, « sagte er , eilte in die Kapelle , versah sich mit dem heiligen Öl und mit dem heiligen Altarssakrament , ging dann nach dem Portierstübchen , wo der junge Mensch mit einer großen Laterne wartend und beängstigt saß , und rief ihm zu : » Komm jetzt ! laß uns eilen . « Da stürzte sein Kammerdiener ihm entgegen und bat : » O nur ein wenig Geduld , gnädiger Herr ! die Pferde werden schon angeschirrt .... « - » Keine Sekunde ! « unterbrach ihn Levin ; » es stirbt ein Mensch ! « - Und mit Jugendkraft eilte er durch die Nacht von dannen , nicht achtend den wütenden Sturm und das tolle Schneetreiben . Wendel hatte seit vier Jahren in dem stillen Blödsinn gelebt , in den die Schreckensnachricht von dem gräßlichen Selbstmord seiner Tochter ihn versetzte . In der letzten Zeit war ein körperlicher Marasmus eingetreten , der sein Ende herbeiführen mußte . Sein Geist aber blieb in der Stumpfheit . Noch vor einigen Tagen , gleich nach seiner Rückkehr aus Würzburg , hatte Levin ihn besucht , ihm und der braven Bäuerin , seiner Schwester , Reginas Abscheiden mitgeteilt . Während die gute Frau in Tränen zerfloß , wiederholte Wendel nur seinen alten Spruch : Gottes Mühlen mahlen langsam . Umso überraschender war es , daß die Krankheit jetzt eine Wendung und einen akuten Charakter nahm , der Geist aber , gleichsam aufgestachelt durch die nahe Gefahr , aus seiner Stumpfheit plötzlich erwachte und sich nach einer Vorbereitung auf den Eintritt in die Ewigkeit sehnte . Bis zur Ohnmacht erschöpft und von heftigen Stichen in die Brust gepeinigt , kam Levin im Bauernhof an . Er hatte den ganzen Weg fast im Lauf zurückgelegt , obgleich er Sturm und Schnee gegen sich hatte und der Schnee fußhoch auf dem Wege lag . Der Gedanke : es stirbt ein Mensch ! es verlangt eine Seele nach Versöhnung und Vereinigung mit ihrem Gott , ohne die kein ewiges Leben ihrer harrt - gab ihm Flügel , die Flügel der heiligen Liebe , welche der heilige Glaube in Schwung setzt . Wie ein Bote des Himmels wurde Levin auf dem Bauernhofe empfangen . Er war es ja auch ! er kam ja mit der himmlischen Arznei und der himmlischen Speise . Während man ihn bei dem Kranken allein ließ , der mit einem von Neue zermalmten Herzen alle Sünden seines Lebens an sich vorüberziehen ließ , um sich ihrer anzuklagen , weckte die Bäuerin alle im Hause und hieß sie sich festtäglich kleiden und sich bereit halten , der heiligsten Feier beizuwohnen , welche Gott den Herrn unter ihr Dach bringe . Knecht und Magd , ja ihr kleines Enkelchen , ein dreijähriges Kind , mußten aus dem Bett und in andächtiger Sammlung sich freuen der Ehre und des Heiles , die in dieser Nacht ihrem Hause widerfuhren . » Das Kind versteht ' s noch nicht ! « sagte die Schwiegertochter , aus Besorgnis , daß die Kleine eine Störung machen könne . » Tut nichts ! « entgegnete die Bäuerin ; » der liebe Gott hat die Kindlein gern gehabt und die Unmündigen gesegnet . Er soll auch unser Kind segnen . « Dann bereitete sie einen kleinen Tisch , umhing und bedeckte ihn altarmäßig mit feinen weißen Linnentüchern , stellte ein Kruzifix darauf , das sie als ein uraltes Erbstück in ihrer Familie ganz besonders in Ehren hielt , daneben zwei Wachskerzen , die sie just auf Maria Lichtmeß hatte weihen lassen , endlich ein kleines Weihwasserbrünnlein mit dem Zweige von Buxbaum , und harrte dann , still ihren Rosenkranz