versammelt gewesen waren . Nach dem Genusse eines einfachen , aber für Gedeihen und Gesundheit sehr wohl zubereiteten Mahles , wie es immer in dem Rosenhause sein mußte , nach manchem freundlichen und erheiternden Gespräche stand man auf , um wieder zu seinen Geschäften zu gehen , die jedem ernst und wichtig genug waren , mochten sie nun im Erwerben von Kenntnissen bestehen , wie fast ausschließlich bei Gustav , oder mochten sie im Vorwärtsdringen in der Kunst oder auf wissenschaftlichem Felde oder in einer richtigeren Gestaltung der eigenen Lebenslage enthalten sein . Für den heutigen Nachmittag war ein besonderes Geschäft Vorbehalten worden , zu welchem auch Roland kommen und deshalb seine heutige Arbeit an seinem Bilde abbrechen mußte . Es war eine Sammlung von Kupferstichen eingelangt , welche zum Kaufe angeboten waren , und deren Besichtigung man auf den heutigen Nachmittag anberaumt hatte . Mein Gastfreund lud mich zu der Sache ein . Die Kupferstiche lagen in zwei Mappen in dem Zimmer meines Gastfreundes . Wir gingen über die Treppe , die für die Dienerschaft bestimmt war , in sein Zimmer empor , und rückten den Tisch , auf welchem die Mappen lagen , näher an ein Fenster , damit wir die Blätter besser betrachten konnten . Die Mappen wurden geöffnet , und bald sah man , daß der Sammler der in denselben enthaltenen Stücke kein Mann gewesen sei , der von der Tiefe der Kunst , von ihrem Ernste und von ihrer Bedeutung für das menschliche Leben eine Vorstellung gehabt habe . Er war eben ein Sammler gewöhnlicher Art gewesen , der die Menge und die Mannigfaltigkeit der Stocke vor Augen gehabt hatte . Jetzt lag er im Grabe , und seine Erben mußten weder für die Verhältnisse der Kunst zum menschlichen Leben , noch für Sammeln von was immer für einer Art einen Sinn gehabt haben , daher sie alle Hefte meinem Gastfreunde , von dem sie gehört hatten , daß er solche Merkwürdigkeiten suche , zum Verkaufe anboten . Neben ganz wertlosen Erzeugnissen des Grabstichels nach heutiger unbedeutender Weise , wie sie in Büchern und Bilderwerken zum Behufe des Gelderwerbes vorkommen , neben Steinzeichnungen mit der Feder und der Kreide befanden sich auch bessere Werke von jetzt und besonders einige Stücke aus älterer Zeit von großem Werte . Mein Gastfreund und seine zwei Gehilfen sprachen bei dieser Gelegenheit manches über Kupferstiche , was mir neu war , und woran ich die Bedeutung dieses Kunstzweiges mehr kennen lernte , als ich sie früher kannte . Da er die Übersetzung der Werke der großen Meister aller Zeiten vermitteln kann , da er ein Bild , das nur einmal da ist , das für viele Menschen an fernen und ihnen nie erreichbaren Orten sich befindet , oder das als Eigentum eines einzelnen Mannes nicht einmal allen denen , die denselben Ort mit ihm bewohnen , zugänglich ist , vervielfältiget und zur Anschauung in viele Orte und in ferne Zeiten bringen kann , so sollte man ihm wohl die größte Aufmerksamkeit schenken . Wenn er nicht einer gewissen , zu bestimmten Zeiten in Schwung kommenden Art huldigt , sondern strebt , die Seele des Meisters , wie sie sich in dem Bilde darstellt , wieder zu geben , wenn er nicht bloß die Stoffe , wie sie sich in dem Bilde befinden , von der Zartheit des menschlichen Angesichtes und der menschlichen Hände angefangen durch den Glanz der Seide und die Glätte des Metalles bis zu der Rauhigkeit der Felsen und Teppiche herab , sondern auch sogar die Farben , die der Maler angewendet hat , durch verschiedene , aber immer klare , leicht geführte und schöngeschwungene Linien , die niemals unbedeutend , niemals durch Absonderlichkeit auffallend sein , niemals einen bloßen Fleck bilden dürfen , und die er zur Bemeisterung jedes neuen Gegenstandes neu erfinden kann , darstellt : dann kann er zwar nicht der Malerei in ihren Wirkungen an die Seite gesetzt werden , die sie auf ihre Beschauer geradehin ausübt , aber er kann ihr an Kunstwirkung überhaupt als ebenbürtig erkannt werden , weil er auf eine größere Zahl von Menschen wirkt , und bei denen , welche die nachgeahmten Gemälde nicht sehen können , eine desto tiefere und vollere Kunstwirkung hervorbringt , je tiefer und edler er selber ist . Dies habe ich bei meinem Gastfreunde in der Zeit , als ich mit ihm in Verbindung war , immer mehr kennen gelernt , und dies ist mir wieder besonders klar geworden , als die Kupferstiche durchgesehen wurden , und als man über ihren Wert und über Mittel , Wege und Wirkung der Kupferstecherkunst überhaupt sprach . Es wurde , da man die Einzelheiten der guten Blätter genau untersucht und ihre Vorzüge und ihre Mängel sorglich besprochen hatte , festgesetzt , daß man der guten Stücke willen die ganze Sammlung kaufen wolle , wenn ihr Preis einen gewissen Betrag , den man anbot , und den man gerechter und billiger Weise geben konnte , nicht überstiege . Die schlechten Blätter wollte man dann vernichten , weil sie durch ihr Dasein eine gute Wirkung nicht nur nicht hervorbringen , sondern das Gefühl dessen , der nichts Besseres sieht , statt es zu heben , in eine rohere und verbildetere Richtung lenken , als es nähme , wenn ihm nichts als die Gegenstände der Natur geboten würden . Den Geist des Menschen , sagten die Männer , verunreinige falsche Kunst mehr als die Unberührtheit von jeder Kunst . Da es dämmerte , wurden die Kupferstiche in ihre Behältnisse getan , der Tisch wurde wieder an seine Stelle gerückt , und wir trennten uns . Der Sturm hatte eher zu als ab genommen , und der Regen schlug in Strömen an die Fenster . Abends waren wir wieder in dem Arbeitszimmer meines Gastfreundes vereinigt , nur Gustav fehlte , weil er sich in seinem Zimmer noch mit seiner Tagesaufgabe beschäftigte . Ehe wir zu dem Abendessen gingen , zeichnete mein Gastfreund noch den Stand der naturwissenschaftlichen Geräte , welche sich auf Luftdruck , Feuchtigkeit , Wärme , Elektrizität und dergleichen bezogen , in seine Bücher , und dann ging er durch das ganze Haus und besah den Verhalt der Dinge in demselben , die geförderten Arbeiten der Hausleute , ihr jetziges Tun und den allfälligen Einfluß des heutigen stürmischen Wetters . Bei dem Abendessen wurde , nachdem man die Nahrungsbedürfnisse in kurzer Zeit gestillt und heitere Gespräche geführt hatte , noch aus einem Buche vorgelesen , das damal neu war . Es betraf größtenteils die Geschichte des Seidenbaues und der Seidenweberei , und besonders wurde der Abschnitt behandelt , wie dieses Gewerbe aus dem fernsten Morgenlande nach Syrien , nach Arabien , Egypten , Byzanz , dem Peloponnes , nach Sicilien , Spanien , Italien und Frankreich gekommen sei . Mein Gastfreund behauptete , daß in der Anfertigung von jenen Prachtstoffen , die aus Seide und Gold oder Silber bestanden , was die Feinheit und Zartheit des Gewebes , was dessen Weichheit , verbunden mit mildem Glanze , gegen den die heutigen Stoffe dieser Art in ihrer Steifheit und in ihrem harten Schimmer stark abstehen , und was endlich den Schwung , die feine Zierlichkeit und die reiche Einbildungskraft in den Zeichnungen betrifft , die Zeit des dreizehnten und vierzehnten Jahrhunderts den späteren Zeiten und besonders der unsrigen weit vorzuziehen