er erhalte uns auch noch lange den edeln Freigrafen , der selbst unter den Wissenden strenges Recht übt . Ihr habt ihn , - er Euch vielleicht noch nie gesehen , aber der gottesfürchtige Mann macht keinen Unterschied . Sie sind nicht alle so sanft und gerecht , wie Er , mein lieber Herr . Doch hier seyd Ihr unfern dem Brückenthore . Gehabt Euch wohl . Ich muß zurück . Es gibt noch heute eine Ladung anzuschlagen ; und da der Bursche flüchtig ging , und darum der Brief an alle Warten geheftet werden muß , so haben wir , meine Gefährten und ich der Müdigkeit noch viel , des Schlummers wenig zu gewarten . « Dem guten Dagobert ging ' s nicht besser . Schien ihm doch die Begebenheit der Nacht nicht als ein böser Traum . Fußnoten 1 Die jüdische Lehre verbietet , ein Kind zu enterben , aus welchem Grunde es auch geschehen möchte . 2 Andeutungen aus dem Talmud . 3 Reichere Juden pflegten sich aus Palästina Erde kommen zu lassen , mit welcher sie einen Polster oder ein kleines auf der Brust zu tragendes Amulet anfüllten , damit sie ihnen beim Sterben unter das Haupt gelegt werde . 4 Nach den Angaben und Lehrsätzen mehrerer Rabbiner ; vielleicht der schönste poetische Gedanke des Talmud . 5 Dieses Lied an den Abendstern ist wirklich ein dem Mittelalter angehörendes , welches durch seine naiven Worte einen eignen Zauber über das Gefühl des Lesers übt . 6 Sprichwörtl . Redensart , entsprungen dem Gebrauche , in der heil . Woche das Grab des Heilands in den Kirchen von Schülern gegen eine Vergütung an Geld und Speise hüten zu lassen . Drittes Kapitel . In des Löwen Höhle führen wohl die Fußtapfen ; ... wer sagt mir aber , ob zurück ? Fabel . » Ihr könnt mir glauben , lieb Herrlein , « sprach am andern Morgen Gerhard zu dem Sohne Diether ' s : » Ihr könnt mir glauben , daß ich von Herzen froh bin , Euch wiederum zu sehen , lebendig anzutreffen , und erlöst aus den Klauen des schwarzen heimlichen Gesindels , ob mir gleich ein schönes Roß dadurch entgeht , und Ihr nicht einmal meiner Neugierde etwas von der Historie , die drüben vorgefallen ist , zum Besten geben wollt . « Aber dennoch bin ich nichts weniger , denn zufrieden mit Euch , und ich möchte ausrufen , so oft ich Euch ansehe , wie Ihr da sitzt , trüb vor Euch hinstarrend und wortkarg : » Wo sind sie hin , die Tage von Costnitz ? und wie bedaure ich es , daß sie von hinnen gerauscht sind . Und noch mehr : wo sind sie hin , die Abende von Costnitz , wo wir andres zu thun hatten , als der Vehme unsere Reverenz zu machen ? Damals blühtet Ihr wie ein Borsdorferapfel , und ich war mit meinem Fett zufrieden ; heute seht Ihr blaß , und mein Wamms wirft , - Dank der Atzung im Oberstrichters Hause , - verdrießliche Falten . Damals gleitete der Wein durch unsre Kehlen auf der Bahn ölglatter Bissen , lecker bereitet und hungrig verschlungen ; heute schenkt Ihr nicht einmal einen Blick den herrlichen Fleischschnitten und dem Würztrunk , mit welchen Euch der freundliche Wirth vom Einhorn zum Frühimbiß bedacht hat ; geschweige , daß Ihr noch so viel Gastfreundschaft bewahrt hättet , mich an Eurer Statt zum Mahle zu laden . « - Der Edelknecht wartete übrigens die Einladung nicht ab , sondern griff nach dem Becher und nach dem Messer . Dagobert nickte ihm halblächelnd zu , und sagte : » Nur