betend , bis Levin sie ins Kämmerlein rufen werde . Der arme Wendel hatte einen schweren Kampf zu bestehen ! er konnte sich nicht entschließen , dem unglücklichen Florentin seine Missetat zu vergeben . Es schien ihm , er sei ein Rabenvater , wenn er den Mann nicht hasse , der sein Kind für Zeit und Ewigkeit elend gemacht habe . Levin widerholte ihm umsonst , daß die Rose ja freiwillig ihm Gehör gegeben und in des Satans Fallstricke eingegangen sei . Da wollte er denn einen Teil ihrer Schuld auf sich nehmen , auf sein schlechtes Beispiel , seinen ungläubigen Wandel ; aber den anderen sollte Florentin tragen und dafür wollte er ihn hassen , so lange , wie die unglückliche Rose von der Seligkeit des Himmels ausgeschlossen sei : also vermutlich auf ewig . Endlich sagte Levin : » Aber Wendel , Ihr betet ja im heiligen Vaterunser , das der liebe Heiland selbst uns gelehrt hat : Vergib uns unsere Schuld , so wie wir vergeben unseren Schuldigern . Da hört Ihr ja die Bedingung , die ganz ausdrückliche , unter der Ihr Vergebung findet . Ihr müßt also auf Gottes Barmherzigkeit verzichten und ihn , den mildesten Herrn , zu Eurem Feinde machen , wenn Ihr in Feindschaft mit irgend einem Menschen verbleiben wollt . « » Ich will es nicht , hochwürdiger Herr , « seufzte Wendel ; » aber es macht sich von selbst so ! ich kann nicht anders . « » O bedenkt doch Wendel , daß die arme Rose nicht bloß Euer Kind , sondern auch ein Kind Gottes war ; daß der himmlische Vater sie viel mehr geliebt hat , als Ihr sie je lieben konntet ; daß Er nicht damit zufrieden war , wie Ihr sein Kind erzogt und was Ihr aus seinem Kinde machtet ; und obwohl Ihr sein göttliches Vaterherz noch tiefer betrübt und noch größere Schmach ihm angetan habt , als der Florentin Euch : so will Er Euch dennoch vergeben , wenn Ihr auch die Beleidigung von ganzem Herzen verzeihet . « » Sei es drum , hochwürdiger Herr , « sagte Wendel nach einer Pause , in welcher er leiblich und geistig schwer rang nach Atem und Selbstüberwindung ; hab ' ich dem lieben Gott wegen der Rose so bitteres Herzeleid zugefügt , wie der Florentin mir , und verzeiht er mir dennoch : so ist es recht und billig , daß ich keinen Haß gegen den Florentin trage , und so will ich denn recht aufrichtig beten : vergib uns unsere Schuld , so wie wir vergeben unseren Schuldigern . Ist nun alles in der Ordnung , hochwürdiger Herr ? « » Alles , guter Wendel , « sagte Levin gerührt ; » und nun folgt auf Eure Demütigung die Gnade und auf Euer Opfer der Trost . « Und er öffnete die Türe nach der großen Familienstube , wo alle Bewohner des Bauernhofes still beisammen saßen . Die Bäuerin hatte den Altartisch so gestellt , daß Wendel von seinem Bett aus ihn sehen konnte ; sie zündete die Kerzen an , Levin begann die Gebete , alle knieten nieder und er gab ihnen den Segen mit dem Sanktissimum . Wendel hatte sich von seinem ältesten Sohn etwas aufrichten lassen und saß , mit dem Kopf an dessen Brust gelehnt und von dessen Armen unterstützt , auf seinem Lager , unverwandten Blickes allen Bewegungen Levins folgend . Als dieser mit der heiligen Hostie die Schwelle des Kämmerleins betrat , nahm Wendel alle seine Kraft zusammen , faltete seine matten Hände und sagte mit dem Ausdruck demütigster Freude : » Mein lieber Herr Jesus , kommst Du wirklich zu mir armen Sünder ! « Nach dem Empfang der