freilich aus andern Gründen . Die Kunstwerke sind so zahlreich , die Sammlungen so großartig , daß ich nicht lange genug hier verweilen kann , um einigermaßen mit Nutzen sehen und das Gesehene im Gemüth ordnen zu können . Schon allein die Sammlung geschnittener Steine ist so groß , daß ein Studium dazu erforderlich ist , um sie einigermaßen kennen zu lernen , und ich habe mich während meines Hierseins oft darüber gewundert , daß bis jetzt so wenig über Petersburg und seine Kunstschätze geschrieben worden ist , wodurch der Fremde einigermaßen geleitet werden könnte . Da ich also auf ein Studium der hier befindlichen Kunstwerke mich nicht einlassen kann , so gewährt es mir ein großes Vergnügen , die Stadt nach allen Richtungen zu durchstreifen , und wenn ich auf diesen Wanderungen in der Nähe großartiger Palläste noch hin und wieder armselige Häuser erblicke , so stellt sich mir dadurch die noch nicht lange entschwundene Zeit neben die Gegenwart , und die riesenmäßige Kaiserstadt mit ihren endlosen Straßen , ungeheuern Plätzen und kolossalen Gebäuden ist , glaube ich , kein übles Bild des ganzen Rußlands überhaupt , dessen schnelle Entwickelung erst künftige Geschlechter ganz unparteiisch werden bewundern können . Bin ich von diesen Wanderungen und den Betrachtungen , die ich anstelle , ermüdet , dann schiffe ich mich auf einer Gondel ein , und die majestätische Newa trägt das leichte Schiffchen auf ihrem glänzenden Rücken ; nach dem Takte der Ruderschläge gleitet das Fahrzeug dahin , und ich umkreise die blühenden Inseln , die sich mit ihren Blumen , Bäumen und freundlichen Häusern in der silberhellen , sie umfangenden Newa spiegeln . Fällt mir dann ein , daß dieß Duften und Blühen , dieser dunkle Baumschatten , diese schwebenden Gondeln nur wenige Monate das Auge entzücken , und den größeren Theil des Jahres alles dieß unter Schnee und Eis begraben liegt , so kann ich mir denken , daß es mir wie die Zaubereien in den Märchen der Tausend und Eine Nacht erscheinen würde , wenn ich nach einem hiesigen endlosen Winter alle diese Pracht für eine kurze Zeit auf einmal neu entstehen sähe , denn die Natur muß hier eilen , wenn sie etwas leisten will , und der Frühling wird beinah ganz übergangen ; die dürren Bäume sind in wenigen Tagen belaubt , und der Winter geht beinah unmittelbar in den Sommer über . Alle äußerten nach dieser Beschreibung , daß es ein großer Genuß sein müsse , Petersburg zu sehen , und der Graf machte im Scherze den Vorschlag , dorthin zu reisen und Evremont abzuholen - ein Gedanke , aus dem vielleicht Ernst geworden wäre , wenn man nicht hätte befürchten müssen Evremont zu verfehlen , der leicht schon abgereist sein konnte , ehe seine Freunde die Kaiserstadt erreichten . Unter diesen Erwartungen verschwand der Herbst und der Winter . Evremont fand mehr Schwierigkeiten , als er geglaubt hatte . Sein Aufenthalt in Petersburg dehnte sich in die Länge , Napoleon landete unerwartet in Frankreich , ehe er nach Deutschland zurückgekehrt war , und seine Freunde besorgten , daß die Wendung , die die öffentlichen Angelegenheiten nun nahmen , vielleicht auf ' s Neue seine Rückreise verzögern dürfte . Evremonts letzte Briefe hatten gemeldet , daß er endlich seine Pässe , so wie er es wünschte , erhalten habe und nun Petersburg verlassen würde , um noch auf wenige Tage nach dem Hause zurückzukehren , das ihn so wohlwollend aufgenommen hätte und dessen menschenfreundlichen Besitzern er gewiß die Erhaltung seines Lebens zu verdanken habe - eine Wohlthat , die er jetzt erst nach ihrem ganzen Umfang zu schätzen begann , da sich das Leben mit allen seinen Reizen von Neuem