nicht zweifeln dürfe , ihr Vater würde dies gemißbilligt haben ; es würde ihn beleidigen , seine Tochter Rechten nachjagen zu sehen , von denen er verwiesen ward . Emmy hörte ihr still und sinnend zu . Sie überlegte in ihrem Geiste , ob Fennimor , die in Blick und Ton zu ihr redete , auch so gedacht haben würde ; und als Fennimors andächtiges Pflichtgefühl gegen ihren Vater vor ihr auftauchte , seufzte sie und schwieg , und ein breiter Schatten von Schwermuth deckte ihr erregtes Antlitz . Da erfaßte Elmerice den Augenblick , der armen , aufs Neue gekränkten Freundin Fennimors ihre eigene Geschichte mitzutheilen ; und von dem tiefen und verstehenden Gefühle der Alten hingerissen , von der wunderbaren Situation , die sie fast der Welt entrückt zu haben schien , sicher gemacht , ward ihre Hingebung bei dieser Mittheilung vollständiger , als sie es für möglich gehalten . Wir können uns dies jugendliche , von Weisheit und Liebe geschützte Leben aus den Mittheilungen an die Gräfin d ' Aubaine hinreichend vergegenwärtigen und finden uns erst als Zuhörer ein , wo die Erzählung Gegenstände berührt , denen die Gräfin d ' Aubaine nicht nachzufragen wagte . » Nur ich , Emmy , « sagte Elmerice , ihre Erzählung fortsetzend - » nur ich habe das ruhige , ungekränkte Leben , das dieser herrliche Vater führte , ein Mal durch meine Schuld unterbrochen ; und doch war ich ahnungslos , daß ich ihn kränken würde , und vielleicht jetzt erst begreife ich die ungewöhnliche Strenge , mit der er mir entgegen trat . Denn , wenn Reginald mein Vater war , wie viel Grund hatte er dann , jede Verbindung mit einer stolzen französischen Familie zu hassen und von mir abzuhalten ! - Auf dem Schlosse Leithmorin « - fuhr sie mit bewegter Stimme fort - » beständig von Gästen des In- und Auslandes belebt , befand sich einige Monate lang ein junger französischer Edelmann , der erst nur dem Lord Duncan , mit dem seine Familie befreundet war , einen Besuch machen wollte ; später - glaube ich - ward ich Veranlassung , daß seine Abreise sich verzögerte . Meine jungen Freunde , die Kinder des Lord Duncan , sahen mich wie eine Schwester an ; ich gehörte zu ihren Beschäftigungen , wie zu ihren Vergnügungen , wir theilten Alles ; und ich sah daher den jungen Mann täglich . Emmy , ich kann mir nicht zürnen , daß ich seine Vorzüge anerkannte ! Er besaß so viel ausgezeichnete Tugenden , er wußte so Viel , er war so kindlich und gut , so heiter - so heiter , Emmy - bis er von Lord Duncan die gänzliche Abweisung meines Vaters erfuhr . Ich weiß nicht , aber ich glaube fast , sein tadelloses Wesen - und daß Lord Duncan ihn wie einen Sohn liebte , hatten mich glauben lassen , die Bewerbung des jungen Mannes werde von meinem Vater günstig aufgenommen werden . Wir waren sicher geworden in dieser Hoffnung - und auch ich , Emmy , war damals glücklicher , als jemals später ! Dieser Erklärung aber folgte eine schwere , leidenvolle Zeit . Mein Vater war in einem Grade davon erschüttert , daß er mehrere Tage das Zimmer nicht verließ , und meine Mutter Tag und Nacht an seiner Seite wachte . Später bekam Lord Duncan Zutritt . Ach , Emmy , mich wollte er erst gar nicht sehen ! Aber der Gedanke seines Zornes hatte so auf mich gewirkt , daß meine arme Mutter meiner Verzweiflung nicht mehr Einhalt thun konnte ; und als sie meinen Zustand dem Vater enthüllte , ließ er mich augenblicklich zu sich rufen . Nie werde ich diese Unterredung vergessen ! Als