wieder der Haide entgegen auf einem Wege , der sich in der Richtung nach Boberstein im kristallbehangenen Dickicht verlor . Drittes Kapitel . Die Weberin . An dem nämlichen Tage erhielt Graf Adalbert von seinem Bruder ein inhaltreiches Schreiben . Dieses Schreiben lautete wörtlich , wie folgt : » Mein theurer Bruder . Seit acht Tagen hat sich unsere Familie vermehrt . Wir sind nämlich jetzt der Brüder Boberstein vier und möglicherweise finden sich in Kurzem noch einige bisher unbekannte Geschwister zu uns , angelockt von dem reichen Erbe , das wir besitzen . Du wirst mich vollkommen verstehen , wenn ich Dir mittheile , daß in der That ein wilder Sprößling unsers hochseligen Herrn Vaters gerichtlich aufgefunden worden ist . Mem Sachwalter hehauptet , es fehle nicht ein Jota zur vollkommensten Beglaubigung der Aechtheit des neu entdeckten Boberstein , und zuckt bedenklich die Achseln , wenn ich ihn frage , wessen Wagschale steigen , wessen fallen werde ? Ich gestehe , lieber Bruder , daß mich diese widerwärtige Angelegenheit , je länger sie sich hinzieht , desto gleichgiltiger macht . Der Besitzende bleibt doch immer im Recht , unser Grafenthum kann man uns nicht nehmen , wir sind außerdem legitim im Besitz der Güter unseres Vaters und wenn bei so bewandten Umständen überhaupt etwas für uns Nachtheiliges erzielt werden sollte , so kann es sich schließlich doch blos um eine Abfindungssumme handeln . Unter jetzigen prosperirenden Verhältnissen können wir uns gern dazu verstehen . Will außerdem die Gerechtigkeitsliebe des Staates noch ein Uebriges thun und unsern frisch ausgegrabenen Bruder in den Grafen- oder Freiherrnstand erheben , so können wir dabei ruhig zusehen . Es gibt eben eine neue Linie Boberstein , von der die ursprünglichen , von dem Glanze ihres erlauchten Namens durchdrungenen Erben des alten Geschlechtes schwerlich Notiz nehmen werden . Aber nicht wahr , Du bist begierig zu hören , wer denn unser Bruder ist ? Wo er lebt ? Wie er sich im Leben nimmt ? Was er treibt und besitzt ? - Nun , das ist ein wahrhaft kostbarer Spaß , ein Spaß , wie ihn kein Hofnarr zur Zeit , wo diese göttlichen Witz- und Possenreisser an fürstlichen Hoflagern noch Sitte waren , besser hätte erfinden können ! Du erinnerst Dich doch des Spectakels , von dem ich Dir bei Deinem letzten Besuche Einiges erzählte . Damals bezeichnete ich Dir den Fabrikarbeiter Martell als den gefährlichsten Menschen unter all ' meinen Knechten . Und gerade dieser ungebildete , wüste , leidenschaftliche Bengel ist unser älterer Herr Bruder ! Als ehrlicher Mann gestehe ich , daß mich diese Entdeckung unangenehm berührt hat , blos deshalb , weil ich jetzt selbst an die Aechtheit seiner Geburt glaube . Der Mensch steht unserm Herrn Papa zum Erschrecken ähnlich , wenn ihn die Leidenschaft erregt ; und gerade diese Aehnlichkeit ärgert mich , denn sie compromittirt uns . Deshalb habe ich auch meine bereits früher gehegten und entworfenen Pläne der Ausführung behutsam näher geschoben . Besser ist es doch , unser Geschlecht allein zu repräsentiren , als immer und ewig von einem zottigen Hungerleider angebellt zu werden , dessen man sich eben so zu schämen , als ihn zu fürchten hat . Mir scheint daher , der von Dir gebilligte Vorschlag sei jetzt mit Energie aufzunehmen und mit Schlauheit auszuführen . Deiner Zustimmung gewiß habe ich nicht angestanden , schon vor der anmuthigen Entdeckung des neuen Bruders Anstalten zu treffen und es ist mir gelungen , em überaus taugliches Individuum dazu aufzufinden . Noch heut oder morgen werde ich