vor ihm ausbreitete . Dieß waren die letzten Nachrichten , die man von Evremont erhalten hatte , und die , wie sie eintrafen , die ganze Familie in Entzücken versetzten . Sein Schweigen nun gab Allen die traurige Ueberzeugung , daß er neue durch die eingetretenen Umstände veranlaßte Hindernisse gefunden haben müsse . In solchen traurigen Betrachtungen saßen die Glieder der Familie an einem schönen Sommerabend bei einander im Saale des Hauses . Die Thüren nach dem Garten waren geöffnet und der Duft der Blumen strömte in den Saal ; aus dem Garten hörte man den Gesang der Nachtigall und das Plätschern des Springbrunnens . Jeder saß in Schweigen versenkt , halb auf diese Töne lauschend , halb seinen kummervollen Gedanken hingegeben . Eine Bewegung in den nächsten Zimmern erregte endlich die Aufmerksamkeit , und indem Alle die Augen dahin richteten , erblickten sie zugleich Evremont , der hineinstürmte und abwechsend , ohne zu sprechen , Vater , Mutter , Gattin und seine gütige Tante an die Brust drückte . Thränen der Freude erstickten Anfangs alle Worte , und als diese erste Erschütterung vorüber war , machte sich Evremont Vorwürfe darüber , seinen Lieben seine Ankunft nicht vorher gemeldet zu haben , denn seine Mutter und selbst der Graf waren auf das Heftigste von der Bewegung der Seele ergriffen . Doch die Erschütterung der Freude wirkt selten schädlich , und als sich die Eltern ein wenig erholt hatten , blickten seine Augen suchend umher . Emilie verstand den Blick , sprang eilig nach dem Garten hinaus und kehrte nach wenigen Augenblicken zurück , Adalbert an ihrer Hand , den sie dem entzückten Vater zuführte . Evremont konnte nicht aufhören abwechselnd seinen Knaben , seine Gattin und seine Eltern zu liebkosen ; er tadelte sich selbst , in Thränen lachend , über seinen kindischen Ungestüm und begann doch stets von Neuem . Seine Familie hielt ihn in den Armen und blickte ihm wie selig träumend in die Augen . Man konnte kaum daran glauben , daß der lange Schmerz der Sehnsucht nun wirklich endlich gelöst sei , und es vergingen einige Tage , ehe man sich mit dem Gefühle der Gewißheit des Glücks recht vertraut gemacht hatte . Nachdem endlich die stürmische Bewegung in jeder Brust gemildert war , nachdem alle Fragen erschöpft und alle Antworten gegeben , und selbst Dübois befriedigt war , dem Evremont alle die Liebe und Achtung bewies , die der Greis verdiente , und für die liebende Aufmerksamkeit den innigsten Dank sagte , die er seinem Knaben gewidmet , fanden ruhigere Gespräche Statt , und die Blicke der Männer richteten sich auf die öffentlichen Angelegenheiten . Aber ehe noch die wichtige Frage zwischen Vater und Sohn entschieden war , ob es Evremonts Pflicht sei oder nicht , sich den französischen Kriegern anzuschließen , war die Schlacht bei Waterloo geschlagen , und Napoleons zweite Abdankung machte jeden Streit hierüber überflüssig . Der neue Friedensschluß war für Frankreich drückender als der erste , und indem Evremont darüber trauerte , daß seinem Vaterlande Provinzen entrissen wurden , lag ein tröstendes Gefühl darin , daß sein Interesse nicht mehr von dem seiner Eltern verschieden war , denn seine Güter jenseits des Rheins , die er fortan unter preußischer Regierung besitzen sollte , machten ihn wie den Grafen zum Bürger dieses Staates . Evremont hatte das Leben in so vielfacher Gestalt kennen gelernt , daß er , obwohl noch jung , dem öffentlichen Antheile daran gern entsagte , und sich und seiner Familie zu leben beschloß - ein Entschluß , der Emilien in Entzücken versetzte und von den Eltern höchlich gebilligt wurde , und nur Adele , ob sie gleich erfreut war , alle Gefahr für den geliebten Neffen geendigt zu wissen , empfand es doch schmerzlich , daß sie die still genährte Hoffnung , Evremont noch einst als französischen Marschall zu sehen , aufgeben sollte . Der Graf machte sie auf die Unmöglichkeit aufmerksam , als preußischer Unterthan in der französischen Armee zu dienen . Ja , ja , bemerkte sie seufzend , ich sehe es ein , das sind die traurigen Folgen von Frankreichs Unglück . Es war noch eine kurze Trennung Evremonts von der Familie nothwendig . Er mußte nach Paris reisen , um seinen förmlichen Abschied aus der französischen Armee sich auszuwirken , den er leicht zu erhalten hoffte , da alle Krieger , die unter Napoleon gefochten hatten , nur zu bereitwillig von der neuerdings zurückgekehrten Regierung entlassen wurden . Aber diese Reise verzögerte sich , weil er sich nicht entschließen konnte , nach so langer Abwesenheit seine Familie sogleich wieder zu verlassen , und weil er seinen Aufenthalt in Paris auf so kurze Zeit zu beschränken dachte , daß er selbst nicht Emilie bereden mochte ihn zu begleiten , denn wenn er auch die Absicht hatte , daß sie Paris und Frankreich sehen sollte , so wollte er dieß doch aufschieben , bis Frankreich erst wieder mehr Ruhe und Würde erlangt hätte und also auch mehr Genuß gewähren könnte . Es verzögerte sich also Evremonts Abreise von Woche zu Woche , und die Zögerung selbst wurde immer drückender , weil die Nothwendigkeit , sich endlich zu einer unangenehmen Handlung zu entschließen , täglich dringender wurde . In dieser Zwischenzeit trafen Briefe aus Hohenthal ein , an denen sich Jeder auf verschiedene Weise erfreute . Die Schwestern des Grafen Robert waren an Wertheim , dem das kleine Gut unter sehr billigen Bedingungen überlassen war , und an Lehndorf , der die gewünschte Anstellung erhalten hatte , verheirathet , und auch der Arzt hatte seine Verbindung auf ' s Glänzendste gefeiert , wobei seine Schwiegermutter alle Kunst des Backens und Kochens entfaltet hatte , um die Gäste gehörig zu bewirthen , und , über die Maßen erhitzt durch die übernommene Anstrengung , bei der Bewirthung in ihrem bunten Pariser Putz eine seltsame Erscheinung gewährt hatte . Die Freude des Arztes war aufs Höchste gesteigert worden , weil er wirklich das eiserne Kreuz vor seiner Hochzeit erhielt und es an diesem Ehrentage an einem möglichst langen Bande an der Brust tragen konnte . Mit Uebermuth hatte er auf den Prediger geblickt , indem er zwischen den Fingern das Ehrenzeichen hin und herbewegte , und ihm gesagt : Sie hätten es auch haben können , wenn Sie vernünftigem Rathe Gehör gegeben hätten und uns gefolgt wären , um sich wie wir dem Dienst des Vaterlandes zu weihen . Dieser Uebermuth des Arztes hätte beinah eine unangenehme Störung veranlaßt , indem die Antwort des Predigers , der seiner Empfindlichkeit Raum gab , nicht so gemäßigt ausfiel , als seiner geistlichen Würde , besonders an diesem Tage , angemessen war . Ueberhaupt theilte sich der große Kreis der Gesellschaft in und um Hohenthal seit diesen mannigfachen Verbindungen oft in zwei kleinere , wovon der eine sich um den Grafen Robert vereinigte , während in dem andern der Prediger und der Arzt einander , oft nicht ohne Heftigkeit , den Vorrang streitig zu machen suchten . Der Arzt gründete seine Ansprüche auf die Wissenschaft , sein Haus mit dem Balkon , seinen botanischen Garten , seine Verdienste und vor Allem auf das eiserne Kreuz , und wurde dabei auf ' s Lebhafteste von seiner Schwiegermutter unterstützt . Der Prediger fühlte die Ueberlegenheit seines Geistes ; er war so gewohnt den Arzt zu übersehen , und dieser hatte seine geistige