wir , nach Deinen eignen früheren Berühmungen , eine raschere Beendigung des Krieges gegen diese Barbaren erwartet hätten , und glauben auch , daß eine solche bei größerer Anstrengung nicht unmöglich gewesen wäre . Deshalb können wir Deinem wiederholt geäußerten Wunsche nicht entsprechen , Dir Deine übrigen fünftausend Mann Leibwächter , die noch in Persien stehen , sowie die vier Zentenare Goldes nachzusenden , die in Deinem Palaste in Byzanz liegen . Allerdings sind beide , wie Du in Deinem Briefe ziemlich überflüssigermaßen bemerkst , Dein Eigentum : und Dein in demselben Brief geäußerter Entschluß , Du wolltest diesen Gotenkrieg bei dermaliger Erschöpftheit des kaiserlichen Säckels aus eignen Mitteln zu Ende führen , verdient , daß wir ihn als pflichtgetreu bezeichnen . Da aber , wie Du in gleichem Briefe richtiger hinzugefügt , all ' Dein Hab ' und Gut Deines Kaisers Majestät zu Diensten steht und kaiserliche Majestät die erbetene Verwendung Deiner Leibwächter und Deines Goldes in Italien für überflüssig halten muß , so haben wir , Deiner Zustimmung gewiß , anderweitig darüber verfügt und bereits Truppen und Schätze , zur Beendung des Perserkriegs , Deinem Kollegen Narses übergeben . - Ha , unerhört ! « unterbrach sich Prokop . Cethegus lächelte : » Das ist Herrendank für Sklavendienst . « » Auch das Ende scheint hübsch , « fuhr Prokopius fort . - Eine Vermehrung Deiner Macht in Italien aber scheint uns um so minder wünschbar , als man uns wieder täglich vor Deinem ungemessenen Ehrgeiz warnt . Erst neulich sollst du beim Weine gesagt haben : das Zepter sei aus dem Feldherrnstab und dieser aus dem Stock entstanden : gefährliche Gedanken und ungeziemende Worte . Du siehst , wir sind von Deinen ehrgeizigen Träumen unterrichtet . Diesmal wollen wir warnen , ohne zu strafen : aber wir haben nicht Lust , Dir noch mehr Holz zu deinem Feldherrnstab zu liefern : und wir erinnern Dich , daß die stolzest ragenden Wipfel dem kaiserlichen Blitz am nächsten stehn . » Das ist schändlich ! « rief Prokop . » Nein , das ist schlimmer : es ist dumm ! « sagte Cethegus . » Das heißt die Treue selbst zum Aufruhr peitschen . « » Recht hast du , « schrie Belisar , der , wieder hereinstürmend , diese Worte noch gehört hatte . » Oh , er verdient Aufruhr und Empörung , der undankbare , boshafte , schändliche Tyrann . « » Schweig ! Um aller Heiligen willen , du richtest dich zugrunde ! « beschwor ihn Antonina , die mit ihm wieder eingetreten war und suchte seine Hand zu fassen . » Nein , ich will nicht schweigen , « rief der Zornige , an der offenen Zelttür auf und nieder rennend , vor welcher Bessas , Acacius , Demetrius und viele andre Heerführer mit Staunen lauschend standen . » Alle Welt soll ' s hören . Er ist ein undankbarer , heimtückischer Tyrann ! Ja du verdientest , daß ich dich stürzte ! Daß ich dir täte nach dem Argwohn deiner falschen Seele , Justinianus ! « Cethegus warf einen Blick auf die draußen Stehenden : sie hatten offenbar alles vernommen : jetzt , eifrig Antoninen winkend , schritt er an den Eingang und zog die Vorhänge zu . Antonina dankte ihm mit einem Blicke . Sie trat wieder zu ihrem Gatten : aber dieser hatte sich jetzt neben dem Zeltbett auf die Erde geworfen , schlug die geballten Fäuste gegen seine Brust und stammelte : » O Justinianus , hab ' ich das um dich verdient ? O zu viel , zu viel ! « Und plötzlich brach der gewaltige Mann in einen Strom von hellen Tränen aus . Da wandte sich Cethegus verächtlich