Adler geht durch den Himmel , und der König dieser Könige habe seine Bahn auf der Erde und in dem Himmel zugleich . Noch war und tat ich nichts ; aber wenn noch das Leben ein leerer Nebel ist , kannst du ihn übersteigen , oder festgreifen und zerschlagen ? Willst du einmal , du Uranide , einen Mann lieben , so tret ' ich vor keinem zurück . Aber Worte sind an Taten nur Sägespäne von der Herkuleskeule , wie Schoppe sagt . Sobald der Krieg und die Freiheit aufeinanderstoßen , so will ich dich im Sturm der Zeit verdienen und dir Taten mitbringen und die unsterbliche Liebe . Hier steh ' ich auf der göttlichen Höhe des Klostergartens und blicke in ein grünes Himmelreich ohnegleichen hinab . Die Sonne ist schon über den Golf hinüber und wirft ihre Rosenfeuer unter die Schiffe , und ein ganzes Ufer voll Paläste und voll Menschen brennt rot - durch die langen aufgebreiteten Straßen unter mir rollt das Festgetümmel schon herauf , und die Dächer sind voll geschmückter Menschen und voll Musik , Balkons und Gondeln erwarten die göttliche Nacht zu den Gesängen . Und hier bin ich allein und bin doch so glücklich und sehne mich ohne den Schmerz . Aber wär ' ich vor vier Tagen , Linda , wo ich dich noch nicht kannte und noch nicht hatte , hier gestanden und hätte angesehen diesen Abend - das goldne Meer - das heitere Portici , das Sonne und Meer mit Flammen anspülen - den herrlichen Vesuv mit goldgrünen Myrten umwunden und mit dem grauen Aschen-Haupt voll Sonnenglut - und hinter mir die grüne Ebene voll Wolken aus Blütenstaub , die aus Gärten steigen und in Gärten regnen - und den ganzen webenden Zauberkreis freudiger Kräfte , diese in Licht und Leben schwimmende Welt ; - dann , Linda , hätte ohne dich durch die warme Seligkeit ein kalter Schmerz gezückt , und im goldnen Abendlicht wären Erinnerungen mit Trauer-Larven gegangen . O Linda , wie hast du meine Welt gereinigt und erweitert , und ich bin nun überall glücklich . Du hast den schweren scharfen Pflug des Lebens , der mühsam an der Ernte arbeitet , in einen leichten Griffel und Pinsel verwandelt , der umherspielt , bis er eine Götter-Gestalt erschafft . Sah ' ich heute nicht jeden Tempel und jeden Hügel froher , wie von dir vergoldet , und jede Schönheit , sie mochte an der Statue , auf der Leinwand oder auf der singenden Lippe oder auf den Gipfeln blühen , prangte und duftete üppiger , und dann flog ich von der kleinen Blume auf zur blühenden Linda ? Wie herrschet die dunkle Gewalt hinter der Wolke ! Versiegelte Befehle gibt sie uns mit , damit wir sie auf einer späten fremden Stelle erbrechen . Gott , erst auf Ischias Epomeo mußt ' ich meinen öffnen , da ging ein Augenblick über das Leben und gebar die Ewigkeit , der Schmetterling brachte die Göttin ! Der Abend geht unter , und ich muß schweigen . Wüßt ' ich nur , wie der deinige ist ! Mein Leben besteht jetzt aus zwei Stunden , deinen und meinen , und ich kann nicht mehr mit mir allein leben . - Dieser Tag sei dir doch reich und mild entwichen und dein Abend wie meiner ! Die Sonne rötet nur noch den Vesuv , die Inseln verglühen langsam im dunkeln Meer , ich schaue nun , ohne mit dir zu sprechen , den großen Abend an , aber o Gott , so anders als in Rom ! Selig werd ' ich mein Auge nur an deine auslöschende Insel im Glanz-Getümmel des Abendrots heften und lange noch hinsehen , wenn