der Stelle geschlossen , der Verkäufer ausgezahlt , und der schöne Dorylas in das Amt eines Vorlesers seiner neuen Gebieterin eingesetzt . Aber , sagte sie lachend , indem sie sich gegen mich und Euphranor wandte , woher wissen wir daß er lesen kann ? Billig hätten wir ihn vorher prüfen sollen . Ich glaube daß ich ihr mit einem unfreiwilligen Achselzucken antwortete . Auf alle Fälle , sagte Euphranor , bitte ich mir zur Gnade von dir aus , ihn zum Modell für eine Gruppe des jungen Achilles156 und der schönen Tochter des Fürsten Lykomedes von Skyros zu nehmen , die ich eben in der Arbeit habe . - Sehr gern , wenn du ihn dazu gebrauchen kannst , versetzte sie lachend , vermuthlich um die plötzliche Röthe zu verhehlen , die über ihr ganzes Gesicht hin loderte . Zufällig lag ein Anakreon auf einem Tischchen . Ich schlug die Ode an den Maler seiner Freundin auf , und sagte zu Lais : gefällt es dir etwa , deinen Vorleser eine kleine Probe seiner Kunst machen zu lassen ? - Wie du willst , erwiederte sie gleichgültig . Sobald Dorylas vernahm , wovon die Rede war , bat er sich eine gestimmte Cither aus , und sang uns das Lied mit einer ziemlich angenehmen Stimme , nach der bekannten Melodie von Antigenidas , indem er sich selbst auf der Cither begleitete . Lais schien mit den Talenten ihres neuen Hausgenossen sehr zufrieden zu seyn ; sie empfahl ihn ihrem Hausverwalter und winkte ihm abzutreten . Es erfolgte eine kleine Stille . Da habe ich nun einmal wieder in der Laune des Augenblicks eine Thorheit begangen , sagte sie mit einer ziemlich merklichen Bemühung , ihrer Miene mehr Unbefangenheit zu geben als sie sich bewußt seyn mochte . Vielleicht ein gutes Werk , versetzte ich ; der junge Mensch scheint mir nicht zu seyn wofür er dir gegeben wurde . » Wie so , Learch ? « - Ich sollte denken es fiele sogleich in die Augen , daß er weder das Aussehen noch den Anstand eines Sklaven hat , sagte ich . - Ich kann eben nichts Besonder ' s an ihm sehen , erwiederte sie , abermals erröthend . - Du hast diesen Morgen vergessen Roth aufzulegen , liebe Lais ; auch wär ' es sehr überflüssig gewesen , da die schönsten Rosen freiwillig auf deinen Wangen blühen . - Learch ist heute sehr scherzhaft , sagte sie zu Euphranorn : aber findest du wirklich , daß Dorylas in Weiberkleidern einen leidlichen Achill zu Skyros abgeben könnte ? Wir wollen auf der Stelle die Probe machen . Sie rief ihrer Vertrauten . Sorge gleich dafür , Eudora , daß der Sklave , den ich so eben gekauft habe , in ein Mädchen verkleidet und so schön herausgeputzt werde , wie es das Costume der Fürstentöchter in der heroischen Zeit erfordert , und führe ihn dann in die große Rosenlaube . Das Mädchen eilte hinweg , Lais fing von andern Dingen zu reden an , und wir folgten ihr in den Garten . Nach einer Stunde erschien die Vertraute mit dem verweiblichten jungen Achill an der Hand , welcher seine Rolle für einen Anfänger nicht übel spielte , und sich seiner Vortheile in dieser Verkleidung sehr wohl bewußt zu seyn schien . Die Mädchen hatten ihn prächtig herausgeputzt , und Euphranor schwur bei allen Göttern , so müßten die Atalanten , Deianiren und Penthesileen der Heldenzeit ausgesehen haben . Da sagst du ihnen eben nichts sehr Schmeichelhaftes , versetzte Lais ; aber die Frage ist , ob du ihn noch zum Modell deines verkleideten Achills nehmen willst ? - Ich wünsche mir kein besseres , sagte der Künstler ; und du , Dorylas , hast gar nicht nöthig so trotzige Gesichter zu schneiden ; das Wahre ist , daß du wie Achill aussehen mußt ohne es zu wissen . - » Aufrichtig zu reden . Euphranor , wenn der junge Achill in Frauenkleidern einem Mädchen nicht ähnlicher sah , so hätte es des erfindungsreichen Odysseus nicht bedurft , um ihn aus den Gespielen der Deidamnia heraus zu wittern . « - Indem Lais dieß in einem spöttelnden Ton sagte , bemerkte ich sehr wohl , daß ihre großen Augen , mit einem Ausdruck den ich noch nie darin gesehen hatte , auf dem schönen Dorylas verweilten ; und daß die vorgebliche Pyrrha nicht ermangelte , die ihrigen in einer Sprache antworten zu lassen , deren Sinn der scharfsichtigen Lais nichts weniger als unverständlich seyn konnte . Als Dorylas wieder entfernt worden war , konnt ' ich mich nicht enthalten , ihr noch deutlicher als ich schon gethan hatte zu sagen , daß mir der Sklavenstand des jungen Menschen verdächtig vorkomme , und daß irgend ein sonderbares Geheimniß hinter dieser Sache stecken müsse . - Ich fange selbst zu vermuthen an , sagte Lais , daß ich für meine dreitausend Drachmen einen albernen Kauf gethan habe . Und doch seh ' ich nicht , was der junge Mensch , wenn er etwas Besseres wäre , für ein Vergnügen daran finden könnte , sich mir für einen Sklaven verkaufen zu lassen . - Wenn es nicht eine Art von Liebeserklärung ist , sagte ich , so wüßte ich auch nicht , was ihn dazu hätte bewegen sollen . - Du könntest mir mit deinen Grillen den ganzen Spaß verderben , erwiederte sie . - Da hättest du Unrecht , schöne Lais , sagte Euphranor ; gibt es denn nicht der schönen jungen Sklaven bei Tausenden in Griechenland ? oder ist es so unerhört , daß man einem jungen Sklaven , den man zu etwas Besserm als gemeinen Knechtsdiensten bestimmt , eine Erziehung gibt , die ihn über andere seines Standes erhebt ? - » Das Lustigste wäre , wenn mein Vorleser am Ende nicht lesen könnte . Da hätt ' ich freilich seine gelben Locken und seine Achillesmiene ein wenig zu theuer bezahlt . Indessen , wenn Euphranor ihn als Modell gebrauchen kann , bleibt mir doch das Verdienst , etwas zum Wachsthum der Künste beigetragen zu haben . Der einzige Achill im Frauengemach der Tochter Lykomeds , den du aus ihm machen willst , wäre die Summe , die ich für das Modell gegeben habe , zwiefach werth . « Sie lenkte nun das Gespräch auf etwas anders , und in den nächstfolgenden Tagen war keine Rede mehr von Dorylas . Doch erfuhr ich von unsrer gemeinschaftlichen Vertrauten : Dorylas habe am dritten Morgen seiner Anstellung , während Lais sich unter den Händen ihrer Aufwärterinnen befand , zur Probe seiner Kunst ein Stück aus Xenophons Symposion vorlesen müssen ; er habe sich aber , entweder aus Zerstreuung , oder Mangel an Sinn für die feinsten Schönheiten dieses Meisterstücks von Attischer und Sokratischer Urbanität , nicht zu seinem Vortheil aus der Sache gezogen . Es hätte ihr gedäucht , als ob Lais wenig auf die Vorlesung Acht gebe ; und da sie , sobald sie sich mit ihrer Gebieterin allein gesehen , sich über die Ungeschicklichkeit des neuen Vorlesers ein wenig lustig gemacht , habe Lais etwas trocken versetzt : Dorylas scheine noch schüchtern zu seyn , und , anstatt unzeitigen Tadels , vielmehr Aufmunterung nöthig zu haben . Am folgenden Tage sey eine ziemlich lange Unterredung ohne Zeugen zwischen Lais und Dorylas vorgefallen . Ihre Gebieterin habe , wider ihre Gewohnheit , sich nichts davon gegen sie verlauten lassen , sey aber den ganzen Abend etwas finster und einsylbig gewesen , und habe sich eher