erkannte es spät , im Grunde die Wesenheit eines Künstlers , die sich in mir offenbarte und ihre Erfüllung heischte . Ob ich ein guter oder ein mittelmäßiger Künstler geworden wäre , weiß ich nicht . Ein großer aber wahrscheinlich nicht , weil dann nach allem Vermuten doch die Begabung durchgebrochen wäre und ihren Gegenstand ergriffen hätte . Vielleicht irre ich mich auch darin , und es war mehr bloß die Anlage des Kunstverständnisses , was sich offenbarte , als die der Kunstgestaltung . Wie das aber auch ist : in jedem Falle waren die Kräfte , die sich in mir regten , dem Wirken eines Staatsdieners eher hinderlich als förderlich . Sie verlangten Gestalten und bewegten sich um Gestalten . So wie aber der Staat selber die Ordnung der gesellschaftlichen Beziehungen der Menschen ist , also nicht eine Gestalt , sondern eine Fassung : so beziehen sich die Ergebnisse der Arbeiten der Staatsmänner meist auf Beziehungen und Verhältnisse der Staatsglieder oder der Staaten , sie liefern daher Fassungen , nicht Gestalten . So wie ich in der Kindheit oft den abgezogenen Begriffen eine Gestalt leihen mußte , um sie halten zu können , so habe ich oft in gereiften Jahren im Staatsdienste , wenn es sich um Staatsbeziehungen , um Forderungen anderer Staaten an uns oder unseres Staates an andere handelte , mir die Staaten als einen Körper und eine Gestalt gedacht , und ihre Beziehungen dann an ihre Gestalten angeknüpft . Auch habe ich nie vermocht , die bloßen eigenen Beziehungen oder den Nutzen unseres Staates allein als das höchste Gesetz und die Richtschnur meiner Handlungen zu betrachten . Die Ehrfurcht vor den Dingen , wie sie an sich sind , war bei mir so groß , daß ich bei Verwicklungen , streitigen Ansprüchen und bei der Notwendigkeit , manche Sachen zu ordnen , nicht auf unsern Nutzen sah , sondern auf das , was die Dinge nur für sich forderten , und was ihrer Wesenheit gemäß war , damit sie das wieder werden , was sie waren , und das , was ihnen genommen wurde , erhalten , ohne welchem sie nicht sein können , was sie sind . Diese meine Eigenschaft hat mir manchen Kummer bereitet , sie hat mir hohen Tadel zugezogen ; aber sie hat mir auch Achtung und Anerkennung eingebracht . Wenn meine Meinung angenommen und ins Werk gesetzt worden war , so hatte die neue Ordnung der Dinge , weil sie auf das Wesentliche ihrer Natur gegründet war , Bestand , sie brachte in so ferne , weil wir vor erneuerten Unordnungen , also vor wiederholter Kraftanstrengung geschützt waren , unserem Staate einen größeren Nutzen , als wenn wir früher den einseitigen angestrebt hätten , und ich erhielt Ehrenzeichen , Lob und Beförderung . Wenn ich in jenen Tagen der schweren Arbeit eine Ruhezeit hatte , und auf einer kleinen Reise die erhabene Gestalt eines Berges sah , oder eine Hügelreihe sich türmender Wolken , oder die blauen Augen eines freundlichen Landmädchens , oder den schlanken Körper eines Jünglings auf einem schönen Pferde - oder wenn ich auch nur in meinem Zimmer vor meinen Gemälden stand , deren ich damals schon manche sammelte , oder vor einer kleinen Bildsäule : so verbreitete sich eine Ruhe und ein Wohlbehagen über mein Inneres , als wäre es in seine Ordnung gerückt worden . Wenn ein künstlerisches Gestaltungsvermögen in mir war , so war es das eines Baumeisters oder eines Bildhauers oder auch noch das eines Malers , gewiß aber nicht das eines Dichters oder gar eines Tonsetzers . Die ersteren Gegenstände zogen mich immer mehr an , die letzteren standen mir ferner . Wenn es aber mehr eine Kunstliebe war , was sich in mir äußerte , nicht eine Schöpfungskraft , so war es immerhin auch ein Vermögen der Gestalten , aber nur eines , die Gestalten aufzunehmen . Wenn diese Art von Eigentümlichkeit den Besitzer zunächst beglückt , wie ja jede Kraft , selbst die Schaffungskraft , zuerst ihres Besitzers willen da ist , so bezieht sie sich doch auch auf andere Menschen , wie in zweiter Hinsicht jede Kraft , selbst die eigenste eines Menschen , nicht in ihm verschlossen bleiben kann , sondern auf andere übergeht . Es ist eine sehr falsche Behauptung , die man aber oft hört , daß jedes große Kunstwerk auf seine Zeit eine große Wirkung hervorbringen müsse , daß ferner das Werk , welches eine große Wirkung hervor bringt , auch ein großes Kunstwerk sei , und daß dort , wo bei einem Werke die Wirkung ausbleibt , von einer Kunst nicht geredet werden kann . Wenn irgend ein Teil der Menschheit , ein Volk rein und gesund am Leibe und an der Seele ist , wenn seine Kräfte gleichmäßig entwickelt , nicht aber nach einer Seite unverhältnismäßig angespannt und tätig sind , so nimmt dieses Volk ein reines und wahres Kunstwerk treu und warm in sein Herz auf , wozu es keiner Gelehrsamkeit , sondern nur seiner schlichten Kräfte bedarf , die das Werk als ein ihnen Gleichartiges aufnehmen und hegen . Wenn aber die Begabungen eines Volkes , und seien sie noch so hoch , nach einer Richtung hin in weiten Räumen voraus eilen , wenn sie gar auf bloße Sinneslust oder auf Laster gerichtet sind , so müssen die Werke , welche eine große Wirkung hervor bringen sollen , auf jene Richtung , in der die Kräfte vorzugsweise tätig sind , hinzielen , oder sie müssen Sinneslust und Laster darstellen . Reine Werke sind einem solchen Volke ein Fremdes , es wendet sich von ihnen . Daher rührt die Erscheinung , daß edle Werke der Kunst ein Zeitalter rühren und begeistern können , und daß dann ein Volk kömmt , dem sie nicht mehr sprechen . Sie verhüllen ihr Haupt , und harren , bis andere Geschlechter an ihnen vorüber wandeln , die wieder reines Sinnes sind und zu ihnen empor blicken . Diesen lächeln sie , und von diesen werden sie wieder wie herübergerettete Heiligtümer in Tempel gebracht . In entarteten Völkern blüht zuweilen , aber sehr selten , ein reines Werk wie ein vereinsamter Strahl hervor , es wird nicht beachtet und wird später von einem Menschenforscher entdeckt , wie jener Gerechte in Sodoma . Damit aber der Dienst der Kunst leichter erhalten werde , sind in jedem Zeitalter solche , denen ein tieferer Sinn für Kunstwerke gegeben ward , sie sehen mit klarerem Auge in ihre Teile , nehmen sie mit Wärme und Freude in ihr Herz , und übergeben sie so ihren Mitmenschen . Wenn man die Erschaffenden Götter nennt , so sind jene die Priester dieser Götter . Sie verzögern den Schritt des Unheiles , wenn der Kunstdienst zu verfallen beginnt , und sie tragen , wenn es nach der Finsternis wieder hell werden soll , die Leuchte voran . Wenn ich nun ein solcher war , wenn ich bestimmt war , durch Anschauung hoher Gestalten der Kunst und der Schöpfung , die mir ja immer mit freundlichen Augen zugewinkt haben , Freude in mein Herz zu sammeln , und Freude , Erkenntnis und Verehrung der Gestalten auf meine Mitmenschen zu übertragen , so war mir meine Staatslaufbahn in diesem Berufe wieder sehr hinderlich , und dürftige Spätblüten können den Sommer , dessen kräftige Lüfte und warme Sonne unbenützt vorüber gingen , nicht ersetzen . Es ist traurig , daß man sich