fiel in die Hände eines großen Mannes , der den Stil etwas umänderte und einen Teil davon , als Fragment eines unbekannten Verfassers , herausgab . Bis jetzt wissen es nur drei lebende Menschen , daß ich der Urheber bin . « In diesen Worten Thaers wird weder Lessing genannt , noch mit Bestimmtheit angegeben , welches der » Fragmente eines Wolfenbüttelschen Unbekannten « Thaer für sich in Anspruch nimmt ; es ist aber nach den scharfsichtigen und sehr eingehenden Untersuchungen W. Körtes , des Thaerschen Anverwandten und Biographen , sehr wahrscheinlich , daß die kleine , bis dahin Lessing zugeschriebene Schrift » Über die Erziehung des Menschengeschlechts « eine Jugendarbeit Albrecht Thaers ist , die , von Leisewitz an Lessing übergeben , von diesem teils überarbeitet , teils fortgesetzt wurde . Fast gleichzeitig mit diesem Aufsatz schrieb Thaer seine Doktordissertation . Sie erschien 1774 zu Göttingen unter dem Titel : » De actione Systematis nervosi in febribus « . Bald darauf kehrte er in seine Vaterstadt Celle zurück , um sich daselbst als praktischer Arzt niederzulassen . Hier hatte er zunächst durch eine harte Schule zu gehen . Weder gefiel die Stadt ihm , noch er der Stadt . Ihm erschien alles klein , beschränkt , krähwinklig ; er erschien allen eitel und eingebildet . Seine Jugend und das noch Unentwickelte seiner Erscheinung ließen ihn , bei den Ansprüchen , die er erhob , fast in komischem Lichte erscheinen und an die Stelle der Auszeichnungen , die ihm in Göttingen so reich zuteil geworden waren , traten nun Kränkungen . Der Prophet galt nichts in der Heimat . Jahre vergingen in Unmut und Unbefriedigtheit , aber seine bedeutende ärztliche Begabung drang doch endlich siegreich durch und vor Ablauf von fünf oder sechs Jahren sah er sich , als der bedeutendste Arzt in Celle , hochgeehrt und von allen gesucht . Sein alter Vater , der noch weiter praktizierte , fand einst Gelegenheit , sich von dem wachsenden Ruhme des Sohnes zu überzeugen . Jener nämlich begegnete , als er eben seine Krankenbesuche beginnen wollte , einem Bauer auf der Treppe und folgendes Zwiegespräch griff Platz : Zu wem will Er ? Is woll de Doktor Thaer to Huus ? Ick bin krank un möcht em spräken . Ich bin der Doktor Thaer . Ja , he is de olle ; ick will abersch den jungschen spräken , de is klöger . Vater Thaer lachte und gönnte dem Sohn seinen Triumph . Um diese Zeit etwa hatte Thaer auch in Gemeinschaft mit Leisewitz seine erste Reise nach Berlin gemacht und Spalding , Mendelssohn , Engel , Nicolai , Madame Bamberger ( » eine Frau , die über die abstraktesten Materien der Philosophie rosenfarbenes Licht und Grazie zu verbreiten weiß « ) kennengelernt . Es war von einer Übersiedelung nach Berlin die Rede , aber es zerschlug sich wieder . Bald nach seiner Rückkehr nach Celle lernte er Philippine von Willich , eine Tochter des Vizepräsidenten am Oberappellationsgericht zu Celle , Georg Wilhelm von Willich , kennen und nachdem er das Glück gehabt hatte , sie von einer schweren Krankheit wieder herzustellen , erfolgte 1785 die Verlobung und im folgenden Jahre die Vermählung des jungen Paares . Thaer war damals Stadtphysikus und Hofmedikus , und genoß eines großen ärztlichen Ansehens . Aber sein ärztliches Wirken genügte ihm nicht . Er hatte in seiner Dissertation die Heilkunst als das Herrlichste , Angenehmste , ja , innerhalb aller menschlichen Bestrebungen Nützlichste gepriesen ; je mehr er jedoch fortschritt , desto zweifelhafter erschien ihm der Anspruch auf das Lob , das er gespendet , und desto mehr beschlich ihn die Vorstellung , daß eine andere , segensreichere Kunst da sein müsse , herrlicher , nützlicher , heilender , als die Heilkunst . Nach dieser Kunst begann sein Herz zu suchen . Er fand sie . Aber erst allmählich und von Stufe zu Stufe . Als die schönste , segensreichste Heilkunst erschien ihm der Ackerbau . Ihrem Dienste beschloß er sich zu widmen . Von kleinen Anfängen ging er aus . Er hatte sich in Celle ein geräumiges Haus mit einem sehr großen Hofraum gekauft , welchen er zu einem kleinen Garten benutzte . Er wandte sich alsbald mit Vorliebe der Blumenzucht zu und bezeigte ein besonderes Geschick und eine glückliche Hand im Variieren von Nelken und Aurikeln . Es sprach sich hierin schon dieselbe Neigung für das » Prinzip der Kreuzung « aus , das er später , innerhalb der Tierwelt , so glänzend durchführte . Der kleine Raum hinterm Hause genügte dem » Hofmedikus « bald nicht mehr ; er kaufte einen größeren vor dem Tore gelegenen Garten mit einem daranstoßenden Kamp von meist dürrem Flugsandboden , aber mit schönen Gruppen alter Eichen und Buchen besetzt . Garten und Kamp umfaßten sechzehn Morgen und der Bebauung und Verschönerung dieses Fleckchens Erde waren von nun an alle seine Mußestunden gewidmet . Akazien , Lärchenbäume , Pappeln wurden gepflanzt ; Weißdorn- und Buchenhecken zogen sich als lebendiger Zaun um die Anlage ; Rasenflächen wurden geschaffen und Obstbaumplantagen angelegt . Dazwischen Fruchtsträucher aller Art. Gartenbau trat an die Stelle der Pflege von Nelken und Aurikeln – aus dem Blumisten war ein Gärtner geworden . So ging es eine Weile . Aber wie ihm das Blumenbeet zu beschränkt geworden war , so wurde ihm jetzt der Garten , trotz seiner relativen Größe zu klein . Er kaufte deshalb in kurzer Zeit noch so viele Ländereien hinzu , daß alles zusammen eine zwar bescheidene , aber ziemlich anständige Wirtschaft ausmachen konnte . Diese Wirtschaft lag nur eine Viertelstunde vor dem Tore , zog sich am Allerfluß entlang und umfaßte ungefähr 110 Morgen unterm Pfluge und 18 Morgen natürliche Wiesen . Da er kein Wirtschaftsgebäude vorfand , so entwarf er einen Plan zu einem » Gehöft « und ließ Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude nach seinem eigenen Plane aufführen . Er hatte dabei überall nur das Zweckmäßige , nirgends die Eleganz im Auge und verfuhr ganz nach der Regel des M. P. Cato : » Baue dein Gehöft so , daß es weder den Gebäuden an Ländereien , noch den Ländereien an Gebäuden fehlt . « Der Boden bestand aus Lehm und Sand ; drei Arbeitspferde und vierzehn Kühe wurden angeschafft und zwei Knechte und zwei Mägde in Dienst genommen . So war Thaer , nachdem er die Stadien des Blumisten und Gärtners durchgemacht hatte , zum Landwirt geworden . Er blieb noch Arzt , sogar ein vielbeschäftigter , vielfach ausgezeichneter ( 1786 ward er zum Leibarzt des Königs Georg III. ernannt ) , aber sein Herz , sein Sinnen und Trachten gehörte der » Wirtschaft « draußen und die Sommermonate pflegte er , samt seiner Familie , auf dem » Gute « zu wohnen . Sein Leben war ein sehr angestrengtes ; die Frühstunden von vier bis sieben und der Spätabend gehörten seinen landwirtschaftlichen Studien , der Tag seinem ärztlichen Beruf . Nur die Passion half über alles hinweg . Es lag ihm zunächst daran , seiner Umgebung augenscheinlich darzutun , daß es einen Ackerbau gebe , der vollkommener und ergiebiger sei , als der , welchen man im Celleschen Felde betreibe . Er wollte durch sein eigenes Beispiel zeigen , wie man den Ackerbau , mit höchstem Unrecht , nur als ein Handwerk , ja oft noch geringer ansehe , in der Meinung , daß weniger Kunst dazu gehöre , einen Acker zu bestellen , als einen Schuh zu machen . Er wollte die Betreibung dieses wichtigen , verwickelten , dieses unerschöpflich künstlichen Gewerbes zu wohlverdienten Ehren bringen . Er stellte sich bei seiner kleinen Wirtschaft einen doppelten Zweck : den zum Teil widerstrebenden