sein Bild nun doch nicht so wurde , wie es nach allen diesen Umständen hätte werden sollen . Das zu einer Sache berufene besondere Talent macht diese , sobald ihm ein Licht aufgesteckt ist , ohne weiteres immer gut , und das erste , was es von Hause aus mitbringt , ist ein glückliches Geschick zum vollständigen Gelingen . Der allgemeine wohleingerichtete Kopf aber kann sich mit hundert Dingen beschäftigen , dieselben verstehen und einsehen , ohne es darin zu einem reif gestalteten Abschluß zu bringen ; nur eine lange und bittere Erfahrung oder eine augenblickliche Erleuchtung können manchmal ein vorübergehendes Zusammenraffen und eine Ausnahme hervorbringen , welche aber das ganze Wesen nur noch rätselhafter und meistens mißlicher machen . Dies ist das innere Wesen des gebildeten , strebsamen , talentvollen Dilettantismus , und tausend Existenzen in allen Lebenstätigkeiten , berühmt oder unberühmt , haben in ihm ihr Geheimnis . Sie treiben und betreiben , suchen und haschen im Schweiße ihres Angesichtes und mit hochtrabender Zufriedenheit , während ihr wahres Geschick , ihre eigentümliche Kraft schlummert für ewige Zeiten oder für eine andere Sache aufbewahrt bleibt . Besonders in Literatur und Kunst sucht der Dilettantismus die mangelnde naive Meisterschaft durch Neuheit und Betriebsamkeit in allerhand Versuchen zu ersetzen , zeichnet sich fortwährend durch halbe Anläufe aus und gewinnt nach diesen einige Poesie , einiges Pathos in einem wehmütigen elegischen Ende . Er bereitet die Blütenzeit vor , bringt sie zu Fall und verscharrt sie eifrigst , düngt aber wieder ihr Grab zu neuem Wachstum . Er ist der große Vermittler , Dämpfer und Hinhalter in der Weltökonomie ; denn wenn die schlafenden Meisternaturen , die zweifelsohne jeden Augenblick vorhanden sind , aber unbewußt hinter dem Pfluge gehen oder auf dem Dreifuß des Schusters sitzen , alle ihre Bestimmung entdecken und erfüllen würden , so würde unsere Erdenherrlichkeit längst ihr Lied abgeschnurrt haben , gleich einer Uhr , aus welcher man die Hemmung genommen hat ; denn jenes Liedchen hat eigentlich einen einfachen und eintönigen Inhalt . Indessen ist der Dilettantismus trotz seiner umfangreichen Macht ein unerfreuliches Dasein ; im Grunde sind trotz aller äußeren Schicksale nur die Meister glücklich , d.h. die das Geschäft verstehen , was sie betreiben , und wohl jedem , der zur rechten Zeit in sich zu gehen weiß . Er wird , einen Stiefel zurechthämmernd , ein souveräner König sein neben dem hypochondrischen Ritter vom Dilettantismus , der im durchlöcherten Ordensmantel melancholisch einherstolziert . Heinrichs Werklein , als es fertig war , sah nun höchst seltsam aus . Er hatte sich die vollsaftige Frische des Vortrages , auf welche die von dem Meister geratene Anordnung durchaus berechnet war , doch nicht geben können und war unwillkürlich wieder in seine blasse traumhafte Malerei verfallen , während die vielen naiven und liebenswürdigen Züge eines erfindungslustigen Gemütes , welche auch ein solches mangelhaftes Werk gewissermaßen ansprechend und unterhaltend machen , daraus entfernt waren . So stellte es nun durch seinen gesichteten Inhalt und das magere scheinlose Machwerk den geübten geistreichen Dilettantismus dar , obgleich es auf der Stube noch ziemlich respektabel aussah und von den Leuten , welche das ernstlich Angestrebte , aber nicht ganz Gelungene immer zärtlicher behandeln als das schlechtweg Gute , vergnüglich belobt wurde . Er ließ es nun mit einem knappen hölzernen Rahmen versehen , um dem Bilde noch mehr ein ernstgemeintes und gelehrtes Ansehen zu geben , brachte es auf den Saal , wo wöchentlich die neuesten Arbeiten ausgestellt wurden , gab schüchtern und verschämt die Anzeige der Verkäuflichkeit