab sich eine fast krankhafte Empfindlichkeit gegen einander kund , und man hatte ihn also nicht davon abgehalten , als er nach kurzem Verweilen wieder nach der Hauptstadt zurückzukehren gewünscht hatte . Freilich hatte der alte Graf dem Sohne zu bedenken gegeben , daß er jetzt , bedrängt durch die allgemeine Noth und Drangsal , nicht mehr wie früher im Stande sei , dessen mannigfachen und großen Ansprüchen mit der alten Freigebigkeit zu begegnen ; das hatte jedoch den Grafen Gerhard wenig angefochten . Die Summe , welche man ihm für das erste Halbjahr zuwies , war nicht unbedeutend , und über den Tag , über das Verlangen und Gelüsten oder Bedürfen des Augenblickes dachte er nicht leicht hinaus . Aber das Berlin , in welches Graf Gerhard zurückkehrte , war nicht mehr die Stadt , die er vor dem unglücklichen Feldzuge des Jahres achtzehnhundert und sechs verlassen hatte . Seine Kameraden und Umgangsgenossen lebten fern und zerstreut . Die Einen warteten hoffenden Sinnes in Einsamkeit der Zeiten , welche sie wieder zu neuer Thätigkeit berufen würden ; die Ungeduldigen hatten sich nach Oesterreich , nach Spanien und nach Rußland gewandt , wo der Tag eines neuen Kampfes früher anzubrechen versprach , als in dem ganz zerstückelten und zertretenen Vaterlande . Das Herz jedes Ehrenmannes blutete in heimlicher Empörung , während der Wille der französischen Machthaber eine glänzende Geselligkeit in Berlin erzwang , deren Ueppigkeit die Leichtgesinnten und Genußsüchtigen verlockend mit sich fortriß , welche über die geistreiche Lebhaftigkeit der Sieger und über die feinen Formen französischer Gesellschaft und Sitte die bittere Noth des Vaterlandes und die Knechtschaft vergaßen , unter denen man lebte . Allerdings war es für denjenigen , der nicht die Möglichkeit besaß , sich fern von den Städten auf irgend einem , zufällig von Einquartierung verschonten Hofe oder Gute dem Verkehre mit den Unterdrückern zu entziehen , äußerst schwer , den Umgang mit ihnen zu vermeiden ; aber die Zahl derjenigen war leider nicht gering , die diesen Umgang in eigennütziger Absicht suchten , und die Fremdherrschaft fand ihren Vortheil darin , solche Ueberläufer bereitwillig in ihre Reihen aufzunehmen . Ein Edelmann von dem alten und schönen Namen der Grafen Berka , ein früherer preußischer Officier mit den persönlichen Vorzügen des Grafen Gerhard , der sich geneigt finden ließ , sich der damals in Berlin den Ton angebenden französischen Gesellschaft anzuschließen , durfte sich von ihr des zuvorkommendsten Empfanges sicher fühlen , und des schwermüthigen Ernstes von Herzen müde , der in dem Kreise seiner Familie geherrscht , seit das Unglück über das Vaterland hereingebrochen war , hatte Graf Gerhard sich bei seiner Rückkehr von Berka mit vollen Athemzügen in das ihn anmuthende Leben der Hauptstadt , in die Gesellschaft der Franzosen gestürzt , die , reich an Kriegsbeute , schnell und verschwenderisch zu genießen suchten , was zu genießen ein eben so schneller Tod auf irgend einem der Schlachtfelder , zu welchen der Kaiser sie führte , ihnen bald unmöglich machen konnte . Man hatte den Grafen überreden wollen , in französische Kriegsdienste zu treten , aber dessen hatte er sich geweigert ; denn es gibt herkömmliche Ehrbegriffe , von denen Männer wie der Graf sich nicht leicht freimachen , obschon jene Ehrbegriffe mit dem wahren Ehrgefühl , das in jedem Menschen nur die höchste Blüthe einer vollkommenen sittlichen Bildung ist , eben blos den äußeren