breiter als sonst und glänzte wie ein Spiegel ; die Häuser waren alle so groß wie sonst die Münsterkirche , von der fabelhaftesten Bauart , und glänzten im Sonnenschein , die Fenster mit einer Fülle von Blumen geziert , die schwer über die mit Bildwerken bedeckten Mauern herabhingen . Die Linden stiegen unabsehbar in den dunkelblauen durchsichtigen Himmel hinein , der ein einziger Edelstein schien , und die riesigen Lindenwipfel wehten dran hin und her , als ob sie ihn noch blanker fegen wollten , und zuletzt wuchsen sie in die durchsichtige blaue Kristallmasse hinein . Zwischen den grünen Laubgebirgen der Linden stiegen die Münstertürme empor , während das ungeheure Steinschiff unter Hügeln von Millionen herzförmiger Lindenblätter lag und nur da oder dort eine purpurrote oder blaue Glasscheibe hervorfunkelte , von einem verlorenen Sonnenstrahl durchschossen . Die goldenen Kronen aber , welche die Turmknöpfe bildeten , schimmerten in der Himmelshöhe und waren voll junger Mädchen ; die streckten ihre Lockenköpfe rings durch den gotischen Zierat in die Welt hinaus . Obgleich ich jedes Lindenblatt scharf umrissen erkannte , vermochte ich doch nicht zu sehen , wer alle diese Mädchen waren , und ich beeilte mich hinüberzukommen , da es mich sehr wundernahm , wer alle diese Mitbürgerinnen sein möchten . Zur rechten Zeit sah ich den Goldfuchs neben mir stehen , legte ihm den Mantelsack auf und begann den jähen Staffelweg hinunterzureiten , der zur Brücke führte . Jede Staffel war aber ein geschliffener Bergkristall , und darin eingeschlossen lag ein spannelanges Weibchen gleichsam schlafend , von unbeschreiblichem Ebenmaß und Schönheit der Gliederchen . Während der Goldfuchs den halsbrechenden Weg hinunterstieg und jeden Augenblick seinen Reiter in die Tiefe zu stürzen drohte , bog ich mich links und rechts vom Sattel und suchte mit sehnsuchtsvollen Blicken in den Kern der Kristallstufen zu dringen . » Tausend noch einmal ! « rief ich lüstern vor mich hin , » was mögen das nur für allerliebste Wesen sein in dieser verwünschten Treppe ? « Ohne daß ich mich im geringsten wunderte , fing das Pferd plötzlich an zu sprechen , indem es den Kopf zurückwandte und antwortete : » Was wird ' s sein ? Das sind nur die guten Dinge und Ideen , welche der Boden der Heimat in sich schließt und die derjenige herausklopft , der im Lande bleibt und sich redlich nährt ! « » Zum Teufel ! « rief ich , » ich werde gleich morgen hier herausgehen und mir einige Stufen aufschlagen ! « Und ich konnte meine Blicke nicht wegwenden von der langen Treppe , die sich schon glänzend hinter mir den Berg hinan schmiegte . Das Pferd aber sagte , das sei nur eine leichte Anschürfung , der ganze Boden stecke voll von solchen Sachen . Wir langten jetzt unten bei der Brücke an . Das war aber nicht mehr die alte Holzbrücke , sondern ein Marmorpalast , der in zwei Stockwerken eine endlose Säulenhalle bildete und so als eine niegesehene Prachtbrücke über den Fluß führte . Was sich doch alles verändert und vorwärtsschreitet , wenn man nur einige Jahre weg ist ! dachte ich , als ich gemächlich und neugierig in die weite Brückenhalle ritt . Während das Gebäude von außen nur in weißem , rötlichem und schwarzem Marmor glänzte , waren die Wände des Innern mit zahllosen Malereien bedeckt , welche die ganze Geschichte und alle Tätigkeiten des Landes darstellten . Das ganze abgeschiedene Volk war sozusagen bis auf den letzten Mann , der soeben gegangen , an die Wand gemalt und schien mit dem lebendigen , das auf der Brücke verkehrte , eines zu sein ; ja manche der gemalten Figuren traten aus den Bildern heraus und wirkten unter den Lebendigen mit , während von diesen manche unter die Gemalten gingen und an die Wand versetzt wurden . Beide Parteien bestanden aus Helden und Weibern , Pfaffen und Laien , Herren und Bauern , Ehrenleuten und Lumpenhunden ; der Eingang und Ausgang der Brücke aber war offen und unbewacht , und indem der Zug über dieselbe beständig im Gange blieb und der Austausch zwischen dem gemalten und wirklichen Leben unausgesetzt stattfand , schien auf dieser wunderbar belebten Brücke Vergangenheit und Zukunft nur ein Ding zu sein . » Nun möcht ich wohl wissen , was das für eine muntere Sache ist ! « summte ich in mich hinein , und das Pferd antwortete auf der Stelle : » Dies nennt man die Identität der Nation ! « » Ei , du bist ein sehr gelehrter Gaul ! « rief ich , » der Hafer muß dich wirklich stechen ! Woher nimmst du derartige Brocken ? « » Erinnere dich « , sagte der Goldfuchs , » auf wem du reitest ! Bin ich nicht aus Gold entstanden ? Gold aber ist Reichtum , und Reichtum ist Einsicht . « Bei diesen Worten merkte ich sogleich , daß mein Mantelsack statt mit Gewand jetzt gänzlich mit jenen goldenen Münzen angefüllt war . Statt zu grübeln , woher sie so unvermutet wiedergekommen , fühlte ich mich höchst zufrieden in ihrem Besitze , und obschon ich dem weisen Gaule nicht mit gutem Gewissen recht geben konnte , daß Reichtum Einsicht sei , fand ich mich doch unvermutet so einsichtsvoll , daß ich wenigstens nichts erwiderte und gemütlich weiterritt . » Nun sage mir , du weiser Salomo ! « begann ich nach einer Weile von neuem , » heißt eigentlich die Brücke die Identität oder die Leute , so darauf sind ? Welches von beiden nennst du so ? « » Beide zusammen sind die Identität , sonst spräche man ja nicht davon ! « » Der Nation ? « » Der Nation , versteht sich ! « » Also ist die Brücke auch eine Nation ? « » Ei , seit wann « , rief das Pferd unwillig , » kann denn ein Vehikel , so schön es ist , eine Nation sein ? Nur Leute können eine sein , folglich sind es die Leute hier ! « » So ! und doch sagtest du soeben , die Nation und die Brücke machen zusammen eine Identität aus ! « » Das sagt ich auch und bleibe dabei ! « » Nun also ? « » Wisse « , antwortete der Gaul bedächtig , indem er sich auf allen vieren spreizte , » wisse , wer diese heikle Frage zu beantworten und den Widerspruch zu lösen versteht , der ist ein Meister und arbeitet an der Identität selber mit . Wenn ich die richtige Antwort , die mir wohl so im Munde herumläuft , rund zu formulieren verstände , so wäre ich nicht ein Pferd , sondern längst hier an die Wand gemalt . Übrigens erinnere dich , daß ich nur ein von dir geträumtes Pferd bin und also unser ganzes Gespräch eine Ausgeburt und Grübelei deines eigenen Gehirnes ist . Mithin magst du fernere Fragen dir nur selbst beantworten aus der allerersten Hand ! « » Ha ! du widerspenstige Bestie ! « schrie ich und stieß dem Tiere die Fersen in die Weichen , » um so mehr , du undankbarer Klepper , bist du mir zu Red und Antwort verpflichtet , da ich dich aus meinem so mühselig ergänzten Blute erzeugen und diesen Traum lang speisen und nähren muß ! « » Hat auch was Rechtes auf sich ! « sagte das Pferd gelassen . » Dieses ganze Gespräch , überhaupt unsere ganze werte Bekanntschaft ist das Werk und die Dauer von kaum drei Sekunden und kostet dich kaum einen Hauch von deinem geehrten Körperlichen ! « » Wie , drei Sekunden ? Ist es nicht wenigstens eine Stunde , seit wir auf