persönlich mit diesem Helfer in der Noth zusammenkommen und Alles mündlich abmachen . Vorsicht ist nöthig bei solchen Angelegenheiten und mir wenigstens soll die Welt nicht nachsagen können , daß ich bei allem Speculalionsgeiste doch den eigentlichen Kern und die Blüthe des Glückes - List und Verschlagenheit - nicht besessen hätte . Mein Befinden ist wieder ganz erträglich . Die reine scharfe Winterluft hat mich wunderbar gekräftigt . Bis zum Frühjahr denk ' ich gesunder als je zu sein und was dann etwa noch fehlt , wollen wir zusammen im Seebade von Ostende oder Dieppe nachholen . Uebrigens kann ich Dir die tröstliche Versicherung geben , daß ich mein System consequent durchgeführt habe . Man kann viel erreichen , wenn man klug ist und die Neigungen und Leidenschaften derer zu benutzen weiß , die uns dienstbar geworden sind . So habe ich es mit meinen Arbeitern gemacht , die dabei gutmüthig in dem Wahne bleiben , ich sei auf dem besten Wege mich in Folge ihrer mir zu Ohren gekommenen Klagen für sie aufzuopfern ! Freilich geben sich nicht Alle diesem kindlichen Glauben hin , aber doch bei weitem die Meisten . Und das Alles , weil ich ihnen kürzlich doppelten Lohn auszahlen ließ ! Ist das nicht amusant ? Beweist das nicht , daß derjenige menschlich genommen immer im Recht ist , der in Wahrheit vielleicht das größte Unrecht begeht ? Haben es die Eroberer und Despoten alter und neuer Zeit etwa anders gemacht ? Und lebt ihr Name nicht hochgepriesen in der Geschichte fort von Jahrhundert zu Jahrhundert ? Du mußt nur siegen , um groß und unsterblich zu werden , siegen ohne Unterbrechung , und es ist vollkommen gleichgiltig , ob Du als ein Solon oder als ein Caligula die Welt in Erstaunen setzest ! Daß man Lust zu solchen Siegen erhält , ist sehr natürlich , wenn man längere Zeit unter so heruntergekommenem Volke lebt . Ich weiß in der That nicht , ob ich diese Menschen mehr beklagen oder verachten soll , denn wer sie so sieht , in Schmutz und geistige Dumpfheit gleich tief versunken , dem ist es zu verzeihen , wenn er sich urplötzlich auf dem ärgerlichen Gedanken ertappt , es möchten diese prädestinirten Unglücksphysiognomieen wohl nicht Geschöpfe seines Gleichen sein ! - Ich kann nicht läugnen , daß ich mich selbst einigemale auf dieser aristokratischen Gedankensünde überrascht habe ganz wider Willen . Nehmen wir aber an , es bestünde wirklich ein geheimer Unterschied zwischen hoch und niedrig Geborenen , was , ich frage Dich , was könnte es dann nutzen , wenn wir uns fruchtlos abmühten , ein von Urfang an minder begabtes , geistiger Entwickelung unfähigeres Geschlecht zu uns heraufzuheben ? Kannst Du Dichter , Künstler , Fürsten bilden ? Nein , sie alle werden geboren ! - Wenn dem aber so ist , woran kein Vernünftiger zweifeln kann , dann muß ich sehr bitten , mich mit allen philantropischen Ideen zur Heraufbildung der Menschheit auf gleiche Höhe der Anschauung und Entwickelung mit uns zufrieden zu lassen . Dann bleibe Staub , was Staub ist , und jegliche Creatur begnüge sich mit dem , was ihr Gott in seiner unergründlichen Weisheit zugetheilt hat ! Ich hoffe , wir verstehen uns und wandeln Hand in Hand unserm großen Ziele entgegen . Laß mich wissen , in wiefern Deine Bemühungen gleichen Erfolg gehabt haben ! - Noch eine Sorge hat sich in diesen Tagen zu den übrigen gesellt . Meme Haushälterin ist aus meinen Diensten gegangen . Das stört mich mehr , als die hundert und aber hundert Verwünschungen meiner ohnmächtigen Arbeiter . Ich muß fast verhungern , so schlecht wird Alles zubereitet ! Solltest