Vater von der hübschen Maline , hat ihm eine Grabschrift geschrieben . « » Und wie kam es dann ? « » Ich weinte herzlich , nicht um meiner Not willen , denn ich hatte nicht das Gefühl davon , aber weil ich ihn so sehr geliebt hatte . Noch jetzt häng ich an ihm und träume von ihm . Sie sehen mich an , Herr General , so freundlich , wie ich nicht gedacht hätte , daß Sie jemanden ansehen könnten . Und das gibt mir einen Mut , von meinem Vater zu sprechen . Ach , die verachteten Menschen , wenn sie gut sind , sind es die besten . Ich habe früh erfahren , wie wenig der Schein bedeutet . Und wie müssen erst unsere Herzen vor Gott liegen , der alles sieht und alles weiß ! « Sie hatte das mit tiefer Bewegung gesprochen ; jetzt schwieg sie und sah ein nervöses Zucken um den Mund des Alten , der seinerseits die Frage wiederholte : » Und wie kam es dann ? « » Es kam dann , was Sie jetzt sehen ; die Kniehases nahmen mich in den Schulzenhof hinüber . Es war vor Weihnachten , und er baute mich seiner Frau auf , und ich war ihre Puppe . Ich hatt es gut , zu gut , aber da war die verstorbene gnädige Frau , die sah es , und als sie gewahr wurde , daß ich wild aufwuchs und zu sehr meinen Willen hatte , da sorgte sie für das Rechte . Oder , wenn ' s nicht das Rechte war , doch für das , was sie für das Rechte hielt . Sie nahm mich in das Herrenhaus , und da wurden wir zusammen erzogen , Renate und ich , ich meine das Fräulein und ich . Wir waren in gleichem Alter und immer miteinander . « » Und mit Lewin ? « fragte Bamme , den wieder die Lust zu necken anwandelte . » Ja , auch mit Lewin , bis er in die Stadt kam . Aber wir sind gute Kameraden geblieben . « » Und bleiben es auch wohl ? « » Ich hoff es . « Bei dieser Wendung des Gesprächs war Kniehase wieder eingetreten , um zu melden , daß es Zeit sei ; drei von den Bataillonen seien schon auf dem Rendezvous am Wäldchen eingetroffen , und das vierte würde sofort antreten . Das war eine willkommene Nachricht . Der alte General empfahl sich , wickelte sich draußen auf dem Flur in seinen Husarenmantel und schwor ein Mal über das andere , während er mit unsicherer Hand an seinen Kragenösen herumnestelte , daß er sechs Pflegetöchter ins Haus nehmen wolle , wenn nur eine so geriete wie diese kleine Fee . Denn eine Fee sei sie , trotzdem die richtigen Feen blaue Augen haben müßten . Und darnach hob er sich in den Sattel , rückte sich zurecht und warf der am Fenster stehenden Marie Kußhändchen zu , aber mehr freundlich als geckenhaft . Und gleich darauf ritt er ab . Ein sonderbares Bild , der kleine Mann auf dem hohen brandroten Pferde , in Mantel und Pelzmütze und die Steigbügel hochgeschnallt . Im übrigen war alles , wie Schulze Kniehase gesagt hatte , und als Bamme jetzt in Nähe des zur Revue bestimmten Blachfeldes eintraf , sah er , daß drei der Bataillone bereits regelrecht aufmarschiert waren . Sie standen hufeisenförmig oder in einem Carré , dessen vordere Seite geöffnet war . In diesem Augenblicke meldeten Drosselstein und Vitzewitz , daß auch Bataillon Lebus im Anmarsch sei . Dasselbe rapportierte Hirschfeldt und der kleine Mann wuchs ordentlich auf seinem hohen Pferde , als er sich von den verschiedensten Seiten her so begrüßt und zum Mittelpunkt aller dienstlichen Meldungen gemacht sah . Diese Meldungen waren kaum beendet , als man auch schon vom Dorfe her Trommelschlag hörte und