Apparates war wenigstens nicht auffällig , ein gewisser Geschmack hatte in der Vertheilung obgewaltet , Licht und Schatten waren gehörig vertheilt , oder vielmehr der Schatten waltete ob , indem das Fensterlicht in den meisten Zimmern durch schwere Vorhänge und Vorsatzstücke gedämpft war . In schwarzen Rahmen hingen zwischen den andern Raritäten Landschaften in Wasserfarben , römische Ruinen , zerstörte Kirchhöfe , Hünengräber , bemooste Krucifixe darstellend , über dem Meer hing der Mond in Nebelwolken , oder die Sonne ging auf , und beleuchtete trauernde Gestalten oder Knieende um ein bekreuztes Grab . Auch sah man näher den Thüren bereits einige der schmal geschnittenen Holzbilder , auf deren Goldgrund jene hagern , kindlichen Figuren mit den Unschuldsköpfen sich präsentirten , die erst später in Berlin zur ästhetischen Anbetung kommen sollten . Die modernen Besucher gingen noch ziemlich theilnahmlos an diesen florentinischen Stücken vorüber , während die Mondscheinskreuze , die verdorrten Kränze an den eingefallenen Gräbern manchen Seufzer oder aus schönen Augen eine Thräne lockten . » Der Stufen zur Erkenntniß sind viele , « pflegte die Fürstin zu sagen , » und deren nur wenige , die , vom Strahl erleuchtet , sogleich die höchste besteigen . « In den tiefern Kabinetten verbargen sich oder lockten größere Heiligenbilder , betende oder angebetete Madonnen , Märtyrer , in ihren Verzückungen lächelnd , der Heiland am Kreuz . Da in der verschwiegenen Nische auf einem schwarz mit Silber überhangenen Altar ein Krucifix von Ebenholz , der Heiland daran feinste lucchesiner Elfenbeinarbeit . Als Piedestal zum Krucifix diente ein künstlicher dürrer Fels aus Achat , zu Füßen desselben eine kleine Oeffnung , aus der , gespeist von einem verborgenen Wasserreservoir , eine Quelle sprudelte . Das Wasser floß in einen antiken Sarkophag . Antik wenigstens die Vorderseite , deren heidnische Basreliefs freilich wenig mit dem Quell und seiner Bedeutung korrespondirten , aber es war eine Antike , ausgegraben auf einem der Güter der Fürstin in der Krim , und das Heidnische an den Bacchantinnen sollte vielleicht durch den frisch hinein gemeißelten russischen Doppeladler purificirt werden . Neben der sinnigen Deutung hatte der sprudelnde Quell auch eine ganz praktische Bedeutung ; das kühle mit Epheu umrankte Kabinet ward durch das springende Wasser zur angenehmen Retirade in heißen Sommertagen . In einem der helleren Zimmer , mit Magdalenenbildern an der Wand , der Boden ausgelegt mit reichen orientalischen Teppichen , und schwellende Divans an den Wänden , saß die Fürstin mit der Baronin Eitelbach . Die Märtyrer und andere Heiligenbilder in den dunklern Gemächern mochten schlechtere Kopien oder Trödelwaare sein , die Magdalenen waren vortreffliche Kopien nach Correggio , Battoni , Murillo und Anderen , in der Größe der Originale und in dem blendenden Farbenglanz , der keine Nachdunkelung sehen ließ . Kostbare Goldrahmen umschlossen diese Stücke , und ihre Gruppirung war so geschickt , daß überall das richtige Licht darauf fiel . Es war das sorgfältigst und elegantest ausgeschmückte Zimmer der fürstlichen Wohnung . » Das Fräulein wollten eben ausfahren , um , wie sie sagten , Luft zu schöpfen , « berichtete der Diener . » Wenn