nicht so leicht den Weg , der der vorzüglichste in jedem Leben sein soll , wählen kann . Ich wiederhole , was wir oft gesagt haben , und womit Euer ehrwürdiger Vater auch übereinstimmt , daß der Mensch seinen Lebensweg seiner selbst willen zur vollständigen Erfüllung seiner Kräfte wählen soll . Dadurch dient er auch dem Ganzen am besten , wie er nur immer dienen kann . Es wäre die schwerste Sünde , seinen Weg nur ausschließlich dazu zu wählen , wie man sich so oft ausdrückt , der Menschheit nützlich zu werden . Man gäbe sich selber auf , und müßte in den meisten Fällen im eigentlichen Sinne sein Pfand vergraben . Aber was ist es mit der Wahl ? Unsere gesellschaftlichen Verhältnisse sind so geworden , daß zur Befriedigung unserer stofflichen Bedürfnisse ein sehr großer Aufwand gehört . Daher werden junge Leute , ehe sie sich selber bewußt werden , in Laufbahnen gebracht , die ihnen den Erwerb dessen , was sie zur Befriedigung der angeführten Bedürfnisse brauchen , sichern . Von einem Berufe ist da nicht die Rede . Das ist schlimm , sehr schlimm , und die Menschheit wird dadurch immer mehr eine Herde . Wo noch eine Wahl möglich ist , weil man nicht nach sogenanntem Broderwerbe auszugehen braucht , dort sollte man sich seiner Kräfte sehr klar bewußt werden , ehe man ihnen den Wirkungskreis zuteilt . Aber muß man nicht in der Jugend wählen , weil es sonst zu spät ist ? Und kann man sich in der Jugend immer seiner Kraft bewußt werden ? Es ist schwierig , und mögen , die beteiligt sind , darüber wachen , daß weniger leichtsinnig verfahren werde . Lasset uns über diesen Gegenstand abbrechen . Ich wollte Euch das , was ich gesagt habe , sagen , ehe ich Euch erzähle , wie ich mit den Angehörigen Eurer künftigen Braut zusammen hänge . Ich sagte es Euch , damit Ihr ungefähr den Stand beurteilen könnt , auf dem ich nun stehe . Wir wollen zur Fortsetzung eine andere Zeit bestimmen . « Nach diesen Worten ging das Gespräch auf andere Gegenstände über , wir machten dann auch einen Spaziergang , dem sich auch Gustav zugesellte . 4. Der Rückblick Ohne daß ich eine nähere oder entferntere Aufforderung oder Bitte gemacht hätte , fuhr mein Gastfreund nach Verlauf eines Tages in seinen Mitteilungen fort . Er hatte gefragt , ob er eine Zeit in meinem Zimmer zubringen dürfe , und ich hatte es begreiflicher Weise bejaht . Wir saßen an einem angenehmen und stillen Feuer , das von sehr großen und dichten Buchenklötzen unterhalten wurde , er lehnte sich in seinem Polsterstuhle zurück und sagte : » Ich möchte , wenn es Euch genehm ist , heute meine Mitteilungen an Euch vollenden . Ich habe Sorge getragen , daß wir nicht gestört werden , Ihr dürft nur sagen , ob Ihr mich hören wollt . « » Ihr wißt , daß es mir nicht nur angenehm , sondern auch meine Pflicht ist « , antwortete ich . » Zuerst muß ich von mir erzählen , « begann er , » es dürfte so notwendig sein . Ich bin im Dorfe Dallkreuz in dem sogenannten Hinterwalde geboren worden . Ihr wißt , daß der Name Hinterwald nicht mehr so viel zu bedeuten hat , als er sagt . Einmal war er wie über die ganze Gegend , welche von unserem Strome als ein Gebilde von Hügeln nordwärts geht , auch über die Gründe von Dallkreuz verbreitet . Dallkreuz war damals nicht , und sein Entstehen mochte mit dem Aufschlagen von einigen Holzarbeiterhütten begonnen haben . Jetzt sind Felder , Wiesen und Weiden über das ganze Hügelland gebreitet , und einige Reste der alten Waldungen schauen ernst auf diese Gründe herab . Das Haus meines Vaters