. Der Künstler soll Partei nehmen , wie es die Alten thaten . Die Alten malten im Glauben . Der Glaube war ihnen Partei . Der Zweifel konnte nichts malen , er sah nur auf Effecte , wie es seit Guido Reni , Carlo Dolce und meinem sonst prächtigen , theatralischen Guercino Mode wurde . Die Neuen haben keinen Glauben und auch keinen rechten Zweifel ; gut ! sie sollen nur gerecht sein und geschichtlich und wahr . Sie mögen eine Thatsache einfach hinstellen , aber dann doch so gruppirt , daß sie verrathen , sie hätten selbst darüber nachgedacht und empfänden etwas über ihr Bild , irgend eine warme Überzeugung . Wie kommt mir nun hier , bester Wildungen , die Erbärmlichkeit dieses Nicodemus zur Anschauung , der nur bei Nacht den Muth hat , ein Christ zu sein ? Zeigen Sie mir diese seine Erbärmlichkeit ! Diesen Augenspiegel unserer ganzen Gegenwart ! Ich weiß zunächst nicht , antwortete Siegbert , die ästhetische Tendenzfrage fast vermeidend , soll ich ihn sehr reich oder recht arm kleiden ? Das Erstere würde im Einklang zu seinen Dienern und den geschmückten Kameelen stehen , das Letztere aber gerade durch den Contrast mit diesen Umgebungen andeuten , daß er demüthig und voll Reue ist und seines Prunkes sich begeben will . Jesus sagt ihm ohnehin , es könne Niemand selig werden , der nicht in den Schoos seiner Mutter zurückkehre und von neuem geboren würde . Arm aber oder reich gekleidet denk ' ich doch , daß hier die einfache Thatsache ihre Auslegung in sich selber trägt . Wie sollt ' ich hier mein Urtheil anbringen , ohne nicht in Gefahr zu gerathen , den Frieden der Situation zu stören ? Sie möchten den Nicodemus mit dem Pinsel gern geißeln , Leidenfrost ! Geht Das ? O ! rief dieser , prügeln möcht ' ich ihn und nicht blos mit dem Pinsel ! O nein ! fuhr Wildungen lachend fort , bleiben wir in der Welt meines Tuschkastens ! Liegt nicht in des Heilands ernstem Blicke schon die ganze versöhnende Kritik seines nächtlichen Besuches ? Wird Nicodemus nicht demüthig zur Erde schauen müssen und sich verneigen mit gekreuzten Armen , wie der Andächtige vor dem Crucifix ? Versöhnt Das nicht ? Und er kommt ja doch ! Er folgt ja doch zu irgend einer Stunde dem innern Rufe , wenn auch nur bei Nacht ! Er büßt doch seinen Fehler dadurch , daß .. er ihn büßt ! Mehr als das bloße » Doch kommen « , » doch dem innern Drange Erliegen « mehr würde Strafe sein , unmöglich vorauszusetzen in der Absicht des Erlösers . Ich theile wie Sie den Zorn über die täglich uns begegnenden Menschen , die nicht den Muth ihrer Überzeugung haben , aber ich gestehe , ich habe mit der schwierigen Lebensstellung eines Pharisäers , wie Nicodemus , soviel Mitleid , daß ich ihn liebe , voll Wehmuth liebe , liebe seiner Schwäche wegen . Und gestehen Sie doch , wenn ein reicher Mann und gefeierter Schriftgelehrter zum Herrn kommt , ist ' s doch wol etwas mehr , als wenn arme Fischer und Handwerker von vornherein sich gleich zu ihm hielten ? Hm ! brummte Leidenfrost . Zumal wenn man bedenkt , daß die Tausende von Müssiggängern , die diesem galiläischen Wanderprediger nachliefen , sich manchmal , um satt zu werden , mit fünf Broten und zween gebacknen Fischen begnügen mußten ... Gut ! Gut , Wildungen ! Malen Sie Ihren Nicodemus , zu deutsch : Ihren Herrn von Volksbezwinger so , wie er für die fromme , weichmüthige Welt paßt und im Gethsemane gewiß bei Hofe großen Effect machen wird .. schon der Fackelbeleuchtung wegen .. Aber , wenn ein Anderer einmal den Gegenstand ergriffe ... Schweigen Sie endlich ! rief Heinrichson nicht ganz im Scherz . Ihre verdammte Ideenfülle , Leidenfrost , macht uns noch Alle