als sonst in ihre Schlafkammer eingeschlossen . Zufälligerweise mußte sich ' s treffen , daß mich um diese Zeit ein unverschiebliches Geschäft nach Argos rief , und beinah ' einen ganzen Monat da zu verweilen nöthigte . Nach meiner Zurückkunft glaubte ich unsre Freundin sehr verändert zu finden . Es däuchte mich als ob sie in Verlegenheit sey , etwas vor mir zu verbergen , das sie mir gern entdeckt hätte , wenn sie nur mit sich selbst einig werden könnte , wie sie anfangen und wie weit sie gehen wolle . Zwischen so vertrauten Freunden , wie wir seit geraumer Zeit waren , konnte ein solcher Zwang nicht anders als peinlich , und also von keiner langen Dauer seyn . Wiewohl sie sich geflissentlich hütete allein mit mir zu seyn , fand ich endlich doch Gelegenheit , sie in einem abgelegenen Plätzchen ihres Gartens zu überraschen , und sie dahin zu bringen , daß sie sich des Geheimnisses , wovon sie gedrückt zu werden schien , gegen mich entledigen mußte . Ich bin in der Kunst zu erzählen so wenig geübt , daß ich dir lieber den Dialog , der sich nun zwischen uns entspann , in seiner eigenen Form , so getreu als mir möglich ist , mittheilen will . Lais . Ich habe dir seltsame Dinge zu entdecken , Learch . Du hast richtig vermuthet ; Dorylas ist nicht , wofür er sich von dem Sklavenhändler ausgeben ließ . - Hier hielt sie inne , als ob sie erwarte daß ich ihr weiter fort helfen sollte . Ich . Und wie machte sich diese Entdeckung ? Lais . Höre nur , wie es damit zuging . Ich hatte ihn an einem Morgen auf mein Zimmer rufen lassen , um mir , während meine Mädchen sich mit meinem Kopfputz und Anzug beschäftigten , Xenophons Gastmahl vorzulesen . Er las ziemlich schlecht , aber , wie mich dünkte , weniger aus Ungeschicklichkeit , als weil er sich nicht bezwingen konnte , statt auf sein Buch zu sehen , alle Augenblicke nach mir hinzuschielen , wiewohl dafür gesorgt war , ihm alle Versuchungen zu einer solchen Zerstreuung so viel möglich zu entziehen . Aber seine Ohren schienen eben so scharf zu hören als seine Blicke einzudringen , und die leiseste Bewegung irgend einer Falte an meinem Gewand erregte seine Aufmerksamkeit . Dieß brachte mir deine Zweifel wieder in den Sinn , und ich beschloß , mich ohne Verzug ins Klare zu setzen . Ich ließ ihn unversehens zu mir in den kleinen Saal am Ende des Gartens holen , und befahl ihm sich mir gegen über zu setzen . Er gehorchte , erhob sich aber sogleich wieder als ob er sich plötzlich besonnen hätte , und blieb , die Arme über die Brust geschränkt , mit gesenktem Haupte vor mir stehen . Höre auf eine übel gelernte Rolle zu spielen , sagte ich : du bist nicht wofür du dich ausgegeben hast . - Er schien bestürzt . Wie kann meine Gebieterin glauben , stotterte er und hielt inne . - Die Rede ist nicht von dem was ich glaube , sondern was ich sehe . Noch einmal , wer bist du ? und wie kommst du dazu , dich durch eine so unbesonnene List in mein Haus einzustehlen ? - Ich weiß nicht , ob meine Augen die Härte und den strengen Ton meiner Worte Lügen straften ; genug , er warf sich mir zu Füßen , umfaßte meine Kniee , und bat mit Thränen in den Augen , ihm einen jugendlichen , beinahe unfreiwilligen Frevel zu verzeihen , den er allzuschwer büßen müßte , wenn ich ihn mit meiner Ungnade bestrafen wollte . - Wer bist du also , wenn du nicht Dorylas bist , sagte ich in einem mildern Ton , indem ich ihm befahl aufzustehen , und den Platz zu nehmen , den ich ihm gewiesen hatte . Und nun erfolgte ein umständliches