eine andre Wendung geben können , hättet Ihr die Augen bei Euch gehabt , und den Jungen als Euern Bruder erkannt . « - » Du hast Recht ; « sprach Dagobert mit einem Seufzer , nach kurzer Stille : » ' s ist meine Schuld . Mir war der Knabe fremd . Geh aber jetzt mit Gott von dannen . Mir ist , als stände ich in einem Zauberkreise , und keinen Zweiten möcht ' ich in mein Geschick verwickeln . Frage morgen im Einhorn nach mir ; bin ich am Leben noch , so wollen wir einen Valettrunk halten , trotz dem im Rosengarten zu Worms , denn mir ist Vaterhaus und Vaterstadt verleidet , und ich will fort . Bei dieser Gelegenheit magst Du über Deinen langen Vollbrecht staunen . Die Kost in meinem Dienste schlug dem Burschen trefflich an , und er beginnt , Dir ' s gleich zu thun . « - » Ihr könnt noch scherzen , « sprach Gerhard : » und mir pocht das Herz wie einem armen Sünder ! Ein gut Gewissen mag ein wackrer Harnisch seyn , allein .... « - » Das ist es auch ; « meinte Dagobert : » noch einmal , geh ! Komm ich nicht wieder , so grüß ' den Vater und den Lehrer Johannes , und nimm mein Pferd , das Beste meiner Habe . Leb wohl aber jetzt . « - Ein Handschlag noch , und fort eilte der Begleiter . Dagobert sah sich unschlüssig auf der Kreuzstraße um , und brummte in den Bart : » Am besten ist ' s , ich warte hier , bis man mich ausgewittert . Ist ' s denn wohl der Nachtthau , der meine Augen feucht macht , oder etwas Besseres ? Der plumpe Wicht sogar hätte mich bald weich gemacht , und an den Vater , und an sie will ich gar nicht denken , sonst heule ich den unbekannten Herrn etwas vor , statt wie ein Mann zu reden . Und wahrlich , dieses Letztere zu thun , ist Noth , denn dort gilt ' s , wie es heißt . In Gottes Namen , und im Namen der Dreifaltigkeit : ich bin gefaßt . « - Er schlug den Mantel fester um die Schultern , und blickte scharf nach der Seite , von wo sich etwas gegen ihn bewegte . Den linken , in den Mantel gewickelten Arm vorgehalten wie ein Schild , und die rechte Faust am Griffe des kurzen Schwerts , das an seiner Seite hing , rief er dem Nahenden fein : » Wer geht da ? « entgegen . Statt der stumpfen Stimme eines harrenden Freifrohnen redete ihn jedoch Ben David ' s Stimme an , die er alsobald erkannte ; erschrocken rief er ihm zu : » Unglücklicher , woher kömmst Du ? was willst Du hier ? Rede , oder besser : fliehe ! Man bringt Dich in Deinen Kerker zurück , oder die Diener der Acht schleudern Dich in den Main , so Du nicht eilig auf und davon gehst ! « - » Ich bin nicht entsprungen , Herr ! « erwiederte der Jude schwerathmend und demüthig : » ich will weiter wandern jedoch , um zu retten mein armselig Daseyn für mein Kind . Doch , eben dieses Kind ... Herr , ... Ihr habt es gekannt , ... Ihr habt es beschützt ... Ihr habt es vielleicht geliebt , wie ein Edelmann nicht soll lieben eine schlechte Jüdin . « - » Ben David ! « rief der Junker halb zürnend , aber der Jude ließ ihn nicht weiter sprechen , sondern fuhr fort : » Hab ' ich gesagt eine Lüge , so verzeiht mir , und der liebe Gott wird es nicht minder thun . Und hätte ich gesagt die Wahrheit , und wär Esther geworden ein Spiel Eurer Muße und Eures raschen Bluts , ... Herr , ... ich muß Euch vergeben , da Ihr ein Christ seyd , und ich nur ein elender