zwischen den Pappeln hin einer lang heranziehenden Kolonne gewahr wurde . Es waren unsre Lebuser . Sie marschierten in Abständen von hundertundfünfzig Schritt . Und jetzt waren die Vordersten deutlich erkennbar geworden : Compagnie Lietzen-Dolgelin . Ein Alter mit einer Fahne , deren Stock in einem breiten Gurt steckte , schritt rüstig voran , trotzdem sein rechter Fuß etwas kürzer war als der linke . » Wer ist der Alte ? « fragte Bamme den neben ihm haltenden Vitzewitz . » Rentamtmann Mollhausen von Lietzen . Hat noch unter Markgraf Karl gedient . Bei Kunersdorf Schuß durch die Hüfte . « » So , so . Und die Fahne , die der Alte führt ? Rot und weiß . Hab ich all mein Lebtag nicht gesehen . « » Das ist die Komtureifahne mit dem achtspitzigen Johanniterkreuz . Lietzen war Ordensgut . « Unter diesem Gespräche war » Lietzen-Dolgelin « bis dicht herangekommen und schwenkte rechts , um an den einen Flügel des offenen Carrés zu rücken . Dadurch wurde die zunächst kommende Compagnie sichtbar . Es war die von Hohen-Ziesar . Sie hatte die meiste Musik : zwei Trommler und zwei Pfeifer , und die ganze vorderste Sektion bestand aus lauter berittenen Mannschaften : Verwalter und Meier von den verschiedenen Gütern und Vorwerken des Grafen . Dieser selbst , als er seine Leute herankommen sah , setzte sich an ihre Front und führte sie , die Degenspitze neigend , an dem alten Bamme vorüber . Jetzt kam Compagnie Hohen-Vietz . Sie hatte das meiste Ansehen und wurde von den anderen wie eine alte vornehme Familie behandelt . Das machte , weil sie die historische war . Die Lietzner Komtureifahne mit dem achtspitzigen Kreuz wollte nicht viel besagen , denn ihr Fahnentuch war neu , keine dreißig Jahre alt ; Compagnie Hohen-Vietz aber hatte noch das siegreiche Kirchenbanner aus den Hussitentagen her und vor allem die große Schwedentrommel , von der jedes Kind in den Bruchdörfern wußte und die jetzt dumpf und eintönig ihren Marsch wirbelte . Es war der Schmied , der sie trug , an einem breiten , mit Muscheln besetzten Lederbande , nicht viel schmäler als der Ledergurt eines Schlittengeläuts . Die Trommelwandung war blau , und der krause Mohrenkopf , der sich in gelbem Schilde auf eben dieser Wandung befand , war durch Seidentopf als der Kopf der Königin Christine festgestellt worden . Und nun kam Compagnie Protzhagen , Hauptmann von Rutze am rechten Flügel und statt des Trommelschlägers einen Hornisten in der Front . Dieser , ein dicker , kurzhalsiger Mann und seines Zeichens Protzhagener Kuhhirt , steckte wie verloren in den Windungen eines riesigen Horns , von dem es hieß , daß es dasselbe sei , drin Junker Hans von Rutze vor hundertundfünfzig Jahren den Hals gebrochen habe . Es gab nur zwei Töne von sich , einen tiefen und einen hohen , von denen der tiefe zum Angriffs- und der hohe zum Rückzugssignal bestimmt worden war . Die Compagnie selbst aber , nach wie vor die beste , war in all ihren Gliedern mit Piken bewaffnet , eingedenk der historischen Tatsache , daß Eusebius von Rutze in der großen Schlacht bei Budapest mit einer Pikeniercompagnie das türkische Zentrum durchbrochen hatte . Daraufhin hatte sein Urenkel , unser Hauptmann , allem Dreinreden einzelner zum Trotz , auf Piken bestanden , und Bamme - selber ein Freund der blanken Waffe und des Mann gegen Mann - war ihm gern zu Willen gewesen . Er sah jetzt schmunzelnd auf Rutze , der , das