Bekenntniß , woraus ich zu vernehmen hatte : daß er der jüngste von sechs Brüdern aus einer edeln Thessalischen Familie sey ; während meines Aufenthalts zu Larissa sey er außer Landes gewesen , habe aber bei seiner Zurückkunft ganz Thessalien meines Ruhmes so voll gefunden , daß er dem Verlangen mich selbst zu sehen nicht habe widerstehen können . Er habe sich also , von einem einzigen Diener begleitet , zu Pferde auf den Weg gemacht , sey aber in einem Hohlwege des Berges Cithäron von Räubern überfallen worden , die ihn , nachdem sein Diener in seiner Vertheidigung das Leben verloren , beraubt und ausgezogen hätten . Da er nun in dem Aufzug eines Bettlers keinen Zutritt zu mir habe hoffen können , sey er auf den verzweifelten Entschluß gekommen , sich einem Thespischen Sklavenhändler unter der Bedingung anzubieten , daß er ihn unverzüglich nach Korinth führen und an die schöne Lais verkaufen sollte . Meine Absicht war ( fuhr er fort ) sobald ich in deine Gegenwart gekommen seyn würde , mich dir zu entdecken ; aber es erfolgte was ich hätte vorher sehen sollen : dein erster Anblick machte mich auf ewig zu deinem Sklaven , wenn du mich auch nicht gekauft hättest ; und der Gedanke , dir als wirklicher Sklave anzugehören , in deinem Hause zu leben und des Glücks dich anzuschauen vielleicht täglich gewürdiget zu werden , wirkte mit einem so unwiderstehlichen Reiz auf mein Gemüth , daß es mir schlechterdings unmöglich war meinen ersten Vorsatz auszuführen . Ich fühle nur zu sehr wie strafbar ich bin - und unterwerfe mich jeder Züchtigung die du mir auferlegen willst ; nur die Verbannung aus deinen Augen würde eine unendlichemal grausamere Strafe seyn , als wenn du mir mit eigener Hand den Tod gäbest . - Ich sagte ihm : wie er hoffen könne , nach einem solchen Geständniß nur einen Tag länger in meinem Hause geduldet zu werden ? - Das hoffe ich allerdings von deiner Großmuth , versetzte er in einem mehr zuversichtlichen als bittenden Ton . Ich bitte nur so lange darum , bis die Unterstützung , die ich von meiner Familie bereits begehrt habe , angelangt seyn wird . Ich bin gewiß daß meine Brüder mich nicht verlassen werden . Warum solltest du mir auf so kurze Zeit deinen Schutz versagen ? Mein Geständniß hab ' ich nur dir gethan . In deinem Hause bin ich ein von dir erkaufter Sklave ; deine Hausgenossen wissen nichts anders ; und wofern du auch die Güte hättest mich täglich um dich zu dulden , so würde - So würde , fiel ich ihm in die Rede , da er das folgende Wort nicht gleich finden zu können schien , so würde jedermann es sehr natürlich finden , meinst du ? du hegest eine sehr bescheidene Meinung von dir selbst . - Die schlechteste , erwiederte er , wenn ich das Unglück habe , der göttlichen Lais zu mißfallen ; die größte , wofern mir die Grazien hold genug wären , ihr gütige Gesinnungen für mich einzugeben . - Was hätte ich nun mit diesem Menschen anfangen sollen , Learch ? Ich . Verlangst du im Ernst es zu wissen ? Lais . Deine Meinung wenigstens . Ich . Es ist nicht unmöglich , daß dir der junge Dorylas oder Pausanias nichts von sich gesagt hat , was er im Nothfall nicht beweisen könnte ; aber , aufrichtig zu reden , er sieht mir einem ziemlich gefährlichen Abenteurer ähnlich . Lais . Gefährlich ? Mir gefährlich , Learch ? Ich . Wahr ist ' s , wenn die schöne Lais nicht berechtigt wäre , sich über die Schwachheiten ihres Geschlechts erhaben zu glauben , welche andere dürfte es ? Und doch , wäre sie auch der Göttin der