Fürsten geschmückt sein ! « » Er bedarf deren nicht , beste Tante ! Der Orden , der ihn mehr ziert , als tausend goldne und silberne Sterne an purpurrothen Bändern , diesen trägt er in der Brust . Es ist sein edles , menschenfreundliches , von allem Arg freies und reines Herz ! Was hast Du mit dem Manne ? Du weißt doch von Paul , daß er seit heut Morgen einen seiner wichtigen Wege eingeschlagen hat , um zu hören , wie es dem Volk im Gebirge geht ? Ich erwarte ihn erst spät in der Nacht zurück . « » Um so lobenswerther ist es von mir , daß ich mich Ihnen aufdränge , Kapitän ! Sie kennen mich als einen beherzten Burschen , Sie wissen aber auch , daß es mich juckt , ein mir anvertrautes versiegeltes Geheimniß je eher je lieber zu erforschen . Man sagt , meine zärtliche Mutter habe in hohem Grade an dieser eigenthümlichen krankhaften Wißbegierde gelitten und dieselbe mir vererbt . « Lächelnd zog Gilbert bei diesen Worten einen Brief halb aus der Seitentasche seiner Matrosenjacke . » Ein Brief für unsern alten Freund ? Von wem ? « » Die Botenfrau vom nächsten Orte überreichte ihn mir , als ich in der Abenddämmerung unter dem Thorwege stand . Dabei erzählte sie mir unaufgefordert , daß der fromme Schlenker - ich bedaure sehr diesen frommen Mann nicht persönlich zu kennen - das Schreiben ihr eigenhändig mit der dringenden Bemerkung übergeben habe , es ja unverweilt an seine Adresse abzuliefern . « Diese Adresse lautet wunderlicher Weise : - » An den berühmten Maulwurffänger in B .... genannt Pink-Heinrich . Hochwohledelgeboren . Sonst auf dem Todten . In großer Eile ! « - » Sie werden mir zugestehen , Herr Kapitän , daß solch eine pomphafte und mysteriöse Adresse wohl die Neugier eines wissensdurstigen jungen Mannes von Distinction zu einem gelinden Verstoß gegen die Regel verleiten kann ! « » Laß sehen , « sagte Aurel und betrachtete sehr aufmerksam die Schriftzüge . » Es ist eine ungeübte Hand . Der Schreiber scheint bejahrt oder in großer Aufregung gewesen zu sein . Ich werde das Schreiben aufbewahren . « » Sehr wohl , Herr Kapitän . « » Was hast Du sonst noch auf dem Herzen ? « » Darf ich ganz frei sprechen ? « » Wie ich ' s immer von Dir verlangt habe . « » Dann erlaube ich mir , Ihnen unumwunden das Geständniß abzulegen , daß ich mich unaussprechlich in dieser Unthätigkeit langweile ! Ich bin durchaus kein Verächter des Nichtsthuns , wenn es mich zerstreut und vergnügt , allein in dieser Todtenstille , wo ich kein Abenteuer anknüpfen kann , wo die Mädchen alle so kalt oder grob sind , daß sie einem die schönste Artigkeit mit einer Ohrfeige bezahlen , und wo selbst die allerliebste Bianca , von der ich mir eine vortreffliche Unterhaltung versprach , matronenhaft ernst wird ; hier werde ich entweder verrückt oder ich erschieße mich ! Geben Sie mir ' was zu thun , Kapitän ! Wo möglich ' was recht Tolles , Halsbrecherisches ! « Aurel lächelte über die trotzige Ungeduld seines Lieblings . » Gedulde Dich nur noch eine kurze Zeit , wackrer Ungestüm , « versetzte er , dem kräftigen Burschen auf die Schulter klopfend , » dann will ich Dir alle Hände voll zu thun geben . « » Schicken Sie mich in ' s wildeste Wetter ; jagen Sie mich wie ein Courierpferd durch dick und dünn , von Ort zu Ort , nur sperren Sie mich nicht länger in diese Zimmer und verlangen , daß ich fein sanft und gelassen sein soll wie ein duckmäusriger Seminarist von der altlutherischen Secte ! Ich muß leben und handeln oder - ich mache die ärgsten Dummheiten ! « » Kannst Du Dich gar nicht mehr mäßigen , guter Junge , so gehe in den Garten und baue einen Rutschberg . Das unterhält und gibt späterhin Gelegenheit beim Rutschen Hals und Beine zu brechen , wenn man ' s recht toll und verkehrt anfängt . « » Im Ernst ? « fragte Gilbert und seine schwarzen Augen erglänzten lebhafter . » Du hast meine Erlaubniß . « » Danke , Kapitän ! Sie sollen mit mir zufrieden sein , und Ihre verehrte Tante soll mir bezeugen , daß ich der geschickteste Mensch bin , der ihr noch je ein Compliment gemacht hat ! Paul soll mir helfen . Gute Nacht , Gräfin ! Gute Nacht , Kapitän ! « » Tollkopf ! So warte doch , bis man Dir erlaubt , Dich zu heurlauben . « » Zu Befehl , Herr Kapitän ! « » Ist Sloboda zurück aus dem Dorfe ? « » Er kauderwälschte seine Muttersprache schon vor einer halben Stunde mit dem Verwalter . « In diesem Augenblicke hörte man das Zusammenschlagen von Stahl und Stein auf der Gartenseite , denn die Luft war ganz still und Herta hatte einen Fensterflügel geöffnet , um das unterhaltende Spiel der Sternschnuppen zu beobachten , die in großer Menge durch den glänzend gestirnten Himmel flogen . » Da kommt Pink-Heinrich , « sagte sie , das Fenster wieder schließend . » Man erkennt ihn an seiner Gewohnheit , sich während des Gehens häufig Feuer anzuschlagen , heut noch eben so sicher , wie vor vierzig Jahren . « » Eile ihm entgegen , Gilbert , « befahl Aurel , » und schicke ihn sogleich zu mir ! Und damit Du für morgen eine Abwechselung hast , so trage diese Briefe nach Görlitz . « Dankend nahm der abenteuerlustige Jüngling diesen Auftrag hin , empfahl sich nochmals und schickte den ihm an der großen Eingangsthüre zum Zeiselhofe begegnenden Maulwurffänger sogleich zu Aurel . Heinrich empfing den wunderlich adressirten Brief mit gewohnter Gleichgiltigkeit . Er kannte weder Petschaft , noch Handschrift und konnte durchaus nicht errathen , woher er kommen , noch wer der Schreiber desselben sein könne . Daß er in seiner Heimath richtig abgegeben worden sei , ging aus der Nennung Schlenkers hervor , der in seiner gutmüthigen Gefälligkeit trotz Schnee und Kälte doch einen Weg von mehr als zwei Stunden zurückgelegt hatte , um das Eile heischende Schreiben sobald wie möglich in die Hände des Adressaten zu bringen . Erst nach Durchlesung des Briefes sprang die Gleichgiltigkeit des Maulwurffängers in die lebhafteste Theilnahme über . Seine kleinen grauen Augen mit verschmitztem Blinzeln zu Aurel aufschlagend , sagte er : » Herr Kapitän , ich wette so viel Thaler , als ich in meinem ruhelosen Leben Maulwürfe gefangen habe , daß dieser ungeleckte Brief eine Tonne Goldes werth ist ! Halten Sie die Wette ? « » Ernsthaft , ernsthaft , alter Freund ! Jetzt ist gar keine Zeit zu unnützen Scherzen ! « » Sie kennen den alten Pink-Heinrich noch lange nicht aus , gnädiger Herr ! - Sonst ermahnten Sie ihn nicht zum Ernste , wo er es von Grund der Seele schon durch und durch ist ! « » Aber was steht denn in dem Briefe ? « forschte der ungeduldige Aurel . » Viel und nichts , wenn Sie wollen , Herr Kapitän ! Es kommt Alles darauf an , ob Einer richtig lesen gelernt hat . Denn der Landmann ist just bei den wichtigsten Dingen am kürzesten . Und eigentlich geht mich der Brief auch gar nichts an , sondern Sie und Ihre Familie , oder , um auf ebener Straße zu bleiben , den alten Jan ! « » Ihr werdet mich noch ganz ärgerlich machen mit Euerm peinlichen Zögern . « » Gut Ding will Weile haben , mein bester Herr Kapitän , und gut geschmierte Räder laufen am besten ! Darum übereile ich mich nie und nirgend . Es ist das so Sitte bei uns Lausitzern von undenklichen Zeiten her . Aber wieder auf das Brieflein zu kommen , so schreibt der Haidekretschamwirth Jürge , daß es ihm ein grausam lieber Gefallen sein würde und eine särgliche1 Ehre , wenn ich den Jan Sloboda mit seinem Enkel Paul zu ihm schicken könne ! Der Friede , vielleicht die ewige Seligkeit seiner alten sterbenskranken Mutter hinge davon ab . Sie hätte dem alten Wenden eine Entdeckung von äußerster Wichtigkeit zu machen und seufze nach dem Augenblicke , wo Sloboda oder sein Enkelsohn an ihr Schmerzenslager treten und ihr die abgemagerte Hand zum letzten Lebewohl vergebend und vergessend drücken werde ! « » Was haltet Ihr davon ? Glaubt Ihr , daß Sloboda der Aufforderung Folge zu leisten habe ? « » Solche Bitten eines schlichten Landmannes haben jederzeit Grund , Herr Kapitän ! Und obschon ich nicht ahnen kann , was eine alte sterbende Mutter dem Wenden zu offenbaren hat , bleibe ich doch bei meinem Satze und bestehe , wenn Sie wollen , auf meiner Wette . « » Ihr seid gewiß ein guter Freund des Haidekretschamwirthes ? « » Wird nicht gar arg sein , Herr Kapitän ! Kennen mag ich ihn wohl , denn wen kennte ich nicht im Umkreise von zehn Meilen ! Aber so recht besinnen kann ich mich zur Zeit noch nicht . Indeß wird sich das Gedächtniß schon wieder ermuntern , wenn ich ihn erst sehe , und ich rechne , das muß unverweilt geschehen . Begleiten Sie uns , Herr Kapitän ? « » Wenn Ihr glaubt , daß ich nicht störe , bin ich dabei . « » Ein Wort ein Mann ! « rief Heinrich , seine schwielige Rechte dem Grafen darhaltend . » Jetzt gehe ich zum Sloboda , und Morgen nach dem zweiten Hahnschrei sausen wir allesammt im Galopp durch die Haide ! « Aurel schlug ein , und am nächsten Tage verließen zwei sogenannte Rennschlitten den Zeiselhof . Der Kapitän und der Maulwurffänger saßen in dem ersten , den zweiten nahmen Sloboda und Paul ein . Fußnoten 1 särglich . Lausitzisch für : schrecklich . Zweites Kapitel . Ein Sterbebett . Unsere Leser werden sich erinnern , daß Jan Sloboda und sein Enkelsohn bei ihrer Rückkehr aus Polen in einem einsam gelegenen Haidekretscham übernachteten und von dem Wirthe desselben die ersten Erkundigungen über den Maulwurffänger einzogen . Sie werden ferner noch der greisen blödsinnigen Spinnerin gedenken , die mehrmals das Gespräch der Männer durch Absingung von Volksliedern unterbrach , die keinerlei Zusammenhang unter einander hatten . Diese hochbejahrte Frau , die Mutter des gegenwärtigen Kretschamhalters , war seit Wochen schon krank und bettlägrig . Wie es jedoch unter den Landleuten zu gehen pflegt , wenn nicht augenfällige Todesgefahr vorhanden ist , daß sich die Angehörigen wenig in ihren täglichen Geschäften dadurch stören lassen , so ging es auch hier . Man bebalf sich mit Hausmitteln oder bekümmerte sich auch zuweilen gar nicht um die Kranke . An übermäßige Pflege nicht gewöhnt , fühlte sich die alte Maja durch solche scheinbare Vernachlässigung keineswegs beleidigt . Sie vertrieb sich die langen endlosen Stunden mit Absingung ihrer Liederbruchstücke oder mit Hersagung von Volksmährchen , die sie sich unermüdlich selbst vorerzählte und sich dabei vortrefflich unterhielt . Da sie außerdem keine Schmerzen litt , sondern eigentlich blos in Folge langsam hinschwindender Körperkräfte nicht mehr aufdauern konnte , so war ihr Zustand weder für sie selbst , noch