mehr dem heutigen Geschmacke angepaßt . Der junge Herzog hatte viel dazu beigetragen , denn er liebte die dicken Teppiche , welche den Schritt so unhörbar machen , sowie die weichen Fauteuils und die tiefen Fensternischen mit Blumenpartien , Sitzgelegenheiten mit den dies Alles verdeckenden Vorhängen . Dieses Apartement der Frau Herzogin , worin sie ihre kleinen Gesellschaften empfing , bestand aus drei Gemächern , das Vorzimmer natürlicherweise nicht mit eingerechnet . Im ersten , mit grauseidener Tapete sowie Fenstervorhängen und Portièren von Rosa mit Weiß , wurde geplaudert ; man konnte nicht leicht in der ganzen Welt heimlichere , lauschigere Winkel finden als hier . Da war Alles benutzt : die Ecken und Winkel des Zimmers , die Fensternischen , große Epheuwände , um es der Gesellschaft möglich zu machen , sich in kleinen Partien zu zersplittern und frei von allen lästigen Fesseln zu Drei oder auch zu Zwei ein animirtes Gespräch führen zu können . Ueber diesen Gruppen von leise Plaudernden hing ein Kronleuchter , dessen Lampen durch kunstreiche Porzellanschirme bedeckt und das Licht so gedämpft wurde , daß , wenn man von einem vollkommen hellen Gemach hier herein trat , einem die Beleuchtung nicht anders erschien , wie das sanfte Licht des Vollmondes . Die Frau Herzogin litt zuweilen an den Augen , und dann liebte sie es , sich hier in dieses Halbdunkel zurückziehen zu können . Das zweite Zimmer , in welchem gespielt wurde , war dagegen glänzend und strahlend . Seine Wände , mit gelber Seide bedeckt , warfen jeden Lichtstrahl hell zurück , die Vorhänge waren blau , und das Ameublement sehr einfach ; das heißt , es bestand aus zwei Spieltischen , an denen je vier Sessel standen , einige Fauteuils daneben für die Zuschauer , und zwei Eckdivans , vor welchen sich runde Tische befanden . Das dritte Zimmer endlich , das letzte der ganzen Reihe , welches heute Abend geöffnet war , hatte grüne Wände , dunkelbraune Vorhänge , und hier befanden sich große , reich incrustirte Tische , auf welchen die prachtvollsten Albums lagen . An einer Wand war eine riesenhafte Etagère von geschnitztem Palissanderholz in der angenehmen dunklen Farbe , fast ganz gleich mit der der Sammetvorhänge , welche man davor hinziehen konnte . Auf dieser Etagère lagen in den kostbarsten Einbänden die seltensten illustrirten Werke fast aller Nationen - die Bibliothek der Frau Herzogin . So sah dieses kleine Apartement aus , und wenn es , wie heute Abend , durch den hellen Schein der Kerzen und Lampen freundlich beleuchtet war , so angenehm und sanft durchwärmt , so durchduftet von Blumen und anderen Wohlgerüchen , wenn der Fuß des Eingetretenen so weich auf die dicken Teppiche trat , ja fast hinein sank , so mußte dieser sich gestehen , es sei das eine höchst behagliche , ja entzückende Wohnung ; namentlich aber , wenn er dann zufällig an ein Fenster trat und den Vorhang aufhob , um in die dunkle Nacht hinaus zu blicken , in die Straßen , durch welche ein eisiger Wind fegte . Es hatte eben acht Uhr geschlagen , als Graf Fohrbach , nachdem er drunten auf die Ermahnung des Kammerdieners hastig seine Schärpe abgeworfen , die Treppe hinauf eilte und in das graue Vorzimmer trat . Es waren , wie der Hofmarschall gesagt hatte , nur wenige Personen da : der Obersthofmeister , die Obersthofmeisterin , ein paar ältere Kammerherren , zwei Damen vom Dienst und einige pensionirte Excellenzen , deren Leidenschaft es war , dem