Jude ; aber ich will auch vergeben , wenn Ihr barmherzig seyn wollt , und mir nur einen Wink gebet , wo ich sie wiederfinden kann , das Licht meiner Augen , - den Stab meiner schwachen Hand . « - » Aber , was rede ich ? « setzte er hinzu , da Dagobert noch vor Bestürzung schwieg : » Ich bin ein Thor ; blödsinnig bin ich geworden , und vergeßlich wie das Hirn eines alten Weibes . Weiß ich denn nicht , daß der verfluchte Zodick sie geraubt aus Euerm Gewahrsam , .... daß sie geworden ist eine Beute des Kriegsvolks ? ... Weh mir ! weh mir ! wehe geschrieen über mich und Israel ! « - Der arme erschütterte Mann war im Begriff , in laute Klagen auszubrechen und mit seinem Jammer Nacht und Nachbarschaft aufzustören . Dagobert hatte besorgliches Mitleid mit den Vater seiner Esther . » Fasse Dich ; « sagte er eindringlich zu dem Winselnden , indem er ihn mit starker Hand emporhielt : » Du stürzest Dich in ' s Verderben durch Dein zweckloses Gewimmer . Deine Furcht ist grundlos . Esther ist in Sicherheit ; Gott und ich - wir haben sie nicht verlassen . Du wirst mich besser kennen lernen . « - » Engel , Fürst der Barmherzigkeit ! « stammelte der froh überraschte Vater , Dagobert ' s Hände küssend : » Ihr habt Segen gepflanzt auf meinen dunkeln Weg , Öl gegossen in die Wunden meines Grams . Erfüllt das Maaß Eurer Menschenliebe .... zeigt mir den Weg zu Esther . Besorgt nicht , daß ich sie reiße mit mir in ' s Unglück . Ist sie Euer Eigenthum geworden ; wie der Knecht das des Herrn , ich raube sie Euch nicht , ... ist sie geworden Euer Gut , wie das Lieb des Buhlen , ich verführe sie Euch nicht ; aber letzen muß ich mich mit ihr , damit ich hinfahren könne in Frieden . « » Merke auf ; « versetzte Dagobert schnell und bewegt : » Morgen schon magst Du im Arme Deines Kindes liegen . Unfern von der Stadt Friedberg liegt das Dürninger Schloß , und in dem Walde , der das Ritterhaus umgibt , steht , eingehägt wie das Veilchen im weitverbergenden Wieswachs , die Forsthütte des Schlosses . Darin haust Esther , dort magst Du sie finden , und mein in Frieden gedenken , sollte ich nimmer dahin zurück kommen . Geh ' aber jetzt , Alter , denn sicher bleibt diese Stätte nicht mehr lange leer . « - Er riß die zwar nicht überflüssig gefüllte Börse vom Gürtel , und drückte sie dem Freudevollen in die widerstrebende Hand . Mit dankbarer Inbrunst küßte Ben David den Saum seines Mantels , stammelte die Worte : » Herr des Lebens ! Herr der Gnade ! Und Dich konnte ich nennen grausam ? « und lief , ohne ferner zu verweilen , fort gegen das Gatterthor zu , das aus Sachsenhausen einen Ausweg darbot , und seine Flügel vor der Freigebigkeit des eiligen Wandrers willig öffnete . - » Die Begierde , über den Strom zurück zu kommen , stürzt vielleicht den armen Mann in die Fluthen , ehe noch das Morgenlicht den Schiffer weckt , die Fähre zu rüsten ! « sagte Dagobert vor sich hin , und schritt mit aufmerksamem Ohre hin und her . - » Es dauert lange ! « fuhr er nach einer kurzen Stille fort : » wüßte ich nur ein Mittel , mich den Herren bemerkbar zu machen ; denn gehegt wird heute . Die schwarzen Vögel strichen schon an mir vorbei . « - Indem er nun mit verschränkten Armen zu den Sternen emporsah in ungeduldiger Erwartung , und in der schmerzlichen