Anschein gemeinsam haben . Weil Graf Gerhard es nicht nach seiner Neigung , weil er es nicht unterhaltend fand , in der Zurückgezogenheit zu leben , nannte er es unverständig , sich der herrschenden Gewalt ohnmächtig zu widersetzen . Weil Nachgiebigkeit ihm in diesem Falle bequemer dünkte , als Zurückhaltung , nannte er es gebotene Rücksicht , sich der Gesellschaft der Fremden anzuschließen , und er bezeichnete es als eine Ehrensache , sich standesmäßig in ihr zu behaupten . Es dünkte ihm eben so eine Ehrensache , vor den Emporkömmlingen , aus denen sie sich zum großen Theil zusammensetzte , die vornehme Leichtlebigkeit des alten Edelmannes darzuthun , und er hatte keine Ahnung davon , wie die frische und gewaltige Kraft dieser neu und wild entstandenen Gesellschaft ihn bemeisterte , wie er , dem Anspruche des Augenblickes gehorchend , mit seinen Vorurtheilen und Ueberzeugungen auch sich selber hingab , und wie die , trotz ihrer genußsüchtigen Ueppigkeit , vom Leben geschulten , in Geschäften versuchten Fremden , mit denen er verkehrte , sich seiner bemächtigten , weil sie ihn brauchen zu können glaubten . Denn Fremdherrschaft muß tyrannisch sein , und die Tyrannei kann der heimlichen Verbündeten nicht entrathen . Sie muß wissen , was in dem unterworfenen Lande und Volke geschieht , sie muß Einfluß haben , auch wo sie selber nicht hinzudringen vermag . Sie muß sich Diener schaffen und Dienste empfangen , ohne daß diejenigen , welche sie bedienen , sich dessen bewußt sind , und Graf Gerhard war auf solche Weise schnell , noch ehe er es ahnte , zu einem Werkzeuge in den Händen seiner französischen Umgangsgenossen geworden . Freilich hatte man von ihm niemals eine Leistung , gegen welche seine Ehrbegriffe sich sträuben konnten , gefordert , aber man hatte gelegentlich seine vermittelnde Sprachkenntniß bei Einführung in gewisse Kreise als Gefälligkeit in Anspruch genommen , manche Auskunft über Personen und Dinge beiläufig von ihm erfragt oder seine Begleitung bei irgend einer Reise als Freundschaftsdienst begehrt . Man hatte auch nicht daran gedacht , ihm diese Dienste oder diese Opfer an Zeit zu lohnen ; sein Ehrbegriff würde ihn bewogen haben , sich dessen unbedingt zu weigern . Aber er hatte kein Bedenken getragen , als seine standesmäßigen Ausgaben sich mit seinen Einnahmen nicht mehr bestreiten ließen , die freiwillig und in schicklichster , bequemster Weise angebotenen Darlehen von seinen Freunden anzunehmen , und die Größe dieser Darlehen hatte ihn nicht beunruhigt , denn die glücklichen Sieger hatten reiche Mittel zu ihrer Verfügung und waren des ängstlichen Rechnens mit ihren Freunden nicht gewohnt . Auch in der Unterredung , welche Graf Gerhard mit seinem Freunde eben , als Renatus bei ihm vorsprach , gehabt hatte , war nur ganz zufällig von der phantastischen und schwärmerischen Stimmung gesprochen worden , welche sich in der deutschen Jugend zu regen beginne , und Herr von Castigni , der , wie der Graf , einem alten Adelsgeschlechte angehörte , hatte dabei die Aeußerung hingeworfen , wie viel seiner Regierung daran gelegen sei , dieser unglücklichen Richtung entgegen zu arbeiten , wie sehr man den Anschluß des jungen Adels an das Gouvernement begünstige und welche Aussichten sich denjenigen jungen Männern eröffnen könnten , die sich geneigt zeigen würden , sich bei den verschiedenen kaiserlichen Gesandtschaften in Deutschland , wenn auch vorläufig nur als zeitweilige Attaché ' s , verwenden zu lassen . Als Renatus