er mich so verändert , so aufgelöst in Schmerz , so trostlos bei dem Gedanken sah , ihn gekränkt zu haben , dachte er zuerst nur daran , mir Muth einzusprechen , mich seiner Liebe zu versichern , mich - und selbst den Jüngling , der um mich warb , schuldlos an dem Schmerze zu erklären , den er empfand . Dann , als ich in seiner Liebe wieder auflebte und zur Besinnung kam , machte er mich mit den Hindernissen bekannt , die unvermeidlich zwischen uns ständen . Emmy , es waren Gründe , die denselben Boden hatten , wie das Elend , das Du in Deiner Erzählung vor mir ausgebreitet hast ! Er schilderte mir die Vorurtheile der Stände , wie ich sie bis dahin nicht geahnet , und weckte meinen Stolz und mein Ehrgefühl , indem er mir die nie endende Geringschätzung vorhielt , die ich in einer solchen Familie und in ihrem ganzen Gesellschaftskreise würde erleiden müssen , weil mich Alle durch meine geringere Geburt für unberechtigt halten würden , zu ihnen zu gehören ; und wie das entwürdigteste Mitglied jener Kreise , das wir als ausgestoßen ansähen und mit unserer Verachtung bezeichneten , dennoch von Allen geduldeter sein und ihnen berechtigter erscheinen würde , als meine Stellung , wenn ich sie auch durch jeden äußeren und inneren Vorzug rechtfertigte . Er sagte mir , daß mich mein Gatte nicht dagegen zu schützen vermöchte ; daß die mitleidigen Duldungs-Beweise in so schicklichen Grenzen gehalten sein würden , daß mir das Herz daran erstarren , mein Gatte in ohnmächtigem Zorne darüber vergehen könne , ohne daß ihm aus den leisen Beleidigungen das Recht erwachsen werde , Genugthuung zu fordern . Er war überzeugt , daß keine Liebe , auf diese Bedingungen hin , in den höheren Ständen dauern werde , da er von der Macht des schlechten Beispiels eine sehr traurige Vorstellung hatte . Lord Duncan hörte das Ende dieses Gespräches und versuchte , meinem Vater mildere Ansichten einzuflößen . Es gelang ihm nicht ! O Duncan , Duncan , rief er - von Dir diese Worte ! Von Dir , der Du mein ganzes Schicksal kennst - der Du weißt , daß ich Wahrheit sage - Du redest einem Jünglinge aus dieser Familie das Wort , die ich fast angelobt habe zu verachten ! Sie werden Deine Elmerice mit Freude unter sich aufnehmen , rief der gute Lord , wenn Du nur auch etwas nachgebender sein wolltest ! Ach , rief mein Vater - und nie sah ich ihn heftiger - ihnen gilt Nichts höher , als ihre Geburtsrechte ; sie haben kein wahres , inneres , sittliches Bedürfniß ! So lange die Sittenlosigkeit noch von einem leidlichen Deckmantel usurpirter , gesellschaftlicher Haltung und Vorzüge überkleidet ist , bleibt ihnen das ehrloseste Individuum , trotz dem , daß sie von seinem Gehalte unterrichtet sind , eine eben so höflich gehandhabte Figur , als die Tugend selbst es fordern könnte . Der Schein ist ' s , was sie wollen , worauf sie halten ; er bildet den Korporationsgeist , der sie durch einander sich schützen läßt und sie namentlich gegen das Richtschwert des Urtheils verbindet , das sich aus jenen geringeren Ständen erheben könnte und ihr falsches , leeres Treiben mit dem rechten Namen nennen ! « » O Emmy , « rief Elmerice - » diese Worte sind , wie diese ganze Unterredung , in mich eingegraben ; denn sie entschieden das Schicksal meines ganzen Lebens ! Ich gelobte eine feierliche Verzichtleistung und trennte mich in Gegenwart des Lord Duncan von dem Manne , der mich liebte , und den ich gelobte , als einen Fremden anzusehen ! « - Wenn Emmy achtzehn Jahr gezählt hätte , wäre ihr Antheil , ihr Mitgefühl nicht inniger zu denken gewesen ; sie blickte so bang , so liebevoll bang in die bewegten Züge der Erzählerin , daß diese sich ihr laut schluchzend in die Arme warf und Alles , was sie erlitten und so tief in sich verschlossen , auszuweinen wagte . » O , mein armes , armes Kind ! « seufzte Emmy ; - » und doch glaube mir , Dein Vater war ein weiser Mann - und ich zweifle nicht , es war mein Reginald - der Sohn meiner Fennimor ; - er hat Dich vor einem gleichen Elende bewahrt , wie meine Fennimor traf . O , « sagte sie mit einem rührenden Ausdrucke von Liebe - » könnte ich Dich doch trösten ! Wollte Gott , Du wärest nicht mehr unglücklich , weil dies Elend von Dir abgewendet ist ! Richte Dich auf - fasse Muth - und sage mir , wie das Buch meiner Fennimor , das ich vollständig wiedererkenne , Dir von Deinem Vater gegeben ward ; ob er Dir Nichts sagte , was noch näher seinen Zusammenhang damit bezeichnete ? - Er gab es mir an dem Tage , wo ich von einem katholischen Geistlichen in den Schooß der Kirche aufgenommen ward . Er sagte mir , es sei ihm das heilige Vermächtniß seiner geliebten Mutter , die er nicht gekannt habe ; er bat mich , den Inhalt zur Richtschnur meines Lebens zu machen , wie er daraus Trost und Belehrung geschöpft habe zu allen Zeiten . Dann zeigte er mit dem Finger hieher und sagte mit großer Bewegung : dies ist der Name Deiner unglücklichen Großmutter ! « - » O , « rief Emmy hier - » was zweifeln wir noch ? Du bist sicher und gewiß die Tochter meines Reginald , und Eton war der Name , den er annahm ! Wenn nun Margarith Lester , die Freundin von Ellen , Deine Mutter war , so wird es gewiß , daß er zu dem Bruder seiner Mutter , zu Herrn Lester floh , als ihn dies treulose Land verbannte , und nach einigen Jahren , als er die jüngste Tochter seines Oheims geheirathet hatte , sich nach Schottland zu Lord Duncan begab , der seit langer Zeit die innigste Freundschaft für ihn zeigte . « Wir werden die Ueberzeugung beider Frauen , die an dem Schlusse dieses Gespräches sich in ihnen befestigte , nicht tadeln können , da sich die Wahrscheinlichkeit dafür bei dem Austausch ihrer Berichte so bedeutend vermehrt hatte . Mit einem stolzen Triumph sah Emmy nun auf Elmerice , die sie träumte , in ihre Rechte eingesetzt zu haben , mit Verachtung der ganzen übrigen Welt . Wie sie dabei das Bedürfniß ihres jugendlichen , dem Leben noch gehörenden Lieblings verkannte , müssen wir ihr billig nachsehen , wenn wir denken , daß sie kaum je ein anderes Leben , als das der tiefsten Einsamkeit , gekannt hatte ; und was sie Leben nannte , sich ihr nur als eine Pflanzschule der Verbrechen zeigte , aus der Elmerice errettet zu haben , ihr ein dankenswerthes Verdienst um sie schien . Auch erfuhr sie bei ihrer ausschließenden Besitznahme durch Elmerice keinen Widerspruch . - Wenn unser Herz den eben bezeichneten Kummer erleidet , scheint es uns nicht schwer , von dem übrigen Leben Abschied zu nehmen , mit dessen , uns als werthvoll aufgenöthigten , Gütern wir in einen traurigen Widerspruch gerathen , den die Einsamkeit uns dagegen schonend verhüllt . War doch die von ihren Eltern ihr angewiesene Heimat selbst kein beruhigender Aufenthalt mehr , und dagegen dieser jetzt aufgefundene , wunderbare Ruhepunkt wie geschaffen , sie und ihren Kummer auf immer der Welt zu entziehen . Dies schrieb sie auch ihrer geliebten Marie