Will Ihnen alles vermelden , mein Herr Graf « , sagte er , » aber eins nach dem anderen . Wie ich hieher komm ' ? Zurück von der großen Reis ' , die ich auf Ihren Befehl machte . Hab ' mich immer rechts gehalten , wie meine Kommission lautete , kam erst nach Kassel , wüste Kerl ' dort , sonst nichts zu sehen , dann nach Magdeburg , auch wüste Kerl ' dort , sonst auch nichts zu sehen , dann nach Berlin , ebenfalls wüste Kerl ' dort , ebenfalls sonst nichts zu sehen ; und so retour wieder hieher über Magdeburg und Kassel , da ' s Geld gerad ' zur Hälft ' ausgeben war zu Berlin , und ich überdies meine Kommission schön ausgerichtet hatte alldort . - Was ich hier treib ' ? - Sitz ' schon seit acht Tagen beim Bauer im Heu , helf ' ihm Heu machen , um mir mein Tagebrot zu verdienen , denn der letzte Kreuzer war ausgeben , als ich diese wüste Gegend wieder erreicht hatt ' . - Warum ich Sie nicht aufgesucht ? - Hatten damals beim Abschied keine recht deutliche Sprach ' miteinander geführt , wo ich meinen Herrn Grafen wiederfinden sollt ' . Dacht ' also , das Sicherste wär ' , wenn ich sitzen blieb ' , wo ich eben war , denn das wußt ' ich , daß mein Herr Graf mich ausspüren würden und abholen , und säß ' ich im Mittelpunkt der Erd ' . Blieb deshalb auch ganz ruhig und macht ' in Zufriedenheit mein Heu , obgleich es eine Lebensart ist , die sich nicht ganz für meinen sonstigen Stand schickt . Dacht ' aber immer : Heut kommt der Herr Graf und holt dich ab , und kommt er heut nicht , so kommt er morgen , und so hat sich ' s nun auch zugetragen . « Unserem Oswald tat es nach den fratzenhaften Ereignissen des Tages wehmütig wohl , mit seinem Alten zusammenzutreffen . Eine Träne trat in sein Auge . Er drückte dem Alten die Hand und sagte : » Du hattest ganz recht , Jochem , als du glaubtest , ich werde nach dir forschen , und säßest du im Mittelpunkte der Erde . « - Jochem blieb hierbei trocken , wie immer und versetzte : » Sie haben auch schwäbisch Blut im Leib , mein Herr Graf , und das verläßt einander nicht « - Oswald sah sich um und erblickte verwundert einen Heuschoppen in der Nähe , der ihm so vorkam , wie der , in welchem er die Nacht zugebracht hatte . » Wo hast du in voriger Nacht geschlafen ? « fragte er . » Dort im Schoppen « , versetzte der Alte , » wie alle Nacht mein Amt ist , um dem Bauer sein Heu zu bewachen . « Sein Gebieter erzählte ihm nun , daß sie diesem Umstande zufolge schon in der Nacht unwissend zusammen gewesen seien , worüber Jochem anfangs erstaunte und äußerte , unter dem wüsten Volk wisse man gar nicht , was einem alles begegnen könne , es sei erstaunlich , daß zwei Landsleut ' zusammen im Heu lägen und einander nicht erkannten . » Ich wollt ' anfangs den Menschen , der sich da ins Heu eingedrungen , bei Nacht hinaustreiben « , fügte er hinzu , » ließ es aber doch sein , weil ich dacht ' , er möchte sich draußen erkälten . So ist Menschenfreundlichkeit doch immer etwas Gutes und zu vielen Dingen nutz . « » Jochem « , sagte der Graf , » hättest du mich hinausgetrieben , so würdest du mich früher erkannt haben . « Dieser Einwurf machte den Alten verwirrt . Er sah stutzig vor sich nieder , dann ballte er die Faust und murmelte ingrimmig : » Nun sag ' ich ' s doch ! In der Fremd ' , unter dem wüsten Volk steht alles windschief . Man weiß bei den Sachsen und Polacken nicht , ob man menschenfreundlich oder menschenfeindlich sein soll . « Er besann sich und fuhr fort : » Von meiner Kommission habe ich noch gar nicht geredet . Den Schrimbs oder Peppel - « » Laß ihn « , unterbrach ihn sein Gebieter bestürzt . » Nein , seine Kommission muß man gehörig ausrichten ! « rief Jochem eifrig . » Den Schrimbs oder Peppel hab ' ich richtig gefunden . Ich hab ' ihn auf der Schloßbrucken zu Berlin stehen sehen , er kuckt ' ins Wasser und ich sah ihn von hinten und da ging er fort und ich konnt ' ihn nicht einholen , aber ich hab ' mich nicht getäuscht und wenn wir nun uns beide dahin auf den Weg machen , so werden wir ihn gar nicht verfehlen . « Wie nach Homer der Mensch , er mag noch so unglücklich sein , immer Hunger behält , so gibt es auch Dinge , die den Betrübtesten zu lachen machen können . Der junge Graf Oswald war sehr betrübt , aber die Entdeckung Jochems , daß Schrimbs oder Peppel auf der Schloßbrücke zu Berlin gestanden habe , bewirkte , daß er lachen mußte . Jochem , der seine Sachen sehr gut gemacht zu haben glaubte , fühlte sich dadurch etwas beleidigt . Nach einer Pause fragte er : » Was hätten mir denn nun der Herr Graf zu befehlen ? « Oswald war von seiner kurzen Lustigkeit schon wieder zurückgekommen . Er stand auf , ging heftig hin und her , ballte seine Hand , drückte sie wider die Stirn , sein schönes Antlitz zuckte vor Schmerz , er riß an seinen braunen Locken , er nagte an seiner Lippe . Der Alte , der sich in seinen jungen Herrn nicht zu finden wußte , stellte sich , die Kniee nach vorn gebogen , die Hände und Arme auf seine Schenkel gestemmt , hin und sah ihm traurig zu . » Mit Ihnen ist etwas vorgegangen , mein Herr Graf « , sagte er ehrlich und sanft . Da trat Oswald rasch zu ihm . Er drückte den Kopf des Alten heftig gegen seine Brust und rief im herzzerreißendsten Tone : » Ja ! Ja ! mit mir ist etwas vorgegangen ! « Leise weinend sagte er ihm ins Ohr : » Ich habe eine Braut , Jochem ! « - Aber hier brachen die Gefühle des alten trockenen Menschen mit einem Ungestüm aus , der nicht zu beschreiben ist . Jubelnd und schreiend stieß er seinen jungen Herrn wie einen niederen Knaben von sich zurück , sprang in dem Nebel auf dem braunen Heideplatze schwerfällig und ungeschickt wie ein alter treuer Hund , der den Herrn wiedersieht , umher , klatschte in die Hände und rief : » Juchhe ! Juchhe ! Ach , das Glück , das ausbündige Glück ! Ach , so sollen meine alten Augen denn noch den Tag erleben , wo ich meinem Herrn Grafen und seiner schönen , lieben gnädigen Braut zur Hochzeit aufwarten darf ! O über den klugen Einfall von meinem Herrn Grafen ! Ach wo ist sie , wo ist das liebe gute gnädige Fräulein , daß ich ihr die Füße küsse und den Saum des Rocks ? « - Seine abgenutzten Kräfte reichten aber nicht weiter . Er mußte stillstehen , hielt sich die Seiten , keuchte und war außer Atem . Der junge Graf Oswald hatte sich auf die Erde geworfen , das Gesicht in das Heu gedrückt . Seine Arme waren ausgestreckt darüber hingebreitet ; er schluchzte bitterlich . - » Alles , alles kann die Liebe ertragen ! « jammerte er . - » Not erträgt sie und Elend verkittet sie und selbst die Untreue weiß sie zu überdauern und in die Bahn der Treue hold zurückzuführen ! Aber eines erträgt Liebe nicht : Das Lächerliche ! Das Scheußlich-Lächerliche ! Mußt du lachen , wenn