sei . Er habe zu spät angefangen , diesem Zweige des Altertumes , der beinahe ein Zweig der Kunst sei , seine Aufmerksamkeit zu widmen . Eine Sammlung solcher Stoffe müßte merkwürdig sein , er könne aber keine mehr anlegen , da sie Reisen durch ganz Europa , ja durch nicht unbedeutende Teile von Asien und Afrika voraussetze und wahrscheinlich die Kräfte eines einzelnen Mannes überschreite . Gesellschaften oder der Staat könnten solche Sammlungen zur Vergleichung , zur Belehrung , ja zur Bereicherung der Geschichte selber zu Stande bringen . In reichen Abteien , in den Kleiderschreinen alter berühmter Kirchen , in Schatzkammern und andern Behältnissen königlicher Burgen und größerer Schlösser dürfte sich vieles finden , was dort zu entbehren wäre und in einer Sammlung Sprache und Bedeutung gewänne . Wie viel müßte nach den Kreuzzügen aus dem Morgenlande nach Europa gekommen sein , da selbst einfache Ritter mit dort gewonnener Beute an Gold und kostbaren Stoffen in die Heimat zurückgekehrt seien , und sich Prunk außer bei kirchlichen Feierlichkeiten , Krönungen , Aufzügen , Kampfspielen auch im gewöhnlichen Verkehre mehr eingefunden hatte , als er früher gewesen war . Wie müßte dieser Zweig auch ein Licht auf die mit seinem Blühen ganz gleich laufende Zeit werfen , in welcher jene merkwürdigen Kirchen gebaut wurden , deren erhabene Überbleibsel noch heute unsere Bewunderung erregen , wie müßte er auch eine Beziehung eröffnen zur Verzierungskunst jener Zeit in Steinmetzarbeit , in Elfenbein- und Holzschnitzerei , ja zum Beginne der später blühenden großen Malerschulen in dem Norden und Süden Europas , und wie müßte er sogar auf Gedanken über Anschauungsweise der Völker , ihre Verbindungen und ihre Handelswege leiten . Tun das ja auch Münzen , tun es Siegel und andere diesen untergeordnete Dinge . Roland sagte , er wolle nun solche Stoffe zu sammeln suchen . Wir gingen an jenem Abende später auseinander als gewöhnlich . Am anderen Morgen , als ich aufgestanden war und das beginnende Licht einen Ausblick durch die Fenster gestattete , sah ich frischen Schnee über alle Gefilde ausgebreitet , und in dichten Flocken , die um das Glas der Fenster spielten , fiel er noch immer von dem Himmel herunter . Der Wind hatte etwas nachgelassen , die Kälte mußte gestiegen sein . Wir machten an diesem Tage alle zusammen einen ziemlich großen Spaziergang . Im Garten wurde herumgegangen , ob etwas zu richten sei , die Gewächshäuser wurden besucht , in dem Meierhofe wurde nachgesehen , und abends wurde in dem Buche , welches von der Seidenweberei handelte , weiter gelesen . Der Schneefall hatte bis in die Dämmerung gedauert , dann kamen heitere Stellen an dem Himmel zum Vorscheine . Wie diese zwei Tage vergangen waren , so vergingen nun mehrere , und mein Gastfreund begann nicht , seine Mitteilungen , welche er versprochen hatte , zu machen . Wir hatten außer der Zeit , die jeder in seiner Wohnung bei seinen Arbeiten zubrachte , manche Gänge durch die Gegend gemacht , was um so angenehmer war , als nach den stürmischen Tagen bei meiner Ankunft sich heiteres , stilles und kaltes Wetter eingestellt hatte . Ich war zu mancher Zeit in der Gesellschaft meines Gastfreundes , ich sah ihm zu , wenn er seine Vögel vor dem Fenster fütterte , oder wenn er für Ernährung der Hasen außerhalb der Grenze seines Gartens sorgte , was des tiefen Schnees willen , der gefallen war , doppelt notwendig wurde , wir hatten weitere Fahrten in dem Schlitten gemacht , um Nachbarn zu besuchen , manches zu besprechen , oder die freie Luft und die Bewegung zu