Erinnerung an die Ferne , Ersehnte , - fiel ihm ein Lied ein , das zu jenen Zeiten im Munde aller gefühlvollen oder minneholden Jünglinge war ; und da dessen einfach rührender Inhalt sich vollkommen nach dem Zustande seiner innersten Seele richtete , so sang er es vor sich hin mit halblauter Stimme , damit wieder Ruhe und Fassung in seine Brust kehrte : 5 » Vom Vaterland , « so fern so fern , - » hat mich erkannt « der Abendstern , - » und lacht mich an ; « ich kenne Dich , » und Deine Bahn ; « hier siehst Du mich ! - Nachdem er diesen ersten Vers vollendet , und sein Herz in neuer Kraft aufschlagen fühlte , war es ihm , als ob sich unfern von ihm wieder etwas regte . Er lauschte ; das Geräusch hatte aber aufgehört . So begann er denn den zweiten Vers des ermunternden Liedes : » Ich blick ' Dich an , « ach Abendstern , » auf Deiner Bahn , « so nah und fern , » Wie freu ' ich mich , « Dich hier zu sehn ; » Du kannst - nicht ich , « zum Liebchen geh ' n. - » Zum Liebchen gehn ! « wiederholte er schmerzlich , und hielt die Hand vor die thränenden Augen . Neben ihm ließ sich indessen eine freundliche Mannsstimme vernehmen : » Habt Dank , guter Geselle : Euer Lied kam von Herzen , und ging auch zu Herzen . Gott segne den wackern Sänger , der es machte , und lasse es ihm wohl gehen ; säße er auch in Schmach und Elend , ... vergnügt müßte er seyn , da die Dichtkunst und die liebliche Musika ihm dienen , und sie sind beide gar holdselige Engelein . « - Dagobert schaute verwundert auf den Nachbar mit der leisen gemüthlichen Rede , und wäre fast erschrocken , da er in demselben einen kleinen verkappten Mann wahr nahm , über dessen Haupt die Kaputze eines dunkeln Mantels tief herabfiel . » Ich muß Euch aber jetzo bitten , « sprach der Mann weiter : » diesen Platz zu meiden . Es wird hier herum die kaiserliche beschlossene Acht gehegt , und wir haben Fug und Recht vom Kaiser , hier nur Geladene zu dulden . Ich hab ' Euch nur das Liedlein wollen vollenden lassen , und denke , Ihr werdet ohne Säumen heim gehen . « - » Ei , mein Freund , « antwortete Dagobert fast lustig und wohlgemuth : » ich bin ja ein Geladener , und wenn Ihr , wie ich denke , ein Diener der Heimlichen seyd , so thut mir die Liebe , mich hinzuführen , wo man meiner bedarf , denn es ist nicht eben fröhlich , hier das Grab umsonst zu hüten6 . Die Stunde ist spät , und vom Main weht keine sommerliche Luft . « - Der kleine Mann warf sich bei diesen Worten etwas in die Brust , und fragte nach dem Namen des Andern . Als derselbe sich genannt , staunte der Frohn ein wenig . - » Ihr seyd allzufertig , Junkher Frosch ; « sagte er mit einer Art von Verbeugung : » Nur ein gut Gewissen stellt sich , ohne die dritte Ladung abzuwarten , vor die Schranken . Glück auf , Herr , und folgt mir . Ich will hoffen , Euch wohlbehalten wieder hieher zurück zu bringen . « - » Gott geb ' s ! « versetzte Dagobert : » Schreitet voran , Ihr da ; ich komme nach . « - » Erlaubt , daß ich Euch mit diesem Tuche die Augen blende ; « entgegnete der Frohn : » wir haben nicht weit zu gehen , und der Gebrauch will es so . Auch Eure Waffen gebt mir , falls Ihr deren bei Euch tragt . « - Dagobert besann sich ein wenig ; dann sagte er : » Und warum denn nicht ? Mein Recht bedarf keines Schwerts , und die schwache Klinge würde nicht der Gewaltthat Vieler sich erwehren können . « - Er reichte dem Frohn die Waffe , und ließ sich geduldig das Antlitz verhüllen , worauf ihn der Frohn bei der Hand nahm , und behutsam mit ihm voranging . - » Wäre ich Freigraf und Schöppenbank in Einem , « wisperte der Kleine dem Jüngling zu : » so hätte ich Euch schon dort auf dem Kreuzwege freigesprochen ; denn ein Mann , der solche Liedlein singt , und singt , wie Ihr es thut , .. der hat nimmer einen Frevel im Schilde geführt . « - » Ihr habt viel Vertrauen , obschon Ihr zu den Heimlichen gehört ; « meinte Dagobert : » könntet Euch wohl irren . « - » Nicht doch ; « versetzte der Frohn : » ich kenne Euch auch nicht erst seit heute , und schon , da Ihr mit Singen aufhörtet , und zu sprechen begannt , hab ' ich wohl gewußt , wer Ihr seyd . Ich kenne Euch recht gut und Euer Haus . « - » Ei , so soll mich Gott ! .. « sagte Dagobert , im Gehen inne haltend : » Ihr seyd mir auch nicht fremd , und manches Stiefelpaar hat mir Eure Hand gefertigt , Meister Freudenberger , wenn mich meine Ohren nicht abscheulich hinters Licht führen . « - » Pst ! « antwortete der Andere , und weiter nichts . - » Wie kommt denn Ihr , der fröhliche Meister und kunstgerechte Chor- und Stubensänger , - wie kommt Ihr unter diese Eulen der Nacht ? « fragte Dagobert theilnehmend weiter . Der Frohn drückte ihm aber rasch die Hand , und flüsterte : » Stille , um des Himmels Willen . Wir sind unfern dem Stuhle , und haben nur das Zeichen zu erwarten . « - Lautlos standen Beide stille , und nachdem verschiedne Stimmen , brummend und flüsternd an ihnen vorüber gegangen waren , geschahen unweit von ihrer Stätte sieben Hammerschläge auf ein dröhnendes Brett , und mehrere Menschen kamen heran . » Ben ! « rief der Eine , mit viel Frohsinn in dem Ausdruck seiner Rede : » ' s hat hart gehalten , aber , Gott sey Dank ; Recht ist Recht geblieben . Wie wird sich meine Mutter freuen , wenn ich wohlbehalten nach Hause komme . Sein ferneres Geplauder , wie eine Mahnung der Begleiter sich ruhig zu verhalten , verscholl in der Weite . « - » Dieser Mensch hat ' s glücklich überstanden ; « dachte Dagobert für sich : » die Vehme scheint also nicht aus eitel Bluthunden zu bestehen ; darum Muth , Freund Dagobert . Muth und offnen Helm ! « - Rasch fühlte er sich nun fortgeführt ; sein Fuß betrat glattes Steinpflaster ; er hörte ein Geräusch um sich summen , wie Reden aus dem Munde Vieler , die sich an den Bogen eines Gewölbes brechen . Der Frohnbote hieß ihn stille stehen , und nahm ihm die Verhüllung von den Augen . Dagobert erkannte angenblicklich die Maternuskirche als die Stätte des heimlichen Gerichts . Auf den Stufen , den Altar zu tragen bestimmt , war eine schlichte Tafel errichtet , hinter welcher der Freigraf auf einem Stuhle , die sieben ihn umgebenden Schöppen auf niedern Bänken saßen . Vor dem Erstern lag ein Schwert und der Zweig einer Weide . Hinter den Sitzen der Richter standen und saßen theils einzeln , theils in mannichfachen Gruppen , eine Anzahl von Männern , deren sorgfältige Verhüllung , jener der Richter gleich , andeutete , daß sie mit zu den Wissenden gehörten , ob als Frohnboten , oder als echte und rechte Schöppen , jedenfalls ohne an dem