ächten Würde ! ach , wie voll muß die Welt von sich selbst und wie leer von Gott sein , um in der Demut Kriecherei und Heuchelei zu sehen ! Vielleicht sind wir alle es dem heiligen Greise schuldig , seinem Opferleben , seiner Fürbitte , seinem Beispiel , seinen Lehren , daß wir nicht in die Gemeinheit solcher Gesinnungen und entsprechender Handlungen versunken sind . Und immer klarer sah Uriel ein , daß er sich nicht damit begnügen dürfe , ein solches Beispiel untätig zu bewundern . Immer deutlicher vernahm er eine innere Stimme , die ihm zusprach : Trinke du aus demselben Kelch ; dann hast du dein Genügen . - Mit tiefer Erschütterung hatte Levin Regina ' s Zustand erfahren . Mit ihm durfte Uriel ja darüber sprechen ; er konnte es aushalten . Dem Vater und der Schwester wollte Regina die herbe Mitteilung ersparen . » Sieh ! « sagte Levin , » das sind so recht die unergründlichen Schickungen Gottes , an denen der Unglaube solchen Anstoß nimmt und worin wir ein Geheimniß voll himmlischer Liebe ahnen . Wodurch belohnt er das freudige Opfer , das Regina ihm bringt ? durch ein schauerliches Leiden , durch einen martervollen Kreuzgang , dessen Ende der gewisse und nahe Tod ist . Er konnte sie leben und im Schatten seiner Gnade friedlich blühen lassen , wie eine Blume des Waldes , zu seiner Ehre und anderen zum Trost und zur Erbauung . Statt dessen wendet er ihr das volle Licht , ja die Flammenpfeile seiner Gnade zu - und kränzt sie mit grausamen Dornen . Das ist die ächte Braut Christi . « » Ja , « sagte Uriel , » den Eindruck hab ' ich für ' s Leben empfangen : denke ich an den gekreuzigten Heiland , blutüberströmt unter seiner Dornenkrone , so trägt er Regina ' s Züge . « » Sieh , wie gut Gott auch für Dich ist , « entgegnete Levin zärtlich ; » so lieblich zieht er Dich hin zum Kreuz ! « » Ich fühle es , « erwiderte Uriel , » ich weiß es . Der Opferstahl liegt auf dem Altar ; es ist das Kreuz . Aber die Natur erschauert bei dem Gedanken , es in solchem Maß umfassen zu müssen . « » Das Maß wird nicht jedem gleichförmig gemessen , nicht genau die eine Seele wie die andere behandelt . Es gibt Stufen in der Liebe , Stufen in der Prüfung . Wer hat den göttlichen Heiland mehr geliebt als Maria Magdalena ! mit welcher übernatürlichen Demut , mit welcher herzzerschmelzenden Selbstverläugnung nahet sie sich ihm bei jenem Gastmahle , wo sie beweist , daß ihr die Welt unter- und der Himmel aufgegangen ist . Und wie behandelt sie der Herr , der gütige , milde , zärtliche Heiland , der für den hochmütigen Pharisäer so liebevoll ist und die größten Sünder so tröstend behandelt ? Man sollte meinen , er werde die Magdalena mit der innigsten Liebe empfangen . Aber nein . Er schenkt ihr kein Wort , keinen Blick , keine Beachtung . Auf einen Akt der rührendsten Demut sieht er gar nicht hin , und wie einen wesenlosen Schatten läßt er sie vorüber gleiten . Dies Schweigen , diese abwehrende Nichtachtung hätten nicht alle ertragen . Magdalena aber ertrug es . Dafür steht sie denn unter dem Kreuz mit der Gottesmutter und dem Liebesjünger - und ihr zuerst erscheint der Auferstandene ! und sie ruft er bei ihrem Namen ! Jede Seele , die sich von der Welt zu Gott , von dem Irrtum zur Wahrheit bekehrt , gleicht der Magdalena , indem sie bis dahin Ungöttliches dem Göttlichen vorgezogen hat . Ach , wir alle gleichen ihr ; denn in uns allen ist Anhänglichkeit an unser so sehr ungöttliches