für die Hausgenossen störend . Auf die wunderlichen Reden , auf das heimliche , nicht selten unheimliche Lachen und auf das heftige Gezänk , das sie mit Personen führte , die sie gegenwärtig glaubte , achtete Niemand , da man die Wunderlichkeiten der alten Mutter sattsam kannte und ihre Worte für eben so schuldlos als verworrenen Einbildungen entsprungen hielt , und so konnte denn Maja Tage und Nächte lang nach Herzenslust die tollsten Geschichten erzählen und die entsetzlichsten Schmäh-und Schimpfreden ausstoßen , ohne daß es Jemandem einfiel , sie mit Bitten zur Ruhe zu verweisen . Jürge , Maja ' s Sohn , hatte die Mutter immer tiefsinnig , zu stiller Melancholie hinneigend , gekannt . Später nach seines Vaters Tode war sie geistesschwach , endlich vollkommen blödsinnig geworden , wenigstens nannte man sie so , da sie seitdem aus ihrer schauerlichen Schweigsamkeit erwachte und die erwähnten Lieder zu singen begann . Wir wissen , daß Jürge diesen betrübenden Zustand seiner Mutter dem Herzeleid zuschrieb , welches ihr eine unglückliche Tochter zugefügt hatte . Landleute sind selten empfindsam , obwohl sie häufig mehr Herz besitzen , als die höchstgebildeten Bewohner der Städte . Fromm und strenggläubig wissen sie sich mit stiller Ergebenheit in alles Unabänderliche und Nothwendige zu fügen . Zu dem Unabwendbarsten aber rechnen sie den Tod bejahrter Personen . Wo dieser späte und ernste Gast an einem Hause anklopft , da empfängt man ihn eben so ernst und pflegt sich männlich zu fassen . Zuweilen kommt es wohl auch vor , daß man der Stunde des Abscheidens einer geliebten Person erwartungs- , ja sehnsuchtsvoll entgegen sieht und kein Hehl daraus macht , weil man sich in vollkommener Ruhe gestehen muß , daß der Tod eine Wohlthat für den Sterbenden wie für die Ueberlebenden sein würde . In diesem Falle war Jürge . Maja ' s hohes Alter erlaubte nicht die Annahme , daß sie wieder genesen werde , und die Geistesnacht , in die versunken sie nur noch vegetirte , mußte eine baldige Auflösung wünschenswerth machen . Als ein umsichtiger , praktischer Hausvater von unverwüstlich derber , aber durchaus gutmüthiger Natur , sorgte er für Alles , was zu einer stattlichen Beerdigung nöthig war , im Voraus . Er bestellte nicht nur in Zeiten den Sarg , sondern er ging sogar so weit , zu den bereits vorräthigen zwei Schweinen , die in seinem Koben grunzten , noch ein fettes dickes , eine » Bachune « zu erhandeln , so genannt , weil sie von Viehhändlern aus dem Bakonyer Walde in Ungarn bis in diese Haidestrecken in kleinen Heerden herumgetrieben werden . Es wird Leute geben , die ein solches durchweg prosaisches Verfahren herzlos finden , diese werden aber ihr vorschnelles Urtheil zurücknehmen , wenn sie erwägen , daß dem Gebrauche , dem uralten Herkommen und der Sitte huldigen , dem biederben Landmanne ein eben so heiliges und unantastbares Gesetz ist , als dem gebildeten und ängstlichen Culturmenschen die strenge Beobachtung dessen , was er mit dem Namen Convenienz bezeichnet . Ueberdies wußte Jürge voraus , daß sich bei dem Leichenbegängniß seiner alten Mutter die Bevölkerung der halben Haide einfinden würde , und eine solche Anzahl Leidtragender war nicht leicht zufrieden zu stellen . Man kann sich nun die Ueberraschung Jürge ' s denken , als er eines Morgens die greise Mutter aufrecht auf ihrem Lager sitzen fand und Worte von ihr vernahm , die klar und verständig lauteten und ihn anmutheten , als würden sie im Traume gesprochen ! Maja ' s Geistesnacht war plötzlich gewichen , die volle Vernunft war ihr zurückgekehrt und sie kündigte dem Sohne ruhig an , daß sie ihr Ende nahen fühle und nicht mehr über vier Tage werde leben können . Jürge wollte ihr zureden und wagte es , ihre Behauptung zu bestreiten , die alte Mutter ward aber darüber aufgebracht , hieß ihn schweigen und befahl , daß er thun solle , was sie von ihm verlangen werde . Nach dieser wunderlichen Einleitung nannte die lebensmüde Greisin Namen , die Jürge nie von ihr vernommen hatte , und richtete Fragen an ihn , vor denen er erschrak . Sie wollte vor Allem wissen , ob Jan Sloboda noch am Leben sei oder Einer seiner vertrauten Freunde . Als Jürge dies bejahen mußte , trug sie ihm mit befehlshaberischem Tone und mit dem unheimlichen glänzenden Auge einer Sterbenden auf , daß er diesen Mann sogleich zu ihr rufen solle . Ehe dies nicht geschehe , ehe sie den alten Wenden nicht gesprochen habe , erklärte sie mit wahrhaft entsetzlichem Nachdruck nicht sterben zu können und zu wollen , da ihr Gott die große Gnade erwiesen und ihr den so lange Jahre umnachteten Verstand am Ende ihres sündigen Lebens wieder geschenkt habe . Sie wollte die Stimme des Weltenrichters laut in sich vernehmen , die sie aufrief zu einer Unterredung mit dem Wenden ! Anfangs glaubte Jürge in diesem wunderlichen Verlangen ein abermaliges Verlöschen der geistigen Kräfte zu erblicken , allein Maja sprach so zusammenhängend , so ruhig und besonnen auch von andern Dingen , daß diese Annahme an Wahrscheinlichkeit verlor , und gehorsam eilte er , ihrem Verlangen zu entsprechen . So schrieb denn der bestüzte Kretschamhalter jenen Brief an den Maulwurffänger , der unsere alten Freunde zu raschem Aufbruch in die abgelegene Haideschenke veranlaßte . Drei Tage waren seitdem vergangen und die Kranke wurde sichtlich schwächer und unruhiger . Mit Einbruch der Nacht verwandelte sich ihr Gesicht und nahm jenen eigenthümlichen Ausdruck an , der ein sicheres Zeichen des nahenden Todes zu sein pflegt . Das unruhig flackernde Auge sank tief in die schwarzen Höhlen zurück und leuchtete wie ein Irrlicht auf finsterm Moor . Die Lippen verkürzten sich und entblösten die wenigen verbrochenen Zähne der Sterbenden . Matter und immer matter schlugen die Pulse , und in kurzen Pausen stellte sich ein lebhaftes , ja wildes Phantasiren ein . Jürge und Lene , die rüstige Hausmagd , saßen wachend an dem Lager der Kranken , die in dunkle Gewänder gehüllt gleich einem Gespenst sich häufig krampfhaft aufrichtete , das Auge durch die kleine Kammer schweifen ließ , die Hände seltsam bewegte und wiederholt eine lauschende Stellung annahm , als horche sie auf ein fernes Geräusch . Entfesselt hingen ihr die langen weißen Haare um die fahlen Wangen , über die runzelvolle Stirn . So verging eine bange Stunde nach der andern . Mitternacht kam heran und noch immer vernahm man keinen andern Laut , als das monotone Rauschen der schneebelasteten Haide . Mit jedem Stundenschlag der alten schwarzwälder Uhr , die tickend an der braunen Holzwand hing , vermehrte sich die Unruhe der Alten . Sie wimmerte bald wie von körperlichem Schmerz gepeinigt , bald murmelte sie Gebete vor sich hin . Zuweilen fing sie auch wieder an , ihre melancholischen Liederweisen zu singen . Die Wachenden fürchteten sich vor der Greisin , aber sie wagten nicht , sie zu unterbrechen , noch beunruhigende Worte an sie zu richten . So brach das fahle Dämmerlicht des Morgens an , das grau und kalt