seinem Schweigen besonders da mit stillem Sinnen an Melanie gedacht , als die Rede auf Leidenfrost ' s Bild kam . Die Erwähnung aber , daß der Prinz Egon krank wäre , machte ihn aufmerksamer . Er gedachte der näheren Veranlassung seines Verhältnisses zu Louis Armand , den er in kurzer Zeit schätzen gelernt hatte .. Reichmeyer hatte sich gleichfalls zum Gehen gerüstet : es schlug schon lange ein Uhr ... Professor Berg kam von seinem abgeschlossenen Fenster her , um zu Tisch zu gehen ... Der lange freundliche Mann mit grauem gelocktem Haare , entblößtem Halse und altdeutschem Hausrocke sprach mit den Malern einige wohlwollende aber gleichgültige Worte , sah auch nicht nach ihren Staffeleien . Er that Dies nur bei den Schülern , die am Eingangsfenster arbeiteten , dort hielt er sich einige Augenblicke auf und stieg , mit dem Taschentuche sich die heiße Stirn trocknend , die Stiege hinauf , die zu dem Altan führte ... Auch die Schüler gingen . Heinrichson aber trat zu Leidenfrost heran und sagte : Was hat nun wol der cynische Spötter gemacht , während andere Menschen ihrem Berufe leben und die Schranken der überlieferten Ordnung in Ehren halten ? Auch Reichmeyer näherte sich . Doch vortrefflich ! rief Heinrichson mit wahrer und aufrichtiger Begeisterung und Reichmeyer , der kälter und kritischer , auch nicht frei von Neid war , mußte gleichfalls mit einstimmen und fragen : Das haben Sie in der einen Stunde gemacht ? Als nun auch Siegbert hinzutrat , wollte Leidenfrost seine Skizze mit dem Bret , auf dem sie ausgespannt war , rasch wegziehen , aber die Andern duldeten es nicht . Leidenfrost ! sagte Heinrichson ; quand même ! Das müssen Sie ausführen ! Ohne Kreide , ohne Bleistift haben Sie diese Idee so mit dem Tuschpinsel frei hingeworfen und wie gelungen ist sie ! Wie viel versprechend für ein großes Gemälde ! Erschütternd ! Wahr ! Und durchaus neu ! Ihr lobt mich nur , sagte Leidenfrost , um mich wieder in Eure Kunstspitäler zurückzukuppeln ! Ihr denkt , wenn man mich recht streichelt wegen meiner Tapferkeit , so bleib ' ich bei der Bande ! Ihr Räuber Ihr ! Er wusch sich bei dieser Gelegenheit die rauhen Hände und nothdürftig das verschrumpfte zwetschenartig getrocknete Gesicht und rüstete sich zu gehen . Siegbert , der heute bis zwei Uhr arbeiten wollte , betrachtete die Skizze , unter der Leidenfrost mit dem Pinsel geschrieben hatte : Die Ganzen und die Halben . Es war gleichfalls der Besuch des Nicodemus ; aber in Leidenfrost ' scher Auffassung . Der Entwurf bestand aus drei Gruppen . In der Mitte stiegen von einem Berge Weiber , Männer , Kinder in frommer demüthiger Haltung nieder , aber vertrauensvoll zum Himmel blickend , Palmen schwingend und mit Eifer sich Pergamente zeigend , auf denen sie nachzulesen schienen , was sie soeben über die alten Verheißungen gehört hatten . Sie kommen von Christus , den man nicht sieht , den man aber gerade Da ahnt , wo die volle Glut der Abendsonne wie eine aufgesprungene Pforte des Himmels erseheint . Auf der ganzen Gegend sollte wol Dämmerung , im Vordergrunde schon Nacht sein ; die von Christus Heimkehrenden sind wahrscheinlich hinterwärts mit der Glut der untergehenden Sonne beleuchtet ... In der zweiten Gruppe ganz in dem rechten Winkel des Papiers stehen die Pharisäer . Meist nur die Köpfe sind sichtbar . Sie warten auf die Ankunft der Christusanhänger . Echte Zeloten , boshaft und intolerant . Einige ausgestreckte Arme drohen mit Stricken und Steinen . Die offenen Bekenner der Jesuslehre