Ich - und wir alle müssen deshalb darauf gefaßt sein , so vom Herren empfangen zu werden , wie sie . Allein der Empfang ist dennoch verschieden , weil wir nicht ihre welt- und totverachtende Liebe haben . « » O , hätte ich sie ! « rief Uriel . » So spricht wohl mancher , « entgegnete Levin lächelnd , » und macht doch nicht seine Anstalten dazu ! Die vollkommene Hingebung an den Willen Gottes , ohne Rückblick und Hinterhalt für uns selbst - ist eine Hauptbedingung . Unterwirf Dich ihm bedingungslos ; mache Dein Herz zu einem Reich , in welchem er nach seinem Wohlgefallen herrschen soll ; und siehe ! dann schickt er Dir die Liebe , als die Königin dieses Reiches zu , die wonnestrahlend Dich zur Huldigung ihres Herrn und Herrschers hinzieht . Sie kommt auf zwei Wegen , die Königin Liebe . Im heiligsten Sakramente des Altars sucht sie Deine Seele auf . Im Gebet sucht Deine Seele nach ihr . Das ist eine mystische Ebbe und Flut , sinkend und steigend im Wechsel der innersten Lebensbeziehung auf das ewige Gesetz , daß der Mensch selbsttätig zu seiner Heiligung mitwirken soll . Auf einige verfliegende Wünsche und Seufzer kann die ewige Liebe nicht hören . Sie ist Wahrheit , und darum begehrt sie Wahrheit . Hingebung , Unterwerfung - das ist Wahrheit , denn da hören alle Selbsttäuschungen alle Gefühlsschwelgereien , alle Phantasiegebilde urplötzlich auf . Das ist der unerbittliche Prüfstein , an dem der Wille als ächtes Gold oder als unedles Metall zum Vorschein kommt . Hingebung und Unterwerfung heiligen die Seele mehr und schneller , als die größten Taten für Gott getan ; und haben auch das noch für sich , daß man sie überall üben kann , während die großen Taten Zeit und Ort haben wollen . Fange nur an , Dich zu heiligen , Uriel , und Dich mit und aus allen Kräften Deiner Seele Gott als ein unbedingtes Werkzeug darzubieten , und die himmlische Liebe wird schon kommen und Wohnung bei Dir nehmen . « - Nicht Uriel ' s Kämpfe , nicht Regina ' s Leiden , nicht Corona ' s Prüfungen waren es , welche Levin ' s Herz sorgenschwer machten . Diese gehörten ja zu jenen Schäflein der Herde Christi , welche die Stimme des guten Hirten kennen , auf sie hören und ihr folgen wollen ; und bei solchen Seelen ist das Amt des stellvertretenden guten Hirten , des Priesters , nicht schwer . Mit einem Wink seines Hirtenstabes , mit einem Zuruf aus seinem Munde sammelt er sie gleich wieder auf den immergrünen Auen und an den silberklaren Wassern des christlichen Lebens , wenn sie zu einer dürren Weide abgeirrt sein sollten ; und sein einziger Kummer ist der , daß ihr Fortschritt auf dem Wege der Vollkommenheit noch viel größer sein könnte , als er bereits ist . Wohl ist es ein Kummer , neben der unbegrenzten Gnade Gottes immer die unvollständige Mitwirkung des Menschen , auch des edelsten , gewahr zu werden ; aber wie anders , wie bitter und nagend ist der Kummer , welchen die Schäflein hervorrufen , die den guten Hirten nicht kennen wollen und sich von ihm abwenden . Da muß er durch Wüsten von Traurigkeit und über Dornen von Ängsten im Gebet den Verirrten nacheilen und nachweinen , nie die Hoffnung auf deren Rettung aufgeben , von keiner Enttäuschung sich entmutigen lassen und ach ! oftmals erst dann sie erreichen , wenn sie vom Wolf zerfleischt ihr Leben aushauchen , von Dornen umstrickt sich verbluten oder gar in den Abgrund stürzen , welcher der ewige Tod , der Untergang der Seele heißt . Je näher sich Levin dem Ende seiner Tage fühlte , um desto sorgenvoller sah er auf die kleine Herde , für welche er in besonders inniger Weise ein guter Hirt hatte sein sollen ; und zogen auch die einen mit fliegenden Fahnen zur Eroberung des Himmelreiches aus - und folgten auch die anderen gemäßigteren Schrittes nach : so waren doch Orest und Florentin entflohen der schirmenden Hürde und in eine Wildnis geraten , die ihnen den Untergang nahe legte . Ein Brief von Corona versetzte ihn in den tiefsten Schmerz . Sie teilte ihm den Inhalt ihres letzten Gespräches mit Orest mit . » Die Gefahr ist so groß , so dringend , daß ich die himmlische Hilfe des heiligen Gebetes in Anspruch nehmen muß , « schrieb sie ; » wenn das nicht wäre , so würde ich schweigen , wie ich bisher geschwiegen habe , weil ich die Überzeugung hege , daß alles , was man an Orest sagen mag , nur dazu beitragen würde , ihn in seiner jammervollen Verblendung zu bestärken und in seiner verkehrten Liebe zu befestigen . Ich schwieg , so lange diese traurige Sache gleichsam nur die meine war ; ich hatte sein Herz verloren : das betraf mich allein . Aber jetzt soll seine Seele verloren gehen durch den Abfall vom Glauben : das ist die Sache Gottes ! dagegen trete ich ganz in den Hintergrund , und nicht mehr für mich , sondern für Orest allein ruf ' ich um Hilfe . So lange meine Augen offen stehen , habe ich in tiefster Aufrichtigkeit meiner Seele vor Gott auf alles und jedes verzichtet , was Glück , was Freude , was Trost , was Erquickung hienieden ist - wenn nur der gräßliche Abfall verhindert wird . Wir alle müssen uns mit ausgebreiteten Armen zwischen ihn und die Hölle werfen , der er im Wahnwitz der Leidenschaft zutaumelt . « - - Nachdem Levin diesen Brief gelesen hatte , faltete er die Hände und rief : » Den Kelch , o Herr , erspare mir ! « Aber sogleich setzte er hinzu : » Wenn er Dir , o Herr , erspart sein soll ! Wenn nicht - so gib mir die Gnade , ihn in der Vereinigung mit Dir zu leeren , diesen bittersten Myrrhentrank ! « » Ich muß nach Rom ! « rief Uriel . » Der Unglückselige soll wenigstens von all den Seinen den Schrei des Entsetzens über sein Beginnen wie aus einem Munde hören . Corona hat Recht : wir müssen uns alle ihm in den Weg werfen . Vielleicht hemmen wir seinen Sturz . « » Geh , mein Sohn , Gott segne Dich und stehe Dir bei ! « rief Levin lebhaft . » Corona schreibt , sie habe die Sache auch an Regina mitgeteilt , um sie zum Gebetseifer zu entflammen . So werden wir beide , sie und ich , denn unablässig unsere Hände zum Gebet erheben , während Ihr in Rom vielleicht die Möglichkeit zu einem kräftigen Handeln findet . « Mit unsäglich schwerem Herzen entschloß sich Uriel zur Trennung von Levin . Der Greis war ganz allein , denn die Baronin Isabelle war verreist , war soeben an das Sterbebett ihrer teuersten Freundin , der einzigen Schwester ihres verstorbenen Mannes gerufen . Und nun sollte er diese qualvolle Zeit der Spannung , der Erwartung , der Sorge - einsam bleiben , ohne Mitteilung , ohne Zuspruch , auf Briefe beschränkt , deren Nachrichten stets unvollkommen und folglich ungenügend sind ! » Darüber gräme Dich nicht , « entgegnete Levin , als Uriel ihm seine Bekümmernis aussprach . » Es war mir bis jetzt ein großer Trost , Dich bei mir zu haben , allein nun ist es mir ein größerer Trost , Dich zu entbehren - zuerst , weil ich denke , daß Du in Rom mehr nötig