augenblicklich anspannen , und wenn Ihr Postknecht mich heute vor Dunkelwerden noch nach Ferndean bringen kann , so werde ich Ihnen sowohl wie ihm den doppelten Fahrpreis zahlen . « Siebzehntes Kapitel . Das Herrenhaus von Ferndean war ein Gebäude von beträchtlichem Alter , mittlerer Größe und durchaus keiner architektonischen Schönheit . Es lag mitten im Walde . Früher hatte ich oft davon reden gehört , Mr. Rochester sprach häufig von Ferndean und begab sich auch zu wiederholten Malen nach dort . Sein Vater hatte die Besitzung um ihrer ausgebreiteten Jagdgründe willen gekauft . Er hatte das Haus gern vermietet , konnte aber seiner ungesunden und unbequemen Lage wegen keinen Mieter finden . Daher blieb Ferndean unmöbliert und unbewohnt , mit Ausnahme von zwei oder drei Zimmern , welche zur Aufnahme des Gutsherrn bereit waren , wenn er während der Jagdsaison dorthin kam . Am Abende eines Tages , dessen Charakteristik trüber Himmel , kalter Wind und ununterbrochener feiner , durchdringender Regen gewesen , kam ich an dies Haus . Die letzte Meile hatte ich zu Fuß zurückgelegt , nachdem ich sowohl Postkutsche wie Postillon mit dem Doppelten des versprochenen Preises entlassen hatte . Selbst wenn man schon nahe vor dem Herrenhause stand , konnte man es nicht sehen , so dicht standen die Bäume des düsteren Waldes um dasselbe . Ein eisernes Thor zwischen zwei Granitpfeilern zeigte mir , wo ich eintreten mußte , und als ich es durchschritten , befand ich mich sofort wieder unter dem dicken Laubdach langer Baumreihen . Zwischen alten , bemoosten Baumstämmen und dichtem Unterholz zog sich ein grasbewachsener Pfad hin . Diesen verfolgte ich in der Erwartung , bald an menschliche Wohnungen zu kommen ; aber er schlängelte sich weiter und weiter ; nirgend eine Spur vom Hause oder vom Park . Ich glaubte , daß ich die falsche Richtung eingeschlagen und den Weg verfehlt habe . Die Dunkelheit des Abends wie des Waldes wurde immer undurchdringlicher . Ich blickte umher , um einen anderen Weg zu suchen . Es gab keinen . Nichts als verwachsenes Unterholz , kerzengerade Baumstämme , Sommerlaub , – nirgends eine Lichtung . Ich ging weiter . Endlich wurde der Pfad breiter , die Bäume standen weniger dicht ; nun sah ich ein Gitter , dann ein Haus , welches in der zunehmenden Finsternis kaum von den Bäumen zu unterscheiden war , so feucht und moosbedeckt waren seine morschen Mauern . Indem ich durch ein Thor trat , das nur durch eine Klinke geschlossen war , stand ich inmitten eines umfriedeten Raums , welcher sich im Halbkreis zwischen den Bäumen des Waldes ausdehnte . Es waren weder Blumen noch Gartenbeete dort , nur ein breiter Kiesweg , welcher sich um einen Rasenplatz zog – und dies in dem ernsten , düstern Waldesrahmen . Das Haus zeigte an seiner Norderseite zwei Giebel ; die Fenster waren schmal und vergittert ; auch die Hausthür war eng , eine Steinstufe führte zu ihr hinan . Das Ganze war , wie der Wirt zum » Wappen der Rochester « gesagt hatte , ein trostloser Ort . Es war hier still wie in einer Kirche am Wochentage ; der Regen , welcher ununterbrochen auf das Waldeslaub herabfiel , war der einzige Laut , der an mein Ohr schlug . » Können hier lebende Wesen sein ? « fragte ich mich . Ja , Leben irgend einer Art war hier , denn ich vernahm ein Geräusch . Die schmale Hausthür wurde geöffnet , und eine Gestalt war im Begriff , aus dem Gebäude zu treten . Die Thür öffnete sich langsam , eine Figur trat in die Dämmerung hinaus , ein Mann ohne Hut , er streckte die Hand aus , wie um zu fühlen , ob es regne . Trotzdem es dunkel war , hatte ich ihn erkannt – es war mein Gebieter , Edward Fairfax