heiligen Wegzehrung schloß er die Augen und streckte sich ruhig aus zum Sterben . » Bleib Du in ihm , auf daß er in Dir bleibe , « betete Levin und spendete ihm , da Wendel durchaus bei Besinnung war , die letzte Ölung , die den Leib des Staubes für den Todeskampf stärkt und ihm die Weihe bringt für die dereinstige glorreiche Auferstehung . Vom ersten Atemzug ihrer Kinder bis zum letzten sorgt die übernatürliche Mutter , die Kirche , für deren übernatürliches Leben ; und mit der äußersten Kraftanstrengung bemeisterte Levin seine steigende Schwäche , damit kein Atom der Gnade , welche an die heiligen Sakramente geknüpft ist , durch seine Schuld dem Sterbenden verloren gehe . Als alles beendet war fiel Wendel in seine frühere Bewußtlosigkeit zurück und die Seinen priesen den barmherzigen Gott , der ihm die paar leichten Stunden geschenkt hatte . Jetzt erst kam Levins Wagen und der Kammerdiener erzählte , sie kämen so spät , weil dies die zweite Ausfahrt sei . Bei der ersten gerieten sie vom Wege ab in einen überschneiten Graben ; der Wagen fiel und es brach ein Rad . » Wie gut und notwendig war es , daß ich mich zu Fuß aufmachte ! « antwortete Levin . » Ich wäre untröstlich , wenn durch meine Zögerung der arme Wendel nicht mehr die heiligen Sterbsakramente empfangen hätte . « Er nahm die Stola ab , das Zeichen des Priesteramtes , welches er übt , indem er dies Symbol des Joches Christi auf seinen Nacken legt ; und gleichsam als überließe der übernatürliche Mensch jetzt den natürlichen seiner Hinfälligkeit , sank Levin in die Arme seines Dieners , während sich die Schmerzen seiner Brust in einem Strom von Blut Luft machten . Alle gerieten in die furchtbarste Bestürzung ; niemand wußte , was gegen einen solchen Anfall zu tun , wie dessen Wiederkehr zu verhüten sei . Levin fühlte sich totesmatt ; aber im Bauernhof war er ja den guten Leuten zur höchsten Last . Er ließ sich also zum Wagen tragen , der ihn ganz langsam , um jede Erschütterung zu vermeiden , nach Windeck zurück fuhr . Zwar hatte ihn die Bäuerin in warme Decken eingehüllt , aber mit jedem Atemzuge in der kalten Luft sog seine wunde Brust den Tod ein , und als er anlangte , war er ein Sterbender , der nur noch mit ganz leisem Flüstern den Pater Guardian von Englberg begehrte . Die trostlose Dienerschaft schickte auch zum Arzt und die Haushälterin und sein Kammerdiener wollten ihm einstweilen durch Hausmittel einige Linderung verschaffen . Doch er bewegte sanft verneinend die Hand und sagte nur : » Pater Guardian ! « Der war schnell zur Stelle und ein freudiger Blick empfing ihn , als er an Levins Bett trat . Dieser hatte soeben einen zweiten und noch heftigeren Blutsturz gehabt und war der Sprache fast nicht mehr mächtig ; darum sagte der Pater , er müsse sich zuvor erholen und nicht jetzt beichten . Aber Levin erwiderte : » Ich habe keine Zeit zu verlieren ! « und obgleich er mit der größten Anstrengung sprach , und der Pater sich tief zu ihm herabneigen mußte , um die flüsternde Bewegung seiner Lippen zu verstehen , so ging er doch mit ruhiger Sammlung alles in seinem Leben durch , was ihm als Beleidigung Gottes erschien . Das war ihm in diesem Augenblick der Schwäche und Erschöpfung nur deshalb möglich , weil er sich seine Sünden immer vor Augen hielt , immer von neuem bereit war , sich vor Gott anzuklagen und Buße zu tun . Vor