unterrichten anfing , und eigenen Studien und Musik . Die wohlwollende Adele rief oft triumphirend : Hatte ich nicht Recht , daß ihn der Himmel zu unserm Troste erhalten würde und war nun nicht all die furchtbare Angst unnöthig ? Sie liebte Evremont mit der Zärtlichkeit einer Mutter ; sie hatte oft verzweiflungsvoll für ihn gezagt , aber sie war nun herzlich froh , mit gutem Gewissen die Last der Traurigkeit abwerfen und sich ihrer angebornen Heiterkeit überlassen zu dürfen . Der Graf gewann den Gleichmuth der Seele wieder , denn er durfte den Schlag des Schicksals nicht mehr befürchten , den er sich bewußt war nicht ertragen zu können , und die Gräfin , die sich dem Grabe sichtlich zugeneigt hatte , kehrte , gestärkt durch die innere Ruhe , noch ein Mal auf den Weg des Lebens zurück . Selbst die Kräfte des alten Dübois schienen sich zu verjüngen , da er den jungen Grafen , wie er Evremont nannte , in Sicherheit wußte ; es entzückte ihn , daß der gütige Herr auch seiner in dem langen Schreiben gedachte , und er widmete nun dem kleinen Grafen , wie er den kleinen Adalbert nannte , doppelte Aufmerksamkeit und hatte wenigstens selbst eben so viel Freude daran , als er in Evremont dadurch zu erregen hoffte , daß der Kleine so reines Französisch sprach , daß kein Pariser etwas daran zu tadeln gefunden haben würde , ein Verdienst , welches sich der alte Haushofmeister ganz allein zuschrieb . Jeder Fortschritt , den die verbündeten Truppen in Frankreich machten , erhöhte die Zufriedenheit der Familie des Grafen , denn jeder führte die Hoffnung des endlichen Friedens näher . Eine ganz andere Wirkung hatten diese Fortschritte auf das Gemüth des General Clairmont . Er hatte gehofft , Frankreich würde der gesammten Macht Europas widerstehen und so auf eigenem Boden den in der Ferne verlornen Ruhm wiedergewinnen . Ihn entzückte daher jeder Vortheil , den die Franzosen erkämpften , und er erklärte es für eine Verwegenheit der Verbündeten , daß sie sich nach Paris wendeten , denn er sagte ihren gewissen Untergang vor dieser Stadt voraus , deren gesammte Bevölkerung , wie er behauptete , die Waffen gegen den eindringenden Feind ergreifen würde . Als nun der entscheidende Schlag gefallen war , Paris in seinen Mauern die fremden Heere aufnahm , gränzte seine Stimmung an Verzweiflung , und als bald darauf Napoleons Abdankung und die Zurückberufung der Bourbons erfolgte , schloß er sich zwei Tage in sein Zimmer ein , ohne selbst dem Grafen Zutritt zu verstatten , der so gern den Freund beruhigt hätte . Als endlich der General wieder in der Gesellschaft erschien , war er bleicher und ernster als gewöhnlich . Ich werde Dich nun bald verlassen , sagte er dem Grafen , indem er ihm die Hand reichte . Die Erinnerung an Deine Freundschaft , an den langen Aufenthalt in Deinem Hause wird mir um so wohlthätiger sein , da ich Deinem Beispiel folgen und mich auf meine Güter zurückziehen werde . Wie kommen Sie zu dem Entschluß ? rief Adele unbedachtsam . Wie oft haben Sie behauptet , in Frankreich könne man nur in Paris leben , wenn man das Leben mit allen seinen Vorzügen genießen wolle . Paris ist nichts mehr für mich , rief der General mir aufflammendem Unwillen . Welchen Reiz könnte Paris für mich noch haben , wo Alles danach strebt , ein ruhmvolles Leben zu vergessen oder als ein Verbrechen zu behandeln , wo selbst jedes Zeichen vertilgt werden soll , das an eine so nahe Vergangenheit erinnert , daß sie beinah noch Gegenwart ist . Nein ! rief er , indem er die dreifarbige Kokarde vom Hute nahm , nie werde ich dieses Zeichen gegen das weiße Band vertauschen ; und darf ich es