confus ! Wenn wir einen guten Gedanken zu haben glauben , so setzen Sie immer noch einen Trumpf darauf und bringen uns in Verwirrung ... Reichmeyer stimmte dieser Bemerkung kräftigst bei und wünschte die Kritik zu allen tausend Teufeln ... Malt was Ihr wollt ! sagte Leidenfrost kurz und bündig und kehrte zu seiner Staffelei zurück , auf der er architektonische Prospecte angefangen hatte . Siegbert aber fuhr ungestört und nicht im geringsten zürnend in seiner Bleistiftskizze fort . Wie kann Euch aber , sagte er , nachdem Alle wieder an ihre Arbeiten gegangen waren , zu den beiden zürnenden Genossen , wie kann Euch eine fremde Auffassung nur irre machen ! Ihr wißt , daß ich mit dem Namen des Künstlers nicht so oft um mich werfe , wie so viele Pfuscher unserer Kunst ; aber darin hab ' ich mich wirklich doch als Künstler weg , daß ich nicht von jedes Andern Idee so rasch ergriffen werde , um aus meiner eignen Anschauung , aus dem mir nothwendigen Leben des Gemüths und den Grenzen meiner Phantasie herauszukommen . Ich wünschte gerade , daß Leidenfrost aufrichtig sagte , wie er diesen Stoff behandeln würde ! Was thut Das ? Ich müßte mir vorkommen , als wäre meine Malerei mein Elend und Jammer , wenn ich vor der Ideenwelt der Andern immer gleich erschräke ! Diese Meinung theil ' ich nicht , sagte Reichmeyer . Hat man von einer andern Auffassung den Effect erkannt , so bin ich der unglücklichste Mensch , wenn ich bei meiner eignen , die vielleicht nüchterner ist , bleiben muß ... Diese Empfindung , antwortete Siegbert , haben Sie nicht aus Italien , sondern aus Paris mitgebracht . Sie Glücklicher , Sie hatten die Mittel , auf Reisen zu gehen und wählen Paris für Rom und Florenz ! Was haben Sie bei Vernet und Delaroche gelernt ? Vortreffliche Farbenzusammenstellungen , rasche Pinselführung , aber auch eine knechtische Verehrung vor dem Götzen Effect , den Ihnen unser guter treuer Eckart der Kunst , Professor Berg , nicht wieder austreiben kann . Ihr seid die wahren Eklektiker der Kunst ! Ihr malt die Heiligen , die Griechen , die Fischerknaben , die Betteljungen , die Grenadiere , Alles durcheinander , wenn sie einen brillanten Moment abwerfen , wie Schauspieler , denen jede Rolle , jeder Geschmack recht ist , wenn sie nur Gelegenheit finden , sich darin als Virtuosen zu zeigen . Die Deutschen malen langweilig , sagte Reichmeyer kurzweg . Jeder denkt , wenn er sich selbst gegeben hat , wär ' er ein Poet mit dem Pinsel . Das ist eine alte Sage , die von unsern Akademieen und den bezahlten Professoren noch aufrecht erhalten wird . Aber die Geldbeutel der Käufer glauben nicht mehr daran . Sehen Sie nur zu , lieber Wildungen , was geschehen würde , wenn man von unsern königlichen Frescomalern ihre Nibelungensuiten , nach der Elle gemessen , auf den Markt brächte ; wer würde viel dafür geben , auch wenn er die Wände hätte , diese schöngezeichneten bunten Tapeten passend aufzukleben ! Drum Dank dem Himmel , antwortete Siegbert , daß noch Möglichkeiten sind , die Kunst von der Liebhaberei des Privatgeschmackes frei zu halten ! Sagen Sie nicht , ein Fürst , der auf große Bauten viel verausgaben kann , folge in ihrer Ausschmückung doch auch nur den Eingebungen seines Privatgeschmackes ! Nein ! Wir mögen über Geschmacksrichtungen streiten , soviel wir wollen , eine Kirche bringt ihren eigenen Geschmack mit sich , ein Königspalast gleichfalls , eine offene große Halle gleichfalls . Jede Anknüpfung der Kunst an große Institutionen veredelt das versteckte Gelüste der Privatliebhaberei und könnten wir es dahin bringen , daß alle Anknüpfungen der Künste noch , wie in