stand außerhalb des Ortes in der Nähe einiger anderer , war aber doch frei genug , um auf Wiesen , Felder , Gärten und im Süden auf ein sehr schönes blaues Waldband zu sehen . Als ich ein Knabe von zehn Jahren war , kannte ich alle Bäume und Gesträuche der Gegend und konnte sie nennen , ich kannte die vorzüglichsten Pflanzen und Gesteine , ich kannte alle Wege , wußte , wohin sie führten , und war in allen benachbarten Orten schon gewesen , die sie berühren . Ich kannte alle Hunde von Dallkreuz , wußte , welche Farben sie hatten , wie sie hießen , und wem sie gehörten . Ich liebte die Wiesen , die Felder , die Gesträuche , unser Haus außerordentlich , und unsere Kirchenglocken deuchten mir das Lieblichste und Anmutigste , was es nur auf Erden geben kann . Meine Eltern lebten in Frieden und Eintracht , ich hatte noch eine Schwester , welche meine Knabenfahrten mit mir machen mußte . Zu unserem Hause , das nur ein Erdgeschoß hatte , welches aber schneeweiß war und weithin in dem Grün leuchtete , gehörten Wiesen , Felder und Wäldchen . Der Vater ließ aber das durch Knechte verwalten , er selber trieb einen Handel mit Flachs und Linnen , der ihn auf vielfache Reisen führte . Ich wurde , da ich noch ein Kind war , zu dem Erben dieser Dinge bestimmt , sollte aber vorher auf einer Lehranstalt die notwendige Ausbildung bekommen . Der Vater hatte , als dessen Eltern , die ich nur wenig gekannt hatte , gestorben waren , keine Verwandten mehr . Meine Mutter , die der Vater von ferne her geholt hatte , hatte noch einen Bruder , der aber mit ihr , weil sie als von einem wohlhabenden Hause stammend eine Verbindung unter ihrem Stande , wie er sich ausdrückte , geschlossen hatte , zerfallen war , und durch nichts versöhnt werden konnte . Wir wußten nichts von ihm , man vermied es , seiner Erwähnung zu tun , und oft in einem ganzen Jahre wurde sein Name nicht genannt . Die Zustände meines Vaters aber blühten empor , und er war fast der Angesehenste in der Gegend . In dem Jahre , nach dessen Ende ich in die Lehranstalt abgehen sollte , trafen mehrere Unglücksfälle ein . Hagelschaden verwüstete die Felder , ein Teil des Gebäudes brannte ab , und als das alles wieder hergestellt und in das Geleise gebracht worden war , starb der Vater eines plötzlichen , unvorhergesehenen Todes . Ein lässiger Vormund , hinterlistige Handelsfreunde , welche zweifelhafte Forderungen stellten , und ein unglücklicher Prozeß , der daraus entsprang , brachten für die Mutter eine Lage herbei , in welcher sie mit Sorgen für unsere Zukunft zu kämpfen hatte . Sie war , da man endlich alles zur Ruhe gebracht hatte , auf das Notdürftigste beschränkt . Ich mußte im Herbste das geliebte Haus , das geliebte Tal und die geliebten Angehörigen verlassen . Mit ärmlicher Ausstattung ging ich an der Hand eines größeren Schülers zu Fuß den ziemlich weiten Weg in die Lehranstalt . Dort gehörte ich zu den Dürftigsten . Aber die Mutter sandte das , was sie senden konnte , so genau und zu rechter Zeit , daß ich nie viel , aber doch das zum Bestehen Nötige hatte . Es war an der Anstalt Sitte , daß die Knaben in den höheren Abteilungen denen in den niedreren außerordentlichen Unterricht erteilten und dafür ein Entgelt bekamen . Da ich einer der besten Schüler war , so wurden mir in meinem vierten Lehrjahre schon einige Knaben zum Unterrichten zugeteilt , und ich konnte der Mutter die Auslagen für mich erleichtern . Nach zwei Jahren erwarb ich mir bereits so viel , daß ich meinen ganzen Unterhalt selbst