schon Epomeos Gipfel in der Nacht verwittert ; und dann werd ' ich heiter in das mit Lichtern umstellte Grab der Farben unter mir schauen - frohe Gesänge werden durch die Dämmerung ziehen - die Sterne werden liebreich schimmern - und ich werde sagen : Ich bin allein und still , aber unaussprechlich selig , denn Linda hat mein Herz , und ich weine nur aus Liebe , weil ich an ihres denke , und trunken werd ' ich durch den Blütenrauch des Bergs hinuntergehen . « - * Er kam langsam nach Neapel zu seinem Freunde Dian zurück , alle Fest-Lust , die ihm begegnete , das ganze Odeum der Wonne , in welchem das klingende Rad der Leier schwindelnd umrollte , schien ihm bloß sein Nachklang zu sein , indes sonst erst den äußern sinnlichen Saiten des Menschen die innern nachklingen . Er wollte nur immer weiter und noch - wenn es ginge - diese Nacht auf den Weg nach dem Vesuv , für ihn gab es jetzt nur eine Tagszeit . Das wärmere Klima samt der Liebe und dem Mai schienen alle Frühlingswinde seiner Kräfte zu wecken , sie wehten ungestüm , ihm selber sogar bewußt ; nur vor der Geliebten war er , noch wund von der Vergangenheit , bloß ein Zephyr , der die stäubende Blüte schont . Am andern Tage wollt ' er nun den Vesuv besteigen und am Morgen darauf seinen Dian in Portici erwarten , wenn er vorher auf dem Vulkan die Sonne hatte aufgehen sehen . 114 . Zykel Seine Reise beschrieb er seiner Geliebten : In der Hütte des Einsiedlers auf dem Vesuv » Warum liegt nicht der Mensch auf den Knien und betet die Welt an , die Berge , das Meer , das All ? Wie erhebt es den Geist , daß er ist und daß er die ungeheuere Welt denkt und sich ! - O Linda , ich bin noch voll von dem Morgen ; auch wohne ich noch auf der erhabnen Hölle . Gestern reisete ich am Morgen mit meinem Bartolomeo durch den reichen vollen Gartenweg nach dem heitern Portici , das sich an den Riesen anschmiegt wie Catana an den Ätna . Immer dieselbe große , durch dies erhabene Land ziehende epische griechische Verschmelzung des Ungeheuern mit dem Heitern , der Natur mit den Menschen , der Ewigkeit mit der Minute . - Landhäuser und eine lachende Ebene gegenüber der ewigen Todesfackel - zwischen alten heiligen Tempelsäulen geht ein lustiger Tanz , der gemeine Mönch und der Fischer - die Glut-Blöcke des Bergs türmen sich als Schutzwehr um Weingärten , und unter dem lebendigen Portici wohnt das hohle tote Herkulanum - ins Meer sind Lavaklippen gewachsen , und in die Blumen schwarze Sturmbalken geworfen . Das Steigen war anfangs meiner Seele Erquickung , der lange Berg wurde der vollen Wolke ein Ableiter . Spät nachts im ewigen Steigen kamen wir ohne Genuß der Abendsonne , durch deren roten Glanz auf der Asche wir schnell waten mußten , hier beim Einsiedler an ; der Mond war noch nicht herauf , deine Insel noch unsichtbar . Oft donnerte es unter dem Fußboden der Stube . Da wurd ' ich auf einmal vom Einsiedler schön an meinen alten Schoppe erinnert , indem er mir erzählte , daß einmal ein hinkender Reisender mit einem Wolfshund hierüber gesagt : im Vesuv sei der Stall der unaufhörlich polternden Donnerpferde . Das war nach allem gewiß nur Schoppe . In der Mitternacht , meine Linda , als der Mond über den Apennin herüber war und mit einem entzückten langen Silberblick vom Himmel sah und ich an dich dachte , stand ich auf und ging leise hinaus , um wieder zu sehen , wo du wohnest , meine Linda . Draußen war es überall still , ich hörte gleichsam die Erde auf ihrer Bahn im Himmel donnern - die Schatten der Lindenbäume um mich schliefen fest auf dem grünen Rasen - Vesuvs Rauch stieg empor in die reine Luft - über das dampfende Meer hin glänzte wunderlich der Mond , und mühsam sucht ' und fand ich endlich den einsamen Berg deiner Insel , hoch ins Blau gezogen , silbern blühend unter den Sternen um ihn her , eine schimmernde Tempelzinne für mein Herz . - Dort wohnt und schlummert Sie auf dem Tabor , eine Verklärte des Elysiums ! sagte ich mir . Um mich war Asche der Jahrhunderte , Stille des Sargs , und nur zuweilen ein Poltern , als werfe man auf jenen den Grabhügel ich war weder im Land des Todes noch der Unsterblichkeit - Die Länder wurden Wolken - Neapel und Portici lagen verdeckt das weite Himmelsblau umfing mich - ein hoher Nachtwind bog die Rauchsäule des Vulkans nieder und führte sie wechselnd-beglänzt in langen Wolken durch den reinen Äther fort . - Da sah ich nach Ischia , und sah gen Himmel , o Linda , ich bin aufrichtig , hör ' es , daß ich die fromme Liane , die dich so unendlich liebte , bat , jetzt um dich zu schweben und dir das Glück zu bereiten , das sie dir sonst so gönnte . - - Auf einmal wurden die Donner des Berges ganz still , die Sterne blitzten heller ; da schauderte mich die Stille und das Leben , und ich ging in die Hütte zurück , aber lange noch weint ' ich vor Entzückung über den bloßen Gedanken , daß du glücklich würdest . Der Morgen ging auf ; und mitten in seinem dunkeln Winter traten wir die Reise nach der Feuer-Schlucht und Rauchpforte an . Wie in einer abgebrannten dampfenden Stadt ging ich neben Höhlen um Höhlen , neben Bergen um Berge vorbei und auf dem zitternden Boden einer ewig arbeitenden Pulvermühle dem Pulverturm zu . Endlich fand ich den Schlund dieses Feuerlands , ein großes glühendes Dampf-Tal wieder mit einem Berg - eine Landschaft von Kratern , eine Werkstätte des Jüngsten Tags - voll zerbrochner Welt-Stücken , gefrorner , geborstener Höllenflüsse - ein ungeheuerer Scherbenberg der Zeit - aber unerschöpflich , unsterblich wie ein böser Geist und unter dem kalten reinen Himmel sich selber zwölf Donnermonate gebärend . Dunkelröter steigt auf einmal der breite Dampf , wilder gehen die Donner ineinander , heißer raucht die schwere Höllen-Wolke - plötzlich fährt Morgenluft herein und schleppt den flammenden Vorhang den Berg hinab - - Da stand die helle gütige Sonne auf dem Apennin , und der Somma und Ottayano und Vesuv blühten im Friedens-Glanz , und die Welt ging langsam nach der Sonne auf mit Gebürgen , Inseln und Küsten . Der Ring der Schöpfung lag auf dem Meere vergoldet vor mir , und wie die Zauberstäbe der Strahlen die Länder berührten , so fuhren sie lebendig empor . - Und der alte Königs-Bruder des Vesuvs , der Ätna , saß auf seinem goldnen Thron und schauete über sein Land und Meer . Und wie Schnee rollte von den Gebürgen der lichte Tag in das Meer herunter , in Glanz zerrinnend , und floß über das weite glückliche Kampanien und in dunkle Kastanien-Täler . - Und die Erde wurde unabsehlich , und die Sonne zog im weiten Strahlen-Netz die süß-gefangne Welt im schönsten Äther weiter . O Linda , da prangte deine Insel ausgebreitet , stolz gelagert im Meer mit herunterfließendem