durch die Fensterladen schimmerte . Die Kienspäne brannten düster und krümmten ihre glimmenden Rispen niederwärts . Hoch auf lohte nur manchmal noch das Kienfeuer , dem Lene immer von Frischem neue Nahrung gab . Da klingelten endlich Schellen aus weiter , weiter Ferne ! Peitschen klatschten , schnaubende Rosse jagten den Waldweg herein und kläffend schlugen die Hunde an . » In einer Stunde drückst Du mir die Augen zu , mein Sohn , « sagte Maja , indem sie sich lebhaft aufrichtete und ihre kalte , zitternde Hand auf Jürge ' s Arm legte . » Geh , lasse die Freunden ein ; denn sie sind es . Die Stimme hat aufgehört , in das Ohr meines Herzens zu schreien ! « Sie legte sich wieder zurück , strich sich die Haare aus dem Gesicht und faltete die abgemagerten Hände über die Brust . Ihr Blick war ruhig , sanft und matt geworden , die nervöse Spannung ihrer Gesichtsmuskeln wich einer demüthigen Ergebung . Jürge ging bewegt und von eigenthümlicher Furcht geschüttelt den frühen Gästen entgegen , in denen er auch wirklich unsere Bekannten begrüßte . Ohne große Einleitung führte er sie alle gleich an das Lager seiner sterbenden Mutter . Maja erkannte Sloboda auf den ersten Blick . » Ihr seid der Vater Haideröschens , « sagte sie mit fester Stimme und streckte dem Wenden die Hand entgegen , während ein schmerzliches Lächeln über die bleichen Züge lief . » Setzt Euch zu mir - und auch Du , junger Bursche , der Du ihr so ähnlich siehst ! « Aurel und dem Maulwurffänger schien sie keine besondere Aufmerksamkeit schenken zu wollen , doch ließ sie es geschehen , daß auch sie zu Füßen ihres Sterbelagers Platz nehmen durften . Lene dagegen mußte das Zimmer verlassen und ihr Sohn darauf die Thür verriegeln . Nachdem dies geschehen war , richtete Maja geraume Zeit ihre dunkeln Augen auf Sloboda , ohne das erwartungsvolle bange Schweigen der Anwesenden zu unterbrechen . » Kennt Ihr mich denn , gute Mutter ? « fragte Jan die Alte gerührt . » Ich kann mich Eures Gesichtes nicht entsinnen . Freilich , mit den Jahren wird das Gedächtniß schwach . « Maja nickte düster mit dem Kopfe , ihre Züge wurden wieder finster , fast abschreckend und mit hohlem Brustton erwiederte sie : » Wenn Ihr mich kenntet , Jan Sloboda , so würdet Ihr mich verfluchen ! Ich habe Euch viel , viel Böses zugefügt ! « Sie begann zu röcheln und schloß auf einige Secunden die Augen . » Ihr mögt Euch wohl irren , gute Mutter , « sagte begütigend der Wende . » Ein kranker Kopf spiegelt uns allerhand schlimme Dinge vor , die wie Nebel vor der Sonne schwinden , wenn die Gesundheit uns wiederkehrt . « » Ich irre nicht , ich weiß , was ich spreche , und damit ich mit ruhigem Gewissen eine reuige Sünderin aus der Welt gehen kann , will ich mit Euch reden . « Diese Worte sagte Maja eintönig , hohl , mit einer erschütternden Grabesstimme . » Ihr hattet eine Tochter , Röschen ? « begann sie nach einer Weile abermals . » Man nannte sie ihrer Lieblichkeit wegen Haideröschen . Sie ist todt , ich weiß es . Die Stimme , die mich so oft drohend rief , daß ich zusammenschauderte in mir selbst , hat es mir gesagt ! « » Möge der Friede Gottes auf ihrem Grabe weilen ! « sagte Sloboda mit gen Himmel erhobenen thränenden Augen . » Sie schläft schon lange Monde in fremder Erde und ruht aus von den Qualen dieses Lebens . « » O sie war immer fromm und gut , darum ging es ihr auch so schlecht ! Aber ich war eine wilde , sinnliche Dirne , der Tanzboden war meine Kirche und lustige Lieder auf meiner losen