Sorgfalt über sich zu wachen veranlaßte . Er hatte bei späterem Nachdenken , trotz seiner wahrhaften Bescheidenheit , doch sich die Wahrheit dieser Entdeckung kaum verbergen können und nicht ohne Vorwurf gefühlt , wie die Befangenheit seines Herzens in anderer Richtung ihn so ganz um die Beobachtung des seine Sorgfalt so nahe angehenden Wesens gebracht hatte . Er hatte sich eine schnelle Trennung von mehreren Monaten auferlegt , und seine Gedanken waren von da an in dem Schmerze um zwei theure Wesen getheilt . Er zitterte , Ollony wieder zu sehn , und durfte es doch nicht länger verschieben , da seine Schwester die unbegreiflich lange Trennung mit einer Ungeduld und Betrübniß erfüllte , von deren Folgen er sie befreien mußte . Wenn wir mit uns selbst unsicher werden , so machen wir Pläne , wie wir uns betragen wollen . Der bessere Mensch giebt sie gewöhnlich auf , so bald er in die Lage kömmt , für die er sich ausrüstete , denn nur überhaupt und einem großen Prinzip getreu sich dem Leben gegenüber zu rüsten , ist die Aufgabe , in der sich alle andern lösen müssen , wenn wir uns selbst getreu bleiben wollen . Schon bei Ollony ' s Anblick wollte keine seiner Ansichten passen . Das schöne Kind hatte den letzten Punkt ihrer Entwickelung , und an Höhe und Feinheit der Gestalt , wie an innerer Haltung und zarter Zurückgezogenheit den Standpunkt erreicht , auf dem es uns klar wird , daß das Flügelkleid der Kindheit mit dem Schleier der Jungfrau vertauscht ward und die Flügel nur noch nach Innen dem Geiste angehören , verrathen von dem weitsichtigen , tiefen Blicke des ernsten Auges . Ormond fühlte im ersten Moment , sie sei auch von ihm geschieden , und was auch der innere Kern ihrer Brust bewahren mochte , sie sei mit sich allein geworden , und dies Finden ihrer selbst schützte sie gegen Aufregungen und Aeußerungen , wie sie Ormond noch wenige Monate früher zu beherrschen sich verpflichtet fand . Die Stille , die ihn von ihr aus anwehte , betrog aber aufs Neue den sonst so geschickten Menschenkenner und unterstützte die bescheidene Stimmung seiner Seele , die ihn überredete , jedes Gefühl , das früher hier gelebt , als vorüber gegangen anzusehen . Dessen ungeachtet fühlte er zu seiner eigenen , oft großen Beschämung sich auf dem Wege , Ollony jetzt seinerseits in dieser Beziehung zu beobachten , und je fremder , getrennter und veränderter sie ihm erschien , desto öfter fühlte er das Verlangen . dies liebliche Geheimniß zu ergründen , in diesem ihm einst so offen darliegenden Gemüthe den Veränderungen nachzuspüren , die ihm so anziehend und wichtig erschienen , daß er ihnen den größten Theil seiner Gedanken zuwandte . Es war zuletzt ein eigenes Gefühl von Unbehagen , wenn seine bescheidenen Bemerkungen ihn überzeugen wollten , sie sei ihm kindlich abgewendet und jungfräulich nicht wieder zugekehrt , und er fühlte sich endlich in einer Art Aufregung , die ihm einzig von der Besorgniß eingegeben schien , dies junge Wesen so abgeschlossen sich selbst überlassen zu wissen , woraus sich leicht der Vorsatz gestaltete , sich ihr zu nähern und ihr Vertrauen zu gewinnen . Wir wollen uns vorläufig jeder Voraussetzung bei diesem gewagten Unternehmen enthalten , von wesentlichen Ereignissen in anderer Beziehung getrieben . Der Frühling hatte indessen die weiten Thore aufgethan und versendete seine reichen Schätze über die schmachtende Erde . Es drängte sich fröhlich ein junges Leben neben dem andern hervor , Platz suchend und findend in dichter Gemeinschaft . Die Brust des Menschen theilt bewußt oder unbewußt so süßen Eifer ; etwas soll anders in ihr werden , zur Klarheit , zur