Du eine passende Person wissen - wohl zu merken : sie muß jung , hübsch und heiteren Temperamentes sein - so setze mich davon in Kenntniß . Meiner liebenswürdigen Frau Schwägerin die ehrfurchtsvollsten Grüße ! Adrian . « Auf diesen Brief , den Adalbert mit großer Seelenruhe las , ging Tages darauf folgendes Antwortschreiben an Adrian ab . » Mein lieber Bruder . Die Empfindungen , welche mir das Lesen Deines interessanten , liebevollen Briefes erregte , kann ich nur mit dem unbeschreiblich wohlthuenden Gefühle vergleichen , das unsern Körper nach genommenem Dampfbade durchrieselt . Ich befinde mich ganz à mon aise , äußerst behaglich , befriedigt in jeder Weise und nicht im mindesten aufgelegt , mich künstlich zu melancholisiren , wie dies jetzt in der aristokratischen Welt wohl einigermaßen Mode zu werden beginnt . Für dieses Wohlbefinden bin ich Dir dankbar ergeben , theurer Bruder , und drücke Dir par distance die Hand . Deine Mittheilungen anlangend , so wüßte ich nicht , was ich darauf zu erwiedern hätte , es müßte denn das sublimste Lob sein . Da ich nun aber weiß , daß Du nicht diese plebeje Art von Ehrgeiz besitzest , die nach faustdickem Lobspruche giert , so halte ich an mich und werfe Dir nur einige bescheidene , fein lächelnde Winke zu . Du bist ein Kenner und weißt den haut goût geistigen Genusses zu schätzen . Eins aber muß ich doch tadeln ! Du hast vergessen , mir eine Beschreibung zu liefern von dem Grafen in der Zwillichhose und Kattunjacke ! Wie konntest Du so meinen Geschmack verkennen und mich eines Genrebildes berauben , wie es wahrscheinlich vor Deinen Augen nicht zum zweiten Male auftaucht ? Du kennst meine romantischen Liebhabereien , meinen Enthusiasmus für die Niederländer , mem Schwärmen für Künstler , die es sich angelegen sein lassen , mit sicherem Pinsel die Zerrissen- und Zerfahrenheiten des Lebens im eigentlichen Sinne des Worts auf die Leinwand zu zaubern ! Gestehe ich ' s immerhin , daß vielleicht grade dieser capriciöse Hang mich zu Deinem treuesten Bundesgenossen macht . Etwas und zwar nicht ganz wenig , trägt er bei , Deinem Systeme zu huldigen ! - Es ist so schwer in unserer unkünstlerischen , nur auf grob Materielles gerichteten Zeit , gute Kunstwerke zu erhalten . An Künstlern , die sich so nennen , fehlt es freilich nicht , solche aber , die es wirklich sind , in deren Producten man Seele , sprossendes Leben , zündenden Geist findet , solche wollen mit hundert Laternen gesucht sein . Da unterhält es mich denn ungemein und bildet mein Urtheil , wie meinen Kunstsinn zu einiger Meisterschaft aus , wenn ich künstlich ein Leben um mich her entstehen lasse , das mir , bisweilen allerdings etwas zu naturgetreu , jene Genrebilder aus den niedrigen und gemeinen Lebenskreisen unmittelbar vor ' s Auge führt . Um dasselbe besser aus der Ferne genießen zu können und mir einen wirklichen Kunstgenuß , also zugleich Bild und Leben , zu verschaffen , habe ich mir von meiner letzten Reise nach England einen vortrefflichen Dollond mitgebracht , der sehr weit trägt , die Gegengenstände außerordentlich rein und scharf und mit zauberischer Klarheit festhält . Mit diesem bewaffnet bringe ich Stundenlang an den Fenstern meines Schlosses zu und schwelge in den Genüssen , die er mir aus der dumpfen Gemeinheit des in Schmutz und Schande sich wälzenden Volkes zuträgt . Größeren Reiz im Genuß und dauerndere Befriedigung daran habe ich noch auf keiner Bildergallerie gehabt ; meine Art , das Leben in der Kunst zu goutiren und auch vom Schmutz und Elend die unsichtbare Schicht