einen halben Schritt näher zu dem schönen Mädchen hin und flüsterte ihr etwas auf sehr verbindliche Weise zu . Sie machte eine leichte Verbeugung , vermittelst welcher sie aber um einen ganzen Schritt zurückwich . Der Herzog entfernte sich und der Graf athmete tief auf . » Und doch ist die Sache nicht ohne allen Grund , « sprach er nach einer Pause ergrimmt zu sich selber . » Wenigstens von seiner Seite nicht . Teufel ! da gilt es , aufzupassen ! Wenn man sich nur wenigstens der Gruppe auch nähern dürfte ! Aber Ihre Majestät und die Frau Herzogin scheinen wahrhaftig gerade auf diese Stelle des Saales wie verpicht zu sein . - Ah ! jetzt machen sie ihre Komplimente ! - Die Damen verneigen sich ; Gott sei Dank ! - Aber auch Eugenie muß folgen . Weiß Gott im Himmel , ich habe heute kein Glück ; war es mir doch nicht möglich , auch nur eine einzige Silbe vor oder nach der Tafel an sie zu richten . - Doch halt ! - sie bleibt an der Thüre stehen . Ah ! wenn sie sich umschaut ! - Vielleicht nach dem Herzog ; doch wenn sie es thut , so werde ich es augenblicklich sehen . « Der Herzog stand auf der andern Seite des Saales , und also war es in der That nicht zu verkennen , wohin sich ihre Blicke richten würden . - Jetzt trat sie unter die Thüre , in der langen , glänzenden Reihe die Letzte und Schönste . - Ah ! sie blieb wirklich einen Augenblick unter der Thüre stehen , sie wandte wirklich den schönen Kopf rückwärts und blickte nach der Seite hin , wo der Herzog stand , aber dieser Blick war flüchtig wie ein Blitz , und sie wandte ihn alsbald wieder fort und ließ ihn unverkennbar durch den ganzen Saal gleiten . Suchte sie etwas mit ihren Augen ? O , wenn sie ihn suchte ! - Wie schlug sein Herz ! Er konnte unmöglich ruhig in seinem Verstecke hinter dem Vorhange stehen bleiben , er mußte aus demselben heraustreten , und als er das rasch that , glitt ihm der Säbel aus der Hand und stieß klirrend auf den Parketboden . - Gott im Himmel ! flog nicht in diesem Augenblicke ein leichtes Lächeln über ihre Züge ? - O Glück ! o Seligkeit ! Neigte sie nicht leicht das Haupt gegen ihn , ehe sie durch die Thüre verschwand ? - Er hätte darauf schwören können , daß sie es gethan . Doch dies Glück wäre zu groß gewesen ; er durfte nicht leichtsinniger Weise daran glauben . - Aber etwas Anderes war nicht wegzustreiten , was in diesem Augenblicke geschah : Eugenie ließ nämlich , auf jeden Fall ganz absichtslos , ihr Battistsacktuch auf der Thürschwelle fallen , wobei es in der That komisch anzusehen war , wie im gleichen Moment sämmtliche noch anwesende Offiziere und Herren vom Hofe sich mit einer wahren Wuth darauf stürzten . Wir brauchen wohl dem geneigten Leser nicht zu versichern , daß Graf Fohrbach eher sein Leben als das Taschentuch in andern Händen gelassen hätte ; er hob es im gleichen Augenblicke auf , als der Herzog neben ihm ankam . Dieser streckte die Hand gegen den Adjutanten aus , als wünschte er das Taschentuch ausgeliefert zu erhalten . » Es gehört wohl nicht Euer Durchlaucht ? « fragte Graf Fohrbach . - » Ich werde mir schon erlauben dürfen , es dem Fräulein nachzubringen . « » Versteht sich von selbst ! « entgegnete höhnisch lachend der Herzog , indem er einen Schritt zurücktrat . » Dem Sieger gehört der Dank , und den will ich Ihnen nicht streitig