Ueberlegenheit so lange stillschweigend anerkannt , daß nun dem Geistlichen die Anmaßung seines Freundes wie eine Rebellion erschien , die er durch alle Mittel beißenden Witzes und schneidender Verachtung zu unterdrücken strebte , indem er durchaus sich nicht darein finden konnte , daß der Arzt seit seinem Feldzuge ein anderer Mann geworden war . Nicht selten wurde die Spannung zwischen Beiden so groß , daß der Graf Robert vermittelnd dazwischen treten mußte , um die Versöhnung zu bewirken , die indeß niemals schwer zu bewerkstelligen war , weil beide Freunde zu sehr fühlten , wie sehr sie einander bedurften . Von den verschiedenen Nachrichten , die diese Briefe enthielten , erregte die , die den jungen Thorfeld betraf , Evremonts Theilnahme am Lebhaftesten , denn er hatte den jungen Mann in früheren Zeiten aufrichtig liebgewonnen , und so freute es ihn denn nun , daß auch er hoffen durfte , die Wünsche seines Herzens erfüllt zu sehen , denn er hatte die ersehnte Anstellung erhalten und es ließ sich erwarten , daß er nächstens auch seine Verbindung mit der Tochter des Predigers melden würde . Endlich ermahnte der Graf selbst Evremont an die nothwendige Reise , und die ganze Familie wurde auf ' s Höchste überrascht , als , nachdem der Tag der Abreise festgesetzt war , der alte Dübois erschien und den jungen Herrn Grafen um die Ehre ersuchte , ihn begleiten zu dürfen . Alle vereinigten sich den alten Mann zu bewegen einen Plan aufzugeben , den er bei seinem hohen Alter nur mit großer Beschwerde ausführen könne . Ich kann es nicht , erwiederte der Greis , ich muß die heimathliche Luft wieder athmen ; ich muß die Sehnsucht so vieler Jahre befriedigen und meine Gebeine dem geliebten Boden lassen . Wie , rief die Gräfin erschreckt , Sie wollen uns ganz verlassen ? Was haben wir Ihnen gethan , Dübois , daß Sie uns diesen Kummer erregen wollen ? O meine gütige , meine gnädige Herrschaft , erwiederte der alte Mann in Thränen , diese Frage könnte mein Herz zerreißen , denn sie scheint mich des Undanks zu beschuldigen , wenn sie nicht ein neuer Beweis Ihrer Güte wäre . Länger als zwanzig Jahre habe ich in alle Gebete , die ich an Gott richtete , die inbrünstige Bitte eingeschlossen , es möge der ewigen Weisheit gefallen , meinen rechtmäßigen Herrn und König auf Frankreichs Thron zurückzuführen . Der Herr hat mein Gebet und das Gebet von Millionen erhört . Der achtzehnte Ludwig hat den Sitz seiner Väter eingenommen , und wird Segen und Glück über unser Frankreich verbreiten . Ich habe Niemanden angefeindet , der anders dachte als ich . Ich konnte mein Vaterland verlassen , während es in den Zuckungen der Revolution sich selbst bis zur Unkenntlichkeit entstellte , aber nun , da Glück und Frieden mit dem rechtmäßigen König wiederkehrt , nun zieht es mich gewaltsam zurück und ich muß französische Luft athmen , ehe ich sterbe . Man sah bald ein , daß es unmöglich sein würde , den Greis zurückzuhalten , ohne ihn auf ' s Schmerzlichste zu kränken und vielleicht dadurch sein Leben zu verkürzen . Es blieb also nichts übrig , als dafür zu sorgen , ihm die Reise so bequem zu machen , als nur irgend möglich wäre , und Evremont ordnete alles Nöthige mit so zärtlicher Rücksicht an , als ob es sein greiser Vater sei , der ihn begleiten wolle . Die ganze Familie trennte sich mit Thränen von dem würdigen Alten , den am Meisten die Thränen und lauten Klagen des kleinen Adalbert bewegten , und lange , nachdem der Wagen , der die Reisenden hinwegführte , schon aus den Augen der nachblickenden Freunde verschwunden war , konnte die Gräfin sich nicht davon überzeugen , daß Dübois in der That ihr Haus