Zunge spottete ich dem Himmel . Mir fehlte es an nichts , so lange ich nichts wissen mochte von Gott und seinen Geboten ! « » Versündigt Euch nicht , Mutter ! « bat Jürge . » Der Tod sitzt Euch auf der Zunge und Ihr lästert ! « » Still , still mein Sohn ! Ich muß beichten , wenn ich Gnade finden will vor dem Herrn . - Jan Sloboda , ich sprach Eure Tochter nach dem großen Haidebrande . - Als Ihr vorausgingt in das fremde Land mit Eurem Schwiegersohne , kam ich zu ihr , nannte mich ihre Freundin und wollte ihr beistehen in der schweren Stunde , der sie entgegensah . « » Unglückliche ! « rief Sloboda aus . Aurel und der Maulwurffänger beugten sich horchend über das Lager . Auf ihren bleichen Gesichtern spielten die Schatten des flackernden Heerdfeuers . » Ha ! « fuhr Maja auf und hielt die zitternden Hände schirmend über ihre Augen , die mit wahnsinnigem Ausdruck auf Aurels Antlitze ruhten . » Das ist sein Geist - der Geist des bösen Grafen - der mir Gold gab , so viel Gold als Tage im Jahre - der mich zu der Frevelthat verführte ! « » Sie hält mich für Magnus , « flüsterte Aurel dem Maulwurffänger zu . » So straft Gott die Sünden der Väter an ihren Kindern ! « » Geh ! Geh ! Ich komme schon - ich entfliehe Dir nicht ! « fuhr Maja fort . Dann ergriff sie abermals die Hand des Wenden , sah ihn mit grausamen Lächeln an und sagte kalt : » Ich entband Haideröschen von einem Mädchen und raubte es ihr in der Stunde des bitteren Schmerzes . - Graf Magnus wollle es erziehen lassen - im Gemeindehause ! Ha , ha , ha , war das nicht lustig von dem vornehmen Schalke ? « Die Kranke fiel jetzt in ein so krampfhaftes Gelächter , daß alle Umstehenden glaubten , ste würde daran ersticken . Aber sie erholte sich wieder und blickte ruhig um sich , als habe sie eine ganz alltägliche unschuldige Geschichte erzählt . Sloboda klapperten die Zähne , er konnte nicht sprechen . Der Maulwurffänger , dessen scharfes Auge keine Secunde die Sterbende zu beobachten aufgehört hatte , ergriff anstatt des Wenden das Wort . » In welches Gemeindehaus brachtet Ihr das Kind Haideröschens ? « fragte Pink-Heinrich . Maja nannte den Ort . Er gehörte noch zu den Besitzungen der Grafen Boberstein . » Ward das Kind getauft , arme Mutter ? « » Es erhielt meinen Namen - die Zeugnisse liegen - dort in dem Kasten - unter - dem Ofen - « Mit ungestümer Hast bemächtigte sich Paul des Kastens , dessen Deckel seinen Faustschlägen nicht lange widerstehen konnte . Er enthielt das Taufzeugniß von Haideröschens Tochter . » Also doch eine Tochter ! « sagte der Maulwurffänger . » Eine Tochter , wie die Sage ging unter dem Volke . Sie hat ein Mal ? « » Einen purpurnen Stern an der - linken Schläfe - von der Größe eines Hirsekorns ! « » Jan Sloboda , Deines Kindes Tochter ist gefunden ! « rief der Maulwurffänger . » Sie lebt , in tiefem Weh , aber bald , bald soll sie jauchzen vor Freude , weil der Allmächtige Gericht zu halten beginnt über die Gottlosen ! « - » Und ich , ich soll meine Schwester finden ! « lallte Paul schluchzend , während er das Taufzeugniß der Verstoßenen Aurel überreichte . Maja schloß jetzt die Augen , ihr Athem ging langsamer , zuweilen röchelte und stöhnte sie und die Lippen bewegten sich wieder in leisem Gesange . » Sie stirbt ! « rief Jürge , dem salzige Thränen schon längst die Augen füllten . » Sie stirbt , ohne mir die Hand zu drücken , ohne mir Adje zu sagen ! - Die gute , alte Mutter ! « » Horch , sie singt ! « sagte der Maulwurffänger und bedeutete