du dein Lieb im Arme hältst und denkst , woher sie rührt , so ist es aus mit der Liebe , aus ! Liebe stirbt vom grellen Lachen ! O mein süßer , einziger Tag - o du Tag meiner Tage ! so rasch gingst du unter , herrliche Sonne ? Ach , meine Brust , wie tut sie weh ! Die Fratzen haben sie zerschnitten mit dem grellen Lachen und sie wird bluten , sehr bluten ! « Er richtete sich empor und schüttelte sich wie vor Fieberfrost in dem häßlichen kalten Dunst da droben auf der Bergeshalde . Seine dunkelen Locken hingen ihm tief wie Wolken in das Gesicht . Dumpf sagte er : » Nimm dieses Geld , Jochem , bezahle damit , was du etwa schuldig bist und deine Zehrung . Erwarte mich in der Stadt bei dem Diakonus . Morgen , oder vielleicht noch heute abend komme ich hin . Jetzt gehe ich nach dem Oberhofe , um dem Mädchen Adieu zu sagen . « » Adieu ? « fragte der Alte , der aus dem Himmel seiner Freude gestürzt war . » Ich werde das Mädchen , mit welchem ich mich verlobte , nicht heiraten « , sagte Oswald , bemüht , seiner Stimme Festigkeit zu geben . Sie ging aber bei den letzten Worten in ein gebrochenes Zittern über . Er schritt schnell über den Abhang des Berges nach der Börde hinunter . Der alte Jochem sah ihm nach . Er beschaute das Geld , welches ihm der Graf gegeben hatte , dann sah er die Stelle an , wo die Klagen seines Herrn erschollen waren , dann nahm er seinen Hut in die Hand und drehte ihn , Kopf und Krempe achtsam betrachtend , hin und her . Er setzte den Hut wieder auf und sprach sodann : » Wenn dieser mein Herr Graf sich mit dem Mädchen verlobt hat , so wird er ihr nicht Adieu sagen , sondern sie heiraten . « Hierauf ging er nach dem Gehöfte seines Bauern , um mit diesem alles in Richtigkeit zu stellen , seinen eigentlichen Rock wieder anzuziehen und sodann zu tun , was ihm der Graf befohlen hatte . Der Schriftsteller ging zum zweiten Male nach der Krypte . - » Sollte er mich mißverstanden haben ? Sollte er mich dort erwarten ? Gesprochen habe ich freilich davon ... « sagte er für sich . Münchhausens Ausbleiben machte ihn unruhig . Er ging nicht ohne einen leichten Schauder durch die Kirche nach den Stufen , die in die Kluft hinunter führten . Seine sonderbaren Gedanken hatten ihm den düsteren Ort mystisch bevölkert . Die Ahnung hatte ihn nicht getäuscht . Indem er zu den Schatten und trüben Lichtern der Kluft eintrat , hörte er ein Geräusch in der Nähe des Altars . Er faßte sich ein Herz , ging zu der Stelle und fand wirklich den , auf den er so lange gewartet hatte . Hinter der Gruppe am Kreuz saß Münchhausen auf einem alten Opferstocke , den man , weil er unbrauchbar geworden sein mochte , dort hingestellt hatte . Als der Schriftsteller seinen Kuranden näher betrachtete , soweit dieses die Dunkelheit des Ortes zuließ , erschrak er , denn der Abenteurer sah ganz anders aus , wie am Morgen . Sein Gesicht schien völlig eingefallen zu sein , die Backenknochen schienen weit hervorzustehen . Auch der Anzug war in Unordnung . Keinen Hut hatte er auf dem Kopfe , die Uniform klaffte vorn weit auseinander , die Weste war aufgerissen , die nackte Brust zeigte sich . Er sprach kein Wort . Der Schriftsteller faßte seine Hand an , sie war grabeskalt . Dieser nahm sich zusammen und sagte fest : » Was soll das ? Warum sitzt Ihr hier ? Folgt mir nach der Schenke ! « » Kommt sie ? « flüsterte