Noth und gemeinsames Hoffen und Streben die Herzen und die Geister über die trennende Kluft der Standesunterschiede forttrug , gar oft geschah , die verschiedensten geselligen Elemente schön und förderlich in sich vereinigte . Die Rückkehr Daviden ' s erwartend , ging Seba im Genusse des hellen Abends langsam am Wasser auf und nieder . Bald blickte sie nach dem Parke hinüber , als wolle sie das Abendroth nicht scheiden lassen , ehe der Vater sich nicht auch daran gefreut , bald sah sie nach dem Hause hin , und fast gedankenlos blieb ihr Auge an der Stelle haften , an welcher einst über der großen Thüre des Gartensaales wie über dem Portale des Hauses das von Arten ' sche Wappen geprangt hatte . Die Steinschilde waren auf den Wunsch des Freiherrn abgenommen worden , als er das Haus verkaufte . Sie schmückten nun die Gruft der Rothenfelder Kirche , und nichts , als einige Stücke Möbel erinnerten jetzt in dem Flies ' schen Hause an seine früheren Eigenthümer , denn der Freiherr hatte es seiner Zeit verweigert , das ganze Mobiliar des Hauses gleichfalls in den Besitz des Käufers übergehen zu lassen , und es vorgezogen , es in Versteigerungen weit unter seinem Werthe fortzugeben . Er hatte auch , obschon er in der Residenz gewesen war , das verkaufte Haus nicht wieder betreten , aber seinen Sohn , der seit einigen Monaten von dem Regimente , bei welchem er bis dahin in der Provinz gestanden , nach der Hauptstadt versetzt war , hatte er an Herrn Flies gewiesen , mit dem er noch immer in Geschäftsverbindung war , und die freundliche Erinnerung , welche Renatus aus seiner Kindheit an das Flies ' sche Haus bewahrte , wie der antheilvolle Empfang , den Seba ihm um seiner Mutter willen bereitete , hatten den jungen Edelmann bald zu einem der oft wiederkehrenden Gäste desselben gemacht , seit die Flies ' sche Familie von der Reise heimgekehrt war , die sie sich in keinem Jahre zu versagen pflegte . Es war also kein ungewöhnliches Ereigniß , als Davide in des jungen Herrn von Arten Begleitung aus dem Hause wiederkehrte . Der Onkel kann nicht kommen , sagte sie ; er hat Geschäfte , er muß fortgehen ! Wir sollen ihn nicht erwarten , sondern den Thee mit Herrn von Arten trinken , aber .... Aber ? wiederholte Seba , als Davide zögernd inne hielt . Ich möchte auch gern fortgehen ! sagte das junge Mädchen bittend . Das ist nicht schmeichelhaft für mich , meinte Renatus . Ich dachte nicht an Sie , und Sie sind ja auch nicht mein Gast ! erwiederte sie , indem sie ihn mit ihren großen , braunen Augen ehrlich ansah . Er wollte ihr offenbar eine verbindliche Entgegnung machen , aber Seba ließ es nicht dazu kommen . Sie ertheilte Daviden , als sie erfahren , daß es sich um eine eben erhaltene Aufforderung handle , die Erlaubniß , ihre Freundin zu besuchen , und nachdem das junge Mädchen die beiden Andern verlassen hatte , folgte Renatus seiner Wirthin in den Gartensaal , in welchem der Imbiß ihrer wartete . Zweites Capitel Während Seba ihrem jungen Gaste den Thee hinreichte und sich selber bediente , fragte sie ihn , ob er Nachrichten von Hause erhalten habe und wie es den Seinigen ergehe . Ich habe mit der letzten Post einen Brief von Vittoria empfangen , entgegnete er . Sie ist wohl , und auch meinem kleinen Bruder geht es gut ; indeß wenn Vittoria so lange Briefe schreibt , ist es immer kein günstiges Zeichen . Wenn sie recht heiter und zufrieden ist , so schreibt sie nicht . Da Sie gern Nachricht von Ihrer Stiefmutter erhalten , meinte Seba , müssen Sie auf diese Weise in