die eine moralische Anschauung von allen Dingen zu verstärken . Durch diese Anschauung wurde er befähigt , schon im Beginn einer Bewegung nach ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken , die er auf sie zu setzen hatte , wie es einem besonnenen , freien Staats und Weltbürger geziemt . Es ist , nicht leider , sondern glücklicherweise , kein Gemeinplatz , sondern eine eiserne Wahrheit , daß in der Geschichte überall keine Hexerei , sondern das Sprüchlein ? Wie man ' s treibt , so geht ' s ! die lehrreichste Erklärung für alles ist . Der ruhige feste Gleichmut , welcher aus solcher Auffassung des Ganzen und Vergleichung des einzelnen hervorgeht , glücklich gemischt mit lebendigem Gefühl und Feuer für das nächst zu Ergreifende und Selbsterlebte , macht erst den guten und wohlgebildeten Weltbürger aus . Denn wenn er in diesen , in seinen eigenen Bestrebungen scheitert oder ein großes Mißlingen oder einen Untergang miterlebt , so gibt nur jene Ruhe ihm denjenigen Trost und Halt , ohne welchen kein selbstbewußtes menschliches Wesen denkbar ist und leben kann . Heinrich erwarb sich indessen nichts weniger als eine große Gelehrsamkeit oder gar die bloße Einbildung einer solchen ; lediglich schaute er sich um , von einem dringenden Instinkte getrieben , erhellte sein Bewußtsein von den Dingen , die da sind , gelehrt , gelernt und betrieben werden , und hatte an allem eine ungetrübte gleichmäßige Freude , ohne sich anzumaßen , sich selbst etwa hervortun zu wollen , oder sich für dies oder jenes selbsttätig entscheiden zu können . Alles , was gründlich und zweckmäßig betrieben wurde und echt menschlich war , erschien ihm jetzt gleich preiswürdig und wesentlich , und jeder schien ihm glücklich und beneidenswert , der , seinen Beruf recht begreifend , in Bewegung und Gesellschaft der Menschen , mit ihnen und für sie , unmittelbar wirken kann . Dies alles hatte die kleine Figur des borghesischen Fechters veranlaßt , und Heinrich trieb es wie etwa der Sohn eines wohlhabenden guten Hauses , welcher sich zu seiner Formierung im Auslande aufhält und einige allgemeine Studien treibt , von allem ein bißchen lernt , um dereinst einen wohlbestellten und unterrichteten Bürgersmann vorzustellen , welcher weiß , worum es sich handelt , und , ohne gelehrt zu sein , doch in manchem Falle , wo er nicht schon eine eigene Meinung hat , imstande ist , sich eine solche auf dem kürzesten Wege anzueignen . So verging die Zeit , und während Heinrich ohne freien Willen , denn er konnte gar nicht anders , rücksichtslos und gänzlich die Zeit verwendete , sich Zeug und Stoff für seinen freien Willen zu verschaffen , nämlich Einsicht , wußte er bereits nicht mehr , wovon er leben sollte , und sah sich plötzlich zu seinem großen Erstaunen von Not und Sorge umgeben , so daß er kaum wußte , wie ihm geschah . Viertes Kapitel Als er vor nun bald vier Jahren sein Vaterhaus und seine Heimat verließ , war zu seinem Eintritt in die Welt die mäßige Barsumme bestimmt , welche seine Mutter während ihres Witwenstandes , trotz ihrer beschränkten Verhältnisse und ungeachtet sie zu gleicher Zeit einen Sohn erzog , doch unbemerkt erspart hatte . Diese Summe war bei bescheidener Lebensweise für etwa ein Jahr hinreichend , nach dessen Ablauf sich ernähren und zugleich weiterbilden zu können Heinrich nicht zweifelte und seine Mutter ebenso sicher hoffte , da es geschehen mußte und sie ihrer ganzen Lebensart nach selbst von nichts anderm wußte , als dem Notwendigen sich zu fügen und ihm gerecht zu werden . Sie nannte dies » sich nach der Decke strecken « und verzierte jeden ihrer Briefe , die sie an den Sohn schrieb , sorgfältigst am Eingang und am Schlusse mit dieser Metapher , und der