Morgenrote , ein hochmastiges Kriegsschiff - und ein Adler , der Vogel des Donnergottes , flog in die selige Weite , als trag ' er mein Herz in seiner Brust zu deinem Epomeo hin . - O ich möchte ihm nach , sagte mein Geist . Der heiße Boden tat Donnerschläge , und der Rauch umhüllte mich . - Ich möchte sterben , damit ich dem Adler nachflöge und jetzt in Ischia wäre ... « * Hier hielt die heftig erregte Seele sich innen . Er ging oder glitt den Abhang nach Portici herab . In einem gegenseitig vorher festgesetzten Hause glaubt ' er seinen Freund wiederzufinden . Aber er fand weder Dian noch den erwarteten Brief von Linda . Entkräftet von Gehen , Wachen und Glühen , fiel er im kühlen , stillen Zimmer in einen Traumschlaf . Da er erwachte , stand die Mitternacht des italienischen Tags um ihn , die Siesta - alles ruhte unter dem heißen stillen Lichte - im Himmel war keine Lerche - die grünen Sonnenschirme neben seinem Fenster , die Fichten , standen ungeregt in der Erde , und nur die Pappeln wiegten leise die neugeborne Blüte des Weins , die in ihren Armen lag - und der Efeu , der von Gipfeln hing , schwankte ein wenig . - Solche Schattenzweige spielten einst in Lilar in Charitons Zimmer , als er Lianen erwartete und damals an Italien dachte . - Der große ebene einfache Garten von Portici nach Neapel , ein von Wellen umspültes Garten-Gewebe von Dörfern , Baumwäldchen und Landhäusern , führte sein Auge über Blüten nach seinem Paradies im Meer . - Diese einsame stille Zeit voll Sehnsucht erweichte unendlich sein schönes Herz . Er endigte so den abgebrochnen Brief : In Portici » O meine Linda ! Ich bin dir wieder näher , aber die Ferne zwischen uns wird mir hier in der Stille so weit ! O Linda , ich liebe dich mit Schmerzen , in der Nähe , in der Ferne - o mit welchen verlör ' ich dich erst ? - Warum bin ich denn deiner Liebe so gewiß ? Oder so ungewiß ? Leise spricht dein Herz zu mir . Leise Musik und Liebe ist einer entfernten gleich , - und die ferne auch wieder der leisen . Hat mich der erhabne Säulenstuhl des Donnergottes neben mir so sehr erschüttert , oder denk ' ich zu lebhaft an das hohle tote Herkulanum unter mir , wo eine Stadt ein Sarg ist : weinend und beklommen seh ' ich über das Meer an die stille Insel , worauf du wohnst . - O daß es so lange wird , bis wir uns sehen , daß du nicht gleich jeden Gedanken aus meinem Herzen schöpfst und ich aus deinem ! Warum stellt mir das Ausbleiben deines Briefs auf einmal größere Schmerzen , ach die größten vor die Seele ? Warum denk ' ich : die tiefsten Schmerzensstriche auf unserer Stirn , die Runzeln des Lebens sind nur kleine Linien aus dem ungeheuern Bauriß , den der Weltgeist zieht , unbekümmert , welche Stirnen und Freuden seine Glückslinie schmerzhaft durchschneide ? - Wenn diese Linie einmal durch unsere Liebe ginge vergib den voreilenden Schmerz ; in diesem Leben , dem Wechsel zwischen Strichgewittern und Sonnenblicken , ist er wohl erlaubt ... « * Hier unterbrach ihn die Freude und Dian in Begleitung eines Ischianers , der einen Brief von Linda brachte , um seinen mitzunehmen . Er las ihn heftig und gab seinem noch die Worte wie eine Freudenträne mit : » Übermorgen komm ' ich auf die Insel . Was ist die Erde gegen ein Herz ! Du bist mächtig , du hältst mein ganzes blühendes Dasein empor in den Himmel , und