nicht mehr öffentlich erheben , so soll es auf meinem Herzen ruhen , so mag es mit mir begraben werden . Er wendete sich ab , um das Gesicht , auf dem Zorn und Rührung mit einander kämpften , zu verbergen . Wie ist es möglich , sagte der Graf in besänftigendem Tone , daß die Farbe eines Bandes Dich so leidenschaftlich erregen kann ? Du sprichst nicht , wie Du denkst , sagte der General nach kurzem Schweigen , während dessen er den Freund zürnend angesehen hatte . Bleibt das ein bloßes Band , woran sich tausend Erinnerungen der Ehre , der Begeisterung , des Entzückens nach überstandenen fast unglaublichen Gefahren knüpfen ? Hätte man uns ein Zeichen nicht lassen sollen , unter dem Frankreichs Name unter allen Himmelsstrichen verherrlicht wurde ? Nein , nimmermehr wird der , der dem kühnen Adler unter Egyptens heißen Himmel und nach Rußlands Wüsteneien folgte - - doch , ich vergesse , unterbrach er sich selbst mit Bitterkeit , ich vergesse , daß ich mit Dir rede , dessen Seele an alten eingesogenen Vorurtheilen hängt ; der in Ereignissen , die außer aller menschlichen Berechnung lagen , mit Selbstzufriedenheit die richtige Berechnung seiner Weisheit erkennen , und der triumphirend mich daran erinnern wird , daß ja nun Alles so gekommen ist , wie er es vorhergesagt , der nun selbstgefällig in tiefe Einsicht verwandeln wird , was damals nur ein eigensinniges Festhalten veralteter Meinungen war . Und fühlst Du nicht , sagte der Graf mit Milde , wie sehr Du mir unrecht thust , indem Du ein so treffliches Bild von mir entwirfst ? Ich habe nichts vorhergesagt , ja ich gestehe , daß ich nicht erwartet habe , Ereignisse zu erleben , wie sie jetzt eingetreten sind , und wenn ich in früheren Zeiten glaubte , daß sie nicht außer dem Kreis der Möglichkeit lägen , so hatte mich die Geschichte anderer Länder bewogen dieß anzunehmen und keineswegs eigensinniger Dünkel . Und wenn ich dem Himmel von Herzen dafür danke , mein Vaterland von dem Drucke der französischen Uebermacht befreit zu sehen , so richte ich deßhalb den Blick nicht feindlich nach Frankreich hinüber , und sollte der Traum , den ich jetzt hege , denn nicht eben so wohl wie der frühere in Erfüllung gehen können ? Sollten nicht beide Nationen , statt einander feindlich zu vertilgen , ihre gegenseitigen Vorzüge anerkennen ? Sollte nicht ein friedlicher Wetteifer eintreten können in der Ausbildung jeder Kunst und jeder Wissenschaft des Lebens ? Und sollten nicht beide statt einander feindlich zu berauben , nun lieber durch gegenseitigen Austausch zu gewinnen suchen ? Der Haß , der sich jetzt noch durch die aufgeregten Leidenschaften ausspricht , wird sich bald verlieren . Die Deutschen sind zu geneigt fremdes Verdienst anzuerkennen , als daß sie nicht bald wieder auch das französische gehörig würdigen sollten , und den Franzosen , erlaube es mir zu sagen , wird das erlebte Unglück eben so heilsam sein , wie einem in Reichthum , Glück und Gesundheit übermüthigen jungen Manne ein Schlag des Schicksals zuweilen wohlthut . Es wird Euch bescheidener machen und die Idee wird bei Euch Zugang finden , daß es auch außerhalb Frankreich noch etwas Bedeutendes und Wissenswerthes geben kann , daß auch die Bestrebungen anderer Nationen Achtung verdienen , und eine engere und edlere Verbindung wird sich so zwischen Euch und Euern Nachbaren bilden , als wenn Ihr sie durch die Gewalt der Waffen unterdrücktet . Der General war zu sehr mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt , als daß er die Worte des Freundes hätte genau beachten können . Er hörte nur im Allgemeinen die wohlwollende Gesinnung heraus , und