Spiel Ihrer Majestät zuzuschauen und leise dafür oder dagegen zu wetten . Der dienstthuende Adjutant kam in der That schon etwas spät , denn Ihre Majestät war bereits eingetreten und die Frau Herzogin hatte bereits die Anwesenden begrüßt und sich darauf zu ihrer Schwester in ' s Spielzimmer zurückgezogen , wohin sich denn auch Graf Fohrbach auf einen bedeutungsvollen Blick des Hofmarschalls augenblicklich begab , um mit einer sehr tiefen Verbeugung gehorsamst einen guten Abend zu sagen und um Entschuldigung zu bitten , daß er so spät komme . Die Frau Herzogin geruhten aber gnädigst zu bemerken , der Graf habe heute den Dienst gehabt , und es habe ihn nur dieser einige wenige Augenblicke zurückgehalten . - » Denn , « fügte sie lächelnd bei , » Sie sind ja sonst ein wahres Muster von Pünktlichkeit . « Ihre Majestät begaben sich hierauf an den Spieltisch und bezeichneten den Hofmarschall als ihren Partner . Graf Fohrbach spielte also mit der Frau Herzogin . In dem Augenblicke , wo er sich auf seinen Stuhl niederlassen wollte , glitt der Kammerdiener Ihrer Hoheit wie ein Aal an seine Seite , that , als rücke er etwas an dem silbernen Leuchter des Spieltisches zurecht , und flüsterte mit einer tiefen Verbeugung und ganz ergebenst die Frage : » Seine Durchlaucht , der Herr Herzog , werden nicht spielen ? « Die Herzogin hatte aber diese Frage ebenfalls vernommen und versetzte , indem sie die Karten in die Hand nahm : » Mein Sohn wird wahrscheinlich erst zum Souper kommen ; ich vergaß , Ihnen das zu sagen . « Der Kammerdiener antwortete mit einer tiefen Verbeugung , wodurch er sich zu bedanken schien , daß er aus dem Munde der hohen Gebieterin selbst eine Auskunft erhalten . Dann aber schnellte er förmlich in die Höhe , hob seine lange bleiche Nase einige Zoll über das ihr gebührende Niveau , nahm eine sehr wichtige Miene an und spitzte zierlich seinen Mund . Graf Fohrbach hatte sich unterdessen niedergelassen und war eben beschäftigt , die Spielmarken an seiner Seite auf einander zu schichten , als er mit Verwunderung die dünne weiße Hand des Kammerdieners bemerkte , der sich mit einem süßen Lächeln bemühte , eben diese Marken an sich zu nehmen . Er sah ihn fragend an , worauf derselbe mit ganz leiser Stimme entgegnete : » Es sind die Marken Seiner Durchlaucht ; ich legte sie dahin , weil ich geglaubt , der Herr Herzog würden selbst spielen . « » So lassen Sie sie auch jetzt ruhig liegen , « sagte lachend die Herzogin . » Ich weiß wohl , mein Sohn gibt sie jedesmal nach dem Spiele in Ihre Hand , aber ich denke , sie werden hier ganz gut aufgehoben sein . « Die dünnen Finger zuckten zurück , die Gestalt des Kammerdieners krümmte sich und er schlich rückwärts auf dem Teppich zurück und in das Nebenzimmer . Seine blassen Wangen aber hatten sich sanft geröthet , und sein Auge , scharf und glänzend wie das eines Falken , blickte gierig nach den goldenen Marken . » Ist etwas Besonderes an ihnen , « fragte Ihre Majestät , » daß der Herzog sie sorgfältig aufbewahren läßt ? « » Es ist wahrscheinlich ein Cadeau , « entgegnete achselzuckend die Herzogin ; » sie sind allerdings von einer netten Arbeit ; das Ganze aber ist wohl nichts mehr und nichts weniger als eine von Alfreds Eigenheiten . « » Lassen Sie doch sehen . « Der Graf erhob sich schnell und brachte die vier Marken an die Seite Ihrer Majestät , welche sie in die Hand nahm und betrachtete . » Sie scheinen hohl zu sein , « sagte sie ; » wahrscheinlich kann man sie öffnen ; ich kenne dergleichen Spielereien . - Erinnerst du dich , Hedwig , Papa ' s Obersthofmeister hatte ebenfalls dergleichen Marken , er schrieb dann kleine Zettelchen , die er hinein steckte und den Damen zuschob . - Ein alter , wunderlicher Herr . Ich sah das häufig , that aber nicht , als ob ich es bemerkte . Die Marken waren gerade gemacht wie diese , alle vier schraubten sich auf , aber nur eine hatte einen doppelten Boden . Wenn man aber oben auf die Emaille drückte , welche die Kartenfarbe darstellt , so sprang eine andere Cuivette auf und darunter verbarg er seine kleinen Angelegenheiten . « » Das hier gehört vielleicht dem gleichen Zwecke an , « meinte die Herzogin . » Gott ! wer kann sich um dergleichen bekümmern ! - Ist dir ' s gefällig , das Spiel anzufangen ? « Ihre Majestät nickten mit dem Kopfe . » Coeur ist à tout , « sagte ganz ergebenst der Hofmarschall . Geneigter Leser , du wirst gewiß schon sehr häufig in deinem Leben Whist gespielt haben . Es ist das an sich ein harmloses Spiel , außerordentlich leicht und angenehm , wenn man es mit sehr gutmüthigen Leuten spielt , die es gerade so machen , wie du , das heißt , ihre dreizehn Karten eine nach der andern auf den Tisch werfen , die froh sind , wenn sie einen Trique machen , denen es auch nicht darauf ankommt , daß du soeben ihren Piquekönig gestochen , während du doch den Zweier , Dreier und Vierer von dieser schönen Farbe in der Hand behieltest , die es am Ende auch nicht besonders übel nehmen , wenn zum Schluß vielleicht eine Karte übrig bleibt , oder wenn du quatre d ' honneur ansagst , während sie doch selbst Aß , König und Dame besaßen . Nicht so angenehm ist dagegen dieses Spiel , wenn du es mit Leuten zu thun hast , die sich einbilden , darin große Meister zu sein , und die nicht sehr duldsamer und liebenswürdiger Natur sind , die gerne aufbrausen und in allen Dingen Recht haben wollen . Du kannst es machen , wie du es willst : du hast beständig gefehlt ; befolgst du die Regeln des Spiels und es gefällt deinem Partner nicht , so zuckt er heftig die Achseln , rückt unmuthig auf seinem Stuhle hin und her , wirft dir einen zornigen Blick zu . Ist es eine Dame , so ergelbt sie auch wohl ganz gelinde , und man sagt zu dir in gereiztem Tone : » Lieber Gott ! Man muß doch zuweilen Ausnahmen zu machen verstehen ! « - Machst du nun das nächste Mal eine Ausnahme , so hättest du diesmal um Alles in der Welt bei der Regel bleiben sollen . - Spielst du Coeur , so lacht man dir krampfhaft in das Gesicht , denn Pique war ja die angezeigte Farbe ; Pique hätte ein Kind begreifen können ; um hier bei dieser Veranlassung nicht Pique zu spielen , muß man doch offenbar der schlechteste Spieler sein , der je eine Karte in die Hand genommen . Spielst du nun das nächste Mal bei der ganz gleichen Veranlassung ein unschuldiges Piqueblättchen aus und hast zufällig die richtige Farbe getroffen , weßhalb du deinen Partner triumphirend anblickst , so erwidert derselbe doch diesen Blick mit wahrhaftem Entsetzen . Er wiegt den Kopf hin und her , als wollte er sagen : Bei dieser Ungeschicklichkeit kann man nichts thun , als sich in Geduld fassen . Und fragst du endlich : » War denn Pique diesesmal wieder nicht recht ? « so lächelt man vielleicht mitleidig und entgegnet dir : » Mein bester Herr , Pique an sich wäre schon nicht ganz unrecht gewesen , aber wie können Sie um Gotteswillen den Zehner ausspielen , wenn Sie den Buben in der Hand haben ? Das heißt ja muthwillig Alles auf ' s Spiel setzen ! Ah ! Das ist doch ein bischen zu stark ! « Wahrhaft peinlich ist es aber nun , Whist mit hohen Herrschaften zu spielen , wo du auf alle Fälle Unrecht hast , wo du keine Gegenrede wagen darfst , wo du beim Unglück , durch schlechte Karten herbeigeführt , dasselbe verschuldet , wo dich dagegen beim Glücke dein Partner oder Partnerin durch ihr glänzendes Spiel mit durchgerissen . Hier erhältst du natürlich selten oder nie einen lauten Vorwurf , aber dafür trifft dich ein sonderbar fragender Blick ; ein leichter Husten ist dir außerordentlich verständlich ; ein kaum bemerkbares Achselzucken oder ein gelinder Seufzer schmettert dich gänzlich zu Boden . - So ergeht es dem vortrefflichen Spieler , der mit aller Anstrengung seiner Verstandeskräfte bei der Sache ist und sich durch nichts zerstreuen läßt . Welche Qualen dagegen ein Unglücklicher , ein Liebender , ein Eifersüchtiger am Spieltische der höchsten Herrschaften ausstehen muß , davon , geneigter Leser , bist du vielleicht glücklicherweise nicht im Stande , dir einen Begriff zu machen . Und der arme Graf Fohrbach befand sich in diesem Falle ; doch machte er übermenschliche Anstrengungen , sich vor den strengen Augen der Frau Herzogin keine Blöße zu geben , und das Glück , das ihm heute Abend in der Liebe manquirte , war ihm denn auch , gemäß dem Sprichwort , im Spiele günstig , und er bekam , wie der Hofmarschall bei jedem Ausgeben seufzend versicherte , immense Karten . Die Frau Herzogin lächelte holdselig und freundlich , denn Ihre Majestät und Seine Excellenz waren groß Schlemm geworden und hatten einen sehr starken Rubber eingebüßt . Und nicht allein die verlorene kleine liebenswürdige Soirée bei dem Major v. S. beschäftigte die Phantasie des unglücklichen Grafen , nicht nur der Herzog , der statt seiner dorthin gefahren , nein , auch die Marken Seiner Durchlaucht , die vor ihm auf dem Tische lagen , fesselten Seine Aufmerksamkeit , und er mußte sie immer und immer wieder nachdenkend betrachten , als verbärgen sie ihm irgend ein wichtiges Geheimniß . - Warum wollte sie der Kammerdiener so schleunig fortnehmen ? - Sie waren hohl , wie Ihre Majestät meinten , und Ihre Majestät hatten ferner einer Geschichte gedacht , wo irgend ein seliger Obersthofmeister in ähnlichen Marken den Damen Billete zuzustecken gewußt . Wie gesagt , der Rubber war zu Ende und Ihre Majestät schienen nicht darauf zu dringen , augenblicklich einen neuen zu beginnen , sie lehnten sich vielmehr in ihren Stuhl zurück und sprachen leise mit der Frau Herzogin . Auf den Marken befanden sich , wie Ihre Majestät vorhin bemerkt , in Emaille die vier Kartenfarben . Der Graf spielte mit Treff , nahm die Marke leicht in die Hand , ließ sie , wie ganz absichtslos , unter dem Tische verschwinden , und drehte daran . - Ihre Majestät hatte Recht : die Marke öffnete sich und bot ein kleines Gehäuse dar , welches aber leer war und auch nichts Weiteres zeigte , als er auf die Emaille drückte . Ganz geschickt wußte er Treff , nachdem er wieder zugeschraubt hatte , auf den Tisch zu bringen und nahm dafür Caro . - Auch Caro war und blieb leer , ebenso Pique ; - aber Coeur . - Scheu blickte er umher , um zu sehen , ob Niemand auf ihn achte . Doch die Herrschaften sprachen noch immer leise zusammen , und der Hofmarschall hatte die Rechnung über den verlorenen Rubber in der Hand und