Rochester , – kein anderer . Ich blieb stehen , ich hielt den Atem an , und verharrte so , um ihn zu beobachten – ihn zu beobachten , ohne selbst gesehen zu werden und ach – unsichtbar für ihn ! Es war eine sehr plötzliche Begegnung , und das Entzücken , welches sie mir verursachte , wurde tausendmal aufgewogen durch den Jammer , welchen ich bei seinem Anblick empfand . Es wurde mir nicht schwer , einen Aufschrei zurückzuhalten , ich fühlte mich nicht versucht , zu ihm zu eilen . Seine Gestalt hatte dieselben starken , kräftigen Umrisse wie früher ; er trug sich noch aufrecht , sein Haar war rabenschwarz , seine Züge waren nicht verändert ; ein Jahr des Kummers und Leidens hatte nicht vermocht , seine athletische Stärke zu beugen , seine edle Manneskraft zu brechen . Aber in seinem Gesichtsausdruck bemerkte ich eine Veränderung ; dieser war düster und verzweifelt – er erinnerte mich an ein gefesseltes wildes Tier oder an einen Vogel , dem es in seinem dumpfen Schmerz gefährlich ist zu nahen . Der gefangene Adler , dessen goldumränderte Augen die Grausamkeit geblendet , könnte blicken wie dieser blinde Samson . Aber , mein Leser , glaubst du , daß ich ihn fürchtete in seiner blinden Wildheit ? Wenn das der Fall , so kennst du mich wenig . In meinen Schmerz mischte sich die süße Hoffnung , daß ich bald versuchen würde , einen Kuß auf diese Marmorstirn zu drücken , auf diese krampfhaft zusammengepreßten Lippen – bald – aber jetzt noch nicht . Noch wollte ich ihn nicht anreden . Er stieg die Steinstufe hinunter und ging langsam und tastend auf den Grasplatz zu . Wo war sein kühner Schritt jetzt ? Dann blieb er stehen , wie wenn er nicht wüßte , nach welcher Seite er sich jetzt wenden solle . Er erhob die Hand und öffnete die Augenlider , richtete , wie es schien mit großer Anstrengung , den Blick zum Himmel hinauf , sah dann auf das Amphitheater des Waldes – aber für ihn war alles Leere und Dunkelheit . Er streckte die rechte Hand aus , ( den verstümmelten linken Arm hielt er in der Brusttasche verborgen ) es war als wünsche er aus der Berührung zu erkennen , was in seiner nächsten Umgebung sei , aber auch hier fand er nur leeren Raum , denn die Baumreihen fingen erst mehrere Ellen weiter fort an . Dann gab er seine Bemühungen auf , verschränkte die Arme und stand ruhig und stumm im Regen , der jetzt unablässig auf seinen unbedeckten Kopf fiel , da . In diesem Augenblick trat John , den ich zuvor nicht bemerkt , an ihn heran , » Sir , wollen Sie meinen Arm nehmen ? « fragte er , » ein gar heftiger Regenschauer zieht herauf . Es wäre besser , wenn Sie ins Haus gingen . « » Lass mich ! « lautete die Antwort . John zog sich zurück , ohne meiner ansichtig geworden zu sein . Jetzt versuchte Mr. Rochester zu gehen , aber umsonst . Er war zu unsicher . Er tastete sich nach dem Hause zurück und indem er hineintrat , schloß er die Thür hinter sich . Jetzt ging ich näher und klopfte an . Johns Frau öffnete mir die Thür . » Mary , « sagte ich , » wie geht es Ihnen ? « Sie erschrak , als ob sie ein Gespenst gesehen hatte . Ich beruhigte sie . Auf ihren hastigen Ausruf : » Sind Sie es wirklich , Miß , die in so später Stunde an diesen einsamen Ort kommt ? « antworte ich nur , indem ich ihre Hand erfaßte . Dann folgte ich ihr in die Küche , wo John jetzt vor einem helllodernden Feuer saß . In wenigen Worten erklärte ich ihnen , daß ich bereits von allem wisse , was sich zugetragen , seitdem ich Thornfield verlassen , und daß ich gekommen sei , um Mr. Rochester zu sehen . Ich bat John hinunterzugehen zu dem Chausseegeldeinnehmer , welchem ich meinen Koffer anvertraut hatte , nachdem ich die Chaise