genießen , einmal war ich mit meinem Gastfreunde zu einer Brücke gefahren , die er mit mehreren Männern beschauen sollte , weil man vorhatte , sie im Frühlinge neu zu bauen - man hatte meinen Gastfreund nicht verschont und ihn mit Gemeindeämtern betraut - , mehrere Male waren wir in verschiedenen Teilen der Wälder gewesen , um bei dem Fällen der Hölzer nachzusehen , welche zum Bauen und zur Verarbeitung in dem Schreinerhause verwendet werden sollten , welche Fällung in dieser Jahreszeit vor sich gehen mußte ; wir waren auch einmal im Jnghofe gewesen und hatten die dortigen Gewächshäuser besehen . Der Hausverwalter und der Gärtner hatten uns bereitwillig und freundlich herum geführt . Der Herr des Besitztums war mit seiner Familie in der Stadt . Eines Tages kam mein Gastfreund in meine Wohnung , was er öfter tat , teils um mich zu besuchen , teils um nach zu sehen , ob es mir nicht an etwas Notwendigem gebreche . Nachdem das Gespräch über verschiedene Dinge eine Weile gedauert hatte , sagte er : » Ihr werdet wohl wissen , daß ich der Freiherr von Risach bin . « » Lange wußte ich es nicht , « antwortete ich , » jetzt weiß ich es schon eine geraume Zeit . « » Habt Ihr nie gefragt ? « » Ich habe nach der ersten Nacht , die ich in Eurem Hause zugebracht habe , einen Bauersmann gefragt , welcher mir die Antwort gab , Ihr seiet der Aspermeier . An demselben Tage forschte ich auch in weiterer Entfernung , ohne etwas Genaues zu erfahren . Später habe ich nie mehr gefragt . « » Und warum habt Ihr denn nie gefragt ? « » Ihr habt Euch mir nicht genannt ; daraus schloß ich , daß Ihr nicht für nötig hieltet , mir Euren Namen zu sagen , und daraus zog ich für mich die Maßregel , daß ich Euch nicht fragen dürfe , und wenn ich Euch nicht fragen durfte , durfte ich es auch einen andern nicht . « » Man nennt mich hier in der ganzen Gegend den Asperherrn , « antwortete er , » weil es bei uns gebräuchlich ist , den Besitzer eines Gutes nach dem Gute , nicht nach seiner Familie zu benennen . Jener Name erbt in Hinsicht aller Besitzer bei dem Volke fort , dieser ändert sich bei einer Änderung des Besitzstandes , und da müßte das Volk stets wieder einen neuen Namen erlernen , wozu es viel zu beharrend ist . Einige Landleute nennen mich auch den Aspermeier , wie mein Vorgänger geheißen hat . « » Ich habe einmal zufällig Euren richtigen Namen nennen gehört « , sagte ich . » Ihr werdet dann auch wissen , daß ich in Staatsdiensten gestanden bin « , erwiderte er . » Ich weiß es « , sagte ich . » Ich war für dieselben nicht geeignet « , antwortete er . » Dann sagt Ihr etwas , dem alle Leute , die ich bisher über Euch gehört habe , widersprechen . Sie loben Eure Staatslaufbahn insgesamt « , erwiderte ich . » Sie sehen vielleicht auf einige einzelne Ergebnisse , « antwortete er , » aber sie wissen nicht , mit welchem Ungemache des Entstehens diese aus meinem Herzen gekommen sind . Sie können auch nicht wissen , wie die Ergebnisse geworden wären , wenn ein anderer von gleicher Begabung , aber von größerer Gemütseignung für den Staatsdienst , oder wenn gar einer von auch noch größerer Begabung sie gefördert hätte . « » Das kann man von jedem Dinge Sagen « , erwiderte ich . » Man kann es , « antwortete er , » dann soll man aber das , was nicht gerade mißlungen ist , auch nicht sogleich loben . Hört mich an . Der Staatsdienst oder der Dienst des allgemeinen Wesens überhaupt , wie er sich bis heute entwickelt hat , umfaßt eine große Zahl von Personen . Zu diesem Dienste wird auch von den Gesetzen eine gewisse Ausbildung und ein gewisser Stufengang