Sohn nannte dieselbe scherzweise das Prokrustesbette seiner Mutter . Indessen , um für alle Fälle das Ihrige zu tun , veränderte sie sogleich am Tage nach seiner Abreise ihre Wirtschaft und verwandelte dieselbe beinahe vollständig in die Kunst , von nichts zu leben . Sie erfand ein eigentümliches Gericht , eine Art schwarzer Suppe , welches sie jahraus , jahrein , einen Tag wie den andern um die Mittagszeit kochte , auf einem Feuerchen , welches ebenfalls beinahe von nichts brannte und ein Klafter Holz ewig dauern ließ . Sie deckte während der Woche nicht mehr den Tisch , da sie nun ganz allein aß , nicht um die Mühe , sondern die Kosten der Wäsche zu ersparen , und setzte ihr Schüsselchen auf ein einfaches Strohmättchen , welches immer sauber blieb , und indem sie ihren abgeschliffenen Dreiviertelslöffel in die Suppe steckte , rief sie pünktlich den lieben Gott an , denselben für alle Leute um das tägliche Brot bittend , besonders aber für ihren Sohn . Nur an den Sonn- und Festtagen deckte sie den Tisch förmlich und setzte ein Pfündchen Rindfleisch darauf , welches sie am Sonnabend eingekauft . Diesen Einkauf selber machte sie weniger aus Bedürfnis - denn sie hätte sich für ihre Person auch am Sonntage noch mit der lakonischen Suppe begnügt , wenn es hätte sein müssen - als vielmehr , um noch , einen Zusammenhang mit der Welt und Gelegenheit zu haben , wenigstens einmal die Woche auf dem alten Markt zu erscheinen und den Weltlauf zu sehen . So marschierte sie denn still und eifrig , ein kleines Körbchen am Arm , erst nach den Fleischbänken , und während sie dort klug und bescheiden hinter dem Gedränge der großen Hausfrauen und Mägde stand , welche lärmend und stolz ihre großen Körbe füllen ließen , machte sie höchst kritische Betrachtungen über das Behaben der Leute und ärgerte sich besonders über die munteren leichtsinnigen Dienstmägde , welche sich von den lustigen Metzgerknechten also betören ließen , daß sie , während sie mit ihnen scherzten und lachten , ihnen unversehens eine ungeheure Menge Knochen und Luftröhrenfragmente in die Waagschale warfen , so daß es die Frau Elisabeth Lee fast nicht mit ansehen konnte . Wenn sie die Herrin solcher Mädchen gewesen wäre , so hätten diese ihre Verliebtheit an den Fleischbänken teuer büßen und jedenfalls die Knorpel und Röhren der falschen trügerischen Gesellen selbst essen müssen . Allein es ist dafür gesorgt , daß die Bäume nicht in den Himmel wachsen , und diejenige , welche von allen anwesenden Frauen vielleicht die böseste und strengste gewesen wäre , hatte dermalen nicht mehr Macht als über ihr eigenes Pfündlein Fleisch , das sie mit Umsicht und Ausdauer einkaufte . Sobald sie es im Körbchen hatte , richtete sie ihren Gang nach dem Gemüsemarkt am Wasser und erlabte ihre Augen an dem Grün , an den frischen Früchten , welche aus Gärten und Fluren hereingebracht waren . Sie wandelte von Korb zu Korb und über die schwanken Bretter von Schiff zu Schiff , das aufgehäufte Wachstum übersehend und an dessen Schönheit und Billigkeit die Wohlfahrt des Staates und dessen innewohnende Gerechtigkeit ermessend , und zugleich tauchten in ihrer Erinnerung die grünen Landstriche und die Gärten ihrer Jugend auf , in welchen sie einst selbst so gedeihlich gepflanzt hatte , daß sie zehnmal mehr wegzuschenken imstande war , als sie jetzt bedächtig und teuer einkaufen mußte . Hätte sie noch große Vorräte für eine zahlreiche Familie einzukaufen und zu ordnen gehabt , so würde das ein Ersatz gewesen sein für das Pflanzen und Graben ; aber auch dieser Beruf war ihr genommen , und daher war die Handvoll grüner Bohnen , Spinatblättchen oder junger Rübchen , welche sie endlich in ihr Körbchen tat , nachdem sie manchen