und den Postillon entlassen , und mir mein Eigentum herauszubringen . Dann legte ich Hut und Shawl ab und fragte Mary , ob sie mir für diese Nacht Unterkunft im Herrenhause gewähren könne , und als ich sah , daß dieses Arrangement sich trotz einiger Schwierigkeiten treffen lasse , kündigte ich ihr an , daß ich bleiben würde . In diesem Augenblick ertönte die Glocke des Wohnzimmers . » Wenn Sie hineingehen , Mary , so sagen Sie Ihrem Herrn , daß jemand da sei , der mit ihm zu sprechen wünscht . Nennen Sie ihm jedoch nicht meinen Namen . « » Ich glaube nicht , daß er Sie vorlassen wird , « entgegnete sie ; » er weist alle Leute ab . « Als sie zurückkam , fragte ich , was er gesagt habe . » Er läßt nach Ihrem Namen und Ihrem Anliegen fragen , « entgegnete sie . Dann machte sie sich daran , ein Glas mit Wasser zu füllen und es mit zwei Kerzen auf ein Präsentierbrett zu stellen , » Klingelte er Ihnen , um das zu verlangen ? « fragte ich . » Ja , er läßt stets Kerzen bringen , wenn es dunkel wird , wenn er auch blind ist . « » Geben Sie mir das Brett , ich will es hineintragen . « Ich nahm es ihr aus der Hand , sie bezeichnete mir die Thür des Wohnzimmers . Das Brett zitterte in meiner Hand , ich verschüttete das Wasser ; das Herz pochte mir fast hörbar in der Brust . Mary öffnete die Thür für mich und schloß sie wiederum hinter mir . Das Wohnzimmer sah düster aus ; ein vernachlässigtes Feuer qualmte im Kamin , und darüber gebeugt , den Kopf auf den hohen altmodischen Kaminsims gestützt , stand der blinde Bewohner des Zimmers . Sein alter Hund Pilot lag an einer Seite ; es schien als hätte er sich selbst behutsam aus dem Wege geräumt aus Furcht , daß er getreten werden könne . Als ich eintrat , spitzte Pilot die Ohren ; dann sprang er winselnd empor und stürzte auf mich zu , fast hätte er mir das Präsentierbrett aus der Hand gestoßen . Ich stellte es dann auf den Tisch , liebloste ihn und sagte leise : » kusch Pilot ! « Mechanisch drehte Mr. Rochester sich um , als wolle er sehen , woher die Bewegung käme . Da er aber nichts sehen konnte , wandte er den Kopf wieder ab und seufzte laut auf . » Gieb mir das Wasser , Mary . « sagte er . Ich näherte mich ihm mit dem nur noch zur Hälfte gefüllten Glase . Pilot folgte mir noch immer mit dem Schweife wedelnd . » Was giebt es denn ? « fragte er . » Kusch Pilot ! « sagte ich noch einmal . Im Begriff , das Wasserglas an die Lippen zu führen , hielt er inne und schien zu lauschen . Dann trank er und setzte das Glas wieder hin . » Du bist es doch , Mary ? « » Mary ist in der Küche , « entgegnete ich . Mit einer hastigen Gebärde streckte er die Hand aus , da er aber nicht sah , wo ich stand , berührte er mich nicht . » Wer ist es ? wer ist es ? « fragte er ängstlich und versuchte scheinbar mit den armen , blinden Augen zu sehen . Vergeblicher , trauriger Versuch ! » Antworte mir – sprich noch einmal ! « befahl er laut und herrisch . » Wollen Sie noch ein wenig Wasser , Sir ? Ich verschüttete die Hälfte von dem , was im Glase war , « sagte ich . » Wer ist es ? – Was ist es ? Wer spricht ? « » Pilot kennt mich , und John und Mary wissen , daß ich hier bin . Ich bin erst heute abend angekommen , « antwortete ich . » Allmächtiger Gott ! Welche Täuschung hat sich meiner bemächtigt ? welch süßer Wahnsinn hat mich erfaßt ? « » Keine Täuschung – kein Wahnsinn , Sir ! Ihr Geist ist zu stark , um Täuschungen zu verfallen ; ihre Gesundheit zu kräftig für den Wahnsinn . « » Und wo ist die Sprecherin ? Ist es nur eine Stimme ? O ! ich kann nicht sehen , aber ich muß fühlen , oder mein Herz hört auf zu schlagen und mein Hirn zerspringt . Was – wer du auch