bist , als hier ; und dann , weil es mir ein Opfer ist , Dich gehen zu sehen . Dem lieben Gott in irgend einer Weise ein Opfer bringen zu dürfen , ist aber immer das glückseligste , was einem Menschen widerfahren kann . Reise getrost , mein Sohn . « - Uriel war schnell zur Abreise gerüstet und Levin blieb allein auf Windeck zurück . Ein schwererer Schlag als Orest ' s Abfall hätte ihn nicht treffen können ! jeder andere hätte ein paar Dornen mehr auf den Erdenweg gestreut ; aber über sie ging Levin hinweg , als wär ' es Blütenschnee , der vor der Frühlingsluft herabrieselt . Dieser Schlag ging über die Erde hinaus . Die namenlosen Schmerzen , die er einst um seine arme Mutter ausgestanden hatte , erneuerten sich auf eine noch unheilvollere Weise , um eine noch drohendere Gefahr . Die Verachtung der Liebe und Gnade Gottes , die vor einem halben Jahrhundert seinen jungen Augen so viel tausend Tränen gekostet hatte , drängte ihm auch jetzt wieder sein Herzblut in bitteren Zähren aus den Augen . Und hätte er noch ein halbes oder ganzes Jahrhundert gelebt , und noch eines , und abermal eines , und so fort bis zum jüngsten Tage : so würde er fort und fort das nämliche Herzeleid zu tragen , denselben Jammer zu beweinen haben : die Beleidigung der ewigen Liebe durch die Sünde des Geschöpfes ! Dann gedachte er des furchtbaren mystischen Leidens , welches der göttliche Erlöser am Ölberg ausgestanden , gerade weil er im Geist das grenzenlose Elend überschaute , das er mit seinem heiligen Blute heilen wollte - und das sich dennoch , dennoch ! so vielfach gegen die himmlische Arznei sträubt , daß sie ach ! nicht für alle ihre Wirkung tun , nicht allen die Genesung der Seele bringen kann . Ja ! seufzte Levin aus tiefster Brust , zur vollkommenen Vereinigung mit Gott gehört die willige Annahme dieses Leidens , das über alle menschliche Grenzen von Gram und Kummer hinausreicht ! Dann dachte er an Regina , wie sie die Schreckensnachricht aufnehmen - ob sie in ihrer Gelassenheit bleiben werde . Ein großes Verlangen , gemeinsam mit ihr die Mutter Gottes vom Karmel anzurufen , erwachte in Levin . Er hatte nie gewünscht , sie zu sehen ; er wußte ja , daß er sicherer und ungestörter am Fuß des Kreuzes - als im Sprachzimmer zu Himmelspforten sie finden könne . Aber jetzt war ihm zu Sinn , als ob die Hand Gottes ihn zu Regina führe . Er fuhr nach Würzburg und ging sogleich zum Kloster , wo er auf seine Frage nach ihr den Bescheid erhielt , sie sei krank und könne nicht im Sprachzimmer erscheinen . Da nannte er sich und ließ die Oberin bitten , ihm nähere Auskunft zu geben . Die Oberin kam eilends und verhehlte ihm nicht , daß Regina sterbend sei . Levin faltete die Hände und sagte sanft : » Also darum hat Gott mich hergeführt . « Er begab sich zum Bischof und bat um Erlaubnis , in die Klausur eintreten zu dürfen , um die Sterbegebete über die Tochter seiner Seele zu sprechen . Der fromme Bischof gab die Erlaubnis mit gerührter Teilnahme , daß der Tod an dem fünfundsiebenzigjährigen Greise vorübergehe und die junge Lebensblüte dahinraffe . Als Levin nach Himmelspforten zurückkam , war es schon spät Abends ; aber die Tür öffnete sich ihm , wie das die Regel ist , als er des Bischofs schriftliche Erlaubnis vorzeigte . Die Oberin empfing ihn und setzte ihn von Regina ' s Zustand in Kenntnis , während sie ihn zu der Zelle der Kranken führte . Bis zum Weihnachtsfest hatte sich