Münchhausen leise mit hohler Stimme . » Wer ? « » Sie ! Der böse Feind . Hu ! - An den Röcken kennt man sich wieder , wenn die Gesichter unkenntlich geworden sind . Warum zog ich meinen roten Rock an , warum ging das Rosakleid nicht verloren und der grüne Schuh und der Paradiesvogel ? - Abscheuliche Erinnerung ! « » Welche Erinnerung ? « » Die ! - Erinnert Euch an heute morgen ! Einen Punkt gibt es im Leben jedes Menschen , an den darf man nicht rühren , sonst wird der Mensch toll . Eine Gestalt gibt es , wenn die kommt und sich an den Pfeiler Laran gegenüber stellt , und nichts weiter sagt als : Er ist ' s ! so kann Lara sich nicht mehr zufriedengeben . Eine Gans zu belügen und zu verführen , um Geld zu kriegen und dann hören zu müssen , die Gans sei kahl , gerupft ! Puh ! Einzige Sünde meines Lebens ! Abbüßen wollte ich sie durch tausend bußfertige uneigennützige Lügen ! - Umsonst ! Die Gans erscheint wieder . Armer Münchhausen ! Wie herrlich standest du da noch vor drei Stunden ! Münchhausen war groß , Münchhausen war ein Held , denn Münchhausen hatte selbst die Feigheit überwunden und wollte sich schießen . Und so zertrümmern zu müssen ! « - » Man wird Euch ja wohl vor Angriffen und Zudringlichkeiten schützen können « , sagte der Schriftsteller , der nun allgemach den Zusammenhang begriff . » Wer ? Schützen ? Nein ! « antwortete der Freiherr todesmatt . » Du kannst dich vor dem Lichte verbergen , du kannst eine Höhle finden vor dem Orkan , wenn er dahersauset , und bückst du dich beizeiten , so fährt die Kanonenkugel über dich hin , aber du kannst dich nicht verstecken vor einem tollen Weibe , das dir nachläuft . Sie hat mich ausgewittert , sie wird mich finden allerorten . Es gibt Vorurteile in der Welt . Man soll heiraten , wen man ... Sie heiraten ! Schrecklicher Gedanke ! « Der Schriftsteller dachte : » Ich hoffe , der Ehrgeiz soll auf ihn wirken . « Er sagte daher : » Münchhausen , der Erbprinz erwartet Euch . « - Aber mit einer vielsagenden Gebärde nahm der Freiherr aus der Tasche seiner Uniform den Brief jener hohen Person und zerriß ihn . Der Schriftsteller , den diese symbolische Handlung äußerst betroffen machte , fragte ihn , was er denn nun eigentlich vorhabe , was er beginnen wolle ? » Verdampfen ! Verduften ! Verschwinden ! « sagte der Freiherr . - » Ihr seht mich nie wieder , Ihr hört nichts mehr von mir . Lebt wohl ! Mein Tagwerk ist getan . Laßt uns wie Männer scheiden ! Keine Träne bei diesem Abschiede ! - Sie werden mir nachzupfuschen suchen , aber Ihr werdet , das weiß ich , ewig Euren Freund vermissen . « Sein Kurator suchte alle Gründe hervor , womit ein Mann , der sich in heiler Haut weiß , den Leidenden überzeugen zu können glaubt , daß es die Pflicht des Leidenden sei , nicht zu leiden . Er erinnerte ihn an die Aufgabe , die das Leben jedem zu lösen gebe , nämlich sich zusammenzunehmen und unter allen Umständen gefaßt zu bleiben . Er sprach von Cato , Sokrates und von anderen großen Männern des Altertums , er sagte ihm zuletzt , eine feuchte und kalte Krypte sei wenigstens auf keinen Fall der Ort , um lange darin ohne Schnupfen und Husten zu verweilen . » Nun denn ! « rief Münchhausen , dessen Lebensgeister noch einmal wild aufzuspringen schienen , » so will ich eine neue Religion stiften und Ihr sollt Ali sein , der erste der Gläubigen . Bringt Wein her , feurigen Wein , schäumenden Wein , wir wollen den Manen des Toten da am Kreuz eins zutrinken ! « Der Schriftsteller trat drei Schritte zurück . - » Nein , das wollen wir hübsch bleiben lassen ! « rief er so tönend , daß es durch das Gewölbe hallte . » Alles muß seine Grenzen haben . « » Wofern Ihr das nicht wollt , so verschafft mir wenigstens einen Mantel und einen Hut , damit ich mich anständig sehen lassen kann « , sagte der Freiherr . Der andere wandte sich , stieg aus der Krypte empor , um das Begehrte herbeizuschaffen . Er war jedoch kaum oben angelangt , als er ein heftiges Getöse unten vernahm . Es war , als ob Steine von ihrem Orte gebrochen würden und dann schollernd niederfielen . Sogleich eilte er , schlimmer Ahnung voll , in die Kluft zurück . Münchhausen war von seinem Sitze verschwunden . Der andere sah sich um ; nirgends war er zu erblicken . Er rief ; es erfolgt aber keine Antwort . Er suchte hinter den Pfeilern , in den Seitennischen hinter den Grabmälern , bei den Steinhaufen ; vergebens ! Der Freiherr hatte sich nirgends versteckt . Nach der Schenke zurückgekehrt , bewog er einige Bauern , ihm mit Laternen und Windlichtern zu folgen . Bei deren Scheine wurde nun eine zweite sorgfältige Nachsuchung vorgenommen . Umsonst ! man forschte nach einem geheimen Gange aus der Krypte , aber diese zeigte sich , wohin man leuchtete , umschlossen , auch wollten die Bauern von einem solchen nie etwas gehört haben . Man prüfte endlich mit Stöcken und Hacken das Pflaster und Gemäuer , ob es nicht irgendwo losgebrochen und nur notdürftig wieder zugesetzt sei . Pflaster und Gemäuer waren überall fest . Diese vergebliche Arbeit dauerte über eine Stunde . Endlich mußte man von ihr abstehen . Münchhausen war und blieb auf unbegreifliche Weise verschwunden . Vierter Teil An Ludwig Tieck Sie schrieben mir vor einigen Monaten und sprachen mir Ihre Freude über den ersten Teil des » Münchhausen « aus , den Sie damals gelesen hatten . Dieser Brief kam ganz frei aus Ihrer Seele , denn ich hatte es unterlassen , Ihnen ein Exemplar meines Buches zu senden . Er war mir unverhofft und eine freudige Überraschung . Doppelt aber erfreute er mich . Denn einmal mußte es mir wohl sehr lieb sein , daß Sie sich so an den Anfängen meines Werkes ergötzt hatten , dann aber zeugte die liebenswürdige Lebhaftigkeit Ihrer Worte von der fortblühenden Jugend , welche wie ein Kranz schöner Rosen Ihre ehrwürdigen Schläfen umschmückt . Ich nahm mir gleich vor , Ihnen zu antworten und zu danken . Nachher aber überlegte ich , daß der beste Dank die Tat ist und schwieg daher bis zur Vollendung des ganzen Werkes . Nun ist es fertig und ich widme Ihnen seinen Abenteurer und seine guten Menschen , seine Possen und seinen Ernst mit diesem letzten Teile . Darüber reden kann ich nicht ; es wirke auf Sie , wie es eben die Kraft und Fähigkeit in sich besitzt . Aber einen offenen Brief schreibe ich Ihnen dazu vor dem Angesichte auch anderer Leser , denn manches wollte ich Ihnen sagen , was sich in einem solchen doch noch besser ausnimmt , als unter einem Siegel , welches nur Ihre Hand erbräche . Immer habe ich mich am glücklichsten gefühlt , wenn mein freies Gemüt sich zum Schuldner für empfangene Wohltat bekennen durfte . Dieses reine Glück empfinde ich auch jetzt , indem ich an Sie schreibe . - Man hat mich oft einen Nachahmer