zu , altes Sieb ; nur zu . Ich gönne Dir ' s von Herzen , und würde selig und vergnügt seyn , könnte ich Dir ' s nachthun . Ich hätte nimmer geglaubt , daß ich mich einst an Deine Stelle wünschen möchte ; allein , alles , was ich besitze , Eines ausgenommen , gäbe ich darum , könnte ich seyn ein fröhlicher Thor , wie Du . « - » Ein Lobspruch , der mich ärgern könnte ; « erwiederte Gerhard mit vollen Backen : » aber .... ich vergebe Euch : Ihr seyd verliebt , und der Hagel soll mich treffen , wenn Ihr nicht das Judendirnlein minnt ; das wunderholde Gesicht , das während der Mummerei zu Costnitz neben des vertrakten David ' s narbigem Gesichte aus dem Fenster sah . Ist das jedoch eine Liebe , wie sie einem kecken Manne geziemt ? Laßt das Seufzen und Grämeln einem siechen Weiberknecht , oder einem dünnleibigen Minnesänger ; laßt es den scheinheiligen Pfaffen , die sich mit Demuth und Wehmuth , und verdrehten Augen und schmunzelnden Lippen in das Herz einer Dirne schwatzen , bis sie darin ganz unverschämt den Herrn und Meister spielen . Stillt Eure Sehnsucht und kümmert Euch nicht um die Welt . Der Kutte seyd Ihr ledig , und mir zum Mindesten kömmt ' s nicht wie eine Todsünde vor , eine hübsche Judenmagd zu lieben . Der liebe Gott hat viel Unkraut erschaffen , das demungeachtet anmuthig aussieht , und erquickt durch Farbe und Geruch . « - Dem Schwätzer war ' s gelungen , durch die dreiste Auslegung seiner Lebensweisheit dem ernsten Dagobert ein neues Lächeln abzugewinnen . » Guter Freund ; « antwortete dieser : » bin ich gleich nicht einverstanden mit Deinen wilden Gedanken , die aufschießen wie das Unkraut , so beurtheilst Du mich doch falsch . Nicht die Minne preßt mein Herz , daß es seufzt , und schwerem Gebreste unterliegt . Die Minne ist ' s allein , die mich aufrecht erhält , und mein Gram wurzelt nur im Vaterhause . « » Ei , so laßt das törichte Haus liegen , wo es liegt , unfern der Liebfrauenkirche zu Frankfurt am Mainstrom , « meinte Gerhard : » und geht dahin , wo Euer die Stütze der Liebe wartet . Die Dinge in Eures Vaters Hause sind böse , bis auf das Fleisch hinein , wie ich wohl merke . Laßt darum Eure Hände davon ; nehmt Euer Lieb , hinaus damit in die Welt , und wollt Ihr gar gewissenhaft seyn , so laßt das Mägdlein taufen . Dann mag der Teufel selbst es Euch nicht rauben . « - » Du malst die Zukunft leicht und schön ; « entgegnete Dagobert leichtern Herzens : » und wer weiß , ob ich Deinem Rathe nicht folge . Der Herzog von Österreich-Tyrol hat wieder Friede gemacht mit dem Kaiser , und ich glaube doch , ich möchte wohl hinter seinen Alpen ein Plätzlein finden , meinen Herd zu gründen ; auch ohne Vatershülfe . « - » Ei , der Herzog soll leben ! « rief Gerhard , den Becher leerend : » Ist er gleich derb wie ein Eichenknorren , so ist er doch gut wie ein Kind . Ihr wißt , wir sind zuletzt aus Feinden die besten Freunde geworden , und ich habe dem Kaiser die Pest auf den Hals gewünscht , daß er dem Herzog die Eidgenossen auf den Hals hetzte , in der größten Noth , und Schuld war , daß die Länder im Argau , Thurgau und Breisgau zum Teufel gingen . Aber von Tyrol hielt Sigmund die große Nase weg , und Friedrich , wird er gleich der mit der leeren Tasche genannt , vermag es doch noch , einen Freund wie