nicht schmeckt . “ „ O , laß mich nur , Gretchen . Ich halte es schon aus bis zum Abend , wo wir ja das Fleisch haben , “ versicherte Ernestine und nahm ihre Näherei wieder auf . „ Ach Gott , wenn Du mir nur erlauben wolltest , hin und wieder eine kleine Unterstützung von meinem Vormunde anzunehmen . Er ist ja so gut , er würde uns so gerne etwas geben ! “ „ Gretchen , was er Dir gibt , das geht mich nichts an , “ sagte Ernestine streng , „ aber über meine Lippen kommt kein Bissen , der mir von ihm geschenkt wäre ; sowenig wie ich eines der beiden Kleider ange ­ nommen hätte , die er Dir schickte . Gretchen , es ist wohl hart von mir , denn ich zwinge Dich dadurch , mit mir zu darben , aber so Gott will , “ sie sprach den Namen Gottes mit mehr Ehrfurcht aus , als An ­ dere , die ihn zu nennen gewöhnt sind — „ so Gott will , wird es ja nicht mehr lange dauern . Ich werde doch endlich eine Stelle bekommen — und dann , Du armes , treues Kind , bist Du erlöst , kannst zurückkehren zu Möllners oder wohin Du sonst willst und Dein junges Leben genießen . Ich will Dir ’ s nur gestehen , Gretchen , ich habe vorgestern wieder an den Agenten nach Frankfurt geschrieben und ihn bestürmt , doch Alles für mich aufzubieten . Sollte sich denn in dieser großen , weiten Welt gar kein Platz für mich finden ? “ Sie fädelte mühsam eine Nadel ein und nähte emsig , aber schwerfällig weiter . Ein paar große Tränen fielen ihr auf die Arbeit nieder , sie wischte sie heimlich ab , Gretchen sollte sie nicht sehen . Es sah sie auch nicht , denn es räumte die Teller weg . „ Liebe Ernestine , “ sagte es , als es wieder hereinkam , „ ich muß nun fort , denn es hat halb Zwei geschlagen . Nähe nicht zu lang in die Dämmerung hinein und mach Dir keine trüben Gedanken . Es wird Dich schon Jemand haben wollen . Freilich wär ’ s besser gewesen , wir hätten in Frankfurt leben können , statt hier heraus nach Röthelheim zu ziehen . Dann hättest Du immer gleich selbst mit den Leuten sprechen können . Aber in Frankfurt war es zu teuer und hier hatte ich doch gleich eine sichere Stelle . Ach , wenn Dich die Menschen kennten , wie ich , sie würden sich um Dich reißen . Brächte ich nur meine gute Direktrice dazu , Dich einmal zu sehen , sie könnte Dir nicht widerstehen ! Nun lebe wohl , Liebste , Beste , — alle guten Geister seien mit Dir , daß Du Dich nicht fürchtest im Dunkeln , denn — Du weißt ja , wir haben heute Abend kein Licht ! “ „ Das tut nichts , Gretchen , da werde ich recht an Vater Leonhardt denken , der hat nie Licht , uns aber geht doch wieder die Sonne auf . “ „ Ja wohl , Ernestine , daran halte fest : Uns geht doch wieder die Sonne auf , “ rief Gretchen noch unter der Tür . „ In diesem Sinne ? Wer weiß ? “ dachte Ernestine schwermütig . Sie sah einen Augenblick unschlüssig nach dem kleinen , hochbeinigen Tisch hinüber , der ihr und Gretchen als Eß- und Schreibtisch diente . Sie hätte so gerne an Walter geschrieben . Es waren schon acht Tage her , seit sie einen Brief von ihm hatte und diese harmlose , wissenschaftliche Korrespondenz mit dem talentvollen , jungen Freunde war ihre einzige Freude , das einzige Band , das sie noch mit ihrem einstmaligen Beruf verknüpfte . Er gab ihr in jedem Briefe Rechenschaft über seine Fortschritte , forderte über Manches ihre Meinung zu hören und glühte stets für ihren Genius mit der gleichen Begeisterung . Sie konnte kaum der Versuchung widerstehen , so lange es noch hell war , an ihn zu schreiben , denn das Herz war ihr so voll von den wunderbaren Träumen dieses Morgens . Sie sehnte sich heraus aus der Prosa , die ihr wieder für Stunden alle Geister vertrieben hatte , wie man sich aus einer schmutzigen Umgebung sehnt . Aber ihr Blick fiel auf das so notwendige Kleid zurück , das fertig werden mußte : „ Nein , ich war heute morgen leichtsinnig und habe geträumt statt zu kochen . Ich will heute Nachmittag gewissenhaft sein und arbeiten . “ Sie setzte sich mit einem schweren Seufzer an das Fenster — und nähte so mühsam weiter , als habe sie mit der Nadel Worte für die Ewigkeit in eine Erzplatte zu stechen . „ Übung macht den Meister , “ so hatte sie in der Schrift gesagt , welche ihr die Aufnahme unter die Hörer der Universität in N * * verschaffen sollte . Damals ahnte sie noch nicht , welch traurige Nutzanwendung sie einst davon zu machen haben werde . Wenn sie nur die Schrift noch besäße , dachte sie . Die war in Möllners Händen geblieben und sie hatte versäumt , sie zurückzufordern . Was hatte er wohl damit angefangen ? Sollte sie ihn darum bitten ? O gewiß nicht . Er hatte ihr seit ihrer Flucht aus Hochstetten nur ein einziges Mal geschrieben und ihr später das Geld für ihr versteigertes Mobiliar geschickt , ohne ein Wort der Freundschaft , nur Geschäftssachen erörternd , die er mit einer Unbekannten ebenso verhandelt hätte ! — Und welch ein Brief war der erste nach ihrer Flucht gewesen ! Sie suchte ihn hervor , sie mußte ihn einmal wieder lesen , obgleich er so oft gelesen war , daß er kaum noch zusammenhing : Ich verstehe Dich , Ernestine . Ich habe es von Dir nicht anders erwartet . Es wäre ein Unrecht an unserer Zukunft , Deinen Gefühlen Zwang anzutun . — Gott wird mir auch in diesem Dilemma einen Ausweg zeigen ! Bis dahin lebe in Frieden und genüge einem Stolze , den nichts zu brechen vermag , davon habe ich mich überzeugt . Ich muß es der Zeit überlassen , ob er sich nicht in sich selbst verzehrt , ob ihm die Liebe nicht allmählich die Nahrung entzieht . Ich werde mich gedulden , wie ich es mußte , seit ich Dich kenne . Du trägst eine Macht in Dir , die ich bei keinem Weibe vorausgesetzt , mit der ich erst lernen mußte , zu rechnen . Ich gönne Dir den Triumph , den Dir dies offene Geständnis bereitet . Es ist eine armselige Freude im Vergleich zu dem Glück , das Dir die Liebe bereiten könnte , wenn Du sie nicht verschmähtest . Ach , Ernestine , wenn ich Dich aus Deinem Elend hätte an meine Brust , an meinen Herd nehmen dürfen , da wäre ich mir erschienen wie ein Gott . Ein dankbares Lächeln von Dir wäre mein höchster Lohn gewesen . Doch Du willst es anders , Du willst , nachdem Du es verschmäht , mir Opfer zu bringen — nun auch keine Opfer von mir annehmen . Du willst Deinem Gatten als ebenbürtig gegenüberstehen in jeder Hinsicht , es ist Dir unerträglich , eines Menschen Schuldnerin zu sein ! — Ich vergebe Dir diesen Stolz , denn er entspringt im Grunde nur aus übertriebener Bescheidenheit . Weil Du Dich selbst unterschätzest — weil Du keine Ahnung hast von dem mächtigen Reiz