Duncan und forderte sie auf , ihren Vater zu seiner Einwilligung in diesen Lebensplan zu bewegen . Von da an faßte sie ihre ganze Lage mit der Liebe gegen einen dauernden Besitz auf , und theilte bald die rührende Schwärmerei Emmy ' s , die die ganze Vergangenheit zurückzurufen trachtete , und in krankhafter Aufregung sich über Gegenwart und Zukunft immer mehr verwirrte . Elmerice hatte ihren Bitten nachgegeben und , uneingedenk des Modewechsels , ihre eignen Kleider mit den Prachtkleidern vertauscht , welche aus Fennimor ' s Garderobe , von Emmy gehegt und gepflegt , als ihr rechtmäßiges Erbtheil ihr von derselben übergeben waren . Als sie zuerst in einem schweren Seidenstoffe von gewässertem Moor , mit Spangen von reichen Steinen auf Schultern und Brust befestigt , vor Emmy dastand , sank diese vor ihr , wie vor einer himmlischen Erscheinung , nieder und dankte Gott in einem lauten , feurigen Gebete für die Gnade , ihr göttliches Kind , ihre Fennimor noch einmal vor Augen zu sehen . » Ach , « sagte Elmerice - » ist es denn wirklich wahr , daß ich dieser schönen Fennimor so ähnlich sehe ? Wüßtest Du , wie ich meine ganze Liebe zu Dir aufrufen mußte , um die Kleider anzulegen , die von dem herrlichsten Wesen der Erde in der kurzen Zeit ihres Glückes getragen wurden , Du würdest meine Beschämung begreifen , die mich fürchten läßt , ihren heiligen Schatten damit beleidigt zu haben . « » Fürchte das nicht , mein Engel , « sagte Emmy - » sie würde Dich selbst damit schmücken - sie würde Dich mit Ueberzeugung für ihre geliebte Nachkommin erklärt haben ! Aber auch Du sollst nicht länger in Zweifel bleiben , daß sie Dein Ebenbild ist ; - und da Du zufällig einen Anzug gewählt hast , in dem Lesüeur sie gemalt hat , so sollst Du mein heiligstes Heiligthum , den Eudoxien-Thurm sehen , worin ich ihr Bild aufgestellt habe , an dem Platze , mo sie stets mit ihrem Harfion saß . - Dann wirst Du sehen , daß Du selbst aus dem Bilde hervortrittst - dann wirst Du mir , ohne Dir Vorwürfe zu machen , das Glück gönnen , Dich ganz so zu sehen , wie sie ehemals vor mir stand . « » O , « rief Elmerice - » vergieb mir meine Zaghaftigkeit und denke von meiner Liebe zu Dir nicht geringer ; ich will Dir glauben und von jetzt an Dir folgen . « » Vielleicht nur noch kurze Zeit , « sagte Emmy ernst , - » und Fennimor gönnt mir dies Glück - und segnet Dich dafür ! « Wir verlassen hier auf einige Zeit diesen Schauplatz des wunderbarsten Phantasielebens und kehren in den gegenüberliegenden Theil des Schlosses ein , das heitere Treiben der jungen Personen verfolgend , die hier dem Leben , so Viel an ihnen lag , allen Reiz abzufordern trachteten . Indem wir uns jedoch die Eigenthümlichkeit der Hauptpersonen zurückrufen , werden wir eingestehen müssen , daß der frohe , heitere Lebenssinn des Marquis d ' Anville und seiner jungen Gemahlin doch gerade deshalb so überströmend hervortrat , weil in ihnen ein sicherer Grund von ernstem Gefühle lag , und eine durch Grundsätze befestigte Karakterbildung . Wir dürfen daher erwarten , daß die Geschichte des Grafen Leonin , mit der wir uns beschäftigt haben , und die der junge Marquis so vorzutragen wußte , daß ihr Hauptinhalt durch die leichtere Form der Erzählung nicht geschwächt ward , einen ernsten Hintergrund in den Herzen seiner Zuhörer zurückließ , und das übersprudelnde Leben jugendlicher Heiterkeit dadurch leise eingedämmt erschien . Leonce hatte nicht nöthig , an