sechs Fuß lange Sponton in beiden Händen , gravitätisch an ihm vorbeidefilierte , und wandte sich zu Berndt : » Voilà , der Anmarsch der Protzhagener Gebirgsvölker . Sehen Sie , Vitzewitz , das Monstrum in der blechernen Boa constrictor . Das reine Horn von Uri . « Und damit schwenkten auch die Rutzeschen nach rechts hin ein . Ihr Einschwenken , wie das der letztgenannten Compagnien überhaupt , hätte , wenn es en ligne erfolgt wäre , das bis dahin offene Carré schließen müssen , dadurch aber , daß sie hintereinander , zu je zwei und zwei , am rechten und linken Flügel des Hufeisens aufmarschierten , war zwischen ihnen eine breite Gasse frei geblieben , durch die jetzt erst Bamme und dann alle Bataillonskommandeure , die mit auf der Chaussee gehalten hatten , in das Carré einritten . Die Barnimschen Bataillone , zum Unterschiede von den Lebusischen , hatten viele kleine Compagniefahnen mitgebracht , rote Frieslappen , in die , wie sich die Landsturmmänner ausdrückten , der » preußische Kuckuck « eingenäht worden war . Diese Fahnen senkten sie jetzt , während zugleich alle Trommeln , große und kleine , gerührt wurden . Der alte General salutierte , ritt die Fronten ab und nahm dann seine Stellung inmitten des Carrés , von seiner Suite und mehreren der Barnimschen Fahnenträger umgeben . Der Moment war nun da , wo gesprochen werden mußte . Bamme war nicht ängstlich und wußte zu reden wie jeder , dem es gleichgültig ist , ob seine Rede gefällt oder nicht . » Leute ! « begann er , » in Frankfurt sind funfzig Kanonen und bloß zweitausend Franzosen . Ein paar hundert mehr oder weniger tut nichts . Wir wollen sie überrumpeln ; wollt ihr ? « » Ja , Herr General ! « » Gut , ich hab es nicht anders von euch erwartet . Denn was sagte der Alte Fritz ? Wenn ich Soldaten sehen will , sagte er , so seh ich das Regiment Itzenplitz . Und das andere Mal sagte er : Wenn ich Soldaten sehen will , so seh ich das Regiment Markgraf Karl . Ja , Leute , so sagte der Alte Fritz . Habt ihr verstanden , was ich meine ? « » Ja , Herr General . « » Regiment Itzenplitz und Regiment Markgraf Karl , wo waren sie zu Hause ? « » Hier , Herr General . « » Richtig , hier in Barnim und Lebus . Kerls , sollen wir schlechter sein , als unsere Väter waren ? Sollen wir , wenn uns der Alte Fritz ansieht , die Augen niederschlagen ? « » Nein , nein ! « » Es wird nicht viel kosten ; die Bürger helfen und die Russen auch . Aber wo Holz gehauen wird , fallen Späne . Ein paar von uns werden die Zeche bezahlen müssen . Wollt ihr ? « » Ja ! « » Ich wußt es . Aber nun die Ohren steif . Wer ein Hundsfott ist , kriegt die Kugel vor den Kopf . Ich bin ein spaßhafter Mann , aber wenn es Ernst wird , versteh ich keinen Spaß . Und nun vorwärts ! Feldgeschrei Zieten ! und Losung Hohen-Vietz ! Das können sie nicht nachplappern ... Und wißt ihr , wer sie holen soll , sie und ihren Kaiser ? « » Ja , wir . « » Nein , der Kuckuck soll sie holen « , und dabei wies er auf die kleinen Compagniefahnen der neben ihm stehenden Barnimschen Fahnenträger . Diese schwenkten jetzt wieder ihre roten Frieslappen , alle Spielleute fielen ein , und Bamme hatte die Genugtuung , seinen letzten Redetrumpf durch nicht enden wollende Hurras begleitet zu sehen . Als sich der Lärm einigermaßen wieder gelegt hatte , ritt er grüßend aus dem Viereck auf die Chaussee zurück . Die Bataillone brachen rasch