wenigen Stunden hatte er die heilige Wegzehrung gespendet ; jetzt empfing er sie . Sein Auge hatte dabei einen Glanz , als spiegelte sich schon die Glorie des ewigen Lichtes darin ab . Was er für Wendel gebetet hatte , betete er jetzt für sich selbst : » Bleib Du in mir , auf daß ich in Dir bleibe . « Das ist das ganze Geheimnis des christlichen Lebens , der Inbegriff seiner Vollkommenheit hienieden , seiner Verherrlichung im Jenseits . Das innere Leben des Christen ist - das Leben Jesu in ihm , und diese ebenso wahrhafte als geheimnisvolle Verbindung beruht auf dem würdigen Empfang des wahren Leibes und Blutes des Herrn in heiliger Kommunion . Diese Verbindung gibt sich kund nicht durch äußerliche Glanz- und Großtaten , sondern durch eine wundervolle Schönheit der Seele , die sich in tausend Tugendstrahlen entfaltet . Diese Tugenden sind Gnadenblumen , gehen nur aus der Vereinigung der menschlichen Natur mit der göttlichen Natur , deren Träger und Mittler Christus ist - hervor , schöpfen durch ihn ihre Lebenskraft aus dem Wesen Gottes selbst und wenn der Tod den Leib von Staub zum Staube legt , schlagen sie ihre volle Schönheit erst recht in der Seele auf , und was die Gnade gewirkt hat , entfaltet die Glorie . » Bleib Du in mir , auf daß ich in Dir bleibe , « sprach Levin . » Wie ist Ihnen denn zu Mut , hochwürdiger Herr ? « fragte der Pater Guardian , der keinen Augenblick den gottseligen Greis verlassen wollte . » Ich hoffe die Güter des Herrn zu schauen im Lande der Lebendigen , « antwortete Levin mit dem Psalmenverse aus dem Officium für die Abgestorbenen . » Das glaub ' ich , « erwiderte gerührt der Pater . Er ließ noch zwei Kapuziner aus Englberg holen , um mit ihnen im Gebet abzuwechseln für den Fall , daß die Agonie lang sein werde . Auch der Arzt kam und verordnete dies und das , wie jemand , der da weiß , daß die Verordnungen vergeblich sind . Auf seine Frage an den Kranken , ob er sehr leide , da seine Brustbeklemmung auf große Qual schließen lasse , erwiderte Levin abermals mit einem Psalmenverse aus dem Totenofficium : » Der Herr regiert mich , nichts mangelt mir . Auf einem Weideplatz am Wasser der Erquickung hat er mich gelagert . « Er sprach nichts Irdisches mehr . Fragte man ihn , so gab er Antwort aus den heiligen Schriften . Da der Guardian sah , daß er seine Seele ganz in das erhabene Totenofficium versenkt hatte , so begann er es mit den beiden Patres zu beten , als diese aus Engelberg sich einstellten . Das machte dem Kranken eine unsägliche Freude . Manches , was ihm besonders lieb war , oder was besonders auf ihn paßte , betete er mit . » Um eines hab ' ich gebeten den Herrn ; daß ich weile im Hause des Herrn alle Tage meines Lebens . « - » Mein Herz hat zu Dir gesagt : Es suchet Dich mein Angesicht . « - - » Mein Vater und meine Mutter haben mich verlassen , der Herr aber nimmt mich auf . « - - » Er zog mich aus der Grube des Elendes und er stellte auf einen Felsen meine Füße . « - - Aber nur an der Bewegung seiner Lippen merkte man , daß er mitbete , denn sprechen konnte er zuletzt nicht mehr , so qualvoll arbeitete seine Brust . Das währte so lange , bis der Tag sich neigte . Da wurde er still und immer stiller , und als eben der Pater Guardian in der siebenten Lektion an die Worte kam : » Nach der Finsternis hoffe ich auf Licht « - machte plötzlich ein Lungenschlag