mehr dem Gange seiner Gedanken folgend , als dem Grafen antwortend , sagte er : Es ist wahr , im Gefolge der Revolution waren empörende Gräuel . Das edelste Blut vergoß man , der Menschlichkeit Hohn sprechend , in Strömen , aber gestehe es , viele große Gedanken wurden auch ausgesprochen und faßten unmerklich Wurzel in jedes Menschen Brust , und wenn Du zurückblickst , wie weit alle Staaten sowohl , als einzelnen Menschen von der Stelle aus weiter geschritten sind , wo sie vor dieser Revolution standen , so wirst Du zugeben müssen , daß sie , wenn sie auch wie ein furchtbar zerstörendes Gewitter über die Länder schritt , doch auch wie dieses Spuren des Segens zurückgelassen hat . Napoleon bändigte dieses Ungeheuer , aber mit ungemessenem Ehrgeiz opferte er den kühnsten Plänen wieder das edelste Blut in Strömen , und doch fand Frankreich Trost in dem Ruhme , der seinen Namen unter den fernsten Himmelsstrichen verherrlichte . Jetzt hat nun wieder das strömende Blut vieler Tausende den Boden der Länder geröthet , um die Vergangenheit zurückzuführen , und welcher Segen wird uns für diese Opfer ? Die Segnungen des Friedens , sagte der Graf , den Euer schönes Frankreich sowohl bedarf , wie alle europäischen Länder . Wir müssen erst erwarten , erwiederte der General , was dieser Frieden für Folgen haben wird , ehe wir seine Segnungen preisen . Ich werde mich auf jeden Fall zurückziehen und in ruhiger Muße für die Erziehung meiner beiden Knaben sorgen . Armer Bertrand ! fuhr er seufzend fort , unser Napoleon und Eugen werden diese Namen nicht von Neuem verherrlichen , wie Du hofftest , denn Gott weiß , ob man ihnen nicht die Namen selbst als Verbrechen anrechnen wird . Wenige Tage nach dieser Unterredung schied der General von seinem Freunde , und Beide trennten sich nicht ohne Rührung , denn wie verschieden auch oft ihre Ansichten waren , so fand doch Jeder in dem Andern so viele Vorzüge anzuerkennen , daß die gegenseitige Achtung das in der Jugend geknüpfte Band der Freundschaft nur dauernder und fester machte , und schon den folgenden Tag , als der General französischen Boden berührte , dachte er : Sollte es denn nicht möglich sein , daß , wie ich Hohenthal liebe und achte , obgleich er ein Deutscher und von den Grillen dieser Nation nicht frei ist , und wie er mich liebt , obgleich er meine besten Eigenschaften für Thorheiten eines Franzosen hält , eben so einst beide Völker in aufrichtiger Freundschaft einander gegenüberständen ? Diese friedlichen Gesinnungen wurden jedoch bald aus der Brust des französischen Kriegers verscheucht , indem er den feindlichen Truppen begegnete , die so gleichgültig auf französischem Boden wandelten , als wäre es gar nichts Besonderes für sie , sich hier als Sieger zu bewegen , und es gereichte ihm nur dieß zu einigem Troste , daß alle wenigstens auf dem Wege waren Frankreich zu verlassen . Unter den rückkehrenden Kriegern war auch der Graf Robert und seine Freunde , und wenige Tage , nachdem der General das Haus des Grafen verlassen hatte , wurde dieser auf ' s Angenehmste durch die Ankunft seines Vetters überrascht , der dieß Mal in Begleitung aller seiner Freunde kam , denn auch Wertheim und der Baron Lehndorf kehrten nach Deutschland mit ihren Truppen zurück , und natürlich mit ihnen der Arzt und Gustav Thorfeld . Die Freude Aller wurde erhöht , als sie erfuhren , daß Evremont lebe , und daß man nun , da alle Kriegsgefangenen frei gegeben wurden , seine baldige Rückkehr erwarten dürfe . Der Graf bemerkte mit Wohlgefallen , daß das scheue , finstere Wesen Wertheims sich verloren hatte , und daß seine Sitten milder , als sonst erschienen . Der Graf Robert löste dem Oheim dieß Räthsel , indem er ihm die glückliche Veränderung mittheilte , die in der ganzen Lage des jungen Mannes eingetreten sei . Durch eine weitläuftige Verwandte war ihm eine Erbschaft zugefallen , und zwar hatte ihn diese zum einzigen Erben eingesetzt und die entlaufene Schwester gänzlich ausgeschlossen . Dieß Vermögen setzte ihn in den Stand , das kleine Gut kaufen zu können , welches der Graf früher dem Obristen Thalheim eingeräumt hatte ; und wenn er sich nun dazu entschließen wolle , dieß dem jungen Manne zu überlassen , so könne er , bemerkte der Graf Robert , dessen Lebensglück begründen , denn alsdann sei er entschlossen , sich dort niederzulassen und sich mit der ältesten Schwester des Grafen zu verbinden , indem Beide , von gegenseitiger Neigung bestimmt , dieß sehnlichst wünschten . Da Sie , mein lieber Vetter , erwiederte der Graf , Hohenthal als Ihr künftiges Eigenthum betrachten müssen , so ist es mehr Ihre , als meine Sache , und ich gebe im Voraus zu jeder Einrichtung , die Sie dort treffen , meine Einwilligung . Der Graf gab es nicht zu , daß sein Vetter sich in Danksagungen ergoß , indem er scherzend bemerkte , daß er noch zu lange zu leben hoffe , als daß er jetzt schon Dank für ein Erbe verdiene , das er erst so spät zu überlassen gedenke , und er führte bald seinen Vetter auf das Schicksal seines Freundes zurück . Wodurch er völlig zur Milde gestimmt wurde , fuhr der Graf Robert in Beziehung auf Wertheim fort , war , daß , als wir nicht weit von Paris in ein artiges Landhaus einquartirt wurden , er in der Besitzerin seine entflohene Schwester erkannte , die hier mit ihrem Gatten , der , in Spanien schwer verwundet , zum Dienst untauglich wurde , in glücklicher Ehe lebte . Drei schöne , in Gesundheit blühende Kinder umgaben dieß Paar , und die Versöhnung war bald gemacht , da Wertheim seine Schwester als Gattin dessen fand , der sie entführt hatte , und da man ihn versicherte , daß der französische Offizier sie in Deutschland schon förmlich geheirathet haben würde , wenn man nicht überzeugt gewesen wäre , der Bruder werde dieß nicht zugeben und im Gegentheil darauf bestehen , daß die Schwester dem Baron Lehndorf ihr übereilt , bloß um seinen Wunsch zu erfüllen , gegebenes Wort halten solle , wodurch sie sich für ihr ganzes Leben höchst unglücklich gefühlt haben würde . Da Wertheim sich gestehen mußte , daß er allerdings so gehandelt haben würde , und da Lehndorf über den Verlust der früheren Braut längst durch die Hoffnung getröstet war , sich mit meiner jüngeren Schwester zu verbinden , so war die Versöhnung von allen Seiten leicht , und Wertheim , der es früher für die Aufgabe seines Lebens hielt , diesen Franzosen von der Oberfläche der Erde zu vertilgen , schied als dessen aufrichtiger Freund von ihm . Er hatte nämlich die Schwester mit dem Tode ihrer gemeinschaftlichen Verwandtin bekannt gemacht , ohne ihr zu sagen , wie feindlich die sie auch im Tode vom Mitgenusse ihres Vermögens ausgeschlossen habe , deren Geiz ihr und der Mutter , als sie noch lebte , auch in der dringendsten Noth selbst die kärglichste Unterstützung versagt hatte . Mein Freund wollte also , fuhr der Graf Robert fort , sein Erbe mit der Schwester theilen , doch deren Gemahl gab dieß nicht zu , indem er dem Bruder seiner Gattin bewies , wie sein Vermögen bedeutend genug sei , daß er leicht diesen Zuwachs entbehren könne , und nach einem gegenseitigen Kampfe der Großmuth blieb mein Freund der einzige Besitzer dss Vermögens , indem er gern als Gabe des Wohlwollens den Vortheil annahm , den ursprünglich