Boden in eine möglichst hohe Kulturstufe zu heben und vor allem eine Experimental-Wirtschaft zu seiner eigenen Belehrung und Förderung zur Hand zu haben . Selbstdenkend , aber auch Rat nicht verschmähend , wie gute Bücher oder bewährte Landwirte ihn boten , ging er ans Werk . Er belächelte die Bauernweisheit , die damals , häufiger noch als jetzt sich in dem Satze gefiel : » Ein günstiger Regen ist besser , als alles Geschreibse der Federfuchser « , und zu seinen Lieblingssätzen gehörte der Ausspruch Zimmermanns : » Ein Trommelschläger , der in zwanzig Schlachten trommelte , weiß doch weniger vom Kriege , wie König Friedrich , als er eine gewonnen hatte . « Gegen die Trommelschläger , die in zwanzig Schlachten getrommelt , zog Thaer jetzt zu Felde ; auch seine ärztliche Praxis mochte ihm gezeigt haben , daß es mit der » Erfahrung « untergeordneter Natur ein eigen Ding sei und daß sie nur da belehre , wo eine Neigung vorhanden sei , sich belehren zu lassen . Wo diese Neigung fehlt , glauben die Männer der Erfahrung wohl an Tücken der Natur , aber nie an Fehler des Systems . Thaer begann die Anfänge einer rationellen Landwirtschaft in seinem Kopfe allmählich auszuarbeiten und fing mit der Aufstellung gewisser Probleme an . Das erste Problem , dessen Lösung er zustrebte , war folgendes : die größte Masse zur tierischen Nahrung geeigneter Pflanzen auf einer bestimmten Fläche Landes zu gewinnen . Das zweite nicht minder wichtige Problem bestand darin : die verschiedenen Fruchtkräfte jedes Bodens für die verschiedenen , dieser Fruchtkräfte bedürftigen Fruchtarten so viel als möglich und in einer der Regeneration des Absorbierten günstigen Wechselfolge zu benutzen . Also die Brache entbehrlich zu machen . Die Lösung des ersten Problems fand er im Anbau der Futtergewächse , ganz besonders der Kartoffel , die Lösung des zweiten Problems in der seitdem siegreich durchgedrungenen » Lehre von der Fruchtfolge « . Für die Kartoffel trat er überall in die Schranken und widerlegte alle Vorurteile . Er wies darauf hin , daß die Irländer die stärksten und ältesten Kartoffelesser und zugleich , unter allen europäischen Rassen , vielleicht die gesundeste , kräftigste und schönste seien ; und dem Grafen Podewils , der ihn auf diesem Gebiete freundlich bekämpfte , antwortete er in späteren Jahren : » Der Herr Graf ist mein sehr verehrter Freund , aber der Kartoffelbau ist mein Kind . « Seine Lehre von der » Fruchtfolge « stieß anfangs auf vielen Widerspruch , und da er seine eigenen Felder danach bestellte , prophezeite man ihm , daß seine Äcker nach vier Jahren völlig ausgesogen sein würden . Thaer ließ sich das nicht anfechten . Schon Friedrich der Große hatte sich seinerzeit für ein rationelles aber konstantes Tragen der Felder ausgesprochen und den Widerspruch mit den Worten zurückgewiesen : » Seh Er doch nur sein Gartenbeet an , wie das alljährlich trägt . « Thaer war gewillt , die treffende Bemerkung des Königs sich selber gesagt sein zu lassen . Er überzeugte sich alsbald , daß der Acker nicht dadurch ausgesogen wird , daß man ihn alljährlich tragen läßt , sondern dadurch , daß man ihn nicht das tragen läßt , was er zur Wiederherstellung seiner Kräfte bedarf . Es führte das später zu dem Axiom , daß den Acker , wie den Menschen , nichts so sehr entnerve und aussauge , als das Nichtstun , das Nichttragen . Aber auf das richtige , das ihm passende Tragen kommt es an . Das System des Fruchtwechsels , das , um es zu wiederholen , die Brache entbehrlich machte , trat nunmehr siegreich ins Leben , wiewohl zunächst nur mangelhaft und weitab von dem Grade von Vollkommenheit , dem es später entgegenging . Thaer überzeugte sich alsbald , daß es mit dem bloßen Saat- und Fruchtwechsel