Blüte soll es sich durchbrechen , was im Winterschlaf uns eingehüllt erscheint , wir fordern von uns , und die Gewährung ist schon bereit . An Licht und Sonne hängt nicht blos das Blütenleben mit seiner zarten Existenz , der Mensch selbst hofft in diesem freieren Spielraum etwas Größeres zu leisten und zu vollbringen . Auch sollten wir nicht immer nach dem Geleisteten fragen ; es braucht nicht Existenz nach Außen zu gewinnen , was darum doch als Errungenes , als Wahrheit in solchen Epochen der Seele verbleibt . Alles genoß nach Maßgabe seiner Empfänglichkeit diese schöne Jahreszeit und ließ sich locken von ihr , hinaus in die überall einladende Gegend . Ein stattlicher Zug zu Pferde von Damen und Herren lenkte , nach einem weiten Ausfluge , als schon der Tag sich neigte , durch die breiten Wege des duftenden Waldes dem Schlosse entgegen . Arabella , Ollony und die junge Herzogin ritten in leichter Zierlichkeit vor den folgenden Herren , doch indem sie die Heerstraße überschreiten wollten , entfuhr ihnen Allen zugleich ein freudiger Ausruf der Ueberraschung , Arabella gab ihrem Pferde die Zügel und flog in jagendem Laufe die Heerstraße hinab . Richmond , Richmond ! rief dagegen Lady Anna ihrem herbeieilenden Gemahle entgegen , und bald fanden sich Alle um den sehnlich Erwarteten versammelt , der nicht säumte , ihrer fröhlichen Eile zu begegnen . O Richmond , rief der junge Herzog , wie bist Du von uns Allen herbei gesehnt , und wie lange hast Du uns ohne den Trost gelassen , von Dir zu hören ! Rechne mir nicht zu , was unvermeidlich in den Umständen lag , rief Richmond , und denkt nicht geringer deshalb von meiner Liebe gegen Euch . Aber sagt mir jetzt , um mich von jeder Sorge zu befreien , wie ich unsere theure Mutter finden werde ? Die augenblickliche Pause , die hier eintrat , und welche der aufsteigenden Sorge über die Stimmung der Herzogin galt , ergriff Richmonds zärtliches Herz und drückte sich in seinen Zügen aus , als der junge Herzog ihn zu beruhigen eilte , indem er ihm die Versicherung gab , daß sie wohl auf sei , aber in ihrer Stimmung geschont , erst auf seine Ankunft vorbeitet werden müsse . Richmond fühlte leicht , daß hier eine kleine Verlegenheit obwalte , und es ward ihm nicht schwer , die Veranlassung von sich herzuleiten , da er wohl wußte , wie seine Mutter auf jeden Schritt zur Auffindung der Gräfin Melville ein Interdikt gelegt , dem er durch seine Bemühungen allerdings entgegen gehandelt . Nun , so bitte ich denn , rief er , sich seiner guten Sache bewußt und der Liebe seiner Mutter vertrauend , eilt mit dieser Vorbereitung , sobald Ihr es vermögt , denn mir folgen auf dem Fuße zwei Personen , deren besonderes Verhältniß ihr mitzutheilen ich mich sehne , und , indem ich sie indessen Eurer Liebe empfehle , sie zugleich als alte Bekannte nenne , nämlich die Gräfin Melville und Master Brixton , ihr Erzieher . Ein Ausruf der Theilnahme war die Antwort auf diese Ankündigung , und wir überlassen es dem Leser die verschiedenen Veranlassungen in den betheiligten Personen sich selbst hinzu zu denken . Nach einem kurzen Kampfe entschied sich der junge Herzog , seinen Bruder selbst nach dem Schlosse zu begleiten , und ersuchte den Grafen Ormond , den Reisenden mit Sir Ramsey entgegen zu reiten , sie in seinem Namen zu begrüßen und in Godwie-Castle einzuführen . Dann lenkte er sein Pferd an die Seite seiner Gemahlin , und mit besonderer Aufmerksamkeit ihren Zügel fassend , schien er sich recht ihrer Gegenwart versichern zu wollen . Graf Archimbald beschloß gleichfalls seinen Liebling zu begleiten , da es ihm höchst unangenehm vorschwebte , ihn