scharfen Verweis und Zuspruch wegen Überteuerung ausgeteilt , ihr ein notdürftiges Pfand und Symbolum , samt dem Büschelchen Petersilie oder Schnittlauch , das sie gratis erkämpft . Dies war ihre Poesie , Elegie und Samstagstragödie . Das schöne weiße Stadtbrot , das bislang in ihrem Hause gegolten , schaffte sie nach Heinrichs Abreise sogleich ab und bezog alle vierzehn Tage ein billiges rauhes Landbrot , welches sie so sparsam aß , daß es zuletzt immer steinhart wurde , und dasselbe vergnüglich und zufrieden bewältigend , schwelgte sie ordentlich in ihrer freiwilligen Askese . Zugleich wurde sie karg und herb gegen jedermann , in ihrem gesellschaftlichen Leben vorsichtig und zurückhaltend , um alle Ausgaben zu vermeiden , und bewirtete niemanden , oder doch so knapp und ängstlich , daß sie bald für geizig und ungefällig gegolten hätte , wenn sie nicht durch eine verdoppelte Bereitwilligkeit mit dem , was sie durch die Mühe ihrer Hände , ohne andere Kosten , bewirken konnte , jene herbe Sparsamkeit aufgewogen hätte . Überall , wo sie mit Rat und Tat beistehen konnte , im ganzen Umkreise ihrer Nachbarschaft , war sie immer wach und rüstig bei der Hand , keine Mühe und Ausdauer vermeidend , insofern sie nur nichts kostete , und da sie für sich bald fertig war und sonst nichts zu tun hatte , so verwandte sie fast ihre ganze Zeit zu solchen Dienstleistungen , still und fleißig denselben obliegend , bald in diesem Hause , bald in jenem , wo Krankheit oder Tod die Menschen bedrängten . Aber überallhin brachte sie ihre strenge Einteilung und Sparsamkeit mit , so daß die unerfahrenen und behäbigen Weiber , während sie dankbar und rühmend ihre unermüdliche Hilfe sich gefallen ließen , doch hinter ihrem Rücken sagten , es wäre eigentlich doch eine Sünde von der Frau Lee , daß sie gar so ängstlich sei und spröde in sich verschlossen dem lieben Gott nichts überlassen könne oder wolle . Dies war aber durchaus nicht der Fall ; sie überließ der Vorsehung des Gottes alles , was sie nicht verstand , vorerst die Verwicklungen und Entwicklungen der moralischen Welt , mit denen sie nicht viel zu tun hatte , da sie sich nicht in Gefahr begab ; nichtsdestominder war Gott ihr auch der Grundpfeiler in der Viktualienfrage ; aber diese hielt sie für so wichtig , daß es für sie eine eigentliche Ehrensache war , sich zuerst selber mit Hand und Fuß zu wehren . Denn ein doppelter Strick halte besser , und wenn auf Erden und im Himmel zugleich gesorgt würde , so könne es um so weniger fehlen ! Und mit eiserner Treue hielt sie an ihrer Weise fest ; weder durch die Sonnenblicke der Fröhlichkeit noch durch düsteres Unbehagen , weder im Scherz noch im Ernst ließ sie sich verleiten und überrumpeln , auch die kleinste ungewohnte Ausgabe zu machen . Sie legte Groschen zu Groschen , und wo diese einmal lagen , waren sie so sicher aufgehoben wie im Kasten des eingefleischten Geizes . Mit der Ausdauer und Konsequenz des Geizes sammelte sie Geld , aber nicht zu ihrer Freude und zur Lust ihrer Augen , denn das Gesammelte beschaute sie niemals und überzählte es nie , und hiedurch unterschied sich ihr Tun und Lassen von demjenigen der Geizigen . Allein diese ihre Art , indem sie zurückhaltend , ängstlich und geizig erschien und zugleich dienstfertig , still , hilfereich und liebenswürdig war , verlieh ihr einen eigentümlichen und einsamen Charakter , so daß die Leute ihre freundliche und nützliche Seite annahmen und über ihr stilles , strenges Sorgen , Hoffen und Fürchten sie nicht befragten . Zudem würden sie dasselbe weder begriffen noch gebilligt haben ; denn alle verlangten von ihren eigenen Söhnen , wenn sie nicht Gelehrte wurden , daß sie sich zeitig selbst ernährten , und