an und für sich nicht getan sei , daß vielmehr eine genaue Kenntnis des Bodens vorausgehen müsse , um die für eine bestimmte Örtlichkeit jedesmal vorteilhafteste Produktion von vornherein feststellen zu können . Wenn mancher Landwirt immerfort klagte , » daß sein Lein fast alljährlich mißrate « , so lachte Thaer , daß der Betreffende ohne alle Not unverbesserlich darauf aus sei , seinen Lein selber bauen zu wollen , und setzte hinzu : » Ein Landwirt , der alles baut , was er braucht , ist ein Schneider , der sich seine Schuhe selber macht . « Thaer verlangte von jedem Boden etwas , aber er verlangte nicht alles von allem . Wo kein Lein wachsen wollte , da gab er es auf , einen kümmerlichen Ertrag desselben zu erzwingen , und den Boden genau untersuchend , der eine Leinernte verweigerte , stellte er nunmehr fest : auf einem Boden von der und der Beschaffenheit hat sich der Fruchtwechsel in dem und dem Kreise zu drehen , unter Ausschluß von Lein . Glücklicherweise begann eben damals die Wissenschaft , welche ganz besonders zur Bodenkenntnis hinführt , die Chemie , sich zu jener Stufe hoher Ausbildung zu erheben , auf der wir sie jetzt erblicken . Thaer widmete ihr die größte Aufmerksamkeit , und die chemische Zusammensetzung der verschiedensten Bodenarten mit ihrer speziellen Tragfähigkeit oder Unfähigkeit vergleichend , glückte es ihm , seine speziellen Erfahrungen zu allgemeinen Gesetzen zu erheben . Die Frucht aller dieser seiner Anstrengungen war , daß er auch seine schlechtesten Felder nutzbar zu machen wußte und jeden Boden , nach Verhältnis seiner Güte und seines Wertes , bei kluger Bewirtschaftung für einträglich erklärte . In einzelnen Kreisen , wenn auch nicht gerade in nächster Nähe von Celle , begann die kleine Thaersche Wirtschaft Aufmerksamkeit zu erregen , Besucher kamen , Briefe wurden ausgetauscht , Anregungen gegeben und empfangen . Es ist aber trotz alledem mindestens zweifelhaft , ob Thaer jemals aus seinem engsten Kreise herausgetreten und epochemachend für die Landwirtschaft geworden wäre , wenn sich nicht zu seiner praktischen Tätigkeit eine emsige Beschäftigung mit den Büchern , und als letzte Frucht praktischer Erfahrung und wissenschaftlichen Studiums ein literarisches Auftreten gesellt hätte . Die deutsche landwirtschaftliche Literatur , die er in all ihren Erscheinungen kannte , hatte ihn im einzelnen angeregt und belehrt , im ganzen aber unbefriedigt gelassen . Dasselbe galt von den englischen landwirtschaftlichen Schriften , soweit er dieselben aus Übersetzungen kennengelernt hatte . Er schloß sich dem Spott derer an , die damals von einer » Anglomanie « zu sprechen begannen , und war – etwa Anfang der achtziger Jahre – der festen Überzeugung , daß auch aus England nichts zu holen sei und daß die deutsche Landwirtschaft sich selber helfen müsse . Genau um diese Zeit war es , als ein Ungefähr ihm einige landwirtschaftliche Schriften im englischen Original zuführte . Wie war er freudig überrascht , darin die genauesten Beobachtungen , die sorgfältigsten Versuche , die lichtvollsten Verhandlungen und Forschungen zu finden ! Das war ja genau , was ihm als Ziel einer rationellen Landwirtschaft vorgeschwebt hatte . Alles , wonach sein Streben ging , – die Engländer hatten es bereits . Seitdem studierte Thaer die englische Landwirtschaft mit solcher Aufmerksamkeit , daß die Engländer selbst ihm zugestanden : er kenne ihr Land , wie wenn er es jahrelang durchreist habe . Die Frucht dieser ernsten und anhaltenden Studien war sein berühmtes Werk , dessen erster Teil 1798 unter dem Titel erschien : » Einleitung zur Kenntniß der englischen Landwirthschaft und ihrer neueren praktischen und theoretischen Fortschritte , in Rücksicht auf Vervollkommnung