Regina trotz ihrem Leiden ziemlich wohl befunden und die heilige Christnacht und die Ankunft des göttlichen Kindes in der Krippe mit frohlockender Freude gefeiert . Seitdem aber war es reißend bergab gegangen und das Fieber mit solcher Heftigkeit eingetreten , daß sie seit sechs Wochen weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe hatte und gänzlich davon aufgerieben war . Der Arzt zweifelte , daß sie den Morgen erleben werde . Die Oberin öffnete eine Tür ; Levin trat in die armselige Zelle , an deren weiß getünchter , kalter Wand ein Kruzifix zwischen den Bildern der Mutter Gottes von der unbefleckten Empfängnis und der heil . Therese hing . Ein Strohstuhl und ein brauner Tisch , auf dem ihr Brevier und einige Andachtsbücher lagen , bildeten das Mobiliar dieser Zelle , die an Armut , wenn nicht mit dem Stall von Bethlehem , so doch mit der Hütte von Nazareth wetteiferte . Regina lag im Bett ; ihr Antlitz , halb verhüllt von weißen Linnentüchern , war weißer als sie , denn das Fieber hatte ihr Lebensmark verzehrt ; die krankhafte Glut war eingesunken ; sie verglimmte wie eine Kohle , die sich nach und nach mit Asche bedeckt - mit der Asche , welche der Tod auf sie streute . Zu Häupten des Bettes brannte die Sterbekerze ; zwei Karmelitessen knieten daneben und beteten abwechselnd die Gebete der Sterbenden . Als Levin eintrat , hatte Regina ihre Augen geschlossen und ihre langen dunkeln Wimpern warfen einen breiten Schatten auf die geisterbleichen Wangen . Ihre Hände lagen auf der Decke und hielten ein kleines Kruzifix . Aber im Gegensatz zu dieser Ruhe flog ihre Brust kampfhaft und unregelmäßig auf und ab durch die schweren , hastigen Atemzüge . Auf den ersten Blick sah Levin , daß es zu Ende gehe . Mit gebrochener Stimme sagte er : » Gelobt sei Jesus Christus ! « » In Ewigkeit ! in Ewigkeit ! .... lieber Onkel Levin « , erwiderte Regina und schlug ihre großen müden Augen mit einem Blick von rührender Freude und Dankbarkeit zu ihm auf . » Nun bist Du bald am Ziel , geliebtes Kind ! die Braut Christi eilt dem himmlischen Bräutigam zu . « » Möge er mich nur als seine ächte Braut anerkennen und nicht allzu unwürdig finden , « sagte sie . » Ich habe ihm sein gebenedeites Kreuz gar schlecht nachgetragen . « » Fandest Du es schwer , geliebtes Kind , so denke , daß Dein Erlöser auch seinen Kelch bitter gefunden hat . « Das äußere Kreuz war nicht das schwerste ! das innere war es . Ach , die Desolationen von Gethsemane und die Finsternis von Kalvaria - die wollten mir zuweilen die Seele so überfluten , daß ich vergaß , wie gerade sie die Hauptpunkte sind in der Nachfolge des himmlischen Bräutigams . « » Umsomehr mußt Du seiner Gnade vertrauen , die so barmherzig für uns arme Sünder ist , wenn wir nur ein wenig guten Willens waren . « » Ja ! « sagte sie , und ein Freudenstrahl trat in ihr Auge , » ich schmücke mich mit dem Purpur und den Rubinen seines heiligsten Blutes . Das wird mir zum Königsmantel und zum Brautgeschmeide . « » Hast Du je bedauert , der Welt und dem Erdenglück entsagt zu haben ? « fragte Levin nach einer Pause . » Niemals ! « entgegnete sie . » Die Gottverlassenheiten waren meine Prüfung . « » Die gehören gerade zum vollkommenen Opfer . Wer den Gott alles Trostes besitzt , muß dessen Tröstungen entbehren können , « sagte Levin ernst . » Ach bitte für mich , « sagte sie schmerzlich , » daß der liebe Gott nicht nach seiner Gerechtigkeit