Weisheit eben so ähnlich , als sie es der Göttin der Schönheit ist , so - Lais . Ich erlasse dir den Nachsatz , lieber Learch ! Die ganze Gefahr , wenn ja Gefahr seyn sollte , bestände dann doch nur darin , daß mir Pausanias gefallen , daß ich ihn wohl gar lieben könnte ; und wo wäre da das große Unglück ? Ich . Darüber kannst du in der That allein entscheiden . Verzeih , wenn mich die wohlmeinende Freundschaft unbescheiden gemacht hat . Lais . Das wirst du nie seyn , Learch - Aber deine Meinung , was ich hätte thun sollen , bist du mir noch schuldig . Ich . Wenn du , z.B. dem schönen Dorylas , weil du doch schon zwei oder drei sehr gute Vorleserinnen hast , die Freiheit und die dreitausend Drachmen , die er dich kostet , geschenkt , und ihm beim Abschied noch eine Handvoll Dariken zur Wegzehrung mitgegeben hättest : so hätte er damit wohl behalten nach Hause kommen können , und jedermann würde gesagt haben , du hättest eine sehr großmüthige That gethan . Lais . Aber du scheinst zu vergessen , Learch , daß hier nicht die Rede davon seyn kann , was jedermann davon denken und sagen würde ; denn außer meinen Leuten weiß niemand von der Sache , und niemand hat sich auch um das Innere meines Hauswesens zu bekümmern . Ueber die Urtheile der Korinthier bin ich ohnehin schon lange weg , wie du weißt . Ich . Allerdings ! Ich hätte sagen sollen : du würdest , wenn du so mit dem vorgeblichen Pausanias verfahren wärest , sicher auf den Beifall deines eigenen Herzens haben rechnen können . Lais . Das wäre denn doch vielleicht noch die Frage . Uebrigens kann ich dir zu deiner Beruhigung melden , daß Pausanias im Begriff ist , mein Haus zu verlassen . Ich . Er geht wieder von Korinth ab ? Lais . Das nicht ; er bezieht nur eine eigene Wohnung ; denn er gedenkt sich noch einige Zeit hier aufzuhalten . Ich . Die Unterstützung von seiner Familie ist also glücklich angelangt ? - Ich besorge , Aristipp , ich sagte dieß in einem ironischen Tone ; denn die arme Lais verfärbte sich , schien verlegen , und hatte Mühe ein paar Thränen , die ihr in die Augen schossen , zurückzuhalten . Sie mußte sich etwas bewußt seyn , das ihren Stolz demüthigte , und sie fürchtete vermuthlich , daß ich sie errathen hätte . Ich sah daß es hohe Zeit sey , einer Unterredung , welche beiden Theilen peinlich zu werden anfing , ein Ende zu machen . Mir ist lieb ( sagte ich mit der unbefangensten Miene , und im gutmüthigsten Tone der mir möglich war ) , daß ich mich , wie es scheint , in meiner Meinung von diesem jungen Menschen geirrt habe ; und in der That hätte ich besser gethan , mich auf den feinen Ahnungssinn , der deinem Geschlecht eigen ist , zu verlassen , und dem Sokratischen Glauben , daß ein schöner Leib für eine schöne Seele bürge , mehr Gehör zu geben , als meinem Argwohn . Da der junge Pausanias sich hier zu verweilen gedenkt , so wird es mir nicht an Gelegenheit fehlen , besser mit ihm bekannt zu werden , und ich will nicht zweifeln , er werde sich der Nachsicht , die du mit seiner jugendlichen Unbesonnenheit getragen hast , durch seine Aufführung würdig zu zeigen suchen . » Wir sind ( erwiederte sie mit einem erzwungenen Lächeln ) ich weiß nicht recht wie , in einen ernsthaftern Ton gerathen als die Sache zuläßt , und du kannst mir nicht übel nehmen , guter Learch , wenn ich dich bitte , die allzu ängstlichen Besorgnisse , worin ich dich meinetwegen sehe , auf den Fall zu sparen , wo etwa ein Mädchen von sechzehn Jahren vor Schaden gewarnt zu werden nöthig