und den Preis ab , der ihn nun bis auf weiteres ernähren sollte , und zog sich so eilig aus dem Hause zurück , als ob er etwas darin habe entwenden wollen . Als der Sonntagmorgen kam , wo ein elegantes Publikum die Räume füllte , in welchen die neuen glänzenden Bilder hingen , ging Heinrich mit einigen Bekannten hin und sah sein Werk , weit weg an ihm vorübergehend , mit einem halben Blick dahängen . Sogleich kam es ihm , indem sein Auge auf andere stattliche Gegenstände hinüberstreifte , unerträglich vor in seiner bleichen Farblosigkeit . Als er aber in einen Nebensaal trat , hing da im besten Lichte der gleiche Gegenstand , unübertrefflich gemalt mit wenigen sehr zweckmäßigen Abänderungen von jenem tüchtigen Meister , welcher seine Skizze kritisiert und die hübsche Kritik in die Tasche gesteckt hatte . Wie vom Donner gerührt , betrachtete Heinrich das Bild und konnte nicht umhin , über das , was der Künstler daraus gemacht hatte , die größte Freude allmählich zu empfinden und sich sogar geschmeichelt zu fühlen . Übrigens war das Bild schon mit einem Zettel versehen , welcher anzeigte , daß die Kommission dasselbe bereits zu einem sehr erklecklichen Preise angekauft , noch ehe es ausgestellt gewesen , und jedermann lobte den Kauf . Heinrichs Bekannte , welche so schlecht und recht zum betriebsamen , nicht ungeschickten Mittelschlage gehörten , waren höchlich entrüstet über das Verfahren eines wohlversorgten und glücklichen Meisters und nannten sein frisch und munter glänzendes Werk einen Diebstahl und eine rücksichtslose Räuberei , eine Herzlosigkeit und eine Gemeinheit . Heinrich jedoch schwieg still und verarbeitete , als ein löblicher und gelehriger Jüngling , die soeben gemachte Erfahrung , die er sogleich begriff daß es in Sachen der Kunst keinerlei Patent gibt , sondern nur den einen Satz Mach ' s , wer kann ! sei ' s , wer ' s wolle , wenn ' s nur entsteht ! und daß , wer eine gute Idee schlecht ausfahrt , dem Rabenvater gleicht , welcher ein Kind aussetzt , wer sie rettet , demjenigen , der es aufnimmt und pflegt ! Er fühlte keinen Groll gegen den behenden Meister , sondern veranstaltete stracks die Wegnahme seiner eigenen Arbeit und steckte beschämt jenen Zettel wieder ein , auf welchem er seinen Preis angegeben hatte nebst seinem Namen . Dies war einstweilen der erste und letzte Versuch Heinrichs , durch seiner Hände Arbeit sein Leben zu gewinnen , und nichts ging daraus hervor als die unbezahlte Rechnung für den ernsthaften stoischen Rahmen . Er begann zwar bald einige andere Sachen , welche er besser zu machen gedachte , und man sollte glauben , daß er bei seiner Unbefangenheit und Einsicht dies wirklich hätte müssen zuwege bringen ; aber es ist eben das Kennzeichen der berufenen Meister einer Are , daß sie von selbst mit dem Guten und Richtigen den Drang verbinden nach gemeiner Brauchbarkeit und Genießbarkeit und das Ziel erreichen , ohne ihrer Ehre zu vergeben ; der Dilettanten dagegen , daß sie immer wieder in ihren unfruchtbaren Eigensinn zurückfallen und dem angenehmen Erfolge hochfahrend entsagen . Dies nennen sie meistens edlen Stolz und treues Beharren am Höheren . Bei Heinrich war es indes nicht sowohl dieser Eigensinn als die zuströmende Gedankentätigkeit , welche , keinen andern Ausweg sehend , ihn abermals bald auf das alte Erfindungswesen und die wechselnde Unternehmungslust geraten ließ , das dringende Lebensbedürfnis allmählich vergessend . Dazu war er scheu und zag geworden , der Welt seine Arbeit gegen Geld anzubieten , und war aufrichtig überzeugt , daß dieses unrechtmäßig gewonnen wäre , solange er nicht selbst zufrieden sei mit seinen Erzeugnissen , ungleich jenen rüstigen Weltmenschen , welche sich desto mehr mit einem glückhaften