habe verlassen können . Evremont hatte mit seinem Gefährten Paris bald erreicht , wo er vor allen Dingen seinen Zweck so bald als möglich zu erreichen suchte , denn die glänzende europäische Hauptstadt bot in diesem Augenblicke wenig Erfreuliches für ihn dar . Als Krieger schmerzte ihn die Erniedrigung , in der er Frankreich erblicken mußte , und das traurige Ende bewunderter Feldherren zerriß sein Herz . Die Schritte der Regierung konnte er als Bürger nicht billigen , und die Gesellschaft , die sich in heftig einander bekämpfende Parteien theilte , gewährte ihm keine Erholung . War es nun schon an Evremont zu bemerken , daß ihn der Aufenthalt in Paris nicht befriedigte , so klagte Dübois laut ohne Rückhalt darüber , wie sehr er sich in allen seinen Erwartungen getäuscht fühle . Er fand weder die begeisterte Freude des Volks darüber , daß ihm sein rechtmäßiger König wiedergegeben worden war , die er erwartet hatte , noch die Milde und Politur der Sitten , von der er überzeugt gewesen war , daß sie mit diesem Könige wiederkehren würde , noch von Seiten der Regierung ein ernsthaftes Streben , die Wünsche der Nation zu befriedigen , und die Art , wie die Religion nach Frankreich zurückkehrte , konnte den von Natur milden und edeln Geist des Greises am Wenigsten befriedigen . Die heftig streitenden Parteien , die er allenthalben traf , verletzten sein Gefühl für Schicklichkeit , und nachdem er jeden Tag mißvergnügter geworden war , überraschte er Evremont eines Abends mit der Erklärung , daß er den andern Morgen nach dem südlichen Frankreich abreisen werde , um sich nach einigen entfernten Verwandten zu erkundigen , die sich dorthin zurückgezogen haben sollten . Evremont konnte ihn von diesen Nachforschungen nicht zurück halten und mußte mit Betrübniß den Greis scheiden sehen , denn er hatte gehofft ihn zu bewegen , mit ihm nach dem deutschen Ufer des Rheins zurückzukehren , und war durch das sichtliche Mißfallen seines alten Freundes an dem jetzigen Zustande der Dinge in Paris in dieser Hoffnung bestärkt worden , und nun mußte er ihn zu seinem Kummer gänzlich aus den Augen verlieren . Um sich von diesen und andern unangenehmen Eindrücken durch Zerstreuung zu erholen , war er in eins der glänzenden Kaffeehäuser getreten , wo er eine zahlreiche Gesellschaft fand , die , wie dieß damals gewöhnlich geschah , laut die Begebenheiten des Tages beurtheilte und die Schritte der Regierung auf ' s Heftigste tadelte . Evremont bemerkte bald , daß er sich an einem Versammlungsorte der leidenschaftlichsten Bewunderer und Anhänger Napoleons befand , und nur der aufgeregte Zustand dieser Männer machte es erklärlich , wie ihnen entgehen konnte , was dem Unbefangenen sogleich auffiel , daß viele Mitglieder der Gesellschaft , die am Heftigsten sich zu ereifern schienen , im Grunde nur da waren , um die übrigen zu beobachten . Kaum hatte Evremont einige Augenblicke hier verweilt und von dem dienstfertigen Aufwärter eine Erfrischung gefordert , als er von mehreren Anwesenden bemerkt wurde , die ihn erkannten , und als einen Mitgenossen entschwundenen Ruhms und vorübergegangener Gefahren begrüßten . Es waren dieß verabschiedete Offiziere , die unter Napoleon mit ihm in Spanien gedient hatten . Zu ihnen gesellten sich mehrere Spanier , die damals die Partei der Franzosen ergriffen und dem König Joseph gedient hatten , und die nun nach der Rückkehr des Königs Ferdinand sich den Verfolgungen im Vaterlande entziehen und unter Frankreichs Himmel Schutz für ihr Leben suchen mußten . Die gegenseitige Wiedererkennung war von manchem Ausrufe der Ueberraschung und der Freude begleitet . Erinnerungen an