daher seinem Oheim auf dessen Frage die Antwort zu geben zögerte , nahm jener selbst das Wort . Du willst Deine Sporen verdienen , sagte er , und ich wiederhole Dir , mein Lieber , das ist gut und schön ! Aber wo willst Du den Kampfplatz suchen , wo den Tummelplatz für Deine Thaten finden ? Die Zeiten , in denen unsere Vorfahren sich unter dem großen Könige ihre Lorbeern erfochten , sind für immerdar vorüber ! Onkel ! rief Renatus mit abwehrendem Erstaunen . Der Graf zuckte die Schultern . Ich verstehe Dich , sagte er , und ich weiß , was dieser Ausruf sagen will ; aber ich sprach eben mit Herrn von Castigni davon . Es ist thöricht , sich gegen eine historische Thatsache auflehnen zu wollen , thöricht , seine Wünsche für Möglichkeiten anzusehen , und verbrecherisch , wenn reife Männer die Jugend in ihren müßigen ideologischen Träumen bestärken , statt sie zu kräftigem Mitwirken in den vorliegenden Lebensbedingungen anzuhalten . Und welcher müßigen Träume halten Sie mich schuldig , zu welcher Arbeit wollen Sie mich berufen ? fragte der junge Baron , durch die Aussprüche seines Oheims immer mehr betroffen . Ihr jungen Leute seid übel daran ! hob Jener , der bestimmten Antwort ausweichend , auf das Neue an . Man hat Eure Kindheit , Eure Jugend mit dem Gedanken der Vaterlandsliebe genährt und hat Euch als den würdigen Gegenstand einer solchen Liebe das Preußen des großen Friedrich , den von einem großen Könige gegen alle natürlichen Bedingungen zusammengebrachten und nur durch sein Genie , durch seine Herrscher- und Feldherrnkraft erhaltenen Staat , hingestellt . Aber die gewaltsame Schöpfung eines Genius ist jetzt durch den größeren Genius naturgemäß und eben so gewaltsam zerstört . Vor der Gewalt und Größe eines Napoleon konnte die junge Monarchie des alten Fritz , vor dem weltumfassenden Blicke , vor dem weltumgestaltenden Geiste und Willen dieses titanischen Kaisers kann die alte Weltordnung nicht bestehen , und wie unter den Stürmen des Frühlings die letzten Blätter an den alten Bäumen verstieben , damit Raum werde für die neue Schöpfung eines neuen Jahres , so müssen die bisherigen Staatsverhältnisse zu Grunde gehen , damit der riesige , durch alle Zeiten wiedergekehrte und endlich sich seiner Verwirklichung nahende Gedanke eines Weltreiches , einer Universal-Monarchie , wie Alexander und Cäsar und Karl der Große sie vorahnend gedacht haben , zur Wahrheit werde ! Sich mit Gefühlsüberspannung an das Untergehende anzuklammern , mag dem zukunftslosen Alter ziemen ; die Jugend hat sich dem Neuen , dem Werdenden anzuschließen , und wer Leben , wer Thatkraft in sich fühlt , wer sich eine Zukunft zu eröffnen hat , muß sich dienend dem siegenden Prinzipe unterordnen ! Der Graf hatte sich in Feuer gesprochen , wie dies kaltherzigen und gesinnungslosen Menschen leicht geschieht , die , wenn sie Andere überreden wollen , vor Allem sich selber überreden müssen , und also beständig einen doppelten Zweck zu erfüllen , einen doppelten Kraftaufwand zu machen haben . Er war weder geistreich noch tiefsinnig , aber er hatte Phantasie und Bildung genug , sich fremde Meinungen , sobald es ihm gefiel , anzueignen , und es waren die Gedanken des Gastes , der ihn eben erst verlassen hatte , es war die Anschauungsweise der französischen Gesellschaft , in welcher Graf Gerhard sich bewegte , die er seinem Neffen zur Beherzigung empfahl . Renatus bildete jedoch fast in allen Stücken den Gegensatz zu seinem Oheim , und ihn zu verwirren war nicht