Deiner Persönlichkeit , von der beglückenden Kraft Deines Wesens — deshalb glaubst Du nicht , daß Du einen Schatz mitbringst , gegen den alle Reichtümer der Welt zu Nichts verschwinden . Ich bin vielleicht selbst Schuld daran , ich habe in meiner strengen Grundsätzlichkeit manche Gelegenheit versäumt , wo ich Dir diesen Glauben einflößen konnte . Aber Ernestine , das wahrhaft demütige Weib fragt nicht : wie viel empfange ich und wie viel kann ich vergelten ? Es nimmt liebend hin , was ihm liebend ge ­ boten wird , und findet ein Glück darin , dem Manne , der ihm Alles ist , auch Alles zu verdanken ! — Es gibt ihm , so viel es kann dafür und schmälert ihm nicht die edelsten Freuden : die , für sein Weib arbeiten und sorgen zu dürfen mit eigener Hand . Es trägt die Fessel der Abhängigkeit gerne , die eine solche Stellung ihm auferlegt , denn es empfindet sie nur als ein Band , durch das es um so fester mit dem Gatten verknüpft ist . Du kannst nicht so empfinden , Ernestine , es wäre unrecht , es von Dir zu fordern — und Du täuschtest Dich , wenn Du fürchtetest , ich würde Dich mit Gewalt zurückhalten . Gewalt brauchte ich nur so lange es galt , Dich einer Gefahr zu entreißen . Aber von nun an sind Deine Wege sicher ; die Welt wird Dir , wohin Du kommst , nur eine Schule sein und einer solchen bedarfst Du ! So lenke Deinen Schritt , wohin Du willst und erprobe das Recht der freien Selbstbestimmung , um das Du Dich so hartnäckig wehrtest . Ich will nichts er ­ zwingen , was nur beglücken kann , wenn es freiwillig gegeben wird . Du hattest daher nicht zu fliehen und meiner Mutter , die Dich so treu gepflegt , nicht den Abschiedsgruß zu weigern gebraucht . Es tat ihr weh , daß Du sie so verlassen konntest , die es so gut mit Dir vorhatte ! Von dem , was ich gefühlt , als ich statt Deiner die wenigen Zeilen in Deiner verlassenen Wohnung vorfand , will ich schweigen , es gehört nicht hierher , Du mußt die Würde Deines Geschlechtes wahren — und bei einer so wichtigen Aufgabe kommt ein zerstörtes Lebensglück nicht in Betracht ! Lebe in Frieden ! Und kann ich Dir in irgend etwas förderlich sein , so gebiete über mich . Johannes Sie war Gretchen ohnmächtig in die Arme gesunken nach Empfang dieses Briefes . Dann kam der Name Möllners nicht mehr über ihre Lippen — und es waren seitdem fast fünf Monate verstrichen . Vor sich selbst hatte sie ihn nicht erwähnt , als wenn sie einen besonderen Anlaß dazu hatte , wie soeben , wo es sich um ihre Schrift handelte . Aber auch dann strafte sie sich dafür , indem sie ihre Gedanken schnell auf etwas Anderes lenkte . Woher die Tränen kamen , die ihr dann immer über die Wangen rieselten ? Die starre Hülle , die sie um ihr Herz gezogen , hatte doch irgend einen verborgenen Riß und der Schmerz sickerte durch , ohne daß sie es wußte , bis er ihr in schweren Tropfen vom Auge fiel . — Ihre steifen , kalten Hände zitterten , da sie sich mit dem Tuche abwischte . Sie würgte standhaft die Tränen hinunter , die immer reicher quollen , sie dachte , es sei nicht geweint , wenn man die Tränen hinunterschlucke , die das Herz vergießt . Sie wußte nicht , daß das ein doppelt bitteres Weinen sei ! So kam die Dämmerung mit ihren Schatten . Ernestine sah nicht mehr zur Arbeit . Sie hatte noch