machen . « Wäre der arme Graf nur Hofmann gewesen , so würde er das Tuch respektvollst dem Herzog zugestellt und sich mit dessen Erkenntlichkeit begnügt haben . - So aber war er verliebt und - eifersüchtig , weßhalb er denn auch nur eine flüchtige Verbeugung machte und eilig durch die Zimmerreihe davon schoß . Das Ehrenfräulein hatte schon mehrere Thüren hinter sich , und war gerade im Begriff , das Vestibül zu betreten , wo die Treppe zu ihren Apartements mündete , als sie vernahm , daß Jemand mit klirrenden Schritten ihr eiligen Laufes folge . Sie wandte den Kopf zurück , und als sie sah , daß es Graf Fohrbach sei , der ein weißes Tuch in der Hand hielt , schien sie erst ihren Verlust zu bemerken und machte ein paar Schritte gegen den glücklichen Finder . Dieser , so nahe am Ziele , wo er den für ihn so köstlichen Fund wieder abgeben mußte , konnte sich nicht enthalten , ehe er das that , das seine Tuch sanft an seine Lippen zu drücken , worauf er eine Verneigung machte , die mit einer halben Kniebeugung sehr viel Ähnlichkeit hatte . » Ah ! ich danke Ihnen , Herr Graf ! « sagte das schöne Mädchen , während sie das Tuch in Empfang nahm . » Ich habe meinen Verlust jetzt erst bemerkt , und freue mich in der That , daß gerade Sie der Finder sind . « » Gewiß , ein glücklicher Zufall für mich , Fräulein Eugenie , « erwiderte er ; » denn er verschafft mir das bis jetzt schmerzlich entbehrte Glück , mich Ihnen einen Augenblick nähern , Ihnen zwei Worte sagen zu dürfen . « » Richtig , Sie sind im Dienst , « sprach sie lächelnd . » Weßhalb es mir um so weniger erlaubt ist , mich unaufgefordert dem hohen Kreise zu nähern , wo Sie als Königin glänzen . « » Ei , ei ! Herr Graf ! « antwortete sie mit einem Lächeln , das gleich darauf wieder verschwand , als sie rings um sich schaute ; » solche Unwahrheiten darf man hier nicht hören . « » Leider ! leider ! « versetzte er hastig . » Sie haben Recht , Eugenie ; man muß sich hier in diesen Mauern mit seinen Worten sehr in Acht nehmen ; man darf nur denken . Und das erlauben auch Sie mir , gestrengste aller Damen ? « » Da müßte ich vor allen Dingen erst wissen , was Sie denken . « » O , ich denke nur « - an Sie ! wollte er leidenschaftlich ausrufen , doch schloß er diesen Satz anders , indem er sagte : » Ich dachte , ob Sie vielleicht vorhin im Saale meine ehrerbietige Begrüßung bemerkten ? « » Als Sie so plötzlich aus der Fensternische hervortraten ? « - » Also Sie haben mich bemerkt , mein Fräulein ? « sprach er entzückt , denn er dachte , wenn sie mich gesehen , so galt mir auch jener leichte Gruß , - o Gott ! vielleicht sogar die kleine Verwirrung , die ich auf ihrem schönen Gesichte bemerkt . » Diese Fensternische ist ein artiger Winkel zum Beobachten , « antwortete sie , seiner Frage ausweichend . » O , ich habe auch dort beobachtet ! « » Das müssen Sie mir ein andermal erzählen , « sagte sie mit einem liebenswürdigen Lächeln . - » Recht bald , vielleicht heute Abend noch . - Sie kommen doch zu S. ? « » Gewiß werde ich kommen , Fräulein Eugenie , gewiß ! O ich freue mich wie ein Kind darauf ! - Und Sie ? « - Er betrachtete sie mit flammendem Blick und erwartete angstvoll ihre Antwort . » Auch ich gehe gerne zu S. , « erwiderte das schöne Mädchen und schlug absichtslos die Augen nieder . Gewiß