dieser endlosen Brücke reiten ? « » Drei Sekunden dauert der Hufschlag des nächtlichen Reiters , der meine Erscheinung in dir hervorgerufen ; mit ihm wird sie verschwinden , und du kannst wieder zu Fuß gehen ! « » Um des Himmels willen ! So verliere keine weitere Zeit , sonst geht der Augenblick vorüber , eh ich über diese schöne Brücke im reinen bin ! « » Es eilt gar nicht ! Alles , was wir für jetzt zu erleben und zu erfahren haben , geht vollkommen in das Maß des wackern Pferdetrittes hinein , und wenn der richtig denkende Psalmist den Herren seinen Gott anschrie : Tausend Jahre sind vor dir wie ein Augenblick ! so ist diese Hypothese von hinten gelesen eine und dieselbe Wahrheit : Ein Augenblick ist wie tausend Jahre ! Wir könnten noch tausendmal mehr sehen und hören während dieses Hufschlages , wenn wir nur das Zeug dazu in uns hätten , lieber Mann ! Alles Drängen oder Zögern hilft da nichts , alles hat seine bequemliche Erfüllung , und wir können uns ganz gemächlich Zeit lassen mit unserm Traum , er ist , was er ist , und nicht mehr noch minder ! « Ich hörte nicht länger auf die Reden des Pferdes , weil ich bemerkte , daß ich von allen Seiten mit biederer Achtung begrüßt wurde ; denn schon mehr als einer der Vorübergehenden hatte mit eigentümlichem Griffe meinen strotzenden Mantelsack betastet , ungefähr wie die Metzger tun , wenn sie in den Bauernställen oder auf Märkten ein Stück Rindvieh auf seine Fettigkeit prüfen und ihm Kreuz und Lenden bekneifen . » Das sind ja absonderliche Manieren ! « sagte ich endlich ; » ich glaubte , es kenne mich kein Mensch hier ! « » Es gilt auch nicht dir « , meinte der Goldfuchs , » sondern deinem Quersack , deiner dicken Goldwurst , die mir das Kreuz drückt ! « » So ? also das ist die Lösung und das Geheimnis deiner ganzen Identitätsfrage , das gemünzte Gold ? Denn du bist ja aus gleichem Stoffe , ohne daß dich ein einziger betastet ! « » Hm ! « machte das Pferd , » das ist nicht so genau zu nehmen . Die Leute haben allerdings ihr Augenmerk darauf gerichtet , ihre Identität , die sie in diesem Falle Unabhängigkeit nennen , zu behaupten und gegen jeglichen Angriff zu verteidigen . Nun wissen sie aber , daß ein kampffähiger guter Soldat wohlgenährt sein und ein Frühstück im Magen haben muß , wenn er sich schlagen soll . Da dies aber nur durch allerhand Gemünztes zu erreichen und zu sichern ist , so betrachten sie jeden , der damit versehen , als einen gerüsteten Verteidiger und Unterstützer der Identität und sehen ihn drum an . Da läuft es denn freilich mit unter , daß sie ihre Privatsachen mit den öffentlichen Dingen für identisch halten , wie man denn in der Übung jeglicher Energie nicht leicht zuviel tun kann , und so gewinnt dieser oder jener das Ansehen eines habsüchtigen Esels . Sei dem , wie ihm wolle , ich rate dir , dein Kapital hier noch ein wenig in Umlauf zu setzen und zu vermehren . Wenn die Meinung der Leute im allgemeinen auch eine irrige ist , so steht es doch jedem frei , sie für sich zu einer Wahrheit und so seine Stellung zu einer angenehmen zu machen . « Ich griff in den Sack und warf einige Hände voll Goldmünzen in die Höhe , welche sogleich von hundert in der Luft zappelnden Händen aufgefangen und weitergeworfen wurden , nachdem jeder das Gold erst besehen und an seinem eigenen Golde gerieben hatte , wodurch beide Stücke sich verdoppelten . Bald kehrten alle meine Münzen in Gesellschaft von anderm Golde zurück und hingen sich an das Pferd ; es regnete förmlich Gold , welches sich klumpenweise an alle seine vier