aber Durchlauch befehlen , wird sie sich sogleich zurecht machen und hier erscheinen . « » Was das Fräulein will , muß geschehen , « erwiderte die Fürstin rasch . » Man sollte doch jetzt meinen Willen kennen , daß sie nur ihren Wunsch zu äußern braucht , und meine Domestiken haben zu gehorchen . Ist schon angespannt ? « - » Zu Befehl , Erlaucht . « - » Da muß ich einen Augenblick zu dem lieben Kinde . Verzeihung , theuerste Baronin , sie erholt sich so schwer . Ich bin sogleich - meine Gedanken bleiben bei Ihnen . « Im andern Zimmer begegnete ihr der Legationsrath ; » Schnell einen Liebesdienst . Die Eitelbach drinnen quält mich mit ihrem Liebesleid . Das ist Ihre Sache . Machen Sie ihr bald ein Ende , sonst - ich weiß nicht , was ich thäte , wenn Sie nicht im Spiele wären . « - » Empfinden Erlaucht denn gar keinen Beruf , sich der gequälten Schönen anzunehmen ? « - » An langweiligen Menschen hatte ich heute schon genug . Vater und Mutter waren hier , denken Sie , eine Stunde lang ! Diese Dankadressen im Kanzleistil , diese bürgerlichen Rührungsgefühle in der Sonntagshaube , der ganze Iffland , Kotzebue und Krähwinkel in meinem Hause . Ich möchte doch um solcher Leute willen keine Migräne bekommen ; aber jetzt erbarmen sie sich meiner . « - » Tu l ' as voulu , George Dandin ! sagt Molière , « sprach der Legationsrath , sich verneigend . - » Et je le veux , Monsieur le conseiller ! « - » Was denkt Prinz Louis , Erlaucht ? « - » Ob der Champagner oder der Rheinstrom eher in die Lethe fließt . « - » Leider flüstern seine Freunde , daß er schon den nächsten Weg auf dem Jamaikanischen Feuerstrom Rum dahin sucht . « - » Der Unglückliche ! « Sie schien die eben gegebene Anweisung an den Legationsrath auf die Eitelbach eben so vergessen zu haben , als sie an der Ecke eines Divans Platz nahm . Ein ernster Zug flog über die Seidenwimpern , die sich geschlossen hatten , wie erschreckt vor einem Bilde . - » Vielleicht der letzte Held unter Diesen ! - Warum fand er nicht den rechten Weg ! - Das ist es nicht . Aber , Wandel , erklären Sie mir ' s , es ist etwas Niederdrückendes , Entmuthigendes , daß gerade dieser Einzige in der großen Misere , diese Feuerseele unter den Nachtvögeln , wie ein losgerissener Stern aus dem Firmament in einen Sumpf stürzen muß ! « - » Sie sprachen es aus , Gnädigste , weil Alles versumpft ist ! « - » Und Sie sprachen etwas aus , was Sie nicht verstehen , nicht verstehen wollten . - Ich fühlte mich so andächtig gestimmt . Der arme Prinz ! Seit die Abberufung des englischen Gesandten bekannt ist , soll er sich in einen erschütternden Zustand befinden . « - » Es befinden sich auch andere , die nicht Prinzen sind , in unangenehmer Lage . Mehr als hundert preußische Schiffe sind bereits von den Engländern gekapert . Dem Handel wird dieser theure Frieden theuer zu stehen kommen . « - » Diese Krämerseelen verdienen es , « rief die Fürstin . » Es war ja ihr stiller Wunsch . Wenn Krämer , Kinder und Narren über ein Land regieren , wehe ihm ! « Es war ein neues Changement in der Fürstin eingetreten ; sie fühlte sich zum politischen Disput gestimmt . Wandel kannte die Lineamente in ihrem Gesicht , welche den Wechsel und welche Stimmung sie ausdrückten . Er lehnte sich über einen Stuhl , um ihr zu