sein System des Maaßes zu erinnern ; vielleicht war aber das Maaß der Liebenswürdigkeit gerade dadurch in beiden Frauen erfüllt . An dem letzten Abende , als der Marquis seine Erzählung mit dem spurlosen Verschwinden Reginald ' s schloß , und die Gesellschaft nach einigen Worten , die ihre Erschütterung ausdrückten , sich früher , als gewöhnlich , getrennt hatte , öffnete sich einige Zeit später die Thür zu dem Zimmer des Marquis d ' Anville , und seine junge Gemahlin trat mit der ihr stets bleibenden , anmuthigen Schüchternheit einer Jungfrau ein . Aber ihr liebliches Angesicht war so bleich , wie ihr weißes Nachtkleid ; und als ihr der Marquis liebevoll entgegeneilte , fiel sie ihm in die Arme und weinte die ganze erfahrene Gemüthsbewegung , wie ein Kind an dem Busen der Mutter , in den Armen ihres Gemahls aus . » Armand , « sagte sie , nachdem sie den rührenden Ausdruck ihrer Gefühle in etwas beherrscht hatte - » versprich mir , daß wir nicht Besitzer werden wollen von dieser traurigen Erbschaft ; daß wir alle unsere Kräfte , alle unsere Verbindungen , alle unsere Mittel noch ein Mal in Bewegung setzen wollen , jenen armen , gekränkten Reginald oder seine Erben zu entdecken ! « » Du sprichst aus meiner Seele ! « rief der Marquis , sie an seine Brust drückend - » die Zeit hatte den Eindruck in mir gemäßiget ; die Fruchtlosigkeit meiner Nachforschungen hatte mich endlich damit abschließen lassen ; fast hätte ich jetzt das Provisorium über diese Güter aufgehoben und mich zum Erben erklärt ; aber indem ich Euch jetzt Alles erzählte , stieg , aufs neue belebt , die ganze Gewalt dieser großen Verschuldung in mir auf , und unmöglich schien es mir seit den letzten Tagen , hier wirklich als rechtmäßiger Besitzer aufzutreten und damit fast in die verwerfliche Bahn einzulenken , die unser armer Oheim verführt ward , zu betreten . « » Das stand auf Deiner Stirn , Armand , « sagte Lucile , ihre Thränen völlig trocknend . » Auch kam ich nicht in der Meinung , ich könne Dir das Rechte erst durch meine Bitten entdecken helfen . Ich wollte - ich hatte den Austausch unserer Gedanken so nöthig ; mein Herz will mir zerspringen , wenn ich an das Schicksal dieser Fennimor denke - dieses unglücklichen Reginald . - Ich habe ein Gefühl , als könne diese wunde Stelle in unserer Brust - dieser Flecken auf unserem Wappenschilde nicht eher verschwinden , als bis wir dies Erbe den rechtmäßigen Besitzern übergeben haben . « » Sieh ' hier , Lucile ! « rief der Marquis jetzt , und zog sie gegen den Schreibtisch ; - » und möge dieser Brief , den ich noch heute Abend zu beschließen denke , Dir eine ruhigere Nacht bereiten und Deine Träume mit der großmüthigen Hoffnung füllen , daß Du Reginald wieder findest und ihm die reichste Erbschaft des Landes ausliefern kannst . « Lucile hörte in freudiger Bewegung , als Armand sie in einen Lehnstuhl gesetzt hatte , was er seit ihrer Trennung geschrieben : » An Lord Duncan-Leithmorin . « » Euer Herrlichkeit haben wiederholte und dringende Aufforderungen zur Mitwirkung meiner jahrelangen Bemühungen , um die Auffindung Ihres Freundes Reginald de Ste . Roche , stets unbeantwortet gelassen ; und ich habe lange geglaubt , daß meine Briefe an Euer Gnaden verloren gingen , oder Ihre möglichen , längeren Abwesenheiten von Leithmorin sie nicht in Ihre Hände lieferten . Obwol meine Nachforschungen dadurch nicht gänzlich gehemmt wurden , und ich sie in allen Richtungen fortsetzen