alten Zeiten , großartige , allgemeine , vom ganzen Staatsleben unterstützte wären , so würden wir aller Willkür der Kritik , aller Anarchie der Production überhoben sein und Das malen , dichten , meißeln , componiren , was die Zeit wirklich will und was sich für das Allgemeine und die Würde der Kunst schickt . Ein wahres Wort ! mischte sich jetzt wieder Leidenfrost beistimmend ein . Ja ! Wildungen , Sie sind auch so ein Nicodemus , der nur manchmal bei Nacht in den Hof der Wahrheit kommt ! Sie wissen das Bessere und handeln nicht immer darnach , von Heinrichson und seinem alten mythologischen Schwäne-Kram und Reichmeyer ' s Melodramen-Malerei ganz zu schweigen ! Ich habe Sie gestern mit Champagner gelabt , ich darf Ihnen heute Wermuth reichen . Wenn Ihr wahr sein wollt , gibt es eigentlich keine ideale Malerei mehr , es gibt nur noch Landschaften , Jagdstücke , Portraits und auch die sind schon verdrängt durch die Lichtbildnerei . Die wahre Bestimmung der neuern Malerei ist Zimmerschmuck , und in allen andern Bestimmungen erblick ' ich nur Krücken , auf denen sie nothdürftig so dahinhumpelt ! Kirchengemälde ! Wer baut denn Kirchen aus Kirchendrang ? Sind denn Kirchen nöthig ? Schmelzen nicht alle Gemeinden der positiven Staatskirche so zusammen , daß sie in einem mäßigen Saale Platz hätten ? Und die Dissidenten , die Sektirer , die eigentlich Frommen wollen keine Bilder . Um die paar Kirchen , die der Gustav Adolf-Verein bauen läßt , wird man doch nicht sagen , daß noch das Kirchenbauen an der Zeit ist ! Cornelius mit seinem ganzen jüngsten Gericht ist eine alte Reliquie von Anno Schwartenleder . Da sind wol mehr Gedanken sichtbar als bei Rubens mit seinen dicken zu Gnaden angenommenen Blondinen und den alten wasserbäuchigen Sündern , die von den Teufeln gepiesackt werden ; ja , Cornelius hat Kohlrauschen ' s deutsche Geschichte gelesen und weiß , wer Segestes war und Rubens hat nicht den Kohlrausch gelesen ... aber die ganze Geschichte mit den jüngsten Gerichten und den Posaunenengeln und den Zornschalen ist alte Schweinsschwarte . Die Narrenspossen ! Und nun Gott Vater , Gott Sohn , Gott der heilige Geist und solches bunte Farben-Gepinsel mehr ! Sind denn Ruhmeshallen an der Zeit ? Was ist denn Ruhm ? Ein König setzt sich zu Gericht und sagt , was Ruhm ist ! Ich will ein Volk sehen , das seine Kränze durch millionenfache Acclamation austheilt und was erleb ' ich , Den , den ein paar Tausend bewundern , wollen ein anderes paar Tausend mit Koth bewerfen ! Ehe nicht unsre ganze Gesellschaft geändert ist , ehe nicht die Herrschaft des Volkes entschieden hat , was heutzutage noch die Schultern des Menschen tragen , seine Hirnfasern glauben können , ist alle Kunstpflege Spittalsuppe . Der thut fromm und mischt seine Farben statt in Öl in Thränenwasser der Andacht , wie Sanct Fiesole ; der malt lange Hünen und ausgereckte Recken , die Cuvier zu Mammuthszusammensetzungen hätte benutzen können , zu präadamitischen Zeuglodons ; der liebäugelt mit dem allgemeinen Begriff des Schönen und lockt sich ein Situatiönchen aus einem Gedichtchen oder einem Märleinchen hervor - und das Gequängel und Gepimpel wird noch dazu von einem ebenso confusen Geschmacke bezahlt , beliebäugelt ... und doch jammern die Herren , daß diese Sachen nicht das Evangelium sind und die Menschheit ummodeln können ! Mit den Dichtern und Componisten ist es fast ebenso ! Alle leiden daran , daß unsere Zeit erst zu einer neuen Herrschaft großer Thatsachen im Durchbruch liegt , Alle klammern sich an Vergangenes und machen sich eine künstliche Bildung , weil für eine natürliche und zeitgemäße die