ab : » Leb wohl , « sagte er leise zu Prokopius , » mich ekelt es , wenn Männer heulen . « Achtzehntes Kapitel . In schweren Gedanken schritt der Präfekt aus dem Zelt und ging , das Lager umwandelnd , nach der ziemlich entlegenen Verschanzung , wo er mit seinen Isauriern sich eingegraben hatte vor dem Tor des Honorius . Es war auf der Südseite der Stadt , nahe dem Hafenwall von Classis , und der Weg führte zum Teil am Meeresstrand entlang . So sehr den einsamen Wanderer in diesem Augenblick der große Gedanke , der der Pulsschlag seines Lebens geworden war , beschäftigte , so schwer die Unberechenbarkeit Belisars , dieses gefühlsüberschwenglichen Gemütsmenschen , und die Spannung wegen der Antwort der Franken gerade jetzt auf ihm lastete , - doch ward seine Merksamkeit , wenn auch nur vorübergehend , auf das außergewöhnliche Aussehen der Landschaft , des Himmels , der See , der ganzen Natur abgezogen . Es war Oktober : - aber die Jahreszeit schien seit langen Wochen ihr Gesetz geändert zu haben . Seit zwei Monden fast hatte es nicht geregnet : ja kein Gewölk , kein Streif von Nebel hatte sich in dieser sonst so dünstereichen Sumpflandschaft gezeigt . Jetzt plötzlich - es war gegen Sonnenuntergang - bemerkte Cethegus im Osten , über dem Meer , am fernsten Horizont , eine einzelne rundgeballte , rabenschwarze Wolke , die seit kurzem aufgestiegen sein mußte . Die untertauchende Sonnenscheibe , obwohl frei von Nebeln , zeigte keine Strahlen . Kein Lufthauch kräuselte die bleierne Flut des Meeres . Keine noch so leise Welle spülte an den Strand . In der weitgestreckten Ebene regte sich kein Blatt an den Olivenbäumen . Ja , nicht einmal das Schilf in den Sumpfgräben bebte . Kein Laut eines Tieres , kein Vogelflug war vernehmbar : und ein fremdartiger , erstickender Qualm , wie Schwefel , schien drückend über Land und Meer zu liegen und hemmte das Atmen . Maultiere und Pferde schlugen unruhig gegen die Bretter der Planken , an welchen sie im Lager angebunden waren . Einige Kamele und Dromedare , die Belisar aus Afrika mitgebracht , wühlten den Kopf in den Sand . - Schwer beklommen atmete der Wanderer mehrmals auf und blickte befremdet um sich . » Das ist schwül : wie vor dem Wind des Todes in den Wüsten Ägyptens , « sagte er zu sich selber . - » Schwül überall - außen und innen . Auf wen wird sich der lang versparte Groll der Natur und Leidenschaft entladen ? « Damit trat er in sein Zelt . Syphax sprach zu ihm , » Herr , wär ' ich daheim , ich glaubte heute : der Gifthauch des Wüstengottes sei im Anzug « und er reichte ihm einen Brief . Es war die Antwort des Frankenkönigs ! Hastig riß Cethegus das große , prunkende Siegel auf . » Wer hat ihn gebracht ? « » Ein Gesandter , der , nachdem er den Präfekten nicht getroffen , sich zu Belisar hatte führen lassen . Er hatte den nächsten Weg - den durchs Lager - verlangt . Deshalb hatte ihn Cethegus verfehlt . « Er las begierig : » Theudebald , König der Franken , Cethegus dem Präfekten Roms . Kluge Worte hast Du uns geschrieben . Noch klügere nicht der Schrift vertraut , sondern uns durch unsern Majordomus kundgetan . Wir sind nicht übel geneigt , danach zu tun . Wir nehmen Deinen Rat und die Geschenke , die ihn begleiten , an . Den Bund mit den Goten hat ihr Unglück gelöst . Dies , nicht unsre Wandlung , mögen sie verklagen . Wen der Himmel verläßt , von dem sollen auch die Menschen lassen , wenn sie fromm und klug . Zwar haben sie uns den Sold für das Hilfsheer in mehreren