einen beständigen Zwiespalt gerathen . Sie sehnen Sich nach den Briefen Ihrer Stiefmutter , weil Sie sie lieben , und dürfen Sich der Ankunft dieser Briefe , eben weil Sie sie lieben , doch nicht freuen . Gewiß , so ist es auch , versetzte Renatus ; aber es ist das nicht der einzige Zwiespalt , in dem ich lebe . Sie wissen es , ich hange an Vittoria sehr ; nicht wie an einer Mutter , denn dazu ist sie viel zu jung , aber auch nicht wie an einer Schwester , oder gar wie an einem Freunde . Ich liebe sie eigentlich am meisten von allen Menschen , die ich kenne , und ich weiß Niemanden , den ich so gern glücklich sähe , als sie , oder in dessen Nähe ich mich so völlig zufrieden fühle , als in der ihrigen . Alles an ihr ist Schönheit , Heiterkeit und Frohsinn , und mein kleiner Bruder ist ganz und gar ihr Ebenbild . Und doch sprachen Sie eben jetzt und auch sonst schon öfter von den wechselnden Stimmungen Ihrer Stiefmutter , nahm Seba nach einigem Bedenken das Wort ; Sie werden es also natürlich finden , wenn ich die Frage an Sie richte , worin dieselben ihre Ursache haben . Renatus sah ernsthaft vor sich nieder . Wenn Sie Vittoria meine Stiefmutter oder gar die Baronin nennen , begann er nach einer kleinen Pause , so ist damit eigentlich Alles gesagt ; denn Vittoria gehörte nicht in unseren Norden . Sie leidet von demselben , der Winter macht sie unglücklich . Sie ist so fremd bei uns - so fremd , wiederholte er schmerzlich , wie die Granatblüthen in unseren Treibhäusern , die mich nie recht freuen , weil ich ihnen anzusehen meine , wie viel schöner sie in ihrem Vaterlande sein müssen ! Und doch klagt Vittoria niemals , doch hat außer mir und ihrer Dienerin wohl Niemand eine Ahnung davon , daß sie nicht immer heiter ist , daß sie auch traurig sein kann ! Niemand ? wiederholte Seba . Sollte der Freiherr sich über die Gemüthsverfassung seiner Gattin , der er an Jahren und an Erfahrungen so überlegen ist , wohl täuschen können ? Es entstand eine Pause . Der junge Mann schien sich nur mit Mühe von einer Antwort , von weiteren Mittheilungen zurückzuhalten , und Seba , die schon öfter bemerkt hatte , wie sehr er Neigung fühlte , ihr sein Herz zu erschließen , trug doch Bedenken , ihn dazu zu ermuntern , weil sie es nur allzu wohl wußte , daß man im Leben nichts häufiger bereut , als unnöthig bewiesenes Vertrauen , auch wenn man es würdigen Personen gewährt hat , bei denen es wohl aufgehoben scheinen durfte ; denn man giebt mit seinem Vertrauen immer einen Theil seiner künftigen freien Entschließungen hinweg . Andererseits wußte sie aber genugsam , welch ein Genuß und welche Erleichterung es zu Zeiten für den Menschen sein kann , von sich und von denjenigen Personen sprechen zu dürfen , mit denen er sich verbunden fühlt , und Renatus es völlig überlassend , was er thun wolle , bemerkte sie also nur , daß sie Vittoria nicht gesehen habe , als der Freiherr mit ihr aus Italien heimgekehrt sei , daß Herr Flies sich damals aber sehr gewundert habe , sie so überaus jung und der verstorbenen Baronin Angelika so völlig ungleich zu finden . Es ist mir gerade so gegangen , sagte Renatus , indeß meine Ueberraschung war eine sehr angenehme ; denn Sie können sich gar nicht vorstellen , wie traurig meine Kindheit und meine Jugend gewesen sind , ehe Vittoria nach Richten kam , und wie bange man mich vor ihrer Ankunft gemacht hatte . Er hielt abermals inne und hob dann , als sei er mit sich zu Rathe gegangen , ob er schweigen oder reden solle , und habe sich nun zu dem Letzteren