wenn je einmal eine ganz behagliche Familie ihrem in die Klemme geratenen Sohn Schreiner oder Schlosser einige Taler übersandte , so geschah dies mit einem erheblichen Aufwande von Lärm , und des Goldeinwechselns , Verpackens , Versiegelns , Versicherns auf der Post und des Sprechens von alledem war kein Ende ; daß aber Heinrich schon abgereist war , um förmlich im Auslande von einer bestimmten Summe zu leben , dazu hatten die Nachbaren schon die Köpfe geschüttelt und gemeint , er hätte doch schon genug gekostet und könnte nun sehen , etwas zu verdienen , wie anderer Leute Kinder auch . Deshalb sagte seine Mutter zu niemandem , warum sie so sparsam sei . Der Held dieser Geschichte reichte auch mit jener Summe für ein Jahr so knapp aus ; denn obgleich dieselbe sehr bescheiden war , so waren seine Gewohnheiten und Ansprüche zu jener Zeit trotz aller Anlage zu einem tüchtigen Aufschwunge ebenso bescheiden , und da die Mutter ihm das Geld vorsorglich nur in vielen kleinen Abteilungen übersandte , jede in einen Brief mit obigem Motto gewickelt , so kam mit den guten Silberstücken , von denen sie jedes einzelne in den sparsamen Händen gehabt , jedesmal auch ihr häuslicher Machteinfluß und die eiserne Gewohnheit der Bescheidenheit und des Respektes mit . Als jedoch das erste Jahr und mit ihm die rnütterlichen Sendungen zu Ende gingen , da hatte Heinrich noch nicht die mindesten Anstalten getroffen , sich auf eigene Faust zu ernähren ; denn hier trat nun der Zeitpunkt ein , wo die allgemeine und doch so geheimnisvolle Macht dieser modernen Kunst und Heldenschaft sich ihm offenbaren sollte . In der heutigen Welt sind alle , die in der Werkstatt der fortschreitenden Kultur beschäftigt sind und es mit einem Zweige derselben zu tun haben , geschieden von Acker und Herde , vom Wald und oft sogar vom Wasser . Kein Stück Brot , sich zu nähren , kein Bündel Reisig , sich zu wärmen , keine Flocke Flachs oder Wolle , sich zu kleiden , in großen Städten keinen frischen Trunk Wasser können sie unmittelbar durch eigene frohe Mühe und Leibesbewegung von der Natur gewinnen . Viele unter ihnen , wie die Künstler und Schriftmenschen , empfangen ihre Nahrung nicht einmal von denen , welche der Natur näherstehen , sondern wieder von solchen , welche ihr ebenso entfernt stehen wie sie selbst und eine künstliche abstrakte Existenz führen , so daß der ganze Verkehr ein Gefecht in der Luft , eine ungeheure Abstraktion ist , hoch über dem festen Boden der Mutter Natur . Und selbst dann noch , wenn die einen die Mittel ihres Daseins von den anderen empfangen , geschieht dieses so unberechenbar , launenhaft und zufällig , daß jeder , dem es gelungen ist , dies nicht als den Lohn seines Strebens , sein Verdienst betrachten darf , sondern es als einen blinden Glücksfall , als einen Lotteriegewinst preisen muß . In diesem seltsamen Zusammentreffen der Geister , oder vielmehr der Leiber , ist der unmittelbare Prozeß des Essens , des Zusichnehmens der Nahrung zwar noch nicht offen als eine Tugend und Ehre an sich ausgesprochen , und noch immer gilt zur Notdurft die Moral , daß das Essen eine verdienstlose Notwendigkeit sei , obgleich mancher sein Brot so ißt , daß man sieht , er macht sich das Beißen und Kauen schon zur Ehre und kaut dem , der keines hat , recht unter die Nase ; aber der glückliche Erwerb des Brotes ist zu dieser Zeit aus einer einfachen Naturpflicht zu einer ausgesuchten Ehrentugend und Ritterschaft geworden , zu deren Erlangung der Neuling nicht ohne weiteres zugelassen wird , sondern verschiedene freimaurerische Grade der Niederträchtigkeit oder der Verdrehtheit und zweckwidrigen Unsinnes jeder Art durchmachen muß . In der Bevölkerung , welche ihr Leben unmittelbar