Erwerbe brüsten , je wertloser und törichter das ist , was sie leisten und durch irgendeine verkehrte Laune des Geschmackes unterzubringen wissen . Während er aber solche stolze Ehrlichkeit besaß , besann er sich , da er Kredit fand als ein unbescholtener junger Mensch , gar nicht , Schulden zu machen , und fand es ganz in der Ordnung , auf diese Weise bequem und ohne weiteres Kopfzerbrechen das zweite Jahr hindurch zu leben . Die Schulden sind für den modernen Menschen eine ordentliche hohe Schule , in welcher sich sein Charakter auf das trefflichste entwickeln und bewähren oder in welcher er , falls dieser von Hause aus fest ist , sein Urteil und seine Anschauungsweise der Welt gründen und regulieren kann . Jener beliebte Paragraph in den gang und gäben Verhaltungslehren » eines Vaters an seinen Sohn « Borge von niemandem , aber borge auch niemandem , denn das Borgen entfremdet die besten Freunde und stört alle Verhältnisse ! ist ein gedankenloser , schäbiger Paragraph , der Paragraph der Kindsköpfe , die nichts erfahren haben , nichts erfahren wollen und nichts sein und bleiben werden als eben Kindsköpfe . Verhältnisse , welche durch Schulden zerstört werden , haben von Anfang an nichts getaugt , und es ist ein närrisches Wesen der Leute , daß sie wollen Leute sein und gute Freunde bleiben , ohne ihr gemütliches Vertrauen , ihre Achtung und Liebe irgendwie auf eine wirklich » unbequeme « Weise prüfen und beweisen zu müssen . Ein kluger Mann wird daher jene kurzgeschorene Kahlmäuser-Weisheit kassieren und zu seinem Sohne sagen » Mein Sohn ! wenn du ohne Not und sozusagen zu deinem Vergnügen Schulden machst , so bist du in meinen Augen nicht sowohl ein Leichtsinniger als vielmehr eine niedrige Seele , die ich im Verdachte eines schmutzigen Eigennutzes habe , der andere unter dem Deckmantel einer gemütlichen Liederlichkeit absichtlich um ihre Habe bringt . Wenn aber ein solcher von dir borgen will , so weise ihn ab ; denn es ist besser , du lachest über ihn als er über dich ! Wenn du hingegen in Verlegenheit gerätst , so borge , soviel es sein muß , und ebenso diene deinen Freunden , ohne zu rechnen , und alsdann trachte , für deine Schulden aufzukommen , Verluste verschmerzen oder zu dem Deinigen gelangen zu können , ohne zu wanken und ohne schimpflichen Zank ; denn nicht nur der Schuldner , der seine Verpflichtungen einhält , sondern auch der Gläubiger , der ohne Zank dennoch zu dem Seinigen kommt , beweist , daß er ein wohlbestellter Mann ist , welcher Ehrgefühl um sich verbreitet . Bitte keinen zweimal , der dir nicht borgen will , und laß dich ebensowenig drängen ; denke immer , daß deine Ehre an die Bezahlung der Schulden geknüpft sei , oder vielmehr denke das nicht einmal , denke an gar nichts , als daß soundso viel zu bezahlen sei ; aber hüte dich , über einen andern , der dir ein gegebenes Versprechen nicht einhalten kann , sogleich den Stab zu brechen und dich auf seine Ehre zu berufen . Nach dem Maße aber , in welchem du dich in Verpflichtungen begibst und deine in dir selbst liegenden Kräfte dabei in Erwägung ziehst , wirst du erfahren , ob du dich überhaupt unter- oder überschätzest , und wenn eines von beiden der Fall wäre , so würde es gleichgültig sein , ob du es gerade noch in Schuldsachen tätest , da du es in allen anderen Dingen doch auch tun und ein unglückseliger Patron mit oder ohne Schulden sein würdest . Wenn du aus alledem unbescholten und als ein Freund deiner Freunde hervorgehst , so bist du mein Mann ! Du wirst die Abhängigkeit unseres Daseins menschlich fühlen gelernt haben und das Gut der erkämpften Unabhängigkeit auf eine edlere Weise zu brauchen wissen als der , welcher nichts geben und nichts schuldig sein will . « Idealisiert ist das wahre