entschlossen , in jenem ruhig ausholenden Tone zu sprechen an , mit welchem man sich zu einer längeren Erzählung anschickt . Wie Sie wissen , war ich erst acht Jahre alt , als meine arme Mutter starb , aber ich hatte doch bereits Verstand genug , die Größe eines solchen Verlustes zu begreifen und zu empfinden , und auch von ihrem traurigen Loose , von der unglücklichen Ehe meiner Eltern , von dem übeln Einflusse , den die Herzogin von Duras in unserem Hause ausgeübt , hatte ich sehr früh eine Ahnung gehabt . Meine Mutter jemals recht heiter , meinen Vater herzlich mit ihr oder fröhlich mit mir gesehen zu haben , kann ich mich kaum erinnern . Die Schwermuth meiner Mutter warf ihren Schatten denn auch bald auf mich ; ich war nicht gern bei ihr , nicht gern bei meinem Vater , und noch weniger mochte ich in der Nähe der Herzogin sein . Ich fürchtete mich vor jedem von diesen Dreien auf eine besondere Weise , und als dann meine Mutter starb , sehnte ich mich - daß ich es Ihnen ehrlich gestehe - recht nach Ihnen . Nach mir ? fragte Seba mit der Theilnahme , die sich in guten Herzen augenblicklich für denjenigen erzeugt , dem sie etwas leisten zu können glauben . Ja , nach Ihnen ! wiederholte Renatus . Sie hatten meine Mutter sehr geliebt , waren immer freundlich mit mir , ich war in Ihrem Hause immer fröhlich gewesen , und bei uns in Richten war es in dem Herbste äußerst traurig . Mein Vater hielt es dort auch nicht lange aus . Er vermißte die Herzogin meine Mutter fehlte ihm wohl auch , der kurze Beileidsbesuch , den mein Großvater , der Graf Berka , ihm machte , entfernte die beiden Männer nur noch weiter von einander , und die Streitigkeiten , in die mein Vater sich durch unsern alten Neudorfer Pastor mit dem protestantischen Consistorium und mit der Regierung verwickelt fand , verleideten ihm das Leben auf unseren Gütern vollends . Dazu schrieb die Herzogin beständig , wie glücklich sie sich am sardinischen Hofe fühle , und da mein Vater der Ansicht war , daß er eine zweckmäßige ökonomische Maßregel treffe , wenn er , wie er sich ausdrückte , als schlichter Privatmann , nur von seinem Kammerdiener begleitet , für einige Zeit ins Ausland gehe , so rieth der Pfarrer - Sie wissen , ich meine damit unseren guten , trefflichen Caplan , der Pfarrer geworden war , sei er unsere Kirche in Rothenfeld verwaltete - meinem Vater selbst dazu , seiner neu erwachten Reiselust zu folgen . Man dachte dabei , so viel ich mich erinnere , von beiden Seiten nur an einen Winteraufenthalt im Süden , und an die Rückkunft , wein das Frühjahr der nordischen Gegend wieder seinen Schmuck verliehen haben würde ; aber das ganze Trauerjahr und das ihm folgende gingen zu Ende , ohne daß auch nur von der Heimkelr meines Vaters die Rede gewesen wäre . Und hielt Ihr Herr Vater sich während desser beständig am sardinischen Hofe auf ? fragte Seba . Nein , entgegnete Renatus ; er blieb allerdings den ganzen ersten Winter dort , kehrte auch immer wieder an derselben zurück , indeß seine Beziehungen zu der Herzogin waren doch nicht mehr die alten . - Der junge Mann unterbrach sich selber , sah , wie in eigenem Rückerinnern , vor sich nieder und meinte dann : Sie haben ja die Herzogin gekannt und seiner Zeit auch meinen Vater kennen lernen , als wir alle eigentlich in Ihres Vaters Hause lebten . Mein Vater hatte Freude an der Gesellschaft der Herzogin , aber ich glaube , noch mehr Freude an der ausschließlichen Achtsamkeit , welche die Herzogin ihm zu gewähren damals für gut befand , denn