Beine setzte , gleich dem Blumenstaub , der den Bienen Höschen macht , so daß es bald nicht mehr gehen konnte . Es bildeten sich aber noch große Flügel an dem Tiere , und es glich zuletzt einer Riesenbiene und flog wie eine solche über die Köpfe des Volkes weg . Erst jetzt schütteten wir zusammen einen rechten Goldregen nieder , so daß zuletzt ein ungeheures Gesindel von Goldhungrigen hinter uns her war . Alte und Junge , Weiber und Männer purzelten übereinander , das Gold zu raffen . Diebe , die von Wächtern transportiert wurden , stürzten sich samt diesen in den Haufen ; Bäckerlehrlinge warfen ihr Brot in das Wasser und füllten ihre Körbe mit Gold ; Priester , die zur Kirche gingen , um zu predigen , schürzten ihre Talare wie bohnenpflückende Bäuerinnen die Röcke und schöpften Gold hinein ; Magistratspersonen , die vom Rathause kamen , schlichen herbei und schoben verschämt ein paar zur Seite rollende Stücklein in die Tasche ; selbst aus einem an die Wand gemalten Gerichte liefen die toten Richter vom Tische , ließen den Angeklagten stehen und stiegen herunter , um hinter mir herzustreichen , und schließlich kam der gemalte Verbrecher auch noch gesprungen , um nach Gold zu schreien . Ganz geschwollen vom Bewußtsein des Reichtums , schwebte ich endlich aus der Brückenhalle hinaus und schwang mich auf dem goldenen Bienenpferde hochmütig in die Luft , wo ich hoch den Münsterkronen kreiste wie ein Falke , mich bald wählig niederließ , bald wieder aufstieg und das kindische Traumvergnügen des Fliegens und Reitens zugleich in vollen Zügen genoß . Aus den Kronen fingerten hundert weiße Hände nach meinem Golde empor , Augen und Wänglein blühten wie Vergißmeinnicht und Rosen im Sonnenschein . Das Pferd sagte : » Nun wähle , das sind die heiratsfähigen Mägdlein des Landes ! Das Beste ist eine artige Frau ! « Ich äugelte auch richtig stolz und lüstern auf sie hinunter und gedachte meine Irrfahrten und erlebten Kümmernisse mit einer konvenablen Heirat abzuschließen , als plötzlich eine harte Stimme erscholl , die rief : » Ist denn niemand da , den Landverderber aus der Luft herabzuholen ? « » Ich bin schon da ! « antwortete der dicke Wilhelm Tell , der in einer Lindenkrone verborgen saß , die Armbrust auf mich anlegte und mich mit seinem Pfeile herunterschoß . Ein neuer Ikarus , stürzte ich samt dem Goldfuchs prasselnd aufs Kirchendach und rutschte von dort jämmerlich auf die Straße hinab , woran ich erwachte und mich erschüttert fand , wie wenn ich wirklich gefallen wäre . Der Kopf schmerzte mich fieberhaft , während ich das Geträumte zusammenlas . Diese verkehrte Welt , in welcher das im Wachen müßige Gehirn bei nachtschlafender Zeit auf eigene Faust zusammenhängende Märchen und buchgerechte Allegorien , nach irgendwo gelesenen Mustern , mit Schulwörtern und satirischen Beziehungen ausheckte und fortspann , begann mich zu ängstigen wie der Vorbote einer schweren Krankheit ; ja , es beschlich mich sogar wie ein Gespenst die Furcht , auf diese Art könnten meine dienstbaren Organe mich , das heißt meinen Verstand , zuletzt ganz vor die Türe setzen und eine tolle Dienstbotenwirtschaft führen . Als ich der Sache weiter nachdachte , empfand ich die Gefahr , die darin liegt , sich gegen Natur und Gewohnheit mit dem völlig Geistlosen beschäftigen und nähren zu wollen , und doch wußte ich nicht , wie aus dem Banne hinauszukommen wäre . Darüber schlief ich wieder ein , und das Träumen ging neuerdings an ; doch verlor sich das unheimliche Allegorienwesen , und das Gesetzlose regierte fort . Ich trieb jetzt das halbzerbrochene und schwer mit Säcken beladene Pferd eine bergige Straße hinauf nach dem Hause der Mutter ; es dauerte eine qualvolle Ewigkeit , bis ich endlich anlangte . Da fiel das Tier zusammen und verwandelte sich in die schönsten und reichsten Gegenstände und Merkwürdigkeiten aller Art , von welchen sich auch die Säcke entleerten , Dinge , wie man sie von großen Reisen als Geschenke mitzubringen pflegt . Ich stand aber peinlich verlegen bei dem aufgetürmten Haufen von Kostbarkeiten , der sich offen auf der Straße ausbreitete , und ich suchte vergeblich den Drücker der Haustüre und den Glockenzug . Ratlos und ängstlich die Reichtümer hütend , sah ich an dem Hause empor und bemerkte erst jetzt , wie seltsam es sich darstellte . Es war gleich einem alten edeln Schrank- und Täferwerke ganz von dunklem Nußbaumholz gebaut mit unzähligen Gesimsen , Kassettierungen , Füllungen und Galerien , alles auf das feinste gearbeitet und spiegelhell poliert . Es war eigentlich das nach außen gekehrte Innere eines Hauses . Auf den Gesimsen und Galerien standen altertümliche silberne Kannen und Becher , Porzellangefäße und kleine Marmorbilder aufgereiht . Fensterscheiben von Kristallglas funkelten mit geheimnisvollem Glanz vor einem dunklen Hintergrunde zwischen gemaserten Zimmer- oder Schranktüren , in denen blanke Stahlschlüssel steckten . Über dieser seltsamen Fassade wölbte sich der Himmel dunkelblau , und eine halb nächtliche Sonne spiegelte sich in der dunklen Pracht des Nußbaumholzes , im Silber der Krüge und in den Fensterscheiben . Endlich sah ich auch , daß reichgeschnitzte Treppen zu den Galerien hinaufführten , und bestieg dieselben , Einlaß suchend . Wenn ich aber eine Türe öffnete , so sah ich nichts als ein Gelaß vor mir , welches mit Vorräten der verschiedensten Art angefüllt war . Hier tat sich eine Bücherei auf , deren Lederbände von Vergoldung strotzten ; dort war Geräte und Geschirr übereinandergeschichtet , was man nur wünschen mochte zur Annehmlichkeit des Lebens ; dort wieder türmte sich ein Gebirge feiner Leinwand , oder ein duftender Schrank öffnete sich mit hundert Kästchen voll Spezereien . Ich machte eine Türe nach der anderen wieder zu , wohlzufrieden mit dem Gesehenen und nur ängstlich , weil ich nirgends die Mutter fand , um mich in dem trefflichen Heimwesen sofort einrichten zu können . Suchend drückte ich mich an eines der Fenster und hielt die Hand an die Schläfe , um die Spiegelung der Kristallscheibe aufzuheben ; da sah ich , statt in ein Gemach hinein , in einen reizenden Garten hinaus , der im Sonnenlichte lag , und dort glaubte ich zu sehen , wie die Mutter im Glanze der lugend und Schönheit , angetan mit seidenen Gewändern , zwischen Blumenbeeten wandelte . Ich wollte das Fenster aufmachen , ihr zurufen , fand aber durchaus keinen Riegel oder Knopf , denn ich war ja außerhalb des Hauses , obschon ich aus dem Innern nach einem Garten hinausschaute . Am Ende stand ich nur an einer reichgetäferten Wand auf einem schmalen Gesimse , das meinen Füßen kaum genügenden Raum bot . Als ich mich hinausbog , um zu sehen , wie ich von der gefährlichen Stelle hinuntersteigen könne , sah ich auf der Gasse einen verkniffenen Knirps von Knaben mit grauen verwelkten Haaren , der mit einem Stecken meine Herrlichkeiten auseinanderstörte . Sogleich erkannte ich den Jugendfeind , jenen vom Turme gestürzten Knaben Meierlein , und kletterte eilig hinunter , ihn zu verjagen . Der aber fing wütend an zu schelten und als Kindswucherer und Gläubiger aufs