Zentenaren Goldes vorausbezahlt . Allein das bildet in unsern Augen kein Hindernis . Wir behalten diese Schätze als Pfand , bis sie uns die Städte in Südgallien abgetreten , welche in die von Gott und der Natur dem Reich der Franken vorgezeichnete Gebietsgrenze fallen . Da wir aber den Feldzug bereits vorbereitet und unser tapferes Heer , das schon den Kampf erwartet , nur mit gefährlichem Murren die Langeweile des Friedens tragen würde , sind wir gewillt , unsre siegreichen Scharen gleichwohl über die Alpen zu schicken . Nur anstatt für : gegen die Goten . Aber freilich , auch nicht für den Kaiser Justinianus , der uns fortwährend den Königstitel vorenthält , sich auf seinen Münzen Herrn von Gallien nennt , uns keine Goldmünzen mit eigenem Brustbild prägen lassen will und uns noch andre höchst unerträgliche Kränkungen unsrer Ehre angetan . Wir gedenken vielmehr , Unsre eigene Macht nach Italien auszudehnen . Da wir nun wohl wissen , daß des Kaisers ganze Stärke in diesem Lande auf seinem Feldherrn Belisar beruht , dieser aber eine große Zahl alter und neuer Beschwerden gegen seinen undankbaren Herrn zu führen hat : - so werden wir diesem Helden antragen , sich zum Kaiser des Abendlandes aufzuwerfen , wobei wir ihm ein Heer von hunderttausend Frankenhelden zu Hilfe senden und uns dafür nur einen kleinen Teil Italiens von den Alpen bis Genua hin abtreten lassen werden . Wir halten für unmöglich , daß ein Sterblicher dieses Anerbieten ablehne . Falls Du zu diesem Plane mitwirken willst , verheißen wir Dir eine Summe von zwölf Zentenaren Goldes und werden , gegen eine Rückzahlung von zwei Zentenaren , Deinen Namen in die Liste unsrer Tischgenossen aufnehmen . Der Gesandte , der Dir diesen Brief gebracht , Herzog Liuthari , hat unsern Antrag Belisar mitzuteilen . « Mit steigender Erregung hatte Cethegus zu Ende gelesen . Jetzt fuhr er auf . » Ein solcher Antrag zu dieser Stunde : - in dieser Stimmung : - er nimmt ihn an ! Kaiser des Abendlandes mit hunderttausend Frankenkriegern ! Er darf nicht leben . « - Und er eilte an den Eingang seines Zeltes . Dort aber blieb er plötzlich stehen : » Tor , der ich war ! « lächelte er kalt . » Heißblütig noch immer ? Er ist ja Belisar und nicht Cethegus ! Er nimmt nicht an . Das wäre , wie wenn der Mond sich gegen die Erde empören wollte , als ob der zahme Haushund plötzlich zum grimmigen Wolfe würde . Er nimmt nicht an ! Aber nun laß sehen , wie wir die Niedertracht und Gier dieses Merowingen nutzen . Nein , Frankenkönig , « und er lächelte bitter auf den zusammengeknitterten Brief , » solang Cethegus lebt , - nicht einen Fußbreit von Italiens Boden . « Und einen raschen , heftigen Gang durchs Zelt . Einen zweiten langsamern . Und einen dritten - : nun blieb er stehen - : und über seine mächtige Stirn zuckt ' es hin . » Ich hab ' es ! « frohlockte er . » Auf , Syphax , « rief er , » geh und rufe mir Prokop . « - Und bei einem neuen Durchschreiten des Gemachs fiel sein Blick auf den zur Erde gefallenen Brief des Merowingen . » Nein , « lächelte er triumphierend , ihn aufhebend , » nein , Frankenkönig , nicht so viel Raum , als dieser Brief bedeckt , sollst du haben von Italiens heiliger Erde . « Bald erschien Prokop . Die beiden Männer pflogen über Nacht ernste , schwere Beratung . Prokop erschrak vor den schwindelkühnen Plänen des Präfekten und weigerte sich lange , darauf einzugehen . Aber mit überlegener Geistesmacht hatte ihn der gewaltige Mann umklammert und hielt ihn eisern