es stürzt auf dich , wenn es stürzt . Lebe wohl ! Ich fürchte wahrlich weder das heiße Öl noch die Flamme der Psyche . « - Hier ist Lindas Brief : » Wir beide leben sehr still , seit der artige Flüchtling auf Bergen und in Palästen umherschwärmt . Wir sprachen fast zu viel von ihm und ließen uns noch dazu die schwatzende Agata holen , um gar von seiner Reise zu erfahren . Ihre Julie ist voll Segen und Hülfe für Linda . Noch nie sah ' ich eine so klare , bestimmte , scharf durchblickende und doch kalte Natur , die nur gebend liebt , mehr als liebend gibt . Sie wird zwar nie die Schmerzen fühlen , die Venus Urania ihren Erwählten schenkt ; aber sie ist eine geborne Mutter und eine geborne Schwester ; und ich frage sie zuweilen : warum hast du nicht alle Brüder und alle Waisen ? Seit dem Erdbeben bin ich etwas kränklich . Ich habe es vielleicht nicht gewohnt , zu lieben und so zu sterben . Ich nehme ein philosophisches Buch - denn Dichter greifen mich jetzt zu heftig an - und glaub ' ihm noch zu folgen , wenn ich schon längst weggeflogen bin über das Meer . Ich lese jetzt das Leben der herrlichen Guyon , diese weiß , wie man liebt - dieser göttliche Affekt gegen das Göttliche , dieses Selbst-Verlieren in Gott , dieses ewige Leben und Bestehen in einer großen Idee - diese wachsende Heiligung durch die Liebe und die wachsende Liebe durch die Heiligung ! Mir entsinkt das Buch , ich schließe die Augen , ich träume und weine und liebe dich . O Albano , komme früher . Was willst du jetzt an Bergen und Ruinen suchen ? Kommen wir nicht wieder ? Aber ihr zerstreueten Männer ! Nur die Weiber lieben , es sei Gott oder euch leider . Die Guyon , die heilige Therese , die etwas prosaische Bourignon liebten Gott wie kein Mann ( außer der heilige Fenelon ) ; der Mann geht mit dem höchsten Wesen nicht viel besser als mit dem schönsten um . Albano , hast du eine andere Sehnsucht als ich , begehrst du mehr auf der Erde als mich , mehr im Paradies als mich : so sag es , damit ich aufhöre und sterbe . Wahrlich , wenn du deine Schwester umarmest : so bin ich eifersüchtig und möchte deine Schwester sein , und dein Freund Schoppe und dein Vater und alles , was du liebst , und dein Ich , wenn du es liebtest , und dein ganzer Himmel und dein ganzes Du im Ich , dein Ich im Du . Ich will Euch einiges von meiner Geschichte erzählen . Still ging ich lange über die Erde - ich sah die Höfe , die Nationen und Länder und fand , daß die meisten Menschen nur Leute sind . Was ging es mich an ; Man sage gar von nichts : das ist bös , sondern nur : das ist dumm - und denke nicht mehr daran . Was ich nicht liebe , existiert für mich auch nicht , und anstatt lange zu hassen oder zu verachten , hab ' ichs vergessen . Ich wurde für stolz und phantastisch gescholten und konnt ' es niemand rechtmachen . Aber ich bewahrte und nährte mein Inneres , denn kein Ideal darf aufgegeben werden , sonst erlischt das heilige Feuer des Lebens , und Gott stirbt ohne Auferstehung . - Ich sah die Männer und fand immer bloß den Unterschied unter ihnen , daß die einen fein , verständig und zart waren ohne Enthusiasmus und Gemüt , die andern sehr herzlich und enthusiastisch mit bornierter Rohheit , alle aber selbstsüchtig ; wiewohl sie , wenn ihr Herz voll und nicht im Abnehmen ist , eben wie der volle Mond die wenigsten Flecken zeigen . Neben den Lehren meiner großen Mutter , neben Ihrem großen Vater bestand keiner . Ihren Roquairol konnte man weder lieben noch hassen noch achten noch fürchten , wiewohl sehr nahe an alles dieses zusammen kommen . Es machte viel auch , daß ich immer reisete ; Reisen erhält oft kälter . Wenn ich nach der Küste sehe und denke , daß ein großer Römer bald in Baja , bald in Deutschland , bald in Gallien , bald in Rom war , und daß ihm die Erde eine große Stadt wurde : so begreif ' ich leicht , daß ihm die Menschen zu Massen wurden . Reisen ist Beschäftigung , was uns Weibern immer fehlet . Die Männer haben immer zu tun und schicken die Seele auswärts , die Weiber müssen den ganzen Tag daheim bei ihrem Herzen bleiben . In der Schweiz legt ' ich mir ( so wie die Prinzessin Idoine ) eine kleine Ökonomie an , und ich weiß , wie man über kleine Ziele , die man täglich erreicht , sich über das hohe tröstet , das wie ein Gottes-Thron in der Höhe liegt . Da kam ich gerade in dieser stillen Woche des Lebens an den Eissee in Montanvert . An pittoresken Bergen , Ebenen , Klüften hatt ' ich mich in Spanien satt gesehen , und an Eisbergen in der Schweiz . Aber ein Eismeer in dieser Höhe , ein einsames uraltes blaugrünes Meer , von roten Felsen umstanden , eine breite Wüste voll reger aufstehender Wellen im Sturm , die ein plötzlicher Tod , ein Medusenhaupt so mitten im Leben starr und fest gemacht ! Es schlug ein Gewitter , mir sonst furchtbar , damals mit Flammen den Berg herauf , ich merkt ' es kaum , meine Seele hing sinnend an der Stille eines versteinerten Sturms , an der Ruhe des - Eises ! Ich erschrak , weinte ungewöhnlich den Berg herab , und in derselben Woche legt ' ich das ökonomische Spielwerk beiseite und reisete fort . Ich machte aber keine Wettergebete , sondern wohnte drunten ohne Klage in der Regenschlucht eines dunkeln kalten Daseins . Da brachte mich das Schicksal auf den Epomeo , und da wollten die Götter , daß es sich änderte . Aber nun muß es so bleiben . Wenn ein seltenes Wesen zu einem seltenen Wesen gesagt hat : Du bists ! , so sind sie nur durch- und füreinander . Die Psyche mit der Lampe wird es nicht fühlen , wenn die Lampe ihre Locken und ihre Hand und Herz ergreift und verbrennt , während sie selig den schlummernden Amor anschauet ; aber wenn der entschlüpfende heiße Öltropfe aus der Lampe den Gott berührt und er aufwacht und ihr zornig entfliegt auf ewig - auf ewig - Ach du arme Psyche ! - Was hilft dir der Tod im aufgelösten Eismeer ? - - Hat denn noch kein Mann den Schmerz der verlornen Liebe empfunden , damit er wisse , wie noch tausendmal härter er eine Frau verheere ? Welcher hat denn Treue , die rechte , die keine Tugend und keine Empfindung ist , sondern das Feuer selber , das den Kern der Existenz ewig belebt und erhält ? Ich bin krank , Albano , sonst weiß ich nicht , wie ich zu diesen tristen Ideen komme . Ich bin so ruhig im Innersten ; ich habe nur die Saiten , nicht die Stimmung gezeigt . Wir sollen nicht auf die Zukunft wirken und sehen , sondern auf die nächste Gegenwart . Erschiene je die Zeit - ich habe weder Reue noch Geduld - je die Zeit , wo du mich nicht mehr und recht liebtest : ach ich würde stiller , stärker , kürzer sein als jetzt , und was gibt es weiter , als entweder für den Geliebten sterben oder - durch ihn ? Komme bald , Holder ! Es ist sehr schön um uns , es hat geregnet , alle Welt jubiliert und sieht die Sonnen-Tropfen und hat sich einen Himmels-Trank gesammlet ; auch ich habe für dich Tassen und Vasen in der Eile hinausgestellt . Komme , ich will dir das Ölblatt und den Myrtenzweig bringen und um das Haupt Rosen und Violen winden . Komme , ich dachte sonst nicht , daß ich so oft nach dem Posilippo sehen würde . - L. « » N. S. Auch die Nebenbuhlerin sieht nach dem Posilippo und freuet sich auf dein Wiedersehen . Doch übereile nichts . Addio , caro . J. « * Albano fand in diesem Charakter eine stille Rechtfertigung und Erfüllung aller Foderungen , die er früher bei Lianens Leben immer an ein geliebtes Wesen machen mußte ; er nahm aber in der Unschuld seiner Liebe nicht wahr , daß gerade diesem Wesen die in seinem Briefe regierende Sehnsucht nach Krieg und Taten nicht gefallen könne . Er besuchte nun die unterirdische Stadt in ihrem Gottesacker , gleichsam neben der Cestius-Pyramide des Vulkans . Dian ging mit ihm das Herkulanum als ein antiquarisches Lexikon durch , um ihm die ganze Haushaltung der Alten bis zum Mahlen hinauf aufzublättern ; aber Albano war bewegter als sein Freund von dieser mitten in der Gegenwart wohnenden Vergangenheit , von den stillen Häusern und nächtlichen Gassen und von den häufigen Spuren der fliehenden Verzweiflung . » Wären denn nicht diese Leute alle jetzt doch tot ohne den Vesuv ? « fragt ' ihn Dian heiter im heitern Lande . » Ich frag ' Euch lieber , « ( fuhr er fort ) » ob ein Baumeister , wenn er aus dieser Kunstkammer oder Kunststadt gekommen , in Eurem Deutschland noch viel Lust haben kann , nach der größten Ruine der Erde die erbärmlichen winzigen für Eure Fürstengärten anzugeben . « - Sie sahen in einem dunkeln Vorhaus eben eine irdene Maske an , die man in Gräber stellte , mit Lampen wie Augen darhinter . Da blickte ihn Albano starr an und sagte : » Sind wir nicht blitzende Larven aus Erde am Grab ? « - » Pfui , die häßliche Idee ! « sagte Dian . Noch lange draußen im lebendigen Sonnenschein gingen ihm dunkle Gedanken nach , neben dem glänzenden Portici stand der Vesuv als Scheiterhaufen und der Todesengel darauf . Er dachte an Hamiltons Weissagung , daß das schöne Ischia einst auf der Mine eines Erdbebens sterbe . Selber Lindas Brief betrübte ihn mit dem bloßen Gemälde ihres möglichen Verlusts . In Neapel besah er noch einige Merkwürdigkeiten ; dann schifft ' er sich am andern Morgen nach dem Eden der Wellen ein . 115 . Zykel Und als sie sich wieder sahen und wieder faßten : waren sie entzückter und verbundner , als es jedes glückliche Herz vorausgesehen . Linda saß still und sanft , sah den schönen Jüngling an und ließ ihn und die Schwester erzählen , die sich oft unterbrach , um beide zu küssen . Er sprach sehr erfreuet über Lindas Brief ; Männer machen überall mehr aus dem Geschriebenen als Weiber . Linda sprach gleichgültig : » Ach was ! Ists geschrieben und gelesen , so sei es vergessen . In Ihrem ist zuweilen auch ein nordisches Faux-brillant . « - » Die Gräfin « ( sagte Julienne ) » lobt niemand ins Gesicht als sich . « Linda ertrug mit eigner Gutmütigkeit den Spott . Albano , ihr oft gefallend und mißfällig , wo ers nicht wußte , vergab der Liebe so leicht . Der Freundschaft vergibt die beleidigte Eitelkeit schwerer . » Zwar doch ! « ( holte