der übeln Laune seiner Schwägerin verfallen zu sehen . Er eilte sogar dem jungen Herzoge voran , sich bei der Herzogin einzuführen , und wir glauben , daß der Neffe dies Geschäft dem Oheim gern überließ . Ein kurzes Gespräch mit Richmond hatte ihm zu einer gedrängten Uebersicht des Geschehenen verholfen , und er hoffte , diese Mittheilungen würden versöhnend das Herz der Mutter erweichen . Er fand sie in der strengen und ernsten Haltung , die einen weniger gefaßten Mann als Graf Archimbald von jeder Annäherung zurückzudrängen geeignet war . Im Gegentheil aber reizte ihn diese Wahrnehmung in einzelnen Fällen noch zu einem stärkern Hervortreten der eigenen kalten Schärfe , und sie begannen gewöhnlich damit , einander beim ersten Anblick wegen dessen zu zürnen , was sie im Laufe des Beisammenseins gegen einander zu verschulden gewärtigten . Ich hoffe , meine theure Schwägerin , hob er , ihr zuvorkommend , an , ich finde eine gute Stunde zur besten Botschaft , die ich glaube bringen zu können . Richmond , der verlorne Sohn , nähert sich dem Schlosse , und ich bin voran geeilt , mir vor allen den Lohn so guter Botschaft von Euerm freundlichen Gesichte abzufordern . Der jähe , plötzliche Schreck , der mit einer hohen Röthe das strenge Gesicht der Herzogin überflog , raubte ihr , tief ihr Herz erschütternd , für einen Augenblick die Sprache . Sichtlich jedoch den Antheil von Freude bekämpfend , den diese Nachricht in sich schloß , zeigte sie bald einen Ausdruck , gemäß der Stimmung , die sie glaubte zeigen zu müssen . Ihr überrascht mich , Mylord ! Laßt mich hinzusetzen , dies ist vorläufig das einzige Gefühl , dem ich Raum geben kann . Zu früh lernen Mütter die Nothwendigkeit kennen , ihre Kinder als fremde , sich von ihnen lossagende Personen ansehen zu müssen . Mein Sohn hat mir in seinem letzten Verfahren darin den Unterricht gegeben , der mein Herz zu schmerzlich traf , um mich ganz frei ihm gegenüber zu fühlen , da ich außerdem von der Schwäche frei bin , darum , weil es eben mein Sohn ist , seinen Handlungen eine blinde Bewunderung zu zollen . Auf solchen Anspruch scheint er sich auch nicht beschränken zu dürfen , erwiederte Graf Archimbald mit kühler Gleichgültigkeit , im Gegentheil scheint er mit männlicher Festigkeit erreicht und beseitigt zu haben , was für uns alle eine Verpflichtung geworden , deren Lösung jedoch von so mannigfacher Schwierigkeit war , daß sie , wie billig , das Maaß von Thätigkeit einer Frau übersteigen mußte . Ich erinnere mich nicht , diese Sache , in so fern Ihr von dem Schicksale der jungen Abenteurerin sprecht , der wir Schutz gewährten , über meine Kräfte hinaus gehalten , wohl aber sie vollständig für meine Angelegenheit erklärt und Niemandem die Verantwortlichkeit auferlegt zu haben , womit dann der Gegenstand für alle Andern erledigt und ich , jede unberufene Einmischung als Anmaßung und beleidigende Bevormundung meines Willens anzusehen , befugt war . - Es ist nicht anzunehmen , sagte Graf Archimbald , daß wer in der Nähe Eurer Durchlaucht lebt , sich nicht von der Schwierigkeit solcher Einschreitungen überzeugt haben sollte . - Erlaubt mir jedoch , Euch aufmerksam zu machen , daß wir nie so fest uns selbst vertrauen dürfen , um nicht die Möglichkeit anzunehmen , es könne außer unserm Bereich eine Denk- oder Handelsweise stattfinden , die den einen oder andern Gegenstand früher entwickelt , als uns vielleicht vorbehalten war ; wenigstens , setzte er höflich lächelnd hinzu , habe ich mich öfter in diesem Falle zu befinden geglaubt und nicht ungern an Anderer Thätigkeit die Grenzen der meinigen erkennen gelernt . Verzeiht , sagte die Herzogin gereizt , ich bin nicht begierig gewesen , eben von meinen Kindern hierüber Belehrung zu empfangen und , um aus dieser Allgemeinheit zu dem besondern , vorliegenden Falle zu gelangen , am wenigsten in einer Sache , deren Verfolgung nichts Ehrenhaftes mehr für meine Familie haben kann , da Sittenlosigkeit und Unwürdigkeit des Gegenstandes durch ihr eigenes Betragen außer Zweifel gestellt ist . Auch darüber möchten sich die abweichendsten Ansichten vertheidigen und sogar beweisen lassen , betonte Graf Archimbald seinerseits ziemlich stark , und ich freue mich , hinzufügen zu können , daß Richmond , den wir immer nur in der Wahrheit und der richtigsten Auffassung aller Verhältnisse fanden , mir darüber die bündigsten Versicherungen gab , deren guter Grund schon dadurch mir bewiesen scheint , daß er die unglückliche verfolgte Lady in Begleitung des ehrwürdigen Master Brixton seiner Familie wieder zuführt , sie ihrem Schutze empfehlend . Was sagt Ihr ? rief hier die Herzogin , schnell aufstehend , mein Sohn , Lord Richmond , führt das Mädchen , welches sich unserm Schutze entzog , um mit einem ehrlosen Manne die Flucht zu ergreifen , dies Mädchen , deren Namen wir nur mit Erröthen vor unsern Töchtern könnten nennen hören , dies Mädchen führt er in den Kreis seiner Familie zurück , und Ihr , Lord Archimbald , Ihr nehmt es über Euch , mir diese Nachricht zu bringen ? O geht , geht , Mylord , Ihr spottet der alternden Frau , Ihr benutzt ihren durch Gram stumpf gewordenen Verstand und versuchet die Macht Eurer Fabeln ; jedoch ist jener noch hell genug , und diese sind schlecht ersonnen . Ich glaube viel eher an Eure schlechte Erfindungskunst , als daß ich durch den Glauben an ihre Wahrheit das eigene Kind in meiner Brust zerstören müßte . Weder zum Fabeln-Erfinden habe ich Talent , Mylady , sagte Archimbald kalt , noch fühle ich mich geneigt , Euern sehr gegenwärtigen Verstand auf Proben zu stellen . Hier ist nicht von so tragischen Momenten die Rede , als Eure Worte andeuten . Die Sache ist sehr einfach die , daß ein junges Mädchen hintergangen ward durch die Tücke eines erfahrenen Weltmannes , daß sie nur anscheinend Unrecht that und , bei unbefleckter Sitte , erlöst aus einer schmäligen Gefangenschaft , voll Vertrauen die aufsucht , von denen ihr schon ein Mal Schutz und Hülfe zu Theil ward . Die Herzogin wollte eben in heftiger Rede entgegnen , als schnelle Schritte sich den Vorhängen der Thür näherten und im selben Augenblick sich Richmond zeigte , der mit dem ganzen Enthusiasmus kindlicher Liebe zu den Füßen seiner Mutter stürzte . Das heftige Wort der zürnenden Frau erstarb in ihrem Munde . Der Zauber , den der Anblick eines geliebten Wesens über alle Kräfte unserer Seele übt und sie aufzulösen scheint in dem Entzücken des Anblickens , der Wohllaut , der unsere Seele erfüllt , wenn wir das Bild in der Fülle des Lebens vor uns sehen , was den Hintergrund unseres Herzens mit tiefen , unauslöschlichen Farben einnimmt - diesem Zauber unterlag das Mutterherz , und Stille kehrte für einen Augenblick in die aufgeregte Brust ein . Doch Richmond kannte seine Mutter zu wohl , um nicht in ihren Zügen den kaum bezwungenen Zorn zu erkennen , und außer Zweifel über die Ursache , war er Mann genug , den Gegenstand nicht zu scheuen , sondern , sobald als möglich , zu erörtern . O seht mich gütig an , meine theure Mutter , rief er mit dem tiefsten Ausdruck der Liebe , und seid sicher , Ihr dürft es ohne Rückhalt ! Was ich Euch zu sagen habe , verdient nicht Euern Zorn , nicht Eure Besorgniß ! Ich fühle mich stark in dem Bewußtsein , so gehandelt zu haben , wie