nur der Haß ihm hatte zuwenden wollen . Der Baron Lehndorf , berichtete der Graf Robert weiter , hat bei unserer Rückkehr die sichere Aussicht auf eine sehr gute Anstellung bei dem Forstwesen , wodurch er ebenfalls in die Lage kommt , einen Hausstand begründen zu können , was er in Vereinigung mit meiner jüngeren Schwester zu thun beabsichtigt . So haben Sie ja bei Ihrer Rückkehr , bemerkte der Graf lächelnd , die Aussicht auf eine Reihe von Festen , auf viele fröhliche Hochzeiten . Gewiß , gewiß , rief der Arzt , der mit seinen großen Sporen im Saale umherklirrte . Sobald ich zurückkehre , wird das große , das heilige Fest begangen . Alle meine Gedanken richten sich nach der Heimat ; das Bild meiner geliebten Braut folgte mir überall , und ich habe selbst in Frankreich mancherlei Tand für sie eingekauft , um sie damit zu schmücken , und auch für meine Schwiegermutter , die sich eigentlich noch lieber putzt und bunter kleidet , als es sich , wie mich bedünken will , für ihr Alter ziemt . Aber unschädlichen Thorheiten giebt der Weise nach , und besser zu viel Schmuck an den Bewohnern und im Hause , als daß die Grazien darin fehlen sollten . Man gab dem Arzte , der diese Rede mit großer Selbstzufriedenheit gehalten hatte , von allen Seiten Recht , und die Frauen verlangten die Geschenke zu sehen , die er für die Braut und Schwiegermutter bestimmt hatte , um , wie sie sagten , seinen Geschmack zu bewundern . Der gutmüthige Arzt , der auf Alles eitel war , wurde durch diese Aufforderung erfreut und brachte nur zu gern alle Gegenstände zum Vorschein , die er , wie er sagte , in Frankreich rechtlich eingehandelt und nicht , wie ihm dieß von Manchem bekannt sei , ohne weitere Zahlung an sich gebracht habe ; und die Frauen rühmten scherzend jedes Stück und lobten den zarten Sinn des glücklichen Arztes , der , die Vorliebe seiner Schwiegermutter für alles Bunte kennend , ihren Geschmack beinah auf eine übertriebene Weise zu befriedigen gesucht hatte . - Die Freunde blieben einige Tage bei dem Grafen , der sich ernstlich für den jungen Thorfeld zu verwenden versprach , um ihm eine Stelle als Justizamtmann in der Nähe von Hohenthal zu verschaffen , deren Besitz er so heftig wünschte , wie der Arzt auf seine Weise mit feinem Scherz bemerkte , um in der Nähe zu bleiben und sich gegen Eingriffe in seine Eigenthumsrechte auf das Herz der Tochter des Predigers zu bewahren . Der junge Mann schwieg erröthend , und es ließ sich also annehmen , daß der oft wiederholte Scherz des Arztes nicht grundlos war . Die Gräfin bemerkte während dieser Zeit gegen den Grafen Robert , daß es wunderbar sei , wie verschieden Glück und Unglück auf verschiedene Charaktere wirke . Viele Menschen , sagte sie , werden durch Unglück erzogen . Es macht sie ernster , milder , theilnehmender gegen Andere , wenn sie selbst die Schmerzen kennen gelernt haben , mit denen dieß Leben uns verfolgt . Andere macht dagegen das Unglück hart , störrisch und roh , wie wir dieß an Ihrem Freunde Wertheim bemerken mußten , und nur das Glück vermag diese zu erziehen , ihren Charakter edler , ihre Sitten milder zu machen . Graf Robert erröthete , denn er erinnerte sich daran , daß auch er zu denen gehörte , die das Glück edler gebildet hatte , und daß sein erstes Auftreten im Hause seines Oheims keinen vortheilhaften Begriff von seinen Sitten erregt haben konnte . Er sagte endlich verlegen : Auffallender ist es noch , wie sehr der unaussprechliche Haß gegen Frankreich und gegen Franzosen in der Brust meines Freundes gemildert ist , seitdem er in dem Entführer seiner Schwester deren rechtmäßigen Gemahl und