in Sektionen ab und folgten ihm unter Trommelschlag in das Dorf . Auch das » Horn von Uri « klang abwechselnd mit seinem tiefen und seinem hohen Ton dazwischen . Achtzehntes Kapitel Der Aufbruch Die Nachmittagsstunden vergingen rascher , als man erwartet hatte ; sämtliche Kommandeure waren zu Tisch geladen , und das Gespräch mit ihnen kürzte die Zeit . Selbst Bamme , als er erst wahrnahm , daß es seinen Geschichten und Anekdoten , aller pressanten Lage zum Trotz , an einem aufmerksamen und dankbaren Publikum nicht fehlte , kam über die gefürchteten Stunden in guter Laune hinweg . Schon lange vor neun begannen sich die Bataillone zu sammeln und standen nun das Dorf hinauf und hinunter : bei Miekleys Mühle die Vorhut , auf der Straßenerweiterung zwischen dem Krug und dem Schulzenhof die beiden Barnimschen Bataillone , vor dem Herrenhause das Bataillon Lebus . Es war ziemlich dunkel , aber bei dem Lichterschein , der von rechts und links her auf die Gasse fiel , ließen sich die aus Piken und Gewehren zusammengesetzten Pyramiden deutlich erkennen . Vor den Häusern standen die Landsturmmänner im Gespräch mit den Frauen und Mädchen , denn alles , was Waffen tragen konnte , war in Reih und Glied . Bamme hielt bei Miekleys Mühle neben einer Art Biwaksfeuer , das hier mitten auf dem Fahrdamme angezündet worden war . Die Pelzmütze tief ins Gesicht gerückt , den Husarensäbel über den grauen Mantel geschnallt , gewährte er jetzt , angeglüht von dem Flammenschein , auf seiner hochbeinigen roten Fuchsstute einen noch groteskeren Anblick als bei seinem Ritte zur Revue . Neben ihm hielt Hirschfeldt . Und nun schlug es neun , und ehe noch der letzte Schlag verklungen war , hieß es : » An die Gewehre ! « Jeder , der das Kommando hörte , wußte , von wem es kam . Diese scharfe Krähstimme hatte nur einer . Die Landsturmmänner des zunächststehenden Bataillons gehorchten augenblicklich und mit der Präzision alter Soldaten , während Hirschfeldt die Dorfgasse hinaufjagte , um den Befehl von Bataillon zu Bataillon zu bringen . Dann warf Bamme die Fuchsstute links herum , nahm zwischen zwei Holzpfeilern , die den Eingang zum Mühlengehöft bildeten , Stellung und kommandierte : » Bataillon , marsch ! « . Die Tambours schlugen an , und unter Hurra ging es im Geschwindschritt an dem Alten vorbei , der immer , wenn ein neues Bataillon herankam , die Pelzmütze lüpfte , um wenigstens die vordersten Rotten zu begrüßen . Jetzt kam auch das Bataillon Lebus , das die Nachhut bildete ; die Schwedentrommel lärmte , und der Protzhagener Kuhhirt , mit dem Junker-Hansen-Horn , blies unablässig dazwischen . Es klang wie Feuerruf . Vitzewitz und Drosselstein ließen im Vorbeimarsch präsentieren , und erst als der letzte Mann ihres Nachhut-Bataillons vorüber war , gab auch Bamme seinen Platz zwischen den zwei Pfeilern auf und folgte an der Queue der Kolonne . Eine halbe Stunde später war wieder alles still in der Dorfgasse , und nur die Lichter brannten noch bis tief in die Nacht hinein ; denn da war kein Haus , dessen Insassen nicht den Zug in Furcht und Hoffnung , mit Sorgen und Gebet begleitet hätten . So war es auch in der Pfarre . Hier saßen Renate und die Schorlemmer , die gekommen waren , sich Rat und Trost zu holen . Wenigstens galt dies von Renate . Die Schorlemmer hatte selber , was sie brauchte , und nahm ihre Zuflucht lieber zu dem eisernen Bestand