feinsten Aroms , die sie umwebt , mit Behagen einzuschlürfen , ist die vorzüglichste und wird gewiß fashionable , wenn ich einmal in die Laune komme , die vertrauten Freunde zu verrathen ! Aus diesen Andeutungen kannst Du entnehmen , daß ich keineswegs müssig gewesen bin . Meine Macht wächst täglich , der Unterthan neigt sich gehorsam vor mir und ist sehr zufrieden , wenn ich ihm nicht das Ohr kneipe . Ich herrsche vollkommen unumschränkt über Bauern und Weber . Es gibt fast kein Haus mehr in den nächsten drei Dörfern , das mir nicht angehört , und ich halte sehr streng auf pünktliche Zinszahlung ! Enfin ich bin sehr zufrieden ! Uebrigens sind meine Leute friedlicher gesinnt , als Deine Fabrikarbeiter . Hier denkt Niemand an Empörung oder gar an Petition . Gott Lob , der Landmann und der bloße Lohnweber gehören noch der alten Zeit an , die sich mit Lesen nicht viel abgab ! Vortrefflich arbeiten auch meine Pastoren uns in die Hände , und ich danke Gott wirklich , daß er mich so kostbare Wahlen hat treffen lassen . Es sind musterhaft gute , fromme , mir treu ergebene Herren , diese beiden Pastoren , aber Theologen vom Scheitel zur Zeh ! Aber auch blos Theologen , sag ' ich Dir ! Sie halten mit eifersüchtigen Blicken auf Befolgung des geschriebenen Wortes . Was geschrieben steht , steht geschrieben ! heißt ihr Gott , ihr Glaube , ihre Seligkeit ! Du kannst Dir vorstellen , was sich mit solchen gelehrten Büffeln anfangen läßt ! Sie wollen nichts hören von Volksaufklärung , was ich nur billigen muß , und verleiden meinen Bauern und Webern alle Zeitungen und Bücher durch ihr fanatisches Eifern gegen die Presse . Ihnen ist Alles schlecht und verdammenswerth , was nicht in der Vulgata und etwa in einer geistlosen Postille steht . Kann ich etwas Besseres thun , als diese Ehrenmänner in ihrem Amtseifer unterstützen und bestärken ? Während sie meine Unterthanen geistlich und selig machen , bringen sie ihnen den herrlichen Glauben bei , daß irdisches Glück und Wohlsein dem Himmel abwendig mache und Niemand zukomme , als den Auserwählten ! Unter diese gehören natürlich die Herren und alle Obrigkeiten , und ich bin gar nicht böse , daß meine sehr untheologische Ueberzeugung trotzdem Allem mit dieser banalen Theologie vortrefflich harmonirt ! Gesteh ' es , lieber Bruder , daß ich Glück habe ! Was Andere in einem ganzen Leben voll Mühen nicht erreichen , das fällt mir von selbst in den Schooß . Es erfolgt , was ich wünsche , nur dadurch , daß ich es wünsche . Höchstens gehe ich meinen guten Seelsorger um ein passendes Kirchengebet oder eine eindringliche Predigt an . Und nun sage Einer noch , daß die Interpretation des Lebens wie der Bücher nicht die Hauptsache sei ! Daß man nicht Alles in das liebe Leben hinein- und auch wieder aus ihm herauserklären kann , wenn es nöthig ist ! Viel Glück zu der beabsichtigten Unterredung ! Führt sie zum Ziele , so geb ' ich ihr meinen Segen ! Nur sei jetzt doppelt vorsichtig ! Wenn Du es doch so einrichten könntest , daß Martell einen Ort besuchte , in deren Nähe sich die Cholera gezeigt oder schon einige Opfer gefordert hat ! Sollte sich das nicht thun lassen ? Glück , Schicksal und Teufel pflegen alle drei auf ein Ausstrecken des kleinen Fingers zu warten . Darauf muß man achten ! Eine Haushälterin brauchst Du ? Hm , es ist fatal , daß wir mit Aurel so übel stehen ! Der gute lebenslustige Bruder hat ein paar hübsche Mädchen als Dienerinnen für Herta bei sich , die sehr gut erzogen sein sollen , wie ich in Erfahrung gebracht habe . Auf Umwegen ließe sich die eine oder