Julienne plötzlich unter dem Schleier der Lustigkeit zu einer ernsten Rede aus ) » Dein Emigrier-Projekt nach Frankreich ist ein Faux-brillant . Kannst du denn glauben , daß man es dir zulässet ? daß eine Prinzessin-Schwester von Hohenfließ dem Bruder Pässe zu einem demokratischen Feldzuge unterschreibt ? Nimmermehr ! Und gar kein Mensch , der dich liebt ! « Albano lächelte , wurde aber am Ende ernst . Linda war still und senkte das Auge . » Zeige mir « ( sagte er sanft wie nur mit halbem Ernst und Scherz ) » auf der Landkarte eine bessere Laufbahn ! « - » Einen bösern Laufgraben ? « ( sagte sie spielend ) » Wohl kaum ! « Nun schattete sie mit aristokratischen , weiblichen und fürstlichen Farben zugleich , mit dreifarbigen Farbenerden alle Flammen , Rauchwolken und Wellen ab , momit der Monte nuovo der Revolution aus dem Grunde aufgestiegen war . Und setzte dazu » Lieber ein müßiger Graf als das ! « - Er wurde rot . Von jeher war ihm das weibliche Binden der männlichen Kraft , das liebende Krummschließen zu Blumen herab , das ungerechte Umschmieden des Liebes-Rings zum Galeeren-Ring so aufschreckend und verhasset ; - » in einer Welt , die nur eine Meßwoche und ein Maskenball ist , nicht einmal Meß- und Maskenfreiheit zu behalten , ist stark « , hatte einmal Schoppe gesagt und er nie vergessen , weil es aus seiner Seele in sie kam . » Schwester , du bist entweder nicht mein Bruder , oder ich deine Schwester nicht , « ( sagt ' er ) » sonst verständen wir uns leichter . « Lindas Hand zuckte in seiner , und ihr Auge ging langsam zu ihm auf und schnell nieder . - Julienne schien vom Vorwurfe des Geschlechts betroffen zu sein . Albano dachte an die Zeit , wo er ein Herz aus Wachs zerdrückte mit einem aus Eisen , und sagte , heller und kälter : » Julienne , ich will gern kein Nein zu dir sagen , wenn du es nur für kein Ja ansiehst . « - Er könnte , fiel ihm ein , seinen Widerspruch leicht hinter die Zukunft verstecken , da ja noch kein Krieg in Europa entschieden war ; aber er fand das nicht ehrlich und stolz genug . - » Quäle nicht ! « sagte Linda zu ihr . » Jawohl , « ( sagte Julienne aufspringend ) » ich darf ja nur an das und an das denken was weiß ich ! « und sah sehr ernsthaft aus . » Noch zwei Tage « ( setzte sie dazu und suchte aus dem Ernst zu kommen ) » können wir auf der Insel wie Götter , ja wie Göttinnen verleben ; wiewohl zu einem Gott taug ' ich allenfalls , nur zu keiner Göttin ; diese muß länger sein ; ich bin nur die Folie der Gräfin aus unendlicher Güte . « Denn Juliennens Gestalt verlor durch die Nachbarschaft der majestätischen Linda . Aber der Krieg der liebenden Menschen hatte sich durch keinen Frieden geschlossen und blieb daher in seinen Waffen . Wie der Vesuv glühende Steine , so wirft der Mensch seine Vorwürfe so lange in sich empor und erhebt und verschlingt sie wechselnd , bis endlich eine glücklichere Richtung sie über den Rand hinaustreibt . In Albano arbeitete wohl die Frage , was Lindas Schweigen zum kleinen Kriege über und wider den großen bedeute ; allein er legte sie nicht vor . Der Unabänderlichkeit seines Entschlusses sich bewußt , war er milder gegen die Schwester , die er , glaubt ' er , doch einmal sehr damit verwunden würde . So war er durch den kalten und warmen Wechsel des Lebens sanft geworden , wie ein Edelstein durch schnelles Erglühen