werden so empfangen werden . Muthvoll und gläubig gehen sie ihrem Schicksale entgegen ... Der dritte Punkt , der unsre Aufmerksamkeit fast als das Hauptsächlichste des ganzen Bildes in Anspruch nimmt , ist Nicodemus ganz allein . Dadurch , daß er in der Tracht , besonders am Haupte , wie die intoleranten Pharisäer erscheint , erkennen wir sogleich , daß er auch zu den Schriftgelehrten gehört . Die Ruinen eines alten Tempels verbergen ihn . Durch die zerbrochenen Säulen schimmert in der künftigen Ausführung die Glut der Abendsonne . Ihn selbst umfängt schon Nacht . Mit gesenktem Haupte , fast Thränen im Blick , die rechte Hand an ' s Herz legend , die linke eine Gesetzesrolle haltend , schreitet er dahin in der Nacht , von woher die Armen und Todesmuthigen schon am Tage kamen . Weder die Pharisäer , noch die Gläubigen konnten ihn sehen , aber sein Emporsteigen läßt keinen Zweifel , daß er dahin will , von wo die scheidenden Sonnenstrahlen kommen .. Siegbert stand sinnend vor der flüchtigen nur andeutenden , aber doch selbst im möglichen Farbeneffect schon erkennbaren Skizze . Lassen Sie sich nicht irre machen , Wildungen , sagte Leidenfrost jetzt ruhig und fast weich und seinen schlichten grauleinenen Gehrock überwerfend , es ist zwar Glaube in dem Bilde , aber doch nicht der rechte , weil kein rechter Christus . Die untergehende Sonne kann allenfalls auch die Feuerreligion bedeuten , den Spinozismus oder die Hegelei . Bleiben Sie bei Ihrem Heiland und wie Sie ihn faßten . Den wollen die Menschen natürlich , den wollen sie leibhaftig sehen , seine Nägelmale fassen , die Hand in seine Wunden legen , sonst glauben sie nicht und sonst wirkt es auch nicht . Sie sagen da das Einzige , erwiderte Siegbert , was ich an dem Entwurfe ausstellen möchte , die fehlende Person Dessen , der die Wahrheit lehrt , mag es nun Christus sein oder Sokrates . Und doch vielleicht ist auch dies geheimnißvolle Ahnen schön ! Ich finde das Ganze gut und bedeutend . Welch ' ein Ausdruck läßt sich da dem frommen , freudig rückkehrenden Pilgerzuge geben ! Welche Wuth und Blutgier den Pharisäerköpfen , von denen Sie nur die Köpfe , die Hände , die Stricke und die Steine sehen lassen ! Und hier Nicodemus aufsteigend hinter den Ruinen , bedeckt mit dunklem breitblättrigem Feigenlaub . Die Füße sieht man nicht ... Fast Kniestück . Man hört ihn schleichen . Und welcher Schmerz im Antlitz ! Welche Beklemmung und welche Sehnsucht nach Wahrheit ! Ich ließ ' ihn im Gehen das Alte Testament lesen und sich vorbereiten , ob er den rechten , verheißenen Messias finden würde . Man ist versöhnt mit ihm , man zürnt ihm nicht , man ahnt , daß er einst anstatt zu den Halben , zu den Ganzen gehören wird und sich einst seines Glaubens wegen steinigen läßt ! Halten Sie inne ! rief Leidenfrost . Von Alledem steht noch nichts in der Pinselei ! Bleiben Sie bei Ihrer Auffassung ! Besonders wenn Sie , sagte Reichmeyer , um mit einem Witze seinen Abgang effectvoller zu machen , außer den gläubigen Mohrenknaben und den Bedienten auch das Kameel hinten recht fromm und bekehrt darstellen . Damit ging Reichmeyer , gefolgt von Heinrichson , der schon gelbe Glacéehandschuhe angezogen hatte ... Erbärmliche Effecthascher ! rief ihnen Leidenfrost mit verbissenem Grimme nach . Was mag Reichmeyer da wieder outrirt haben ? Damit deckte er dessen Staffelei auf . Es war noch immer das Portrait seiner Verwandten , der Frau von Reichmeyer , das er in den Spitzen , der Gewandung , den Blumen und dem