andere doch vielleicht gewinnen ! Ich werde mich erkundigen lassen und Dir später Antwort geben . Meine Frau erwiedert Deine ehrfurchtsvollen Grüsse sehr angelegentlich . Ganz Dein Adalbert « Der vornehme Herr übertrieb in seiner Schilderung durchaus nicht . Die Lage seiner Unterthanen war erbarmungswürdig , war es vorzugsweise durch Adalberts kalte und eiserne Consequenz . Wie immer , wo kluge Verderbtheit und kühler Verstand herrschen , der minder begabte gutmüthige Mensch sich gutwillig gängeln läßt , so verstand auch Adrian die Schwächen derer zu mißbrauchen , die zum Wohlthun ihr Leben anwenden sollten . Ohne daß die Kurzsichtigen es ahnten , trugen sie zur Vermehrung der Unwissenheit bei , welche in der Masse des Volkes herrschte , und leisteten willenlos und unabsichtlich dem Elende Vorschub , während sie des Paradies auf Erden auszubreiten glaubten . Ein treues Bild der allgemeinen Noth , die bei Adalberts Unterthanen eingerissen war und an deren entsetzlichen Ausbrüchen sein Auge sich weidete , gewährte der Hausstand unsers alten Bekannten Leberecht . Der Mangel hatte ihn vor Weihnachten in die traurige Nothwendigkeit versetzt , sein Haus verkaufen zu müssen . Er bot es anfangs einer Menge Bekannten an , allein diese waren theils fast in derselben Lage , theils besaßen sie auch nicht so viel , um selbst einen billigen Kauf eingehen zu können . Und Leberecht brauchte Geld , Geld um jeden Preis ! So blieb ihm zuletzt nichts übrig , als sein Haus an Adalbert selbst für einen Spottpreis abzutreten , unter der Bedingung , es bis zu seinem Tode ungestört bewohnen zu dürfen und ein paar Aecker in Pacht zu erhalten . Nun saß der arme bejahrte Mann , der sich sein ganzes Leben lang geplagt hatte , um sich ein paar Thaler auf seine alten Tage zusammen zu sparen , verlassen da , und mußte wieder anfangen , für kargen Lohn Tagarbeiterdienste zu thun ! Mit Dreschflegel und Schüttegabel auf der Schulter ging er alle Morgen vor Sonnenaufgang eine volle halbe Stunde über Feld , oft in schauerlichem Stöberwetter , oder bei einem Kältegrade , der das Blut in den Adern gerinnen machte , um in zugiger Scheune mit leerem Magen bis in die sinkende Nacht hinein zu dreschen ! Und für so schwere Arbeit ward noch dazu kein Pfennig Geld verabreicht ! Die Arbeiter erhielten Korn , je nach dem Belieben des Herrn bald aller acht , bald auch aller vierzehn Tage ! In dieses Korn , das für ein ausgegedroschenes Schock aus einem Viertelscheffel dresdner Maß bestand , hatten sich sämmtliche Drescher zu theilen . Kamen nun auf Leberecht einige Metzen , so mußte er sich diesen schwer verdienten Lohn nicht nur selbst den weiten Weg bei Nacht und Sturm nach Hause tragen , er hatte auch außerdem noch die Mühe , entweder das Getreide in Geld zu verwandeln , oder es mahlen zu lassen , um das tägliche Brod davon zu gewinnen . Hatte er nicht Zeit oder konnte er die Nächte nicht opfern , um in die Mühle zu wandern und es selbst aufzuschütten , so zog auch der Müller noch sein bescheiden oder unbescheiden Theil ab , und was zu guter Letzt übrigblieb , glich nur noch einem Almosen ! Maria und Eduard , ihr Sohn , führten kein beneidenswertheres Leben . Sie schafften von früh vier Uhr bis häufig nach Mitternacht hinter ihren Webstühlen und mußten in dieser Zeit mehr als sechzigtausendmal die Trittbreter niedertreten , um ihren täglichen Arbeitsziel zu fertigen ! Aus Sparsamkeit brannten sie nur eine einzige Lampe , die zwischen beiden Stühlen in der Mitte hing und ihren trüben Lichtschein gar spärlich auf die graublauen Köper fallen