überlegte , wie viele Dukaten ihn das Spiel heute Abend kosten würde . - Richtig ! - Coeur war nicht leer ; bei einem Drucke auf die Emaille sprang die Cuivette auf , und unter derselben lag ein kleines , zusammen gefaltetes Papier . - War es Unrecht , dies an sich zu nehmen ? - Es zu behalten - gewiß ! - aber nicht , es nur zu lesen und dann wieder hinein zu legen . - Mit diesen Gedanken beschwichtigte der junge Mann sein Gewissen . - » Es das eine Kriegslist , « sprach er zu sich selber , » ich recognoscire nur feindliches Terrain ; denn der Herzog ist in diesem Punkte mein Feind , und ich fürchte , wir werden einen erbitterten Krieg mit einander führen . - Nein , nein ! - Da gilt keine Schonung . - Wer weiß , ob er selbst mich nicht statt seiner hierher gebracht hat ! « Unter diesen Gedanken hatte er auch schon die Marke geleert , sie wieder zugeschraubt und auf den Tisch gestellt . Wie aber nun das Papier lesen ? - Und das mußte schnell geschehen , denn sobald Ihre Majestät zufällig das Spiel aufhob , so hatte er nicht mehr Zeit , den Zettel in die Marke zu stecken , und der schlaue Kammerdiener mußte augenblicklich den Verlust desselben entdecken . Glücklicherweise half ihm der Hofmarschall über diese Klippe hinweg , indem er ihm die Whistrechnung sowie den Bleistift darreichte und ihm sagte : » Sehen Sie doch ' mal nach , Graf Fohrbach , da muß irgendwo ein Fehler stecken , Plus und Minus stimmt mir nicht überein . « » Lassen Sie sehen , « versetzte der Graf entzückt , während er das Papier ergriff , seinen Zettel , den er in der hohlen Hand verbarg , geschickt darauf legte und statt sich um die Zahlen zu bekümmern , die Worte las : » Bericht - wie gewöhnlich um elf Uhr . Vierte Thüre neben der blauen Gallerie , « - welche er sich fest in ' s Gedächtniß einprägte . » Nicht wahr , es ist ein Fehler darin ? « fragte die Excellenz . » Sehen Sie , hier plus zwanzig und dort minus fünfzehn . « » Lassen Sie mich rechnen , « erwiderte der Adjutant , der jetzt erst das andere Papier betrachtete . - » Ach ja ! hier steckt der Irrthum ; die fünf Points minus gehören dorthin . Sehen Sie , so gleicht sich die Rechnung völlig aus . « » Ja , Sie haben Recht , « sagte die Excellenz , » es macht freilich fünf Points mehr Verlust für mich , aber man muß auch in kleinen Dingen ehrlich sein . « Es war ein Glück , daß es dem Grafen so schnell gelungen war , das Papier ohne Aufsehen zu lesen und ebenso in die Marke zurückzustecken , denn Ihre Majestät schienen jetzt schon alle Lust am Spiele verloren zu haben , ließen Ihre Schulden durch Ihren Kammerherrn berichtigen und erhoben sich darauf mit der Frau Herzogin vom Tische . Der Hofmarschall und der Adjutant machten eine tiefe Verbeugung ; Ersterer ging in das Bibliothekzimmer , der Andere schritt langsam nach dem grauen Kabinete , doch blieb er unter der Thüre desselben hinter dem Vorhange einen Augenblick stehen . Kaum waren die Herrschaften vom Spieltische aufgestanden , so erschien alsbald der Kammerdiener und packte die vier Marken seines Herrn zusammen , warf einen schnellen Blick auf jede einzelne , dann einen andern durch das Zimmer , um sich zu überzeugen , ob Niemand die Hast bemerkt habe , mit welcher er die Marken in Sicherheit gebracht . Doch hatte ihn der Graf wohl beobachtet , und nachdem dieser das Zimmer verlassen und nothgedrungen mit einigen Herren und Damen , die ihm gerade in den Weg traten , ein paar gleichgiltige Worte