korrespondiren . Vielleicht fand er auch mehr Neigung zu einer politischen Disputation als zu einer sentimentalen mit der Baronin , vielleicht wollte er sich auf diese präpariren . » Es giebt auch großartige Krämer . Die Engländer werden bei diesem Weltdisput nicht zu kurz kommen . « - » Ich begreife nicht , wie diese hier ohne Schamröthe lesen können , was sie über ihre Politik urtheilen ! « rief die Fürstin , in wirklichen Affekt gerathend . » Diese Noten , die Herr von Reden für Hannover in Regensburg , Ompteda eben in Berlin übergab ! Herr Fox hat im Parlamente gedonnert . Ich habe eine solche Sprache nie gehört . « - » Noten sind Worte auf Papier geschrieben , Erlaucht . Sie lesen sie , antworten , und das Resultat ist Papier auf Papier ! Gekaperte Schiffe , das ist etwas Anderes . « Die Fürstin hatte vom Tische eine englische Zeitung genommen . » Durchfliegen Sie diesen Artikel . Mich dünkt , die Worte schneiden schärfer wie Thaten . Der Prinz soll grade darüber außer sich gerathen sein . Die Lippen schäumend , drückte er die Stirn an die Scheibe , daß sie zerbrach . « - » Er wird auch wieder ruhig werden , « sagte Wandel und las : » Nie hat eine Macht heuchlerischer gehandelt und die Gesetze der Treue und des guten Glaubens frevelnder gebrochen als Preußen . Von ihm kann man lernen , wie man mit Worten schmeichelt und durch Thaten verwundet . « - » Ist ' s nicht so ? « Der Legationsrath zuckte die Achseln : » Was aus Unentschlossenheit gefehlt und in Thorheit gesündigt ward , heißt nun sträfliche Hinterlist . - Warum war man unentschlossen und warum handelte man thöricht ? « - » Lesen Sie weiter . « - » Der aufgegebene Krieg gegen Frankreich war ein unwürdiges Geständniß von Schwäche , die sogenannte Verwaltung Hannovers bis zum Abschluß des allgemeinen Friedens überdachter Verrath . Erröthet Preußen nicht vor der Entschuldigung , daß die Wahl der Mittel zur Sicherung seiner Ruhe nach der Schlacht von Austerlitz nicht mehr von ihm abhängig gewesen sei ? Ziemt eine solche Sprache einem schlagfertigen Staate , wenn es Ruhm und Vaterland gilt ? Ziemt sie vor Allem dem Preußischen , der Friedrichs Siege hinter sich hat , Friedrichs Heer vor sich und zur Seite Rußlands Beistand ? Preußen prahlt mit gebrachten Aufopferungen . Ja , es hat geopfert seine Unabhängigkeit , seine alten Besitzungen , seine treuesten Unterthanen und seine zuverlässigsten Bundesgenossen . Preußen hat durch den Schönbrunner Vertrag aufgehört als selbstständige Macht , es kann nur noch existiren unter den Flügelschlägen des französischen oder russischen Adlers . « » Was sagen Sie dazu ? « - » Warum fordert man von den Epigonen den Muth der Titanen ! « - » Der kleine König von Schweden sperrt ihnen auch die Ostseehäfen , er kapert auch , wie die Engländer , ihre Schiffe . Man hätte doch nun erwartet , sie würden Schwedisch-Pommern nehmen . « - » Man ist befangen im Bewusstsein seines Unrechts ; und statt es gut zu machen , indem man es vollendet , verdoppelt man den Fehltritt , indem man es halb thut . « - » Das ist Ihre Moral , Wandel . Ich im Gegentheil bewundere den Muth dieser Staatsmänner . Mit welchem Gesichte kann der Mann von Schönbrunn vor die Prinzen , vor die Bilder seiner alten Könige treten , vor das Land , vor das Preußische