ließ , die Mutter und Sohn webten . Nur langer Gewohnheit war es möglich , bei dieser unvollkommenen Beleuchtung jeden zerrissenen Faden im dunkeln Gewebe sogleich zu entdecken und wieder auszuknüpfen ; die Augen der unermüdlich fleißigen Weber aber litten darunter . Sie fingen an zu brennen , entzündeten sich später , wozu am Tage noch der blendend weiße Schnee beitrug auf dem die Sonne funkelte , und wurden , namentlich bei Marieen , immer röther und trüber . Schon zu Weihnachten vermochte sie kaum noch das Gewebe zu erkennen , sie mußte sich ganz auf ihr Gefühl verlassen . Schlichten konnte sie gar nicht mehr , weil sie dabei den etwa reissenden Faden nicht bemerkt und beim Fortarbeiten das ganze Gewebe verdorben haben würde . Leberecht und Eduard redeten der armen Frau wiederholt zu , sie solle sich eine Zeit lang schonen , sich ausruhen und pfegen und einen Arzt befragen , Marie aber achtete nicht auf ihre Bitten . Sie kannte den Mangel , die Noth am besten und sah wohl voraus , daß zwei feiernde Hände diese zu einem Grade vermehren würden , aus dem Rettung nicht mehr denkbar sei . Darum arbeitete sie unverdrossen Tag und Nacht fort , ohne zu murren , noch zu klagen ! Ein frisches Krautblatt , das sie unter ihr Kopftuch band , so daß es kühlend über das Auge berabhing , war die einzige einfache Medicin , der sie sich bediente . Oft beschlich die beiden rastlosen Weber der Schlaf . Konnten sie sich gar nicht mehr retten , so gestattete sich Mutter und Sohn abwechselnd einen kurzen viertelstündlichen Schlummer , damit sie der Mattigkeit nicht zu lange oder wohl gar die ganze Nacht erlagen . Traf nun Eduard die Reihe des Wachens , so strengte er alle seine Kräfte an , um durch schnelleres Arbeiten wo möglich den Verulst an Zeit wieder einigermaßen auszugleichen . Oder er stand wohl auch auf , wenn er die Mutter fest schlafend wußte , schlich sich an ihren Webstuhl , hinter dem die sehr gealterte , abgemagerte Frau nickend saß , die Arme frostig über die Brust verschlungen , und träufelte behutsam ein wohlthuendes Augenwasser auf ihre Lider , das er sich zu verschaffen gewußt und von dem er sich viel versprach , da es nicht allein ihm selbst gute Dienste geleistet , sondern auch Marieen einige Linderung brachte , seit er es ihr heimlich im Schlafe auf die entzündeten Lider goß . Schade , daß Adalberts Dollond nicht bis in diese Hütte darbender und arbeitender Armuth dringen konnte ! Vielleicht hätte eine einzige Nacht , inmitten dieses zärtlichen Sohnes und dieser schlummernden Mutter verlebt , ihm sein Vergnügen an jenen Genrebildern vergällt , die er über Alles liebte ! Aber Adalbert sah nur die Noth vom Licht der Sonne vergoldet , und diese verliert an Schauerlichkeit , an erschütternder Kraft gegen jene bleichen kalten Nachtgemälde gehalten , die im Silberrahmen des Mondlichtes geisterhaft glänzen ! - Der starke Schneefall und die häufigen anhaltenden Stürme , welche gegen Ende November , namentlich im Gebirge , sich einstellten , erschwerten die Communication zwischen entfernt liegengenden Ortschaften so sehr , daß Wochen vergingen , bevor aus weiterer Ferne Nachrichten einliefen . Unsere Freunde auf dem Zeiselhofe unterrichteten Leberecht und seine Familie von dem , was ihnen in Bezug auf die Bobersteinische Angelegenheit zu wissen nöthig war , durch die wöchentlichen Boten , die zwischen den einzelnen Dörfern hin und wieder gehen . Dadurch blieben die Abgeschiedenen ziemlich im Zusammenhange . Nur während des ganzen Decembers und auch in der ersten Hälfte des Januars trat eine