gewechselt hatte , zog er sich hinter eine große Epheuwand zurück und ließ sich dort auf ein Sopha nieder . » Vor allen Dingen muß ich mir klar machen , « dachte er , » für wen der Zettel bestimmt ist . - Ohne Zweifel für den Herzog . - Aber warum alsdann diese Heimlichkeiten mit den Marken ? Hätte ihm der Kammerdiener nicht ebenso gut dieses Papier in die Hand geben können ? - Halt ! da gibt ' s was zu überlegen . Dieser Zettel kam vielleicht während der Tafel und wurde an den bewußten Ort gelegt , damit ihn Seine Durchlaucht ohne Aufsehen an sich nehmen könne . - Der Herzog will es wahrscheinlich vermeiden , daß man ihn geheimnißvolle Worte mit dem Kammerdiener seiner Mutter wechseln sieht . - Oder - nein , nein ! - So muß es sein ! - Der Kammerdiener selbst ist nicht eingeweiht , wie man diese Marken öffnet , er weiß nur , daß sie für den Herzog kostbar sind , deßhalb wollte er sie zu sich nehmen . - Ein Anderer aber , ja ein Anderer , der nicht in diesen Kreis kommt , kennt das Geheimniß der Marke und legte den Zettel hinein , um Seine Durchlaucht zu benachrichtigen . - - Bericht wie gewöhnlich , « murmelte er vor sich hin , » um elf Uhr . - Das ist sehr unbestimmt , wird aber um elf Uhr heute Abend heißen sollen , denn sonst hätte jener Andere ja Zeit gehabt , dem Herzog zu schreiben . - Die vierte Thüre neben der blauen Gallerie . - Das klingt schon begreiflicher : die blaue Gallerie kenne ich sehr genau , und die vierte Thüre wird nicht schwer zu finden sein . - Aber was an dieser vierten Thüre thun ? - Soll der , welcher hinkommt , einen Bericht erhalten oder einen geben ? - Das Letztere wäre für mich sehr unangenehm . - Bah ! wie kann ich da zweifeln ? Man kann einen Herzog nicht nur so zum Bericht auffordern . - - Nein , nein ! man will ihm irgend etwas Interessantes anvertrauen . - Und da das Ganze auf hundert Meilen nach einer Liebesgeschichte riecht , und da Seine Durchlaucht der Herr Herzog die außerordentliche Gnade haben , Seine leichtfertige Cour einer jungen Dame zu machen , die ich unbeschreiblich und aufrichtig liebe , - da er ferner heute Abend meinen Platz eingenommen , so werde ich mir auch wahrhaftig kein Gewissen daraus machen , als Revanche ein wenig für ihn zu gelten . - Ja , ich werde hingehen , denn es ist mir gerade , als müßte dort etwas verhandelt werden , was für mich am Ende noch von größerem Interesse ist als für ihn . « Damit war sein Enschluß gefaßt ; er erhob sich beruhigt aus seiner Ecke und mischte sich wieder unter die Gesellschaft . Die kleine Soirée nahm übrigens recht langweilig ihren Fortgang , wie es wohl meistens bei einer höchsten Spielpartie der Fall ist , wo nicht gespielt wird . Die Herrschaften hatten sich am Kamine niedergelassen und zogen nur hie und da eine der alten Excellenzen in den Bereich ihrer Unterhaltung , wobei übrigens Ihre Majestät häufig auf die Uhr blickte und sich entweder nach dem Fortgehen oder dem Souper zu sehnen schienen . Das Letztere kam nun gegen halb Elf , und brachte wieder einiges Leben in die Gesellschaft . Die Damen und Herren in den Ecken des Zimmers hörten auf , verstohlener Weise gähnen , die Fächer wurden nicht mehr unaufhörlich auf- und zugeklappt , die Hüte nicht mehr in den weißen Handschuhen hin und her gedreht . Es war , als fliege ein allgemeines Ah ! durch das Zimmer , und nicht blos die Bedienten rannten geschäftig hin und her , um die gedeckten Tische im Spielzimmer mit einer Menge Platten