Heer , vor Friedrichs Armee ? Erklären Sie mir den Muth , Wandel , wie er vor diesem stolzen , hochmüthigen Offizierskorps es aussprechen darf ! Preußen fühlt sich zu schwach , mit dem stärksten Bundesgenossen an der Seite , einen gerechten Krieg zu führen . Können Sie ' s ? « » Gnädigste Frau , vor wem erröthen , wem Rechenschaft geben ? - Wer fordert sie von dem Manne ? « - » Und sei es nur vor seinem eigenen Spiegel . « » Der Spiegel , Gnädigste , ist unser Machwerk ; man schleift , färbt ihn , wie man will , man stellt sich vor ihn , wie man Lust hat . Die Hand in der Brust , das Kinn aufrecht , die Blicke funkelnd . Oder die Arme gekreuzt auf der Brust , die Augen niedergeschlagen ; der Spiegel ist gehorsam , er giebt Alles wieder . Denken Sie ihn sich so , mit verkniffenen Lippen davor , und er lispelt : er war stark und wir schwach , er entschlossen und wir wissen nie heut , was wir morgen thun sollen , er hat ein kriegsgewöhntes , siegreiches Heer und wir eins , was den Krieg verlernt hat . Ein Krieg kostet Blut , viele Menschen , er ruinirt noch mehr Bürger , seine Nachwehen sind furchtbarer als seine Verwüstungen . Alles das sind Realitäten , die Ehre aber ist ein Wahn . Mein König hat einen Abscheu vor Blutvergießen und ich liebe es nicht . Alle guten Menschen lieben es nicht . Gott auch nicht , er hat den Frieden geboten und Napoleon bietet ihn auch . Sind das nicht eben so viele Winke des Himmels ? Wofür sollen wir uns schlagen ? Für uns doch nicht . Er will uns ja mehr geben , als wir hatten . Für Oesterreich etwa , das verloren hat ? Wir sind doch nicht Don Quixoten , um für einen Rivalen uns zu opfern ? Oder für das thörige Gebrause , was man jetzt öffentliche Meinung nennt ? Wiegt meines Königs unausgesprochener Wunsch nicht schwerer ? Die öffentliche Meinung macht mich nicht zum Minister , sie möchte mich stürzen . Aber sie kann ' s nicht . Mein König kann mich halten , und er wird es . « » Von Advokaten des Teufels hab ' ich wohl gehört , « sagte die Fürstin , ihn fixirend , » nur weiß ich nicht , wer sie bezahlt . « » Ich halte Excellenz für einen sehr honetten und zuweilen sehr heiligen Mann , der , wenn er den Feind citirt , es gewiß nur thut , um ihn zu beschwören . Vielleicht - ich sage , es ist möglich , daß er jetzt in der Stille die Hände vor seinem Bilde , nämlich im Spiegel , faltet , auch vielleicht ein Kreuz schlägt , und aus tiefer Brust seufzt : Ich bin ja nur sein unwürdiges Werkzeug ! Gegen letzteres wird denn wohl Niemand etwas einzuwenden haben . « » Incorrigibler ! « sagte die Fürstin und gab ihm einen leichten Schlag mit dem ausgezogenen Handschuh , um doch sinnend wieder vor sich niederzublicken : » Und doch , wäre es ein Wesen von Fleisch und Blut , dieses Preußen , ich könnte es beneiden um die Empfindung . So zerknirscht in Demuth niederzufallen in den Staub , an die Brust zu schlagen und zum Herrn zu rufen : Strafe mich um meinen Dünkel und meine Ueberhebung . Das sind die Früchte meiner Saaten , daß ich mich auflehnte gegen Deine Satzung ! - Ach nein , sie kennen nicht die Wollust der Demuth und Zerknirschung , sie sind alle noch aus Friedrichs Schule , schlechte Schulknaben , sie beten nicht den Herrn , nur ihren Witz an , und sein Gespenst seh ich umherschleichen - das muß eine furchtbare - die fürchterlichste Strafe des Himmels sein : so sein Werk zertrümmert , seine Schöpfung verhöhnt , sein Geist zum Pasquill - und Keiner den Muth , in ihrer Erniedrigung die Arme zu erheben : Herr , erbarme Dich unser ! « Herr von Wandel kannte die Fürstin - auch ihre temporellen Visionen . Sie genirten ihn nicht . Die liebenswürdige Frau liebte nicht die Gêne . Er wartete in Geduld , bis der Paroxysmus vorüber war ; er brauchte nicht lange zu warten . » Nun an Ihr Geschäft , « sprach sie . » Wie lange lassen Sie die arme Eitelbach warten ! « - » O , dies hat Zeit ! « - » Sie würden einen guten Marterknecht abgeben . « - » Ich weiß in der That noch nicht , was ich mit ihr reden soll . « - » Wenn Sie nur Die persifliren können , die Sie vorgeben zu lieben , so versuchen Sie es einmal , sich in die Baronin zu verlieben . Ich erlaube es Ihnen . « - » Der Rath ist nicht so übel ! « sagte der Legationsrath und verneigte sich tief . » Mit meiner gnädigen Freundin Erlaubniß will ich wenigstens den Versuch machen . « Die Fürstin hörte es nicht mehr , sie warf am Fenster der abfahrenden Adelheid Abschiedsgrüße zu . » Unter Heiligenbildern eine Heilige ! « rief der Legationsrath der Baronin entgegen . » Wissen Sie , was mein Mann von Ihnen sagt ? « replicirte die Baronin . » Wie heilig Sie auch aussähen , Sie wären ein Pfiffikus , und er möchte mit Ihnen keine Geschäfte machen . « - » Warum sollte er theilen ! Er macht für sich allein die besten . « - » Ihnen traute er nicht über den Weg , meinte er neulich . « Der Legationsrath zuckte lächelnd die Achseln : » Was konnte ich dafür , daß aus der Mäntelgeschichte nichts ward . Meine Absichten waren die besten , meine Demarchen gut , es stieß sich an andern Dingen . - Ja , theuerste Freundin , wie viel ist damit ausgesprochen ! Unser Wille mag noch so rein sein , wir thun alles , was wir können , der Himmel selbst scheint uns zu winken , und es wird doch nichts draus . Das ist der unerforschliche Organismus jener höheren Sphärenkreise , in die unser Auge vergebens zu dringen sucht . Darin finde ich aber eben den merkwürdigen Unterschied zwischen Ihrem und unserm Geschlecht , ich meine zwischen den Erwählten . Während wir noch immer titanisch nach dem Unmöglichen ringen , findet das edle Weib schon in der Entsagung den höhern Trost . Da erst verklärt sich ihre Liebe zu derjenigen , welche nicht besitzen , nur beglücken will ; selbst beglückt , wenn sie den geliebten Gegenstand glücklich sieht in der Liebe zu einer Andern . « Der Legationsrath schien unwillkürlich mit dem Taschentuch über seine Augen zu fahren . Die Baronin sah ihn aber sehr scharf an : » Was meinen Sie denn damit ? Denn das habe ich Ihnen auch abgemerkt , Sie sagen nichts ohne Absicht . « - » Meine Freundin wird aber darin mit mir einig sein , daß es unter zartfühlenden Seelen besser ist , über gewisse Interessen nur andeutend wegzugehen , als sie auszusprechen . Wer heilende Wunden muthwillig aufreißt , wird zum Selbstmörder . « Die Baronin sah ihn so klar an , daß Wandel seine Augen einen Moment niederschlug : » Manche Wunde thut auch wohl , wenn man weiß , daß , der sie schlug , es in guter Absicht that . Sie sind nicht Dohlenecks Freund , leugnen Sie ' s nur nicht ; ich