Ihr seyd , warm und trocken zu setzen . « - Gerhard wollte sich just noch eines Breitern über Dagobert ' s hingeworfenen Vorsatz auslassen , als der Wirth des Hauses schnell hereintrat . » Denkt Euch doch , Ihr Herren ! « begann er , wider seine Gewohnheit schnell und lebhaft redend : » Ein Bauersmann , der meine Küche versorgt mit den Früchten seines Ackers , sitzt so eben unten , und erzählt , er sey dem Schelmenritter , dem von Vilbel begegnet , der nach Hayn zum Grafen von Katzenelnbogen ritt ; einzig und allein von zwei Knechten geleitet . Kennst Du mich , Bäuerlein ? hat er den armen Mann angefahren , der demüthig in ' s Wagengeleis getreten war , und sein Käpplein abgezogen hatte . Und da der Bauer bejahte , so fuhr der Ritter fort : Ziehst Du nach Frankfurt auf den Markt , so grüße mir die Herren auf dem Römer , und lade sie in meinem Namen ein nach Erlebach für diesen Abend . Meine Buben , die wilde Jagd aus der Wetters , feiern heute dort den Kirchweihtag , und ich will noch selbst darauf den Reigen eröffnen , trotz meinen alten Beinen . - Nachdem er diesen Spott von sich gesprudelt , hieb er den Bauer mit der Peitsche über den geschornen Kopf , daß er taumelte , und die Knechte warfen ihn aus Muthwillen in den Graben , daß all die Waaren , die er im Korbe trug , verdorben im Morast lagen . Sagt nun , ihr Herren ; wär ' s wohl gerathen , den Herren auf dem Römer die Mähr anzuzeigen , daß sie den Erlebachern Hülfe schicken , die der Wüthrich gewiß heut Nacht mit Brand und Mord bedroht ? « - » Thut wie es Euch gefällt , guter Wirth ; « erwiederte Dagobert : » viel helfen wird ' s jedoch nicht , wenn auch der Räuber in seinem Übermuth , frech genug die wahre Färthe verrieth . Die Herren des Raths sind unschlüssig , uneins , und ich denke wohl , daß meine Schwester graue Haare haben , und Euer Gast , der Kaufdiener verhungert seyn wird , wann einmal der Beschluß herauskömmt , ernstlich auf deren Befreiung zu sinnen . « - Der Wirth begab sich , durch Dagobert ' s Worte unschlüssig geworden , kopfschüttelnd hinweg , und der junge Altbürger sprach munter und eilig zu dem Edelknecht : » Glaubt Ihr wohl , daß diese Kunde mich wieder aufregte zum Leben ? Ihr habt Recht : Trübsinn und Schwermuth machen uns bresthaft , ohne zu helfen . Männlich Wollen und Thun gibt uns hingegen neue Kraft . Ich liebe meine Schwester nicht ; weiß Gott , ich müßte es lügen , allein das erneuerte Angedenken an ihre schmähliche Haft empört mich ; nicht minder die Saumseligkeit des Raths , der mit Drohungen stets , zur That aber selten gerüstet ist . Laß uns die Vollstrecker des Befehls werden , den die Bürgermeister geben werden , wann es zu spät seyn wird . Mich drängt es ohnehin , diese Mauern zu verlassen , die mir vorkommen , wie ein Grab meiner angebornen Fröhlichkeit . Laß uns reiten , und auf dem Wege nach Hayn in Hinterhalt uns legen . Ich will doch auch einmal versuchen , wie sich ' s thut , wenn man auf der Landstraße den Feind niederwirft , und - will ' s Gott , - muß Bechtram unser seyn , ehe noch die Sonne im Mittag steht . Er wird sich fördern im Geschäfte mit dem Grafen , um rasch wie der Blitz am hellen Tage noch an unsrer Stadt vorüber zu ziehen , und Abends bei seinen Gefährten zu seyn ; denn einen blutigen Tanz hat