neue , nach so viel Jahren , seine Forderung geltend zu machen , indem er die Hand an den vom Sturze zerschlagenen Kopf drückte . Er wolle mich jetzt endlich auspfänden , rief er mit giftigen Worten , daß er zu seiner verschriebenen Sache komme ; seine Rechnung sei pünktlich in Ordnung . » Du lügst , du kleiner Schuft « , schrie ich ihm zu , » mach , daß du fortkommst ! « Da erhob er seinen Stock gegen mich , wir gerieten einander in die Haare und rauften uns unbarmherzig . Der wütende Gegner riß mir alle die schönen Kleider , die ich trug , in Fetzen , und erst als ich ihn keuchend und verzweifelnd am Halse würgte , entschwand er mir unter den Händen und ließ mich in der schattigen kalten Straße stehen . Ermattet sah ich mich mit bloßen Füßen dastehen . Das Haus war aber das wirkliche alte Haus , jedoch halb verfallen , mit zerbröckelndem Mauerkalk , erblindeten Fenstern , in denen leere oder verdorrte Blumenscherben standen , und mit Fensterläden , die im Winde klapperten und nur noch an einer Angel hingen . Von meiner trefflichen Traumeshabe war nichts mehr zu sehen als einige zertretene Reste auf dem Pflaster , welche von nichts Besonderem herzurühren schienen , und in der Hand hielt ich nichts als den meinem bösen Feinde abgerungenen Stecken . Ich trat entsetzt auf die andere Seite der Straße und blickte kummervoll nach den öden Fenstern empor , wo ich deutlich meine Mutter , alt und grau und bleich , hinter der dunklen Scheibe sitzen sah , wie sie in tiefem Sinnen ihren Faden spann . Ich streckte die Arme nach dem Fenster empor ; als sich die Mutter aber leis bewegte , verbarg ich mich hinter einem Mauervorsprung und suchte bang aus der stillen dämmerigen Stadt zu entkommen , ohne gesehen zu werden . Ich druckte mich längs den Häusern hin und wanderte alsbald an meinem schlechten Stabe auf einer unabsehbaren Landstraße dahin zurück , woher ich gekommen war . Ich wanderte und wanderte rastlos und mühselig , ohne mich umzusehen . In der Ferne sah ich auf einer ebenso langen Straße , die sich mit der meinigen kreuzte , meinen Vater vorüberwandern mit seinem schweren Felleisen auf dem Rücken . Als ich erwachte , fiel mir ein Stein vom Herzen , so traurig war mir dieser letzte Teil der geträumten Abenteuer . So ging es nächtelang fort , obgleich zuweilen auch etwas mäßiger , so daß der erträumte Zustand an eine Art ruhiger Zufriedenheit grenzte . Einmal träumte mir , daß ich an dem Rande des Vaterlandes auf einem Berge säße , der von Wolkenschatten verdunkelt war , während das Land in hellem Scheine vor mir ausgebreitet lag . Auf den weißen Straßen , den grünen Fluren wallten und zogen Scharen von Volk und Leuten und sammelten sich zu heiteren Festen , zu verschiedenen Handlungen und Lebensübungen , was alles ich aufmerksam beobachtete . Wenn aber solche Scharen oder Aufzüge nah an mir vorübergingen und ich von den Leuten erkannt wurde , schalten sie mich im Vorbeigehen , wie ich , teilnahmlos in Trauer verharrend , nicht sehe , was um mich her geschehe , und sie forderten mich auf , ihnen zu folgen . Ich verteidigte mich aber freundlich und rief ihnen zu , ich sähe alles genau , was sie bewege , und nähme teil daran . Nur sollten sie sich jetzt nicht um mich kümmern , so sei mir wohler . Diese Vorstellung hatten meine emsigen Traumgeister offenbar folgenden Versen eines Unbekannten entwendet , die ich am Abend vorher in einigen zerrissenen Druckblättern gelesen : Klagt mich nicht an , daß ich vor Leid Mein eigen Bild nur könne sehen ! Ich seh durch meines Leides Flor