Sammetüberzug des Sessels , auf dem sie saß , zierlich übermalte . Leider - sehr gut gemacht , sagte er . Es ist ärgerlich , daß man ihm nicht Eins versetzen kann . Wozu ? fiel Siegbert ein . Sein Spott ist lehrreich . Will ich mein Bildchen im Charakter des Gethsemane halten , so muß allerdings das Kameel auch fromm sein . Ich werde es ganz andächtig hinstellen . Sie sind ein guter Mensch , Wildungen ! sagte Leidenfrost und reichte ihm die Hand . Zu gut ! Zu gut ! Sehen wir uns heute ? Meine Maschinenarbeiter , besonders Alberti , Heusrück , Danebrand quälen mich , den Franzosen kennen zu lernen . Die armen Jungen sind von unsern Demokraten zu läppisch an der Nase herumgeführt worden . Sie dürsten nach Vernunft , Wahrheit und Uneigennützigkeit . Seien Sie in dieser Angelegenheit nur behutsam , bester Freund , antwortete Siegbert . Ich wünsche um Alles nicht , daß man uns misversteht . Ehe ich mich mit meinem Bruder nicht ganz verständigt habe , gehe ich auf diesem Wege nicht weiter . Heute hoff ich ihn mir in dieser Angelegenheit etwas näher zu bringen und auch Armand mit ihm bekannt zu machen . Wo sind Sie denn Abends ? Sind wir nicht zusammen , sagte Leidenfrost , so schlag ' ich in meinem Gedächtnisse nach , ob ich nicht Jemanden seit längerer Zeit vernachlässigt habe . Da wünsch ' ich , daß Sie ein Mädchen finden mögen , fiel Siegbert lächelnd ein . Ich möchte Sie wol einmal , sagte Leidenfrost kopfschüttelnd , mit einer Arbeiterfamilie bekannt machen , in die ich durch Willing ' sche Maschinenbauer eingeführt wurde . Sie würden staunen über eine weibliche heroische Natur , die an der Spitze dieses ganzen kleinen Gewühls von Kummer und kleiner Freude , von Greisen und lallenden Kindern steht . Waren Sie noch nie in den alten von der Stadt verwalteten Communal-Familienhäusern ? Niemals ... In der Brandgasse ... in dem Hause , wo die Auguste Ludmer Nr. 17 wohnt ... Wie käm ' ich dahin ... die schöne Auguste ! Die so tief gesunken ist ! Heinrichson ' s Verdienst ! Lassen Sie Das ! Was geht Das uns an ? Louise Eisold ist der Name des Mädchens , das ich meine ... Und das Sie lieben .. in einem solchen Hause ? Lieben ! Nein , Wildungen ! Ich meine , Sie kommen doch auch noch dahin , sich für die Frauen zu interessiren , ohne gleich Ihr Herz in Brand zu stecken .. Tändeln Sie mit dem armen Mädchen ? Das wäre noch schlimmer ! Louise Eisold ? Nein ! Nein ! sagte Leidenfrost fortgehend und sich Cigarren aus seinem Portefeuille hervorsuchend . Ich lasse sie in ihrem Element und beobachte nur , wie sich Das doch auch regt , doch auch bewegt , wie Das plätschert , zappelt und nach Luft schnappt , gerade wie vielleicht die schöne Gräfin d ' Azimont ! Sie werden doch bei der Werdeck , die ich Ihnen zu malen überließ , nicht sogleich auch an Liebe denken ? Ich bitte Sie , Leidenfrost .. Es ist eine schöne unternehmende Frau ... eine Polin ! Wenn Sie wüßten , sagte Siegbert fast erröthend , wie verächtlich mir die Männer sind , die bei jedem weiblichen Wesen sogleich an eine Eroberung denken ! Im Gegentheil weckt die Bekanntschaft dieser Frau mir die dringendste Neugier , gerade ihrem Manne näher zu kommen . Sie verachtet unsere politischen Zustände und haßt sie in einem Grade , daß ich nicht begreife , wie ein Offizier in ihrer Nähe sich behaupten kann ohne ein Heuchler oder Tyrann zu sein , was Major von Werdeck doch wol nicht zu sein scheint ... Woher kennen Sie diese Werdecks ? In Werdeck ' s Innerm , sagte Leidenfrost ausweichend und fast