ohne weitere Absicht , als um ihr Bracelett zu betrachten , daß sie an ihrem runden weißen Arm ein klein wenig drehte . » Namentlich heute Abend gehe ich gerne hin , weil wir , wie ich höre , ganz unter uns sind . « In diesem Augenblick vernahm man Tritte im Nebensaal , weßhalb Eugenie dem Grafen einen flüchtigen Gruß sagte , in das Vestibül hinaus trat und dort zwischen den Säulen verschwand . Es war gut , daß sie ging , denn der entzückte und glückliche junge Mann war nahe daran , vollkommen den Kopf zu verlieren und dem Ehrenfräulein Ihrer Majestät hier bei offener Thüre eine Liebeserklärung zu machen , wozu er auch in der That den Zeitpunkt nicht hätte schlechter wählen können . Denn kaum war Eugenie verschwunden , so kam der Herzog , gefolgt von einigen Offizieren , lachend und plaudernd daher . » Aha ! unser Ritter ! « sagte er . - » Haben Sie Ihre Dame noch erreicht ? - Gewiß , Sie haben , denn ich sehe das Siegespfand nicht mehr in Ihrer Hand ! « Der Adjutant war zu glücklich , um diese sonderbare Anrede in deren höhnischem Ton das Verletzende lag , gebührend zu erwidern . Auch war es ja ein Prinz des Hauses , der sich einen gnädigen Scherz mit ihm erlaubte , weßhalb er sich begnügte , Seiner Durchlaucht mit einer höflichen Verbeugung zu antworten : » Ich hatte in der That das Vergnügen , Fräulein von S. das verlorene Tuch zu übergeben . « » Diese Adjutanten Seiner Majestät sind doch in Wahrheit bevorzugte Leute , « mischte sich ein Dragoner-Offizier in das Gespräch , augenscheinlich in der Absicht , um dem Herrn Herzog Stoff zur Fortsetzung eines so pikanten Gesprächs zu geben . Wogegen Graf Fohrbach trotz seiner guten Stimmung durchaus nicht geneigt schien , einem Anderen auch nur die leiseste Idee eines Scherzes über sich zu erlauben , denn er sagte ziemlich ernst und mit festem Blick : » Dürfte ich wohl um eine kleine Erläuterung Ihrer nicht ganz klaren Aeußerung bitten , Herr von Werthen ? « » Nun das liegt doch auf der Hand , « nahm der Herzog das Wort . » Werthen meint , es sei doch eine recht angenehme Beschäftigung für einen Adjutanten Seiner Majestät , den Ehrenfräuleins die Schnupftücher nachzutragen . « » Meint Herr von Werthen das wirklich ? « fragte der Graf mit einer seltsam klingenden Stimme . » Nein , nein , nicht so ganz ! « antwortete der Dragoner-Offizier mit einem verlegenen Lachen . » Seine Durchlaucht haben den Sinn meiner Worte nicht vollkommen richtig ausgelegt . « » Ja , sehen Sie , Herr von Werthen , « sagte der Adjutant nun ebenfalls lachend , wobei jedoch seine Mundwinkel leicht zuckten , » das kann Einem schon widerfahren , wenn man sich unberufen in anderer Leute Gespräch mischt . - Würden Sie dann jetzt wohl selbst die Freundlichkeit haben , mir den Sinn Ihrer Worte zu erklären ? « » Ah ! lassen Sie es gut sein , Werthen ! « rief der Herzog . » Das sieht ja aus wie eine kleine Neckerei . Auch dürfen wir die Zeit des Herrn Grafen nicht so sehr in Anspruch nehmen : der Herr Graf sind ja im Dienst . Sie sehen - Schärpe und Cartouche . « » Euer Durchlaucht verzeihen , « erwiderte ruhig der Graf , während er sich hoch aufrichtete und jedem Einzelnen , den Herzog nicht ausgenommen , fest in die Augen blickte , » mein Dienst ist nach der Tafel zu Ende und ich habe die vollkommenste Zeit für jeden