sein magst – berühre mich oder ich kann nicht leben ! « Er tastete umher . Ich faßte seine unsichere Hand uud umschloß sie mit den meinen . » Es sind ihre Finger ! « rief er aus , » ihre kleinen , feinen Finger ! Und wenn sie es sind , so muß doch noch mehr von ihr da sein . « Die muskulöse Hand entzog sich meiner Umklammerung ; er faßte meinen Arm – meine Schulter – meinen Hals – meine Taille – er zog mich an sich und hielt mich umschlungen . » Ist es Jane ? Oder was ist es ? Dies ist ihre Gestalt – dies ihre Größe – « » Und dies ist ihre Stimme , « fügte ich hinzu . » Sie ist hier , ganz und gar hier , und ihr Herz auch . Gott segne Sie , Sir ! Ich bin so glücklich , Ihnen noch einmal wieder nahe zu sein ! « » Jane Eyre ! – Jane Eyre ! « das war alles , was er sagte . » Mein teurer Herr , « sagte ich , » ich bin Jane Eyre ; ich habe Sie wieder gefunden – ich bin zu Ihnen zurückgekehrt ! « » In Wahrheit ? Nicht nur dein Geist ? Sondern auch dein Körper ? Du bist meine lebende Jane ? « » Sie halten mich , Sir – Sie halten mich ja , und fest obendrein . Ich bin nicht kalt wie eine Tote , nicht durchsichtig wie Luft , nicht wahr ? « » Mein Liebling am Leben ! Dies sind ihre Glieder . Dies ihr Gesicht ! Aber so glücklich kann ich nicht werden nach all meinem Elend . Es ist ein Traum ! Wie ich ihn so oft während der trostlosen Nächte hatte , wenn ich sie noch einmal an mein Herz drückte , wie ich es jetzt thue ; und sie küßte – wie jetzt , und fühlte , daß sie mich liebte , und hoffte , daß sie mich nicht verlassen würde . « » Und das werde ich von heute an auch nicht mehr thun , Sir . « » Nicht mehr thun , sagt die Vision ? Aber ich erwachte stets und fand , daß es bittere Täuschung gewesen ; und ich war einsam und verlassen – mein Leben dunkel , trübe , hoffnungslos – meine Seele dürstete , und niemand reichte ihr einen erquickenden Trunk – mein Herz hungerte , und die Nahrung blieb ihm versagt . Du sanfter , süßer Traum , der du mir jetzt im Arm ruhst , du wirst wiederum entfliehen , wie all deine Brüder vor dir entflohen sind . Aber küsse mich bevor du gehst ! Küß mich , Jane , Geliebte ! « » Ja Sir , einmal – und noch einmal ! « Ich preßte meine Lippen auf seine einst so strahlenden , und jetzt völlig glanzlosen Augen – ich strich ihm das Haar aus der Stirn und küßte auch diese . Plötzlich schien er sich aufzuraffen ; er wurde sich der Wirklichkeit dessen , was geschah , bewußt ! » Bist du es , Jane ? – bist du es wirklich – wirklich ? Bist du zu mir zurückgekehrt ? « » Das bin ich ! « » Und du liegst nicht tot in irgend einem Graben oder einem Flusse ? Du weilst nicht traurig und einsam und ausgestoßen unter fremden Menschen ? « » Nein Sir , ich bin jetzt völlig unabhängig . « » Unabhängig ? Was heißt das , Jane ? « » Mein Onkel auf Madeira ist gestorben und hinterließ mir fünftausend Pfund ! « » Ah ! dies ist praktisch ! Jetzt sind wir in der Wirklichkeit ! « rief er aus , » das hätte ich mir niemals träumen lassen ! Ich höre wieder ihre eigenartige Stimme , so belebend , so reizend , so pikant und doch so sanft . Es erfrischt mein krankes Herz sie zu hören ; sie flößt mir neues Leben ein . – Was , Janet ! du bist jetzt unabhängig ? am Ende gar reich ? « » Beinahe reich , Sir . Wenn Sie mich nicht hier wohnen lassen wollen , so kann ich mir ein Haus ganz nahe bei Ihrer Thür bauen , und dann können Sie zu mir kommen und bei mir im Wohnzimmer sitzen , wenn Sie sich des Abends nach Gesellschaft sehnen . « » Da du nun aber reich bist , Jane , so wirst du ohne Zweifel Freunde haben , die sich um dich bekümmern und nicht dulden werden , daß du dich ganz und gar einem armen , blinden