ihr war es , wie ich mir ihr Bild aus der Erinnerung ausgestaltet habe , nur um Herrschaft und Erreichung ihrer Absichten zu thun . In Italien hielt ihr Hofamt sie beschäftigt ; sie hatte neue Plane für sich und für ihren Bruder , der ihr nach dem Süden gefolgt war , und wenn sie auch klug und tactvoll genug war , meinem Vater immer die gebührende Rücksicht zu beweisen , so sah sie es gewiß nicht ungern , als er , empfindlich darüber , nicht mehr der alleinige Gegenstand ihrer Aufmerksamkeit zu sein , gegen das erste Frühjahr hin den sardinischen Hof verließ , um sich nach Florenz zu begeben . Und in Florenz also hat Ihr Vater sich so lange aufgehalten ? erkundigte sich Seba , die eben mit diesen kleinen Unterbrechungen dem jungen Manne ein Zeichen ihrer Theilnahme und eine Ermunterung gewähren wollte , in seinen Mittheilungen nach seines Herzens Bedürfen fortzufahren . Er ließ sich wenigstens am toskanischen Hofe für einige Jahre nieder , antwortete Renatus . Schon sein Aufenthalt am sardinischen Hofe hatte ihn von dem Vorhaben abgebracht , mit dem er Richten verlassen . Es war auch für einen Mann unseres Standes und von seiner persönlichen Bedeutung nicht wohl möglich , als Privatmann aufzutreten . Er miethete also in Florenz ein Haus , möblirte es , legte sich Dienerschaft zu .... Aber welche Ausgaben mußte ihm das verursachen ! rief Seba - und Sie haben mir gesagt , daß der Freiherr auf und mit dieser Reise Ersparnisse zu machen wünschte ! Renatus zuckte die Schultern und sagte mit einem Ernste und mit einer Gewichtigkeit , die ihn bei seiner Jugend fast komisch erscheinen ließen : Ersparnisse zu machen ist eben nicht in allen Lebenslagen möglich , liebste Flies ! Unser Rang legt uns Pflichten gegen uns selbst und gegen die Gesellschaft auf , deren wir uns nicht entschlagen können ! Allerdings hörte ich es meinen Erzieher und den neuen Amtmann , welcher Adam Steinert bei uns ersetzt hatte , beklagen , daß meines Vaters Aufenthalt in der Fremde so kostbar sei , aber das Reiseleben muß doch wohl etwas sehr Bestrickendes haben ! Gewiß , versetzte Seba , denn es täuscht uns mit dem Wechsel unserer Umgebung über jenen andern Wechsel , der sich an und in uns selber vollzieht . Wer immer an demselben Orte , immer in demselben Menschenkreise lebt , wird diesem zur Gewohnheit , und wie man diese Gewohnheit des Beisammenseins auch lieben und hochhalten mag , entzieht sie uns doch den Reiz , den das Fremde immer für die Menschen hat und den man als ein Fremder auf Fremde , als ein Kommender und Gehender auf diejenigen ausübt , denen wir werth sind und denen unsere Anwesenheit erfreulich ist . Wo wir erscheinen , werden wir als etwas Neues begrüßt ; kein Altersgenosse , kein Jugendfreund erinnert uns in der Fremde durch sein Altern , durch seine wankenden Kräfte daran , daß auch an uns die Jahre nicht spurlos vorübergehen , und ich glaube , daß man in solchem Wanderleben seinen Lebensabend erreichen kann , ohne es , wenn man sonst leidlich bei Kräften ist , gewahr zu werden , daß man sich dem Niedergange nähert . Ach , rief Renatus , wenn Sie meinen Vater heute sehen würden , so würden Sie ihn doch gealtert finden ! Freilich hat er noch immer seine gebietende Gestalt , sein Auge hat auch noch immer etwas Mächtiges , seine kräftige Farbe bildet sogar einen anziehenden Gegensatz zu seinem grauen Haare , aber als er damals aus Italien wiederkehrte , war er doch noch ein Anderer ! Er schien mir völlig wie verjüngt . Die lästigen Geschäfte hatten ihn dort nicht