dieser Herren . « - Die letzten Worte sprach er mit scharfer Betonung . Dann fuhr er mit einer gefälligen Handbewegung fort : » Ich bitte also , Herr von Werthen ! « » Nun ja , bester Graf Fohrbach , « entgegnete dieser , indem er sich , einigermaßer in Verwirrung gebracht , hin und her wandte und drehte ; » ich wollte in der That nur so viel sagen , als es sei doch recht angenehm , - und es sei wirklich ein bevorzugter Dienst , der Einem zugleich gestatte , einer so hochverehrten jungen Dame , wie Fräulein Eugenie von S. ist , das Schnupftuch aufheben zu dürfen . « » Ah so ! « erwiderte nach einem tiefen Athemzuge lächelnd der Adjutant , dem der höhnische Blick des Herzogs , mit welchem ihn dieser fortwährend beschaute , das Blut gewaltsam nach dem Kopfe trieb , ohne ihn jedoch glücklicher Weise vergessen zu lassen , wen er vor sich habe und wo er sich befinde . - » Ah so ! also Sie betrachten das Schnupftuchaufheben nur als eine angenehme Nebenzugabe ? Das kann ich mir schon gefallen lassen . Und daß das mit dem Dienst eigentlich nichts zu thun hat ; - sonst wäre es ja sehr leicht , Adjutant Seiner Majestät zu werden , denn Schnupftücher aufheben können Viele , Herr von Werthen . Aber in die Umgebung Seiner Majestät werden nur Wenige gezogen . - Nein , nein ! « setzte er lachend hinzu , indem er die Hand des einigermaßen erstaunten Offiziers ergriff und sie freundlich schüttelte , » ich hatte Sie mißverstanden , Herr von Werthen . Stellen Sie sich aber in meine Lage , oder nehmen Sie an , man sagte zu Ihnen : ein Schnupftuch graziös aufheben zu können sei genug , um zum Beispiel in das Gardedragoner-Regiment eintreten zu können ; das würden Sie ja auch übel nehmen , mein lieber Herr von Werthen , da Sie doch fest überzeugt sind , daß auch noch andere Sachen dazu gehören , um Adjutant Seiner Majestät oder um Offizier in einem Gardedragoner-Regiment zu werden . « Wir wollen gerade nicht behaupten , daß diese Aeußerung des Grafen vor den Umstehenden , namentlich vor dem Herzoge , sehr klug gewesen sei , und sie war vielleicht nur insofern verzeihlich , als er in Letzterem einen , wenn auch nicht gefährlichen , doch zudringlichen und kecken Nebenbuhler sah . Seine Durchlaucht biß sich denn auch heftig auf die Lippen und erblaßte etwas Weniges , faßte sich aber im nächsten Moment wieder , und versuchte ein Lächeln , welches man aber als sehr mißlungen betrachten konnte . Besser gelang ihm eine ziemlich hochmüthige Verbeugung , als er im Weggehen sagte : » Nun sind Sie also Wohl ebenso zufrieden gestellt , Werthen , wie der Herr Graf Fohrbach ? - Wenn dem so ist , so können wir für heute diese Unterredung abbrechen ; ein andermal vielleicht findet sich eine bessere Gelegenheit , dieselbe fortzusetzen . « Damit eilte er hinweg und seine Begleitung folgte ihm . Der Adjutant blickte ihnen eine Weile nach , dann nahm er seinen Säbel unter den Arm und ging durch die noch immer glänzend erleuchteten Zimmer zurück nach dem Speisesaal , während er vor sich hin murmelte : » Es thut auf die Länge der Zeit nicht gut , daß man diesem hohen Herrn in einigermaßen abhängiger Stellung wie ich heute hier im Schlosse zu begegnen gezwungen ist . Wäre er mir so an drittem Orte gekommen , ich hätte ihm einige passende Worte weiter gesagt , und bin überzeugt , Seine Majestät hätte mir das gar nicht übel genommen . - Doch denken wir nicht mehr daran ! Mein Wagen wird unten auf mich warten ; für heute gute Nacht , Herrendienst ! Wenn ich dann in der Ecke meines Coupé ' s sitze , so bin ich wieder , Gott sei Dank ! ein freier Mann . - Und dann wird Eugenie heute Abend hoffentlich das Gespräch mit mir fortsetzen , um auf meine Fragen von vorhin zu antworten . - Die Majorin ist eine kluge Frau , wer weiß , im Laufe dieses Abends werde ich vielleicht noch unsäglich glücklich werden . « So dachte der dienstthuende Adjutant Seiner Majestät und schritt mit wahrhaft seligen Gefühlen im Herzen durch den Speisesaal , wo die Lakaien eifrigst beschäftigt waren , das Tafelgeräthe hinweg zu räumen . Die Lampen an den großen Lustres waren schon ausgelöscht , und nur auf einem Nebentische , der mit Kristall und Silber bedeckt war , brannten noch die Kerzen in einigen Armleuchtern ; die Thüren standen offen und die flackernden Lichter strahlten auf dem glänzenden Metall , und dem feingeschliffenen Service in einer Menge buntfarbiger Blitze und feuriger Punkte wieder . Als der Graf vorüber ging , hustete einer der Lakaien bedeutungsvoll und sagte zu dem Tafeldecker : » Dort kommt Seine Erlaucht . « Worauf dieser sich umwandte , dem Adjutanten ehrerbietigst sich näherte und ihm leise zuflüsterte : » Seine Excellenz , der Herr Hofmarschall , haben schon einige Mal nach Euer Erlaucht gefragt und werden im Augenblick wieder hieher zurückkommen . « » Was gibt ' s denn ? « fragte Graf Fohrbach ärgerlich . » Was will man von mir ? Es ist doch heute Abend hier nichts mehr zu thun , denn Seine Majestät sind wahrscheinlich in ' s Theater . « » So ist es , « entgegnete händereibend der Tafeldecker . » Nun denn ? « » Ihre Majestät und die Frau Herzogin befahlen eine Whistpartie . « » Dabei habe ich doch nichts zu thun ? « fragte er so erschrocken , daß der gewandte Hofbediente unwillkürlich lächeln mußte , und entgegnete : » Ich glaube nicht , Euer Erlaucht , denn Seine Excellenz , der Herr Hofmarschall , sowie der Herr Herzog werden von der Partie sein . - Doch da kommt seine Excellenz . « Wirklich erschien auch der Hofmarschall in diesem Augenblicke unter der Thüre des Speisesaals , blickte mit vorgehaltener Hand in diesen hinein , und als er den Offizier entdeckte , rief er vergnügt aus : » Ah ! da sind Sie ja ! Ich habe Sie lange gesucht . « - Bei diesen Worten nahm er ihn unter den Arm und zog ihn mit sich fort in den Korridor . Dem Grafen , der den Hof genau kannte , ahnte nichts Gutes , denn er wußte wohl , daß Seine Excellenz nicht so ohne weitere Ursache nach ihm fragen würde . - Vielleicht ein Auftrag Seiner Majestät , dachte er sich selbst beruhigend , denn eine andere Idee , die ihn durchfuhr , wäre doch gar zu schrecklich gewesen . Die beiden Herren machten einige Schritte in dem halbdunklen Gange , ehe die Excellenz etwas sprach , und ehe der junge Mann den Muth hatte , eine Frage zu stellen . » Es ist mir in der That lieb , daß ich Sie gefunden habe , « sagte endlich der Hofmarschall sehr wichtig . » Sie wissen , ich protegire Sie , wo ich kann , und habe das auch heute Abend gethan . Sie sind im Glücke , Graf Fohrbach ; ich versichere Sie , Sie sind im Glück . « » Daß ich noch nicht wüßte , Excellenz ! « entgegnete der Andere mit beklommener Stimme . » Und ich wäre wahrhaftig begierig , das zu erfahren . « » Sogleich - sogleich ! - Ihre Majestät haben eine Partie Whist befohlen - « » Das weiß ich , « unterbrach ihn hastig der Adjutant . - » Die Frau Herzogin , Sie und der Herzog . « » So war es bestimmt , « versetzte lächelnd die Excellenz . » Doch hat sich der Herzog bei seiner Mutter entschuldigt . « » Großer Gott ! « dachte der Graf . » Nun hätte man allerdings den Obersthofmeister Ihrer Majestät zur Partie nehmen müssen , - aber sehen Sie , Graf Fohrbach , wie sehr ich Ihr Freund bin : ich habe Sie vorgeschlagen . « » Mich ? « rief der unglückliche junge Mann mit fast tonloser Stimme . » Sie , « wiederholte die Excellenz , indem sie stehen blieb und den Adjutanten vertraulich mit dem Finger auf die Brust stieß . » Sie , junger Mann ! Lernen Sie mich schätzen . « » Als meinen größten Feind , « dachte der Andere , » als meinen Verderber ! - Gerechter Himmel ! womit habe ich diese schreckliche Gnade verdient ? « » Jetzt kommen Sie aber , « fuhr der Hofmarschall eilig fort . » Es ist das keine Kleinigkeit , mein lieber Freund , zum intimen Spiel Ihrer Majestät gezogen zu werden . Ich bitte , das morgen Früh dem Papa zu sagen . Wissen Sie : manus manum lavat , sagt der Lateiner , und mein leichtsinniger Sprößling macht gerade sein Offizier-Examen . « » Daß er durchfiele ! « sprach der Adjutant grimmig zu sich selber , indem er die Zähne fest übereinanderbiß . » Daß er durchfiele , zehntausend Klaster tief in den Erdboden hinein , und die ganze Whistpartie ihm nach ! - Gott verzeih mir diesen schrecklichen Gedanken , aber das ist zu fürchterlich ! « - » Und wie lange wird die Partie dauern ? « fragte er nach einer längeren Pause ängstlich den Hofmarschall . Dieser nahm den Hut fest unter den Arm und erwiderte : » Was weiß ich ? Vielleicht bis Zehn , halb Elf , und dann haben wir ein ganz kleines , kleines Souper ; es wäre auch möglich , daß Seine Majestät noch auf einen Augenblick kommt . - Nun , freuen Sie sich doch ! « » O ich freue mich über alle Maßen ! « rief der tiefbetrübte Adjutant , dem allerlei schreckliche Gedanken im Kopfe umher liefen . - » Und wo ist denn der Herzog ? « fragte er ängstlich nach einer Pause . » Wo wird der sein ! « entgegnete die Excellenz , » wichtige Geschäfte , irgend eine verliebte Zusammenkunft oder so was . Der denkt ja an nichts Anderes ; macht vielleicht irgendwo eine Partie quarré . - Nun , unter uns gesagt , wäre mir das an seiner Stelle auch lieber , als mit Mama und Tante eine Partie Whist zu spielen . - Verstehen Sie : für ihn ; aber für uns ist das etwas ganz Anderes . Wissen Sie , Graf , morgen wird Sie der ganze Hof beneiden . - Aber hier ist das Adjutantenzimmer ; legen Sie Ihre Schärpe und Geschichten hinein und kommen gleich hinauf . - Keinen Dank weiter : ich habe das gern für Sie gethan . « » O ich danke Ihnen herzlich ! « seufzte der junge Mann , indem er die Hand des Andern ergriff und sie krampfhaft schüttelte . » Sie verschaffen mir einen wunderbar genußreichen Abend . « - Hol ' Sie der Teufel ! Das Letztere dachte er blos , oder wünschte vielmehr , daß dies schon vor einer halben Stunde geschehen wäre . In dem Adjutantenzimmer brannte ein einsames Licht , das in den Ecken des