ließ , knüpfte ich doch immer im Geheimen meine größte Hoffnung an Sie , als dessen Freund ; - und - erlauben Sie mir , es hinzuzusetzen - ich verdiente von Euer Herrlichkeit eine weniger mißtrauische Aufnahme ! « » Sollten meine Hoffnungen , daß dieser , mein unglücklicher Verwandter sich nach England flüchtete und in Ihrer Nähe lebt , oder Sie Kenntniß seines Aufenthaltes haben , sich erfüllen , so fordere ich Sie im Namen der Menschheit auf , Ihr ungerechtes Mißtrauen gegen mich aufzugeben und mir beizustehen , um eine späte , aber immer gleich heilige Gerechtigkeit gegen meinen unglücklichen , verfolgten Verwandten ausüben zu können . Ich bin in Ste . Roche und werde hier Ihre Antwort abwarten , indem ich mich der Couriere bediene , diesen Brief in Ihre Hände zu liefern . « - Lucile erhob sich mit einem unaussprechlichen Ausdrucke von Stille und Verehrung in ihren Zügen . Sie beugte sich ein wenig gegen ihren Gemahl vor - sie öffnete die Lippen , als wollte sie reden - dann schwieg sie schüchtern , küßte sanft seine hohe , helle Stirn und sagte endlich ganz leise : » Armand , ich liebe Dich ! « » Lucile ! « rief er entzückt , als habe er es zuerst gehört - und vielleicht hatte das erste Mal sein Herz nicht mit höherer , andächtigerer Wonne erfüllt ! » Meine theure Lucile , « rief Leonce am anderen Morgen , als man sich in dem kleinen Burggarten , der an der anderen Seite des Schlosses und an den jetzt bewohnten Gemächern lag , zum Frühstücke versammelt hatte - » ich muß um Gnade bitten ; denn ich bin auf Ihre Unkosten liebenswürdig gewesen . « » Ich glaube , das ist am Ende eine von Ihren seltenen und dann superfeinen Galanterien , « rief Lucile . » In welchem Reichthume von Liebenswürdigkeit müssen wir uns befinden , wenn Sie darauf Gebrauchsanweisungen schreiben ; - und nicht allein die Quantität , sondern die Qualität muß es außerdem sein , die sie an Ihren eigenen Schätzen vorübergehen läßt . Ah , Armand , wir sind mit Deinem Bruder zufrieden ! « » Dann gebe nur Gott , daß Sie es auch bleiben , « lachte Leonce ; - » denn Ihre Gunst hat mich noch nie länger , als eine Sekunde vor dem Anfange unserer diversen Unterhandlungen beglückt . « - » Aber Sie , mein theurer Widersacher , unterließen auch stets , Ihre Unterhandlungen , wie heute , mit einer einflußreichen , kleinen Schmeichelei zu beginnen ! Selten fühle ich mich daher so sanft , so hingebend , so geneigt , Alles allerliebst zu finden , was Euer Liebden in weiser Herablassung geneigt sein werden , vorzutragen . « » Nun , mich dispensire nur vom Zuhören ! « rief Margot und stand mit zwei luftigen Springen auf dem Rande einer alten , marmornen Treppe , die terrassenartig in den Wald führte , der dem Burggarten gegenüber lag . » Nein , « rief Leonce und setzte der flüchtigen Gestalt eben so gewandt nach - » Sie dürfen nicht entwischen ; denn auch Sie sind bei meiner Verhandlung mit Lucile eben so betheiligt , wie diese ; ich habe auch Ihre Gnade in Anspruch zu nehmen . « » Gott , was ist geschehen ? « rief Margot , mit erheucheltem Erschrecken ; - » wie tief muß Leonce sich verschuldet haben , wenn er sogar meine Gnade gebraucht ! Ha , Armand , kommen Sie zu unserm Schutze herbei ; - er hat uns an Räuber verkauft - ihn gereut eine Verschwörung , die er angezettelt - ich fürchte Alles ! das Schrecklichste , Entsetzlichste , Abscheulichste , da er meine Gnade anruft ! « » O , « rief Leonce , mit ein wenig dreister Heiterkeit