gedrückt , die leichtere , freiere Lebensweise der Südländer , die man ja von allen Seiten rühmt , hatte ihm immer eben so sehr zugesagt , als das Licht und die Luft Italiens , und wenn mein Vater während seiner langen Abwesenheit auch , so oft der Frühling kam oder wenn der Herbst sich nahte , von seiner Heimkehr gesprochen hatte , so hatte die Scheu vor unserem rauhen Klima und vor unserem einsamen Schlosse ihn doch immer wieder in Italien festgehalten . Aber hat er sich denn nicht nach Ihnen , nach seinem Sohne gesehnt ? erkundigte sich Seba . Renatus gab ihr keine Antwort . Indeß sie bemerkte , daß seine Stirn sich verdüsterte und daß sein Auge den schwermüthigen Ausdruck annahm , der , so lange sie seine Mutter gekannt , das Antlitz derselben fast niemals verlassen hatte . Er glich überhaupt vollständig der verstorbenen Baronin , und gerade das gewann ihm Seba ' s Gunst . Nichts in des jungen Mannes Gestalt und Wesen erinnerte an seinen Vater , und es rührte Seba , als er mit seinem melancholischen Blicke die Bemerkung hinwarf : der Freiherr sei wohl nicht im Stande , sein Herz an Kinder zu hängen , wie manche andere Männer es bisweilen thäten , und obendrein sei er leider seinem Vater nicht nach dessen Sinne . Noch als meine Mutter lebte , äußerte mein Vater oftmals , ich sei nicht fröhlich genug , ich sei zu ernsthaft . Hätte mein Vater mehrere Söhne gehabt , ich glaube , er würde mich dem Dienste der Kirche gewidmet haben , sagte der junge Mann . Und es ist traurig , zu sagen , mein kleiner Bruder , der voller Leben und Schalkheit ist , trägt Scheu vor unserem Vater , so daß dieser ihn deshalb nicht gern um sich leidet und mir Valerio ' s Zärtlichkeit mißgönnt . Renatus hielt abermals inne . Er kämpfte offenbar eine peinliche Empfindung in sich nieder , und Seba bedauerte es , daß der Tod seiner Mutter ihn frühzeitig so ernst gemacht habe . Daran trägt , wie ich Ihnen schon vorhin bemerkte , wohl vor Allem die Abgeschiedenheit Schuld , in der ich von meinem achten Jahre bis zur Wiederverheirathung meines Vaters erzogen worden bin . Denken Sie nur , daß der Caplan meine einzige Gesellschaft und - Renatus lächelte , was ihn sehr hübsch erscheinen ließ - und Mamsell Marianne mit ihren feierlichen Mienen und altväterischen Knixen das einzige weibliche Geschöpf gewesen ist , mit dem ich Jahr aus Jahr ein zu verkehren hatte . Weil mein Vater so lange in Italien blieb , entließ mein Erzieher , der zugleich sein Bevollmächtigter war , die ganze französische Dienerschaft und überhaupt alle entbehrlichen Leute , und da ich schwächlich war und der Arzt für mich ein einfaches und regelmäßiges Leben verordnet hatte , ging es bei uns wie in einem Kloster zu . Ich hatte viel Unterricht , war nie eine Stunde ohne Aufsicht , genoß , weil mir jede Gelegenheit , einen Fehler zu begehen oder ein Unrecht zu thun , entzogen war , die volle Zufriedenheit der beiden trefflichen alten Leute und kannte nur zwei Arten von Belohnungen , die darin bestanden , daß ich mit dem Jäger reiten oder schießen durfte und daß Mamsell Marianne mich in unserem Ahnensaale von den Thaten , den Eigenschaften und den Familien-Verbindungen meiner Ahnherren und Ahnfrauen unterhielt , da sie sich im Dienste meiner Großtante Esther zu einer wahren Familien-Chronik ausgebildet hatte . Besuchten Sie denn Ihre mütterlichen Großeltern in der Abwesenheit Ihres Vaters nicht ? Nein , sie kamen nie nach Richten ; ich wurde jedoch in jedem Jahre einmal auf wenige Tage in ihr Haus geführt . Indeß ich war