ein Endchen von einer Kerze und zündete es an , aber es brannte kaum eine halbe Stunde . Dann verlosch es und tiefes Dunkel umgab sie . Sie fing an , die schmalen Betten abzudecken , die an der Rückwand des Zimmers standen . Sie erinnerte sich dabei der guten Willmers . Es war doch edel von Möllners , daß sie die treue Frau in ihre Dienste genommen hatten . Da war sie schon wieder mit ihren Gedanken bei ihm ! Welche Schwäche ! Es wurde immer dunkler in dem engen Raume . Die Scheiben begannen zu frieren und die Eisblumen glitzerten in Regenbogenfarben im Scheine eines Lämpchens , das drüben bei den Nachbarn angezündet ward . Die waren wohl reicher als Ernestine — denn die hatten doch Licht . Sie hatten freilich das Petroleum nicht an den Salat gegossen , sie hatten aber auch nicht die Schneekönigin zum Besuch gehabt ! Ernestine setzte sich müde an ihr Bett und ließ den Kopf auf die Decke sinken . Es dachte sich viel besser , wenn der Körper so willen ­ los ruhte . Wie elend hatte sie vor sechs Monden auf ihrem schwellenden Lager in Hochstetten gelegen . Und wie hatte sie sich um ihr Leben gesorgt . Wäre denn an diesem Leben so viel verloren gewesen ? Da war es ihr , als faßte eine weiche , kräftige Hand die ihre und ein rascher , ängstlicher Atem wehte sie an . Sie kannte diesen reinen , warmen Hauch , der so oft mit teilnehmenden Fragen über ihr heißes Gesicht hingeglitten war und kannte diese schwere und doch so milde Hand , die sich so oft auf ihr Herz gelegt , um seinen Schlag zu prüfen . Und sie hätte sie nur zu halten gebraucht , diese schützende , pflegende Hand , so säße sie jetzt nicht einsam im Finstern ! — „ O Johannes ! “ rang sich ’ s aus ihrer Brust hervor und sie streckte die Arme aus mit schmerzlicher In ­ brunst . — Da stolperte etwas die Treppe herauf , das konnte nicht Gretchen sein . Es klopfte an die Tür . „ Wer ist da ? “ rief Ernestine erschrocken . „ Briefträger , “ ertönte von Außen eine rauhe Stimme . „ Ach , das ist eine Nachricht vom Agenten . “ Ernestine öffnete hastig . „ Vier Kreuzer ! “ sagte der Mann , ihr den Brief übergebend . Ernestine stand ratlos . „ Hat er nicht frankiert ? „ Mein Gott — ich , ich habe nicht einen Kreuzer bei mir . Wir bekommen erst morgen wieder Geld . “ — „ Nicht einmal vier Kreuzer und kein Licht ? Hm , hm ! Solch schöne Damen und keinen Kreuzer in der Tasche ? Na , wissen Sie — Sie können mir ’ s morgen zahlen . Ich gebe Ihnen schon so lange Kredit . “ „ Ich danke Ihnen , — Sie sind sehr freundlich ! “ stammelte Ernestine in tiefster Beschämung . Soweit war sie gekommen , daß sie dem Postboten das Porto schuldig bleiben mußte . „ Haben Sie denn nicht einmal ein Licht , daß Sie mir hinunter leuchten könnten ? Man bricht ja auf der steilen Treppe Hals und Bein . “ „ Kommen Sie , ich führe Sie hinab . Ich kenne den Weg — und ich muß doch hinunter und meinen Brief bei einer Laterne lesen . “ „ Du lieber Gott , was für eine Armut . Gehen Sie doch zu den Hausleuten hinein , die werden Ihnen schon ein altes Stümpchen geben . “ „ Nein , das will ich nicht . Es sind keine anständigen Leute da unten , ich mag mit ihnen nichts zu tun haben . Je ärmer man ist , desto stolzer muß man sein ; sonst sinkt man zu tief ! Sie sind ein braver Mann , Herr