fest mit zwingenden Gedanken , schlug jeden Einwand , noch eh ' er ausgesprochen , mit siegender Überredung nieder und ließ nicht eher ab , seine unzerreißbaren und dichten Fäden um den Widerstrebenden zu ziehen , bis dem Eingesponnenen die Kraft des Widerstandes versagte . - Die Sterne erblichen und das erste Tagesgrauen erhellte den Osten mit blassem Streif , als Prokopius von dem Freunde Abschied nahm . » Cethegus , « sagte er aufstehend , » ich bewundere dich . Wär ' ich nicht Belisars , - ich möchte dein Geschichtschreiber sein . « » Interessanter wäre es , « sagte der Präfekt ruhig , » aber schwerer . « » Doch graut mir vor der ätzenden Schärfe deines Geistes . Sie ist ein Zeichen der Zeit , in der wir leben . Sie ist wie eine blendendfarbige Giftblume auf einem Sumpfe . Wenn ich denke wie du den Gotenkönig durch sein eigen Weib zugrunde gerichtet ... - « » Ich mußte dir das jetzt sagen . Leider hab ' ich in letzter Zeit wenig von meiner schönen Verbündeten gehört . « » Deine Verbündete ! Deine Mittel sind ... « - » Immer zweckmäßig . « » Aber nicht immer ... ! - Gleichviel , ich gehe mit dir : - noch eine Strecke Weges , weil ich meinen Helden aus Italien forthaben will , sobald als möglich . Er soll in Persien Lorbeeren sammeln , statt hier Dornen . Aber ich gehe nicht weiter mit dir als bis ... - « » Zu deinem Ziel , das versteht sich . « » Genug . Ich spreche sofort mit Antoninen : ich zweifle nicht am Erfolg . Sie langweilt sich hier aufs tödlichste . Sie brennt vor Begierde , in Byzanz nicht nur so manchen Freund wiederzufinden , auch die Feinde ihres Gatten zu verderben . « » Eine gute schlechte Frau . « » Aber Witichis ? Meinst du , er wird eine Empörung Belisars für möglich halten ? « » König Witichis ist ein guter Soldat und schlechter Psychologe . Ich kenne einen viel schärferen Kopf , der ' s doch einen Augenblick für möglich hielt . Und du zeigst ihm ja alles schriftlich . Und jetzt gerade , da er von den Franken im Stich gelassen ist , geht ihm das Wasser an den Hals : - er greift nach jedem Strohhalm . Daran also zweifle ich nicht : - versichre dich nur Antoninens . « - » Das laß meine Sorge sein . Bis Mittag hoff ' ich als Gesandter in Ravenna einzuziehn . « » Wohl : - dann vergiß mir nicht , die schöne Königin zu sprechen . « Neunzehntes Kapitel . Und mittags ritt Prokop in Ravenna ein . Er trug vier Briefe bei sich : den Brief Justinians an Belisar , die Briefe des Frankenkönigs an Cethegus und an Belisar und einen Brief Belisars an Witichis . Diesen letztern hatte Prokop geschrieben , und Cethegus hatte ihn diktiert . Der Gesandte hatte keine Ahnung , in welcher Seelenverfassung er den König der Goten und seine Königin antraf . Der gesunde , aber einfache Sinn des Königs hatte schon seit geraumer Zeit begonnen , unter dem Druck unausgesetzten Unglücks zwar nicht zu verzagen , jedoch sich zu verdüstern . Die Ermordung seines einzigen Kindes , das herzzerfleischende Losreißen von seinem Weibe hatten ihn schwer erschüttert : - aber er hatte es getragen für den Sieg der Goten . Und nun war dieser Sieg hartnäckig ausgeblieben . Trotz allen Anstrengungen war die Sache seines Volkes mit jedem Monat seiner Regierung tiefer gefallen : mit einziger Ausnahme des Gefechts bei dem Zug nach Rom hatte ihm nie das Glück gelächelt . Die mit so stolzen Hoffnungen unternommene Belagerung von Rom hatte mit dem Verlust von drei Vierteln seines Heeres und traurigem Rückzug geendet . Neue Unglücksschläge , Nachrichten , die betäubend wie Keulenschläge auf den Helm in dichter Folge sich drängten , mehrten seine Niedergeschlagenheit und steigerten sie zu dumpfer Hoffnungslosigkeit . Fast ganz Italien , außerhalb Ravenna , schien Tag für Tag verloren zu gehen . Schon von Rom aus hatte Belisar eine Flotte gegen Genua gesendet , unter Mundila , dem Heruler , und Ennes , dem Isaurier : ohne Schwertstreich gewannen deren gelandete Truppen den seebeherrschenden Hafen und von da aus fast ganz Ligurien . Nach dem wichtigen Mediolanum lud sie Datius , der Bischof dieser Stadt , selbst : von dort aus gewannen sie Bergomum , Comum , Novaria . Andrerseits ergaben sich die entmutigten Goten in Clusium und dem halbverfallnen Dertona den Belagerern und wurden gefangen aus Italien geführt . Urbinum ward nach tapferm Widerstand von den Byzantinern erobert , ebenso Forum Cornelii und die ganze Landschaft Ämilia durch Johannes den Blutigen : die Versuche der Goten , Ancona , Ariminum und Mediolanum wieder zu nehmen , scheiterten . Noch schlimmere Botschaften aber trafen bald des Königs weiches Gemüt . Denn inzwischen wütete der Hunger in den weiten Landschaften Ämilia , Picenum , Tuscien . Dem Pfluge fehlten Männer , Rinder und Rosse . Die Leute flüchteten in die Berge und Wälder , buken Brot aus Eicheln und verschlangen das Gras und Unkraut . Verheerende Krankheiten entstanden aus der mangelnden oder ungesunden Nahrung . In Picenum allein erlagen fünfzigtausend Menschen , noch mehr jenseit des Ionischen Meerbusens in Dalmatien , dem Hunger und den Seuchen . Bleich und abgemagert wankten die noch Lebenden dem Grabe zu : wie Leder ward die Haut und schwarz , die glühenden Augen traten aus dem Kopf , die Eingeweide brannten . Die Aasvögel verschmähten die Leichen dieser Pestopfer : aber von Menschen ward das Menschenfleisch gierig gegessen . Mütter töteten und verzehrten ihre neugebornen Kinder . In einem Gehöft bei Ariminum waren nur noch zwei römische Weiber übrig . Diese ermordeten und verzehrten nacheinander siebzehn Menschen , die vereinzelt bei ihnen Unterkunft gesucht . Erst der achtzehnte erwachte , bevor sie ihn im Schlaf zu erwürgen vermochten , tötete die werwölfischen Unholdinnen und brachte das Schicksal der früheren Opfer ans Licht . Endlich scheiterte auch die auf Langobarden und Franken gesetzte Hoffnung . Die letzteren , die große Summen für das zugesagte Hilfsheer empfangen hatten , verharrten in schweigender Ruhe . Die ungestüm zur Eile , zur Erfüllung der versprochenen und vorausbezahlten Leistungen mahnenden Boten des Königs wurden zu Mettis , Aurelianum und Paris festgehalten : keinerlei Antwort kam von diesen Höfen . Der Langobardenkönig Audoin aber ließ sagen : er wolle nichts entscheiden ohne seinen kriegsgewaltigen Sohn Alboin . Dieser jedoch sei mit großem Gefolge auf Abenteuer ausgezogen . Vielleicht komme derselbe selbst einmal nach Italien : - er sei mit Narses eng befreundet . Dann werde er das Land sich ansehn und seinem Vater und Volke raten , welche Beschlüsse sie über dies Land Italia fassen sollten . Tapfer widerstand zwar noch Auximum monatelang allen Anstrengungen des starken Belagerungsheeres , das Belisar selbst , begleitet von Prokop , vor die Mauern geführt hatte und während der Einschließung befehligte . Aber es zerriß dem König das Herz , als ihm durch einen Boten ( der nur mit Mühe und verwundet sich durch die Reihen beider einschließenden Heere in das drei Tagreisen entfernte Ravenna schlich ) der