weiß es - « » Mir ist er eigentlich ganz indifferent , meine Freundin . Wenn er feindliche Gefühle gegen mich hegt , so sind sie ihm wahrscheinlich vom jungen Bovillard beigebracht . « - » Sie meinen auch , wie die Andern , daß es nur Mißverständnisse sind ? « - » Von dem , was die Leute sprechen , lass ' ich mich nie bestimmen . « - » Ja , es ist ein Mißverständniß , « sprach sie mit gen Himmel erhobenen Blicken . » Es war kein Zufall , ich weiß , daß alle die Kränkungen von ihm absichtlich ausgingen - « » Ist es möglich ! « - » Ja , mein Herr Legationsrath , so gewiß , als Sie hier vor mir sitzen . « - » So abscheulich hatte ich ihn mir doch nicht gedacht . Und sieht aus , als könnte er keinem Kinde das Wasser trüben . « » Und seine Seele ist so rein , wie der Spiegel eines Sees . « - » Sie sprechen in Räthseln . - Ich , oder vielmehr ein Freund , glaubten letzthin in Ihren Blicken ein stummes Spiel gegenseitiger Verständigung zu entdecken . So kann man sich täuschen ! « - » Sie haben sich nicht getäuscht . « - » Das Räthsel wird immer dunkler . « - » Und immer heller in meiner Seele . Ja , weil der edle Mann sah , wie mein Gefühl für ihn heftiger ward , wie ich mich von ihm hinreißen ließ , und weil er mich wahrhaft liebt , darum mit eigner Selbstüberwindung jene Kränkungen und Aergernisse , die mich tief betrübten , um dann mich wieder desto höher zu erheben . Er beleidigte mich , um mich wieder zu mir selbst zu bringen , um mich von meiner Leidenschaft zu heilen . So lebten wir eine lange schmerzliche Weile uns zur gegenseitigen Qual , bis - wir uns verstanden haben . Nun aber haben wir es , und ich bitte es ihm tausendmal im Herzen ab , wie ich ihm Unrecht gethan . Ich glaubte zu leiden , und wie musste er erst leiden , indem er mir und sich zugleich so unaussprechlich wehe that . « Wandel , der etwas unaufmerksam gesessen , warf hier einen forschenden Blick auf die Rednerin . Er hatte manches , aber dies gerade nicht erwartet . Die Geschichte interessirte auch ihn nicht mehr besonders , oder er war im Nachsinnen , wie er ihr eine andere Wendung beibringe , um ihr wieder ein Interesse abzugewinnen . Es war die Neugier , wie man in einem empfindsamen Roman plötzlich die Seiten umschlägt , um die Motive eines den Leser überraschenden Sinnesumschlag zu erfahren , mit der er sie rasch fragte : » Und das hat er Ihnen Alles gesagt ? « - » Kein Wort . « - » Ah , also die Sympathie der Seelen ! « - » Warum senken Sie die Augen ? « Er musste sich gestehen , daß diese Wendung dem , was die Freunde wollten , am wenigsten entspreche : » Oh , das ist ein Thema , « rief er , » bodenlos , unergründlich . « - » Sie erschrecken ja beinah . « - » Ich ! - Erschrak ich ? - Ich stellte mir nur vielleicht die Frage , ob es ein Glück ist , in der Seele des Andern lesen zu können ? Oder nicht vielmehr ein Unglück ? Fragen Sie sich einmal , ganz aufrichtig , die Hand aufs Herz . Würden Sie wünschen , daß ein Andrer Ihre Gedanken läse wie ein offenes Blatt ? « Er hatte ihre Hand ergriffen und legte sie sanft an ihr Herz . Sie ließ es geschehen , und sah ihm klar in die Augen . Ohne alle Bewegung sprach sie mit heller Stimme : » Ja , es könnte Jeder lesen . « - » Auch der Baron , Ihr Gemahl ? « - » Jetzt erst recht . - Im Anfang