in Erlangung dieser Ausbildung gefordert , und muß gefordert werden . Je nachdem nun die Hoffnung vorhanden ist , daß einer nach Vollendung der geforderten Ausbildung und ihres Stufenganges sogleich im Staatsdienste Beschäftigung finden , und daß er in einer entsprechenden Zeit in jene höheren Stellen empor rücken werde , welche einer Familie einen anständigen Unterhalt gewähren , widmen sich mehr oder wenigere Jünglinge der Staatslaufbahn . Aus der Zahl derer , welche mit gutem Erfolge den vorgeschriebenen Bildungsweg zurückgelegt haben , wählt der Staat seine Diener , und muß sie im ganzen daraus wählen . Es ist wohl kein Zweifel , daß auch außerhalb dieses Kreises Männer von Begabung für den Staatsdienst sind , von großer Begabung , ja von außerordentlicher Begabung ; aber der Staat kann sie , jene ungewöhnlichen Fälle abgerechnet , wo ihre Begabung durch besondere Zufälle zur Erscheinung gelangt und mit dem Staate in Wechselwirkung gerät , nicht wählen , weil er sie nicht kennt , und weil das Wählen ohne nähere Kenntnis und ohne die vorliegende Gewähr der erlangten vorgeschriebenen Ausbildung Gefahr drohte und Verwirrung und Mißleitung in die Geschäfte bringen könnte . Wie nun diejenigen , welche die Vorbereitungsjahre zurückgelegt haben , beschaffen sind , so muß sie der Staat nehmen . Oft sind selbst große Begabungen in größerer Zahl darunter , oft sind sie in geringerer , oft ist im Durchschnitte nur Gewöhnlichkeit vorhanden . Auf diese Beschaffenheit seines Personenstoffes mußte nun der Staat die Einrichtung seines Dienstes gründen . Der Sachstoff dieses Dienstes mußte eine Fassung bekommen , die es möglich macht , daß die zur Erreichung des Staatszweckes nötigen Geschäfte fortgehen und keinen Abbruch und keine wesentliche Schwächung erleiden , wenn bessere oder geringere einzelne Kräfte abwechselnd auf die einzelnen Stellen gelangen , in denen sie tätig sind . Ich könnte ein Beispiel gebrauchen und sagen , jene Uhr wäre die vortrefflichste , welche so gebaut wäre , daß sie richtig ginge , wenn auch ihre Teile verändert würden , schlechtere an die Stelle besserer , bessere an die Stelle schlechterer kämen . Aber eine solche Uhr dürfte kaum möglich sein . Der Staatsdienst mußte sich aber so möglich machen , oder sich nach der Entwicklung , die er heute erlangt hat , aufgeben . Es ist nun einleuchtend , daß die Fassung des Dienstes eine strenge sein muß , daß es nicht erlaubt sein könne , daß ein Einzelner den Dienstesinhalt in einer andern Fassung als in der vorgeschriebenen anstrebe , ja daß sogar mit Rücksicht auf die Zusammenhaltung des Ganzen ein Einzelnes minder gut verrichtet werden muß , als man es von seinem Standpunkte allein betrachtet tun könnte . Die Eignung zum Staatsdienste von Seite des Gemütes , abgesehen von den andern Fähigkeiten , besteht nun auch in wesentlichen Teilen darin , daß man entweder das Einzelne mit Eifer zu tun im Stande ist , ohne dessen Zusammenhang mit dem großen Ganzen zu kennen , oder daß man Scharfsinn genug hat , den Zusammenhang des Einzelnen mit dem Ganzen zum Wohle und Zwecke des Allgemeinen einzusehen , und daß man dann dieses Einzelne mit Lust und Begeisterung vollführt . Das letztere tut der eigentliche Staatsmann , das erste der sogenannte gute Staatsdiener . Ich war keins von beiden . Ich hatte von Kindheit an , freilich ohne es damals oder in den Jugendjahren zu wissen , zwei Eigenschaften , die dem Gesagten geradezu entgegen standen . Ich war erstens gerne der Herr meiner Handlungen . Ich entwarf gerne das Bild dessen , was ich tun sollte , selbst , und vollführte es auch gerne mit meiner alleinigen Kraft . Daraus folgte , daß ich schon als Kind , wie meine Mutter erzählte , eine Speise , ein Spielzeug und dergleichen lieber nahm , als mir geben ließ , daß ich gegen Hilfe widerspänstig war , daß man mich als Knaben und Jüngling ungehorsam und eigensinnig nannte , und daß man in meinen Männerjahren mir Starrsinn vorwarf . Das hinderte aber nicht , daß ich dort , wo mir ein Fremdes durch Gründe und hohe Triebfedern unterstützt gegeben wurde , dasselbe als mein Eigenes aufnahm und mit der tiefsten Begeisterung durchführte . Das habe ich einmal in meinem Leben gegen meine stärkste Neigung , die ich hatte , getan , um der Ehre und der Pflicht zu genügen . Ich werde es Euch später erzählen . Daraus folgt , daß ich eigensinnig in der Bedeutung des Wortes , wie man es gewöhnlich nimmt , nicht gewesen bin , und es auch im Alter , in dem man überhaupt immer milder wird , gewiß nicht bin . Eine zweite Eigenschaft von mir war , daß ich sehr gerne die Erfolge meiner Handlungen abgesondert von jedem Fremdartigen vor mir haben wollte , um klar den Zusammenhang des Gewollten und Gewirkten überschauen und mein Tun für die Zukunft regeln zu können . Eine Handlung , die nur gesetzt wird , um einer Vorschrift zu genügen oder eine Fassung zu vollenden , konnte mir Pein erregen . Daraus folgte , daß ich Taten , deren letzter Zweck ferne lag oder mir nicht deutlich war , nur lässig zu vollführen geneigt war , während ich Handlungen , wenn ihr Ziel auch sehr schwer und nur durch viele Mittelglieder zu erreichen war , mit Eifer und Lust zu Ende führte , sobald ich mir nur den Hauptzweck und die Mittelzwecke deutlich machen und mir aneignen konnte . Im ersten Falle vermochte ich es mir nur durch die Vorstellung , daß der Zweck , wenn auch dunkel , doch ein hoher sei , abzuringen , daß ich mit aller Kraft an das Werk ging , wobei ich aber immer zum Eilen geneigt war , weshalb man mich auch ungeduldig schalt : im zweiten Falle gingen die Kräfte von selber an das Werk , und es wurde mit der größten Ausdauer und mit Verwendung aller gegebenen Zeit zu Stande gebracht , weshalb man mich auch wieder hartnäckig nannte . Ihr werdet in diesem Hause Dinge gesehen haben , aus denen Euch klar geworden ist , daß ich Zwecke auch mit großer Geduld verfolgen kann . Sonderbar ist es überhaupt , und dürfte von größerer Bedeutung sein , als man ahnt , daß mit dem zunehmenden Alter die Weitaussichtigkeit der Pläne wächst , man denkt an Dinge , die unabsehliche Strecken jenseits alles Lebenszieles liegen , was man in der Jugend nicht tut , und das Alter setzt mehr Bäume und baut mehr Häuser als die Jugend . Ihr seht , daß mir zwei Hauptdinge zum Staatsdiener fehlen , das Geschick zum Gehorchen , was eine Grundbedingung jeder Gliederung von Personen und Sachen ist , und das Geschick zu einer tätigen Einreibung in ein Ganzes und kräftiger Arbeit für Zwecke , die außer dem Gesichtskreise liegen , was nicht minder eine Grundbedingung für jede Gliederung ist . Ich wollte immer am Grundsätzlichen ändern und die Pfeiler verbessern , statt in einem Gegebenen nach Kräften vorzugehen , ich wollte die Zwecke allein entwerfen , und wollte jede Sache so tun , wie sie für sich am besten ist , ohne auf das Ganze zu sehen , und ohne zu beachten , ob nicht durch mein Vorgehen anderswo eine Lücke gerissen werde , die mehr schadet , als mein Erfolg nützt . Ich wurde , da ich noch kaum mehr als ein Knabe war , in meine Laufbahn geführt , ohne daß ich sie und mich kannte , und ich ging in derselben fort , so weit ich