Bittner , Sie werden es Niemanden erzählen , wie Sie es bei mir gefunden . “ „ I nu , nein ! Aber geholfen sollte Ihnen doch wohl ein Bischen werden , “ meinte der Mann im Hinuntersteigen , „ ich sehe ja , seit Sie hier sind , wie schwer Sie sich durchbringen . Na , mich geht ’ s nichts an . Ich kann nur wünschen , daß was Gutes in den Briefen steht , die ich bringe und das wünsche ich Ihnen recht von Herzen . Guten Abend ! “ „ Gott geb ’ s ! “ sagte Ernestine und trat auf die Straße heraus , um beim Schein einer Gasflamme den Brief zu lesen . Wieder rieselte feiner Schnee herab . Die unsicher vorbeigleitenden Menschen sahen sie verwundert an . Das Blut stieg ihr vor Scham in die Stirn , aber sie konnte es nicht erwarten , den Inhalt kennen zu lernen , sie wußte ja , daß dieser Brief ihr Schicksal enthielt . Er war von dem Agenten in Frankfurt , der ihr eine Stelle verschaffen sollte und lautete kurz und bündig : Mein Fräulein ! Sie wollen von mir reinen Wein eingeschenkt haben , wie es kommt , daß ich keine Stelle für Sie ausfindig machen kann . Sie sollen ihn haben , denn ich lese sehr wohl zwischen Ihren Zeilen , daß Sie eine Lässigkeit bei mir voraussetzen , deren ich mich noch Niemandem , aber am wenigsten Ihnen gegenüber schuldig gemacht . Sie , mein Fräulein , sind lediglich selbst Ursache , wenn es mir schwer fällt , Sie zu plazieren . Eine Dame , die in einem so unvorteilhaften Rufe steht wie Sie , wird kein Agent der Welt in einem guten Hause unterbringen können . Niemand will das Wohl seiner Kinder den Händen einer Erzieherin anvertrauen , die gegen die Religion und für die Frauenemanzipation geschrieben hat wie Sie . Sie versichern mir freilich , Sie hätten Ihren Sinn ge ­ ändert und verwürfen diese Schriften jetzt selbst . Aber wer wird an ein solches von der Not abgezwungenes Bekenntnis glauben ? Außerdem haben Sie sich in Ihrer Zeitungsannonce auf den Prorektor der Universität in N * * berufen , ohne einen Namen zu nennen . Ich kann nur annehmen , daß Sie sich in der Person des Betreffenden geirrt haben , denn der jetzige Prorektor ist ein Professor Herbert , der Ihnen das allerschlechteste Zeugnis gibt und Ihnen schon drei gute Aussichten vernichtet hat , indem er die Leute ohne Weiteres auf Ihre atheistischen Schriften aufmerksam machte , nach deren Lektüre Sie dann Keiner mehr wollte . Ernestine ließ erschrocken die Arme sinken . Sie hatte aus Zartgefühl Möllners Namen in den Zeitungen nicht nennen wollen — aber gar nicht bedacht , daß in diese Zeit der alljährliche Wechsel des Prorektorats fiel ! Sie erinnerte sich , wie tödlich sie Herbert verletzt habe an jenem Abend bei Möllner , wo sie ihn ihre ganze Überlegenheit so siegreich fühlen ließ , und sie begriff sogleich , daß beleidigte Eitelkeit nie vergibt , daß sie sich an diesem Manne einen unversöhnlichen Feind gemacht hatte . Doch das war nur Nebensache . Wer vorwurfsfrei gelebt , dem könnte kein Feind etwas anhaben . Es war ihre Schuld , wenn Herbert durch sein Zeugnis ihre Aussichten vereitelte . Hatte er sie denn verleumdet ? Hatte er nicht einfach auf die Bücher hingewiesen , die sie geschrieben ? Sie hatte das Messer selbst geschliffen , das sich jetzt in der Hand dieses Menschen wider sie kehrte ; — sie durfte nicht ihn — nur sich selbst anklagen . So nackt war ihr das Gespenst ihrer Vergangenheit noch nie vor Augen getreten . Da stand sie , die sich dem Kampfe mit einer Welt gewachsen gefühlt , hungernd und frierend im Schnee und las bei einer Straßenlaterne das Anathema , das die Gesellschaft über die Revolutionärin ausgesprochen . Der Lauf der allgemeinen Ordnung , dem sie sich so vermessen entgegengestemmt , war über sie weggegangen und hatte sie unter seinem eisernen Tritte begraben . Sie war nichts mehr als ein hilfloses , verlassenes Weib . Sie war fast unfähig , weiter zu lesen . Sie hielt das Blatt in den zitternden Händen , ohne die wenigen Worte des Bedauerns , die der Agent noch folgen ließ , entziffern zu können . Der immer dichter fallende Schnee durchnäßte das Papier , daß die Buchstaben in einander flössen und der rauhe Wind schlug es ihr fortwährend um . Ihre Füße waren steif vor Kälte , sie wandte sich wieder dem Hause zu und tastete sich die dunkeln Treppen hinauf . Gretchen blieb auch heute gar so lange aus . Sie sehnte sich nach ihrem Trost und Rat , nach der Nähe des einzigen fühlenden Wesens , das sie noch auf Erden besaß . Aber was sollte denn nun werden ? Sie konnte doch nicht noch länger dulden , daß dies junge frische Leben seine besten Tage und Kräfte hingab , um sie zu ernähren ? Sie konnte doch nicht noch länger von der Güte dieses Kindes abhängen ? Was sollte sie beginnen ? Sollte sie von Tür zu Tür betteln ? Wie konnte sie sich durch Arbeit ernähren , da sie keine der Geschicklichkeiten besaß , wodurch etwas zu erwerben gewesen wäre ? Sie hatte in den wenigen Monaten , seit sie mit Gretchen zusammen war , nur das Nötigste gelernt . Sie hatte ja keine Ahnung gehabt , wie schwer diese Dinge seien , die sie immer für so nichtig gehalten . — Sie war an der haarscharfen Grenze angelangt , wo der Mensch die Würde vor sich selbst einzubüßen Gefahr läuft , wo er kämpft ums nackte Leben ! Sie rang die Hände und rief in die Nacht hinaus : „ Gott , Gott erbarme Dich doch und zeige mir einen Weg aus dieser Erniedrigung ! “ Aber dann stieg wieder der bittere Zweifel in ihr auf : Würde er sie hören , die ihn nie gehört ? Konnte er ihr verzeihen ? Und sie ging ängstlich im Geiste die Schriften wieder durch , in denen sie seinen Namen , gelästert und ermaß an der Größe der Beleidigung die Größe ihrer Strafe — und sie fand , daß ihr nur ihr Recht geschehen sei ! „ O halte ein , Gott der Gnade — halte ein und erbarme Dich der reuigen , zerknirschten Seele ! “ bat sie zagend wie ein Kind . Aber keine Hoffnung auf Erhörung kam in ihr Herz . O , hätte sie es damals geahnt , als sie jubelte über das Aufsehen , welches jene Schriften machten — daß diese Ehre einst ihre Schande , daß dieses Glück einst ihr Verhängnis würde ! Kein Vor ­ wurf gegen ihren Oheim war über ihre Lippen gekommen . Sie fluchte ihm nicht , als er ihr Vermögen stahl — das hatte er gesühnt mit dem Tode ; was er aber nicht im Tode sühnen konnte , das war das Verbrechen an ihrer Seele , — Um deswillen fluchte sie ihm noch über das Grab hinaus ! Welch glückliches Weib konnte sie werden , wenn er sie nicht nach einem Gute lüstern gemacht hätte , das kein Weib erreicht . Wieviel edle Freunde konnte sie sich gewinnen , hätte er sie nicht zur