ihrer Lieder und Sprüche , die sie , nicht ganz mit Unrecht , für heilskräftiger ansah als alles , was ihr Seidentopf bieten konnte . Beide ( Renate wie die Schorlemmer ) waren noch nicht lange zugegen , als auch Marie vom Schulzenhofe her eintrat . Man begrüßte sich herzlich , aber es wollte kein rechtes Gespräch aufkommen , und nachdem einige gleichgültige Worte gewechselt waren , sahen alle schweigend vor sich hin . Immer wieder im Laufe des Tages war versichert worden , daß es sich aller Wahrscheinlichkeit nach nur um ein leichtes Unternehmen handle , daß die Franzosen demoralisiert seien und daß man angesichts dieser Tatsachen einen regelrechten oder gar hartnäckigen Widerstand kaum zu gewärtigen habe ; nichtsdestoweniger hatte Hirschfeldts ernste Miene und mehr noch Bammes inmitten aller Heiterkeit unverkennbar hervortretende Unruhe deutlicher gesprochen als alle jene hoffnungsreichen Versicherungen . Die Gefahr sollte geleugnet werden , aber sie war da . So hing jeder allerlei trüben Gedanken nach , am meisten aber Marie . Für Lewin fürchtete sie nichts , es war ihr , als ob irgendein Flammenschild ihn schützen müsse ; aber Tubals gedachte sie mit Zittern . War es eine Neigung , ihr selbst zum Trotz ? Nein . Es lag nur tief in ihrer Natur , an einen Ausgleich zu glauben , das Mysterium von Schuld und Sühne war ihr ins Herz geschrieben , und ihre geschäftige Phantasie malte ihr dunkle Bilder , wechselnd in der Szenerie , aber ihr Inhalt immer derselbe . So vergingen Minuten ; das Schweigen wurde peinlich , um so peinlicher , als auch der sanguinische Seidentopf , der seiner Natur nach immer mehr hoffte als fürchtete , an diesem Schweigen teilnahm . Endlich sagte Renate : » Welchen Weg werden sie nehmen ? Ich habe den Papa zu fragen vergessen . Am Fluß hin ist es näher , aber der Höhenweg ist besser und nicht so trist und öde . « » Soweit ich Bamme verstanden habe « , antwortete Seidentopf , » wollen sie bei Reitwein oder doch spätestens bei Podelzig die Kolonne teilen und auf beiden Straßen vorgehen , die Barnimschen unten an der Oder , unser Bataillon und die Münchebergschen über das Plateau hin . Beim Spitzkrug treffen sie dann wieder zusammen . Hirschfeldt hatte den Platz an der kleinen Georgenkirche vorgeschlagen , aber Bamme bestand auf dem Spitzkrug . « » Das glaub ich « , sagte die Schorlemmer . » Er ist immer mehr für Krug als Kirche . Und das ist es , was mich ängstigt und meine Hoffnung so niederdrückt . « Renate nahm die Hand der alten Freundin und sagte : » Ich sehe nicht ein , warum . Weißt du doch nichts von ihm , als was die Leute sagen . « » Und das ist auch gerade genug . Was die Leute sagen , ist immer wahr , trotzdem die Welt voll Lüge ist . Aber die Lüge läuft sich tot , und was dann bleibt , das ist die Wahrheit . Hast du je gehört , daß sie von dem Grafen drüben etwas Böses sprechen ? Nein , und warum nicht ? Weil er ein reines Herz hat . Es hat ihm bloß die Erweckung gefehlt und das Licht des Glaubens . Aber was diesem garstigen Bamme fehlt , das ist nicht mehr und nicht weniger als alles , und was er dafür hat , das ist Qualm und Rauch . Und er raucht auch immer ( aus einer häßlichen kurzen Pfeife ) , und durch die ganze Stube hin liegt Asche und Fidibus und Schwamm . Er hat uns Löcher in die Dielen gebrannt , und überall sieht es aus , als ob , ich will nicht sagen wer , fünf Tage lang bei