einen braven , achtungswerthen Mann kennen gelernt hat . Es ist überhaupt schwer , bemerkte der Graf , genau zu bestimmen , in wie weit sich Persönlichkeit in unsere Gefühle mischt , wenn wir das Vaterland lieben oder dessen Feinde hassen , und ich glaube , wenn wir recht scharf sondern wollten , würde nicht immer so viel Tugend übrig bleiben , wie man in neuester Zeit in diesen Empfindungen zu suchen gewohnt ist . Während des Aufenthaltes der Freunde beim Grafen gewann der Graf Robert den kleinen Adalbert so lieb , daß er im Scherze behauptete , er müsse noch einst durch eine Verbindung mit seinem jüngst gebornen Töchterchen sein Sohn werden , und er wiederholte diesen Scherz so oft , daß man leicht bemerken konnte , wie der Wunsch sich ganz ernsthaft in seiner Seele ausbildete . Die Heiterkeit des Beisammenseins wurde den Freunden nur auf Augenblicke getrübt , wenn sie daran dachten , daß Evremont in ihrem Kreise fehle , und jedes Mal , indem sie über seine Abwesenheit seufzten , stieg zugleich ein Dankgebet zum Himmel empor dafür , daß er ihnen erhalten war . Endlich war der Augenblick der Trennung erschienen , und wenn auch ein Gefühl der Wehmuth Alle beim Abschiede ergriff , so eilten doch der Graf Robert und seine Freunde mit freudigem , hochklopfendem Herzen ihren heimathlichen Bergen zu , denn Jeder wußte , daß ihn dort ein sehnsüchtiges Herz erwartete und zärtliche Blicke ihn begrüßen würden . Der alte Dübois wollte seinen Sohn , wie er den jungen Thorfeld nannte , nicht entlassen , ohne ihm ein Geschenk aufzudringen , worin der junge Mann mit Rührung von Neuem die väterliche Liebe des Greises erkannte . Der Arzt verhehlte sein Gefühl höchster Glückseligkeit beim Abschiede nicht . Ich werde , rief er , indem er sich die Thränen der Rührung abtrocknete , die ihn zugleich bewältigte , den Lohn aller der Opfer empfangen , die ich dem Vaterlande gebracht habe . Die erhöhte Liebe und Achtung meiner Braut wird meine Anstrengungen belohnen , und die Lorbeern werden mich ehren , die ich im Kriege gewann , nicht indem ich Menschen tödtete , sondern indem ich manchen braven Mann erhielt . Es ist wahr , sagte der Graf Robert , mit wahrer Tollkühnheit wagte sich der Doktor jedes Mal auf das Schlachtfeld , wenn kaum der Feind sich zurückzog , und die Kugeln noch herüber und hinüber flogen ; wie ein Geier auf seine Beute stürzte er sich auf die Verwundeten , und Viele danken ihr Leben und die Erhaltung ihrer Glieder nur der schnellen Hülfe , die er ihnen durch diesen Muth gewährte , und da unter den Geretteten mancher bedeutende Mann ist , so glaube ich , daß diese seltene Tapferkeit eines Arztes noch durch eine Auszeichnung belohnt werden wird . Das eiserne Kreuz , sagte der Arzt , indem er sich sehr in die Brust warf und dadurch einige Aehnlichkeit mit einem indianischen Hahne gewann , das eiserne Kreuz kann mir nicht entgehen , wenn man nicht ganz ungerecht gegen mich sein will . Endlich trennte man sich , und der kleine Adalbert vermißte noch einige Tage den Grafen Robert und Thorfeld schmerzlich , die sich so viel mit ihm beschäftigt , daß sie die lebhafteste Zuneigung des Kindes gewonnen hatten . XIV Das Leben war auf dem Landsitze des Grafen nach der Abreise der Freunde wieder in seine gewohnten Gleise zurückgekehrt . Die Tage verstrichen gleichmäßig unter ernsten Beschäftigungen , oder im Genusse der Natur , der Poesie und Musik , und dieser einfache Gang des Lebens wurde nur durch erhöhte Heiterkeit unterbrochen , wenn Briefe von Evremont eintrafen . Man hatte nun nichts mehr für ihn zu fürchten , seine Lage nicht mehr zu beklagen ; also