hat . « Und hiermit endigte sich die letzte vertrauliche Unterredung , die ich mit der schönen Lais zu pflegen Gelegenheit gehabt habe . Wir schieden zwar , dem Ansehen nach , als gute Freunde von einander ; aber ich habe sie , von diesem Tag an , immer seltner und nie wieder allein gesehen . Inzwischen erfuhr ich von ihrer Vertrauten : Lais habe , wenige Tage nach ihrer ersten Unterredung mit dem vorgeblichen Dorylas , diesen unter seinem wahren Namen für frei erklärt , und zugleich in ihrem Hause bekannt werden lassen , daß er aus einem der vornehmsten Thessalischen Geschlechter stamme , von welchem sie , während ihres Aufenthalts in diesem Lande , mit so vielen Verbindlichkeiten überhäuft worden sey , daß sie nicht umhin könne , sich derselben bei dieser Gelegenheit zu entledigen . Seit dieser Zeit komme Pausanias ( die Morgenstunden des Putztisches ausgenommen ) den ganzen Tag nicht von ihrer Seite , speise mit ihr , und sey bereits allen , mit welchen sie noch in einiger Verbindung steht , von ihr vorgestellt worden . Sie gebe vor , ihn schon zu Larissa gekannt und mit seinen Verwandten in freundschaftlichen Verhältnissen gestanden zu haben ; woraus sich dann von selbst erkläre , warum Pausanias , nach dem Unfall der ihn auf dem Cithäron betroffen , seine Zuflucht zu ihr genommen habe . Uebrigens werde der junge Thessalier unvermerkt immer lebhafter , freier und zuversichtlicher , und entfalte tagtäglich irgend ein neues Talent ; denn er sey ein großer Reiter , Springer , Tänzer , Jäger , Vogelsteller , Fischer , und Lustigmacher oben drein , und Lais scheine von der Gewandtheit und Artigkeit , die er bei allen diesen Uebungen zeige , und überhaupt von seiner ganzen Person so bezaubert zu seyn , daß sie sich zusehends erheitere und verjünge , ja wohl gar ( ohne sich ' s vermuthlich bewußt zu seyn ) nicht selten , wiewohl immer mit aller ihr eigenen Grazie , in die naive Fröhlichkeit eines Mädchens von sechzehn zurückfalle . Bei allem dem scheine sie ihren jungen Freund , der ganz öffentlich den feurigsten und hoffnungsvollsten Liebhaber mit ihr spiele , so kurz als möglich zu halten , und jede Gelegenheit mit ihm allein zu seyn , oder von ihm überrascht zu werden , aufs sorgfältigste zu vermeiden ; und daher habe sie auch geeilt , ihm ohne Aufschub ein eigenes schönes Haus , in der Nähe des ihrigen , aussuchen , miethen und prächtig einrichten zu lassen . Daß alles auf Kosten ihrer Gebieterin gehe , daran sey kein Zweifel ; denn man wisse bereits zuverlässig , daß seine Familie von keiner Bedeutung in Thessalien sey , und daß er sein kleines Erbtheil schon zu Athen , wo er sich zuletzt aufgehalten , mit Rennpferden , Banketten und Hetären , bis auf den letzten Heller aufgezehrt habe . Dieß , lieber Aristipp , ist alles ( und für einen so warmen Freund der schönen Lais schon zu viel ) was ich dir bis jetzt von diesem neuen Abenteuer berichten kann . Ich überlasse dir selbst was davon zu denken ist . Immer ist es seltsam genug , daß diese allgewaltige Männerbeherrscherin , welche , während sie zwanzig Jahre lang alle Welt bezauberte , ihrer selbst immer mächtig blieb , eine so lange behauptete Freiheit noch in ihrem vierzigsten an einen jungen Thessalischen Glücksritter157 verlieren soll , der unter allen , die jemals Anspruch an sie machten , gerade der unwürdigste ist , und ( wie ich sehr besorge ) nicht sowohl nach ihrem Herzen als nach ihrem Geldkasten trachtet . Sollte sich nicht sogar , wer nie an etwas Dämonisches