bestreiten konnte . Jede Jahresferien brachte ich bei der Mutter und Schwester in dem weißen Hause zu . Von dem Antreten des Hauses als Erbschaft war nun keine Rede mehr . Ich dachte , ich werde mir durch meine Kenntnisse eine Stellung verschaffen und das Haus und den Grundbesitz einmal als Notpfennig der Schwester überlassen . So war die Zeit heran gekommen , in welcher ich mich für einen Lebensberuf entscheiden mußte . Die damals übliche Vorbereitungsschule , die ich eben zurückgelegt hatte , führte nur zu einigen Lebensstellungen und machte zu andern eher untauglich als tauglich . Ich entschloß mich für den Staatsdienst , weil mir die andern Stufen , zu denen ich von meinen jetzigen Kenntnissen emporsteigen konnte , noch weniger zusagten . Meine Mutter konnte mir mit keinem Rate beistehen . Ich hatte mir ein kleines Sümmchen durch außerordentliche Sparsamkeit zusammengelegt . Mit diesem und tausend Segenswünschen der Mutter versehen und mit den Abschiedstränen der geliebten Schwester benetzt , begab ich mich auf die Reise in die Stadt . Zu Fuße wanderte ich durch unser Tal hinaus , und suchte durch allerlei Betrachtungen die Tränen zu ersticken , welche mir immer in die Augen steigen wollten . Als unsere Wäldergestalten hinter mir lagen , als die Herbstsonne schon auf ganz andere Felder schien , als ich durch meine Jugend hindurch gesehen hatte , wurde mein Gemüt nach und nach leichter , und ich durfte nicht mehr fürchten , daß mir jeder , der mir begegnete , ansehen könne , daß mir das Weinen so nahe sei . Die Entschlossenheit , welche mir eingegeben hatte , in die große Stadt zu gehen und dort mein Heil in dem Berufe eines Staatsdieners zu suchen , ließ mich immer fester und rascher meinen Weg verfolgen und tausend glänzende Schlösser in die Luft bauen . Als ich an jenem Rande angekommen war , wo unser höheres Land in großen Absätzen gegen den Strom hinabgeht und ganz andere Gestaltungen anfangen , sah ich noch einmal um , segnete das Mutterherz , das nun beinahe schon eine Tagereise weit hinter mir lag , streichelte gleichsam mit den Fingern die schönen , langwimperigen Augenlider der Schwester , die immer etwas blaß aussah , segnete unser weißes Haus mit dem roten Dache , segnete all die Felder und Wäldchen , die hinter mir lagen , und die ich durchwandelt hatte , und stieg , nun wirklich schwere Tränen in den Augen tragend , in den tiefen Weg hinunter , welcher damals , unter hohem Laubdache hingehend , einen der Pässe ausmachte , die das rauhere Oberland mit dem tiefen Stromlande verbinden . Ich konnte nun , nachdem ich drei Schritte gemacht hatte , die Gestaltungen meines Geburtslandes nicht mehr sehen , nur sein Rand war alles , was meine Augen erreichen konnten , und was mich noch lange begleiten würde . Ganz andere Bildungen lagen vor mir . Es war mir , ich müsse umkehren , um nur noch einmal zurück schauen zu können . Ich tat es aber nicht , weil ich mich vor mir selber schämte , und ich ging beeiligten Schrittes den Weg hinunter und immer tiefer hinunter . Ich durfte auch nichts verzögern , wenn ich vor Einbruch der Nacht noch zu dem Strome hinunter gelangen wollte , auf dem mich am andern Morgen ein Schiff weiter tragen sollte . Die herbstliche Abendsonne spielte durch die Zweige , manche Kohlmeise ließ einen Ruf erschallen , wie ihn die hatten erschallen lassen , welche jetzt noch in meinen heimatlichen Bergwäldchen verweilten , mancher Fuhrmann , mancher Wanderer begegnete mir , ich ging mit ernstem Herzen weiter , und als