er sicher vor , wenn auch wohl nicht zu Erlebach . « - » Beim heiligen Martin ! « rief Gerhard : » Ihr habt mir aus der Seele geredet . Ich habe ohnehin mit dem alten Bösewicht einen Faden vom Rocken zu spinnen . Mögt Ihr ' s glauben , daß der Graukopf , zur Zeit , da er noch Hauptmann der Stadt gewesen , dergestalt vom Teufel des Hochmuths geplagt worden ist , daß er es abschlug , mit mir Brüderschaft zu trinken , ... blos , weil er dem Kaiser die Sporen abgegaunert hatte ? Donner und Strahl ! heute ist der Tag , an dem ich ihm jene Unbill in den Bart reiben könnte . Darum , mein wackrer Geselle ! auf , und nicht gesäumt . Ich will gerne ohne Trunk die Mittagshitze verwinden , wenn wir nur nicht die Gelegenheit versäumen , dem Schurken einen Stein in den Garten zu werfen , und uns dafür einen solchen bei der Stadt in ' s Brett zu setzen . « - » Das Letztere mag Deine Sorge seyn ; « versetzte Dagobert spöttisch , und rief nach Vollbrecht , um Alles ohne Aufsehen zum Auszuge rüsten zu lassen . - Bei dem Namen des Knechts faltete sich des Hülshofners Stirne : » Wär ' s nicht , daß wir Dreie seyen gegen Dreie , « sprach er , so möchte ich wohl , daß wir den Langen zu Hause ließen . Der Anblick des Burschen demüthigt mich in etwas , denn er trägt seine Wohlbeleibtheit so stolz vor sich her zur Schau , als wollte er mir immer sagen : » Gelt , Du armer Fechtbruder ; ich bin in die Pfingstwoche gerathen , während Du noch immer am Aschermittwoch kauest ? « - » Laß den wackern Knecht ungeschoren , « erwiederte Dagobert freundlich , und wendete sich gegen die aufgehende Thüre . Wie staunte er aber nicht , da nicht Vollbrecht hereinkam , sondern der unerwartetste von allen Menschen : Diether der Altbürger , fein Vater ! Verlegen und glühenden Antlitzes ging er auf den Überraschenden zu , ohne eines Wortes mächtig zu seyn . Der Alte , gewohnt sein Äußeres bei öffentlichen Gelegenheiten und Anlässen zu beherrschen , nickte langsam grüßend mit dem Haupte , und blickte auf den Edelknecht , als wollte er fragen , warum sich ein unerwünschter Dritter hier befinde . Dagobert verstand den Wink besser , als der glotzende Gerhard , und fandte ihn hinweg mit der Bitte , im Stalle nach dem Rechten zu sehen . - Als nun Vater und Sohn allein waren , begann der Erste , nachdem er sich gesetzt : » Du willst fort , Dagobert ? « - Dieser bejahte gelassen . - » So leicht also wäre es Dir schon geworden , von Deiner Heimath und Deinem Vater zu gehen ? « - Dagobert schwieg , um sich nicht in unangenehme Erörterungen einzulassen . Diether fuhr langsam fort : » Dagobert , Du warst ja sonst ein harmloser Mensch , dessen Gutmüthigkeit , wie ein Kind , nach Allem in der Welt griff , um es an die Brust zu drücken , wären es auch Schlangen gewesen . O dieses kindliche Vertrauen kann noch nicht ganz aus Deiner Seele gewichen feyn ! Das böse tückische Schicksal kann Dich nicht so kalt gemacht haben , daß Du nicht für die Reue eines Vaters ein Ohr , für seine Bitte ein versöhnlich Herz , für seine zitternde , Vergebung suchende Rechte eine freundliche , offene Sohneshand hättest ! « - Dagobert war auf ganz andere Reden gefaßt gewesen ; um so überraschender klang die herzliche , erschütternde des Alten , unterstützt von seiner dargebotenen Hand , von der