weitläufigen Gemachs tiefe Schatten liegen ließ . Der Graf schritt ingrimmig auf und ab , wie ein gefangener Löwe in seinem Käfig ; und gerade so war es ihm auch zu Muthe . - » Freiheit ! Freiheit ! « seufzte er . » Bin ich nicht gerade so , als hätten sie mir eine Kette an den Fuß geschlossen oder ein Gitter vor mir herabgelassen , und zeigten mir prächtige , entzückende Gegenden , die ich nicht zu erreichen vermag , weil ich hier eingesperrt bin wie ein wildes Thier oder wie ein elender Sklave ! - Ja , Sklaverei ist das rechte Wort ; und wenn die Ketten auch von Gold oder Silber sind , Ketten sind und bleiben sie doch einmal . - Und Sklaverei und Ketten in der schlimmsten Art ! Darf ich denn wohl daran rütteln ? - Darf ich wohl den Versuch machen , sie zu brechen ? - Darf ich auch nur eine betrübte Miene zeigen , daß ich diese Fesseln wirklich für Fesseln halte ? - Nein ! nein ! nein ! und zehntausendmal nein ! Ich muß ja lächeln unter diesem Hieb , den mir das harte Schicksal versetzt . - Ja , das ist ein grimmiger Hieb , und in meiner Lage habe ich wohl das Recht , vom harten Schicksal zu sprechen : dort ein geliebtes Mädchen , die - o Gott ! ich mag nicht daran denken ! - mit ihren schönen Augen vielleicht oftmals nach der Thüre blickt , durch welche ich nicht herein treten werde , dabei ein angefangenes , so süßes Gespräch im Herzen , das ich heute nicht fortsetzen kann . - Und die Frage , ob sie wirklich nach mir gesehen , ob sie mich gegrüßt ! Heute hätte ich um eine Antwort in sie dringen können . - Ach ! und es ist so süß , von der Geliebten eine Antwort zu erstehen , ihr eine Bejahung zu erschmeicheln . - Wenn ich aber morgen oder in einigen Tagen davon wieder anfangen will , so kann ich mich lächerlich machen . - Das Alles steht für mich auf dem Spiel . - Ah ! und noch viel mehr ! - Vielleicht das ganze Glück meines Lebens , denn wer weiß , ob ich sobald wieder eine ähnliche günstige Gelegenheit finde , mich gegen sie aussprechen zu können . - Verdammt ! - Nein , sage noch Jemand , irgend ein Mensch auf dieser Erde habe seinen freien Willen ! Das ist eine Lüge , kein Mensch ist frei ! Der Wille von Niemanden reicht über die nächste Minute hinaus , Jeder hat die Kette am Fuß , er fühlt sie nur zuweilen weniger , wenn nämlich das Schicksal nicht gerade Lust hat , dieselbe schärfer anzuziehen . « - Unter diesen anmuthigen Betrachtungen war der Graf an das uns bekannte Fenster getreten , stützte sich mit der Hand auf die Stuhllehne und starrte in den kleinen Hof hinaus . Dieser war jetzt bei Nacht wo möglich noch trostloser als bei Tage ; ein paar einsame Gaslaternen in den Ecken warfen einen zitternden und ungewissen Schein in einem kleinen Kreise um sich her , einen Schein , der sich ordentlich vor der Dunkelheit zu fürchten schien , denn dort draußen , wo er mit ihr in Berührung kam , zuckte er jeden Augenblick zaghaft zusammen , und wenn er sich auch zuweilen etwas weiter ausdehnte , so flog er doch gleich darauf wieder erschrocken zurück und räumte der finsteren Nacht das Feld . - Und diese finstere Nacht hatte sich so behaglich in dem Hofe niedergelassen : die hohen Mauern der angrenzenden Gebäude lagen fast ganz finster da ; nur hie und da sah man ein schwach beleuchtetes Fenster , oder es schimmerte ein Lichtstrahl