die Sonne untergegangen war , hörte ich das Rauschen des Stromes , der mir nun so wichtig geworden war , und sah sein goldenes abendliches Glänzen . Ich vergesse mich « , unterbrach sich hier mein Gastfreund , » und erzähle Euch Dinge , die nicht wichtig sind ; aber es gibt Erinnerungen , die , wie unbedeutende Gegenstände sie auch für andere betreffen , doch für den Eigentümer im höchsten Alter so kräftig dastehen , als ob sie die größte Schönheit der Vergangenheit enthielten . « » Ich bitte Euch , « entgegnete ich , » fahret so fort , und entzieht mir nicht die Bilder , die Euch aus früheren Zeiten übrig sind , sie gehen schöner in das Gemüt und verbinden leichter , was verbunden werden soll , als wenn von dem lebendigen Leben ein flacher Schatten gegeben werden sollte . Auch ist meine Zeit , wenn anders die Eurige nicht strenger zugemessen ist , kein Hindernis , daß Ihr mir irgend etwas vorenthalten solltet . « » Meine Zeit « , antwortete er , » ist entweder so gemessen , daß ich nichts anderes tun sollte , als auf mein Ende sehen , oder daß ich über sie verfügen kann , wie ich will ; denn was sollte ein so alter Mann noch Ausschließliches zu tun haben ? Er mag für die paar Stunden , die ihm übrig sind , noch Blumen zurecht legen , wie er will . Ich tue ja eigentlich hier auf dieser Besitzung nichts anders . Auch dürfte das , was ich Euch sagen will , für Euch nicht ganz unwichtig sein , wie sich wohl in der Folge zeigen wird . Ich fahre daher fort , wie sich eben unter den Worten die Erzählung gibt . Die Nacht verbrachte ich in gutem Schlummer , und der erste Morgen sah mich auf einem jener rohen kleinen Schiffe , wie sie damals mit verschiedenen Gütern beladen unsern Strom abwärts befuhren und auch Menschen mit sich nahmen . Mehrere junge Leute , die entweder ganz gleichen oder ähnlichen Beruf mit mir verfolgten , standen auf dem Verdecke und legten sogar manches Mal Hand an die Ruder , da unser Schiff auf dem breiten , rauchenden Strome sich abwärts bewegte , und die kleine Stadt , die uns Nachtherberge gegeben hatte , sich aus den Morgennebeln ringend unsern Augen immer weiter und weiter zurück trat . Manches Lied , mancher Spruch , der aus der Schar meiner Begleiter hervortrat , machte seine Wirkung auf mich , und ich wurde stärker und entschlossener . Als am Abende des zweiten Tages unserer Wasserfahrt der hohe , schlanke Turm der Stadt , deren Miteinwohner ich nun werden sollte , gleichsam luftig blau unter den Gebüschen der Ufer sichtbar wurde , als man sich rief und das Zeichen sich zeigte , das man nun nach Verlauf von etwas mehr als einer Stunde erreichen werde , wollte mir das Herz im Busen wieder unruhiger pochen . Dieses Merkmal vergangener Menschenalter , dachte ich , welches so viele große und gewaltige Schicksale gesehen hatte , wird nun auch auf dein kleines Geschick herabsehen , es mag sich nun gut oder übel abspinnen , und wird , wenn es längstens abgelaufen ist , wieder auf andere schauen . Wir fuhren rascher zu , weil alles hoffnungsvoll die Ruder führte , die Entschloßneren sangen ein Lied , und ehe noch die Stunde um war , legte unser Schiff an der steinernen Einfassung des Flusses im Angesichte sehr großer Häuser an . Ein älterer Schüler , der schon zwei Jahre in der Stadt zugebracht hatte und jetzt von den bei seinen Eltern verlebten Ferien zurückkehrte , erbot sich , mir einen Gasthof zur Unterkunft zu zeigen und mir morgen zur Auffindung eines Wohnzimmerchens für mich behilflich zu sein . Ich nahm es dankbar