Anknüpfungen fehlen . Oft denk ' ich : Käme nur einmal ein rechtes Wetter und übergösse Alles mit Hagel wie Quadersteine so groß , was jetzt prangt und sich brüstet ! Auch die Kalmücken nähm ' ich zu dem Ende mit Vergnügen an , wenn sie nur Alles kurz und klein hackten wie die Türken in Alexandria , die nichts leben ließen als den Koran . Unser ganzes Zeitalter ist ja ein solches buchmäßiges und schriftgelehrtes , wie es das alexandrinische war ... Heinrichson war über diese Humoreske sehr unwillig . Er nannte sie geradezu eine outrirte Barbarei und warf Leidenfrost vor , daß er sich in auffallenden Behauptungen gefalle , die an burschikose Renommisterei grenzten .. Sie wissen nicht recht , Leidenfrost , sagte er mit seinem feinen , spitzen Tone , welcher Stimme Ihres Innern Sie folgen sollen ! Bei uns Malern sprechen Sie wie ein Maschinenbauer und wenn Sie hinausgehen in die große Willing ' sche Maschinenfabrik und dort Modelle zeichnen , so werden Sie da gewiß wieder von schönen , idealischen Formen reden und hoffentlich die Lokomotiven mit häßlichen Tintenfässern vergleichen , ja nicht einmal mit diesen , sondern mit plumpen , chemischen Zündfeuerzeugen oder Apothekerbüchsen für Pferdecuren . Ich wette , daß Sie eben im Begriff sind , einen neuen Hebebaum zu erfinden und wenn er gut ist , wird der Königshasser die Demüthigung erleben , daß man ihn beim Kölner Dom in Anwendung bringt . Aha ! rief Leidenfrost und pfiff die Marseillaise . Die Politik , sagte Siegbert zur Vermittlung , die Politik , lieber Heinrichson , spielt doch auch sehr in diese Fragen hinein ! Sie sind conservativ und haben Ursache dazu . Ein Maler , dem man zu Gefallen echte isländische Schwäne vom König ankaufen läßt , würde undankbar genannt werden müssen , wollt ' er demokratische Auffassungen theilen . Diese Gêne macht ja leider uns Alle so zahm und verpflichtet uns . Dennoch gibt es Demokraten unter uns . Auch Reichmeyer ist Demokrat , solange die Demokratie sich nicht auf communistischen Gelüsten ertappen läßt . Leidenfrost schüttet aber das Kind mit dem Bade aus und ist in seinen Irrthümern um so gefährlicher , als er selbst die Geheimnisse unsrer Kunst kennt und in Weihemomenten noch Glauben genug an sie besitzt , sie in seinem Sinne zu üben . Warum wollen wir in der hereinbrechenden Barbarei des Materialismus die Flucht ergreifen ? Warum die Fahne Rafael ' s und Dürer ' s im Stich lassen und zu den Fabrikarbeitern und Nützlichkeitslehrern übergehen ! Auch ich fühle für die praktischen Bedürfnisse des Volkes und die Nothwendigkeit , Alles zu bekämpfen , was die Tyrannei des alten Systems aus der Kunst entlehnt , um sich zu schmücken und scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen , aber ... Nun , rief Leidenfrost , nun ? Sie sagen da etwas Entsetzliches , Wildungen ! Sie stocken schon ! Die Tyrannei entlehnt aus der Kunst , um sich zu schmücken und sich scheinbar als Blüte der Humanität darzustellen .. schlagendes Wort ! Bricht diese nichtswürdige Lüge aber nicht der Kunst den Hals für immer ? Nein , sagte Siegbert ruhig , sie beschämt nur die Tyrannei . Die Kunst selbst kann , darf nicht leiden unter ihrer falschen Anwendung . Der Sinn für das Ideale darf nicht aussterben , die neidische Feindschaft gegen das Schöne nicht gehegt und befördert werden . Sagen Sie selbst , Leidenfrost , in unserm neuen Freunde , dem liebenswürdigen Franzosen Louis Armand , liegt nicht bei all seiner Vortrefflichkeit und seiner warmen Empfindung für die Leiden des Volkes etwas in ihm , was man einen mangelnden sechsten Sinn , den der Schönheit nennen könnte ? Fünf Sinne