Wesen des ehrlichen Schuldenmachens im Cid , welcher den Juden eine Kiste voll Sand versetzt und sagt » Es ist Silber darin ! « und dann erst auszieht , um auf gut Glück mit dem Schwerte in der Hand seine Lüge wahr zu machen ! Welche Verdrießlichkeiten , wenn ein Neugieriger vor der Zeit die Kiste erbrochen und untersucht hätte ! Und doch wäre es derselbe Cid gewesen , dessen Leiche noch das Schwert ein bißchen aus der Scheide zog , als sie ein Jude am Bart zupfen wollte ! Wir wollen indessen den grünen Heinrich nicht mit jenem tapfern Cid vergleichen , welcher in seinem Manneshandwerk ein Meister war und jeden Augenblick wußte , was er wollte . Heinrich wußte dies , als er wie ein Robinson in der zivilisierten Wildnis nach Nahrungsmitteln ausgehen sollte , schon nicht mehr deutlich , und die beiden Entdeckungsreisen , diejenige nach seiner menschlichen Bestimmung und diejenige nach dem zwischenweiligen Auskommen , trafen auf höchst mißliche Weise zusammen . Genug , da er vor allem Muße brauchte , so war er sein eigener Mäzen und machte Schulden . Fünftes Kapitel Er verschwieg dies sorgsam vor seiner Mutter , schrieb ihr aber auch nicht , daß er etwas erwerbe , da es ihm nicht einfiel , sie anzulügen , und da es ihm in der Tat bei seiner Sorglosigkeit und seinem sichern Gefühl , daß er schon etwas werden müsse und würde , ganz gut erging , so berichtete er der Mutter in jedem Briefe , es ginge ihm gut , und erzählte ihr weitläufig allerlei lustige Dinge , die ihm begegneten oder welche er in dem fremden Lande beobachtete . Die Mutter hingegen glaubte echt frauenhaft , wenn man von einem Übel nicht spreche , so bleibe es ungeschehen , und hütete sich , ihn nach etwaigen Schulden zu befragen , in der Meinung , daß wenn solche noch nicht vorhanden wären , so würden sie durch diese Erkundigung hervorgerufen werden ; auch hatte sie keine Ahnung davon , daß ihr Söhnchen , welches sie so knappgehalten hatte , in seiner Freiheit etwa so lange Kredit finden würde . Sie hielt ihre Ersparnisse fortwährend bereit , um sie auf die erste Klage teilweise oder ganz abzusenden , während Heinrich seine Lage verschwieg und sich an das Schuldenwesen gewöhnte , und es war rührend komisch , wie beide Teile über diesen Punkt ein feierliches Schweigen beobachteten und sich stellten , als ob man von der Luft leben könnte ; der eine Teil aus Selbstvertrauen , der andere aus weiblicher Klugheit . Gerade mit einem Jahreslaufe ging aber Heinrichs Kredit zu Ende oder vielmehr bedurften die Leute ihr Geld , und in dem Maße , als sie ihn zu drängen anfingen und er höchst verlegen und kleinlaut war , wurden auch seine Briefe seltener und einsilbiger , so daß die Mutter Angst bekam , die Ursache erriet und ihn endlich zur Rede stellte und ihm ihre Hilfe anbot . Diese ergriff er nun ohne besondere dankbare Redensarten , die Mutter sandte sogleich ihren Schatz ab , froh , zur rechten Zeit dafür gesorgt zu haben , und zweifelte nicht , daß damit nun etwas Gründliches und Rechtes getan sei . Der Sohn aber hatte nun Gelegenheit , die andere Seite des Schuldenmachens kennenzulernen , welche ist die nachträgliche Bezahlung eines schon genossenen und vergangenen Stück Lebens , eine unerbittliche und kühle Ausgleichung , gleichviel ob die gelebten Tage , deren Morgen- und Abendbrot angeschrieben steht , etwas getaugt haben oder nicht . Ehe zwei Stunden verflossen , hatte Heinrich in einem Gange die zweijährige Ersparnis der Mutter nach allen Winden hin ausgetragen und behielt gerade soviel übrig , als zu dem Mitmachen jenes Künstlerfestes erforderlich war . Ein recht vorsichtiger und gewissenhafter Mensch würde nun ohne Zweifel in Rücksicht auf die Umstände und auf die Herkunft des kostbaren Geldes sich vom Feste