Gerichte thätigen Theil zu nehmen . Um den Vorgeladenen standen einige Diener des Gerichts in bescheidentlicher Entfernung . Zwei Lampen , von welchen die eine an der Thüre gehalten wurde , die Andre vor dem Grafen stand , leuchteten in diesem düstern Bau . Die Unterredung der im Kreise Sitzenden dauerte mit Lebhaftigkeit fort , bis endlich der Frohnbote den Freigrafen bescheidentlich erinnerte , daß der Vorgeladene des Weitern harre . Ein Schlag auf den Tisch stellte die Ruhe her . Aller Augen richteten sich - unter den bergenden Kaputzen hervor - auf den Jüngling , dessen Ruhe und Sicherheit in dem Maaße zunahm , als er mehr und mehr gewahr wurde , mit welcher Sorglosigkeit die so gefürchteten Richter ihr Geschäft betrieben . - Der Freigraf erhob zuerst seine Stimme , und sprach : » Ich frage Dich , Frohne , ob es noch wohl an der Zeit seye , in Statt und Stuhl unsers allergnädigsten Herrn , des römischen Kaisers , daß ich ein Gericht und heilig Ding hege , zu richten unter ' m Königsbanne . « - Der Frohne antwortete : » Sintemalen Ihr von der Freigrafschaft , und von der leiblichen Hand des römischen Königs Fug und Recht zu hegen empfangen habt , so mögt Ihr noch immer thun zu Rechten an diesem Beklagten , Geladenen und Gegenwärtigen . « - Hierauf wurde dem Jüngling abermals das Haupt verhüllt ; dagegen enthüllten Freigraf und Schöppen ihr Antlitz , und entblößten ihre Häupter . Sie legten die Mäntel zurück auf die Schultern und warfen die Handschuhe ab . In Aller Namen sprach der Freigraf die Worte : » So hege ich denn ein Gericht und billig gefeimtes Geding unter ' m Königsbann , auf des Königs Bank , Stätte und Stuhl mit diesen echten , rechten freien Männern des Königs , und fürbaß mit diesen andern Freischöppen ; wie sich ' s mit Recht gebührt unter ' m Königszwang und bei der höchsten Strafe des Strangs . « - Die Richter verhüllten sich wieder , setzten sich , und dem Geladenen wurden die Augen freigegeben . Nach den Eingangsfragen , aus welche Dagobert mit harmloser Unbefangenheit antwortete , kam die Reihe im schnell und oberflächlich geführten Verhör auf die Missethaten , deren der Vorgeladene von einem Wissenden beschuldigt worden sey . Dagobert ' s Herz empörte sich bei der Aufzählung der Verbrechen , die ihm zur Last gelegt wurden , aber diese edle Zorn übermannte nicht das Bewußtseyn seiner Unschuld , und raubte ihm nicht die Sprache des kühnen Mannes , der sich stark und kräftig gegen solche Unbill vertheidigt . Mit hinreißender Beredsamkeit schilderte er den Unbekannten seines Lebens klaren Weg ; wie ihm ein gesundes , gutes Herz stets das höchste Kleinod gewesen , wie er immer seine Eltern geliebt und geehrt , - wie er selbst die Stiefmutter , die ihn gehaßt , so kindlich behandelt , daß sie endlich seine vertrauende mütterliche Freundin geworden . Er sagte klar und frei heraus , wie Wallrade ihn stets verfolgt und gehaßt , wie er ihr freundlich die Hand geboten , doch ohne Erfolg . Er sprach von der nothwendig guten Beziehung , die Judith ' s letzte Aussagen , und die Kunde vom Aufenthalt Wallradens auf seine Sache haben müßten . » Ich habe also nicht des Vaters Leben einem Mörder verdungen ; « sprach er : » ich habe nicht die Schwester in Räubers Hand geliefert ; ich habe keinen Theil an