konnte , weil ich einmal in ihr war , und mich schämte , meine Pflicht nicht zu tun . Wenn einiges Gute durch mich zu Stande kam , so rührt es daher , daß ich einerseits in Betrachtung meines Amtes und seiner Gebote meinen Kräften eine mögliche Tätigkeit abrang , und daß andererseits die Zeitereignisse solche Aufgaben herbei führten , bei denen ich die Pläne des Handelns entwerfen und selber durchführen konnte . Wie tief aber mein Wesen litt , wenn ich in Arten des Handelns , die seiner Natur entgegengesetzt sind , begriffen war , das kann ich Euch jetzt kaum ausdrücken , noch wäre ich damals im Stande gewesen , es auszudrücken . Mir fiel in jener Zeit immer und unabweislich die Vergleichung ein , wenn etwas , das Flossen hat , fliegen , und etwas , das Flügel hat , schwimmen muß . Ich legte deshalb in einem gewissen Lebensalter meine Ämter nieder . Wenn Ihr fragt , ob es denn notwendig sei , daß sich in der Gliederung des Staatsdienstes eine so große Anzahl von Personen befinde , und ob man nicht einen Teil der allgemeinen Geschäfte , wie sie jetzt sind , zu besondern Geschäften machen und sie besondern Körperschaften oder Personen , die sie hauptsächlich angehen , überlassen könnte , wodurch eine größere Übersichtlichkeit in den Staatsdienst käme , und wodurch es möglich würde , daß sich hervorragende Begabungen mehr im Entwerfen und Vollführen von Plänen zu allgemeinem Besten geltend machen könnten : so antworte ich : diese Frage ist allerdings eine wichtige und ihre richtige Beantwortung von der größten Bedeutung ; aber eben die richtige Beantwortung in allen ihren Einzelnheiten dürfte eine der schwersten Aufgaben sein , und ich getraue mir nicht , von mir zu behaupten , daß ich diese richtige Beantwortung zu geben im Stande wäre . Auch liegt dieser Gegenstand unserem heutigen Gespräche zu ferne , und wir können ein anderes Mal von ihm reden , so weit wir im Urteile über ihn zu kommen vermögen . Das ist gewiß : wenn auch im gegenwärtigen Staatsdienste Veränderungen notwendig sein sollten , und wenn die Veränderungen in dem früher angeführten Sinne vor sich gehen werden , so hat der gegenwärtige Zustand doch in den allgemeinen Umwandlungen , denen der Staat so wie jedes menschliche Ding und die Erde selbst unterworfen ist , sein Recht , er ist ein Glied der Kette und wird seinem Nachfolger so weichen , wie er selber aus seinem Vorläufer hervor gegangen ist . Wir haben schon vielmal über Lebensberuf gesprochen , und daß es so schwer ist , seine Kräfte zu einer Zeit zu kennen , in welcher man ihnen ihre Richtung vorzeichnen , das heißt , einen Lebensweg wählen muß . Wir hatten bei unsern Gesprächen hauptsächlich die Kunst im Auge , aber auch von jeder andern Lebensbeschäftigung gilt dasselbe . Selten sind die Kräfte so groß , daß sie sich der Betrachtung aufdrängen und die Angehörigen eines jungen Menschen zur Ergreifung des rechten Gegenstandes für ihn führen , oder daß sie selber mit großer Gewalt ihren Gegenstand ergreifen . Ich hatte außer den Eigenschaften meines Geistes , die ich Euch eben darlegte , noch eine besondere , deren Wesenheit ich erst sehr spät erkannte . Von Kindheit an hatte ich einen Trieb zur Hervorbringung von Dingen , die sinnlich wahrnehmbar sind . Bloße Beziehungen und Verhältnisse sowie die Abziehung von Begriffen hatten für mich wenig Wert , ich konnte sie in die Versammlung der Wesen meines Hauptes nicht einreihen . Da ich noch klein war , legte ich allerlei Dinge an einander und gab dem so Entstandenen den Namen einer Ortschaft , den ich etwa zufällig öfter gehört hatte , oder