zurückgezogen und doppelt sparsam gelebt haben ; aber derselbe hätte sich auch recht bescheiden und ärmlich angestellt , die Größe der erhaltenen mütterlichen Gelder verschwiegen und seine Gläubiger demütig und vorsichtig hingehalten , alles aus der gleichen Rücksicht , und hätte seine Vorsicht mit dem lebendigen Gefühl der Kindespflicht gerechtfertigt . Heinrich aber , da er dies nicht tat , befand sich nach dem Feste wieder wie vorher , und wenn er sich darüber nicht verwunderte oder grämte , so geschah dies nur , weil seine Gedanken und Sorgen durch jene anderweitigen Folgen der übel abgelaufenen Lustbarkeit abgelenkt wurden . Er lebte also von neuem auf Borg , und da er diese Lebensart nun schon eingeübt hatte , auch dieselbe nach der stattgehabten Abrechnung trefflich vonstatten ging , Heinrich zugleich aber nicht mehr an der zusammenhaltenden Handarbeit saß und auch nicht mehr mit solchen Freunden umging , die den Tag über an zurückgezogener werktätiger Arbeit saßen , sondern mit allerlei studierendem , oft halbmüßigem Volke , so gewann dies neue Schuldenwesen wieder einen andern Anstrich als das frühere ; je weniger er bei seinem neuen Treiben ein nahes Ziel und eine Auskunft vor sich sah , desto mehr verlor und vergaß er sein armes Muttergut und den Mutterwitz der ökonomischen Bescheidenheit und Sparsamkeit , die Kunst , sich nach der Decke zu strecken , und den Maßstab des Möglichen auch mitten in der Verwirrung . Er verlor dies Muttergut zwar nicht von Grund aus und für immer wie einen Anker , den ein Verzweifelter sinken läßt , sondern wie ein Gerät , welches für einen gewagten Auszug nicht recht paßt und welches man unwillkürlich liegenläßt , um es bei der Rückkehr wieder aufzunehmen , wie eine feine kostbare Uhr , welche man vor einer zu erwartenden Balgerei von sich legt , oder wie das ehrbare Bürgerkleid , welches man in den Schrank hängt beim Einbruch der Elemente , der Regenflut und des Schmutzwetters . Die vermehrten Vorstellungen und Kenntnisse , das täglich neu genährte Denkvermögen , welches so lange geschlummert , erweckten von selbst eine rührige Bewegung , so daß Heinrich sich vielfach umtrieb und mit einer Menge von Leuten umging , welche den verschiedensten Studien , Richtungen und Stimmungen angehörten . Es wiederholte sich jener Vorgang aus seiner Kinderzeit , als er , indem er seine Sparbüchse verschwendete , plötzlich ein lauter und beredter Tonangeber geworden war . Auch jetzt entwickelte er unversehens eine große Beredsamkeit , ward , was er sich früher auch einmal sehnlich gewünscht hatte , ein meisterlicher Zecher , welcher die deutsche Zechweise mit so viel Phantasie und Geschicklichkeit betrieb , daß die so verbrachten Stunden und Nächte eher ein lehrreicher Gewinn , eine Art peripatetischer Weisheit schienen als ein Verlust . Das , was man lernte und sich mitteilend kehrte und wendete , geriet durch das aufgeregte Blut erst recht in Bewegung und durch die gesellschaftlichen Gegensätze , durch die hundert bald komischen , bald ernsten Konflikte in lebendigen Fluß , und das scheinbar rein Wissenschaftliche und Farblose bekam durch das gesellschaftliche und moralische Verhalten der Leute bestimmte Färbung und Anwendung oder diente diesem zu sofortiger Erklärung . Erst war die gewohnte Art herrschend gewesen , bei hervortretendem Widerspruche sich unwiderruflich auf seiner Seite zu halten , die Ehre in der Hartnäckigkeit zu suchen , mit welcher man um jeden Preis eine Meinung behaupten zu müssen glaubt , und im allgemeinen bei allen Andersdenkenden einen bösen Willen oder Unfähigkeit und Unwissenheit vorauszusetzen . Heinrich aber , welchen nun die Dinge von Grund aus zu berühren anfingen und welcher sich mit warmer Liebe um das Geheimnis