Unterbrechung ein , so daß Leberecht seit mehr als fünf Wochen nichts mehr von Sloboda und dem Maulwurffänger gehört hatte . Die eigene Noth im Hause , die schwere und gefahrdrohende Augenkrankheit Marieens ließ den sorgenvollen Mann auch wirklich eine Zeit lang den schwebenden Prozeß vergessen oder doch mehr und mehr im Hintergrund seiner Erinnerung verschwinden . Da kam Leberecht eines Abends - es war am Tage vor Pauli Bekehrung - in großer Aufregung nach Hause . In der Hast des Eintretens hätte er beinahe Marie umgerannt , deren Augen so schlimm geworden waren , daß sie kein Licht mehr vertragen konnte , ohne vor Schmerz laut aufzuschreien , und die nun mit festverbundenem Kopf tappend in der kleinen engen Stube umherschlich . » Weißt Du ' s , Maria , und Du , Eduard , was in der Haide passirt ist ? « Eduard hielt die Lade an und legte das kreuzförmige Schnellholz , woran das Weberschiffchen mittelst Bindfaden befestigt ist , auf die Werfte . » Ich bin nicht hinter ' m Stuhle vorgekommen , Vater , und an ' s Fenster hat auch kein Nachbar gepocht - woher soll ' ich ' was Neues erfahren haben ? « » Was gibt ' s denn ? « fragte Marie , auf der Ofenbank Platz nehmend und den schmerzenden Kopf in beide Hände nehmend . » Paul Sloboda hat seine Schwester gefunden ! « sagte Leberecht . » Die ganze Haide ist lebendig geworden von dem Aufruf , denn es hat in den Blättern gestanden ! Die Advocaten , heißt ' s , sollen vor dem blauäugigen Jungen die Mützen ziehen bis an die Erde , denn es ist ausgemacht , daß er nun Graf wird und die Schwester Gräfin , und daß sie allesammt , der alte Jan nicht ausgenommen , in prächtigen Palästen wohnen werden . « » Wenn ' s nur Grund hat , Vater ! « warf Eduard ein . » Der Lügenkrämer laufen heut ' zu Tage gar zu viele herum , und nachher hat ' s wieder Menschen , die sich eine Lust draus machen , ehrliche Leute anzuführen . « » Warum wird ' s nicht ! « erwiederte etwas ärgerlich Leberecht . » Der erste Bote hat die Nachricht von Pink-Heinrich selber , und der weiß , was er red ' t , sonst macht er lieber die Zähne nicht auseinander . Wir aber , Marie , Eduard , wir wollen Gott danken , daß es dahin gekommen ist , denn nun gehen wir gewiß und wahrhaftig besseren Zeiten entgegen ! « » Wer ' s erlebt ! « seufzte Marie , den schmerzenden Kopf immer in leise schwingender Bewegung haltend . » Nur nicht verzagt ! « ermahnte Leberecht die Kranke . » Es ist mit der Noth wie mit Zahnschmerzen . Auf einmal , wenn ' s recht entsetzlich gezogen und gestochen hat , hört ' s von selber auf und man fühlt sich wie neu belebt . So wird ' s uns gehen , gebt acht ! Das Elend hat sein Thun aus , wie wir sagen , und kein Unglück kann uns mehr ' was anhaben . Schon die bloße Nachricht hat mich neu gestärkt und frisch belebt , und da Morgen Pauli Bekehrung ist und unser katholischer Herr da nicht dreschen läßt , will ich mich flugs aufmachen und ein paar Stunden weit laufen , um genauere Kundschaft einzuziehen . « » O Jesus Christus ! « wimmerte Marie . » Was hast Du , Mutter ? « fragte Leberecht und setzte sich neben sie , behutsam seinen Arm um die vor Schmerz Zitternde legend . » Mir ist ' s , als sollten mir die Augen aus dem Kopfe springen ! Nimm mir das Tuch ab - es brennt mich wie glühende Kohlen . « Leberecht entfernte die Binde und nahm die brennend heißen Leinwandflecken von den entzündeten Augen . Marie preßte die Lider fest zusammen , erst nach einiger Zeit versuchte sie aufzublicken . » Noch im Finstern ? « sagte sie verwundert . » Ich dächte doch , Eduard hätte gewirkt und