heldenmütige Graf Wisand der Bandalarius die folgenden Worte sandte : » Als Du mir Auximum anvertrautest , sagtest Du : ich sollte damit die Schlüssel Ravennas , ja des Gotenreiches hüten . Ich sollte männlich widerstehen , dann würdest Du bald mit all ' Deinem Heer zu unsrem Entsatz heranziehen . Wir haben männlich widerstanden Belisar und dem Hunger . Wo bleibt Dein Entsatz ? Wehe , wenn Du recht gesprochen und mit unsrer Feste jene Schlüssel in der Feinde Hände fallen . Deshalb komm und hilf : - mehr um des Reichs , als unsrer willen . « Diesem Boten folgte bald ein zweiter , ein mit vielem Golde bestochner Soldat der Belagerer , Burcentius : sein Auftrag lautete - mit Blut war der kurze Brief geschrieben : - » Wir haben nur mehr das Unkraut zu essen , das aus den Steinen wächst . Länger als fünf Tage können wir uns nicht mehr halten . « Der Bote fiel auf der Rückkehr mit der Antwort des Königs in die Hand der Belagerer , die ihn im Angesicht der Goten vor den Wällen von Auximum lebendig verbrannten . Ach und der König konnte nicht helfen ! Noch immer widerstand das Häuflein Goten in Auximum , obwohl ihnen Belisar durch Zerstörung der Wasserleitung das Wasser abschnitt und den letzten Brunnen , der ihnen geblieben und nicht abzugraben war , durch Leichen von Menschen und Tieren und Kalklösungen vergiftete . Sturmangriffe schlug Wisand immer noch blutig ab : nur durch Aufopferung eines Leibwächters entging einmal Belisar hierbei dem ganz nahen Tode . Endlich fiel zuerst Cäsena , die letzte gotische Stadt in der Ämilia , und dann Fäsulä , das Cyprianus und Justinus belagerten . » Mein Fäsulä ! « rief der König , als er es erfuhr : - denn er war Graf dieser Stadt gewesen und dicht dabei lag das Haus , das er mit Rauthgundis bewohnt hatte . » Die Hunnen hausen wohl an meinem zerstörten Herd ! « Als aber die gefangene Besatzung von Fäsulä den Belagerten in Auximum in Ketten vor Augen geführt und von diesen Gefangnen selbst jeder Entsatz von Ravenna her als hoffnungslos bezeichnet wurde , da nötigten den Bandalarius seine verhungerten Scharen zur Übergabe . Er selbst bedang sich freies Geleit nach Ravenna aus . Seine Tausendschaften wurden gefangen aus Italien geführt . Ja , so tief gesunken war Mut und Volksgefühl der endlich Bezwungenen , daß sie unter Graf Sisifrid von Sarsina gegen die eigenen Volksgenossen Dienste nahmen unter Belisars Fahnen . Der Sieger hatte Auximum stark besetzt und alsbald die bisherigen Belagerer dieser Feste zurückgeführt in das Lager vor Ravenna , wo er Cethegus den bisher anvertrauten Oberbefehl wieder abnahm . Es war , als ob ein Fluch an dem Haupte des Gotenkönigs hafte , auf dem so schwer die Krone lastete . Da er nun den Grund seines Mißlingens keiner Schwäche , keinem Versehen auf seiner Seite zuschreiben , da er ebensowenig an dem guten Recht der Goten gegen die Byzantiner zweifeln und da seine einfache Gottesfurcht in diesem Ausgang nichts andres als das Walten des Himmels erblicken konnte , so kam er immer wieder auf den quälenden Gedanken , es sei um seiner unvergebenen Sündenschuld willen , daß Gott die Goten züchtige : eine Vorstellung , welche die Anschauungen des die Zeit beherrschenden Alten Testaments ihm nicht minder nahelegten als viele Züge der alten germanischen Königssage . Diese Gedanken verfolgten unablässig den tüchtigen Mann und nagten Tag und Nacht an der Kraft seiner Seele . Bald suchte er im selbstquälerischen Grübeln jene seine geheime Schuld zu entdecken . Bald sann er nach , wie er den ihn verfolgenden Fluch wenigstens von seinem Volke wenden könne . Längst hätte er die Krone einem andern abgetreten , wenn ein solcher Schritt in diesem Augenblick nicht ihm und andern als Feigheit hätte erscheinen müssen . So war ihm auch dieser Ausweg - der nächste und liebste - aus seinen quälenden Gedanken verschlossen . Gebeugt saß jetzt oft der sonst so stattliche Mann , blickte lange starr und schweigend vor sich hin , nur manchmal das Haupt schüttelnd oder tief aufseufzend . Der tägliche Anblick dieses stillen , stolzen Leidens , dieses stummen und hilflosen Erduldens eines niederdrückenden Geschickes blieb , wie wir gesehen , nicht ohne Eindruck auf Mataswintha . Auch glaubte sie sich nicht darin getäuscht zu haben , daß seit geraumer Zeit sein Auge milder als sonst , mit Wehmut , ja mit Wohlwollen auf ihr geruht habe . Und so drängte sie teils uneingestandene Hoffnung , die so schwer erlischt im liebenden Herzen , teils Reue und Mitleid mächtiger als je zu dem leidenden König . Oft wurden sie jetzt auch durch ein gemeinsames Werk der Barmherzigkeit vereint . Die Bevölkerung von Ravenna hatte in den letzten Wochen angefangen , während die Belagerer von Ancona aus das Meer beherrschten und aus Calabrien und Sizilien reiche Vorräte bezogen , Mangel zu leiden . Nur die Reichen vermochten noch die hohen Preise des Getreides zu bezahlen . Des Königs mildes Herz nahm keinen Anstand , aus dem Überfluß seiner Magazine , die , wie gesagt , die doppelte Zeit bis zu dem Eintreffen der Franken auszureichen versprachen , auch an die Armen der Stadt wohltätige Verteilungen zu machen , nachdem er seine gotischen Tausendschaften versorgt hatte : auch hoffte er auf eine große Menge von Getreideschiffen , welche die Goten in den oberen Padusgegenden auf diesem Flusse zusammengebracht hatten und in die Stadt zu schaffen trachteten . Um aber jeden Mißbrauch und alles Übermaß bei jenen Spenden fernzuhalten , überwachte der König selbst diese Austeilungen : und Mataswintha , die ihn einmal mitten unter den bettelnden und dankenden Haufen angetroffen , hatte sich neben ihn auf die Marmorstufen der Basilika von Sankt Apollinaris gestellt und ihm geholfen , die Körbe mit Brot verteilen . Es war ein schöner Anblick , wie das Paar , er zur Rechten , die Königin zur Linken , vor der Kirchenpforte standen und über die Stufen hinab dem segenrufenden Volk die Spende reichten . Während sie so standen , bemerkte Mataswintha unter der drängenden , flutenden Volksmasse , - denn es war viel Landvolk ja auch von allen Seiten vor den Schrecken des Krieges in die rettenden Mauern zusammengeströmt , - auf der untersten Stufe der Basilika seitwärts ein Weib in schlichtem , braunem , halb über den Kopf gezogenem Mantel . Dies Weib drängte nicht mit den andern die Stufen hinan , um auch Brot für sich zu fordern : sondern lehnte , vorgebeugt , den Kopf auf die linke Hand und diesen Arm auf einen hohen Sarkophag gestützt , hinter der Ecksäule der Basilika und blickte scharf und unverwandt auf die Königin . Mataswintha glaubte , das Weib sei etwa von Furcht oder Scham oder Stolz abgehalten , sich unter die keckern Bettler zu mischen , die auf den Stufen sich stießen und drängten : und sie gab Aspa einen besondern Korb mit Brot , hinabzugehen und ihn der Frau zu reichen . Sorglich bemüht häufte sie mit mildem Blick und mit den beiden weißen Händen tätig das duftende Gebäck . - Als sie aufsah , begegnete sie dem Auge des