so schüchtern , daß ich mich nicht wohl in der Gesellschaft meiner jungen Vettern fühlte . Dazu scheute ich mich auch vor all den Fragen , die man über meinen Glauben - Sie wissen , meine Großeltern gehören nicht zu unserer Kirche - stets an mich zu richten pflegte , und heitere Tage habe ich in meiner Kindheit nur im Hause der guten Gräfin Rhoden und in der Gesellschaft ihrer beiden Töchter genossen und erlebt . Drittes Capitel Die Dazwischenkunft eines eintretenden Besuches unterbrach den jungen Mann in den Mittheilungen aus seiner Kindheit . Es war ein Maler , welcher von seiner Studienreise wiederkehrte . Er brachte der Freundin seine Mappen mit , damit sie sich mit ihm an der reichlichen Ausbeute seiner Arbeit erfreue , und Renatus zeigte den lebhaftesten Antheil daran , da er selber eine recht hübsche Anlage für das Zeichnen hatte und , ohne besonderen Unterricht erhalten zu haben , im Treffen der Aehnlichkeit wie in dem Wiedergeben landschaftlicher Natur recht glücklich war . Man blieb eine geraume Zeit mit dem Betrachten der Skizzen und Studien beschäftigt , und als der Maler sich dann entfernte , meinte Renatus , daß er sich kaum ein schöneres Loos , als das des Künstlers , zu denken vermöge , ja , wie er , da ihm auch für Musik die Begabung nicht versagt sei , sich oftmals auf dem Gedanken ertappt habe , daß er als ausübender Künstler seine höchste Befriedigung gefunden haben würde . So hätten Sie Künstler werden sollen ! bedeutete ihn Seba . Ich ? fragte Renatus mit einem Tone , als werde ihm etwas ganz Unmögliches angemuthet . Wie hätte ich das anfangen sollen ? Wie jeder Andere , dem es darum Ernst ist ! entgegnete ihm Seba . Aber der Jüngling war von dieser Antwort nicht befriedigt ; sie schien ihn sogar zu kränken , denn leicht erröthend versetzte er : Sie vergessen , liebe Seba , daß ich ein Edelmann bin ! Seba lächelte . Soll das heißen , sagte sie mit leichtem Spotte , daß es unter Ihrer Würde ist , Sich mit dem Schönen zu beschäftigen ? Nein , es ist nicht unter unserer Würde , uns mit dem Schönen zu beschäftigen , entgegnete sehr ernsthaft der junge Edelmann , der sich sofort als ein Glied der großen Körperschaft empfand , der er angehörte ; es ist nicht unter unserer Würde , uns mit dem Schönen als Genießende zu beschäftigen , nur Vortheil können wir aus unserer Beschäftigung mit demselben nicht wohl ziehen . Wäre ich in bürgerlichem Stande geboren , so wäre ich sicherlich ein Künstler geworden ; jetzt würde mir das übel anstehen . Denken Sie doch , Beste , wenn ein Freiherr von Arten Bilder verkaufen oder für Geld Musik machen wollte ! O , unmöglich , ganz unmöglich ! Er lachte bei der bloßen Vorstellung , und es half nicht , daß Seba ihn daran erinnerte , wie viele der französischen Flüchtlinge ihr Brod durch Uebung weit geringerer Fertigkeiten zu gewinnen genöthigt worden wären . Er erblickte darin eben nur die Bestätigung , daß allein die Noth den Edelmann bewegen dürfe , sich einem Gelderwerb durch Handel oder Industrie und Kunst zu überlassen , und seine Wirthin fand ihn , wie schon bei früheren ähnlichen Gelegenheiten , jeder vernünftigen Ueberzeugung unzugänglich , wo diese sich gegen eines der Vorurtheile richtete , deren er weit mehr als sein Vater , als der Freiherr hegte . Indeß es lag darin nichts , was Seba , nach ihrer Kenntniß der Verhältnisse , überraschen konnte , und sie war einsichtsvoll genug , es sich zu deuten , wie der Caplan einen so verschiedenen Einfluß auf den Vater und auf den Sohn zu üben vermocht