deutscher Landwirthschaft für denkende Landwirthe und Cameralisten . « 17 Der zweite Band folgte 1800 und 1801 , der dritte Band 1804 . In derselben Zeit , von 1799 – 1804 erschienen die » Annalen der Niedersächsischen Landwirthschaft « . Sechs Jahrgänge . Das Aufsehen , das diese Bücher und Schriften machten , war ein ganz außerordentliches . Man begreift diesen Erfolg nur , wenn man im Auge behält , daß sich ganz Deutschland eben damals nach einem besseren Ackerbausystem sehnte . » Wie ein leitendes Gestirn erschienen diese Werke am Horizont , freudig begrüßt von der landwirtschaftlichen Welt . « Nicht nur in Schriften , sondern auch in den Salons der Residenzen und in den Wein- und Bierstuben der Marktstädte wurde mit Enthusiasmus dafür , mit Wut – denn auch an Gegnern fehlte es nicht – dagegen gestritten , oft von beiden Seiten gleich unverständig . Seine eigenen Erfolge , die von Jahr zu Jahr wuchsen , unterstützten sein Ansehn , so daß ihm ein großer hannöverscher Grundbesitzer schrieb : » Wenn ich diesen Abend einen Brief von Ihnen erhalte , daß ich meine Gebäude anstecken soll , so stehen sie vor Nacht schon in Flammen . « Alles verlangte seinen Rat , erbat seine oberste Leitung , so daß demselben Manne ( dazu noch immer » Leibmedikus « ) , dessen eigenes Gutsareal sich auf kaum 130 Morgen belief , 100000 Morgen des verschiedensten Bodens derart zur Verfügung standen , daß er , in Ansehung der Bewirtschaftung , damit schalten und walten konnte , wie mit seinem Eigentum . Sein Buch aber gewährte ihm vor allem die Befriedigung : » das Nachdenken besserer Köpfe über Landwirtschaft geweckt und zu energischerer Tätigkeit angespornt zu haben . « Im Jahre 1802 traten auch die Anfänge seiner » Landwirtschaftlichen Akademie « ins Leben . Diese Akademie erwuchs organisch zwanglos ; sie machte sich von selbst und ging mehr aus einem glücklichen Ungefähr , als aus einem festen Entschluß hervor , wiewohl Thaer in seinen Schriften bereits auf das Wünschenswerte eines landwirtschaftlichen Lehrinstituts hingewiesen und seine Ideen darüber geäußert hatte . Im genannten Jahre kamen mehrere junge Männer , darunter der später durch sein Buch » Der isolierte Staat « so berühmt gewordene Herr von Thünen nach Celle , um an Ort und Stelle die Methode und die Er folge der Thaerschen Bestellungsart kennenzulernen . Sie blieben den ganzen Sommer über . Um diese jungen Leute nicht unbeschäftigt zu lassen , entschloß sich Thaer , ihnen Vorlesungen über Landwirtschaft zu halten und einigen Unterricht in der Naturkunde , Chemie und Botanik hinzuzufügen . Der Fleiß und Eifer , womit man ihm entgegenkam , übertrafen seine Erwartung , aus den zwanglosen Vorlesungen wurde ein » Institut « , das im kleinen bereits all die Züge der erst mehrere Jahre später ins Leben tretenden Mögliner Akademie besaß . So kam das Jahr 1804 , das unsern Thaer nach Preußen führte . Schon 1799 und 1801 hatte er Reisen in die Mark , besonders in die Oderbruchgegenden gemacht und dabei die Frau von Friedland , eine Tochter des Generals von Lestwitz , sowie deren Tochter und Schwiegersohn , den Landrat Grafen von Itzenplitz kennengelernt . Der Aufenthalt in Kunersdorf , dem schönen Gute der Frau von Friedland , wo diese ausgezeichnete , mit allen Details der Wirtschaftsführung vertraute Frau lebte , war ihm genuß- und lehrreich gewesen und vielfach erstarkt und ermutigt , war er nach seinem Landgütchen an der Aller zurückgekehrt . Die Hauptbedeutsamkeit dieser Reisen lag aber darin , daß sie zu seiner Übersiedelung nach Preußen erheblich mitwirkten . Die nächste Veranlassung zu dieser Übersiedelung entsproß aus der politischen Lage . Der Wiederausbruch des Krieges zwischen Frankreich und England hatte zur Besetzung