durch die Ritze irgend eines Ladens . » Und ihre Fenster ! « dachte traurig der junge Mann , indem er die Scheibe neben dem Tisch , an welchem er stand , öffnete und sich hinaus lehnte , um sie zu betrachten . Man sah gar nichts von ihnen : Alles war eine einzige schwarzgraue Fläche ; - Alles , Alles war verschwunden , was er heute Nachmittag so liebend angeblickt ; verschwunden die Blumen dort oben , verschwunden auch die goldene Fahne auf dem Dach mit ihrem kleinen Sonnenstrahl , der ihm entgegen geglänzt wie eine süße Hoffnung . - » Und der Herzog ! « dachte er plötzlich und richtete sich hoch auf ; » was mag er vorhaben , daß er sich bei dem Spiel seiner Mutter entschuldigt ? - Auf jeden Fall etwas Wichtiges , sonst hätte er es nicht gethan . - Bah ! wer weiß , wo er herumschwärmt ! - Nein , nein , « sprach er ängstlich nach einer Pause zu sich selbst , » das ist nicht möglich ; das wäre ja schrecklich ! - Aber er sagte Eugenie einige leise Worte , er fragte sie etwas - sie antwortete ihm , und dann sah er wie verklärt aus . - Ah , Teufel ! - wenn da etwas dahinter steckte ! Wenn sie absichtlich mit mir so freundlich gewesen wäre , um allen Verdacht zu entfernen ! - Wenn man ein abgekartetes Spiel mit mir getrieben ! - Wenn der Herzog statt meiner hinginge ! - Aber nein , nein ! der Major wird und kann so etwas nicht dulden . - Dulden ! « wiederholte er darauf grimmig lachend ; » dulde ich nicht auch ? - Und ist er nicht eben so gut Sklave seiner Verhältnisse wie ich ? - Ich werde hier zum Spiel kommandirt , ihm wird dort befohlen , den Herzog freundlich zu empfangen . - Wenn ich alles das wirklich glauben könnte , « sagte er nach einer Weile mit ruhigerem Tone , » so stände ich wahrhaftig nicht für einige Unannehmlichkeiten , die mir heute Abend bei der allerhöchsten Whistpartei geschehen dürften . - Deßhalb nein , nein ! - nein ! - aller Welt zum Trotz ! « Da hörte er die Stimme eines Lakaien , der unten im Hofe laut und deutlich rief : » Der Wagen des Herrn Herzogs ! « - Darauf rollte eine Equipage mit dumpfem Tone unter das gewölbte Thor , der Schlag wurde geöffnet , der Tritt fiel herab ; es mußte Jemand eingestiegen sein , - jetzt dasselbe Geräusch beim Schließen des Wagens . Worauf die Stimme von vorhin abermals rief : » Nach dem Hause des Herrn Major v. S. « - Im gleichen Augenblicke öffnete einer der Kammerdiener die Thüre zum Adjutantenzimmer und sagte mit leisem angenehmem Flüstern : » Euer Erlaucht werden verzeihen - es schlagt soeben acht Uhr ; die allerhöchsten Herrschaften begeben sich in ' s Spielzimmer . « Siebenundfünfzigstes Kapitel . Die Spielmarken des Herzogs . Man spielte in den Apartements der Frau Herzogin . Das waren zierliche , elegant eingerichtete Gemächer , nicht von den übergroßen Dimensionen derer Ihrer Majestät , und deßhalb für eine kleine Gesellschaft angenehmer und behaglicher . Die Frau Herzogin liebte den Komfort und eine freundliche Umgebung . Deßhalb hatte sie aus ihren Zimmern die unvermeidlichen steifen Sopha ' s mit den dazu gehörigen zwölf Sesseln , ein gewöhnliches Ameublement der Schlösser , das an einer furchtbaren Familienähnlichkeit leidet , sowie die zopfigen Vasen , die allzu derben Tabourets und die Tische von Holz , Messing und Marmor entfernen lassen und dagegen ihre Einrichtung