habe . Als Erzieher und Reisebegleiter des Freiherrn Franz hatte der Caplan sich es einst angelegen sein lassen , diesen für das Studium der schönen Wissenschaften zu gewinnen und ihm jene humanistische Bildung anzueignen , welche den Freiherrn seiner Zeit so liebenswürdig und so duldsam gemacht hatte . Aber die Folge mochte dem Caplan nach seiner Ansicht den Beweis geliefert haben , daß die Duldsamkeit gegen Andere auch sehr duldsam gegen die eigene Schwäche und Willkür werden lasse , und wie die Aufklärung , welche den Menschen auf sich selbst verweise , die Gefahr in sich schließe , daß er sich von der Zucht der Kirche frei , weder durch ihre Gebote noch durch ihre Strafen gebunden glaube . Mit bewußter Absicht hatte der Caplan also bei der Erziehung von Renatus den Weg verlassen , auf welchen er den Vater desselben einst geführt . Er hatte für ihn das unabweisliche Gesetz der Religion an die Stelle des eigenen Erwägens aufgestellt , der Freiheit seines grübelnden Verstandes Grenzen gezogen , seiner nach Schönheit suchenden Phantasie nur mäßig , ja , dürftig Nahrung geboten , und es war ihm auf diese Weise auch gelungen , den von Natur fügsamen Knaben zu einem unbedingten Gehorsam gegen seinen Erzieher und zu einem eben so unbedingten Glauben an die von ihm aufgestellten Lehren und Grundsätze zu gewöhnen . Wer aber in geistiger Gefangenschaft erwächst , in wem der Trieb nach freier , prüfender Forschung nicht lebendig ist , dem werden seine Vorurtheile gar bald eben so zu einer Schranke seines Denkens , wie zu einer Stütze für seine Unselbständigkeit , und die Zuversicht , der Eigensinn , die Heftigkeit , mit welcher der Befangene sich in der Regel an sie klammert oder sie aufrecht erhält , sind nur ein Zeichen seiner Haltlosigkeit und seiner inneren Schwäche . Es war Renatus offenbar nicht angenehm gewesen , durch den Maler in seinem Zwiegespräche mit der Freundin seiner Mutter unterbrochen worden zu sein , und da er , durch zu ausschließliche Beachtung in seiner Kindheit verwöhnt , sich trotz seiner Bescheidenheit eine große Bedeutung beilegte , hatte sich bei des Malers Ankunft eine übellaunige Verstimmung seiner bemeistert , die erst in dem Verkehr mit demselben und in der Kunstbetrachtung wieder allmählich gewichen war . Nach Seba ' s spottender Bemerkung schien diese Gereiztheit sich abermals kundgeben zu wollen , und Seba fühlte Lust , ihn um dieser Unart willen zur Rede zu stellen ; aber der Jüngling stand ihr dazu noch zu fern , und halb aus Neugier , halb aus nachgiebiger Güte gegen den Sohn ihrer Angelika fragte sie , um ihm die Möglichkeit weiteren Vertrauens zu eröffnen , an ihre frühere Unterhaltung anknüpfend , welchen Eindruck denn auf ihn in seiner Kindheit die Kunde von der neuen Verheirathung seines Vaters hervorgebracht habe . Einen weit geringeren und sicherlich einen anderen , als Sie erwarten mögen , entgegnete der Jüngling . Ich hatte durchaus keinen Kummer darüber und dachte nicht im entferntesten daran , daß und in welcher Weise meine Zukunft dadurch benachtheiligt werden könne . Auch erfuhren wir die Heirath meines Vaters erst , als sie schon vollzogen war . Und als falle ihm plötzlich etwas ein , zog Renatus seine Brieftasche aus der Uniform hervor , öffnete sie , suchte unter den verschiedenen Papieren , die sie enthielt , und sagte dann , seiner Zuhörerin ein zusammengefaltetes Schreiben vorhaltend : Sehen Sie , das ist der Brief , in welchem mein Vater dem Caplan von seinem Entschlusse Kenntniß gab . Ich habe ihn , als