gewährten seine Briefe reine Freude , nur mit der kleinen Beimischung von Schmerz , daß die sehnsüchtige Erwartung immer noch getäuscht wurde ; er konnte immer noch nicht seine Abreise aus Rußland melden . Obgleich es bekannt war , daß die kriegsgefangenen Franzosen ohne Schwierigkeit Erlaubniß erhalten sollten , nach Frankreich zurückzukehren , so war es doch natürlich , daß bei der weiten Ausdehnung der russischen Provinzen manche Zögerung für viele Einzelne eintrat , und Evremont besonders wollte nun bei seiner Abreise doch einen Paß erhalten , in dem sein wahrer Rang in der französischen Armee verzeichnet wäre . Er hatte sich zum Theil in dieser Absicht nach Petersburg begeben , weil er dort mit Gewißheit hoffen konnte , mehrere Franzosen anzutreffen , denen er persönlich bekannt wäre , und die also sein Gesuch unterstützen könnten . Aber auch in der kaiserlichen Residenz mußte er seinen Aufenthalt länger ausdehnen , als er wünschte , ehe er sein Ziel erreichen konnte , und er schrieb seinen Freunden über diese merkwürdige Stadt : » Wer Petersburg sieht , wird sich des Staunens nicht erwehren können über das Ungeheure , was menschliche Anstrengung in wenig mehr als hundert Jahren hervorzubringen vermochte . Wenn man die demüthige Hütte besucht hat , die sich Peter der Erste errichtete , von wo aus er sein Riesenwerk leitete , und wirft dann einen Blick auf die unermeßlichen Straßen , auf die kolossalen Palläste , die seitdem entstanden sind , oder auf die herrliche Einfassung der majestätischen Newa , und die großartigen , reich verzierten Thore und Gitter des Sommergartens , so kann sich die Phantasie nicht daran gewöhnen , sich dieß alles als kürzlich entstanden zu denken . Betrachtet man die ungeheuern Säulen aus Granit , jede aus einem einzelnen Block und wie Edelgestein polirt , die in der Kasanschen Kirche prangen , so darf man diese Werke dreist mit den Werken der Römer vergleichen , und hätte immer ein richtiger Geschmack diese ungeheuern Kräfte geleitet , daß wir eben so wohl den edeln Styl der Baukunst immer bewundern könnten , wie den großen Kraftaufwand , so wäre Petersburg beinah ein Wunder zu nennen , aber nicht zu läugnen ist es , daß sich dem Beschauer oft ein Gefühl aufdrängt , das ihn zwingt , eine solche Verwendung so ungeheurer Kräfte zu beklagen . Auch war es mir , nachdem das erste Anstaunen dieser Schöpfung vorüber war , störend , das lebendig-frohe Gewühl anderer Städte zu vermissen . Die Straßen sind so unermeßlich lang und breit , daß sie immer leer scheinen ; die Plätze sind so groß , daß sich Alles darauf verliert , und ich weiß nicht , ob es vielleicht aus diesem Grunde war , daß die Statue Peters des Ersten nicht den Eindruck auf mich machte , den ich erwartete . Sie sieht in dieser Umgebung klein aus , und selbst der Felsen , auf dem sie steht , kann nicht Bewunderung in dem Beschauer erregen , wenn er es nicht weiß , daß dieser ungeheure Granitblock aus Finnland hieher versetzt wurde , denn hier , wo er jetzt steht , sieht er bei Weitem nicht so groß aus , wie ich ihn mir nach Beschreibungen dachte . Einigermaßen mag der Sommer Schuld sein an dem todten Ansehn , das jetzt Petersburg hat , weil dann Alles eilt , für diese wenigen Monate die reizenden Landhäuser zu beziehen , die die Stadt von allen Seiten umgeben , und in der That , hier kann man es ganz vergessen , daß man im Norden lebt . Diese verschwenderische Pracht von Blumen und blühenden Stauden entzückt das Auge ; die sich auf dem Wasser schaukelnden , bunt geschmückten Gondeln rufen südliche Bilder in unserer Seele hervor . Die schattigen Baumgänge gewähren