genannt , und der Tadel , der in dieser Bezeichnung liegt , mag meine frühesten Versuche nicht ohne Grund getroffen haben , obgleich mich nie ein äffischer Trieb kitzelte , sondern stets ein innerer Drang bewegte . Später , als mich Leben und Bildung gereift hatten , meine ich jederzeit ein Eigenes gebracht zu haben , wenn ich mich fremden Mustern anlehnte . Ich vermied keine Reminiszenzen , weil ich wußte , daß diese doch immer ein nur mir gehöriges Leben in mir aufgeweckt hatten . So möchte ich denn eher den Namen eines Schülers für mich in Anspruch nehmen . Und in einer Zeit , worin so viele Meister , wie sie behaupten , vom Himmel fallen , dürfte ein guter Schüler der Abwechselung halber kein ganz verächtlicher Gast am Parnaß sein . Auch zu Ihrem Schüler bekenne ich mich gern , freudig und öffentlich . Sie haben unter uns Deutschen einen ganz neuen Scherz erfunden , Sie haben der Natur für manchen ihrer geheimsten magischen Töne die Zunge gelöset , viele Beobachtungen und Erfahrungen haben Sie mitgeteilt , die vor Ihnen niemand gemacht hatte . Alles nun , was in mich von Ironie , Spott , Laune gelegt worden war , ein tiefes Bedürfnis , welches mich von meiner Kindheit her oft froh machte , oft auch ängstigte , die Signatur der stummen Dinge zu erkennen , endlich mein Verlangen , mich über das eigenste Wesen der Dichter und der Bühne aufzuklären - alles das fand , wie häufig ! bei Ihnen Lehre , Beispiel , Führung . Ich verehre Sie als einen meiner Meister und in meinen guten Stunden wage ich mir zu sagen , daß Ihnen der Schüler gerade keine Schande mache . Aber eine elegische Empfindung kann ich nicht bewältigen , wenn ich an Sie denke . Sie stehen gefeiert , würdig , nachwirkend da , das ist wahr . Um eine Entfaltung jedoch hat das Mißgeschick der Umstände Sie und uns gebracht . Sie hätten der Vater des deutschen Lustspiels werden können , wenn die Bühne Ihrer frischesten Zeit entgegengekommen wäre , und dieses Lustspiel würde das größte der modernen Zeiten geworden sein . Denn nicht auf das Einzelgeschick eines Liebespaares , oder auf die Schilderung einer närrischen Sitte , oder eines in der Verborgenheit sein Wesen treibenden Toren kam es Ihnen an , sondern Ihre komische Muse lächelte über die ganze Breite der Welt und der Zeit , sie schmückte mit bunten Blumen , die sich dann wieder zauberisch in Schellen verwandelten , die öffentlichen Charaktere , sie führte mit reizender Schalkheit , die wie Ehrfurcht aussah , komische Könige und Helden im Triumphe auf . Wenn ich an die Kraft und Gewalt Ihrer Figuren mich erinnere , an den tiefsinnigen , freien , großen , unerschrockenen Humor in » Oktavian « , » Zerbino « , » Kater « , » Däumchen « , » Blaubart « , » Fortunat « und in der » Verkehrten Welt « , so weiß ich nur ein Gegenbild zu diesem Lustspiele in der ganzen Geschichte der Poesie zu finden ; es ist das des Aristophanes . - Ich habe oft Ihre Gedichte vorgetragen , und wenn es mir gelang , dem Dichter nachzukommen , so kann ich wohl sagen , daß empfängliche Zuhörer in einen bacchischen Taumel der Lust gerieten . Aber keine attische Bühne empfing Sie und brachte auf den Brettern Ihre Produktion zu der Fülle und Vollreife , die nun einmal der Dramatiker nur gewinnen kann , wenn er seine Geschöpfe da droben auf dem Gerüste in Fleisch und Blut umherwandeln sieht . Man sagte , diese