Thräne die in seinem Auge bebte , von der schwachen Röthe , welche die Beschämung in seine blassen Mangen trieb . Auch in Dagoberts Augen stürzten Tropfen des heiligsten Gefühls , und zu den Füßen des Vaters sank er nieder , als ob er der verlorne Sohn sey , und der Verbrechen unzählige zu bekennen hätte . Diether war so ergriffen , daß er nicht aufstehen , den Knieenden nicht aufheben konnte , sondern bloß mit seinen Händen dessen Wangen streichelte , und Perle auf Perle in dessen braune Locken , auf dessen Stirne fallen ließ . - » O , mein Sohn , « - sprach er nach langem Schweigen : » Du kennst meinen unbeugsamen Willen , - Dir ist nicht fremd , daß ich eher in Zorn gerathe , als in Rührung ; allein , ich fühle , seit Gestern bin ich anders geworden . Mein Wahnsinn mußte mich auf den höchsten Gipfel treiben , um zu erliegen den glühenden Worten eines Fremden . Welche Nacht habe ich zugebracht in den quallvollsten Leiden meines Innern ! Mit welcher Pein wurde ich wiedergeboren , und wie sträubte sich mein eiserner Sinn gegen die Reue , welche dem Beleidigten die Hand reichen muß , ... wie wehrte sich mein Fuß gegen den ersten Schritt , welcher der Buße auferlegt ist . Endlich hat der Herr gesiegt , und mein bessrer Theil ; abgeschüttelt habe ich alle Schaam , allen Hochmuth , ... und in dem Gewande der Demuth bin ich vor den Sohn getreten , um ihn zu bitten , daß er mir verzeihe , was ich schwer an ihm verschuldet , - daß er mir den schimpflichen Verdacht vergebe , den ich gegen ihn gehegt , - und daß er darein willige , wieder in mein verwaistes und verödetes Haus zu ziehen , geschmückt mit der Fröhlichkeit seiner frühern Zeit , und mit ungetrübtem Vertrauen gegen einen Vater , der die noch kurze Frist seines Daseyns gerne hingeben würde , könnte er damit die vergangenen Schreckenszeiten zurückkaufen . « - » Ach , mein Vater ; « antwortete Dagobert sanft und schonend : » wie weh und dennoch , wie wohl thut mir nicht Eure Rede . Wenn es mich schmerzen muß , den Vater mich anflehen zu hören , wie kaum ein reuiges Kind thun möchte , so wollte ich doch gerne aufjubeln vor Freude , daß Ihr endlich mein Herz erkannt habt , das stets rein geblieben ist , und ohne Falsch . Schier wäre ich verzweifelt an der Hoffnung , mich wieder treu und liebevoll an Eure Brust legen zu dürfen : ein guter Gott hat aber dafür gesorgt , daß nicht getrennt bleibe , was der Allvater gnädig zusammenfügte . Glücklich werde ich seyn , mein Vater , wenn Ihr mich wieder in Eure Arme aufnehmen wollt , und läge es an mir , Euer Leben zu verschönern ....... « - » Deine Rede beschämt mich immer mehr ; « versetzte Diether aufstehend , und des Sohnes Hand schüttelnd : » Laß uns reden , wie es Männern geziemt , ohne viele Worte , die nur weich machen , wo das Herz wieder stark werden soll . Wir wollen wieder Eins seyn , Freunde , gute Freunde , nicht wahr mein Sohn ? « - » Wahrlich , Vater ! « versicherte Dagobert aufrichtig . - » Wir wollen vergessen und hinter uns werfen , was unser Gefühl beleidigt hat , und zerrissen unsre Herzen ! « - » Das wollen wir , Vater ! - Wir wollen nicht zögern , der Welt zu zeigen , daß wir uns wieder vereinigten , und ablassen von jedem Groll , den wir hegen könnten , gegen Feinde und falsche wohldienerische Freunde ! « - » In Gottesnamen , Vater . « - » Nun denn , « setzte Diether hinzu : » So komm mit mir , mein Erstgeborner , mein Wiedergeborner , damit der Gang in unser Haus mir lieblicher werde , als der saure Gang hierher , wo ich den Sohn unter Fremden suchen mußte . « - » So Ihr mir erlaubt , alsdann auf einen Ritt zu gehen , den ich nicht verschieben kann ? « - » Gerne , mein Sohn , Zwang soll Dich nicht drücken . Nur einen Augenblick ruhe wieder aus in meinem Hause , damit der Geist der Zwietracht völlig daraus entweiche . « - Sie gingen , Arm in Arm , durch die Gassen , wo alle Fenster aufgingen , und alle Hausthüren , an welchen sie vorüberkamen . Der Zwist zwischen Vater und Sohn war zum Geschwätze der Stadt geworden ; ihre Versöhnung wurde es nicht minder . Die wahren Freunde winkten ihnen lächelnd zu , die falchen zogen sich beschämt auf die Seite , und der Schultheiß warf klingend die Fensterflügel zu , an welchen er zufälligerweise ein Zeuge dieses rührenden Schauspiels gewesen war . Bei dem Eintritte in das väterliche Haus sah Dagobert den Mann ihm entgegentreten , in welchem er alsobald - nächst Gott - die Wurzel dieser ersöhnten Vereinigung erkannte : den Predigermönch Johannes , seinen würdigen Lehrer . » O , wie lieb ist mir ' s , « rief Dagobert : » daß dieses weiße Friedenskleid mir entgegen kommt , und nicht die schwarze Kutte meines Ohms . Gott segnet meinen Eingang hier durch Euern Empfang , hochwürdiger Herr ! « - » Der Mensch ist nur ein schwaches Gefäß , so lang ihn seine Begierde regiert ; « erwiederte Johannes : » aber herrlich und stark , wenn der Herr ihn besucht , in seiner Gnade . Seht hier einen solchen Herrlichen und Starken « - fügte er bei , indem er auf Diether deutete , der mit seligem Lächeln daneben stand , und die Hand auf Dagoberts Schultern hielt , als ob er befürchte , den Wiedergefundenen auf ' s Neue zu verlieren . - » O mein Lehrer und Freund ! « fragte Diethers Sohn : » Noch Gestern so unglücklich , - Heute so glücklich in den Armen des Vaters ! womit vergelte ich diese unerwartete Gnade ? « - » Mit Versöhnung ; « entgegnete Johannes , nach der Thüre zeigend , durch welche sich langsam und feierlich der Prälat von Cesena herein bewegte . Das Gespreizte und Gezwungene seiner Haltung , die heuchelnde Freundlichkeit , die auf seinen Lippen und Wangen saß , während der finstere Zug auf der Stirne ein still brütendes Mißvergnügen verrieth , hätte den scharfblickenden Neffen sicher wieder von der geforderten Versöhnung zurückgeschreckt , wenn nicht der Mönch seine Linke , der Vater seine Rechte ergriffen hätte , um ihn zu dem Eintretenden zu geleiten . - Die Annäherung indessen , welche , selbst der Liebe entbehrend , durch den Einfluß geliebter Freunde dennoch nur zögernd zu Stande gekommen wäre , machte sich leichter durch die salbungsvolle Anrede des Prälaten , welcher aus vollem Munde seinen Reffen ein Pax cum tibi , mi fili ! entgegenrief . Der Verstoß gegen die römische Sprache , der darinnen lag , half glücklich über das letzte Hinderniß weg , denn Dagobert erinnerte sich , in sich lachend , der Zeit , in welcher er den Ohm über manchen ähnlichen Schnitzer aufgeklärt hatte , und in diesem Angedenken an lustige Tage , gab er denn seine Hand in die feiste des Prälaten , und