voll kalter Küche , mit Früchten und allerlei Weinen zu bedecken , auch die Herren bewiesen sich liebenswürdig gegen die Damen . Die Hüte wurden in einem Winkel plazirt , die Damen setzten sich nieder , und ließen sich mit dem , was gerade nach ihrem Geschmacke war , bedienen , worauf man dann bald nichts mehr hörte , als das Klappern der Teller , Messer und Gabeln , oder das leise Klingen eines Glases . Aber in der Art , wie die Leute ihr Souper einnahmen , lag eigentlich so gar nichts Behagliches . Die Herren verzehrten ihr Bischen meistens stehend , die Damen , indem sie abwechselnd einen Blick auf den Teller und dann wieder einen auf die allerhöchsten Herrschaften warfen . Es war keine Ruhe bei diesem Essen : man konnte sich doch nicht am Ende der Gefahr aussetzen , einen gnädigen Wink oder ein freundliches Lächeln zu übersehen ; deßhalb die ewige Aufmerksamkeit auf den allerhöchsten Teller und den allerhöchsten Mund , und erst als man sicher war , daß Letzterer gerade selbst beschäftigt war , zwang man heftig und unnachsichtlich schluckend irgend einen tüchtigen Bissen hinab , um gleich darauf wieder kampfgerüstet zu sein . Den Herren erging es zuweilen noch schlimmer , und eine unzeitige Frage Ihrer Majestät konnte im Stande sein , sie in die furchtbarste Verlegenheit zu setzen . - Antworte einmal Einer korrekt und deutlich , wenn er vom Viertel eines ziemlich großen Kapauns im Munde hat ; das schluckt sich nicht nur so augenblicklich hinunter . - Aber auf eine Antwort warten lassen ! - Lieber riskirt man im Verschlingen das Unmögliche . Der geneigte Leser wird hieraus ersehen , daß das Essen und Trinken bei Hofe auch seine großen Unannehmlichkeiten hat und daß die Herren und Damen desselben darum gerade nicht zu beneiden sind . Man kann von ihnen in Wahrheit sagen , sie essen meistens ihr Brod im Schweiße ihres Angesichts ; und es ist das oftmals ein hartes Brod , nicht gewürzt durch wahre Freude . Die Meisten von denen , welche der Spielpartie heute Abend anwohnen mußten - wir sagen nicht ohne Absicht mußten - gingen fast mit den gleichen Gefühlen hin , wie der arme Graf Fohrbach . Sie schleppten am Fuß ihre unsichtbare Kette und fühlten sich wohl unglücklicher , wenigstens gelangweilter , als Tausende von anderen Menschen , die im mäßig erwärmten Zimmer um eine Schüssel Kartoffeln sitzen , ein Stück Brod in der Hand und einen freien Willen im Herzen . - Hier betritt man den glänzenden und reich erleuchteten Salon , nachdem man vor der Thüre sich vielleicht heftig auf die Lippen gebissen und einen letzten tiefen Seufzer gethan , da man an andere Freuden gedacht , die heute Abend zu genießen wären . Darauf legt sich das Gesicht in freundliche Falten , das Auge glänzt schalkhaft und liebenswürdig , und diese Maske muß den ganzen Abend festgehalten werden , obgleich manche dieser scheinbar so glücklichen Damen sich lieber mit gerungenen Händen in eine Ecke setzen würde , um heiße , bittere Thränen zu weinen . Ja , der Ausdruck der Freude und des Glückes muß beibehalten werden , bis Ihre Majestät zweimal leicht den Mund verzieht und dann bemerkt : » Es ist sogleich elf Uhr , « bis ihr eines der Ehrenfräuleins den weißen Burnus umhängt , bis sie die Frau Herzogin auf die Stirn geküßt hat und mit einem » adieu ma chère ! « Abschied genommen . - Dann folgt noch ein tiefer Knix rings umher , ein zweiter , wenn sich endlich auch die Frau Herzogin zurückzieht ; die Thüren zu den