sanft seinem Leben ein Ende , so sanft , daß niemand den Augenblick seines Abscheidens bemerkte . Sein ganzes Leben war ein friedliches Hinüberwallen aus der Unruhe der Zeit in den Frieden der Ewigkeit gewesen , und so war auch sein Tod . Und wie er einsam unter den Menschen gestanden und nur am Herzen Gottes Zuflucht und Trost gefunden hatte , so starb er auch einsam , ohne Freunde , ohne Verwandte , und nur die frommen Männer waren bei ihm , die sich , wie er , arm im Geist und arm im Herzen gemacht hatten , um reich in Gott zu sein . Eine hehre Stille erfüllte das Sterbezimmer und das ganze Schloß . Die Nachricht von seiner gefährlichen Erkrankung hatte sich blitzschnell in der ganzen Gegend verbreitet , und es kamen Leute stundenweit herbeigeeilt , um zu hören , wie es mit ihm stehe . Die meisten hatten sich in die Kapelle begeben und beteten ; andere saßen unten in der großen Halle und in den Zimmern der Dienerschaft und harrten . Niemand konnte sich entschließen , fortzugehen . Da kam der Pater Guardian ernst von der Treppe herab und sagte zu den Leuten gewendet , die in der Halle versammelt waren , mit feierlichem Ton : » Herr , gib ihm die ewige Ruhe . « » Und das ewige Licht leuchte ihm « - sprachen alle aus einem Munde und fielen auf die Knie . » Er ruhe im Frieden . Amen , « sagte der Pater . Nun wußte man , daß er am Ziele sei ! In alle Augen traten stille Tränen , auf alle Lippen stille Gebete , in alle Herzen stille Wehmut ! man gönnte ihm die selige Ruhe . » Er ist sicher vom Munde auf in den Himmel gegangen , « sagte der Haushofmeister , der fast ebenso alt wie Levin , und aus den Zeiten von dessen Eltern war . » Kann irgend eine Seele ohne Fegfeuer durchkommen , so ist das gewiß die seine ! « rief die Haushälterin . Einer von Wendels Söhnen war von der Bäuerin ins Schloß geschickt , um Kunde über Levin zu holen , und um anzuzeigen , daß Wendel in seinem bewußtlosen Zustande ruhig verschieden sei . Der arme Bube wurde nicht freundlich von der Dienerschaft empfangen . Der Portier sagte mürrisch : » Dein Vater hat den Tod des hochwürdigen Herrn auf seinem Gewissen . « » Ja ! « rief der Kutscher in stiller Wut über seinen Unfall , umgeworfen zu haben , was ihm noch nie auf Windeck geschehen war . » Ein Unwetter , wo man keinen Hund vor die Türe jagen mag , eine pechrabenschwarze Nacht , in der keine Eule Hand vor Augen sehen kann , da den hochwürdigen Herrn aus dem Bette zu holen : das nenn ' ich unverschämt . « » Der Vater jammerte nach ihm , « sagte der arme Bursche niedergeschlagen . » Und wärs noch ein anderer gewesen ! « rief der Portier ; » aber gerade der Simpel und Taugenichts Wendel ! « » Für den mußte sich der hochwürdige Herr den Tod holen ! « setzte der Kutscher ergrimmt hinzu . Der Bursche hub laut und kläglich zu weinen an . » Zank im Trauerhause ! « sagte die kräftige Stimme des Pater Guardian , der jede Veranlassung benutzte , um den Leuten ins Gewissen zu reden , und jetzt mit ernster Miene in das Portierstübchen trat . » Was heulst Du denn wie ein altes Weib ? « » Sie sagen , mein Vater wär ' ein Taugenichts gewesen und nicht wert , vom hochwürdigen Herrn versehen zu werden , und gleichsam sein Mörder , « erwiderte der Bursche schluchzend . » Was schwatzt Ihr da für Unsinn , Ihr Taugenichtse ! « sagte der Guardian in der Redeweise , die ihn bei den Leuten äußerst