mit einander bestandene Gefahren und kleine Abentheuer , wie ein solcher Krieg sie bietet , folgten diesen , und einige Spanier erinnerten ihn daran , daß sie ihn im Hause der Wittwe Don Fernandos kennen gelernt hätten , und in dem so fortgeführten Gespräch erfuhr Evremont , daß diese schöne Wittwe sich mit einer Verwandten gegenwärtig in Paris befinde und daß ihr Haus wieder , wie früher in Madrid , der Versammlungspunkt einer glänzenden Gesellschaft sei . Er ließ sich ihre Wohnung sagen und entfernte sich , so bald es sich thun ließ , aus diesem lauten Kreise , weil er bemerkte , daß er seinerseits ein Gegenstand der Aufmerksamkeit der beobachtenden Mitglieder geworden war . Ein gemischtes Gefühl von Theilnahme und Neugierde trieb ihn an , noch denselben Morgen einen Besuch bei Don Fernandos Wittwe zu machen . Er hörte , als er gemeldet wurde , einen Ausruf der Freude , und als er eintrat , kam ihm die schöne Wittwe mit allen Zeichen freudiger Ueberraschung entgegen und begrüßte ihn herzlich als einen Verwandten , worauf sie ihn ihrer Freundin vorstellte , die ebenfalls Wittwe geworden war und noch die Trauer für ihren verstorbenen Gatten trug , und als Evremont auch diese begrüßt hatte und sich nun im Saale umsah , bemerkte er den General Clairmont , der ihm herzlich die Hand drückte , und ihm zum Genusse der Freiheit und wiedergewonnenen Lebensfreude Glück wünschte . Doch was führt Sie hieher ? fragte der General im Laufe des Gesprächs . Ich dächte , Paris könnte Ihnen jetzt nichts bieten , was Sie aus den Armen Ihrer Freunde , worunter wunderschöne Arme sind , über den Rhein zu uns hinüber locken könnte . Evremont theilte ihm die Ursache seines Hierseins mit , und der General sagte : Sie haben Recht sich völlig zurückzuziehen , auch ich habe es gethan . Als unser Stern noch ein Mal aufleuchtete , hoffte ich , er würde von Neuem seine kühne Bahn durchlaufen , und schloß mich ihm mit vielen tausend braven Herzen an ; seit er aber bei Waterloo sich neigte und alsdann auf St. Helena sank , halt ich ihn für völlig untergegangen , und wenn selbst durch ein Wunder Napoleon noch ein Mal erschiene , würde ich mein Schicksal nicht mehr an das seinige schließen . Seine ersten Erfolge waren so glänzend , daß er die Mitwelt in Erstaunen versetzte und sie blendete , seine zweiten gränzten an ' s Wunderbare und rissen alle Herzen mit ihm fort , günstige Erfolge eines dritten Erscheinens aber halte ich für unmöglich , und da ich gewiß weiß , daß ich ihm nicht mehr dienen kann , so will ich auch meine Ruhe nie wieder aufgeben , ob ich gleich nicht so philosophisch durch den langen Aufenthalt bei Ihrem Vater , meinem alten Freunde Hohenthal , geworden bin , wie ich glaubte , denn ich habe die Einförmigkeit des Landlebens nicht lange ertragen können , und ich denke , ich werde meine beiden Knaben in Paris noch besser als in der Einsamkeit erziehen können . Da Evremont durch den Grafen das Ende des alten Bertrand und seiner Gattin kannte , für die er lebhafte Theilnahme behalten hatte , weil er sich dankbar erinnerte , wie sehr sie sich bemüht hatten , selbst an Allem Mangel leidend ihm die Beschwerden des Rückzuges zu erleichtern , so äußerte er gegen den General seine Freude darüber , daß der verwaiste Knabe in ihm einen großmüthigen Beschützer gefunden hätte . Lassen wir die Großmuth beiseit , sagte der General . Sie wissen , was mir der alte Bertrand war , aber Sie wissen nicht , daß ich seine Frau früher unter andern Verhältnissen kannte . Doch , sagte Evremont lächelnd , ich erinnere mich der schönen Dame recht wohl , die damals in Ihrer Begleitung war , als Sie siegreich in