Vorzimmern werden geöffnet , die Bedienten reichen Mäntel und Shawls , die Herren sagen flüchtig eine gute Nacht , die Damen suchen ihre Wagen oder eilen durch die nun sehr öden und halb dunkeln Gänge des Schlosses nach ihren Zimmern , - und dann erst fällt die Maske , dann erst trübt sich der bis jetzt so heitere Blick , und Manche denkt an einen verlorenen Abend , Manche preßt die Hand auf das Herz und schaudert leicht zusammen , wenn sie an so viele dergleichen Abende denkt , die schon hinter ihr liegen , und an unzählige , die wahrscheinlicherweise noch auf sie warten . - Und so ist das auch eine Art Sklavenleben , geliebter und sehr geneigter Leser . In der beschriebenen Art ging auch die heutige Soirée zu Ende , und wenige Augenblicke , nachdem sich die Herrschaften zurückgezogen , war das kleine schöne Apartement gänzlich verlassen . Was nun den Herrn Herzog anbelangte , so hatte er sich auch nicht beim Souper sehen lassen , wodurch sich der Graf veranlaßt sah , mehrere tiefe Seufzer zu unterdrücken , zuweilen die rechte Hand krampfhaft zu ballen und auf seinem einmal gefaßten Entschlüsse , den Bericht selbst anzuhören , fest zu beharren . Nachdem er den Herren und Damen , die an ihm vorüber geeilt , eine gute Nacht gewünscht , ließ er sich von seinem Jäger , der im Vorzimmer auf ihn wartete , den Mantel umhängen . » Du hast den Herrn Erichsen getroffen ? « fragte er ihn . Worauf Franz erwiderte : » Ich habe den Brief Euer Erlaucht in seine Hände gegeben . « » Er las ihn durch ? « » Herr Erichsen las ihn durch , lächelte und sagte : ich will es bestens besorgen . « » Schön ; ich danke . Du kannst mit dem Wagen nach Hause zurückkehren , ich brauche ihn nicht und komme vielleicht in einer Stunde zu Fuß . - Gehe aber vorher drunten in ' s Adjutantenzimmer und nimm die Schärpe mit , die dort liegen geblieben . « Achtundfünfzigstes Kapitel . Ein Bericht . Es war unterdessen elf Uhr geworden ; Graf Fohrbach zog seinen Mantel fester um sich und schritt über das Vestibül und die große Treppe hinab , die nur noch spärlich erleuchtet war . Die blaue Gallerie lag im anderen Theile des Schlosses , und um dorthin zu kommen , mußte er über einen langen Korridor , der beinahe gänzlich dunkel war , denn nur an beiden Enden desselben flackerten um diese Stunde noch ein paar trübe Lampen . Doch kannte er den Weg genau , und wenn er sehr behutsam dahin schlich , so geschah dies nur , damit seine Sporen auf dem Steinpflaster nicht klirren und irgend einen der sich unten aufhaltenden Bedienten oder die Wache beunruhigen möchten . Es ist aber eigenthümlich , wie sich in der Stille der Nacht jeder Ton verdoppelt und hörbar ist , den man am Tage gar nicht beachtet . So vernahm auch Graf Fohrbach jetzt deutlich seinen leisen , fast geräuschlosen Schritt , und wenn sich zufällig sein Säbel bewegte , so klirrte es gerade so , als rassele Jemand mit einer Kette . Der Adjutant erreichte bald das Ende des Korridors und stieg dort eine Wendeltreppe hinauf , die ihn auf einen Vorplatz führte , den er quer durchschreiten mußte , um zum Eingang der blauen Gallerie zu gelangen . Hier war es schon schwieriger , sich zurecht zu finden , denn nirgendwo brannte ein Licht , und die Nacht war so finster , daß man kaum die hohen Fenster von der Wand unterscheiden konnte . Hier war die blaue Gallerie ; jetzt galt es , die vierte Thüre zu finden . Sehen konnte er nicht eine einzige , er mußte also an der Wand hintappen