Jeremias widmest . « » Ich sagte Ihnen ja , daß ich unabhängig bin , Sir , und reich obendrein ; ich bin jetzt meine eigene Herrin . « » Und du willst bei mir bleiben ? « » Gewiß – wenn Sie nichts dagegen haben . Ich werde Ihre Nachbarin , Ihre Pflegerin , Ihre Haushälterin sein . Ich finde Sie hier einsam und traurig : ich werde Ihre Gesellschafterin sein . Ich will Ihnen vorlesen , mit Ihnen spazieren gehen , bei Ihnen sein , Ihnen aufwarten und Sie bedienen , Augen und Hand für Sie sein . Mein teurer Herr , jetzt dürfen Sie nicht mehr so traurig aussehen ; so lange ich lebe , werden Sie nicht mehr einsam sein . « Er entgegnete nichts ; er schien ernst – in Gedanken versunken . Er öffnete die Lippen , als ob er sprechen wollte , dann schloß er sie wieder . Ich war ein wenig verlegen . Vielleicht hatte ich die Grenzen des Althergebrachten zu schnell überschritten , und wie St. John , erblickte auch er etwas Unschickliches in meiner Unbedachtsamkeit . Ich hatte meinen Vorschlag in der That in dem Glauben gemacht , daß er mich bitten würde , sein Weib zu werden . Wenn ich der Erwartung , daß er mich sofort als sein Eigentum reklamieren würde , auch keine Worte verliehen , so hatte ich sie deshalb nicht weniger sicher gesagt . Da ihm aber kein einziges Wort nach dieser Richtung hin entschlüpfte , und sein Gesicht immer trüber und trüber wurde , so fiel es mir plötzlich ein , daß ich mich geirrt haben könne und ohne es zu wissen , die Närrin gespielt habe . Deshalb begann ich , mich leise seinen Armen zu entwinden – er jedoch preßte mich noch fester an sich . » Nein – nein – Jane ; du darfst nicht gehen . Nein , jetzt habe ich dich gefühlt , dich gehört , den Trost deiner Nähe empfunden – die Milde deines Trostes ! Diese Freuden kann ich nicht wiederum opfern . Von mir selbst ist mir wenig geblieben , ich muß dich besitzen . Die Welt mag lachen – mag mich albern , selbstsüchtig nennen – das bedeutet nichts . Meine Seele verlangt nach dir ! Ihr Begehr muß erfüllt werden , oder sie nimmt furchtbare Rache an ihrer irdischen Hülle , « » Nun , Sir , ich sagte ja , daß ich bei Ihnen bleiben wolle . « » Ja ; aber wir verstehen beide sehr verschiedene Dinge unter diesem » bei mir bleiben wollen « . Du könntest dich vielleicht entschließen , mir zur Hand zu sein , neben meinem Stuhl zu stehen – mich zu pflegen wie eine gute , kleine Wärterin , ( denn du hast ein liebevolles Herz und eine großmütige Seele , welche dich zwingen , denen , welche du bemitleidest , Opfer zu bringen ) und das sollte mir ohne Zweifel genügen . Vielleicht sollte ich jetzt nur noch väterliche Empfindungen für dich hegen . Nicht wahr , der Ansicht bist auch du . Komm – sag mir , was du denkst ! « » Ich will denken , was Sie wünschen , Sir . Ich bin es auch zufrieden , nichts zu sein als Ihre Pflegerin , wenn Sie es für besser halten . « » Aber Janet , du kannst nicht immer meine Pflegerin bleiben ! du bist jung – du mußt dich eines Tages verheiraten . « » Ich wünsche nicht besonders , mich zu verheiraten . « » Aber du solltest es wünschen , Janet ! Wenn ich noch wäre , was ich einst war , so würde ich es dich schon wünschen machen – aber – ein blinder Klotz ! « Und wiederum versank er in trübes Sinnen . Ich hingegen wurde fröhlicher und faßte von neuem Mut . Seine letzten Worte öffneten mir die Augen darüber , wo die Schwierigkeit lag . Aber für mich war es keine Schwierigkeit ; meine frühere Unsicherheit und Befangenheit war ganz gewichen . Jetzt begann ich eine fröhlichere Unterhaltung . » Es wird Zeit , daß jemand es unternimmt , Sie wieder menschlicher zu machen , « sagte ich , indem ich sein dickes , ungepflegtes Haar glatt strich , » denn ich sehe , daß Sie sich langsam in einen Löwen oder irgend etwas Ähnliches verwandeln . Ganz entschieden haben Sie etwas von dem › faux air ‹ Nebukadnezars an sich ; Ihr Haar erinnert mich an Adlerfedern ; ob Ihre Nägel gewachsen sind wie Vogelkrallen , habe ich noch nicht bemerkt . « » An diesem Arm habe ich weder Hand noch Nägel , « sagte er , indem er den verstümmelten Arm aus der Brust seines Rockes zog und ihn mir zeigte . » Es ist nur noch ein Stumpf – ein furchtbarer Anblick ! Nicht wahr , meine kleine Jane ? « » Ein trauriger Anblick ! Und es ist auch traurig , Ihre Augen anzusehen – und das Brandmal auf Ihrer Stirn ; und was das allerschlimmste ist , man läuft Gefahr , Sie um all dieses Jammers willen zu sehr zu lieben und Sie zu sehr zu verziehen . « » Ich glaubte , Jane , du würdest entsetzt sein , wenn du meinen Arm sähest und mein narbiges Gesicht . « » Glaubten Sie das wirklich ? Aber sagen Sie mir das nicht – aus Furcht , daß ich etwas über Ihren Verstand sagen könnte , das wenig schmeichelhaft . Jetzt lassen Sie mich aber einen Augenblick , damit ich ein helleres Feuer anmache . Können Sie sehen , wenn das Kaminfeuer hell auflodert ? « » Ja , mit dem rechten Auge kann ich einen Glutschein wahrnehmen , – einen rötlichen Nebel . « » Und Sie sehen die Kerzen ? « » Sehr trübe , – jede derselben bildet ein helles Wölkchen . « » Können Sie mich sehen ? « » Nein , meine Fee , Aber ich bin schon dankbar genug , wenn ich dich nur hören und fühlen kann . « » Wann nehmen Sie Ihr Abendbrot ? « » Ich pflege niemals zu Abend zu essen . « » Heute abend müssen Sie es indessen thun . Ich bin hungrig , und ich bin überzeugt , daß Sie es auch sind . Sie vergessen es nur . « Nachdem ich Mary herbeigerufen , hatten wir bald mehr Ordnung ins Zimmer gebracht ; und ebenso bereitete ich ihm eine schmackhafte Abendmahlzeit . Mein Geist war angeregt , und während des Speisens unterhielt ich ihn leicht und fröhlich . Selbst nachher gelang es mir noch , ihm durch mein Plaudern die Zeit zu verkürzen . Hier gab es keine qualvolle Zurückhaltung , kein Unterdrücken von Lebhaftigkeit und Fröhlichkeit ; denn ihm gegenüber fühlte ich mich vollkommen behaglich , weil ich wußte , daß ich ihm angenehm war . Alles was ich that oder sagte , schien ihn entweder zu trösten oder neu zu beleben . Herrliches Bewußtsein ! Es brachte meine ganze Eigenart zu Licht und Leben . In seiner Nähe lebte ich doppelt , und er lebte in der meinen . Trotz seiner Blindheit flog manches Lächeln über sein Gesicht , Freude thronte auf seiner Stirn . Seine Züge wurden milder , weicher , glücksbewußter . Nach dem Abendessen begann er viele Fragen an mich zu richten : wo ich gewesen sei , was ich gethan habe und wie es mir gelungen , ihn ausfindig zu machen . Ich gab ihm aber nur teilweise Antwort , denn an diesem Abend war es schon zu spät geworden , um auf besondere Einzelheiten einzugehen . Außerdem wünschte ich auch nicht zarte , vibrierende Saiten zu berühren – keine frische Quelle der Aufregung in seinem Herzen zu öffnen ; mein einziger Zweck war jetzt , ihn zu erheitern . Wie gesagt , erheitert hatte ich ihn bereits , aber doch nur stellenweise . Wenn eine Pause in der Unterhaltung eintrat , wurde er wieder ruhelos , berührte mich leise und sagte : » Jane « . » Bist du wirklich ein menschliches Wesen , Jane ? Bist du dessen ganz gewiß ? « » Auf Ehre und Gewissen , ich glaube es , Mr. Rochester . « » Wie war es dann aber möglich , daß du so plötzlich an diesem trüben , trostlosen Abende an meinem einsamen Herde stehen konntest ? Ich streckte meine Hand aus , um von einem Mietling ein