den Uebrigen , sich schweigend zu verhalten . Sloboda erhob wieder sein auf die Brust gesunkenes Haupt und wendete sich der Sterbenden zu . Diese hielt die Augen fortwährend geschlossen , bewegte wie im Tacte die mageren Hände und sang in langsamen melancholischen Weisen folgende Strophen : » Helf Gott , altes Mütterlein ! Wo ist Euer Aennelein ? Didlomdajom didlomdai , Wo ist Euer Aennelein ? Nicht zu Haus ist Aennelein , Scharrten in das Grab sie ein . Didlomdajom didlomdai , Scharrten in das Grab sie ein . « Nach diesem Verse riß die Sterbende nochmals die Augen weit auf und blickte sich wie erstaunt um . An dem Ausdruck ihres Gesichtes sah man , daß sie Niemand erkannte . Ihr Geist war wieder umnachtet , wie seit zehn Jahren.Sie lächelte blödsinnig , nickte Allen zu , schlug von Neuem den Tact auf der Decke ihres Lagers und sang abermals , nur matter und immer langsamer : » Hanka sage , was das ist , Daß Du mir gestorben bist ? Didlomdajom didlomdai , Daß Du mir gestorben bist ? Was sollt ' ich auf dieser Welt , Wo mir Alles nachgestellt ? Didlomdajom didlomdai , Wo mir Alles nachgestellt ? Immer dacht ' ich dieses doch , Würden uns bekommen noch , Didlomdajom didlomdai , Würden uns bekommen noch . Jetzt nun weiß ich ' s ganz gewiß , Nimmer kann geschehen dies , Didlomdajom didlomdai , Nimmer kann geschehen dies . « Stärkeres Röcheln unterbrach den melancholischen Gesang . Die Hände fielen über einander und bewegten sich nur noch zuckend . » Laßt uns beten ! « sagte Sloboda und kniete nieder neben dem Bett der Greisin , die seiner Tochter um schnödes Gold und vielleicht aus Eitelkeit ihr Kind vorenthalten und in ' s Elend verwiesen hatte . » Laßt uns beten für das Heil ihrer armen Seele ! So wie wir vergeben , wird auch uns vergeben werden ! « Alle folgten dem Beispiele des alten Wenden , der mit lauter Stimme aus vollem inbrünstigen Herzen ein Vaterunser betete , das die Uebrigen andächtig leise mitsprachen . Während dieses Gebetes sang die Sterbende noch abgerissene Strophen ihrer Lieder , bald lustigen , bald traurigen Inhalts . Gegen den Schluß des Vaterunsers erhob sie noch einmal ihre Stimme , und die Betenden verstanden deutlich die Worte : » Schlößlein dort schimmert im rothen Schein Jedeweh ! Dort sind erzogen beide wir . Tod ist der Vater , die Mutter mein , Jedeweh ! Uns ist vergangen das Schmäuselein . « » Amen ! « sagten die Betenden und erhoben sich . Die Schwarzwälder Uhr hob auf acht Uhr aus . Maja ' s Hände waren kalt , aber sie holte in langen Pausen noch tief und röchelnd Athem und auf ihren Lippen schien immer noch Gesang zu schweben . Da schlug es acht , die Sterbende seufzte tief und laut : » Ein Hemdelein nähe , Jüdevoi ! « lispelte die Lippe und verstummte für immer . Mit dem letzten Schlage der Uhr war sie entschlafen . Jürge , ihr Sohn , beugte sich über die Todte , drückte ihr die Augen zu und reichte dann den Umstehenden in stummem Schmerz die Hände . Sprechen und ihnen Dank sagen , daß sie der sündigen Mutter die letzte Stunde durch ihr Kommen erleichtert hatten , konnte er nicht . Arm in Arm mit dem Maulwurffänger verließ Sloboda das Sterbezimmer . Ebenso folgten Aurel und Paul . Unter der Thüre drückte der Kapitän seinem jungen Freunde die Hand . » Jetzt zu unsrer Schwester ! « sprach er tief bewegt . » Möge der gütige Gott seine Hand schirmend über sie gehalten haben , daß wir uns ihres Wiederfindens freuen können ! « Schon nach einer Viertelstunde jagten die beiden Schlitten