Hannovers durch die Franzosen geführt . Die Not des Landes schmerzte ihn tief , trotzdem er persönlich unter der französischen Okkupation nicht zu leiden hatte . Ja , General Mortiers Anordnungen behandelten ihn als Verfasser der » Englischen Landwirtschaft « mit besonderem Respekt . Nichtsdestoweniger konnte ihn sein persönliches Gesichertsein über die allgemeine Lage nicht trösten . In dieser Zeit war es , daß Thaer sein Auge auf Preußen richtete , auf Preußen , das er für die einzige feste Vormauer gegen hereinbrechende Anarchie und Despotismus hielt . Die Idee einer Übersiedelung kam ihm ; Briefe , nach Kunersdorf hin gerichtet , sprachen verwandte Wünsche aus und Graf Itzenplitz – übrigens bei Hardenberg und Beyme dem entschiedensten Entgegenkommen begegnend – führte mit Umsicht und Gewandtheit die ganze Angelegenheit zu einem glücklichen Ende . Schon im Februar 1804 erhielt Thaer einen Brief vom Minister Hardenberg , in dem es hieß : » Für mich würde nichts erwünschter sein , als die Möglichkeit , mich recht oft Ihres angenehmen und lehrreichen Umgangs erfreuen zu können , aber noch weit größer würde meine Zufriedenheit sein , wenn ich Sie dem preußischen Staate erwerben könnte ... Eröffnen Sie mir freimüthig Ihre Wünsche und die Bedingungen , die Sie verlangen würden . « Thaer reiste gleich nach Eingang dieses Briefes nach Berlin , » um das Eisen zu schmieden , so lang ' es noch heiß sei « , und bereits am 19. März erhielt er folgendes Königliche Schreiben : Mein Herr Leibmedicus ! Ich habe mit Vergnügen vernommen , daß Sie entschlossen sind , sich in Meinen Staaten niederzulassen und Ihr landwirthschaftliches Lehrinstitut hierher zu verlegen , wenn Sie für die mit dieser Veränderung verbundenen Schäden und Kosten entschädigt und in den Stand gesetzt würden , Ihre gemeinnützlichen Arbeiten für die Verbesserung der Landwirthschaft , welche künftig vorzüglich die Landescultur in den preußischen Staaten bezwecken werden , fortzusetzen . Da Ich mir nun von Ihrem rühmlichst bekannten Eifer , Fleiße und Kenntnissen den größten Nutzen für die Landescultur verspreche , so habe Ich Ihnen sehr gern die gemachten Bedingungen , wie Sie aus der abschriftlich anliegenden erlassenen Ordre ersehen werden , bewilligt und wünsche , daß Sie recht bald im Stande sein mögen , Ihre Niederlassung in Meinen Staaten auszuführen . Bis dahin verbleibe Ich Ihr gnädiger Friedrich Wilhelm Die beigelegte Order enthielt , außer der Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften und dem Charakter als Geheimer Kriegsrat , folgende Zugeständnisse : 1. drei bis vierhundert Morgen Acker des Amts Wollup in Erbpacht ; 2. die Erlaubnis , diese Erbpacht zu veräußern und ein Rittergut dafür zu kaufen ; 3. Schutz und Begünstigung des landwirtschaftlichen Instituts . Thaer nahm an ; verkaufte den ihm in Erbpacht gegebenen Teil des später durch Koppe so berühmt gewordenen Amtes Wollup , erstand dafür das Rittergut Möglin nebst dem Vorwerk Königshof , schloß im Herbst ( 1804 ) sein bis dahin in Celle fortgeführtes Lehrinstitut , » dem der Ruhm verbleiben wird , die erste landwirtschaftliche Lehranstalt in Deutschland gewesen zu sein « und wanderte , einige Wochen später , mit dreiundzwanzig Personen in sein neues Vaterland ein . Thaer hatte in Celle zunächst eine Experimentalwirtschaft , dann – nachdem seine Versuche fast durchgängig von Erfolg gekrönt worden waren – eine Modellwirtschaft geführt ; in Möglin wurde die Modellwirtschaft zu einer Musterwirtschaft . Hierin liegt der alleinige Unterschied zwischen der Celler und der Mögliner Wirtschaftsführung ausgesprochen . Die Modellwirtschaft in Celle legte denen , die sie kennengelernt hatten , die Mühewaltung , oft auch geradezu die Schwierigkeit