Glas Wasser zu nehmen – und du reichtest es mir . Ich that eine Frage und erwartete , daß Johns Frau mir antworten wurde – und deine Stimme schlug an mein Ohr . « » Weil ich an Marys Stelle mit dem Präsentierbrett ins Zimmer getreten war . « » Und ein wahrer Zauber liegt in der Stunde , die ich jetzt mit dir verbringe . Niemand weiß , welch ein trostloses , düsteres , leeres , hoffnungsloses Leben ich seit Monaten hingeschleppt habe ! Ich that nichts mehr und erwartete nichts mehr ; der Tag ging in die Nacht über , ohne daß ich es merkte ; ich empfand Kälte , wenn ich das Feuer hatte erlöschen lassen , und Hunger , wenn ich vergessen hatte zu essen ; dann einen niemals endenden Schmerz , und zuweilen ein an Wahnsinn grenzendes Verlangen , meine Jane noch einmal wiederzusehen . Ja , ich sehnte mich danach , daß sie mir wiedergegeben werde , weit mehr , als daß ich das verlorene Augenlicht wieder erhielte . Wie ist es möglich , daß Jane bei mir ist und sagt , daß sie mich liebt ? Wird sie nicht ebenso plötzlich wieder verschwinden , wie sie gekommen ist ? O , ich fürchte , daß ich sie morgen nicht wiedersehe . « Ich war überzeugt , daß es das beste für ihn in dieser Sinnesstimmung sein würde , wenn ich ihm eine ganz triviale , praktische Antwort gäbe , die nichts mit seinem augenblicklichen erregten Gedankengang zu thun hatte . Ich ließ also den Finger über seine Augenbrauen gleiten und bemerkte , daß sie versengt seien , daß ich aber ein Mittel kenne , um sie wieder so dick und schwarz wie früher zu machen . » Was nützt es , mir irgend etwas Gutes zu thun , wohlthätiger Geist , wenn du mich in einem verhängnisvollen Augenblick doch wieder verlassen willst ? Wenn du mir entschwindest wie ein Schatten , ohne daß ich weiß , weshalb und wohin , und dann für mich unauffindbar bleibst ? « » Haben Sie einen Taschenkamm , Sir ? « » Zu welchem Zweck , Jane ? « » Nur um diese rauhe , schwarze Mähne auszukämmen . Wenn ich Sie genau betrachte , flößen Sie mir beinahe Furcht ein . Sie sagen , ich sei wie eine Fee , aber ich finde , daß Sie einem Kobold viel ähnlicher sind . « » Bin ich abschreckend häßlich , Jane ? « » Sehr häßlich , Sir , Sie wissen , das waren Sie ja stets . « » Hm ! Nun , wo du auch gewesen sein magst , deine Bosheit hat sich doch erhalten . « » Und doch bin ich bei guten Menschen gewesen , bei Menschen , die viel besser sind als Sie , hundertmal besser als Sie ; die Ansichten und Gedanken hegen , welche Sie niemals in Ihrem ganzen Leben gekannt haben ; die viel feiner und gebildeter sind als Sie ! « » Bei wem zum Teufel warst du denn ? « » Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten , so muß ich Ihnen Ihre schönen Locken ausreißen ; und dann werden Sie hoffentlich allen Zweifel an meiner Wesenheit aufgeben . « » Bei wem bist du gewesen , Jane ? « » Heute abend werden Sie das nicht mehr aus mir herausbringen , Sir , Sie müssen bis morgen warten ; Sie wissen , es ist eine Art von Sicherheit für Sie , daß ich morgen früh wieder am Frühstückstisch erscheine , wenn ich meine Geschichte heute abend nur halb erzähle . Doch da fällt mir ein , daß ich nicht nur mit einem Glase Wasser an Ihrem Herde erscheinen darf ; ich muß doch wenigstens ein Ei bringen , von gebackenem Schinken gar nicht zu reden . « » Du spöttischer Wechselbalg ! – von Feen geboren und von Menschen erzogen ! Seit zwölf Monaten habe ich nicht empfunden , was ich heute durch dich empfinde . Wenn Saul dich hätte zum David haben können , so wäre der böse Geist auch ohne die Harfe beschworen . « » Nun Sir , endlich habe ich Sie wieder anständig hergerichtet . Jetzt will ich Sie verlassen . Ich bin seit