sagte ; » Gleichfalls , lieber Ohm und würdigster Herr ! Willkommen auf deutschem Grund und Boden . Es wird Euch schwer gefallen seyn , wieder zur Heimath zu kehren , aber besser spät , denn niemals . Gott lasse Euch noch lange deutsche Luft genießen , und uns Freunde seyn . Vergebt mir , was ich vielleicht gegen Euch gesündigt , und ich will Euch herzlich gern jenen Gang zum Cardinal vergeben . « - Verstummend sah der Prälat verlegen auf den Saum seines Gewandes ; aber Johannes erbarmte sich seiner Verlegenheit , und brachte ihn auf einen Text , der angenehmer war , - auf den Unterschied der deutschen und wälschen Lebensweise . Monsignore gerieth in verwickelte Abhandlungen , und Dagobert , nachdem er , guter alter Sitte gemäß , vor dem Altar des Hauses ein kurzes Gebet verrichtet hatte , machte Anstalt , wieder zu scheiden . - » In Kurzem bin ich wieder zurück , « sagte er zu Diether , der ihn schwer wieder von der Seite ließ : » und mir glückt ' s vielleicht , etwas zu gewinnen , das Euch lieb und genehm ist , mein Vater ! « - » Was kann mir lieber seyn , als Deine Nähe , und die des kleinen Hans ? « fragte Diether schmerzlich , sich umschauend : » So weit ich sehe durch das geräumige Haus , so fehlt doch immer die darinnen , welche fleißig hier waltete , ... eine ehrsame Hausfrau , bis mich der Satan beschlich . Nicht minder fehlt die Tochter .... ach , und diese wird immer fehlen , da ich in ihr die Schlange erkannt habe . Ich beklage nur ihr Schicksal , das meines Hauses so ganz unwürdig ist , und zu dessen Entscheidung Bitten und Dringen den Rath noch nicht vermögen konnte . Und das Kind der Unglücklichen .... « » O schweigt , schweigt : « fiel Dagobert rasch ein : » Ihr spracht wahr , ... sie ist eine Schlange , aber dieses Kind , von welchem Ihr redet , ist ihr fremd , - und gerade darum , ... o mein Vater .... ich wage es nicht diese Räthsel zu lösen , da ich nur einer mildern , günstigern Zeit es vertrauend überlasse ! Dem sey , wie ihm wolle ; Wallradens Haft bleibt ein Brandmal für unsre ganze Sippschaft , wenn wir sie nicht mit Gewalt zu Ende führen . Dieser Pflicht gilt mein heutiger Ritt , und es wird sich zeigen , ob ich Glück mitbringe oder getäuschte Hoffnung . « - Zum Lebewohl reichte er dem staunenden Vater die getreue Hand , und begegnete auf des Hauses Schwelle dem kleinen Hans mit Fiorillen . » Grüß Dich Gott , Mühmlein ! « rief er lustig : » Der Teufel ist mit Gottes Hülfe ausgetrieben , obgleich der Ohm noch im Oberstocke wohnt ; bete für mich , schöne Bekehrte , daß der Schwarze gänzlich aus dem Wege bleibt ! « - Florille deutete sorglich nach der Treppe , und winkte dem Jüngling Schweigen zu . » Ich sehe es gerne , « sagte sie flüchtig und scheu , » daß Ihr Eure Laune wieder himmelblau gekleidet habt , - aber die Vertraulichkeit , die Ihr mir zu Kostnitz schenktet , mäßigt vor der Eifersucht des Prälaten , und dem Ernste Eures Vaters , und den Lauerblicken des Gesindes . Ich verlange nun nichts mehr zu gelten , als eine Magd , und frage nur aus teilnehmenden Herzen nach der holden Esther , deren Haus so schmählich zu Grunde gieng . « - Dagobert flüsterte ihr in ' s Ohr , daß Esther sicher sey , und wollte fort . Da klammerte sich Hans an ihn , und fragte : » Schon wieder , lieb