beliebt machte , und drohte mit seinem langen hageren Finger dem Kutscher und dem Portier dicht vor den Augen . » Für wen ist der Herr Jesus vom Himmel gekommen ? Gerade für die Taugenichtse - Euch , mich , uns alle inbegriffen , denn wir alle taugen nichts vor Gott . Für wen hat er sein bitteres Leiden und Sterben geduldet ? für die Taugenichtse ! Für wen sein heiligstes Blut vergossen und die heiligen Sakramente eingesetzt ? für die Taugenichtse ! Für wen den Priesterstand geordnet und gesendet ? für die Taugenichtse ! Er will sie ja alle selig machen , alle im Himmel haben . Nun , das seht Ihr doch ein : hat Christus der Herr bereitwillig für die verkommenste Seele sterben wollen , so muß der gute Priester auch dazu bereit sein . Einen besseren Priester als unseren lieben hochwürdigen Herrn hat unser Herrgott selten gehabt . Der hatte so ganz den hochgeborenen Grafen ausgezogen , um ein Diener der Seelen zu werden , wie nicht jeder von uns den alten Adam auszieht . Der war immer bereit , dem Herrn Christus nachzufolgen , und die Fußwaschung , welche dieser an seinen Aposteln übte , geistiger Weise an allen armen Sündern zu vollziehen . Ihm war Seele - Seele ! Punktum . Ihr meint , wenn ein Kaiser da im Bauerhof gelegen hätte - oder zum mindesten ein König : dann wär ' s der Mühe wert gewesen in tiefer Mitternacht durch Sturm und Schnee hinaus zu traben und sich den bitteren Tod zu holen . Allein der Sohn Gottes war nicht Euerer Meinung , und sein frommer Priester , der liebe hochwürdige Herr auch nicht . O , Ihr Leute ! seht doch ein , wie schön das ist und welchen Edelstein in seiner Krone das gibt : er hat nicht bloß für einen gewöhnlichen armen Sünder , sondern so recht , wie der liebe Heiland , sein Blut für einen Menschen hingeströmt , der ihn einst um ' s Leben zu bringen versuchte . Seht ! solche Dinge zu üben , das bietet der liebe Gott denen an , die sich heiligen wollen , und wenn sie dieselben annehmen , so heiligen sie sich . Übrigens , Ihr Taugenichtse , ob Ihr dermaleinst so bußfertig in Euerem letzten Stündlein sein werdet , wie ich höre , daß der arme Wendel gewesen ist , das wollen wir seiner Zeit erst erleben . « » Ich hoffe , der hochwürdige Herr Pater werden das nicht gerade bei mir erleben , « sagte der Kutscher ehrlich , im Hinblick auf seine dreißig , und auf die sechszig Jahre des Guardians . » Ah , ich verstehe schon ! « rief der Pater , und sah ihn freundlich mit seinen guten klugen Augen an . » Ich soll Euere bußfertige Gesinnung früher kennen lernen ! Recht so ! das ist brav ! dazu haben wir die gnadenreiche heilige Fastenzeit . Sonntag Invocavit liegt hinter uns ; habt Ihr vergessen , Gott den Herrn anzurufen - nun wohlan ! Sonntag Reminiscere ist vor der Tür ! da seid eingedenk , daß nolens volens Euer letztes Stündlein über Euch kommt , mög ' es auch noch hundert Jahre währen , und daß mit jedem Jahr Euere Rechnung im himmlischen Schuldbuch größer wird . Du aber , mein Wendelbub ' , laß das Heulen und schreib ' Dir ' s hinter die Ohren , was Du eben gelernt hast : lebe so fromm und rechtschaffen , daß niemand Dir bei Deinem Absterben mit Wahrheit nachsagen dürfe , Du seiest ein Taugenichts gewesen . « Ein Postillonshorn unterbrach schmetternd den Guardian ; ein Wagen rollte in den Schloßhof . Die Baronin Isabelle war es . Sie kam , um mit Levin Regina ' s Tod zu beweinen . Sie weinte jetzt neben seiner entseelten Hülle . Mir ist , als wären zwei gute Sterne für Windeck untergegangen , « sagte sie in Tränen zum Pater Guardian . » Ja , « sagte er , » aber um im Himmel schöner aufzugehen . « Sonnenaufgang Auf der Grenze zwischen Frühling und Winter pflegen heftige Stürme auszubrechen , und nicht ohne starke Erschütterung geht die Natur aus toter eisiger Erstarrung zum warmen blühenden Leben über . Auf dem sittlichen Gebiet finden dieselben Erscheinungen statt ; das eingeeiste erfrorene Herz taut nicht vom ersten Sonnenstrahl gründlich auf . Judith konnte eine gewisse stille Angst nicht überwinden , daß ihre Bekehrung zum Christentum Opfer von ihr fordern werde , die sie nicht zu bringen geneigt war . Hatte Lelio nicht vom Augenblick seiner Bekehrung an sein ganzes Leben verändert ? Hatte nicht Ernest ein Leben voll ununterbrochener Entsagung geführt ? Freilich behaupteten Beide , sie wären sehr zufrieden . Aber diese Zufriedenheit , die aus einer immerwährenden Überwindung aller Neigungen hervorgeht , ist doch nicht die , welche man sich wünscht , sagte Judith zu sich selbst ; oder sollte es eine Wirkung der Gnade sein , welche das Christentum mitteilt , im Opfer der Neigungen ein höheres Glück zu finden , als in ihrer Befriedigung ? .... Und habe ich denn so böse Neigungen zu opfern ? .... Habe ich überhaupt eine andere , als die - zu mir selbst ? als die - glücklich sein zu wollen ? Besteht aber das Gnadenglück , das christliche Glück - wie soll ich es nennen ? im Opfer : so brauchte ich nur meine Neigung zu mir selbst zu opfern und sieh ' ! ich wäre glücklich , nämlich so , wie die ersten Christen es verstanden . - - Dazwischen fiel ihr ein , ob dieser junge Geistliche nicht vielleicht sehr exaltiert sei und zu hohe Forderungen an die Menschen mache ; ob es nicht geraten sei , sich an einen Akatholiken zu wenden . Dann dachte sie aber an die Herren im schwarzen Frack mit weißer Kravatte , welche die arme Esther besucht hatten und welche zuweilen die Bibel und zuweilen ihre Gattinnen mitbrachten , und dann sprach sie mit energischer Entschiedenheit zu sich selbst : Nein : göttliche Offenbarung will durch geheiligte Organe verkündet werden und himmlische Wahrheit von geweihten Lippen fließen ! Ich haßte jene armen protestantischen Prädikanten , weil sie meiner geliebten Esther keinen Trost gewährten . Daran hab ' ich vielleicht sehr Unrecht getan , denn niemand kann etwas anderes geben , als was er hat , und sie haben ihr Buch und ihre Frauen - aber die Weihe zum Apostolat haben sie nicht . Sie sind vielleicht sehr rechtschaffene Hausväter - aber Priester , aber Lehrer einer übernatürlichen Weltordnung können sie nicht sein ! dazu gehört eine volle Hingebung an dieselbe , und sie haben ja Wurzel gefaßt in der Alltagswelt . Zu Priestern braucht Gott Männer mit einem ganzen Herzen ; diese - geben ein gutes Stück davon an Weib und Kind . Der Priester ist fremd , und sie sind heimisch im Irdischen . Der Priester steht über mir : sie sind meines Gleichen ; er ist der geweihte Verkündiger der ewigen Wahrheit und gibt sich bedingungslos allen Anforderungen seines Berufes hin ; sie sind ... ja , ich weiß nicht , ob sie außer Familienvätern , Staatsdienern und Bürgern noch etwas sind ... noch etwas sein können . Genug , das steht fest für mich : ich