brauchen wir nur ! antwortete Leidenfrost trocken . Reichmeyer fragte noch einmal nach dem Namen des Franzosen , den er eben erwähnt hörte .. Louis Armand ! wiederholte Siegbert . Louis Armand aus Paris ? Ich kenne einen Vergolder dieses Namens , der dicht an Delaroche ' s Atelier wohnte . Heinrichson , dem das Gespräch zu politisch wurde und es darum auf Anderes lenken wollte , sagte : Gewiß , derselbe , oder ein Agent seines Geschäftes , der sich hier niedergelassen hat . Man rühmt die Proben seiner Gemälderahmen und hat Vieles bestellt ... Er hatte in Paris ein bescheidenes , aber gesuchtes Geschäft , ergänzte Reichmeyer . Das ganz Landhaus einer vornehmen Dame , der Gräfin d ' Azimont , sah ich ihn einmal mit Spiegeln auslegen , wo er vielen Beifall erntete . Ich habe einige enkaustische Sachen für diese Einrichtung gemalt ... Heinrichson verstand Reichmeyern und merkte die Absicht , daß er ihm behülflich sein wollte , den politischen Faden abzuschneiden , den er nicht verfolgen wollte , da er ein leidenschaftlicher Anhänger des Bestehenden war und nur mit Vornehmen umging . Ein Handwerker , sagte er , der von Künstlern lebt , sollte gegen die Künste dankbarer sein . Ich finde es sehr komisch , Gemälderahmen zu machen , Spiegelpaläste zu zaubern und gegen Gemälde und den Luxus überhaupt , wahrscheinlich als Sozialist , zu polemisiren . Apropos ! Die Gräfin d ' Azimont .. Tragisch ist Das , bester Heinrichson , unterbrach Siegbert , der , wenn er einmal in Erregung war , von seiner Glut für die richtige Überzeugung nichts vergab und nun nicht dulden mochte , daß Heinrichson zu der ihm völlig gleichgültigen Gräfin d ' Azimont ablenkte . Tragisch find ' ich Das , wiederholte er , wenn ein Mann , der in seiner Theorie etwas haßt , in der Praxis davon zu leben gezwungen ist . Erinnern Sie sich , Leidenfrost , wie erschüttert Armand war , als er zufällig auf jenen Spiegelpalast zu sprechen kam . Sagte er nicht , daß er dort den Prinzen Egon kennen gelernt hätte ? Nein , berichtete Leidenfrost , er hat ihn dort nur nach früherer Bekanntschaft in Lyon wiedergefunden . Wohl ! fuhr Siegbert fort . Aber darin müssen Sie mir Recht geben , daß unserm Armand doch ein gewisser höherer Sinn fehlt für das Schöne , das Träumerische und Ideale in unserm Sinne . Ich gebe zu , daß man im Schweiße seines Angesichts , vom untersten Schmuze der Arbeit niedergezogen , nicht im Stande ist , sich zu einer reinen und heiteren Auffassung auch der Dinge aufzuschwingen , die zunächst keinen handgreiflichen Nutzen tragen . Aber aus dem Nichtvermögen entstand hier auch das Nichtwollen . Sie verwerfen die Kunst als Ausgeburt des Luxus diese Communisten ! Und kann man im Grunde den Ursprung der meisten Kunstwerke in etwas Anderem , als in der Leidenschaft für den Luxus finden ? Solange noch dem Überflüssigen die jammervolle Nichtbefriedigung des Nothwendigen gegenüber existirt , solange ist auch die Kunst zur Gesellschaft schief gestellt . Wer die Kunst selbst anfeindet , weil sie überhaupt da ist , ist ein Barbar . Wer aber begehrt , daß die Kunst aus andern Beweggründen da sein solle , als nur in Folge der ungleichen und grausamen Eintheilung der Gesellschaft , dem muß ich Recht geben und halte ihn für einen um so größeren Menschenfreund , je mehr er die Kunst selber liebt . Jetzt sind wir die Sklaven der Reichen ! Jetzt liegt an jedem Pinselstriche , den wir über die Leinwand ziehen , der Fluch des Elends der Gesellschaft ! Wer sich damit tröstet , sich zu den Vornehmen , zu den Begüterten zu halten und in der Bezeichnung eines Reactionärs für sich etwas Ehrenvolles findet , der mag malen , dichten , componiren und von der Gunst der Großen Tausende verlangen , um seine Schöpfungen beim hellsten Lichte in ' s Leben treten zu sehen . Ich kann nicht zu diesen Glücklichen gehören . Ich möchte , daß die Kunst etwas Nothwendiges wäre und der Staat selbst , der durch die Volkssouveränetät frei gewordene Staat , sie mit in seine Sphäre aufnähme . Welch ein Gefühl , zu schaffen für eine Nation ! Welche Wonne , mit seinem Talent einem großen , schönen Ganzen zu dienen ! Nicht Aufdringling mehr , nicht geduldeter Sklave der Reichen , beschützter Schwächling , den die Tyrannen in ihre Obhut nehmen müssen ; nein , ein Priester des Volkes , berufen und geweiht vom Genius des Vaterlandes ! Welche Bilder , welche Gedichte , welche Gesänge sollten dann entstehen ! Wie würde die schwache Kraft des Einzelnen wachsen und mit Adlerschwingen emporfliegen ! Wie würde Feindschaft , Isolirung , Geschmacksanarchie weichen und Alles zu Gesammtschöpfungen sich vereinigen , da hinfort nicht mehr aus uns die Willkür , sondern die Idee selbst herausbricht und in duftende , bunte Blüten schießt ! Jetzt leben wir versteckt , fast , wie Lessing ' s Maler sagt , vom Diebstahl der Natur ; dann würden wir geborne Krösusse sein und die Natur zu bereichern scheinen ! Heinrichson schickte sich nach diesen Worten an , zum Zeichen des Aufbruchs seine Pinsel zu reinigen , .. eine lästige Arbeit , mit der die Maler , wenn sie in Öl arbeiteten , ihr vormittägiges Tagewerk beschlossen . Des Nachmittags kamen Wenige in das Atelier , so anziehend auch die Kühle des Raumes war ... Reichmeyer aber lobte diesmal zu Heinrichson ' s Ärger Das , was Siegbert gesagt hatte . Nur bedauerte er , daß man selbst in Frankreich , wo doch das nationale Leben am unmittelbarsten in jedem Einzelnen sich wiederfände , es nicht dahin hätte bringen können , die von der Regierung selbst beschafften künstlerischen Bestellungen ohne Neid von den Künstlern , die leer ausgingen , betrachtet zu sehen . Indessen fügte er hinzu , ist es doch immer erhebend zu beobachten , wie die gewöhnlichsten Bauern und Handwerker durch das Museum von Versailles wandern und sich die Heldenthaten der französischen Nation von Chlodwig bis zu den Feldzügen in Algier betrachten . Auch die Theater und sogar die Literatur sind in Paris weit mehr Volkssache als bei uns , und Niemand murrt darüber . Und doch noch Alles zu sehr Spekulation , sagte Siegbert , zu sehr Willkür des Einzelnen ! Mein Freund Wildungen , nahm Leidenfrost in seiner ruhigen kaustischen Weise die Erörterung auf , mein Freund Wildungen will Griechenland wiederherstellen und weiß nicht , was er da erst Alles abschaffen müßte . Ich will von unsern zwanzig Grad Reaumur im Winter nicht sprechen . Man hat bei uns die Kirchen gebaut , ohne Rücksicht auf das Klima , rein aus Nachahmung der warmen Gegenden , die die Wiege des Christenthums waren ! Aber dies Christenthum selbst ist seinen Plänen im Wege . Gerade dieser Religion verdanken wir die gänzliche Unmöglichkeit , die schönen Künste irgendwie anders in den Staatszweck einzuführen , als wir sie jetzt haben . Schafft uns erst die Verachtung der Welt , die mönchische Isolirung , den Miskredit des absolut Schönen , die Zweideutigkeit alles Formenreizes ab , und hernach wollen wir mit der Menschheit sprechen ! Das macht sich aber nicht . Apollo steht auf dieser Wolkenschicht und Christus auf der andern . Die Menschen fallen nicht dort , sondern hier nieder , nicht vor dem schönen griechischen Gotte mit den menschlich vollendeten Gliedern , sondern vor dem ernsten , strengen verhüllten Lehrer der Entsagung ! Die Tugend und Enthaltsamkeit ist den Menschen so ehrwürdig , daß sie aus Einem , der sie bis zur höchsten Vollendung übte , Gott selbst gemacht haben . Ehe nicht einmal ein Prophet kommt und die beiden Wolkenglorien verschmilzt , dem Apollo einen Heiligenschein , dem Christus eine Leyer in die Hand gibt , ehe nicht Apollo das Kreuz trägt und Christus wie einst die Ehebrecherin so auch die Musen , die vor ihm knieen müßten , frei spricht , eher wird sich auch in der Kunst und ihrer Stellung zum Leben nichts ändern . Wildungen möchte gern olympische Kränze austheilen und zu einem theatralischen Schauspiele ganze Völker einladen wie zu einem alle Jahre einmal stattfindenden Moment des fließenden Januariusblutes . Die Zeiten dieser Wunder sind vorüber ! Und wen es anekelt , mit seiner Malerei um die Gunst der Großen und Reichen zu betteln , Kritiken zu lesen und nach Schultheorieen gefuchst zu werden , der verschönert die jungen Künste und Gewerbe , die einmal im Charakter unserer Zeit liegen und malt , wenn es nicht anders geht , ... Pfeifenköpfe und Porzellanteller . Das schönste Bild , das ich malen könnte , macht mir nicht soviel Spaß , als z.B. die Idee , dem Stallmeister Lasally einen idealen Pferdestall nebst daran stoßender Reitschule zu bauen .... Wenn es meinem Cousin gelingt , eine reiche Frau zu heirathen ! fiel Reichmeyer lachend ein , mit einem spottenden Blicke auf Siegbert , der roth wurde , da durch Leidenfrost ' s outrirte Grillen das im Atelier beliebte Melanie-Thema wieder in Gang kam . Heinrichson zog sich einen eleganten Frack an und rief : Leidenfrost profanirt das Atelier ! Er zeichnet hier Grundrisse zu Pferdeställen ! Seine Phantasieen von Kalmücken und hereinbrechenden Baschkiren sind nun erklärlich . Wie können Künstler so sich von der Unruhe des Tages erschüttern , ja wegreißen lassen ! setzte er ärgerlich hinzu . Proletariat , Communisterei ... welche Worte in einem Atelier , das Sie selbst so schön , so poetisch in Ihrem gefeierten Bilde geschildert haben ! Ist Das auch nichts , daß wir Künstler und Genossen von Ihnen Alle verspottet wurden , daß Sie mich darstellten , wie ich in Fräulein Schlurck eine Sphinx sahe - Reichmeyer warf hinein : Und ich ein Meerweib mit goldenen Schuppen am Leib - Beide Collegen wurden boshaft , worunter mehr Siegbert als Leidenfrost litt , der jedoch Siegberten durch eine Bemerkung beisprang , die er so obenhin einwarf . Warum nicht eine Leda ! sagte er . Heinrichson hätte dann nicht nöthig gehabt , die Auguste Ludmer zu copiren . Die Wirkung dieses Namens war auf die Maler eine komische . Man lachte und sah zu dem ärgerlich die Augen niederschlagenden Heinrichson hinüber ... Leidenfrost hatte ein zweideutiges Mädchen genannt . Wissen Sie , wo Auguste Ludmer jetzt wohnt ? fuhr Leidenfrost boshaft fort . In der Brandgasse Nr. 9 , Zimmer Nr. 17. Sie sind maliciös , sagte Heinrichson , und dennoch loben wir Sie ! Solche Gesinnung ist also auch nichts ? Künstleraufopferung , Hingabe aller Eitelkeit , rein der Idee des Schönen wegen , ist Das auch nichts ? Oder ist es eine Gesinnung , würdig der bezahlten Sklaven , die den Reichen die Honneurs machen ... Ich prophezeie Ihnen - Vergessen Sie Ihre Rede nicht , Heinrichson , sagte Leidenfrost , da will Sie eben ein Abgesandter des versammelten Volkes von Athen sprechen ! Freier Künstler , wahrscheinlich sollen Sie für den delphischen Apoll eine Skizze zu einem geschmackvolleren Dreifuß machen , damit Ihre Prophezeiung besser gedeiht .. Heinrichson wandte sich um . Ernst , der Bediente der Frau von Harder , stand in glänzender Livree schon länger