Königs , das , sanft und freundlich gerührt , wie noch nie , auf ihr geruht hatte . - Heiß schoß ihr das Blut in die Wangen und sie zuckte leise und senkte die langen Wimpern . Als sie wieder aufsah und nach dem Weib im braunen Mantel blickte , war diese verschwunden . Der Platz am Sarkophag war leer . Sie hatte , während sie den Korb füllte , nicht bemerkt , wie ein Mann mit einem Büffelfell und einer Sturmhaube , der hinter der Frau stand , sie beim Arme gefaßt und mit sanfter Gewalt hinweggeführt hatte . » Komm , « hatte er gesagt , » hier ist kein guter Ort für dich . « Und wie im wachen Traum hatte das Weib geantwortet : » Bei Gott , sie ist wunderschön . « » Ich danke dir , Mataswintha ! « sprach der König freundlich , als die für heute bestimmten Spenden verteilt waren . Der Blick , der Ton , das Wort drangen tief in ihr Herz . Nie hatte er sie bisher bei ihrem Namen genannt , immer nur die Königin in ihr gesehen und angesprochen . Wie beglückte sie das Wort aus seinem Munde - und wie schwer lastete doch zugleich diese Milde auf ihrer schuldbewußten Seele ! Offenbar hatte sie sich zum Teil seine wärmere Stimmung durch ihr werktätiges Mitleid mit den Armen erworben . » O er ist gut , « sagte sie , halb weinend vor Erregung , » ich will auch gut sein . « Als sie mit diesem Gedanken in den Vorhof des ihr angewiesenen linken Flügels des Palastes trat - Witichis bewohnte den rechten - eilte ihr Aspa geschäftig entgegen . » Ein Gesandter aus dem Lager , « flüsterte sie der Herrin eifrig zu . » Er bringt geheime Botschaft vom Präfekten einen Brief , von Syphax ' Hand , in unsrer Sprache - er harrt auf Antwort ... « - » Laß , « rief Mataswintha , die Stirne furchend , » ich will nichts hören , nichts lesen . Aber wer sind diese ? « Und sie deutete auf die Treppe , die aus der Vorhalle in ihre Gemächer führte . Da kauerten auf den roten Steinplatten Weiber , Kinder , Kranke , Goten und Italier durcheinander , in Lumpen gehüllt - eine Gruppe des Elends . » Bettler , Arme , sie liegen hier schon den ganzen Morgen . Sie sind nicht zu verscheuchen . « - » Man soll sie nicht verscheuchen ! « sprach Mataswintha , nähertretend . » Brot , Königin ! Brot , Tochter der Amalungen ! « riefen mehrere Stimmen ihr entgegen . » Gib ihnen Gold , Aspa , alles , was du bei dir trägst und hole ... - « - » Brot ! Brot ! Königin , nicht Gold ! um Gold ist kein Brot mehr zu haben in der Stadt . « » Vor des Königs Speichern wird es umsonst verteilt . Ich komme gerade davon her , warum wart ihr nicht dort ? « » Ach Königin , wir können nicht durchdringen , « jammerte eine hagere Frau . » Ich bin alt , und meine Tochter hier ist krank , und jener Greis dort ist blind . Die Gesunden , die Jungen stoßen uns zurück . Drei Tage haben wir ' s umsonst versucht : wir dringen nicht durch . « - » Nein , wir hungern , « grollte der Alte . » O Theoderich , mein Herr und König , wo bist du ? Unter deinem Zepter hatten wir vollauf . - Da kamen die Armen und Siechen nicht zu kurz . Aber dieser Unglückskönig ... - « » Schweig , « sprach Mataswintha , » der König , mein Gemahl « und hier flog ein wunderschönes Rot über ihre Wangen - » tut mehr als ihr verdient . Wartet hier , ich schaffe euch Brot . Folge mir , Aspa . « Und rasch schritt sie hinweg . » Wohin eilst du ? « fragte die Sklavin staunend . Und Mataswintha schlug den Schleier über ihr Antlitz , als sie antwortete : » Zum König ! « Als sie das Vorgemach des Witichis erreicht , bat sie der Türsteher