des Transponierens aus kleinen in große Verhältnisse auf , die Mögliner Wirtschaft hingegen war für die Mehrzahl der Fälle ohne weiteres ein Muster . Natürlich innerhalb der Grenzen , wie sie sich auf einem Gebiet , das einem lebendigen Organismus gleicht , von selbst verstehn . Möglin war Muster , Celle war Modell , aber den räumlichen Unterschied beiseite gelassen , liefen im übrigen , um es zu wiederholen , beide Wirtschaften in ihren Prinzipien und Qualitäten auf dasselbe hinaus . Deshalb werden wir hier , in Erwägung , daß wir die Celler Wirtschaft ausführlich besprochen haben , bei der Mögliner nur kurz verweilen und nur dasjenige betonen , wodurch sich dieselbe sachlich und qualitativ von der Celler Wirtschaft unterschied . Es war dies vorzüglich die Einführung einer veredelten Schafzucht , die Herstellung einer ausgezeichneten Wolle , der besten , die bis dahin in Deutschland produziert worden war . Die Kunst , die Thaer zwanzig oder dreißig Jahre früher , halb spielend geübt hatte , als es sich in seinem Celler Garten um Gewinnung immer neuer und immer schönerer Nelken- und Aurikelarten gehandelt hatte , – diese Kunst der Kreuzung kam ihm jetzt trefflich zustatten . Was ihm innerhalb der vegetabilischen Welt überraschend geglückt war , glückte ihm innerhalb der animalischen doppelt und dreifach . Er erschien wie auserwählt für diesen wichtigen Zweig landwirtschaftlicher Tätigkeit : physiologisches Wissen , angeborene feine Instinkte und eine glückliche Hand , – alles vereinigte sich bei ihm , um zu den überraschendsten Resultaten zu führen . Nicht gleich in den ersten Jahren seines Mögliner Aufenthalts , vielmehr erst 1811 – 1813 , nachdem Koppe als Gehilfe und Wirtschaftsführer bei ihm eingetreten war , hatte Thaer eine Schäferei – wozu er Merinoschafe aus Sachsen erhielt – einzurichten begonnen . Es ging auch nicht von Anfang an alles vortrefflich , aber schon 1815 und 1816 wurde seine Wolle auf dem Berliner Wollmarkt für die beste erklärt . 1817 schrieb er an seine Frau : » Für mich ist der diesmalige Wollmarkt zwar nicht der pekuniär beste , aber der gloriöseste , den ich erlebt habe . Meine Wolle ist 20 Prozent geringer verkauft , als im vorigen Jahre , aber um 20 Prozent höher , als irgendeine Wolle hier und in ganz Deutschland verkauft ist und werden wird . Unter allen Wollhändlern und allen Wollproduzenten ist es ganz entschieden angenommen , daß meiner Wolle keine in ganz Europa nahe komme , viel weniger ihr an die Seite zu setzen sei . Dies ist so das Tagesgespräch geworden und so über das Gemeine hinweggehoben , daß ich auch keine Spur des Neides bemerke . Jeder erkennt es an , daß ich das Außerordentliche errungen , worauf kein anderer Anspruch machen kann . › Solche Wolle , sagt man , kann man erzeugen , denn Möglin hat sie erzeugt . ‹ Wenn ich auf den Markt komme , so steht alles mit dem Hut in der Hand . Ich heiße bereits der Wollmarktskönig ! « Thaer erzielte dies alles durch sein Kreuzungsprinzip und die geschickte , scharfsinnige Handhabung desselben . Jedem wäre es freilich nicht geglückt . Einem sehr erfahrenen Wollhändler sagte er : » Zeigen Sie mir nur irgendein Vließ , wie Sie es zu haben wünschen , und ich werde Ihnen in der dritten oder vierten Generation einen Stamm herstellen , der nur solche Vließe liefert . « Man hielt dies für Übertreibung , überzeugte sich aber bald , daß er nicht zuviel gesagt hatte . Es glückte ihm mit der Wollproduktion wie dem berühmten englischen Viehzüchter Backwell mit der Fleischproduktion , der Schafe herstellte , die vor Beleibtheit auf ihren kurzen Beinen kaum gehen konnten , so daß er sich veranlaßt sah , allmählich wieder Schafe mit längeren Beinen zu machen . Man sagte von ihm : » es sei , als ob er