hinter ihm , hatte mit schlauem Lächeln die Späße über die verstoßene Nichte der alten Ludmer gehört und richtete den Auftrag aus : Frau Geheimräthin lassen Herrn Heinrichson ersuchen , heut Abend zum Thee zu kommen . Es wird große Gesellschaft sein . Als Heinrichson bejahend und etwas erröthend genickt und Ernst sich kurz und bündig entfernt hatte , rief Leidenfrost : Tusch ! Hurrah ! Tatterata ! Tusch ! Er blies dabei , als sollte ein ganzes Orchester sein Vivat unterstützen ... Bester Freund , setzte er zuletzt spottend hinzu , gilt die Einladung dem Maler oder Ihnen selbst , sozusagen als schönem Modell ? Ist Das einfache Anerkennung oder Anerkennung der Anerkennung ? Sollen Sie dieser alten Pythia an dem Theekessel der Begeisterung Liebe einflößen ? O heiliger Apollo , ich schwöre dir , auf diese Verirrung eines Collegen mach ' ich keine Satire , denn statt einer Sphinx wäre ich da versucht , eine alte Nachteule aus dem Geschlechte der großen Neuntödter zu malen . Heinrichson biß sich auf die Lippen . Äußerlich aber nahm er den Spott nicht übel , sondern antwortete in der ihm eignen feinen und gewandten Art : Damit würden Sie die ganze Wahrheit treffen , bester Freund ; denn die Eule ist der Vogel der Minerva . Ich lerne Weisheit bei jener Frau . Man sieht Ihnen an , daß Sie nicht zu ihren Protégé ' s gehören ... Reichmeyer wandte sich und bemerkte verstimmt : Gesellschaft bei Harder ' s ? Schade ! Wie so ? fragte Heinrichson . Ich komme da in Verlegenheit ... Ruhe ! Stille ! rief Leidenfrost spottend . Apelles und Polygnot schütten ihre Verlegenheiten aus ... Aspasia hätte wol auch Beide zum Thee laden können ! Leidenfrost , schweigen Sie ! sagte Heinrichson zornig . Was ist ? wandte er sich leise zu Reichmeyer . Ich wollte den Abend zur Geheimräthin , sagte Reichmeyer , da mir die Gräfin d ' Azimont , der ich heute freilich schon sehr früh um elf meine Aufwartung machen wollte , um sie als Pariser Gönnerin zu begrüßen , sagen ließ , sie wäre unfähig mich anzunehmen und ersuche mich , wenn ich sie sehen wollte , heute Abend zur Harder zu kommen , falls ich dort eingeführt wäre . Sie würde sich dort einige Augenblicke zeigen . Zweiter Tusch ! rief Leidenfrost . Vornehme Verachtung ! Sie würde sich da einige Augenblicke zeigen ! Für Geld sehen lassen ! Vielleicht läßt sie beim Vorüberschlüpfen eine gnädige Bestellung fallen , die Spiegelprinzessin ! Siegbert lächelte still für sich über diesen ungeschlachten Gesellen und arbeitete . Sie irren , sagte Reichmeyer zu Leidenfrost gereizt . Die Gräfin weiß sehr wohl , daß ich den Grund ihrer Zurückgezogenheit verstehe . Sie hat ein Verhältniß mit dem Prinzen Egon von Hohenberg , der in Paris mit ihr gebrochen hat . Sie ist ihm nachgereist , hat ihn sehr krank gefunden und ist davon wahrscheinlich so erschüttert , daß sie sich vor Niemandem sehen läßt , außer , wo sie muß ... Außer auf der großen Parade heute bei Heinrichson ' s Minerva - ergänzte Leidenfrost . Haltet Euch an sie , Jungen ! Sie braucht eine öffentliche Demonstration ihres Schmerzes . Wie wär ' s mit einer weinenden Heiligen aus dem Kalender ? Oder mit Miniaturen zu einem Gebetbuche , das ihre Augen benetzen werden ? Hundert Louisdors für eine Magdalena , die zur Abwechselung einmal im gelben Duft interessante Thränen weint ! Heinrichson , ohne auf diese impertinenten Zwischenreden weiter zu achten , sagte zu Reichmeyer , er sollte ganz einfach zur Harder kommen , er würde ihr so willkommen sein wie immer und ihm gewiß den Gefallen thun , auch ihn mit der so vielgerühmten jungen Halbfranzösin bekannt zu machen ... Siegbert hatte bei