dem Verkauf des Knaben Johannes gehabt . Die Vernunft spricht mich frei davon . Wird es mir , erleuchteten und weisen Männern gegenüber , schwer fallen , meine Unschuld in den übrigen Anklagen zu beweisen ? Nicht die That steht mir zu diesem Endzweck zu Gebote ; nur das Wort . Aber auch nicht die That kann man als Beweis gegen mich aufbringen ; nicht das Wort . Mein Wandel war unsträflich bis hieher . Ich habe meinen Vater stets geehrt , und geachtet seine grauen Haare . Ich habe ihm nicht den schlechtesten Pfenning entzogen , und sollte mich an dem höchsten Schmuck seines Hauses , an dem Herzen seines geliebten Weibes zum Diebe gemacht haben ? Die abscheulichkeit kann nur aus dem Grunde einer verläumderischen Brust kommen , und ich verachte sie als Mann und als Christ . Die letzte Beschuldigung endlich , ihr Herren des Vehmgedings , ist nicht minder ungegründet . Buhlschaft unterhalten mit einer Jüdin , und dadurch zum Ketzer werden ? Wer zeiht mich dessen ? Ich habe die arme verlaßne , von der Welt gehaßte und verachtete Dirne in meinen Schutz genommen , ohne sträfliche Absicht . Ich halte sie verborgen vor ihren Feinden , und bin fröhlich , daß es mir gelungen ist . Vergebens befragte man mich nach ihrer Zufluchtsstätte . Das Lamm , das ich rettete , verkaufe ich nicht selbst den Wölfen , und ich müßte mich zuvörderst überzeugen , ob nicht hinter diesen Gewändern , die Euch , ihr Herren , verhüllen , von diesen Wölfen einige verborgen wären . Verzeiht mir dieses dreiste Wort ; überführt mich jedoch vom Gegentheil ; und könnt Ihr mir verbürgen , daß Esther , Ben David ' s Tochter , gehalten werden soll , wie eine ehrliche Dirne , und nicht wie ein verworfnes Thier , - könnt Ihr mir verbürgen , daß sie Händen übergeben wird , die redlich und ohne Haß ihr Bestes wahren , - dann erst sollt Ihr ohne Widerrede erfahren , wo sie weilt . Ich aber habe mich in Eure Gewalt gegeben , ob Ihr meinen Worten trauen wollt , ob nicht . Es wäre mir nicht schwer geworden , manches Böse zu enthüllen , das ich von denen erfahren , die ich verletzt haben soll , allein Rache und böse Vergeltung ist meiner Seele fremd . Ich bin ein deutscher Junge , handle schlicht und recht , und denke in dem kaiserlich freien Gericht , vor dem ich mich sonder Furcht gestellt , nicht den Stuhl zu finden , vor dem die Wahrheit flieht , und die Lüge das Haupt erhebt , wie das Volk insgemein befürchtet ; sondern einen Verein von deutschen Männern , die des Königs heiligen Namen ehren , und nicht minder den untadeligen Menschen , den Gott nach seinem Ebenbilde schuf . « - Als nun der herzhafte Jüngling schwieg , verbreitete sich über den ganzen Raume eine Stille sonder Gleichen , und jeder von den Unbekannten überlegte , ob denn Dagobert gesprochen wie ein Beklagter , oder vielmehr wie ein Wissender selbst , der den Stuhl des Grafen besteigen will . Der Freigraf hob , der Erste , wieder an zu reden , und sagte : » Gott walte , daß auf dieser Vehmstätte die Unschuld wissentlich verderbe . Der Mann , so das Reich hütet , - unser gnädigster Herr und König hat nicht darum seine höchste Macht über Gut , Ehr ' und Leben in unsre Hand gelegt , daß wir tödten sollen den Schuldlosen , und erhöhen den Sträflichen . Bedeutet das Schwert hier vor uns das