ehrlicher Weltwahrheit bekümmerte , wie sie im Menschen sich birgt , ihn bewegt oder verläßt , brachte mit unbefangener und durchdringender Kraft zur anfänglichen Verwunderung der anderen die Lebensart auf , Recht- oder Unrechthaben als ganz gleichgültige Dinge zu betrachten und erst ihre Quellen als einen beachtenswerten Gegenstand aufzunehmen , in der höflichen und artigen Voraussetzung , daß es alle gut meinen und alle fähig wären , das Gute einzusehen . Dabei war er , wenn er sich ins Unrechthaben hineingeredet hatte , selbst der erste , welcher darüber nachdachte und bei kühlerm Blute sich selbst preisgab , die Sache wieder aufnahm und seinen Irrtum auch nach den eifrigsten und härtesten ; Äußerungen eingestand und von neuem untersuchen half , jene falsche Höflichkeit verdrängend , welche mit dem kalten Aufsichberuhenlassen einer Sache einen um so größern heimlichen Hochmut und einen Dorn im Bewußtsein aller davonträgt . Diese Weise machte sich um so leichter geltend , als es sich bald bemerklich machte , daß nur diejenigen , welche einen wirklich bösen Willen oder eine gewisse Unfähigkeit besitzen mochten , mit jenem kalthöflichen Abbrechen sich zurückzuziehen beliebten und jeder also auch den Schein hievon vermeiden wollte . In solchen Fällen stellte es sich dann auf das liebenswürdigste heraus , daß durch diesen bloßen Schein die innerlich Widerstrebenden und Murrenden doch eine goldene Brücke fanden und unvermerkt auf die bessere Seite gezogen wurden und so einen Gewinn davontrugen , den sie früher nie gekannt in ihrem verstockten Wesen . Zugleich kam die löbliche Manier auf , alles im gleichen Flusse und mit gleicher Schwere oder Leichtigkeit zu behandeln und die anmaßliche Art zu unterdrücken , einzelne vorübergehende Entdeckungen , Einfälle und Bemerkungen feierlich zu betonen und steifschreierisch vorzutragen , als ob jeden Augenblick eine Perle gefunden wäre zu ungeheuerster Erbauung , welche Art derjenigen schlechter Skribenten gleicht , die alle Augenblicke ein Wort unterstreichen , einen neuen Absatz machen und ihre magere Schrift mit allen aufgehäuften interpunktorischen Mitteln überstreuen . Denn die gute schriftliche Rede soll so beschaffen sein , daß , wenn sie durch Zeit und Schicksale aller äußeren Unterscheidungszeichen beraubt und nur eine zusammengelaufene Schriftmasse bilden würde , sie dennoch nicht ein Jota an ihrem Inhalt und an ihrer Klarheit verlöre . Alle diese Lebensart gewann nun einen gewissermaßen veredelnden und rechtfertigenden Anstrich dadurch , daß von dem Verkehr mit Weibern keine Rede war , sondern zufällig eine Schar junger Leute zusammentraf , welche sich darin gefiel , in diesen Dingen unberührt zu heißen oder höchstens einer Neigung sich bewußt zu sein , welche heiliggehalten und unbesprochen sein wollte . Heinrich war sogleich seiner äußeren leiblichen Unschuld froh und vergaß gänzlich , daß er jemals nach schönen Gesichtern gesehen haue und daß es solche überhaupt in der Welt gab , die Fähigkeit des Menschen erfahrend , zu jeder Zeit neu werden zu können , wenn er die letzten zarten Schranken der Dinge nirgends überwältigt und durchbrochen hat . Er fühlte diese ganze Seite des Lebens wohltuend in sich ruhen und schlummern , und je früher und stärker seine Phantasie und seine Neigungen sonst wach gewesen waren , um so kühler und unbekümmerter lebte er jetzt und glich einen langen Zeitraum hindurch an wirklicher Reinheit der Gedanken dem jüngsten und sprödesten der Gesellen . Höchstens spielten die Frauen als Gegenstand der Betrachtung und Untersuchung in den Gesprächen eine zierliche Rolle , wobei sie denn freilich , da die Erfahrung der rüstigen Meinungskraft nicht gleichkam , meistens nicht zu gerecht beurteilt wurden . So war denn auch sogar dieser Umstand schon in jener Knabenzeit vorgezeichnet , wo die jungen Zecher und Prahler zugleich die Mädchenfeinde spielten . Sollte sich nun vollends jener Abschluß der Knabenzeit , die Ausstoßung aus der Schule , als eine solche Vorzeichnung erweisen und Heinrich in der Schule des Lebens unhaltbar werden , so waren seine Aussichten nicht die rosenfarbensten , und ein Gefühl dieser Art , abgesehen von dem neulich Erlebten , gab seinem Treiben eine dunkle Grundlage . Indessen war es ihm unmöglich , aus sich herauszugehen , und da er sich unterrichtete und zugleich deutsche Luft atmete , so war es erklärlich , daß er in seiner rhetorischen Welt ein Weiser und Gerechter , ein geachteter Tonangeber war , äußerst Weises und Gerechtes dachte und sprach , ohne im mindesten etwas Gerechtes wirklich zu tun , d.h. für Gegenwart und Zukunft tätlich einzustehen . Das Ende davon war , daß er sich nach Verlauf einer guten Zeit mit noch weit bedeutenderen Schulden überhäuft sah als das erste Mal , und diesmal war er es , welcher zuerst das Schweigen brach und , da er sich durchaus zu leben und etwas zu werden getraute , seiner Mutter in einem überzeugenden und hoffnungsvollen Briefe die Notwendigkeit dartat , noch einmal eine gründliche und umfangreichere Aushilfe zu veranstalten . Es war dies weniger eine unedle und selbstsüchtige Zumutung als das ehrliche Bestreben , ehe man die fremden Menschen beeinträchtige , mit allem , was einem angehört , und also auch mit dem Gute seiner Angehörigen einzustehen und von diesen zuerst zu verlangen , volles Vertrauen in das Dasein der Ihrigen zu setzen und mit denselben zu stehen oder zu fallen . Die Mutter erschrak heftig über seinen Brief ; statt desselben hatte sie den Sohn selber bald erwartet , und jetzt schien alles wieder in Frage gestellt . Jedoch da er ja mehrere Jahre älter war , in der Fremde lebte unter soviel gescheiten Leuten , und besonders da sie erfuhr , daß er manches lerne und studiere und so doch noch von der wenig empfohlenen Künstlerei abzukommen schien , hauptsächlich aber weil in ihm der gleiche Trieb , etwas zu werden , wie im verstorbenen Vater zu leben schien und sie selbst ja sich nur als eine Vermittlung zwischen diesen beiden Gliedern betrachtete , zuletzt aber auch einzig und allein , weil das Kind dessen bedürftig war und es forderte , so traf sie unverweilt Anstalten , dem Verlangen zu genügen . Die Ersparnisse wollten aber diesmal nicht viel sagen , und sie mußte , um die angegebenen Mittel aufzubringen , eine Summe auf ihr Haus aufnehmen und eintragen lassen . Dies war nun seit langen Jahren das erste Mal , daß an ihrem kleinen Besitztum eine eingreifende Veränderung vorgenommen wurde , und zwar nicht zu dessen Vermehrung ; zudem herrschte gerade eine Geldklemme , so daß die gute Frau viele Mühe und viele saure Gänge bei Geschäftsleuten und Unterhändlern aller Art zu bestehen hatte , bis endlich das Geld in ihrem Schreibtische lag und sie dazu noch die Darleiher , welche für ihren Nutzen hinlänglich gesorgt hatten , als große Wohltäter betrachten mußte . Nur war sie aber auch so müde und eingeschüchtert , daß sie nicht vermochte , sich etwa nach einem bequemen Wechselbrief umzusehen , sondern sie wickelte das Geld in vieles starkes Papier ein , umwand es mit vielen dicken Schnüren und wandte es seufzend und unter Tränen um und um , überall das heiße Siegelwachs aufträufelnd und höchst ungeschickt siegelnd und petschierend . Dann legte sie das schwere unbeholfene Paket in ihren Strickbeutel , nahm diesen auf den Arm und schlich damit auf Seitenwegen zur Post ; denn sie wünschte um alles in der Welt nicht , daß jemand sie sähe , und zwar aus dem Grunde , weil sie , befragt , wo sie mit