geheimnißvoll zur Erde blickend , gährt es wie in dem Herzen vieler Edlen , die in Verzweiflung gerathen , ihre bessere Überzeugung mit den Anforderungen ihrer Stellung in Einklang zu bringen . Schließen Sie sich dem Manne an , Wildungen ! Seine scharfen Züge wirken fast abstoßend auf mich ... Jede bedeutende Capacität , die handeln will , muß etwas vom Mephistopheles haben . Wir sind Alle etwas borstig und widerhaarig , die wir eine Meinung behaupten . Ich weiß wohl , wie unangenehm ich durch meine Überzeugungen wirke . Lieben kann man uns nicht . Aber Major von Werdeck wird noch einst in der Geschichte Epoche machen , wenn er nämlich auch von den Halben zu den Ganzen übergeht ! .. Adieu , Freund ! Vergessen Sie nicht Ihren Bruder zu sondiren ! Damit hatte sich Leidenfrost eine der Cigarren angezündet , seinen grauen Filzhut über den Kopf gestülpt und in ruhigem Schlendergange das Atelier verlassen ... Die Worte : Wenn er von den Halben zu den Ganzen übergeht ! hallten in dem inzwischen leer gewordenen Atelier so nach , daß Siegbert vor ihrem Widerklange fast erschrak . Es lag in Leidenfrost ' s Betonung etwas , das ihn selber traf und doch verdroß ihn der Schein des Geheimnisses , der plötzlich die ihm so liebgewordene Gestalt des talentvollen , mit sich und der Welt fast zerfallenen jungen Künstlers umschleierte . Zum ersten male sprach in ihm eine Stimme : Folge diesen dunklen Wegen nicht ohne Vorsicht ! und dennoch stand er sinnend vor der Skizze , die Leidenfrost vom Nicodemus entworfen hatte . Das schleichende , ängstliche Aufsteigen des seines Irrthums sich bewußten Pharisäers zum Tempel der Wahrheit erschütterte ihn tief ... Er sah die ganze Zeit wieder , die ganze Schwere , die auf den Gemüthern lastet , den Widerspruch zwischen der bessern Überzeugung und der irdischen Rücksicht bei Hunderttausenden ... Nicodemus ! seufzte er . Es währte lange , bis er zu seiner eigenen Staffelei zurückkehrte . Elftes Capitel Zwei Besuche Siegbert war im Atelier allein , er wollte lange arbeiten und gegen drei Uhr zu Grüns gehen , wo er den Bruder zu finden gewiß zu sein glaubte . Das behagliche Gefühl , mit dem er den Augenblicken des traulichen Beisammenseins entgegen harrte , war ein wenig gestört worden . Das Gespräch war zu aufregend , zu beunruhigend für sein innerstes Gefühl gewesen . Er hatte einen so edlen , sittlichen Takt in allen Dingen ... Man hatte wieder von Melanie gesprochen und wußte doch , daß er sie liebte . Man hatte mit der Einladung zu der vornehmen Frau von Harder so laut geprahlt . Ja selbst daß Leidenfrost , der ihm seit kurzem erst sympathischer wurde , seine eigne Kunst so blindlings verwarf und dabei so streng , ja vielleicht eitel sein konnte , ihm vor den Augen einen Stoff , den er eben behandelte , anders zu gestalten , als er ihn sich gedacht hatte , das Alles war doch für sein weiches , offnes Herz eine nagende Pein ... Als er Leidenfrost ' s Skizze betrachtete und ihre Schönheit wiederholt anerkennen mußte , ging er noch weiter und hatte sich gesagt : Wie , wenn der strenge Freund dich nur erziehen , zum Tieferen und Anschauungsreicheren zwingen wollte ? Machst du dir dein Schaffen nicht zu leicht ? Denkst du genug über Das , was zu existiren würdig ist , nach und stehst du ganz auf der titanischen Höhe der Bildung , mit der man jetzt die großen Meister schaffen sieht ? Tiefe Bekümmerniß , ja Muthlosigkeit hatte ihn überfallen , als er dieser Gedankenreihe weiter nachdachte . Es war ihm vorgekommen , als hätte er alle Theile der Kunst in seiner Hand und zu den mechanischen Fertigkeiten fehlte ihm doch noch das geistige , sie zusammenhaltende Band . In tiefster Verstimmung hatte er auf seine Skizze zurückgeblickt und siehe da ! .. plötzlich wußte er nicht , wie sie ihn doch wieder so ermuthigend , so neubelebend ansprach ... Es war der Geist der Ruhe , der in ihr waltete , eine Ruhe , die in Leidenfrost ' s Andeutungen fehlte . Jene regten auf , seine Zeichnung füllte ihn mit lindem Trost , erquickte ihn ! Die Gestalt des Heilands , die dort fehlte , übte gerade hier den Zauber der Erhebung und der wunderbarsten Stärkung . Auf ' s neue tauchte er den Pinsel in die zarten Aquarellfarben und begann mit jener eigenen gebundenen Wärme , aus der allein der Künstler und Dichter Andre Erwärmendes schaffen kann , sein bescheidenes , einfaches und sinniges Werk weiter fortzuführen . So in Gedanken , so in stilles , heiliges Schaffen war er verloren , daß er kaum aufsehen mochte , als er Jemanden an die Thür klopfen , dann eintreten hörte . Mit zaghaften , knarrenden Tritten nahte sich ein Besuch . Es war jener Franzose , den wir im Vorzimmer des Prinzen Egon gesehen hatten , Louis Armand , der Kunsttischler und Vergolder . Siegbert erschrak über Armand ' s verstörte Miene . Es war die ihm schon gewohnte und liebgewordene Erscheinung ; aber auffallend war ihm schon die äußere elegante Kleidung . Der schwarze Anzug ließ die blassen Mienen des scharfgeschnittenen Antlitzes nur noch mehr hervortreten und stand in einem sonderbaren Widerspruche zu dem lose um den Hals geschlungenen , fast vernachlässigten Tuche , dessen aufgezogene Zipfel über die Brust herabfielen , ohne daß es Armand zu bemerken schien . Tiefer Ernst lag auf seiner Stirn , Schreck in seinen verstörten , dunkeln Augen ... In Hast und Ängstlichkeit , mit der Absicht , sich keine Minute zu lang aufzuhalten , trat Armand auf die Staffeleien zu . O c ' est heureux ! sagte er und fuhr dann in langsamer Betonung , aber in gutem gewandtem , sonderbarerweise etwas polnisch accentuirtem Deutsch fort : Ich fürchtete , Sie nicht mehr zu treffen , Herr Wildungen ! Mein bester Armand ! sagte Siegbert sich umwendend . Was bringen Sie .. Sie scheinen erregt .... Was ist Ihnen ? Ich bin sehr unglücklich .. In der That ! Wie sehen Sie aus ! Setzen Sie sich , lieber Armand ! Reden Sie ! Wie ich gestern Sie verließ , erzählte Armand , fand ich den Prinzen zwar zurück von seiner Reise , aber so krank , daß ich die ganze Nacht bei ihm gewacht habe . Die Ärzte erklären seinen Zustand für den Anfang eines heftigen Nervenfiebers . Siegbert hätte an dieser Mittheilung Theil genommen , auch wenn ihm Egon seiner sonderbaren Beziehung zu einem einfachen Tischler wegen nicht liebgeworden wäre . Wie kam Das so plötzlich ? fragte er voll Theilnahme . Ein Nervenfieber ! Ein Nervenfieber ist fast so viel wie der Tod . O machen Sie sich keine trübe Vorstellung , Armand ! Wie kam Das nur ? Der Prinz hat auf seiner Reise viel erlebt , sagte Armand . Das Wiedersehen seiner Besitzungen , der Grabstätte seiner Mutter hat ihn erschüttert . Er kam schon krank nach Hause zurück . Wo ihn vielleicht noch , ergänzte Siegbert , die Nachricht von dem Eintreffen einer schönen Frau beunruhigte , der Gräfin d ' Azimont . Woher wissen Sie - fragte Armand erstaunt . Hab ' ich nicht Recht ? Er hat mit ihr in Paris gebrochen und dennoch reist sie ihm nach und wird seinen krankhaften Zustand nur noch gesteigert haben . Ich