mit mir verfahre und mich auf ewig von seinem Angesicht verbanne ; in seinem strengen Gericht könnte ich nimmermehr bestehen . Jetzt sehe ich freilich ein , daß meine geringen Leiden ein Maientau für meine elende Seele waren und sie zum Grünen gebracht haben . « » Im Himmel wird sie aufblühen , « sagte er . » Wäre nur nicht das lange Purgatorium , « seufzte Regina . » Gott war immer so gnädig für Dich , daß er Dir vielleicht Deine schwere , lange Krankheit als Purgatorium anrechnet und Dich bald in den Himmel ruft ! « » Ja , wenn Du recht viel für mich betest und mir die Gnadenströme des heiligen Meßopfers zuwendest , und wenn auch hier alle Schwestern für mich beten . « Die Oberin zerdrückte still ihre Tränen , und die beiden Schwestern weinten bitterlich . Regina fragte , was es an der Zeit sei , und als Levin erwiderte , es gehe auf Mitternacht , sagte sie mitleidig : » Ach , lieber Onkel Levin , so bricht die Fastenzeit noch einmal für Dich an , während ich mein seliges Genügen finde ! « Es war nämlich die Nacht vor dem Aschermittwoch . Sie atmete immer mühsamer , stoßweise und ächzend ; ihre Hände ließen das Kruzifix sinken und machten auf der Decke jene seltsamen Bewegungen des Haschens , die den Sterbenden eigentümlich sind . Die Anwesenden beteten und sie bewegte bisweilen die Lippen , als ob sie ihnen folge . Plötzlich sagte sie : » Dürfte ich nicht den Leib des Herrn empfangen ? « Die Oberin erwiderte , daß er ihr vor kaum zwei Stunden gespendet sei . Da sagte sie : » So vergißt man die Zeit , wenn die Ewigkeit naht . « Auf die Bemerkung der Oberin , daß sie gleich nach der ersten heiligen Messe , die um fünf Uhr gelesen wurde , mit dem Brot der Engel gestärkt werden dürfe , antwortete sie mit einem seligen Lächeln : » Ach , wenn meine Sünden es nur nicht hindern , so könnte ich Ihn dann vielleicht schon schauen , wie Er ist . « Sie fiel in die Agonie zurück und verlor die Sprache , aber nicht das Bewußtsein . Schlug sie einmal die Augen auf , so war ihr Blick klar , liebevoll und dankbar auf ihre Umgebung gerichtet ; und verstummte einmal deren Gebet vor Wehmut und Herzeleid , so gab sie durch Zeichen zu verstehen , daß man es fortsetzen möge . Eine schmerzenreiche halbe Stunde ging auf diese Weise vorüber . Da hub Regina zu aller Überraschung mit ganz kräftiger Stimme an : » Lieber Onkel ! jetzt bete die Commendatio anima ! die Mutter Gottes holt mich , der Bräutigam kommt . « Und sanft wendete sie ihr Haupt , machte das heilige Kreuzzeichen , schloß die Augen und entschlief mit immer leiseren Atemzügen wie ein müdes unschuldiges Kind , während ihre Seele zu dem Gott flog , den sie von dem Augenblick an , wo ihr junges Herz zu lieben anfing , mit unerschütterlicher Liebe geliebt hatte . Da lag sie nun tot in der dürftigen Zelle , auf dem armseligen Lager , aufgerieben von entsetzlicher Krankheit , fern von den Nächsten , die keine Ahnung von ihrem Scheiden und Leiden hatten - diese Regina , dies Kind des Gebetes , die bei ihrem Eintritt in die Welt mit einem Jubelruf der Freude von zwei Familien begrüßt , von zwei Müttern als Tochter geliebt und gleichsam in goldener Wiege gewiegt wurde . Da lag sie nun tot zwischen den kahlen Wänden - diese Regina , der alles zu Gebot stand , was man auf Erden Glück nennt , was man begehrt , ersehnt , beneidet - und die alles gelassen beiseite legte , als Dinge , die für den Himmel keinen Wert hatten . Jetzt