dem Gelde hinwolle , durchaus um eine Antwort verlegen gewesen wäre . Sie reichte , den seidenen Ridikül verschämt und zitternd abstreifend , den Pack durch das Schiebefensterchen , der Postbeamte besah die Adresse und dann die Frau , gab ihr den Empfangschein , und sie machte sich davon , als ob sie soviel Geld jemandem genommen anstatt gegeben hätte . Der linke Arm , auf welchem sie das Geld getragen , war ganz steif und ermüdet , und so kehrte sie auch körperlich angegriffen in ihre Behausung zurück und war froh , als sie dort war . Nichtsdestominder fühlte sie einen gewissen mütterlichen Stolz , als sie durch , so viele selbstzufriedene und prahlende Männer und Weiber hindurchging , welche unfehlbar ihren Gang scharf getadelt hätten und selbst eher dafür , daß sie den Knieriemen tüchtig handhabten , sich am liebsten von ihren Kindern gleich einen Erziehergehalt ausbezahlen ließen , anstatt irgend etwas Ungewöhnliches für sie zu opfern oder zu wagen . Mit Heinrich , als er das Geld empfing , begab sich jetzt etwas sehr Natürliches und doch wieder sehr Sonderbares . Er hatte seiner Mutter gerade um soviel Geld geschrieben , als seine Schulden betrugen , aus Gewissenhaftigkeit und Bescheidenheit mitten im Leichtsinn , und erst als die Summe unterwegs war , fiel ihm ein , daß er ja , wenn die Schulden bezahlt seien , abermals auf dem gleichen Punkte stehe wie vorher . Er nahm sich also vor , diesmal weltklug zu sein und , wie er es schon öfter bei anderen ganz ehrbaren Leuten gesehen , seinen Gläubigern einstweilen die Hälfte ihrer Forderungen zu tilgen , mit der anderen Hälfte aber dann gut hauszuhalten und ganz gewiß mit festem Willen den Anfang zu einem selbständigen Leben zu machen . Die Gläubiger waren alles solche , welche den entschieden und verständig angebrachten Antrag gern angenommen hätten , und auch der zweite Vorsatz war bei dem erweiterten Gesichtskreis und guten Willen keine Unmöglichkeit ; vielmehr kam es nur auf frische Lust , gute Laune und einiges Glück an , das jeder Tag bringt , wenn der Mensch nur bereit ist , es zu haschen . Als aber die Gläubiger , die diesmal sich nicht aufsuchen ließen , erschienen und sich freuten , sich auch hier nicht getäuscht zu haben in der Ehrlichkeit der Jugend , da brachte es Heinrich nicht über sich , auch nur bei einem einzigen mit seinem Vorschlag herauszurücken ; er befriedigte vielmehr einen jeden bei Heller und Pfennig , ohne zu zögern und zu seufzen , und dem letzten , welcher weniger eilig war und sich nicht sehen ließ , brachte er sein Guthaben ängstlich ins Haus beim ärgsten Regenwetter . Jetzt hatte er noch einige Taler in der Hand , welche er , ohne einen Groschen weniger auszugeben , aufbrauchte und zu Ende gehen sah . Dies geschah auch in kurzer Zeit , und eines Morgens , als er aufstand , erinnerte er sich , daß er nicht einen Pfennig mehr im Vermögen hatte . Obgleich er dies vorausgewußt , so war er doch ganz verblüfft darüber und noch , mehr , als er nun klar fühlte , daß er unmöglich jetzt von neuem borgen könne ; denn teils wußte er nun bestimmt , daß er neue Schulden nicht mehr bezahlen könne , teils widerstrebte es ihm , nach Verlauf einiger Tage abermals bei denen anzuklopfen , die er soeben befriedigt hatte , kurz , auf einmal verließ ihn alle die Herrlichkeit , Weisheit und Gewandtheit , der Schleier fiel von der dürren Lage der Dinge , und er ergab sich ganz demütig und geduldig dem Gefühle der nackten Armut . Als der Mittag kam , ging er aus in alter Gewohnheit , verbarg sich aber vor allen Bekannten ; er kehrte wieder in seine Wohnung , und als der Abend kam , war er doch höchlich verwundert , nichts gegessen zu haben an diesem Tage . Als aber der nächste Tag ebenso verlief und es ihn anfing