erfuhr soeben diese Verhältnisse . Allerdings ! So ist es ! Aber ich erstaune , wie Sie Dies erfahren konnten ? Lieber Freund , sagte Siegbert , das liegt in der Natur solcher Liaisons . Diese Verbindungen haben für manche Seelen , wenn sie verborgen bleiben sollen , nur den halben Reiz . Die Frauen sind es oft selbst , die ihrer natürlichen Scheu ungeachtet diese Verhältnisse mit Gewalt an das Tageslicht drängen . Wenn ich mich nur einigermaßen in dieser Dame orientire , so wird sie , wenn das Verhältniß nicht aus gegenseitigem Überdruß sich löste , ihren ehemaligen Freund jetzt so beunruhigen , daß Sie ihn vor ihr schützen müssen ... Ich erstaune , rief Armand , Sie sagen Alles , was ich selbst denke . Und deshalb muß ich eilen , zu meinem Kranken zurückzukehren . Ja ! ja ! Es thut Noth , daß ich ihn schütze , vor Allen ! Allen ! Dutzende von Menschen , die ihn bedienen wollen und nicht ein Herz , das ihn mit Entsagung liebt ! Armand erzählte hierauf in flüchtigen Umrissen Einiges von der äußeren Lage Egon ' s , wie wir sie schon kennen . Als er sein Erscheinen hier im Atelier dadurch entschuldigte , daß er von Siegberten hätte für ein längeres Verschwinden Abschied nehmen wollen , kam er auf Ackermann , durch dessen Anerbietung dem Prinzen eine so große Wohlthat geschähe und schloß mit einer Bemerkung , die Siegberten überraschte . Es ist mir ein so süßer und wohllautender Ton gewesen , sagte Armand , in den Fieberphantasieen meines kranken Egon so oft Ihren Namen zu vernehmen .. Meinen Namen ? fragte Siegbert . Wildungen ! Den Namen Ihres Bruders .. Dankmar ... Dankmar Wildungen .. Der Prinz kennt meinen Bruder ? So hat er ihn in Hohenberg kennen gelernt . Der Gedanke an Ihren Bruder beschäftigt ihn auf ' s lebhafteste . Gestern Abend war er zu ermüdet , mir Alles zu sagen , was er auf dem Herzen hatte ; das entsetzlichste Kopfweh peinigte ihn und in dem Ausbruch aller der Symptome , die auf seine schnell entstandene Krankheit deuteten , konnte von einer Verständigung nicht mehr die Rede sein . Nur einmal , heute vor einigen Stunden , als ich ihm die Anerbietungen jenes Herrn Ackermann vorzuschlagen wagte , trat ein lichter Moment ein , indem er deutlich den Namen Ihres Bruders als den bezeichnete , der ihm Ackermann schon genannt und empfohlen hätte , sonst erwähnt ' er ihn in seinen Phantasieen bald als einen Gefangenen , spricht von einem Kerker , von Eisenstäben , erwähnt ein Bild und ruft : Da ! Da ! Verbergt es ! Mit einem Worte , es foltern ihn die verwickeltsten Erlebnisse . Gern hört ' ich , daß Ihr Herr Bruder beruhigende Aufklärungen gäbe . Wie leicht wär ' es dann , irgend etwas so auszuführen , daß er in seinen schmerzenfreien lichten Augenblicken davon einen lindernden Trost hätte ! Siegbert versprach möglichst darin das Seinige zu thun . Louis Armand schied von ihm , nachdem er noch die Versicherung erhalten hatte , Siegbert würde in der Wallstraße Nr. 14 bei dem Tischler Märtens die Gründe angeben , warum er vielleicht auf lange Zeit von seiner Wohnung keinen Gebrauch machen könne . Aber Ihr Geschäft , Armand ? Märtens soll die Bestellungen annehmen . Ausführen kann ich jetzt nichts . Egon bedarf eines Freundes .. ich verlasse sein Bett nicht .. es ist mir , als müßte ein Cherub niederschweben , um ihn zu beschützen . Sie sind dieser Himmelsbote , Armand ! sagte Siegbert und klopfte dem jungen Handwerker auf die Schulter . Tragen Sie mir alle Ihre Wünsche auf ! Leidenfrost wollte Sie bei den Arbeitern einführen . Man sehnt sich nach Ihren Belehrungen .. O , o ! lehnte der junge Mann mit Bescheidenheit ab . Man ist gespannt auf Sie ! Überall , Armand , wo man Wahrheit und keine Vorspiegelung der Phantasie will . Aber Sie werden nicht zu lange fern bleiben ! Befehlen Sie über mich ! Haben Sie irgend noch einen Wunsch ? Louis Armand stand eine Weile träumerisch und hielt in den Schritten ein , die beide junge Männer während dieser Worte schon an die Thür des Ateliers gerichtet hatten . Endlich sagte er mit einem angenehmen Lächeln und mit halblauter Stimme : Bestellen Sie , ich bitte , ein freundliches Wort einem kleinen guten Mädchen , das bei Märtens , dem Tischler , wohnt . Sie heißt Franchette oder Franziska . Es ist eine bescheidene Blume , die zwischen Felsen auf hartem Stein wächst , eine jener unbeschützten Seelen , die nur durch den Thau des Himmels gedeihen . Vielleicht finden Sie einmal Muße , mir dies kleine Gedicht , das ich auf dies liebe Mädchen entwarf , in deutsche Verse zu übertragen . Ich fühle mich doch nicht stark genug in Ihrer Sprache , mich im Reim zu versuchen und Franziska würde meine französischen Verse selbst dann nicht verstehen , wenn ich sie ihr übersetzte . Siegbert nahm dem bewegten Armand ein Blättchen Papier ab , das er ihm fast zitternd überreichte . Ich will es versuchen , sagte Siegbert . Ein Scherz über diese Mittheilung , eine Neckerei über Armand ' s liebende Galanterie lag ihm ganz fern . Es war ihm etwas Heiliges , da so einfach und still in das Innere eines andern Menschen blicken zu dürfen ... Meine größte Sorge , sagte Armand , indem ihn Siegbert an die Thür begleitete , ist jetzt das Schicksal meines armen Egon ! Ich glaube Ihnen Beweise gegeben zu haben , daß ich die Menschen nur nach ihrem wahren Werthe schätze , aber auf Egon fällt mir noch ein reineres Licht als das der Freiheit von seinem Stande . Ich überschätze auch seinen menschlichen Werth nicht . Ich habe leider Ursache , ein gewisses Schwanken seines Charakters als eine gefährliche Klippe zu bezeichnen und kann wohl sagen , daß ich ihn mir ganz gewonnen habe nur durch den Schmerz ! Wenn wir uns näher stehen werden , Herr Wildungen , wenn Sie nicht ermüden , einen Mann meines geringen Berufes enger an sich zu ziehen , so werden Sie erfahren , welches das schmerzliche Band ist , das mich in dem fernen Frankreich an einen jungen vornehmen deutschen Herrn fesseln sollte ! Ich hätte ihn nie lieben können , wenn nicht ein schöner Enthusiasmus für das Große und Erhabene in ihm gelebt hätte und er war so weise , so gerecht , daß er suchte das Große und Erhabene auch im Niedrigen zu finden . Er vermißte Menschen , aber er fand sie . Er hat sie dann verloren und hat sie wieder gewonnen .. Es gab Tage , wo ich ihm mochte den Dolch in ' s Herz stoßen und es gab andere , wo ich mußte .. küssen - seine Hände ... Mag ihn der Himmel uns erhalten , mir und Ihnen ; denn ich hoffe viel von seinem Geiste auch für die gute Sache Ihres Volkes , für uns Alle . Die Thränen standen Louis Armand in den Augen , als er diese Worte halbgebrochen und nicht so zusammenhängend , wie wir sie wiedergaben , stammelte . Siegbert war selbst so ergriffen , daß er nichts zu antworten vermochte , sondern stumm und still von Louis Armand Abschied nahm . Schüchtern und bescheiden wie er gekommen war , verließ Louis Armand das Atelier . Siegbert sah ihm nach und kehrte langsam zu seiner Staffelei zurück . Er konnte nicht arbeiten ... Berg ' s Diener , der die Aufsicht über die