geglaubt hat , von einem solchen Beispiele genöthigt fühlen , zu glauben daß es unholde schadenfrohe Dämonen gebe , die uns zwingen auf den Köpfen zu tanzen und wider Willen tausend Thorheiten zu begehen , bloß um sich selbst Stoff zum Lachen zu verschaffen ? - Es wäre denn , daß Xenophons zweierlei Seelen in einer und eben derselben Person hinlänglich wären , uns solche widersinnische Erscheinungen begreiflich zu machen . Doch was kann es uns nützen , die Ursache eines Uebels zu wissen , dem nicht zu helfen ist ? Die unwürdige Leidenschaft , worin sich unsre arme Freundin verfangen hat , ist , wie ich fürchte , ein Uebel dieser Art ; - wiewohl ich dich damit nicht abgeschreckt haben will einen Versuch zu machen , da du billig mehr über sie vermögen solltest als ich . Auf alle Fälle werde ich nicht ermangeln , dir vom weitern Verlauf dieses sonderbaren Liebeshandels mit der ersten Gelegenheit Nachricht zu geben . 54. Learch an Aristipp . Ich erledige mich , wiewohl mit zögernder Hand , meines Versprechens , dir die weitern Nachrichten mitzutheilen , die ich mir über die Leidenschaft unsrer unglücklichen Freundin für den jungen Thessalier , den die strenge Nemesis zum Werkzeug ihrer Züchtigung ausersehen zu haben scheint , theils durch mich selbst , theils durch die wohlmeinende kleine Verrätherin Eudora zu verschaffen Gelegenheit gefunden habe . Was den jungen Menschen betrifft - der , wiewohl kaum zwanzig Jahre alt , schon mancherlei Abenteuer bestanden und sich an mehrern Orten unter verschiedenen Namen einen sehr zweideutigen Ruf erworben hat - so stimmen alle meine eingezogenen Erkundigungen darin überein , daß er aus dem Thessalischen Kanton Pharsalia gebürtig , und weder reicher noch von edlerer Herkunft ist , als jeder andere Abkömmling von Pyrrha und Deukalion . Indessen kann man ihm nicht absprechen , daß er vornehme Leidenschaften und Liebhabereien hat , und den kleinen Thessalischen Fürsten auf Unkosten der verblendeten Lais meisterlich zu spielen weiß . Er lebt , seitdem er eine eigene Wohnung bezogen hat , unter dem Namen Pausanias auf einem großen Fuß ; hat sich eine Menge Bediente , die schönsten Pferde , und Jagdhunde , wie sie Xenophon selbst nicht besser hat , angeschafft ; erscheint beinahe täglich auf der Rennbahn , und steht bereits mit den ausschweifendsten und übel berüchtigtsten unter unsern jungen Eupatriden in enger Verbindung . Die arme Lais , die ihm nichts versagen kann , ist genöthigt , ihr schon so lange besserer Gesellschaft verschlossenes Haus allen diesen Wildfängen offen zu halten , und du kannst dir vorstellen , daß der Unfug , den die Homerischen Freier im Palaste des Odysseus treiben , nur Kinderspiel gegen die Orgien dieser ungezügelten Schwärmer , und das fette Schwein nebst dem auserlesenen Geißbock , so jene täglich verzehrten , eine Kleinigkeit gegen den ungeheuern Aufwand ist , welchen Lais durch ihre gränzenlose Gefälligkeit gegen alle Einfälle und Launen ihres eben so unbesonnenen als unbescheidenen Geliebten , sich auf den Hals geladen hat . Alles dieß ging nun freilich stufenweise . In den ersten Tagen schien er bloß an ihren Winken zu hangen , und von ihrem Anschauen und ihren Blicken zu leben . Aber mit einem verwundernswürdigen Spürsinn machte der Schlaue gar bald ihre schwache Seite und die Rolle ausfindig , die er zu spielen habe , um sich unvermerkt ihres ganzen Herzens zu bemächtigen . Wechselsweise feurig und kalt , schwärmerisch und muthwillig , ehrfurchtsvoll und