sich ein Schaf nach seinem Ideale schnitzen und demselben dann das Leben geben könne . « Dies paßte auf Thaer so gut wie auf Backwell . Es konnte nicht ausbleiben , daß das Thaersche Züchtungsverfahren , das geniale Operieren mit der Natur , auch Gegner fand . Diese warfen ihm vor , daß er , bei seiner Art und Weise der Züchtung , die Natur schließlich dahin zwinge , wohin sie nicht wolle , und daß er sie dadurch schwächen und ermüden werde . Denn die Kunst , wie groß auch , werde nie die natürlichen Anlagen ersetzen können . Er rechtfertigte sich mit Shakespeares tiefgeschöpfter Lehre ( Wintermärchen IV , 4. ) : » Doch wird Natur durch keine Art gebessert , Schafft nicht Natur die Art. So , ob der Kunst , Die wie du sagst , Natur bestreitet , gibt es Noch eine Kunst , von der Natur erschaffen . Du siehst , mein holdes Kind , wie wir vermählen Den edlern Sproß dem allerwildsten Stamm ; Befruchten so die Rinde schlechtrer Art Durch Knospen edler Frucht . Dies ist ' ne Kunst , Die die Natur verbessert – mindstens ändert : Doch diese Kunst ist selbst Natur . « Thaer erfuhr Angriffe , aber sie waren vereinzelt , und speziell auf dem Gebiete der Schafzucht ward er mehr und mehr eine europäische Autorität . Bei Errichtung ( 1816 ) der beiden auf Rechnung des Staates gegründeten Stammschäfereien zu Frankenfelde in der Mark und zu Panten in Schlesien wurde Thaer zum Generalintendanten derselben ernannt und 1823 , als auf seine Veranlassung in Leipzig der erste » Wollzüchterkonvent « zusammentrat , huldigte man ihm nicht nur als dem Präsidenten , sondern speziell auch als dem Meister der Versammlung . Aber der Weg zu diesen Erfolgen war ein weiter und mühevoller . Unter den denkbar ungünstigsten Verhältnissen waren ihm die ersten Jahre seiner Mögliner Wirtschaftsführung vergangen . Zu den Sorgen und Fehlschlägen , die , namentlich nach dem unglücklichen Kriege von 1806 , alle damaligen Grundbesitzer trafen , gesellten sich für ihn noch ganz besondere Schwierigkeiten : sein relatives Fremdsein in der neuen Heimat und – das » Institut « . Die Herstellung einer landwirtschaftlichen Lehranstalt war , wie bereits erwähnt , bei Thaers Übersiedelung nach Möglin allerdings in Erwägung gezogen , aber von seiten der preußischen Regierung mehr als ein Anspruch , den Thaer erheben könne , wie als eine Pflicht , die er zu erfüllen habe , angesehen worden . Thaer ging indes sofort an die Errichtung eines » Instituts « , ähnlich dem , das er in Celle geleitet hatte . Und in der Tat , alles ließ sich vielversprechend an . Schon im Jahre 1805 traf er Vorbereitungen zum Bau eines Instituthauses ; da es jedoch an den erforderlichen Mitteln gebrach , so machte er den Plan , den Bau auf Aktien zu unternehmen . Von allen Seiten kamen Zuschriften ; schon im Juli 1806 konnte er bekanntmachen , daß die Unterzeichnung nunmehr geschlossen sei . Ziemlich um dieselbe Zeit berichtete Thaer dem König , » daß die Eröffnung des Mögliner Instituts in der Mitte des Oktober erfolgen werde . « Und wirklich , das Wohnhaus mit vierundzwanzig Zimmern , außer dem Souterrain , stand fertig da ; einundzwanzig junge Leute hatten sich zum Eintritt gemeldet ; alles versprach einen glänzenden Anfang . Aber die Mitte des Oktober 1806 brachte andere Ereignisse ; der siegreiche Feind überschwemmte die Marken und statt der angemeldeten einundzwanzig jungen Leute kamen drei . Im Frühjahr 1807 waren es acht . Die Zahl wuchs später , da aber , bei der völligen Zerrüttetheit aller Geldverhältnisse , viele Söhne sonst wohlhabender Eltern mit ihren Pensionen im Rückstande blieben , andere , die Aktien genommen hatten , ihre Aktienbeiträge nicht zahlen konnten , so entstanden , ohne daß von irgendwelcher Seite her eine Verschuldung