sich zuvor Feuer angeschlagen . « » Die Lampe brennt , Mutter ! « » Wo denn ? « » Mein Gott , keine drei Schritte von Dir ! Das Tuch hat Dich gedrückt . « » Blinzle ein paar Mal , « sagte Leberecht , » das wird helfen . « Marie drückte die schmerzenden Augen wieder fest zu und blickte dann mit weit aufgerissenen Lidern um sich . » Nicht wahr , nun ist ' s besser , armeTaube ? « » Es ist noch immer finster . « » Die Lampe , Eduard ! Geschwind die Lampe ! « Der erschrockene Sohn sprang mit dem helllohenden Docht heran . Leberecht riß sie ihm aus der Hand und hielt sie dicht vor Marien ' s Augen . Sie waren ganz trocken und ein dicker grauer Schleier überzog die Pupillen . » Siehst Du jetzt ? « » Nacht , nichts als Nacht ! « » Barmherziger Gott ! « schrie Leberecht und ließ die Lampe fallen , daß der brennende Docht einige Garnflocken erfaßte , die Funken glimmend über die Stube his unter die Webstühle liefen und in wenigen Augenblicken die Werften in helle Flammen setzten . » Also blind ! « jammerte Marie . » Blind geworden von der nächtlichen Arbeit , bei der wir doch fast verhungert sind . « » Feuer ! Die Stühle brennen ! « schrie Eduard , der die aufschlagenden Flammen zuerst gewahrte . In der Angst stürzte er sich mit Ungestüm auf die Gewebe , schlug mit beiden Händen in die Flammen , um sie zu dämpfen , verschaffte ihnen aber dadurch nur noch mehr Nahrung . Er fühlte nicht , daß er sich furchtbar verbrannte , daß ihm die Haare auf dem Kopfe abfengten und die leckende Flamme schon durch die Fensterritze an den Wänden hinaufschlug . » Es ist keine Rettung , « sprach Leberecht in verzweifelter Ruhe . » Laß brennen , was mag ! Komm , hilf uns die blinde Mutter retten ! « Eduard vermochte aber vor Schmerz keine Hand mehr zu rühren . Er stieß nur die Thür auf , um den Vater mit der theuern Last hinaus zu lassen . Dann stürzte er nach in ' s Freie und warf sich heulend in den kalten flimmernden Schnee . Die Glocken stürmten , die Nachbarn eilten zum Löschen herbei , aber Niemand , Niemand geedachte im Moment der Bestürzung der Unglücklichen ! Auf der Schwelle des Nachbarhauses saß Leberecht und starrte in die Flammen seines gewesenen Hauses . Auf seinem Schooße hielt er die erblindete Marie , die mit den entzündeten trüben Sternen in die kalte Nacht lautlos hineinstierte . Zu ihren Füßen krümmte sich Eduard in wildem Schmerz , die verbrannten Hände in seinen Thränen badend . Viertes Kapitel . Das Complott . Zwölf Tage vor diesem traurigen Ereignisse , das wir des Zusammenhangs wegen schon jetzt unsern Lesern mitzutheilen für schicklich hielten , und einen Tag später , als Adrian an seinen Bruder Adalbert schrieb , flog ein einzelner Schlitten durch die öde , erstarrte Haide . Der Lenker , ein stattlicher Mann mit blassem Gesicht und dünnem braunen Haar , trug starke Fuchshandschuhe und war in einen kostbaren mit feinem Zobel verbrämten Bärenpelz gehüllt . Hinter ihm auf der Pritsche , die Füße in Pelzstiefeln steckend und ebenfalls hinlänglich gegen die Kälte verwahrt , saß der Kutscher oder Bediente oder was der Mann sonst etwa noch vorstellen mochte . Der einsame Schlitten glitt bisweilen über kleine Lichtungen , auf welchen Stangen mit Tafeln standen , an denen man das Wort » Schonung « las . Diese Tafeln waren numerirt . » Darauf gib Acht , Jean ! « sagte der Mann im Schlitten , auf die Stange mit der Tafel zeigend . » Schreib Dir die Nummer auf , damit Du Dich später nicht verirrst ! « Jean nickte mit dem Kopfe , zog ein Taschenbuch hervor und notirte sich die Nummerzahl des Pfahles mit der