Menschenfeindin erzogen , — und nun , wo es galt , sie vor dem Elendesten , dem Hunger zu retten , war es der böse Geist seiner Lehren , der ihr noch das Stück Brot , das sie sich erwerben wollte , von den Lippen riß ! Als Gretchen endlich heimkam , fand es die stolze Gestalt zusammengekauert mit gefalteten Händen vor dem Herde sitzen und in das Feuer starren , das sie einstweilen entzündet , um ihre nassen Füße zu wärmen und das Abendessen zu kochen . „ Was tust Du , liebe Ernestine ? “ fragte sie besorgt . „ Ich bete ums tägliche Brot ! “ erwiderte sie dumpf . Mit tiefem Schmerz erfuhr das Mädchen die Ursache von Ernestinens Verzagtheit und Trostlosigkeit . Es begriff wohl , daß diese Untätigkeit und Abhängigkeit für eine Natur wie Ernestine der Tod sei , daß alle die Opferfreudigkeit und Liebe , die es ihr zeigte , nicht hinreichen konnte , Ernestinen darüber zu beruhigen , daß sie überhaupt einem lebenden Wesen zur Last falle . Aber es wußte keinen Rat . Das Einzige , was Ernestine tun konnte , um selbständig etwas zu erwerben , war vielleicht : Abschreiben . Aber wer brauchte in dem kleinen Städtchen einen Abschreiber ? Und was sollte werden , wenn Ernestine gar nichts verdienen konnte ? Sie hatten bereits vieles Entbehr ­ liche verkaufen müssen , um das Notwendige zu beschaffen . Das bescheidene Lehrerinnenhonorar , das man Gretchen in dem Institute bezahlte , reichte nicht allein hin , um sie auf die Länge vor noch größerem Mangel zu schützen . Gretchen konnte und wollte sich ja gerne Alles versagen , aber es konnte Ernestinen nicht leiden und darben sehen , die ohnehin der Erholung und Stärkung so dringend bedurfte ! Eine Unterstützung von Möllner oder Hilsborn sollte es auch nicht annehmen , das hatte es Ernestinen in die Hand versprechen müssen . Was war zu tun ? Nach einer langen schlaflosen Nacht stand Gretchen noch vor Tage auf und da Ernestine endlich entschlummert war , nahm es Tinte und Papier in die Küche hinaus und schrieb beim ersten Morgengrauen an Hilsborn . Es schrieb lange und hastig und manche Träne fiel auf den Brief , die Ernestine schwer auf die Seele gefallen wäre , hätte sie sie gesehen . Es hatte ihn beendet , ehe Ernestine erwachte und seine Augen glänzten schon wieder hell , als hoffe es von diesem Briefe alles Heil . „ Gretchen , “ sagte Ernestine , da sich das Mädchen über sie neigte und ihr den Morgenkuß bot : „ Du bist so heiter ! Fühlst Du denn gar nicht die Schwere der Last , die Du an mir mit herumschleppen mußt ? “ „ Ach Ernestine , “ rief Gretchen . „ So lange ich Dich noch habe , so lange freue ich mich Deiner — und wenn ’ s auch noch so traurig um uns ist ! “ Ernestine betrachtete das Mädchen sinnend : „ Gretchen , in Deiner Treue und Hingebung liegt eine Größe , die ich nie gekannt , und jetzt begreif ’ ich , was Johannes die wahre Weiblichkeit nannte . Diese Weiblichkeit , die mir Dein Vater nahm , Du , sein Kind , gibst sie mir wieder ; wieviel Du auch für mich getan , das ist das Höchste , und damit hast Du ein reiches Teil von seiner Schuld gesühnt . “ Gretchen atmete auf : „ Ach , mein ’ ich doch bei diesem Wort , es stiegen alle Engel zu mir nieder und sprächen : Du hast Gnade für Deinen Vater erwirkt ! Ernestine , Du stehst im Bund mit höheren