Sachen seien sehr schön , sehr witzig und ließen sich überaus wohl anhören , aber aufzuführen seien sie nicht . Das war aber eine Unwahrheit . Denn ich habe hier den » Blaubart « zweimal darstellen lassen . Ich hatte weniger Mühe von ihm , als zum Beispiel vom » Glöckner von Notre Dame « , die Schauspieler fanden sich bald hinein und spielten mit Lust und Liebe darin , was aber den Erfolg betrifft , so war dieser bei der ersten Darstellung ein entschiedener und bei der zweiten der allerglänzendste . Wenig hatte das Stück gekostet , und viel brachte es ein . - Ich wollte nicht dabei stehenbleiben , sondern ich dachte schon an » Fortunat « , selbst an » Däumchen « und an das schnurrende Tier in Stiefeln . Aber die Düsseldorfer Bühne ging wegen Mangels an Gunst , Schutz und Geld unter , und so blieben denn jene Gedanken Träume . Warum ich diese Saite hier berührt habe ? Weil mir Ihr ganzes Bild vorschwebte und zu einem vollen Menschenleben die Entwickelungen und die Vereitelungen gehören . Wenn ich mit Ihnen Mund gegen Mund reden durfte , so hatten unsere Gespräche immer einen Gehalt ; eine gewöhnliche Dedikations-Epistel konnte ich Ihnen daher nicht schreiben . Nehmen Sie meine Worte auf , wie ich sie gemeint habe , und vor allen Dingen - leben Sie noch lange , leben Sie munter und kräftig fort , sich und uns zum Segen ! Düsseldorf , den 20. April 1839 , ( an dem Tage , wo die letzten Seiten des » Münchhausen « zu Ende geschrieben wurden ) . Immermann Siebentes Buch Das Schwert Karls des Großen Erstes Kapitel Der Lendemain in einem Oberhofe Während des Hochzeitschmauses und des Tages , der darauf folgte , hatte der einäugige Spielmann im Eichenkampe nicht weit vom Oberhofe gesessen . Man brachte ihm Speise und Trank dorthin , er rührte aber nur wenig an und genoß auch dieses wenige mit Widerstreben , etwa so viel , als hinreichte , seinen wütenden Hunger zu stillen . Die Stelle , wo sich dieser Mensch aufhielt , lag kaum fünf Schritte von der Straße ab , die durch den Kamp führte , sie war von den dicksten und höchsten Stämmen überstanden , deren einer mit seinen gewaltigen Wurzelknorren eine natürliche Brustwehr vor dem Erdreich bildete , welches hinter ihm in eine Vertiefung ablief , auf deren Rande man bequem sitzen konnte . Dort saß denn auch der Spielmann und sah beharrlich lauernd nach dem Hause hinüber . Zuweilen erhob er sich mit halbem Leibe , um aufzustehen , und dies geschah , wenn sich eben niemand in der Türe und im Flure des Oberhofes blicken ließ , aber bei dem Ab-und Zulaufen der Menschen dauerte das immer nur einen Augenblick . Sobald wieder Menschen sichtbar wurden , setzte er sich immer wieder unwillig hin . Auch drehte er zuweilen heftig an seinem Leierkasten , worauf dieser widerwärtige Töne von sich gab , die pfeifend und heulend ausklangen . Darüber machten die Leute , die eben vorbeigingen ( und es gingen viele an jenem Tage durch den Eichenkamp ) , ihre groben Späße , und einer oder der andere sagte , der Patriotenkaspar pfeife aus dem letzten Loche . Doch äußerte sich so meistens nur das junge Volk , dessen Erinnerung den Spielmann bloß als eine lächerliche Gestalt kannte ; die Alten bekümmerten sich hier so wenig um ihn als andererorten , wenn sie ihm zufällig begegneten . Die Späße der jungen Leute ließ der Patriotenkaspar ruhig und ohne Erwiderung an