zudringlich , geschmeidig und widerspänstig , unterwürfig und gebieterisch , zeigte er sich ihr unter so vielerlei Gestalten , und wußte immer so behend und mit so ungezwungener Leichtigkeit diejenige anzunehmen , die zur gegenwärtigen Stimmung oder Laune der wandelbarsten und vielgestaltigsten aller Weiber am besten paßte , daß er schon dadurch allein , daß er sie so stark beschäftigte , und ihr so viele Gelegenheiten gab , sich ihm von allen Seiten mit immer neuen Reizungen zu zeigen , eine Gewalt über sie erhalten mußte , die noch keiner ihrer Freunde oder Liebhaber sich zu verschaffen - gesucht oder vermocht hatte . Indessen , dieß alles , und wenn man auch die Eindrücke , die seine Gestalt und Jugend auf eine Frau wie die schöne Lais machen konnte , in der möglichsten Stärke noch dazu rechnet , alles dieß wäre doch nicht hinreichend , die Leidenschaft , womit sie an diesem Menschen hängt , und die Gewalt , die er über sie ausübt , begreiflich zu machen : man ist schlechterdings genöthigt , entweder die unwiderstehliche Sympathie der Aristophanischen Menschen-Hälften in Platons Gastmahl , oder den alten Glauben , daß es Leidenschaften gebe , die uns von einer ergrimmten Gottheit aus Rache über den Kopf geworfen und gleichsam angezaubert werden , zu Hülfe zu nehmen , um sich von einer so wunderbaren Erscheinung eine - eben so wunderbare Ursache anzugeben . Lais hatte vorher nie leidenschaftlich geliebt . Auch wenn sie sich herabließ , unter den unzähligen , die sich um sie bewarben , einen von den Göttern begünstigten glücklich zu machen , geschah es immer ohne daß ihre Freiheit die mindeste Gefahr dabei lief . Schwärmerische Liebe , die sich dem Geliebten gänzlich hingibt , keinen Willen als den seinigen hat , ihm alles aufopfert , nur in ihm lebt und da ist , kurz , eine Liebe , die man nicht in seiner Gewalt hat , und deren Wirkungen im Gegentheil unsrer eigenen Selbstständigkeit Gewalt anthun , und eine Art von Bezauberung sind , war in ihren Augen eine lächerliche Schwachheit , deren sie sich gänzlich unfähig hielt . Eine späte Erfahrung hat sie nun , zu ihrem eigenen Erstaunen , des Gegentheils überführt ; und wer jemals selbst geliebt hat , begreift , wie die mächtigste aller Leidenschaften , sobald sie einmal Besitz von ihr genommen hatte , eine so gänzliche Verwandlung ihrer Sinnesart bewirkte , daß sie andern und sich selbst ein völlig neues Wesen scheinen muß . Aber wie diese Anlage zu der höchsten Art von tragischer Liebe vierzig Jahre lang , wie von einem magischen Schlaf gebunden , in ihrem Busen schlummern konnte , und daß gerade dieser Thessalische Taugenichts der einzige seyn mußte , der sie zu wecken vermochte , das ist es , was allen , die sie zuvor kannten , unbegreiflich ist , und was man kaum seinen eigenen Augen glauben kann . Ich würde mich nicht so sehr verwundern , wenn der Zaubervogel , womit er sie an sich gezogen hat , keine andern als die gewöhnlichen Zufälle der leidenschaftlichen Liebe in ihr hervorbrächte , wie heftig sie auch immer seyn möchte , mit Einem Worte , wenn sie den schönen Thessalier liebte wie etwa Sappho ihren Phaon ; auch würden , wenn dieß der Fall wäre , ihre Freunde sich ihrentwegen noch eher beruhigen können . Denn , da der schöne Pausanias weit entfernt ist den Grausamen gegen sie zu machen , so wäre gute Hoffnung , daß der Genuß das Feuer dämpfen und die verliebte Raserei von kurzer Dauer seyn würde . Aber , zu ihrem Unglück , hat die Phantasie ungleich mehr Antheil