stand sie auf der Höhe , wo der wahre Standpunkt für die Würdigung des irdischen Glückes ist und wo die vergänglichen Freuden im Licht der Ewigkeit ihre wahre Beleuchtung finden . Jetzt stand sie mit ihrem von jungfräulicher Christusliebe durchflammten Herzen , das von keiner Neigung zu den Staubesgebilden beschwert war , vor dem Thron ihres Gottes , dessen Kelch sie zu ihrem Erbe und Anteil für hienieden gewählt hatte , und Levin , dem all diese Bilder am inneren Auge vorüberzogen , während er die Nacht neben ihrer entseelten Hülle betend durchwachte , konnte nicht anders , als wieder und immer wieder sagen : O Kind , du bist nicht vergeblich der heiligen Gottesmutter , der Himmelskönigin Maria , geweiht worden ! Als deine Mutter es tat , hat sie nicht geahnt , daß du bei sechsundzwanzig Jahren als Klosterjungfrau von hinnen scheiden würdest , und alle weltlichen Verhältnisse waren ja auch dagegen . Aber die Mutter Gottes , die mächtige Königin , rang dich ihnen ab , wählte dein Los , ließ es vor dir aufleuchten , ebnete deinen Weg , zeigte dir dein hohes Ziel , gab dir ein Herz , das der Höhe des Zieles entsprach , und hat dich jetzt geholt zum himmlischen Brautfest . O Kind , geliebtes , warum wein ' ich denn ! Und langsam schlich Träne um Träne über seine bleichen eingefallenen Wangen - - Früh um vier Uhr las er für die teuere Abgeschiedene eine Seelenmesse , diesen Balsam für die schmerzlichste Trauer . Nicht bloß den Lebenden gehört der ewigströmende Gnadenbronnen des Blutes Jesu an ; nicht bloß für sie öffnet er wieder bei der Feier der heiligsten Geheimnisse seine Wunden , um ihnen alle Gnaden zuzuwenden , welche an seinen Versöhnungstod geknüpft sind . Sein göttliches Blut gehört allen Seelen an und die Abgestorbenen sind ja so recht - Seelen ! arme Seelen , die durch dieses Blut reinigende und heiligende Kraft von den Makeln und Flecken befreit werden , welche langsam das Purgatorium tilgt ; Makel und Flecken , welche die Seele nicht zur Seligkeit gelangen lassen , denn » nichts Unreines kann in den Himmel eingehen « - heißt es in heiliger Schrift . Wie süß ist also die Hoffnung , wie wahrhaft der Trost , welche die Leidtragenden aus der Darbringung des hochheiligen Meßopfers schöpfen . Ein Tröpflein vom Blut Jesu der geliebten Seele zugewendet , vermag mit seiner unendlichen Kraft sie zu reinigen und sie zur Anschauung des höchsten Gutes zu führen ! Levin gewann all ' seine Fassung wieder , nachdem er sich in heiliger Kommunion mit Gott vereinigt hatte und ein namenloser Trost überströmte sein Herz bei dem Gedanken , daß Regina vor allem Wechsel und Wandel geborgen , in Sicherheit gebracht und einem Leben entronnen sei , welches dem Menschen nie die Gewißheit gibt , daß sein nächster Schritt ihn nicht bergab führe . Sie lag nun im Sarge , im braunen Habit der Karmelitessen , mit einem Kranz von weißen Rosen über dem schwarzen Schleier - ein unaussprechlich schönes Bild , rührend in seiner Erhabenheit . Der schwarze Schleier , der sie umrahmte , war die Folie des Kranzes , den ihr Haupt wie eine Glorie von leuchtenden Sternen trug . Ein seliger Friede lag auf ihren Zügen , ihr eigentümlich schönes Lächeln war ihnen noch eingeprägt . Sie sah aus , als sei ihre Seele frohlockend von der Erde geschieden . » Requiescat in pace , « sagte Levin , als er zum letzten Mal mit Weihwasser die schöne Hülle segnete . Dann nahm er Abschied von Himmelspforten . » Der Aschermittwoch , « sprach er scheidend zur Oberin , » hat uns eindringlicher als das Aschenkreuz auf unserer Stirn gepredigt : Memento , homo , quia pulvis es et in pulverem reverteris ! « - Von Windeck aus schrieb er an Graf Damian , daß ein Zehrfieber Regina ' s Leben ein Ende gemacht und Gott ihn wunderbarer Weise an ihr Sterbebett geführt habe . Ausführlich beschrieb er ihre letzten Stunden , deren Zeuge er gewesen war , und setzte viel Liebliches und Trostreiches hinzu , was ihm die Oberin , der Superior und der Beichtvater aus ihrem Ordensleben erzählt hatten . Wie früher in der Welt , so jetzt im Kloster führte sie ihren Wahlspruch » Solo Dios basta « tatsächlich durch ; darum dürfe um ihre frühe Seligkeit kein trostloser Jammer ausbrechen ; diese Lilie des Carmels blühe ja ihnen allen zum Troste leuchtend im ewigen Frühling fort . Er aber sehnte sich nach diesem Frühling ! Fünfundsiebzig Jahre , die der übernatürliche Mensch im Kerker des Leibes gelebt hat , sind lang , auch für die demütigste Ergebung . Aber keine Schwäche des Alters , keine Stumpfheit der Sinne , keine Abnahme des Gedächtnisses , kein Versagen der inneren oder äußeren Fähigkeiten stellte sich ein ; das Unsterbliche herrschte in ihm vor . - Ein tosender Schneesturm , wie er zuweilen im Februar , besonders wenn milde Tage vorhergehen , als Mahnung an den Winter ausbricht , umsauste eines Abends Schloß Windeck mit solcher Gewalt , daß die Fenster stoßweise klirrten und die mächtigen Aeste der Linden und Kastanien auf der Terrasse erkrachten . Die Wetterfahne drehte sich angstvoll kreischend über den ungestümen Tanz , den sie mit dem Sturm machen mußte , und Käuzlein und Uhu , verstört in ihrem sonst so behaglichen nächtlichen Treiben , schrieen und seufzten um die Wette und flatterten mit ungeschicktem Flügelschlag verwirrt und betäubt gegen die Fenster , hinter denen Licht schimmerte . Der Aberglaube spricht : Fliegt ein Käuzlein mit seinem scharfen Schrei : komm mit ! komm mit ! gegen ein Fenster , so muß in dem Hause ein Mensch sterben . Im ganzen Schloß war es still und dunkel , die Mitternacht fesselte alle Bewohner im ersten Schlaf . Nur Levin wachte . Plötzlich schien ihm , daß am Gittertor des Schloßhofes die große Glocke heftig gezogen werde . Aber der Sturm war eben in seiner Flut und sauste betäubend . Nach einigen Minuten fiel er ; Levin horchte - und hörte genau hastige Glockenzüge . In solcher Nacht ! ein Kranker ruft mich ! das war sein erster Gedanke . Er zündete Licht an , kleidete sich schnell , wartete nicht , bis der Portier erwache und ihn rufe , warf seinen Mantel um und ging eilig hinab . Als er sein Zimmer verließ , flog ein geblendetes Käuzlein gegen sein helles Fenster und schrie : komm mit ! komm mit ! Unwillkürlich dachte Levin an den Volksaberglauben , aber nicht für sich besorgt , sondern für den Kranken . Vielleicht stirbt ein Mensch , ehe du zu ihm gelangst ! seufzte er . Inzwischen kam ihm unten der Portier verstört entgegen mit der Meldung , des Wendels ältester Sohn sei draußen und jammere nach dem hochwürdigen Herrn , denn der Wendel selbst liege in den letzten Zügen , sei aber vollkommen klar im Kopf und begehre ihn zu sprechen . » O du grundgütiger Gott ! du läßt den Armen nicht in seinen Sünden dahinfahren ! « rief Levin . » Befehlen der hochwürdige Herr , daß die kleine Kalesche angespannt werde ? « » Ja , sie kann mich abholen