Ihr es von Euerm Sohne gefordert haben würdet . Die Herzogin schwieg , unwillkürlich lauschte ihr Ohr den überredenden Worten des Lieblings , aber das Phantom ihrer Angst trat wieder dazwischen . Schwäche schien ihr die verführerische Hoffnung , und sie riß sich mit Anstrengung davon los . Und ist es wahr , was Lord Archimbald behauptet , sprach die Herzogin dumpf und ihn mit düsterem Auge anblickend , ist es wahr , führst Du die , die sich unserm Schutze entzog , und Ruf und Sitte gleich stark beleidigte , führst Du sie diesem ehrwürdigen Hause zurück ? So ist es , rief Richmond lebhaft aufstehend , und in Wahrheit , ich rechne es zu dem Besten , was ich zu leisten vermochte . Denn ein edles , vom Schicksal verfolgtes Wesen , unschuldig und rein wie das Licht des Himmels , habe ich aus den Händen der Bosheit befreit , und die grausamste Gewaltthat an menschlicher Freiheit und Würde verhindert . Diese Behauptung , mein Sohn , rief die Herzogin gepreßt , wirst Du mir beweisen müssen , und diese Beweise werden bei mir eine scharfe Prüfung zu bestehen haben . Nicht überreden werden mich die klugen und geschickten Sophismen eines schönen Mädchens , oder ihre rührenden Thränen , oder was ihr sonst gelungen sein mag , gegen Dich zur Unterstützung anzurufen . Die Gräfin Melville , sagte Richmond mit Ernst , hat nie ihr unglückliches Schicksal zu einem Gegenstand besonderer Unterredungen mit mir gemacht , sie ahnet wohl kaum das Dasein der Künste , die Ihr eben andeutet , und überließ es ihrem Lehrer , dem Master Brixton , der sie mit mir auffand und sie keinen Augenblick seitdem verlassen hat , nachdem sie uns beiden das von ihr Erlebte einfach mitgetheilt hatte , mit mir die nöthigen Schritte zu überlegen . Das Dunkel , welches dessen ungeachtet darüber verbreitet ist , das jedoch allein den Motiven gilt , warum man sie um jeden Preis unserer Obhut entziehen wollte , und warum ihre Person so wichtig gehalten wird , daß man ihr lieber den Tod geben , als ein Hervortreten an das Licht gestatten wollte , ist theils Brixtons Geheimniß , theils ihm selbst noch unaufgeklärt . Nun wahrlich , rief die Herzogin , in die widersprechendsten Empfindungen aufgelöst , die Aufschlüsse , die nach so viel Ausnahmen übrig bleiben , können nicht von Belang sein und schwerlich mein Mißtrauen gegen ihre Triftigkeit aufheben . Aber ich empfinde es als eine Härte des Schicksals und kann Dir dafür nicht dankbar sein , daß Du dies in Geheimnisse gehüllte Mädchen meinem Kreise wieder zuzuführen trachtest , der sich von jeder Zweideutigkeit frei erhalten sollte . Und der es bleiben wird , entgegnete Richmond , wenn Ihr das Zeugniß des Master Brixton , eines ehrwürdigen , angesehenen Geistlichen , wenn Ihr das Zeugniß Eures Sohnes , wenn Ihr das Zeugniß der himmlischen Unschuld selbst nicht zurückstoßen wollt , eine vorgefaßte Meinung lieber festhaltend . Die Herzogin hatte vielleicht noch nie eine so feste Sprache von ihrem Sohne gehört . Sie erschrak innerlich , und wie Mütter in ihren Söhnen oft leichter die Autorität der Männlichkeit anerkennen , als in deren Vätern , so fühlte sie sich davon aufgehalten , und das Gefühl , hier nur die Wahl zwischen einem ernstlichen Erzürnen und einem großmüthigen Nachgeben zu haben , ließ sie , aus dem Ersteren verschüchtert , sich in das Letztere hineinfinden . Ich gebe Deine eben gesprochenen Worte Deinem eigenen Nachdenken anheim , sprach sie mit jener milden Art , die dem Stolzen so befriedigend wird , weil sie den Andern in Nachtheil setzt , und wenn mein Sohn mir meine Aufgaben nach seinem Ermessen stellt , will ich die Mäßigung und Selbstbeherrschung , die ich von meinen Angehörigen fordern muß , ihnen vorangehend zeigen . Ohne Zweifel wird Beides von mir in einem hohen Grade gefordert , indem man mich zwingt , ein junges Frauenzimmer wiederzusehn , deren Ruf durch ihre eigenen zweideutigen Handlungen gelitten hat , über welche mir Aufklärung zu geben und daran billig meine Einwilligung zu ihrer Wiederaufnahme zu knüpfen , man verweigert und es vorzieht , sich vor mir in ein abenteuerliches Dunkel zu hüllen . So willigt Ihr ein , theure Mutter , den Master Brixton zu sprechen , rief Richmond , immer das Ziel im Auge behaltend und die zwischenliegenden Schwierigkeiten verschmerzend ; also darf ich ihn Euch zuführen ? Sollte das nöthig sein ? sagte die Herzogin kalt , ich denke , daß der Herzog , mein Sohn , bereits seine Einwilligung zu seiner Aufnahme gegeben hat und wir uns nichts weiter zu sagen haben , da ich allerdings nicht in der Stimmung bin , mich gelehrig für geheimnißvolle Histörchen zu erweisen . - Master Brixton und Lady Melville würden sich dessen ungeachtet nicht als Gäste dieses Hauses ansehn wollen , bevor sie die Einwilligung meiner verehrten Mutter dazu erlangt . - Lady Melville , Lady Melville ! rief die Herzogin rasch , weißt Du nicht , mein Sohn , daß der Graf Melville , den sie zu ihrem Vater erhob , kinderlos starb ? Ich weiß es , sagte Richmond fest , doch Brixton giebt ihr mit voller Ueberzeugung diesen Namen , er muß ihr verbleiben , bis wir das Schweigen des ehrwürdigen Mannes aufgehoben sehn . Nun , sagte die Herzogin mit jenem Lächeln , welches den Andern verwundender , als das Wort trifft , es wird Keiner in Abrede stellen , daß mir viel zugemuthet wird , und an den endlichen Mittheilungen dieses Master Brixton viele und sehr wichtig scheinende Erklärungen haften . - Keiner wird das in Abrede stellen , verehrte Mutter , aber auch Keiner in mir das Vertrauen zerstören können , daß diese uns einst genügend sein werden . - Genug , genug und schon zu viel ! erwiederte die Herzogin , ich bin gesonnen , was man von mir fordert , bald zu leisten , um alsdann meine Gedanken von einer so empfindlichen Sache ableiten zu können . Lord Richmond fühlte , wie passend es sei , hier eine Unterredung abzubrechen , welche jeden Augenblick ihn in Gefahr setzte , die heilige Verpflichtung der Ehrfurcht gegen seine Mutter zu verletzen , die zu erfüllen , ihm jederzeit wahres Bedürfniß des Herzens war . Beide Männer zogen sich , mit höflicher Kälte entlassen , zurück , im übrigen Kreise der Familie sich für den Zwang entschädigend , den die Unterredung ihnen auferlegt , und die Herzogin verblieb in ihren Gemächern , eine Unpäßlichkeit vorschützend . Die Unterredung , die sie am andern Morgen dem Master Brixton gewährte , konnte keinem von Beiden zur Befriedigung dienen . Die vorgefaßte Meinung der Herzogin über diese Angelegenheit , die halben Mittheilungen , die der würdige Mann , gebunden durch sein gegebenes Wort , fast nur auf Versicherungen , die den Glauben an seine Person bedingten , machen konnte , fanden wenig Anklang bei der Hartnäckigkeit seiner Gegnerin und beschränkten ihn fast auf die einfache Erzählung , wie es dem Lord Membrocke gelungen sei , das Fräulein zu täuschen , und wie es ihr ferner im Schlosse der Lady Sommerset ergangen . Ganz ohne Eindruck blieben diese letzten Mittheilungen nicht , und dieser wurde verstärkt durch den ruhigen Bericht über den Fortgang der Reise , woraus die Herzogin abnahm , daß kein ausgesprochenes Verhältniß zwischen ihrem Sohne und der Lady obwalte , und die ganze Reise durch Brixtons und Margariths Nähe vollkommen in den Grenzen schicklicher