Brüderlein , willst Du scheiden ohne Gruß und Kuß für den armen kleinen Hans ? « - » Ach , Du armer Bube ! « redete Dagobert zu ihm , und zog ihn zu sich empor : » Du armes Unglücksmännlein ! kannst Du mir nicht sagen , wo der rechte Johannes ist ? « - Der Knabe sah ihn groß an , und erwiederte : » Ich verstehe Dich nicht , lieber Dagobert . Aber in der Erde oder im Himmel muß er seyn , glaube ich . « - » In der Erde , im Himmel ? « versetzte Dagobert düster : » O Du sagst die Wahrheit , Du armer Bube . « - » Was habt Ihr denn , guter Junker ? « fragte Fiorilla theilnehmend . - » Du verstehst mich auch nicht , Blümchen , « erwiederte Dagobert , seinen Trübsinn zum Scherz zwingend , und wollte Gott , ich verstünde mich selbst nicht , und wäre noch wie wohl sonst , und könnte hier den Buben lieb haben , wie sonst , und wüßte nicht .... aber wahrhaftig , ich rede thöricht Zeug , und wünsche doch nicht , daß Dein Mund meine Tollheit verrathe , meine Freundin . » Hörst Du ? « - » Habt Ihr nicht erfahren , daß ich schweigen kann ? « fragte Fiorilla entgegen : » Aber so gebt doch dem guten Jungen , der schon lange sein Mäulchen spitzt , einen Kuß , bevor Ihr geht . « - » Das will ich ; « sagte Dagobert , indem er dem Hans einen derben Schmatz aufdrückte : » Da , mein kleiner Hans ! Und wenn ich wiederkehre , bringe ich Dir einen Butterwecken mit , damit Du glaubest an meine Freundschaft . « - » O ja , « rief der Kleine fröhlich hüpfend : » Einen Wecken und die gute , liebe Mutter ; nicht wahr , Dagobert ? « - » Deine Mutter ? Deine gute , liebe Mutter ? « fragte Dagobert schnell und überrascht ; dann setzte er mit einem stillen Seufzer hinzu : » Ja , mein Hans , Deiner Mutter gilt auch mein Gang . Leb ' wohl ! « - Mit einem bittern Zug um den Mund stellte er den Knaben nieder , und eilte , was er nur konnte , dem Thore zu , unter dessen Schwibbogen Gerhard und Vollbrecht seiner harrten , denn der Mittag kam mit Macht heran . Der Hülshofner fluchte wie ein Heide über des Junkers langes Aussenbleiben , und behauptete : entweder sey der Gaudieb schon wieder seines Wegs zurückgekehrt , oder die Mittagssonne würde sie verschmachten lassen , bevor sie einen dienlichen Hinterhalt erreicht haben würden . Dagobert ermangelte nicht , ihm wie gewöhnlich Trost zuzusprechen , und seinen erkalteten Eifer anzufachen . Er verhieß ihm frischbelaubte , starkschattige Eichbäume , um sich darunter zu lagern , eine kühle Quelle , um den verdorrenden Gaumen zu netzen , und Abends , ob nun das Gelingen den Plan krönen würde , ob nicht , etwas Besseres , als kühles Wasser zur Erquickung . Diese Prophezeiungen willig für ein Evangelium haltend , trabte Gerhard dem voraneilenden Dagobert nach , der , seinen Gedanken nachhängend , wenig auf die vielen Fragen des Kämpfers erwiederte . Eine ziemliche Strecke von der Stadt entfernt , dem Gutleuthause gegenüber , fanden die Reiter gut , zu rasten . Aber da war nicht Eichbaum , nicht Quelle , sondern ein dürrer Erdaufwurf , hoch genug , Gaul und Reiter zu verbergen , umschattet von magern Schlehenbüschen , die dem kleinsten Sonnenstrahl willig den Durchgang ließen . Vollbrecht hatte jedoch in beträchtlicher Entfernung einige Gestalten auf dem krummlaufenden Wege bemerkt , die aus dem Forste zu kommen , und