Mächten , sonst könntest Du nicht solchen Himmelstrost in ein so schwer bedrängtes Kindesherz gießen ! Wahrlich , wahrlich , wenn Dein ernstes Auge so freundlich auf mich blickt , ist mir ’ s wie eine Erlösung für die arme Seele meines Vaters . Was könnte ich für Dich tun , das diese Wohltat aufwöge ? “ Siebentes Kapitel . Die dritte Macht . „ Was die Faust nicht tut , das tut der Geist , was der Geist nicht tut , das tut die Liebe ! so meinte er , “ sagte Ernestine . Ihre Gedanken waren unwillkürlich wieder zu Johannes geschweift . „ Ich wollte , ich dürfte dem Herrn Pfarrer seine Predigten schreiben , statt sie abzuschreiben , welch schöner Text wäre das . “ Sie hatte diese Worte über den Tisch hinüber gesprochen , wo Gretchen mit Anfertigung des neuen Kleides beschäftigt war , das ihr Hilsborn geschickt hatte . „ Hast Du ihm denn den Vorschlag nicht gemacht ? “ fragte Gretchen scherzend . „ Wenn er nicht so eitel wäre , würde ich es allerdings tun . So aber würde es ihn wohl beleidigen . “ „ Das denk ’ ich auch ! “ lachte Gretchen . „ Ist es nicht eine Ironie des Schicksals , “ sagte Ernestine und schnitt sich eine Feder , „ daß ich , die fast ihr ganzes Leben durch keine Predigt anhörte , nun solche abschreiben muß , um mir mein Leben zu fristen ? Nein — es ist keine Ironie , “ fügte sie ernst hinzu , „ auch das ist nur eine Gerechtigkeit ! “ Sie ließ die Feder wieder emsig über das Papier fliegen . Nach einer langen Pause richtete sie sich auf und holte tief Atem : „ O Gott , ich habe Alles gelernt , entsagen und beten — aber das Schwerste blieb mir noch zu lernen : die Geduld ! “ „ Es ist aber auch eine entsetzliche Geduldsprobe für einen Geist wie der Deine , die Gedanken eines Anderen nachschreiben zu müssen , “ meinte Gretchen . „ Ach , wären es nur Gedanken , aber es sind ja nichts als leere Worte . Und ich darf sie nicht einmal verbessern ! O , es ist in Wahrheit geistestötend . “ Sie schrieb weiter , plötzlich hob sie den Kopf : „ Die Religion sollte wenigstens in den Händen der Frauen sein , wenn man ihnen auch Wissenschaft und Politik verschließt . Die Religion ist Sache des Gefühls und das Gefühl ist Sache der Frau . Die Demut , die Ergebung und Opferfähigkeit , die das Christentum fordert , sie wurzelt im weiblichen Herzen und ein weiblicher Mund würde sie beredter lehren , als ein männlicher . Warum soll die Zunge der Frau nicht würdig sein , das Wort Gottes zu verkünden ? Warum ? “ Sie unterdrückte einen Seufzer . „ Ach , da ergreift mich wieder der alte Zorn ! Doch ich will schweigen , so selbständige Gedanken passen sich nicht für einen Abschreiber ! “ Sie wollte fortarbeiten , aber sie war rot vor Entrüstung und die Tränen stürzten ihr aus den Augen : „ Ach , Gretchen , ich werde ihn nie verwinden , er kocht immer neu auf , der Schmerz um unser verfemtes Geschlecht . Es ist und bleibt so , — jede Gedankenberührung trifft einen wunden Fleck in meiner Seele ! “ Gretchen legte ihr die Hand auf die Schulter : „ Liebe Ernestine , wir wollen später über das unglückliche Thema sprechen . Jetzt bedenke , daß der Herr Pfarrer die Abschrift auf vier Uhr bestellt hat . “ „ Du hast Recht — ich will sie fertig machen ! “ sagte Ernestine und tauchte die Feder ein . „ Nein , den Unsinn kann ich