Wohl euere Gestalten gehen . Und durch den starken Wellenschlag Der See , die gegen mich verschworen , Geht mir von euerem Gesang , Wenn auch gedämpft , kein Ton verloren . Und wie die müde Danaide wohl , Das Sieb gesenkt , neugierig um sich blicket , So schau ich euch verwundert nach , Besorgt , wie ihr euch fügt und schicket ! Achtes Kapitel Der wandernde Schädel So ging es in den Nächten zu . Wie ich die Tage damals verbracht , weiß ich mir kaum mehr vorzustellen ; es war die verwunderlichste Übung der Geduld mit dem Schicksal , das will sagen , mit sich selbst . Und wie ich vorahnend gedacht , löste sich der Ausgang auf diese Weise am leichtesten von den Dingen . Es dauerte nicht viele Tage , so zeigte es sich , daß mein verwitweter Hauswirt ohne seine Frau nicht bestehen konnte und sich genötigt sah , die Haushaltung aufzulösen , die Kinder einstweilen den Eltern der Verstorbenen zuzuschicken und die Wohnung zu räumen . Schon waren die Kleinen fort , als der Mann mir mürrisch und gleichgültig anzeigte , ich habe eine andere Unterkunft zu suchen , da er selbst am nächsten Tage ausziehe . Ich hatte nun alle die Jahre her in dem Hause gewohnt , und da ein übles Geschick meine fahrende kleine Habe auseinandergeblasen , so beschloß ich auf der Stelle , nach der Heimat zu gehen , statt einen bettelhaften Einzug in eine neue Wohnung zu halten . Ich änderte auch den Entschluß nicht , als mir nach Abtrag dessen , was ich dem Manne und andern noch etwa schuldig war , von dem bei Herren Joseph Schmalhöfer erworbenen Reichtume nicht so viel übrigblieb , womit ich hätte fahren können . Es reichte vielmehr zur Not für eine Fußwanderung hin , wenn ich das Geld genau einteilte , Tag und Nacht im Freien blieb und nur wenig Nahrung genoß . Um nun aber in den abgetragenen Kleidern nicht völlig einem Landfahrer ähnlich zu sehen , griff ich zum letzten Hilfsmittel , nämlich zu den Bildchen , die ich bei dem jüdischen Kunstschneider hängen hatte . Ohne Zeit zu verlieren , ging ich zu ihm , nahm auch jenes etwas größere , auf der Ausstellung verunglückte Stück mit und frug ihn , ob er mich für die drei Malereien neu und gut kleiden und was er noch an barem Gelde herauszahlen wolle . Zu letzterm war er natürlich nicht zu bewegen ; dafür fiel der Anzug leidlich gut aus , den zu liefern er nach seiner Geschäftsmaxime gleich bereit war ; er ließ sich sogar zur Leistung eines festen stattlichen Hutes herbei , dessen Rand den Hals gegen den Regen zu schützen versprach . Ich fand mich bei alledem wohl bedient und beraten und schied zufrieden von dem Nothelfer , nachdem ich in einer Hinterstube die Kleider gewechselt und ihm den abgelegten Habit als Zeichen meiner Erkenntlichkeit für menschenfreundliche Behandlung überlassen . Auf dem Rückwege schwankte ich , ob ich nicht den alten Schmalhöfer noch aufsuchen und von ihm Abschied nehmen solle . Ich besorgte jedoch , er könnte mich von neuem zu einem nichts entscheidenden und geisttötenden Arbeitsgewinne verlocken ; also vermied ich sein Haus , holte bei der Behörde noch meine Ausweispapiere und eilte , da der Abend nahte , nach Hause ; denn ich wollte mit angebrochener Nacht unverweilt die Wanderschaft antreten . Das war auch geraten , da der Wirt bereits den sämtlichen Hausrat fortgebracht und auch mein Bett weggeräumt hatte , unbekümmert , wo ich diese letzte Nacht noch schlafen möge . Ich fand ihn , wie er ganz allein in der stillen Wohnung stand , die von unsern Tritten und Worten einen ungewohnten Widerhall hören ließ , weil sie gänzlich leer