uns im Quartier gelegen hätte . Was soll Gutes davon kommen ? O nein , Renatchen , was wir brauchen , das ist die Hilfe Gottes . Der muß seine Engel schicken , daß sie für uns streiten ; aber sie können nicht streiten an dieses Mannes Seite , denn das Reine verträgt sich nicht mit dem Unreinen . « » Liebe Schorlemmer « , sagte Marie , » du tust ihm doch wohl unrecht , er wird schwärzer gemalt , als er ist ; das hat er mit seinem Vorbilde gemein . Er kam heute vormittag in unser Haus und setzte sich zu mir und sprach mit mir , wohl eine halbe Stunde lang . Ich fürchtete mich keinen Augenblick und jedenfalls ein gut Teil weniger als vor vielen anderen , die keine Bammes sind . Er war sehr artig und sehr teilnehmend , und ich muß sagen , ich habe nichts Häßliches aus seinem Munde gehört . Vielleicht , daß er früher anders war . Er ist klug und kennt die Menschen , und ich glaube , er weiß recht gut , was er sagen darf und was nicht . « » Marie hat recht « , sagte Seidentopf . » Und zudem , er hat noch eine große Tugend : er heuchelt nicht und macht sich nicht besser , als er ist . Im Gegenteil , er legt sich allerhand Tollheiten zu , denn das menschliche Herz ist wunderlich in seinen Eitelkeiten . Die meisten suchen ihren Vorteil im Tugendschein , er gefällt sich im Schein der Sünde . Ich will nicht alles an ihm loben , aber wenn ich die Summe seiner Fehler ziehen sollte , so würd ich sagen , er ist eitel und gefallsüchtig und nicht fest in Grundsätzen . « » Nicht fest in Grundsätzen « , brauste jetzt die Schorlemmer auf . » Das nenn ich denn doch Beschönigung . Grundsätze ? Er hat überhaupt keine , und das ist das Schlimmste . Denn wer keine Grundsätze hat , der ist wie ein Raubtier oder eine Katze . Und wie macht es die Katze ? Jetzt schnurrt und spinnt sie noch und wärmt sich an der Ofenecke , aber im nächsten Augenblicke springt sie dem schlafenden Kind an die Kehle . Sie hat es für eine Maus gehalten , sagen dann die Leute , die für alles eine Entschuldigung haben . Aber ich mag nichts davon wissen . Maus hin , Maus her , die kleine Unschuld ist tot . « Renate und Marie wechselten Blicke , die Schorlemmer aber , die , so gut sie war , in ihrem Eifer oft aller Liebe vergaß , fuhr immer heftiger fort : » Und mit diesem Manne ziehen sie gegen die Mauern einer festen Stadt , als ob er ein Mann Gottes und ein Auserwählter wäre . Er wird aber den dicken Mann von Protzhagen , dem sie das alte Rutzenhorn um den Nacken gelegt haben , umsonst blasen lassen , denn das alte Rutzenhorn ist keine Posaune , und Bamme , Gott weiß es , ist kein Josua . Denn der hatte das Gesetz , das Gott dem Mose gegeben , und wich nicht zur Rechten und nicht zur Linken . Und so blieb es in Israel , und wenn es arg wurde , weil sie sich mit den heidnischen Völkern mischten und den heidnischen Göttern dienten , dann weckte Gott einen Gottesmann unter ihnen , der schlug dann die Moabiter und Amalekiter und viele andere noch . Und warum schlug er sie ? Weil sein Auserwählter dem rechten Gotte diente und die Baalstempel stürzte . Aber dieser Bamme , der nun auszieht , um unsere Feinde zu schlagen , der ist selber ein Heidenkind und möchte jeden Tag dem Baal Tempel und Altäre bauen . Und was ist sein Baal ? Das Spiel und der Trunk und die Fleischeslust . Und deshalb sage ich , er wird nicht wiederkehren wie Gideon ... « » Aber vielleicht wie Jephtha « , scherzte Renate , » und ich werde ihm , wenn er siegreich heimkehrt , mit Pauken und Zimbeln entgegenziehen . « Seidentopf und Marie vergaßen angesichts dieses Bildes auf Augenblicke wenigstens den Ernst ihrer Lage , Renate selbst aber , während sie die Hand der Alten nahm , setzte beschwichtigend hinzu : » Sieh nicht so böse darein , liebe Schorlemmer , aber es ist nicht gut , wie du sprichst . Sind wir doch hier in schwerer Stunde beisammen , und die Liebsten , die wir haben , sind ausgezogen , um dem Lande das Zeichen der Erhebung zu geben . Und was tust du ? Du malst uns schwarze Bilder , als ob alles untergehen müßte um dieses einen Mannes willen . Das ist nicht recht , und ich kenne dich nicht wieder . Um eines Guten willen übt Gott viel Gnade , so hast du mich früher gelehrt , aber er bereitet nicht um eines Schuldigen willen hundert Unschuldigen ihr Verderben . Habe ich recht , lieber Pastor ? « » Ja und wieder ja « , sagte Seidentopf , » und es führt zu nichts , unsere Herzen immer bänger und schwerer zu machen , wo wir uns aufrichten sollen . Der Eifer hat meine alte Freundin hingerissen . Wir haben all einen Punkt , der eine diesen , der andere jenen , wo wir , wenn wir am gerechtesten zu sein vermeinen , am ungerechtesten werden . Und bei meiner Freundin heißt er : Bamme . Lassen wir den Streit und das Trübesehen und lesen wir ein Wort von der Allmacht und der Gnade Gottes . « Marie war aufgestanden und holte von der Camera theologica her die große Augsburgsche mit den Eisenzwingen und öffnete die Klammern . Der alte Seidentopf aber las den neunzigsten Psalm : » Herr Gott , du bist unsere Zuflucht für und für . Ehe denn die Berge worden und die Erde und die Welt geschaffen worden , bist du , Gott , von Ewigkeit zu Ewigkeit . « Darnach erhoben sich die Schorlemmer und Renate , um in das Herrenhaus zurückzukehren . Mit ihnen auch Marie , denn sie wollten die Nacht zusammenbleiben . Neunzehntes Kapitel Der Überfall Während in der Pfarre Seidentopf und die drei Frauen in dieser Weise plauderten , rückten die Compagnien auf Frankfurt zu . Einzelne Sterne , kaum hervorgekommen , hatten sich ebenso rasch wieder versteckt , und nur der Schnee , der lag , gab gerade Licht genug , um des Weges nicht zu fehlen . Schweigsam , in dunkler Kolonne ging der Marsch , und wer hundert Schritte seitwärts gestanden hätte , hätte nichts wahrgenommen als einen langen Schattenstrich und dann und wann ein paar Funken aus den kurzen Pfeifen der Landsturmmänner . Die Krähen sahen dem Zuge nach , verwundert , aber ohne sich zu rühren , und nur ein paar von ihnen flogen krächzend auf , um es am Wege hin den andern zu melden . Dabei senkte sich das Gewölk immer tiefer , und jeder empfand es wie Schwüle , trotzdem eine kalte Luft strich . So kamen sie bis Reitwein , wo noch überall Licht war . Viele von den Dörflern , auch hier meistens Frauen , waren bis auf den Fahrweg hinausgetreten , um ihre in der Kolonne befindlichen Angehörigen zu begrüßen , andere blieben in den Türen stehen und wehten und winkten mit weißen Tüchern , was in dem Dunkel , das herrschte , einen unheimlichen Eindruck machte . Hinter dem Dorfe teilte sich der Weg . Als die Kolonnenspitze den Gabelpunkt erreicht hatte , schwenkten die Barnimschen Bataillone , ganz wie es Seidentopf vermutet hatte , nach links hin in die Niederung ab , während die andere Hälfte des