Schloß Hohenthal einzogen , wo ich in der Zeit ein demüthiger Gefangener war , und ich habe nicht ohne Erstaunen erst später erfahren , daß dieselbe Marketenderin - - Lassen wir dieß alles , sagte der General , ihn ernsthaft unterbrechend ; mir thun alle diese Erinnerungen nicht wohl . Genug , Sie sehen , daß es mir aus vielen Gründen wohlthut , Bertrands Knaben mit dem meinigen zu erziehen , und Sie können beide hier sehen , wenn Sie wollen . Die Verwandte unserer Freundin hat zwei Kinder , und da die Wittwe Don Fernandos oder die Baronin Schlebach Kinder sehr liebt , ohne selbst Mutter zu sein , so werden meine beiden Knaben oft hieher geführt als Spielgesellen der andern , und sie sind jetzt eben hier . Auf Evremonts Aeußerung , daß es ihm Freude machen würde , die Kinder zu sehen , die der General der Baronin , wie sie hier genannt wurde , mittheilte , erschienen die beiden Knaben , und Evremont wurde überrascht durch die kühnen Augen Bertrands , mit denen dessen Sohn ihn anblitzte , und durch die große Aehnlichkeit des übrigen Gesichts mit dem Sohne des alten Lorenz . Ist es nicht ein sonderbares Spiel der Natur , sagte die Baronin , sich an Evremont wendend und den Knaben unter Liebkosungen in ihre Arme schließend , wie sehr dieß Kind Don Fernando ähnlich sieht ? Evremont hätte ihr die Aehnlichkeit leicht erklären können , doch schwieg er darüber , und lobte nur die Schönheit und den klugen Blick des Knaben , und verrieth auch später dem General nicht , in welchem Zusammenhange dieß Kind mit dem Gemahle der Dame stehe , die sich für Evremonts Verwandte hielt , denn er traute diesem nicht Zurückhaltung genug zu , um ein Geheimniß , das ihm vielleicht komisch dünken würde , ernsthaft zu verschweigen . Es ließ sich leicht bemerken , daß die Wittwe Don Fernandos ein zärtliches Andenken für ihn im Herzen bewahrte , trotz alles von ihm erduldeten Unrechts , und sie wußte es Evremont Dank , daß er Gefühle des Unwillens und der Verachtung , die sie ihm damals verrieth , als sie in Folge der kürzlich empfangenen Eindrücke noch ihr volles Leben in ihrer Seele hatten , die nun aber die Zeit abgeschwächt hatte , nicht weiter berührte - eine Schonung , die Evremont geübt haben würde , wenn ihn auch nicht die Zärtlichkeit , mit der sie den ihm ähnlichen Knaben liebkosete , hätte bemerken lassen , daß ihr das Andenken des Gemahls noch theuer war . Der Sohn des Generals schien die Sorgen des Vaters zu rechtfertigen , denn er verrieth in der That nicht so viel Geist und Feuer als sein ihm in allen Dingen überlegener Spielgeselle , und den sanften Charakter , der sich in dem Kinde aussprach , schien der Vater nicht gehörig zu würdigen . Es waren alle Gemüther noch zu sehr durch die neuesten Umwälzungen in Frankreich aufgereizt , als daß eine Gesellschaft lange hätte beisammen sein können , ohne daß sich das Gespräch auf die Ereignisse des Tages gerichtet hätte . Der Tod des Marschalls Ney war damals das allgemeine Gespräch . Mit Thränen in den Augen sprach der General von der Hinrichtung des von ihm bewunderten Helden , und alle Aeußerungen , die Evremont hier über diese traurige Begebenheit hörte , waren weit von jeder vernünftigen Mäßigung entfernt , und er selbst sprach , durch sein Gefühl und das Beispiel hingerissen , seinen Schmerz darüber ohne Rückhalt aus . Endlich brach er auf , nachdem er der Wittwe Don Fernandos das Versprechen hatte geben müssen , das Recht eines Verwandten zu benutzen und ihr Haus während seines Aufenthaltes in Paris täglich zu besuchen . Der General Clairmont war mit ihm gegangen und forderte ihn auf diesen Tag ganz mit ihm zu verleben , und Evremont