Kreuz , an welchem der Erlöser gelitten , und die Gestrengigkeit unsers Gerichts , so wie die Weide die Strafe der Bösen , um ihre Missethat ; so hat uns doch der Herr die Weisheit gegeben , die das Wahre unterscheiden mag vom Falschen . Gleichwie der erste Stuhl auf rother Erde der Spiegel des Reichs genannt wird , in welchem Alles zu schauen , wie es ist ; also jede Vehmstätte für die ihr Untergeordneten durch kaiserliche Satzung . Ich finde nicht die Schuld an Euch , deren Ihr bezüchtigt worden , und die Stimmen dieser sieben Freien mögen zur Sprache kommen . « - Während die Schöppen rings um die Tafel leise ihre Entscheidung dem Freigrafen mittheilten , bemerkte Dagobert , daß in einer Ecke , halb von einer vorspringenden Säule verdeckt , einer der Verhüllten sich wie ein trostloser Mensch geberdete , das Haupt gegen die Säule stemmte , und sich nicht durch das Zureden einiger um ihn Versammelten begütigen ließ . - » Die Schöppen der heimlichen Acht finden keinen Fehl an Euch ; « begann der Freigraf feierlich , » und damit Ihr sehet , daß wir redlich richten , sonder Willkür und Minne , so rufe ich den Wissenden , Euern Kläger vor die Schranken , hiemit zum ersten , zweiten und dritten Male . « - Der Verhüllte , von dem früher gesprochen , wankte heran , umgeben von seinen Begleitern . - » Schöppe ; « sprach der Freigraf ernst : » wir finden Eure Klage ungegründet . Wollt Ihr sie beschwören auf Euern Eid , oder beweisen , daß Ihr den beklagten Mann ergriffen auf handhafter That ? oder weiter führen die Klage vor die Kammer des Reichs zu Dortmund ? « - Der Kläger schüttelte den Kopf , und sprach mit halberloschner Stimme : » Nein , mein Herr Graf . Nimmer soll das geschehen . Die schwerste Pflicht hab ' ich als redlicher Freischöppe in Treuen und Wahrhaftigkeit zu erfüllen geglaubt . Der Himmel will , daß ich erliege mit meiner Klage . Ich schwöre nicht auf meinen Eid und meine Pflicht ; denn dieser wäre dann verloren , und Gott will , daß er frei ausgehe . Auf handhaftiger That hab ' ich ihn nicht ergrisfen , und kann nicht Zeugniß stellen ohne Lüge , und vor dem Spiegel der rothen Erde trage ich meine Schande fürder nicht . « - Das Blut in Dagobert ' s Adern starrte , denn die Stimme seines leiblichen Vaters war in der des Klägers nicht zu verkennen . Gewaltsam mußte er an sich halten . Als aber der Gedemüthigte fortfuhr : » So unterwerfe ich mich denn der Strafe , die des Freigerichts Ordnung selbst gegen den Wissenden verhängt , und biete meinen Hals der Weide , wie der Beklagte hätte thun müssen ; ... « da konnte Dagobert nicht ferner schweigen ; sondern stürzte mit dem Ausrufe : » Barmherziger Himmel ! mein Vater ! « gegen den Stuhl hin : » mein armer getäuschter Vater sterben für mich ? O ihr Herren der Vehme ! Das nicht , das nicht dem ärmsten betrogenen Greise , den ein grausam Verhängniß gezwungen hat , den Sohn selbst anzuklagen auf peinliche Strafe ! « - Der Freigraf winkte ihm Stille zu . Indem trat ein Andrer auf , dessen Rede und Geberde den Oberstrichter verrieth : » Herr Graf , « sagte er : » Dieses heutige Freigeding ist merkwürdig durch den leichten Sieg , den eines Jünglings beredte Zunge und scheinbare Freimüthigkeit sonder Beweise über eines Wissenden Klage davon getragen . Jedoch ; Euer Spruch , ihr Herren , ist einmal geschehen , und unumstößlich für uns . Übt jedoch Nachsicht gegen den Kläger , der mit Ehren seit langer Frist unter uns gesessen . Seine Klage war Pflicht ; eine gebotene . Die klare Wahrheit ist noch nicht am Tage . Sprecht daher kein blutig Urtheil . Es sey hinlänglich , ihn unfähig zu machen , ferner zu sitzen und zu klagen an gespannter Bank . « - » Diese Schande ? « rief Diether heftig entgegen : » Nimmermehr ! nehmt meinen Kopf , damit jener Mensch lebe ! « » Vater ! Vater ! « sagte hier Dagobert mit überwallendem Schmerze : » Vater ! Ihr versündigt Euch an mir . Habt Ihr denn mein Leben gewollt ? O dann Ihr Herren , nehmt es hin . Nehmt es in diesem Augenblicke . Haßt mich gleich der Vater unverdient , so will ich dennoch lieber alle Missethat bekennen , die man mir aufgebürdet , und als Ketzer und Ehrenschänder sterben , als daß nur ein Haar meines Vaters gekrümmt , seine Ehre nur mit einem Hauche verletzt werde . « - » Und diesen Sohn konntet Ihr verfolgen , Schöppe ? « fragte der Freigraf mit strengem Vorwurf : » Und die verderbliche Leidenschaft tobt noch in Euch ? Weniger zu hassen , als zu bemitleiden seyd Ihr , ein Spielwerk in den Händen des Zufalls und falscher Freunde . Ich sah voraus , in welchen Kampf Eure Seele gerathen würde , bei dieser unseligen Klage , die ich mit blutendem Herzen angenommen habe . Um dieses Mitleid zu üben , greife ich zu dem Mittel , das schon als ein letztes bereit lag , wäre auch der junge Mann überwiesen worden der Beschuldigung . Denn - nicht solle es heißen , daß unter meinem Vorsitze der Vater den Sohn gemordet habe auf der Stätte des Gerichts . Ich erkläre daher unsern Spruch nicht als ein kräftig Unheil , sondern weise die Klage ab . Der Junker Dagobert Frosch ist gefreit von der Vehme . Er ist der Kirche verlobt , und schon als Cleriker zu halten . Null und nichtig ist die Freisprechung , die ihm Johannes , der Papst , zugewendet . Johann war seines heiligen Amtes entsetzt , hatte selbst die Formel der Absetzung verlesen im Concilio , und war nicht mehr befugt , ein solches Kirchenrecht zu üben . Sein Mund konnte nicht mehr lösen was gebunden war durch fromme Gelübde : Dagobert Frosch , des Altbürgers Sohn , ist demnach noch Priester , frei von dem Zwang der Vehme , und wir überlassen es dem geistlichen Amte und dem Bischof , ihn zu seinen Kirchenpflichten anzuhalten , von welchen wir , da wir die Ladung gaben , nichts gewußt . Also haben wir abgeurtheilt nach altem Herkommen und Gesetzen des Kaisers und des Reichs , und zum Frommen legen wir dem Beklagten den Eid auf , geheim und hehr zu halten , was er an diesen Schranken des Freigedings westphälischen Gerichts gesehen und gehört . « - Dagobert wollte zwar anfangs mit keckem Muthe widersprechen , da der Freigraf von der Nichtigkeit feiner Freisprechung durch den Papst handelte , aber der Gedanke , daß dieses der einzige Weg sey , sich und den Vater von Schimpf und Schmach zu retten , verschloß ihm den Mund . Eben so willig leistete er den verlangten Eid auf das vorgehaltne Schwert , und ließ sich von dem Frohnboten wieder von dannen bringen . Der gute Mann nahm theilnehmend Abschied von dem Junkherrn , und sagte : » Ja , Herr ; Gott hat es wohl gemacht ; aber