anmuthige Kühlung bei dem Brande der Sonne und schützen gegen die rauhen Winde , die tückisch oft auf einmal an den Norden erinnern . Ist man so glücklich , an einem schönen Tage denn auch die nur in Rußland einheimische Hornmusik im Freien zu hören , so muß auch der eigensinnigste Kritiker gestehen , daß die große Kaiserstadt und ihre Umgebung die edelsten Genüsse zu gewähren vermag . Ich habe niemals Instrumentalmusik gehört , die auf mich einen so tiefen , unerklärlichen Eindruck gemacht hätte . Es ist ein lebendiges aus Menschen zusammengesetztes Instrument , das wir hier hören . Jeder bläst nur einen Ton auf einem der an Größe verschiedenen Hörner , und wenn auch diese Musik ihrer Natur nach wohl nur dazu geeignet ist , ernstere Sachen in gedehnten Tönen vorzutragen , so ist es doch auf ' s Höchste zu bewundern , wie dieß Menscheninstrument eingeübt ist , denn sie machen die schnellsten Läufe auf und ab mit einer Genauigkeit , die an ' s Unglaubliche gränzt . Nachdem mir diese Musik den höchsten Genuß gewährt hatte , drängte sich mir doch ein schmerzliches Gefühl auf , denn es drückte mich hart , den Menschen in dem Grade zur Maschine erniedrigt zu sehen . Noch ergreifender aber und unendlich erhabener ist der Eindruck , den die russische Kirchenmusik auf jeden Menschen hervorbringen muß , dessen Seele für solche Eindrücke überhaupt empfänglich ist . Bekanntlich verbannt der strenge griechische Ritus alle Begleitung der Instrumente , auch verbietet dieselbe Strenge bei Besetzung des Soprans sich der Hülfsmittel zu bedienen , die die lateinische Kirche gestattet , also wird die Diskantstimme von Knaben gesungen , die für die Kapelle zu diesem Behufe ausgewählt werden . Die Seele wird getroffen und das Herz in seinen Tiefen bewegt , wenn diese göttlich schönen Stimmen sich himmelan schwingen , darum , weil eine so süße Kindesunschuld in ihnen tönt , das man unwillkührlich an die den Thron Gottes umschwebenden Engel denken muß . Freilich , wenn der Gesang verstummt ist und die Bewegung des Herzens sich beruhigt hat , behauptet dann der alte Fehler des Menschen , immer urtheilen und vergleichen zu wollen , sein Recht , und ich mußte mir gestehen , als ich die Kapelle verlassen hatte , daß die lateinische Messe kunstreicher ausgebildet ist , auch liegt die Ursache , warum dieß so ist , glaube ich ganz nahe . Da nämlich die Oberstimme in der griechischen Kirche immer von acht- oder zehnjährigen Knaben gesungen werden muß , so kann nie ein Virtuose die echte Kunst des Gesanges oder die ganze Tiefe des religiösen Gefühls darin entfalten , alle andern Stimmen müssen mit bescheidener Mäßigung behandelt werden , damit die Oberstimme nicht unterdrückt wird ; deßhalb bewegt die rührende Unschuld in diesem himmlischen einfachen Gesange vorzüglich das Herz , wenn wir bei der kunstreicher gebildeten lateinischen Messe oft noch Gelegenheit haben , die große Virtuosität einzelner Sänger zu bewundern . Vielleicht würden diese Betrachtungen meinen griechischen Christen viel zu weltlich dünken , denn ich glaube , es fällt nur wenigen ein , den Gesang in der Kirche als Kunst zu betrachten ; es scheint ihnen bloß unerläßlich zum Gottesdienst zu gehören . Ueberhaupt , glaube ich , hat die Kunst hier noch wenig Eingang gefunden , obgleich die Kaiserstadt viele herrliche Kunstwerke besitzt . Kunstgenuß ist hier ein Luxus , den sich nur Wenige erlauben , keineswegs ein Bedürfniß der Seele . Deßhalb durchwandert man die Säle , in denen die Kunstschätze sich befinden , beinah immer einsam , und auch ich habe mir nur einen flüchtigen Ueberblick zu verschaffen gesucht ,