schoß es mir da über den Kopf . Nachher ward ich zuweilen stutzig , ich schämte mich , wenn Der und Jener mir jetzt ins Herz sähe , und ich gab mir Mühe , daß ich ' s mir anders zurecht legte und rechtfertigte , aber nun habe ich ' s nicht nöthig . Da fiel mir wieder ein , was mal der Prediger sagte : Jedes guten Menschen Herz muß so zugerichtet sein wie ein Glasschrank . Darin verbirgt man nichts , und wer in die Stube tritt , sieht es . « - » Der gute Prediger unterließ nur hinzuzusetzen , meine Freundin , daß wir nicht Jeden in unsre Stube lassen . Die Stube verschließen wir , und der Glasschrank steht nur offen für unsere Freunde , für die , welche wir geprüft , die täglich Zutritt haben . Ja , die mögen hineinschauen , und sich der Dinge freuen , die uns erfreuen . « - » Ach , ich weiß Jemand , der würde sich zuknöpfen , wenn man ihm ins Herz sehen wollte ! « - » Wer ist das ? « Wandel schien über diese Wendung des Gesprächs noch weniger erfreut . - » Sie sind ein guter Mensch , Herr von Wandel , aber voller Finten . Reden Sie sich ja nicht aus , ich weiß es . « Er hatte ihre schöne Hand , die über der Divanlehne lag , erfasst und drückte sie sanft an die Lippen . » Könnten Sie in dies Herz schauen ! « sprach er seufzend . » Finten nennt es meine Freundin . Immerhin ! Finten sind Spitzen , aber es sind blutende Spitzen , Dolchstiche , Dornen , die Andere hinein gedrückt . Da ist der einzige , aber ein süßer Trost , daß um diese Dornen Rosen blühten . « Sie hatte die Hand ruhig seinen Küssen überlassen , und schien verwundert , als er plötzlich aufstand und den Stuhl wegsetzte . » Wohin wollen Sie denn ? « - » Nach dem Lande wo keine Rosen blühen . « - » Jetzt doch nicht gleich ? « - » Ich bin keine Stunde sicher , daß nicht die Pässe und Anweisungen aus Petersburg eintreffen , und darf meines Verweilens nicht mehr lange sein . Die Akademie in Petersburg hat zu meiner Beschämung eine so dringende Vorstellung an Seine Majestät den Kaiser gerichtet , die Untersuchung der Bergwerke für so wichtig erklärt , und meine geringen Kenntnisse so hoch angeschlagen , daß ich undankbar wäre , wenn ich dem ehrenvollen Rufe zu folgen nur einen Augenblick zauderte . « - » Ihre Verdienste in Ehren , aber - die Gargazin wird sie wohl recht ausgeschrieen haben . « - » Erlaucht hat allerdings auch Güter in Asien , und einige Bergstriche versprechen , wenn mein Auge aus der Ferne sich nicht täuscht , unter geschickter Hand eine ungewöhnliche Ausbeute . « - » Nach Asien wollen Sie , Herr Gott , das ist weit . « - » Bis an die chinesische Grenze . Sie mögen denken , wie schwere - sehr schwere Opfer es mich kostet ! « » Wie so denn ? « - » Muß ich nicht meine eigenen Güter in Thüringen verlassen ? « - » Wissen Sie , was mein Mann sagt ? - Die möchte er nicht geschenkt haben ; wenn Sie nicht die Feldsteine zu Klößen kochen lernten , müsste ' ne Kirchenmaus drauf verhungern . « - » Ei , Ihr Herr Gemahl auch Oekonom ? Ich hielt ihn nur für einen Spekulanten . Für den glücklichsten , weil - er das große Loos gezogen hat . « Die Baronin lachte ihn recht herzlich an : » Damit meinen Sie mich ; mir verbergen Sie nichts . Wenn Sie aber meinen Mann fragen , so sagt er Ihnen , es wäre seine schlechteste Spekulation . « - » Ich halte viel