an . Unter dem Torwege des Gasthofes , in den er mich geführt hatte , nahm er Abschied von mir und versprach , mich morgen mit Tagesanbruch zu besuchen . Er hielt Wort , ehe ich angekleidet war , stand er schon in meinem Zimmer , und ehe die Sonne den Mittag erreichte , waren meine Sachen schon in einem Mietzimmerchen , das wir für mich gefunden hatten , untergebracht . Er verabschiedete sich , und suchte seine wohlbekannten Kreise auf . Ich habe ihn später selten mehr gesehen da uns nur die Schiffahrt zusammengebracht hatte , und da seine Laufbahn eine ganz andere war als die meine . Als ich von meinem Stübchen ausging , die Stadt zu betrachten , befiel mich wieder eine sehr große Bangigkeit . Diese ungeheure Wildnis von Mauern und Dächern , dieses unermeßliche Gewimmel von Menschen , die sich alle fremd sind und an einander vorübereilen , die Unmöglichkeit , wenn ich einige Gassen weit gegangen war , mich zurecht zu finden , und die Notwendigkeit , wenn ich nach Hause wollte , mich Schritt für Schritt durchfragen zu müssen , wirkte sehr niederdrückend auf mich , der ich bisher immer in einer Familie gelebt hatte und stets an Orten gewesen war , in denen ich alle Häuser und Menschen kannte . Ich ging zu dem Vorstande der Rechtsschule , um mich für die Vorbereitungsjahre zum Staatsdienste einschreiben zu lassen . Er nahm mich meiner trefflichen Zeugnisse willen sehr gut auf und ermahnte mich , durch die große Stadt mich von meinem Fleiße nicht abbringen zu lassen . Ach Gott , die große Stadt war für mich bei meinen so kargen Mitteln nichts als ein Wald , dessen Bäume auf mich keine Beziehung haben , und sie trieb mich durch ihre Fremdartigkeit eher zum Fleiße an , als daß sie mich abgehalten hätte . Am Tage der Eröffnung des Unterrichtes ging ich , der ich nun doch schon einige auf mich bezügliche Wege wußte , in die hohe Schule . Dort wogte ein großes Gewimmel durch einander . Alle Fächer wurden hier gelehrt , und für alle Fächer fanden sich Schüler . Die meisten sahen sehr begabt , gebildet und behende aus , so daß ich wieder im Glauben an meine nur geringen Kräfte zu zagen anfing , hier gleichen Schritt halten zu können . Ich begab mich in den Lehrsaal , in den ich gehörte , und setzte mich auf einen der mittleren Plätze . Die Lehrstunde begann und ging vorüber , so wie nun viele nach und nach begannen und vorüber gingen . Sie und die ganze Stadt hatten noch immer etwas Ungewöhnliches für mich . Das Liebste war mir , in meinem Stübchen zu sitzen , an meine Vergangenheit zu denken und sehr lange Briefe an meine Mutter zu schreiben . Als einige Zeit verflossen war , wuchs mir Mut und Kraft im Herzen . Unser Lehrer , ein würdiger Rat in der Rechtsversammlung der Schule , lehrte fragend . Ich schrieb getreulich seine Lehren in meine Hefte . Als schon eine große Zahl meiner Mitschüler gefragt worden war , als endlich die Reihe auch mich getroffen hatte , erkannte ich , daß ich vielen , die mich an Kleidern und äußerem Benehmen übertrafen , in unserem Lehrfache nicht nachstehe , sondern einer großen Zahl vor sei . Dies lehrte mich nach und nach die mir bisher fremd gebliebenen Verhältnisse der Stadt würdigen , und sie wurden mir immer mehr und mehr vertraut . Einige Schüler hatte ich schon früher gekannt , da sie vor mir von der nämlichen Lehranstalt , in der ich bisher gewesen war , hieher übergetreten waren , andere lernte ich noch kennen . Als meine Barschaft , mit der ich sehr strenge Haus hielt , sich schon sichtlich zu verringern begann , wurde ich von einem meiner Mitschüler , der mein Nachbar auf der Schulbank war und aus meinem Munde gehört hatte , daß ich früher Unterricht gegeben habe , aufgefordert , seine zwei kleinen Schwestern zu unterrichten . Wir hatten durch die tägliche Berührung eine Art Freundschaft geschlossen , und waren einander geneigt . Als er daher zu Hause gehört hatte , daß man für die zwei kleinen Mädchen einen Lehrer suche , schlug er mich vor , und erzählte mir auch von der Sache . Die Eltern wollten mich sehen , er führte mich zu ihnen , und ich wurde angenommen . Auch hatten die Schritte , welche ich selber nach meiner Berechnung der Dinge getan hatte , um durch Erteilung von Unterricht einen Erwerb zu bekommen , Erfolg . Sie hatten zwar keinen bedeutenden , auf einen solchen hatte ich nicht gerechnet , aber sie hatten doch einen . So war das in Erfüllung gegangen , was ich durch meine Umsiedlung in die große Stadt angestrebt hatte . Ich lebte jetzt sorgenfrei , hatte in dem Hause meines Freundes , in welches ich öfter geladen wurde , eine Gattung Familienumgang , und konnte mit allem Eifer der Erlernung meines Faches mich widmen . In den ersten Ferien besuchte ich die Mutter und Schwester . Ich hatte die besten Zeugnisse in meinem Koffer , und konnte ihnen von meinen sehr guten anderweitigen Erfolgen erzählen ; denn gegen das Ende des Schuljahres hatten sich diese sehr gebessert . Mit ganz anderem Herzen als vor einem Jahre konnte ich nach dem Ende der Ferien das mütterliche Haus verlassen und die Reise in die Stadt antreten . Nach dem zweiten Jahre konnte ich die Meinigen nicht mehr besuchen . Ich war in der Stadt bekannt geworden , die Art , wie ich Kinder unterrichtete sagte vielen Familien zu , man suchte mich , und gab mir auch einen größeren Lohn . Ich konnte mir dadurch mehr erwerben , legte mir stets etwas als Sparpfennig zurück , und hatte bei der Freudigkeit meines Gemütes über diesen Fortgang Kraft genug , neben meinem Fache auch noch meine Lieblingswissenschaften Mathematik und Naturlehre zu betreiben . Nur das einzige war störend , daß die Familien , bei denen ich Unterricht gab , nicht gerne sahen , daß ich durch eine Reise den Unterricht unterbreche . Es war diese Forderung eine begreifliche , ich blieb mit den Meinigen in einem lebhafteren Briefwechsel als früher , und verabredete mit ihnen , daß ich nicht eher als nach Beendigung meines Lehrganges sie wieder besuchen , dann aber einige Monate bei ihnen bleiben wolle . Hiemit waren auch die , in deren Dienste ich stand , zufrieden . Die Stadt , welche mir anfangs so unheimlich gewesen war , wurde mir immer lieber . Ich gewöhnte mich daran , immer fremde Menschen in den Gassen und auf den Plätzen zu sehen und darunter nur selten einem Bekannten zu begegnen ; es erschien mir dieses so weltbürgerlich , und wie es früher mein Gemüt niedergedrückt hatte , so stählte es jetzt dasselbe . Einen schönen Einfluß übten auf mich die großen wissenschaftlichen und Kunsthilfsmittel , welche die Stadt besitzt . Ich besuchte die Büchersammlungen , die der Gemälde , ich ging gerne in das Schauspiel , und hörte gute Musik . Es lebte von jeher ein großer Eifer für wissenschaftliche Bestrebungen in mir , und ich konnte demselben jetzt bei der Heiterkeit meiner Lage Nahrung geben . Was ich bedurfte , und was ich durch meine Mittel mir nicht hätte anschaffen können , fand ich in den Sammlungen . Da ich den sogenannten Vergnügungen nicht nachging , sondern in meinen Bestrebungen mein Vergnügen fand ,