Margot in die Augen blickend ; » was gäbe ich darum , wenn ich wüßte , ob Sie mich um das , was ich gethan , abscheulich und entsetzlich finden werden ! « » Hier ist immer Einer unartiger , wie der Andere ! « rief Armand , sehr ergötzt durch seine jungen Freunde . » Wen soll ich hier schützen ? Meine Ritterpflichten kommen ins Gedränge , wo die Natur ihre Rollen gewechselt zu haben scheint . Die Damen sind offenbar die Stärkeren , und Leonce sieht aus , als wolle er unterliegen . « » Ja gewiß , « rief Lucile - » hier ist Niemand artig , als ich allein , was Du wahrscheinlich vorher zu bemerken vergaßest . Es ist ein schweres Geschäft , so große , so widerspenstige Kinder in Ordnung zu halten ; aber ich muß mich daran geben , denn , kommt Margot so zu ihrer Mutter zurück , wird die gute Gräfin d ' Aubaine glauben , ich habe meine ganze Solidität verloren , und man wird bedenken , ob man vorsichtig genug in der Wahl meines Gatten war . « Armand nahm hier die leichte , weiße Hand gefangen , die während dieser mit Pathos gehaltenen Rede beschäftigt war , die verschiedenen Gegenstände des Frühstückes , welche das reich besetzte Tischchen bedeckten , in Umlauf zu bringen . » Und am Ende , « sagte er , sie küssend - » schickst Du mich fort , damit Deine Erziehung nicht durch schlechtes Beispiel leidet . « » Und am Ende , « wiederholte sie , im Begriffe zu scherzen ; aber gegen ihren mit Ehrfurcht geliebten Gatten leicht in dem Tone der Neckerei aufgehalten , brach sie plötzlich ab und rief : » ich fange mein strenges Regiment mit Ihnen an , Leonce - ich erkläre Ihre Chokolade noch zu heiß , um sie jetzt schon hinunterzustürzen ; - sie wird sich warm halten bis Sie uns endlich vertraut haben , was wir Ihnen aufs neue vergeben müssen . « » Ach , « rief Leonce - » denken Sie weniger an mich - obwol ich dieses herrliche Waldhuhn gern erst zerlegt hätte ; aber gönnen Sie unserer armen , kleinen Margot das stille Vergnügen , ohne Gemüthsbewegung den zarten Brei von Erdbeeren , Brod und Milch und einigen zwanzig , kleinen Zuthaten dieser vor ihr aufgepflanzten Büchsen , zu verspeisen - dann fange ich an - sogleich ! sogleich ! « Das göttliche Vorrecht der Jugend , über Nichts zu lachen , ergriff Alle , bis auf die Verspottete . Sie war mit ihrer gewöhnlichen Diät junger Mädchen , die vor Fleisch und dessen Erscheinungen , wie vor den Gebräuchen wilder Völker , zurückbeben und ihren kleinen , heißen Magen unter der engen Schnürbrust mit Milch , Obst und Confituren baden , ein immerwährender Gegenstand für Leonce ' s Spöttereien und führte nicht selten , um ihm zu trotzen , auf ihrem Teller die wunderlichsten Gesellschaften sich widerstreitender Nahrungsmittel zusammen . Nachdem der angenehme , kleine Lachschauer vorüber war , erklärte Margot , diese neue , grausame Spötterei habe ihr gänzlich ihre schöne Morgenspeise verleidet ; Leonce könne daher anfangen , wenn anders seine wilden Gebräuche , die unschuldigen Thiere des Waldes zu verschlingen , ihm dazu Raum gäben . » Ach ja , « rief Leonce - » es sei so ! Denn ehe die Beklommenheit des Herzens nicht aufgehört hat , eher wird der Segen eines guten Frühstücks nicht an mir in Erfüllung gehen . Ich habe einen Freund , « rief er mit Pathos und zog einen Brief hervor . » Wie ich zu diesem Glücke kam , wird vielleicht nicht besonders schmeichelhaft für meine Eitelkeit sein . Jetzt ist vors Erste unsere Verbindung die allerfeurigste der Welt - wo ich nicht bin , ist ihm die Erde eine erkaltete Leiche , ein ausgebrannter Krater - mein Athem belebt den seinigen - mein Auge ist der Stern , der ihm die Nacht des Lebens erhellt - mein Lächeln ist der Sonnenschein , der alle Keime seines Wesens grünend und blühend hervorruft - der Ton meiner Stimme ist die Melodie , die er wiederklingen fühlt durch alle Saiten seiner Brust - meine Gedanken ergänzen die seinigen - meine Neigungen passen zu seinem Karakter - mein Herz , so weich , so kühl dabei , wie Sie es alle kennen , stärkt und erquickt das seinige , was leidenschaftlich von besonderem Feuer belebt wird - ach , ich muß inne halten ! Wo gäbe es eine Sprache , um eine Leidenschaft zu bezeichnen , die nach langer , spröder Dürre , plötzlich dem gefundenen Ideal gegenüber , in ihrer vollen Stärke hervorbricht . « - Ein lautes Gelächter aller seiner Zuhörer unterbrach hier den muthwilligen Spötter , und nur mit Mühe unterdrückte er seine Neigung , darin einzustimmen . » Ach , « fuhr er fort - » findet denn Nichts hier Anklang , was , aus der Welt der Ideale hernieder gestiegen , Glauben verlangt an ein höheres Bedürfniß ? Sind diese Wunder der Seelenverwandtschaft , die keinen höheren Nachweis fordern , als ihr geisterhaftes Erscheinen vor uns - sind sie Ihnen denn alle fremd ? - Lucile , gefühlvolle Gattin - und Ehrendame der Königin , hat Ihr Herz nie diesen Takt geschlagen ? - Armand , Kämmerer des Reichs - Marquis aus den Zeiten Arthur ' s und der Tafelrunde - ging die Welt der Seligkeit , die in einem Dir ganz gehörenden Freunde schon Homer ' s und Pindar ' s Gesänge verherrlichen , an Dir ungekannt vorüber ? - Und Sie , Margot - voll Jugend und Unschuld - eine schöne Knospe , um die alle Blätter , zur Vollkommenheit entwickelt , sich eifersüchtig über dem süßen Dufte gewölbt haben , der darin sein Aroma bereitet - ahnt Ihnen nicht wenigstens der verhängnißvolle Augenblick , wo sie überlistet von ihrem Vetter - oder - um in der Bildersprache dieser schönen Gedankenoperation fortzufahren - wo - sage ich also - ein Sonnenstrahl Sie so lange bescheinen wird , bis Sie aufblühen - und der göttliche Duft so schwärmerischer Liebe oder Freundschaft , als mein Freund für mich fühlt , die Luft durchdringen wird ? « » Nein , nein , Leonce , « rief hier Margot , sich durch das allgemeine Gelächter mit ihrer feinen Stimme Bahn brechend - » auch im Spaße kann und will ich Ihre abscheuliche Empfindsamkeit nicht ertragen ! Lucile , er reizt mir das Blut bis in die Fingerspitzen ; - alles Gefühl , bis zum kleinsten Atome , möchte ich aus mir herausjagen , um auch Nichts , keinem Sonnenstaube Aehnliches , in mir davon zu haben ! « » O Knospe , Knospe , « rief der unerbittliche Leonce - » dieser Zorn ist Symptom Deines Aufblühens ! Sollte der Sonnenstrahl schon über Deinen Blättern stehen ? « Wild und glühend bis zum Scheitel , sprang Margot auf , und jetzt setzte sie so schnell über die marmorne Treppe , daß sie eine Stufe verfehlte ; und hätte Leonce sie nicht , eilig zuspringend , in demselben Augenblicke im Arme emporgerissen , so wäre sie die baufällige Treppe hinab gefallen . Als er sie ansah , erblickte er dicke Thränen in ihren Augen , und sie schlug fast nach ihm ; so ungestüm dachte sie daran , sich von ihm zu befreien . » Nein , nein , Margot , verzeihen Sie mir erst ! « rief er mit seiner vollen Gutmüthigkeit ; - » ich war zu ausgelassen , ich habe Ihnen wehe gethan und fühle