ich bog eine Gerte , einen Blumenstengel und dergleichen zu einer Gestalt und gab ihr einen Namen , oder ich machte aus einem Fleckchen Tuch den Vetter , die Muhme ; ja sogar jenen abgezogenen Begriffen und Verhältnissen , von denen ich sprach , gab ich Gestalten , und konnte sie mir merken . So erinnere ich mich noch jetzt , daß ich als Kind öfter das Wort Kriegswerbung hörte . Wir bekamen damals einen neuen Ahorntisch , dessen Plattenteile durch dunkelfarbige Holzkeile an einander gehalten wurden . Der Querschnitt dieser Keile kam als eine dunkle Gestalt an der Dicke der Platte quer über die Fuge zum Vorscheine , und diese Gestalt hieß ich die Kriegswerbung . Diese sinnliche Regung , die wohl alle Kinder haben , wurde bei mir , da ich heran wuchs , immer deutlicher und stärker . Ich hatte Freude an allem , was als Wahrnehmbares hervorgebracht wurde , an dem Keimen des ersten Gräsleins , an dem Knospen der Gesträuche , an dem Blühen der Gewächse , an dem ersten Reife , der ersten Schneeflocke , an dem Sausen des Windes , dem Rauschen des Regens , ja an dem Blitze und Donner , obwohl ich beide fürchtete . Ich ging zusehen , wenn die Zimmerleute Holz aushauten , wenn eine Hütte gezimmert , ein Brett angenagelt wurde . Ja die Worte , die einen Gegenstand sinnlich vorstellbar bezeichneten , waren mir weit lieber als die , welche ihn nur allgemein angaben . So zum Beispiele traf es mich viel mächtiger , wenn jemand sagte : der Graf reitet auf dem Schecken , als : er reitet auf einem Pferde . Ich zeichnete mit einem Rotstifte Hirsche , Reiter , Hunde , Blumen , mit Vorliebe aber Städte , von denen ich ganz wunderbare Gestalten zusammensetzte . Ich machte aus feuchtem Lehm Paläste , aus Holzrinde Altäre und Kirchen . Ich nenne diesen Trieb Schaffungslust . Er ist bei vielen Menschen mehr oder minder vorhanden . Eine noch größere Zahl aber hat die Bewahrungslust , von der der Geiz eine häßliche Abart ist . Selbst in späteren Jahren trat diese Lust nicht zurück . Da ich einmal an unserem schönen Strome zu wohnen kam , und im ersten Winter zum ersten Male das Treibeis sah , konnte ich mich nicht satt sehen an dem Entstehen desselben und an dem gegenseitigen Anstoßen und Abreiben der mehr oder minder runden Kuchen . Selbst in den nächst folgenden Wintern stand ich oft stundenlange an dem Ufer und sah den Eisbildungen zu , besonders der Entstehung des Standeises . Das , was vielen so unangenehm ist , das Verlassen einer Wohnung und das Beziehen einer andern , machte mir Lust . Mich freute das Einpacken , das Auspacken und die Instandesetzung der neuen Räume . In den Jünglingsjahren trat eine weitere Seite dieses Triebes hervor . Ich liebte nicht bloß Gestalten , sondern ich liebte schöne Gestalten . Dies war wohl auch schon in dem Kindertriebe vorhanden . Rote Farben , sternartige oder vielverschlungene Dinge sprachen mich mehr an als andere . Es kam aber diese Eigenschaft damals weniger zum Bewußtsein . Als Jüngling begehrte ich die Gestalten , wie sie als Körper aus der Bildhauerei und Baukunst hervor gehen , als Flächen , Linien und Farben aus der Malerei , als Folge der Gefühle in der Musik , der menschlich sittlichen und der irdisch merkwürdigen Zustände in der Dichtkunst . Ich gab mich diesen Gestalten mit Wärme hin , und verlangte Gebilde , die ihnen ähnlich sind , im Leben . Felsen , Berge , Wolken , Bäume , die ihnen glichen , liebte ich , die entgegengesetzten verachtete ich . Menschen , menschliche Handlungen und Verhältnisse , die ihnen entsprachen , zogen mich an , die andern stießen mich ab . Es war , ich