Zuges auf dem Plateau hin weitermarschierte . Bei dieser zweiten Hälfte befand sich , außer dem Kommandierenden und seinem Adjutanten , auch unser Landsturmbataillon Lebus . An der Spitze desselben , den vordersten Rotten um fünfzig Schritte voraus , ritten Drosselstein und Vitzewitz . Sie kannten Weg und Steg und hatten auf Bammes ausdrücklichen Wunsch die Führung während des Marsches übernommen . Beiden war nicht plauderhaft zu Sinn ; endlich aber , als die letzten Reitweinschen Häuser schon in Büchsenschußentfernung hinter ihnen lagen , begann Drosselstein : » Ein Glück , daß wir Hirschfeldt an der Seite des Generals haben . Er ist kaltblütig und kennt den Krieg . « » Ja « , bestätigte Vitzewitz . » Und ein Glück um so mehr , als der Alte sich selber mißtraut . Er war eitel genug , das Kommando , das wir ihm anboten und in Anbetracht aller Umstände wohl oder übel anbieten mußten , auch wirklich anzunehmen ; jetzt aber ist er unsicher , weil er sich seiner Aufgabe nicht gewachsen fühlt . Am liebsten würd er es jedem einzelnen sagen , und ich rechne es ihm hoch an , daß er darauf verzichtet und sich wenigstens den Leuten gegenüber zum Schweigen zwingt . Er ist kein Mann der ruhigen Überlegung und nur waghalsig für seine Person . Die Verantwortlichkeit drückt ihn . Diese Stunden sind übrigens die schlimmsten . Ist er erst in Aktion , wird er sich selber wiederfinden . « » Und diese Aktion , wie wird sie ablaufen ? « fragte der Graf . » Ich hoffe gut ; es wäre denn ... « Drosselstein sah ihn fragend an . » Es wäre denn « , wiederholte Vitzewitz , » daß uns die Russen im Stich ließen . « » Ich habe nicht nur Tschernitscheffs Zusicherung , ich habe sie , wie Sie wissen , gestern zum zweiten Male empfangen . Er ist kein Mann der Eifersüchteleien . « » Vielleicht nicht « , antwortete Vitzewitz . » Aber ich kenne die Russen , sie sind launenhaft und lassen es an sich kommen . Dabei haben sie jene glatten gesellschaftlichen Formen , die die Sache nur noch schlimmer machen . Sie versprechen alles und wissen im voraus , daß sie das Versprochene nicht halten werden , wenigstens fühlen sie sich nicht in ihrem Gewissen gebunden . Es fehlt ihnen zweierlei : Ehrgefühl und Mitgefühl . Und Tschernitscheff ist wie die anderen . Es ist möglich , daß er kommt , aber es ist andererseits nicht unmöglich , daß er nicht kommt . Und das ist es , was mir Furcht und Sorge macht . « Drosselstein suchte zu widerlegen , aber seine Worte verrieten deutlich , daß er im Grunde seines Herzens Berndts Befürchtungen teilte . In der nachrückenden Kolonne war nach wie vor alles still . Schulze Kniehase führte den ersten Zug , Lewin den zweiten , Tubal den dritten . Zwischen dem zweiten und dritten Zuge ging Hanne Bogun . Bamme , seiner hohen Fuchsstute mißtrauend , hatte auf ein Reservepferd bestanden , und der Scharwenkasche Hütejunge war ausersehen worden , den Shetländer am Zaume nachzuführen . In der ganzen Kolonne war er der einzige , dem es wirklich wohl ums Herze war . Eitel und seit dem Tage , wo die » Suche « stattgefunden hatte , von einem immer wachsenden Dünkel gequält , war er auch jetzt wieder begierig , sich hervorzutun , und zweifelte keinen Augenblick , daß sich die Gelegenheit dazu finden würde . Schon sein Aufzug deutete darauf hin ; er trug eine Friesjacke und Leinwandhose wie gewöhnlich , aber über die Jacke war ein breiter Ledergurt