Räumlichkeit hatte , kam , um sie zu schließen . Siegbert bat , ihm die Schlüssel dazulassen . Er würde noch eine Weile verharren und ihm dann das Schließeramt abnehmen ; er möchte gehen und seiner Mittagsruhe pflegen . Wie Siegbert allein war , entfaltete er sogleich das Blatt , um die französischen Verse zu lesen . Sie gestalteten sich ihm rascher , als er geglaubt hatte , zu einem deutschen Gedichte . Doch mußte er sich sagen , daß in diesen Versen ein gewisser für deutsche Verhältnisse fast zu greller , fast schneidend scharfer Hauch wehte ... Er konnte begreifen , daß man nur in Paris einer jungen Handwerkerin so eigenthümlich huldigen könne und doch gestand er sich , es wäre schon gut , wenn auch die deutschen Arbeiter und Arbeiterinnen auf dieser Höhe edlerer Empfänglichkeit und Charakterstärke sich hielten ... Er wußte jetzt , was ihn eigentlich an Louis Armand fesselte . Er selbst , doch ein Künstler von höherer , selbst gelehrter Bildung , nahm an diesem Handwerker Interesse , nicht weil ihm seine socialistische Theorie gefiel und er seine Träumereien von einer veränderten Gesellschaftsverfassung vollkommen billigen konnte ... ihn zog das düstere , ernste Wesen , die charakterfeste Persönlichkeit Armand ' s an und noch jedesmal , daß er mit ihm zusammentraf , nahm er einen neuen lebendigen Eindruck mit hinweg . So jetzt den , daß Armand auch dichtete ! Louis Armand brachte aber in seinem mit den Worten : Fille du peuple , pauvre mendiante ! anfangenden Ne pleurez pas ! überschriebenen Gedicht der Fränz Heunisch etwa folgende sonderbare , halb ironische , halb wehmüthige und für deutsche Handwerkerbildung völlig unpassende Huldigung : Weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Der Unschuld Krone trägt dein schönes Haupt , Und wenn ein Reicher ihr Geschmeide raubt , Bist du nicht arm .. Was thut ' s ? Sei klug ! Nur weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Ein Pfaffe ladet dich zum Beichtstuhl ein .. Geh hin ! Er küßt dich ! Im Marienschein Bist du nicht arm .. Sei klug und fromm ! Nur weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bist nicht arm , was auch dein Elend spricht ! Die Nachbarin läßt ihre Truhe auf .... Greif zu ! ... Zum Bagno geht dein Lebenslauf ; Und wenn zum Tod .... Was thut ' s ? Nur stolz ! Nur weine nicht ! Des Volkes Tochter , arme Bettlerin ! Du bebst zurück ? Du liebst die Tugend noch ? Sieh da ! Du kannst die Perlen fallen sehn Auf ' s Kleid der Braut , das deine Finger nähn ! Bist reich ! Bist reich ! - O Gott .... nun weinst .... nun weinst du doch ! So ungefähr dachte sich Siegbert die Übertragung dieses epigrammatisch endenden wilden Liedes und verfiel dabei auf den Gedanken , ob wol einer deutschen Nähterin ein solches Gedicht wirklich gefallen könnte , ob sie nicht vorziehen würde , sich denn doch in schmeichelhafteren Klängen besungen zu sehen und ob nicht die süße Phrase in Deutschland so regiere , daß sie selbst in den untersten Regionen das frische Gefühl und die wirklichen , nackten Thatsachen überpinselte ... Er nahm sich ernstlich vor , Armand zu warnen , mit einem solchen Gedichte bei uns die Gunst eines Mädchens aus dem Volke erobern zu wollen ! Unfähig zu arbeiten und doch noch in der Kühle des Ateliers die Stunde abwartend , wo er mit dem Bruder zusammenzutreffen gedachte , nahm er das Wasser , das in verschiedenen antikgeformten gebrannten Krügen , weniger für die Erquickung als die Reinigung der Maler dastand und begoß die Blumen , die hier und