war bereit , den Wunsch des alten Freundes seines Vaters zu erfüllen . Im Laufe des mannichfach wechselnden Gesprächs , das unter beiden Kriegsgefährten während des Tages Statt fand , bemerkte Evremont scherzend , der General sei so einheimisch im Hause der Baronin , daß die Hoffnung nicht ganz unbegründet erscheine , ihn noch dort als den Herrn des Hauses zu begrüßen . Nein Freund , das ist nichts , sagte der General . Trotz aller Liebe , die Don Fernandos Wittwe noch für den verstorbenen Gemahl äußert , scheint sie doch durch ihn die Ueberzeugung gewonnen zu haben , daß die Bande der Ehe keine Fesseln aus Rosen sind , und ich , betrachten Sie mich , mein Haupt ist kahl geworden und die übrig gebliebenen Haare beginnen schon stark zu ergrauen . Nein Freund , für mich ist es nicht mehr Zeit an Liebe und Ehe zu denken , für mich ist die Zeit der Freundschaft den liebenswürdigen Frauen gegenüber eingetreten , und diese Meinung scheint die Baronin auch zu hegen . Evremont mußte in der That bemerken , daß der General sehr alt geworden war , und daß die Beschwerden des Krieges diesen Zustand früher herbeigeführt hatten , als es die verlebten Jahre mit sich brachten . Und dennoch versicherte der General , daß er an dem heutigen Tage ungemein heiter und lebendig gewesen sei , weil ihn die Freude , einen so braven Kriegsgefährten und den Sohn seines alten Freundes wieder zu sehen , außerordentlich aufgeregt habe . Auch ihm mußte Evremont , als sie sich endlich trennten , das Versprechen geben , mit ihm während seines Aufenthaltes in Paris so oft als möglich zusammen zu sein . XV Der vergangene Tag hatte in Evremonts Seele vielfache Erinnerungen lebhaft aufgeregt . Der oft erwähnte Tod des Marschalls Ney hatte die Trauer über den Fall dieses Helden schmerzlich erneuert , und er beschloß in der Stille am frühen Morgen die Stelle zu besuchen , wo das bravste Herz , von Kugeln durchbohrt , aufgehört hatte zu schlagen . Er war deßhalb am andern Morgen sehr früh allein ausgegangen , um , von Niemandes Auge bemerkt , sein Herz zu befriedigen und im Geheim diese stille Todtenfeier zu begehen . Er hatte den Garten Luxemburg erreicht und näherte sich der Stelle , wo der Boden das Blut des Helden getrunken , dessen kühne Seele sich auch im letzten Augenblicke nicht verläugnet hatte . Als Evremont sich dem verhängnißvollen Platze näherte , bemerkte er , daß ihm Jemand in gleich liebevoller Erinnerung zuvorgekommen war . Er sah auf der Stelle , wo der Marschall gefallen war , einen Mann in abgetragener Uniform knieen ; eine Hand hatte das Gesicht bedeckt , und Evremont bemerkte , daß der linke Arm dem Krieger fehlte , der hier das Andenken seines Feldherrn verehrte . Er wollte sich zurückziehen , um den Knieenden nicht zu stören und zu überraschen . Das geringe Geräusch aber , das diese Bewegung verursachte , traf das Ohr des Knieenden , der Evremonts Annäherung nicht vernommen hatte . Die das Gesicht verdeckende Hand sank herab , ein mageres , sehr bleiches Gesicht erhob sich ; dunkel glühende , tief liegende Augen starrten Evremont an , der einen Schritt zurücksprang und dem das einzige Wort : Lamberti ! von den Lippen floh . Kommst Du endlich , Adolph , sagte der so Angeredete , ohne sich von den Knieen zu erheben , mit sanfter Stimme . Lange , fuhr er fort , habe ich diesen Augenblick erwartet und meine Seele darauf bereitet ; ich werde Dir nicht widerstreben , und wenn Du auch keinen Zeugen wider mich aufzustellen hast . Ich werde das Verbrechen nicht läugnen , und ich würde mein Leben auch auf dem Schaffot freudig von mir werfen , wenn es meiner armen Mutter verborgen bleiben könnte ,