war . Nur etwas Kleider und kleines Geräte lagen noch beieinander , was er nicht zusammenzupacken wußte , da es ihm an einer Kiste fehlte . Ich sagte ihm , er könne sich meines großen Koffers bedienen , den ich zunächst nicht brauche . Das nahm er ohne Dank an , wofür ich ihm auch einen Streich spielte . Denn als ich nun in meine zwei Zimmer ging , in eine Reisetasche ein Restchen Wäsche und meine schön gebundene Jugendgeschichte gesteckt hatte und mich umsah , was etwa noch zu tun wäre , entdeckte ich zu meinem Schrecken noch den Schädel des Albertus Zwiehan , der allein unversorgt zurückblieb . Erschüttert nahm ich das unselige Sphäroid , das nicht zur Ruhe kommen konnte , in die Hand und fühlte Gewissensbisse . Armer Zwiehan ! dachte ich , du bist einst von Ostindien nach der Schweiz gereist , von da nach Grönland und wieder zurück , dann hierher , und nun mag Gott wissen , was aus dir wird , den ich so leichtfertig vom Friedhofe genommen habe ! Aber das half nun nichts ; ich hob den Deckel meines leeren Koffers und legte den alten Schädel hinein , die weitere Fürsorge dem auf dem Sprunge stehenden Hauswirte überlassend , der sich in seinem Unstern so wenig liebenswürdig gegen mich benahm , obgleich ich seit länger als fünf Jahren an den Unterhalt seiner Familie so manchen guten Taler beigetragen . Dann trat ich mit umgehängter Tasche aus meiner besonderen Trauerwohnung in die allgemeine hinaus , gab dem Manne rasch die Hand und stieg die Treppe hinunter . Kaum war ich aber auf dem Flur angelangt , so rief der Unhold von oben her meinen Namen und schrie : » Da , nehmen ' s den auch mit , der gehört Ihnen ! « Gleichzeitig kollerte und polterte der Totenkopf die lange hölzerne Treppe herunter und schlug mir unsanft an die Fersen . Ich hob ihn auf ; in der vorgerückten Dämmerung ließ er erbärmlich den Unterkiefer fallen , der in Drähten hing , und schien so zu bitten , ihn nicht zurückzulassen . » So komm mit « , sagte ich , » wir wollen wieder zusammen heimgehen ! Es war eine merkwürdige Reise ! « Ich zwängte den Schädel mit Mühe in die Wandertasche , wodurch diese ein unförmliches Aussehen gewann , wie wenn ein Kommißbrot oder ein Kohlkopf darinsteckte . Nun hatte ich noch ein einziges Geschäft zu verrichten , das mir nicht leichtfiel . Seit dem sonderbaren und unverhofften Liebesabenteuer mit Hulda war ein Sonnabend von mir unbenutzt verstrichen und jetzt eben der zweite da . Durch die Nachrichten des hochzeitreisenden Landsmannes sowie durch die erfahrenen Traumgesichte waren mir Mut und Lust zur Verwirklichung der tannhäuserlichen Glückspläne vergangen ; und doch drängte mich jetzt ein Gefühl von warmer Dankbarkeit , selbst von zärtlicher Zuneigung und Erinnerung , nicht ohne ein Wort des Abschiedes , der Verständigung davonzugehen . Ich hoffte , das süße und ehrenwerte Geschöpf mit dem Geständnisse , daß ich kein Handwerksgeselle , sondern ein verarmter Künstler sei , der nicht wisse , was noch aus ihm werden solle , und vorerst das Land verlassen müsse , unschwer von seinen Gedanken abzubringen , über den abermaligen Verlust eines Liebhabers zu trösten und so im Frieden zu scheiden . Mit Tasche und Stab schon auf der Wanderschaft , schlug ich die Richtung nach der Straße ein , wo sie wohnte . Da es noch etwas zu früh war , trat ich in ein Gastbaus , um ein letztes Abendbrot in dieser Stadt zu mir zu nehmen . Dann fand ich bald im Laternenlichte das Haus und setzte mich im Schatten einer gegenüberstehenden Brunnensäule auf ein kleines Bänklein . Nun kam die anmutige