auf Ihren Herrn Gemahl . Ueber dem tiefen Schacht von Wissen und Erfahrung spielen wie Schmetterlinge Humor und Witz . Ich weiß seinen kaustischen Witz zu schätzen ; weil ich ihn verstehe , verwundet er mich nicht wie Andere , und es thut mir aufrichtig leid , daß unsere verschiedenen Berufsgeschäfte uns so selten zusammenführten . - Glauben Sie mir , auch von ihm wird mir die Trennung schwer . « - » Von wem denn sonst noch ! Von der Geheimräthin oder der Fürstin ! oder - oder - oder « - » Verdiene ich diese Bitterkeit ? Die Baronin Eitelbach sieht mich gern scheiden . « - » Nein , weiß Gott , nein , ich plaudere gern mit Ihnen . Ich glaube Ihnen nicht alles , was Sie sagen , aber es hört sich so hübsch an . Es klingt , als ob man mit Ihnen in die Wolken fliegen müsste . « - » Seele mit dem Taubenauge und dem Blick des Adlers , erlauben Sie mir , den Bruderkuß auf die Stirn der Schwester zu drücken . « Sie wehrte ihn , als er im Begriff war es zu thun , sehr entschieden zurück : » Sie sind es noch nicht . Wenn ' s so weit ist , wollen wir uns besinnen . « - » Einen Wunsch erlauben Sie mir wenigstens , mit den Lippen auf Ihre schöne Hand zu hauchen . « - » Hauchen Sie aber nicht zu lange . « - » Wie Sie in meine Seele blicken , möchten Sie eben so klar in die des Rittmeisters blicken ! Jetzt noch nicht , aber später , wenn ich fort bin . « - » Warum denn jetzt nicht ? « - » Jetzt hat er genug Beschäftigung mit der kleinen Choristin . « - » Welche Choristin ? « - » Die in der Geisterinsel die Herzen entzückt . Sie wissen ja . « - » Sie sind ein abscheulicher Mensch . « - » Vielleicht irre ich mich auch . Sein Neffe , der Kornet , bezahlt sie , und die böse Welt sagt : für seinen Onkel . Doch , wie gesagt , das mag nur Gerede sein . Und wäre es , ist ' s ein Versuch , seinen Schmerz zu betäuben . Das will ich ihm verzeihen . Aber - ich glaube , es ist vielleicht besser , ich schweige . « » Nein , jetzt ist ' s besser , Sie reden . Das ist eben so abscheulich von Ihnen , daß Sie einen Stachel Einem ins Herz senken , und dann laufen Sie fort . Man quält sich , was es ist , und dann ist ' s am Ende nichts . « » Auch ich hoffe , daß es nichts ist . Das ist das Opfer , welches ich Russland und der Wissenschaft bringe , jetzt von so vielen Freunden mich loszureißen , die vielleicht meiner Hülfe bald bedürfen . Einer Eigenschaft rühme ich mich - ich ward frei von Affekten , ich blicke in die Zukunft , in die Seelen der Menschen , die Fältchen und die Schleier derselben täuschen mich nicht . Der Rittmeister ist , ja ich gebe es zu , was man nennt , ein guter Mensch , aber verschuldet , bis über die Ohren verschuldet . Der Krieg konnte ihn retten . Nun bleibt Friede . Er muß alle Anstrengungen machen , sich über dem Wasser zu halten . Damals , als es losgehn sollte , überkam ihn ein nobler Impuls ; das ist nun vorüber , er ist Mensch , ein armer Edelmann , ein Offizier , auf seine Gage angewiesen , von Gläubigern gedrängt , gewissermaßen von den Umständen zum Aventurier gestempelt , gezwungen , sein Alles auf eine Karte zu setzen . Lieber Gott , er ist darum kein Bösewicht , daß er alle Rollen spielt , den brüsken , den sentimentalen , sogar den idealen Liebhaber , um eine reiche Frau zu kapern . « » Sind Sie bei Trost