ich ihn vor ein paar Jahren nach vielem Bitten von dem Caplan erlangte , immer als eine Art von Andenken und als eine Erinnerung bei mir getragen , weil mit diesem Briefe in gar vieler Rücksicht ein neues Dasein für mich begonnen hat . - Er reichte Seba den Brief , der aus Venedig datirt war . » Da Sie mich kennen , mein alter Freund , « hatte der Freiherr an den Caplan geschrieben , » so werden Sie es natürlich finden , daß ich Sie erst , nachdem ich mit mir selbst völlig einig bin , von einem Schritte in Kenntniß setze , den ich bereits gethan haben werde , wenn Sie diesen Brief empfangen . Der Himmel , der meinem Leben von Jugend auf seine besonderen Wege und seine eigenthümlichen Schicksale vorgezeichnet , hat mir ein großes Glück , eine wundersame Verjüngung an jener letzten Grenze des reifen Mannesalters vorbehalten , in welchem weniger bevorzugte Naturen für die höchsten Empfindungen und Freuden des Daseins oft nicht mehr empfänglich sind . Was ich in frühen Jahren besessen , die volle , ganze , rückhaltlose Liebe eines jungen Herzens , das ist mir abermals zu Theil geworden , und wenn damals trennende Lebensverhältnisse mich verhinderten , meines Glückes mich offen zu erfreuen , so ist es mir jetzt eine Genugthuung und eine Ehrensache , meiner künftigen Gattin eine ihrer Geburt und ihren Vorzügen angemessene Stellung zu bereiten . In wenig Tagen wird hier in Venedig meine Trauung mit Vittoria Giustiniani vollzogen werden , in wenig Wochen denke ich sie in ihre neue Heimath und in mein Haus zu führen . Ich wünsche die schöne Jahreszeit zu benutzen , damit die Theure unsere Gegend im besten Lichte und in ihrem schönsten Schmucke sehe . Ich bitte Sie also , mein Freund , Alles für meine Wiederkehr anordnen zu lassen , und ich rechne dabei , wie immer , auf Ihre Freundschaft für mich , die darauf bedacht sein wird , meiner theuren Vittoria einen wohlthuenden Eindruck vorzubereiten . Sie werden in ihr eine ganz ursprüngliche Natur und eine vollendete Künstlerin finden , und da ich selbst mich jung fühle in der Liebe dieses holdseligen Wesens , so freut es mich auch , daß fortan in meinem Hause eine junge Frau walten wird , welche meinem Sohne in Jahren näher steht , als Sie und ich , und die hoffentlich dazu beitragen wird , ihn jugendlicher und fröhlicher zu machen , als er mir nach seinen Briefen zu sein scheint , in denen sich die schwerlebige Berka ' sche Gemüthsart , von der ich so viel gelitten habe , mehr als mir erwünscht ist , kundgibt . Theilen Sie ihm meine bevorstehende Verheirathung mit und sorgen Sie dafür , daß er seiner Stiefmutter ein vertrauendes Herz entgegenbringe . « Seba las den Brief mit großem Antheile , aber er that ihr für das Andenken ihrer Angelika und für Renatus weh , denn des Freiherrn geringe Liebe für den Sohn und seine Abneigung gegen Angelika sprachen sich unverhohlen darin aus . Als sie dem Jünglinge den Brief zurückgab , sagte er : Ich habe Ihnen dieses Blatt , das kein fremdes Auge je gesehen hat , unbedenklich anvertraut , denn Ihnen wird es keine Neuigkeiten und keine Geheimnisse verrathen haben . Und doch sehen Sie jetzt gerade so betrübt aus , als ich nach Ankunft jenes Briefes meine ganze Umgebung erblickte . Ich kam offenbar aller Welt beklagenswerth vor . Die Gräfin Rhoden umarmte mich unter Thränen , als wir sie zum ersten Male wieder besuchten , meine kleinen Freundinnen hofften , daß meine Stiefmutter mich nicht schlecht behandeln werde ; der Caplan , welcher im Schlosse Alles erneuern ließ , was etwa