will nichts zu tun haben mit einer Religionsgesellschaft , die ohne geweihten Priesterstand ist ! Dem Priester glaub ' ich , dem Menschen nicht ! den Priester verehre ich , den Hausvater nicht . Nur der , welcher im Namen Gottes und als berufener , geweihter und gesendeter Diener Gottes zu mir spricht , flößt mir Glauben und Verehrung ein . Aber warum ? .... Täusche ich mich nicht ? Weil er vom Altar Gottes kommt - vom Opfer ; und mich zu ihm hinführt - zum Opfer ; während der Hausvater kommt - was weiß ich woher ! und mich führt - zum häuslichen Herde ! Mein Gott ! .... und Orest will sich ihnen zuwenden um unseres häuslichen Herdes willen ! Wird denn Gottes Gnade darauf liegen ? - - In heftiger Beängstigung ging sie im Zimmer umher , ratlos , gequält eilte dann zu ihrer Kammerfrau und sagte » Geben Sie mir Ihren Hut und Ihren Shawl ; ich will zu armen Leuten . « » Doch nicht gehen ? « fragte die erstaunte Zofe . » Nein ! ich will im Fiakre inkognito fahren . « An dergleichen Einfälle war die Kammerfrau gewöhnt . Judith entschlüpfte unbemerkt ihrer Wohnung , stieg auf dem Korso in den ersten besten Fiakre , fuhr zur Kirche Maria della pace , entließ ihn dort und hielt Nachfrage nach dem Hause von Lelio ' s Eltern . Sie fand es schnell , traf Lelio ' s Mutter allein und hörte voll Schreck , er sei nicht daheim . Die obligate Phrase : er werde aber gewiß bald zu Hause kommen , hielt Judith fest , um so mehr als ihr einfiel , sie könne ja eben so gut der Mutter wie dem Sohne einige Fragen vorlegen und vielleicht von ihr noch bestimmtere Antwort erhalten . » Signora , « hub sie an , » ich weiß durch Ihren Sohn , daß Sie eine fromme Frau und eine treue Mutter sind ; da ich nun keine Mutter habe , an die ich mich mit meinen Anliegen wenden könnte , so führt mich Gott zu Ihnen . Ich bin nämlich eine Jüdin , die sich zum Christentum bekennen will . « Signora Pasqualina hatte Judith etwas kühl empfangen . Wer war diese schöne Person , die so ganz ohne Umstände und ohne sich zu nennen auftrat und nach Lelio , wie nach einem guten Bekannten fragte ? Kühl hatte sie den Anfang von Judith ' s Rede vernommen ; aber bei den letzten Worten trat ein warmer Freudenausdruck in ihr ganzes Wesen . Sie hub Hände und Augen zum Himmel , indem sie rief : » O welche Gnade ! welche Gnade ! « und als sie wieder auf Judith blickte , fielen ein paar Tränen von ihren Wimpern . » Freuen Sie sich so sehr über meine Bekehrung ? « fragte Judith überrascht und gerührt ; » ich bin Ihnen ja ganz fremd . « » O , was tut das ! « rief Pasqualina . » Es wird eine Seele gerettet ! das Blut Jesu kommt zu Ehren an einer Seele ! der süße Name Jesu wird in Ewigkeit verherrlicht durch eine Seele ! das Reich Jesu wird ausgebreitet , der Wille Jesu vollzogen auf Erden wie im Himmel , durch eine gerettete Seele ! und ich sollte nicht frohlockend Gott loben und preisen für solches Glück , für solche Freude , an der die ganze streitende und triumphierende Kirche samt allen himmlischen Heerscharen teil nimmt ? O , meine liebe Signora darüber können Sie sich nur deshalb wundern , weil Sie noch nicht wissen , welche Gnadenschätze Ihnen zu Teil werden , und welche Liebe alle durchströmt und verbindet , die mit Ihnen diese Schätze genießen ! « » Und wer sind die ? « fragte Judith . » Alle , die zur heiligen Kirche gehören . « » Ach , « sagte Judith