der Natur und dem untersten Bedürfnis abgewinnt , ist die Heiligkeit und die Bedeutung der Arbeit noch klar und verständlich ; da versteht es sich von selbst , daß keiner dem andern zusehen darf , wie er gräbt und schaufelt , um ihm das Herausgegrabene wegzunehmen und zu verzehren . Alles , was einer da tut , hilft ihn und die Welt erhalten und hat einen unbezweifelten , wahren und sichern Zweck . In jener höheren abstrakten Welt aber ist einstweilen alles auf den Kopf gestellt und die Begriffe von der Bedeutung der Arbeit verkehrt bis zum Unkenntlichwerden . Hier führt ein bloßes Wollen , ein glücklicher Einfall ohne Mühe zu reichlichem Erwerb , dort eine geordnete und nachhaltige Mühe , welche mehr der wirklichen Arbeit gleicht , aber ohne innere Wahrheit , ohne vernünftigen Zweck , ohne Idee . Hier heißt Arbeit , lohnt sich und wird zur Tugend , was dort Nutzlosigkeit , Müßiggang und Laster ist . Hier nützt und hilft etwas teilweise , ohne wahr zu sein ; dort ist etwas wahr und natürlich , ohne zu nützen , und immer ist der Erfolg der König , der den Ritterschlag in dieser künstlichen Welt erteilt . Und alle diese Momente vermischen und kreuzen sich auf so wunderliche Weise , daß für die gesunde Vernunft das Urteil schwer wird . Ein Spekulant gerät auf die Idee der Revalenta arabica und bebaut dieselbe mit aller Umsicht und Ausdauer ; sie gewinnt eine auffallende Ausbreitung und gelingt glänzend ; Hunderttausende , vielleicht Millionen werden dadurch in Bewegung gesetzt und gewonnen , und doch sagt jedermann Es ist ein Betrug und ein Schwindel ! Und doch muß man die Sache näher ansehen . Betrug und Schwindel nennt man sonst , was gewinnen soll ohne Arbeit und Mühe , gegründet auf eine Vorspiegelung oder Täuschung . Niemand wird aber sagen können , daß das Revalentageschäft ohne Arbeit betrieben werde ; es herrscht da gewiß eine so gute Ordnung , Fleißigkeit , Betriebsamkeit , Um- und Übersicht wie in dem notwendigsten , solidesten Handelszweige oder Staatsgeschäfte ; es ist , gegründet auf den Einfall des Spekulanten , eine umfassende Tätigkeit , eine wirkliche Arbeit entstanden . Die Beschaffung des Mehles , die Anfertigung der Blechbüchsen , die Verpackung und Versendung , der Vertrieb in den verschiedensten Ländern schafft vielen Menschen Handarbeit und Gewinn . Die zahllosen marktschreierischen Ankündigungen , mit einer durchdachten und mühevollen Umsicht betrieben , bringen Hunderten von Zeitungen reichlichen Gewinn , und diese brauchen in gleichem Maße vermehrte Arbeitskräfte ; Setzer und Drucker finden viele Tage Nahrung in dem weitesten Umkreise nur durch die Inserate der Revalentamänner , und diese selbst , das Ganze beherrschend , nennen ihre Tätigkeit gewiß nicht minder Arbeit , wenn sie aus ihrem Comptoir kommen , als ein Rothschild die seinige . Hier sind der spekulative Einfall , oder was die Unternehmer wahrscheinlich die Idee nennen , und die Mühe , die wirklichste Arbeit verbunden ; es wird gewirkt und genützt im vollen Maße und wohl niemandem was geschadet , und doch ist das Ganze ein skandalöser Schwindel und sein Kern eine hohle Nuß , indem die Hauptsache , der vorgegebene Zweck ; , die Eigenschaft des Gegenstandes dieser ganzen Tätigkeit eine offenkundige Täuschung ist und dessenungeachtet doch wieder der Chef dieser ungeheuren Blase der Zeit in seiner Umgebung so geachtet und geschätzt wie jeder andere Geschäftsmann . Wo liegt hier die Ehre und wo die Schande ? Dies ist aber nur ein grobes Beispiel aus dem gröbern Weltverkehr . Es wird Revalenta arabica gemacht in Kunst und Wissenschaft , in Theologie und Politik , in Philosophie und bürgerlicher Ehre aller Art , nur mit dem Unterschied , daß es nicht immer so