Zurückhaltung verblieben sein mußte . Sie willigte ein , das Fräulein zu sehn , und sagte Brixton den Schutz zu , den er für sie bis zu seiner Rückkehr von London , wohin er sich augenblicklich zu begeben trachtete , erbat . Jener Empfang war nicht ohne kränkende Aeußerungen und mit der stolzen Kälte verbunden , die wenig Muth übrig läßt . Aber Lady Maria hatte seit lange schon die glückliche Sicherheit der Jugend verloren , die sie in der ersten Zeit ihres Unglücks ihre ganze Lage klar und ehrenhaft ansehn ließ . Sie erkannte nur zu wohl , wie zweifelhaft ihre Geburt , Name und Zukunft geworden ; und fühlte sie sich auch innerlich gehalten durch die zuversichtlichen Tröstungen Brixtons , so entging es ihrem klaren Blicke doch nicht , wie voll Sorge der ehrwürdige Mann war für die nächsten Schritte , die ihm zu thun oblagen , und ob diese Dinge sich je bis zu der Klarheit entwickeln würden , um Andern als Beweis und Ueberzeugung dienen zu können , das stellte sich ihr in immer zweifelhafterem Lichte dar . Sie verlernte daher auch in demselben Maaße , Ansprüche an die Gunst der Menschen zu machen , da sie sich durch so viel Mißgeschick von ihnen ausgeschieden und aller Berechtigung beraubt sah , die ihr unter ihnen einen ehrenvollen Platz anweisen konnte . Sie hatte es daher nur mit tiefer Beschämung geduldet , sich der Familie Nottingham aufgedrungen zu sehn , und war nur den vereinigten Bitten Richmonds und Brixtons gefolgt , als ihr Beide außerdem keinen schützenden Aufenthalt zu nennen wußten und Brixton nicht aufhörte , ihr die Hoffnung zu erhalten , daß sie aus dieser mißlichen Lage bald in aller Ehre hervorgehen werde . Sie empfand daher die Kälte der Herzogin als eine nothwendige Zugabe ihres Unglücks und trug sie mit um so stillerer Ergebung , als sie es aufs Tiefste bereute , durch ihre frühere Unbesonnenheit das Vertrauen dieser edlen Frau selbst erschüttert zu haben . Es war freilich dies auch die einzige Prüfung , die ihr in diesem Hause auferlegt war ; denn keiner der Andern stand an , ihr Vertrauen und die alte Liebe zu bezeigen , ja , das Unglück , das sich in den Augen der Jugend so leicht von dem Verdachte des Unrechts reinigen läßt , schien ihr nur noch größeres Anrecht auf die schonende Liebe ihrer jungen Freunde zu geben . In welchen Begrenzungen übrigens Lady Maria sich gegen ihren Retter , Lord Richmond , gehalten hatte , während einer Reise , wo sie täglich Beweise seiner Güte und Hingebung , seiner gegen jede Zufälligkeit sie schützenden Vorsorge empfing , - hier traten diese Grenzen doch noch bestimmter hervor , und nicht mehr , wie auf der Reise , war es eine selbstgewählte Entfernung , die sie doch immer in dem Bereich seiner ausschließlichen Sorgfalt ließ , sondern es mußten alle Beziehungen der Art nothwendig aufhören , wo in der völlig gesicherten Lage und ungestörten Ordnung des Hauses jede Veranlassung dazu wegfiel . Beide geriethen in eine Entfremdung , die sie fast mit Zweifel erfüllte , ob sie beide jemals sich näher gestanden . Maria fühlte , wie sie nur angewiesen sei , diese Zurückhaltung zu unterstützen , aber es schien ihr bald , als käme ihr Richmonds Gefühl darin nur zu sehr zu Hülfe . Sie fühlte sich von einer Schwermuth beschlichen , die sie zwar wohl unter den vor Aller Augen daliegenden Umständen ihrer Lage verbergen , von der sie sich selbst aber nicht abläugnen konnte , daß sie einer andern Ursache angehörte , und diese begann ihres Herzens sich mit einer Gewalt zu bemächtigen , die allen andern Kümmernissen die Kraft , sie zu beugen , raubte oder doch in diesem einen Gefühle sie alle zusammen treffen ließ . Sie war zu fromm , zu Gott ergeben , sich den Tod zu wünschen , aber es verging kein Tag , an dem sie nicht dahin kam , mit einem sehnsüchtigen Laut ihrer Brust an ihn , als an die süßeste Erquickung , hinzudenken . Sie machte sich Vorwürfe , daß sie allgemach gleichgültig ward gegen ihr ganzes verwickeltes Schicksal , gegen ihre Zukunft ; das Einzige , was noch einen Anspruch an ihre Theilnahme geltend machte , war das Andenken an ihren unglücklichen Oheim , dessen Existenz ihr aufs Neue durch Brixton bestätigt ward , und zwar in jener vollen Glorie der Tugend , worin sie ihn von Jugend an vor Augen gehabt . - Ollony nahm den gewohnten Platz in der Nähe ihrer theuern Lady Maria ein ; sie war ihr so viel näher indessen getreten , man konnte sagen , sie war zu der Freundschaft herangewachsen , die sie schwärmerisch zu ihr hinzog . Beide sahen ahnend einander in die schwermüthigen Augen , aber das heiligste Siegel war auf die jungfräulichen Lippen gedrückt , und das Verständniß des gemeinsamen Gefühls gab sich nur kund in der Anziehungskraft , die Beide , an allen Andern vorüber , zu einander hinzog . Dies schöne Verhältniß gewann eine Art Heiligung und ward von Allen unterstützt , denn keine der übrigen Frauen rivalisirte mit Ollony . Lady Anna , die sonst dazu am nächsten stand , hatte eine zu ausschließliche Beziehung zu ihrem Gemahl gewonnen , um für das Gefühl der Freundschaft in solchem Maaße noch zugänglich zu sein . Ja , sie hatte den feinen Takt , der den Frauen in der Liebe so eigen ist , und der bei der Anerkennung von Marias Werth ihr die kaum zu bezwingende Schlußfolge aufnöthigte , ein solches Wesen eben müsse auch ihrem Gemahl sehr nahe zu stehen vermögen . Die ungemein feste und edle Haltung jedoch , die der junge Herzog in dieser gefahrvollen Lage behauptete , ließ weder im Herzen seiner jungen Gemahlin , noch bei andern ihn beobachtenden Familien - Mitgliedern die leiseste Unruhe aufsteigen . Maria fand an ihm , jetzt wie früher , ihren wohlwollendsten Beschützer , stets bemüht , ihr Godwie-Castle als ihre Heimat lieb zu machen , sie durch die feinste Auszeichnung an seine Familie zu knüpfen und mit dem Gedanken zu versöhnen , daß ihr vielleicht keine andere lebe . Hierin sah er sich von seiner Gemahlin und allen seinen Geschwistern unterstützt , und bei der dauernden Vorliebe seiner Großmutter , und da selbst Lord Archimbald ein besonderes Wohlgefallen nicht verhehlte , schien sich einer solchen Hoffnung für die Zukunft nichts entgegen zu stellen . Maria sah dies mit der größten Anerkennung und bemühte sich , ihr niedergebeugtes Leben so gütigen Anforderungen gemäß zu erhalten . Aber sie war nie durch das , was sie Andern schien , zu beruhigen ; ihre Seele wollte mit sich selbst im Einklang sein , und nur was sie wirklich war , schien ihr würdig , nach Außen hervortreten zu lassen . So entstand ein Kampf , ein Zwiespalt in ihrem Innern , der sie ungleich erscheinen ließ und ihren Freunden oft die schmerzlichste Besorgniß einflößte . Tausend Mal wollte sie sich den begeisternden Zuruf wiederholen , womit sie ihr Gefühl für Richmond zuerst als freies Eigenthum ihres Herzens sich zum Glück und zum Segen anerkannt , und alle Ansprüche des Lebens daran ausgelöscht hatte , im Gefühl selbst Alles suchend und findend . Der Augenblick war vorüber , und für immer war dieser freie Standpunkt der Resignation ihr mit der Ahnung einer Seligkeit verschwunden , die Richmonds Hingebung an ihr Interesse ihr mit einer schöneren Hoffnung eingeflößt . Es gab freilich für sein schüchternes Zurücktreten eine Auslegung , welche ihrem scharfen Blicke nicht entging