sich vorübergleiten , oder höchstens zwinkerte er dazu mit seinem unversehrt gebliebenen Auge . Ging aber ein Alter vorbei , der gar nicht tat , als ob er , der Patriotenkaspar , der die alte Orange in Schoonhoven mit hatte vermolestieren helfen , da sitze , so ballte er grimmig in dessen Rücken die Faust und murmelte : » Ihr Schubjacken ! Aber ich werde euren Obersten schon ... « Was ihm am Tage mißlungen war , nämlich in das Haus einzudringen , das meinte er , werde ihm in der Dunkelheit des Abends glücken . Aber er hatte sich getäuscht . Denn als es finster wurde , begannen ein paar Mägde vor dem Hause ein Topfwaschen und Kesselscheuern , welches bis spät dauerte und ihn verhinderte , unbemerkt hineinzuschlüpfen . Als diese mit dem letzten Kessel fertig waren , hatten inzwischen zwei Betrunkene sich in die Türe gestellt , wovon der eine dem anderen seinen Prozeß klarmachen wollte , den er seit mehreren Jahren über eine Durchgangsgerechtigkeit führte . Der andere sagte nach jedem Satze seines Nachbarn : » Verstanden « , und fragte darauf : » Wie war es aber eigentlich ? « Der Prozeßführende wiederholte dann seinen Satz , der andere noch einige Male sein verstehendes und fragendes Wort ; so rückte die Geschichte äußerst langsam vor , und es war kein Ende derselben abzusehen . Dabei hatten die beiden noch gerade so viel Besinnung , um jeden , der zwischen ihnen durch in die Türe gehen wollte , mit heftigen Gebärden zurückzuweisen , weil sie , in die Prozeßgeschichte vertieft , behaupteten , hier sei keine Durchgangsgerechtigkeit . Weshalb denn auch mehrere , die sich mit jener Absicht ihnen näherten , um Streit zu vermeiden , zurück und neben dem Hause vorbei nach der Hoftüre gingen , der Spielmann aber die Ausführung des Vorsatzes , der ihn an seine Stelle fesselte , aufgeben mußte , solange die Betrunkenen da standen . Endlich , es war schon Mitternacht , kam ein Dritter vom Flure nach der Türe gegangen , faßte , ohne ein Wort zu sagen , die beiden von hinten am Kragen , zog sie zurück und in den Flur , schlug aber darauf sogleich die Türe zu und verriegelte sie von inwendig . Sie wurde nachmals nicht wieder aufgetan . Die Hochzeitgesellschaft verlor sich gegen ein Uhr nachts und der Oberhof lag nun in dunkelen Schatten still und lautlos da . Jetzt erhob sich der Spielmann von seinem Sitze und umschlich das Gehöft tückisch spähend wie eine Katze , um irgendwo eine offenstehende Lucke oder sonst eine vergessene Öffnung zu finden , durch welche er eindringen könnte . Aber es wollte sich nichts dergleichen finden , und als er an der niedrigsten Stelle der Hofesmauer sich bereitete , überzusteigen , erhoben die Hunde im Hofe ein solches Gebell , daß er befürchten mußte , es möge jemand im Gehöfte wach werden . Er wich daher auf den Zehen und die Zähne zusammenbeißend zurück und ging wieder , seine Flüche verschlingend , nach der Sitzstelle im Eichenkampe , wo er nun ebenso hartnäckig in der Nacht ausharrte , wie bei Tage . So saß dieser Mensch einen ganzen Nachmittag , einen Abend und mehrere Stunden der Nacht hindurch , erpicht auf sein Vorhaben . Und gleichwohl war dieses nicht auf ein großes Verbrechen oder einen reichlichen Vorteil gerichtet ; er wollte dem Hofschulzen weder seine Geldsäcke rauben , noch ihm das Haus über dem Kopfe anzünden , sondern nur ihm einen Schabernack anzutun