unschädliches Bohnenmehl ist , aber mit der gleichen rätselhaften Vermischung von Arbeit und Täuschung , innerer Leerheit und äußerm Erfolg , Unsinn und weisem Betriebe , von Zwecklosigkeit und stattlich ausgebreitetem Gelingen , bis der Herbstwind des Todes alles hinwegfegt und auf dem öden Stoppelfelde nichts übrigläßt als hier ein seltsam zusammengewürfeltes Vermögen , dort ein Haus , dessen Erben nicht zu sagen wissen , auf welchem Grund und mit welchem Recht es gegründet ist , und wenn dies Erbe auch noch verweht ist , so ist weder eine geistige noch leibliche Spur , noch ein Zusammenhang mehr zu finden zum Zeugnis , daß jene Betriebsamen einst auch dagewesen seien und sich , obgleich fleißig , doch mit Recht und Ehre genährt haben , während jeder wohlbestellte Acker ein Denkmal ist dessen , der ihn einst geackert hat . Will man hingegen aus der großen öffentlichen Welt ein Beispiel wirkungsreicher Arbeit , die zugleich ein wahres und vernünftiges Leben ist , betrachten , so muß man das Leben und Wirken Schillers ansehen . Dieser , aus dem Kreise hinausflüchtend , in welchem Familie und Landesherr ihn halten wollten , alles das im Stiche lassend , zu was man ihn machen wollte , stellte sich in früher Jugend auf eigene Faust , nur das tuend , was er nicht lassen konnte , und schaffte sich , um ein eigengehöriges Leben zu beginnen , sogar durch eine schreiende Ausschweifung , durch eine überschwengliche und wilde Räubergeschichte , durch einen Jugendfehler Luft und Licht ; aber sobald er dies gewonnen , veredelte er sich unablässig von innen heraus , und sein Leben ward nichts anderes als die Erfüllung seines innersten Wesens , die folgerechte und kristallreine Arbeit der Wahrheit und des Idealen , die in ihm und seiner Zeit lagen . Und dieses einfach fleißige Dasein verschaffte ihm alles , was seinem persönlichen Wesen gebührte ; denn da er , mit Respekt zu melden , bei alledem ein Stubensitzer war , so lag es nicht in demselben , ein reicher und glänzender Weltmann zu sein . Eine kleine Abweichung in seinem leiblichen und geistigen Charakter , die eben nicht Schillerisch war , und er wäre es auch geworden . Aber nach seinem Tode erst , kann man sagen , begann sein ehrliches , klares und wahres Arbeitsleben seine Wirkung und seine Erwerbsfähigkeit zu zeigen , und wenn man ganz absieht von seiner geistigen Erbschaft , welche er der Welt hinterlassen , so muß man erstaunen über die materielle Bewegung , über den bloß leiblichen Nutzen , den er durch das bloße treue Hervorkehren seines geistigen Ideales hinterließ . So weit die deutsche Sprache reicht , ist in den Städten kaum ein Haus , in welchem nicht seine Werke ein- oder mehrfach auf Gesims und Schränken stehen , und in Dörfern wenigstens in einem oder zwei Häusern . Je weiter aber die Bildung der Nation sich verbreitet , desto größer wird die jetzt schon ungeheure Vervielfältigung dieser Werke werden und zuletzt in die niederste Hütte dringen . Hundert Geschäftshungrige lauern nur auf das Erlöschen des Privilegiums , um die edle Lebensarbeit Schillers so massenhaft und wohlfeil zu verbreiten wie die Bibel , und der umfangreiche leibliche Erwerb , der während der ersten Hälfte eines Jahrhunderts stattgefunden , wird während der zweiten Hälfte desselben um das Doppelte wachsen und vielleicht im kommenden Jahrhundert noch einmal um das Doppelte . Welch eine Menge von Papiermachern , Papierhändlern , Buchdruckersleuten , Verkäufern , Laufburschen , Kommentatoren der Werke , Lederhändlern , Buchbindern verdienten und werden ihr Brot noch verdienen , welch eine fortwährende Tat , welch nachhaltiger Erwerb im materiellsten Sinne waren also die kurzen Schillerschen Arbeits- und Lebensjahre . Dies ist , im Gegensatz zu der Revalenta arabica manches Treibens , auch eine umfangreiche Bewegung , aber mit einem süßen und gehaltreichen Kern , und nur die äußere derbe Schale eines noch größern und wichtigern geistigen Glückes , der reinsten nationalen Freude . Gegenüber diesem einheitlichen organischen Leben gibt es nun auch ein gespaltenes , getrenntes , gewissermaßen unorganisches Leben , wie wenn Spinoza und Rousseau große Denker sind ihrem innern Berufe nach und , um sich zu ernähren , zugleich Brillengläser schleifen und Noten schreiben . Diese Art beruht auf einer Entsagung , welche in Ausnahmsfällen dem selbstbewußten Menschen wohl ansteht , als Zeugnis seiner Gewalt . Die Natur selbst aber weist nicht auf ein solches Doppelleben , und wenn diese Entsagung , die Spaltung des Wesens eines Menschen allgemein gültig sein sollte , so würde sie die Welt mit Schmerz und Elend erfüllen . So fest und allgemein wie das Naturgesetz selber sollen wir unser Dasein durch das nähren , was wir sind und bedeuten , und das mit Ehren sein , was uns nährt . Nur dadurch sind wir ganz , bewahren uns vor Einseitigkeit und Überspanntheit und leben mit der Welt im Frieden , so wie sie mit uns , indem wir sie sowohl bedürfen mit ihrer ganzen Art , mit ihrem Genuß und ihrer Müh , als sie unser bedarf zu ihrer Vollständigkeit , und alles das , ohne daß wir einen Augenblick aus unserer wahren Bestimmung und Eigenschaft herausgehen . Wenn nun schon unter den hervorragenden Existenzen jenes künstlichen Ernährungsverkehres ein solches Durcheinander von Geltung , Pflicht , Ehre und Zweckmäßigkeit herrscht , so daß diese in jedem Augenblicke und an jeder Stelle einen andern Maßstab und eine andere Anerkennung verlangen , eine andere Energie und eine andere Geschicklichkeit , wie schwierig wird diese Verwickelung erst für den unbefangenen und einfach gearteten Neuling , Kleinen und Werdenden ! Weit entfernt , sein wahres Wesen hervorkehren zu dürfen und dieses einfach wirken zu lassen , soll er tausend kleine Künste und Fähigkeiten lügen oder gewaltsam erwerben , welche zu allem , was er sonst ist , treibt und gelernt hat , sich vollkommen unsinnig und zweckwidrig verhalten . Er soll lernen , auf den Vorteil zu schießen , wie eine Spinne auf die Mücke , während vielleicht die besondere Natur seines Berufes langsam , gründlich und beschaulich ist ; er soll demütig und kriechend sein , wo er stolz sein möchte , und hinwieder unverschämt und prahlerisch , wo er nur bescheiden sein kann ; er muß geizig und zurückhaltend sein mit dem Reifen und Fertigen , das sich wie die Frucht von dem Baume seines Daseins ablösen will , und er muß hinwieder mit blutendem Herzen freigebig sein mit dem Unreifen und Werdenden und es wegwerfen um des Erwerbes willen . Wenn er nimmt , was ihm gebührt , so muß er dafür danken , und erst wenn er empfängt , was ihm nicht gebührt , so ist er des Dankes quitt und hat Ehre davon , so daß schon die notwendige Angewöhnung und Gewandtheit des Erwerbes unwillkürlich nach einem verwerflichen Ziele führt . Welch eine Menge von kleinen persönlichen und gesellschaftlichen Verumständungen gehört dazu , wenn es dem jungen Künstler gelingen soll , sein Erstlingswerk an den Mann zu bringen , und von diesem einzigen Erfolge hängt meistens das weitere glückliche Fortschreiten der nächsten fünf , ja zehn Jahre ab , die Entscheidung , ob die lange Jugend bis tief in die Männerjahre hinein eine blühende und glückliche Zeit oder eine dürre und finstere sein , freilich auch oft , ob der Mann auf der leichtfertigen und oberflächlichen oder auf der tieferen und nachhaltigen Seite des Lebens stehen soll . Gleich dem armen Weibe , dessen Leben im Niedergange ist und welches aus zarter Baumwolle und etwas Goldschaum ein Schäfchen wickelt , dasselbe auf den Weihnachtsmarkt trägt und dort mit seinen vier steifen Beinchen auf einen trockenen Stein setzt , gewärtigend , ob einer von den tausend Vorübergehenden seinen Blick auf das Schäfchen lenke und dasselbe kaufe , stellt in der Regel der junge Kunstmann , dessen Leben im Aufgange ist , sein erstes Werk an einen öffentlichen Ort , und all sein Vertrauen und seine Hoffnung auf das , was er gelernt und geleistet hat , vergessend , ist er schon bereit , nur den Zufall zu preisen , der einen geneigten Käufer vor sein Weihnachtslämmchen führt und durch ein halbes Almosen vielleicht seinem Lebenslaufe den Ausschlag gibt . Als Heinrich zu Ende des ersten Jahres seinen letzten Taler in der Hand hielt , und vorher keinen Augenblick , machte er endlich ernstliche Anstalten , sich sein Brot zu erwerben , und zweifelte nicht im mindesten , daß dieses bei der ersten offenen Bemühung sofort gelingen werde , zumal er täglich Arbeiten verkaufen sah , welche zustande zu bringen er für kein Hexenwerk hielt . Er beschloß , ein Bild auszustellen , und ersann zu diesem Ende hin ein anmutiges und reichhaltiges Motiv , welches nicht nur die Entfaltung poetischer Einfälle und feiner Zeichnung , sondern auch schöne Farbenverhältnisse von selbst bedingte und mithin ein sehr glücklich und richtig gewähltes war . Als er es entworfen hatte , ersuchte er einen Künstler , welchem er vom Sehen einigermaßen bekannt war , ihn einmal mit seinem Besuch zu beehren und seines guten Rates teilhaftig zu machen . Der Künstler , ein stattlicher verheirateter Mann mit einem ansehnlichen Leibe , war einer von denen , die in der Wolle sitzen , und er verdiente es auch vollkommen ; denn er war ein gesunder und meisterhafter Kumpan und schritt mit seinen schön und energisch gemalten Bildern , die von selbst eine glänzende Kritik alles Schwächlichen waren , rüstig über den krabbelnden und kletternden Anspruch des gedankenlosen Haufens hinweg . Sein Wahlspruch war » Erst etwas recht lernen und dann gute Musik machen ! Nichts trübseliger , als allerlei lernen und dann schlecht musizieren ! « Es war seit Jahren das erste Mal , daß ein erfahrener Meister wieder Heinrichs Arbeit beriet und kritisierte , und dieser fand alle Ursache , über sein eigenes Ungeschick zu erstaunen , als der Mann in seinem Entwurfe herumwirtschaftete und denselben so trefflich behandelte und zusammenrückte , daß durch die Anwendung der kräftigen und praktischen Meisterkünste des dicken Herrn Heinrichs Idee erst schön und wahrhaft idealisiert wurde . Es zeigte sich , daß das reale technische Wissen und Empfinden allein die Gedanken gut macht und noch bessere von sich aus vermittelt und hervorzurufen imstande ist . Durch das bloße Besprechen und Durcharbeiten der äußeren technischen Seite des Gegenstandes taten sich mehrere ganz neue und glückliche Motive auf , welche gewissermaßen in der Natur der Sache lagen und doch die ursprünglichen Erfindungen des armen Heinrich , so geistreich dieselben waren , an Wirkung weit hinter sich ließen . Der Künstler hatte in einer halben Stunde , immerfort sprechend , auf ein besonderes Blatt seine Meinung hingezeichnet und so in aller Raschheit eine treffliche Meisterskizze hergestellt , welche füglich für eine wertvolle Handzeichnung gelten konnte und welche Heinrich mit äußerstem Wohlgefallen betrachtete . Als aber die Audienz beendigt war , faltete der Meister ruhig das Blatt zusammen , steckte es in die Tasche und überließ den dankbaren Heinrich freundlich seinen weiteren Bestrebungen . Dieser setzte sich denn auch rüstig an die Arbeit ; allein hier ahnte er eben nicht , woran es lag , daß